Quo vadis, Deutsche Rechte? – Das große Interview mit Dominik Schwarzenberger – Teil 1

von | 04. März. 2025 | Philosophie & Theorie

Die Rechte ist im Zugzwang. Während die herrschende Klasse zunehmend an Einfluss verliert und sich immer mehr Menschen politisch nach rechts orientieren, sind die Rechten gar nicht auf die verändernden Verhältnisse vorbereitet. Es stellt sich gar die Frage, ob selbige qualitativ den geschichtlichen Anforderungen gewachsen sind. Daher sprechen wir mit unserem Autor, Analysten und Fachmann für Ideengeschichte und Identitätsforschung Dominik Schwarzenberger über das Thema. Schwarzenberger ist Politikwissenschaftler, Historiker und befasst sich seit vielen Jahren mit religionswissenschaftlichen Fragen. Die Redaktion

 

Hier geht es zum vollständigen Interview. 

 

Teil I: „Im Kulturellen und Künstlerischen hat die aktuelle Rechte einiges zu bieten (…) aber es fehlt an Denkern“

 

1.   Begriffsdefinitionen und ideologische Grundlagen der Rechten

  • Was bedeutet „rechts“?
  • Unterscheidung zwischen alter und neuer Rechter
  • Ideologische Bruchlinien innerhalb der Rechten
  • Genuin rechte Themenfelder

 

Herr Schwarzenberger, erleben wir gerade einen Rechtsruck in Deutschland und Europa oder kommt es einem nur so vor, aufgrund der starken Meinungsverschiebung gen links?

D.S.: Wir erleben einen globalen Backlash, der auf die Erschütterung des Eigenen reagiert und sich nicht nur auf Europa beschränkt. Diese geographische Ergänzung ist wichtig, weil manche rechte Narrative eine angeblich geplante Vernichtung weißer Völker herbeireden. Besagter Backlash kann sich ganz unterschiedlich in der Abwehr gegen Masseneinwanderung, Wertenihilismus und Auflösung des Nationalen äußern. Rechts im genuinen Sinn ist das nur selten und kann auch von links wie aktuell in Osteuropa, Sri Lanka oder Mexiko erfolgen.

Wie Sie richtig vermuten, beschränken sich sogenannte rechten Forderungen oft nur auf eine Restauration der Verhältnisse wie wir sie in den 1990er oder allenfalls den 1970ern vorfanden. Rechts in Bezug auf was? Selbst diese bescheidenen Forderungen werden in der politischen Praxis nur mäßig umgesetzt, die Emanzipatorische Linke als Motor der Linksverschiebung verschwindet ja auch nicht von der politischen Bühne – sie bleibt einflussreich und wie jüngst bei italienischen Regionalwahlen auch mehrheitsfähig. Von einer Trendwende kann daher keine Rede sein.

 

Was verstehen Sie unter rechts? Was ist für Sie die Rechte?

D.S.: Die Rechte im ursprünglichen Sinn gibt es heute kaum noch, die war religiös-theokratisch, aristokratisch-monarchisch, antiaufklärerisch, gegen die „Ideen von 1789“ und multiethnisch. Daraus folgt die Verneinung jeglicher Volkssouveränität im Politischen wie Juristischen. Der moderne Nationalismus wird demnach als Volks- und Staatsvergottung abgelehnt, da das Außermenschliche als Legitimationsquelle seine Exklusivstellung verliert und eine Uniformierung und Zentralisierung nach Innen stattfindet sowie eine anarchisch sozialdarwinistische Umwelt zwischen den Nationen zum Ideal wird. Der Charakter des Völkischen wird nicht abgelehnt, wohl aber dessen Absolutheitsanspruch und Missachtung des Spirituellen. Dennoch bleibt das identitäre Element als Attribut des Besonderen – in dem Fall der ethnischen Mannigfaltigkeit –, notwendig, weshalb Sprachen und Kulturen als „Gedanken Gottes“ erhaltenswert erscheinen. Liberale und Linke wiederum ignorieren das Biologische und überbetonen die Vernunft. Man findet Reste dieser ursprünglichen Rechten in wenigen Ländern Europas und unter Muslimen, Hindus, Buddhisten oder Naturreligiösen auf anderen Kontinenten. Die Anhänger der „Integralen Tradition“ im Sinne Guénons und Evolas sind gleichfalls Reste ursprünglicher Rechter. Ich sehe mich allerdings als revisionistischer Evola-Anhänger, da ich an kein von Menschen bestimmtes „Goldenes Zeitalter“ glaube, das erscheint mir als Utopie rückwärts. Ein „Goldenes Zeitalter“ kann nur außerhalb menschlicher Quellen gefunden werden.

Ich verweise den tiefgründig interessierten Leser auf Kuenelt Leddins „Freiheit oder Gleichheit?“ von 1953, auf Julius Evola, Josef Schüßlburners „Roter, brauner und grüner Sozialismus“ von 2008 sowie Norbert Borrmanns „Warum rechts?“ von 2011.

Es gibt demgegenüber viele hybridisierte Rechte, die noch einige Kriterien dieser hohen ideologischen Messlatte erfüllen: das sind die Traditionalisten in Bezug auf Werte, Ehe und Familie mit einer Hochschätzung des Religiösen im gesellschaftlichen Überbau. Das Ethnische und Nationale spielt bei ihnen jedoch schon eine dominierende Rolle. Die Akteure der globalen „Third Position“ mögen als weitere Vertreter dienen. Davon abzugrenzen sind die Modernisten, die sich auf die bloße Abwehr von Einwanderung beschränken und die linke Werterevolution unbedingt erhalten wollen. Geert Wilders ist ihre Galionsfigur.

 

Unterscheiden Sie als Politologe in Alte und Neue Rechte? Wo liegen aus Ihrer Sicht die ideengeschichtlichen und ideologischen Bruchlinien?

D.S.: Diese Unterscheidung kann ich zumindest für Deutschland nicht nachvollziehen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass „Neue Rechte“ als Eigenbezeichnung von Personen gebraucht wird, die unliebsame Rivalen als negativ besetzte „Alte Rechte“ entsorgen wollen. „Neue Rechte“ kann eine Eigenbezeichnung sein, „Alte“ dagegen ist stets eine Fremdzuschreibung mit zweifelhaftem Inhalt, etwa Verwurzelung im Nationalsozialismus. Dieses Kriterium trifft aber nur auf sehr wenige als „Alte Rechte“ verortete Personen und Organisationen zu.

In Deutschland und Österreich existieren darüber hinaus mehrere Konzepte einer „Neuen Rechten“. Kriterien einer solchen Klassifizierung gibt es hierzulande nicht. Ich verweise auf die hervorragende Studie des seligen „Vereins für Staatspolitik“: „Die ,Neue Rechte´. Sinn und Grenze eines Begriffs“ von 2003. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich Neonationalsozialisten gemeinsam mit eher linken Nationalrevolutionären in der „Aktion Neue Rechte“, einer NPD-Abspaltung, als „Neue Rechte“ bezeichneten. Das Kriterium in diesem Fall war das Abrücken vom biederen Parteienengagement und Staatsnähe. Damals war die Bonner Republik nämlich eher gegen links eingestellt.

Im Frankreich vor 1970 kann ich die Idee einer „Neuen Rechten“ durchaus nachvollziehen: Deren Protagonisten wandten sich gegen die Fixierung konventioneller Rechter auf bestimmte Epochen französischer Geschichte wie Vichy, Napoleon I und III sowie der Königszeit und favorisierten stattdessen einen Neubeginn auf wissenschaftlich-sachlicher Grundlage, paneuropäisch und jenseits aller Parteien über eine Kulturrevolution zur Erringung der geistigen Hegemonie wie sie Gramsci beschreibt. Das hat sich aber auch längst relativiert.

Akzeptabel finde ich die Bezeichnung „Neue Rechte“ im Sinne von „verjüngte“ Rechte als Ergebnis eines Generationenkonflikts.

 

Wo sehen Sie die historischen und ideologischen Bruchlinien zwischen der ursprünglichen und der heutigen Rechten?

D.S.: In Deutschland besteht die entscheidende Bruchlinie in der Reichsneugründung von 1871. Damals ersetzte das Konzept Nationalstaat den Reichsgedanken. Der deutsche Nationalismus wurde in den 1850ern vom weitsichtigen Bismarck wahrscheinlich zähneknirschend okkupiert und den liberalen Feinden als deren wirkmächtigstes Instrument entrissen. Der deutsche Liberalismus und auch der altpreußische Konservatismus spalteten sich daraufhin. Das Religiöse wurde zur Privatangelegenheit degradiert. Fortan war in Deutschland zumindest rechts gleich nationalistisch – aber noch nicht nationalistisch gleich rechts, das vollendete sich erst in unserer Zeit. Die traditionellen Rechten einiger deutscher Territorien wie Bayern oder Hannover hingen noch lange den ursprünglichen Idealen an, das trifft auch auf die österreichischen Rechten zu. In anderen Ländern gab es zeitlich und ursächlich andere Brüche und Entwicklungen. Der Nationalismus blieb noch lange eine Domäne des Liberalismus wie in Osteuropa, Balkan oder den überseeischen Kolonien.

 

Was sind aus Ihrer Sicht genuin rechte Themen? Also womit befassen sich nur Rechte?

D.S.: Da fällt mir nur die Herausstellung des Eigenen in Abgrenzung zum Anderen ein und das breite Feld der Kulturkritik, d.h. das messerscharfe Sezieren geistiger Phänomene, eine Art Epochenanalyse mit Fokus auf Degenerationserscheinungen. Stil, Ästhetik und Haltung spielen dabei eine zentrale Rolle. Deshalb erscheint der Rechte als Bedenkenträger und Meckerer, dem man nichts recht machen kann. Das gilt besonders für streng Religiöse und Anhänger der erwähnten „Integralen Tradition“. Bei Linken und Liberalen ist das Kulturelle im sozioökonomischen Überbau dagegen nur eine Nebensache.

Auf andere Fragen wie etwa Einwanderung und Globalisierung haben Rechte kein Monopol. Da unterscheiden sich nur Diagnose und Therapie. Religion als weiteres Thema möchte man vermuten, aber da gibt es umfassende liberale wie linke Narrative und sogar eine linke Theologieentwicklung.

 

2.   Geopolitik und internationale Einflüsse

  • Vergleich der deutschen Rechten mit der internationalen Rechten
  • Bedeutung von Ländern wie Russland, China oder den USA für rechte Strömungen
  • Multipolare Weltordnung und geopolitische Strategien

 

Schauen wir ins europäische Ausland. Hier werden gerne Beispiele wie die FPÖ in Österreich, der Rassemblement National in Frankreich oder die Fidesz in Ungarn als Vorbilder herangezogen. Kritiker beklagen, dass diese Akteure nur Schein-Rechte sind, da sie zu populistisch wären und zu sehr an der Oberfläche kratzen, ohne wirkliche Veränderungen hervorzurufen. Braucht es nicht dennoch solcher „Eisbrecher“, um weitreichendere Veränderungen hervorzurufen? Wie sehen Sie die Aufgabe der AfD in Deutschland? Ist die Rolle vergleichbar zu den genannten Akteuren?

D.S.: Natürlich bedarf es „Eisbrecher“, das müssen aber nicht Parteien sein, auch Medien, spektakuläre Aktionen oder außerparlamentarische Organisationen können diese Funktion übernehmen. Die drei genannten Parteien sind Eisbrecher gegen das Packeis des Parteienfilzes mit Klientel- und Ämternepotismus. Ganz nach populistischer Manier vertreten sie den „kleinen Mann“ gegen die „oben“. Allerdings sind ihre genannten Parteien weniger ideologische Eisbrecher oder Tabubrecher. FPÖ und RN haben nämlich kein Monopol auf das rechte Prinzip, deren Besonderheit liegt woanders. Zunächst: das Rechte finden wir auch in der ÖVP, die eben nur bedingt eine österreichische CDU ist und bei den Gaullisten. Das Nationale ist in Österreich wie Frankreich nicht nonkonform und das rechtspopulistische Moment der ÖVP unter Sebastian Kurz war nicht nur eine Reaktion auf die FPÖ-Konkurrenz, sondern spiegelte eine interne Strömung wieder. Die ÖVP vertritt sogar die ursprüngliche Rechte des „Ersten Lagers“, während die FPÖ über Jahrzehnte eine Sammlung des heimatlosen Restes war. FPÖ und die Parteien der beiden LePens zeichnen sich durch ein Phänomen aus, das mir anlässlich zahlreicher Wahlanalysen auffiel: sie vertreten nicht das typische rechte Wählermilieu, sondern die Deklassierten, Opfer der modernen Entwurzelung – und das war das Klientel der Linken. Bei der FPÖ kommt noch ein rebellischer Zug hinzu, der sich gegen die enge Verflechtung von ÖVP und SPÖ mit Verwaltung, Gewerkschaften, Wirtschaftskammer und Medien richtet. Die Rolle des ideologischen Eisbrechers spielen in Österreich und Frankreich auch die traditionellen Rechten. Der „Front National“ der 1970er übernahm recht spät das Thema Einwanderung, dieses wurde vorher vom Gaullisten Charles Pasqua virtuos bedient wie auch die Parole vom „Europa der Vaterländer“. Der verblichene LePen punktete gegen die Parteienherrschaft, die sich den Staat zur Beute machten und das inzwischen verschwundene Algerien-Thema.

In Frankreich sind erste Dämme schon gebrochen und der Teufel aus der Flasche. Ungarns Orban-Partei steht schon für den „Dammbrecher“.

 

Was hat es damit auf sich?

D.S.: Ungarn befindet sich wie der gesamte Ostblock inklusive DDR seit Mitte der 1980er in einem revolutionären Prozess: der Konformismus des „Gulaschkommunismus“ verlor seine Verbindlichkeit und die Geister des `56er Aufstands kamen an die Oberfläche zurück. Orban begann 1988 als prowestlicher Liberaler und Jünger George Soros` und etablierte sich neben mehreren ideologischen Lagern. Die sozioökonomischen Verwerfungen nach 1990 und der frühe Tod des charismatischen Josef Antalls sorgten für ein Comeback der postkommunistischen Linken, die ein Bündnis mit vom Westen geförderten Linksliberalen eingingen. Orban wurde übergangen. Wie überall im Ostblock – mit den Ausnahmen Tschechien, Estland und Lettland –, waren die Altkommunisten bis auf symbolische Säuberungen noch im Establishment vertreten. Orbans Partei ging leer aus und er entdeckte – auch gegen internen Widerstand –, die rechte Marktlücke. Sukzessiv öffnete er seine Partei nach rechts, integrierte radikalere Strömungen, aber nie das gesamte ideologische nationalistische Spektrum. Dank Misswirtschaft und der berüchtigten „Lügen-Rede“ der regierenden Sozialisten, erstarkte Orban weiter und formte Ungarn zu einer „illiberalen Demokratie“. Er öffnete die ideologischen Dämme und schuf ein Ungarn, in dem momentan alles möglich ist. Es handelte sich nicht um eine geplante „Konservative Revolution“, sondern Orban entwickelte sich zum Nationalisten oder besser Souveränisten. Er ist mehr ein Getriebener als ein Gestalter und musste sich immer wieder mit echten rechten Konkurrenten arrangieren.

 

In welchen europäischen Ländern können die Rechten Anleihen holen? Gibt es Länder, die in vergleichbaren Situationen sind, wie die Deutschen?

D.S.: Der BRD vergleichbare Situationen finden wir in Großbritannien, Niederlande, Schweden und lange in noch verschärfterer Form in Portugal. Portugal deshalb, weil es mit der „Nelkenrevolution“ von 1974 eine offizielle ganz klare linke Staatsraison gab. In den besagten Ländern fungieren die rechtspopulistischen Parteien oder bestimmte Persönlichkeiten als die angesprochenen Eisbrecher: „Chega“ in Portugal, die „Schwedendemokraten“ in Skandinavien, Nigel Farage in Großbritannien und Pim Fortuyn und v.a. dessen Ermordung in den Niederlanden. Wilders schwimmt im Fahrwasser Fortuyns. Deutschland ist gespalten: der Westen entspricht den erwähnten Ländern mit der AfD-West als „Eisbrecher“, während der Osten der ungarischen Situation gleicht – mit dem „Dammbrecher“ AfD-Ost. Ein wohl einmaliges Phänomen.

Es gibt aber noch weitere Analogien zur deutschen Situation: über Jahrzehnte der politische Islam in der Türkei, Algerien oder Ägypten sowie die Eiserne Garde Codreanus in Rumänien. Deren Werdegang sehe ich als äußerst lehrreich. Wir brauchen aber gar nicht so weit gehen, schauen wir doch einmal auf die Linken der Weimarer Republik und der Adenauer Zeit.

 

Die Deutsche Rechte schaut viel ins Ausland. Insbesondere nach Russland oder China. Diese Länder werden vor allem von vielen Anti-Atlantikern und US-kritischen Rechten als Alternativen gefeiert. Auch die Transatlantiker erhoffen sich von den Wahlsieg Donald Trumps eine Politikwende. Der angebliche „Sturm auf den Reichstag“, während einer Corona-Demo wurde ja u.a. von der Behauptung ausgelöst, der US-Präsident käme persönlich, um die Corona-Politik in Deutschland zu beenden. Wie schätzen Sie diese Akteure ein? Sind Putin, Xi und Trump Wölfe im Schafspelz oder echte Alternativen für die „Entrechteten“?

D.S.: Die erwähnten Herren sind für mich Füchse, die sich je nach Konjunktur in den Schafspelz oder Wolfsfell hüllen. Es sind interessante über- oder interideologische Hybride, die sich sehr gut vermarkten können, damit steht und fällt ihr System. Wie üblich, sehe ich Vor- wie Nachteile für die Rechte – und das richtet sich nach den sich ständig ändernden Bedingungen. Alle drei Staatssouveränisten bringen rechtes Denken auf die Bühne, behindern aber auch rechte Bewegungen. Sie wirken momentan als „Opium des Volkes“. Ich sehe die drei Persönlichkeiten, die sich in prekären Situationen befinden, wie Orban als Getriebene, die die völlig unterbewertete „Aktie Rechtsradikalismus“ entdeckten. Allerdings unterscheiden sich die drei: Putin ist der Technokrat, Xi der Managertyp eines Großkonzerns – nämlich der immer mehr fragmentierenden „Kommunistischen“ Partei – und Trump ist der Businessman, der auf Deals lauert. Je nach Umstand sind sie Segen oder Fluch für die globale Rechte. Man kann Milei, Bolsonaro, Babiš, Bukele oder den seligen Berlusconi dazuzählen. In der alten BRD nahm F.J. Strauß diesen hybriden Platz ein. Vor 1945 finden wie diesen zwiespältigen Typus in Hindenburg und den autoritären Faschismus-Imitatoren Osteuropas.

 

Nun sind wir Deutschen seit 1945 in einer sehr besonderen Situation. Wir sind seitdem zu keinem Zeitpunkt mehr voll souverän gewesen, glaubt man den Aussagen des ehemaligen Finanzministers Wolfgang Schäuble. Auch fällt die gewaltige Fixierung gen Washington aus Berlin auf. Mit dem wiederholten Wahlsieg Donald Trumps, dürften sich die US-amerikanischen Interessen weiterhin aus Europa Richtung Südostasien verschieben. Generell ist schon seit längerem eine Abkehr von der jahrzehnteanhaltenden Truman- hin zur alten Monroe-Doktrin zu beobachten. Die Deutschen werden nach wie vor neben Frankreich als eine starke Führungsmacht in der Mitte Europas wahrgenommen. Ein nationaler Alleingang endete nun schon zwei Mal in einer vollkommenen Katastrophe, wie wir alle wissen. Daher ist es nur folgerichtig, dass es in Deutschland auch unter Rechten zunehmend paneuropäisch oder zumindest proeuropäische Konzepte wieder attraktiver werden. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

D.S.: Diese Orientierung ist das Gebot der Stunde, nur sehe ich keine europäischen Konzepte, nur bewusst unklare Forderungen. Manche Rechte meinen das Richtige, greifen aber die EU so undifferenziert an, dass man eine nationalistische antieuropäische Ausrichtung herauslesen kann. Wir sollten Europa vor der EU retten, so wie die Religion von der Kirche. Europa statt EU. Das gehört klar herausgestellt.

 

Ist Deutschland ein Nationalstaat oder ein Reich?

D.S.: Die Deutschen scheinen mir zum Reichsvolk verurteilt zu sein. Für einen Nationalstaat ist Deutschland zu groß und für ein europäisches Reichsvolk zu klein, wobei mit „groß“ auch Gestaltungspotenziale gemeint sind – so wie bestimmte politische Persönlichkeiten zu groß oder zu klein für ihre Staaten sein können. Die Deutschen sollen sich ihrer Rolle als raumgestaltende Ordnungsmacht bewusstwerden und andere Völker wie ein großer Bruder seine jüngeren Geschwister behandeln, nicht wie ein Lehrer seine Schüler, ein Hirte seine Schafe und auch nicht wie ein Vater seine Kinder. Der Vater ist ein anderer. Leider haben die Deutschen 1871 und erst recht 1933 völlig versagt. Andere potenzielle Reichsvölker wie Russen, Bulgaren, Polen, Franzosen oder Ungarn haben allerdings ebenfalls versagt. Der verheerende Nationsbegriff der Französischen Revolution war wohl zu verlockend.

 

Das WEF und auch der von der CIA gegründete NIC befürchten eine Renationalisierung Europas. Wie wahrscheinlich ist ein Europa der Nationalstaaten und wie zeitgemäß ist diese vermeintlich rechte Position heute noch?

D.S.: Eine Renationalisierung ist global sehr wahrscheinlich, einfach als Reaktion auf den alles erstickenden Globalismus. Mit der Rehabilitierung der Nation geht auch eine Rehabilitierung des Staates einher. Diese wahrscheinliche Entwicklung steht im Kontrast zu den von mir stets angezweifelten Aussagen Martin van Crevelds über den Niedergang des Staatlichen und den neuen Kriegen. Wir nähern uns vielmehr der Situation vor dem Ersten Weltkrieg an, nur, dass wir überall fragile ungesunde Staaten vorfinden. Der Zersetzungsprozess ist schon zu vorangeschritten. Mancher Nationalismus wird sich erholen, andere Nationalismen durch neue Identitäten auf regionaler oder völkischer Grundlage ersetzt werden. Die heutige Staatenwelt wird so nicht überleben und Platz machen für neue Staaten.

Dialektisch interessant: Globalismus führt zur Renationalisierung und Renationalisierung kann zu einem neuen Globalismus führen, nämlich dann, wenn die Staaten wie 1914 sich gegenseitig zerfleischen und die desillusionierten Völker ihr Heil im globalen Leviathan suchen. Die neuen Nationalismen werden also Brücken sein im Sinne Evolas genialer Darstellung des „Doppelantlitz des Nationalismus“: entweder als Differenzierungsinstrument und Zwischenglied zu neuen übervölkischen Reichen oder als nationale Egoismen im globalen Dschungel. Die zunehmende Instrumentalisierung des Nationalen oder besser Staatssouveränen durch bisher als kosmopolitisch angesehene Verdächtige des „Great Resets“ und Transhumanismus wie jüngst Elon Musk sollten misstrauisch machen. Aber auch hier sind wie im Falle Putins und Co mehrere Entwicklungsoptionen sichtbar.

Die globale Rechte sollte den differenzierenden defensiven Nationalismus als Vorstufe zu neuen Reichen propagieren. Ich rate aber davon ab, heute schon die Reichsidee zu verfolgen, die muss wachsen. Es fehlt das Religiöse wie schon thematisiert. Es bleibt der Weg über die Räume.

 

Sie haben uns in der AGORA 3 das Bild eines Europas der Räume skizziert. Das gleicht ja einer multipolaren Ordnung auf dem eurasischen Zipfel. Ist diese von Ihnen dargestellte Raumordnung mit den europäischen Pentarchien vom Westfälischen Frieden bis zur Ordnung vom Wiener Kongress vergleichbar? Welche Rolle spielen die Staatsformen dieser Räume?

D.S.: Ja, das „Europa der Räume“ ähnelt den beschriebenen Ordnungen. Es sei erwähnt, dass ich die Räume weder Wünsche noch ablehne, sondern über den erwähnten Zwischenschritt neue Nationalismen als geboten erwarte. Meine Szenarien sehen verschiedene Raummöglichkeiten vor, leider auch ein mögliches geteiltes Deutschland, das sich auf mehrere Räume erstreckt. Ich erwarte die neue Raumstruktur, weil ich die bisherige europäische Staatenwelt für zu schwach im globalen Überlebenskampf beurteile und Europa als Einheit in absehbarer Zeit unerreichbar ist. Die Räume selber verbinden sich zu beständigeren Achsen oder temporären Allianzen und können sich über Jahrzehnte immer mehr verdichten. Die Staatsform oder besser Staatsphilosophie ist fundamental wichtig, da nur gleichartige Ideen – wie etwa die der „Heiligen Allianz“ des 19. Jh. –, Beständigkeit garantieren.

 

Ich werde jetzt sehr geopolitisch, aber ich brenne darauf zu wissen, wie kann eine auch unter Rechten sehr beliebte multipolare Weltordnung funktionieren? Besteht ohne großen Leviathan oder Behemoth nicht die Gefahr einer Anarchie der Staaten, ähnlich wie beim Modell der souveränen Nationalstaaten? Bedarf es hier nicht immer eines „Hüters“, eines Hegemons oder einer Binarität zwischen den Kräften, so dass die Raumordnung immer wieder austariert wird? Wie wäre das bei dem Europa der Räume? Sehen Sie hier einzelne Länder mit Vormachtposition?

D.S.: Das für mich wahrscheinliche „Europa der Räume“ sehe ich übrigens auch für alle anderen Kontinente, dort ist diese Form z.T. bereits Realität, weil bestehende Staaten solchen Räumen schon entsprechen. Ich brauche mich da nicht um so viele Szenarien pro Raum zu bemühen.

Was ist denn Multipolarität? Heißt das einfach, es gibt mehrere globale Pole, die sich gegenseitig begrenzen? Muss es auf allen Kontinenten einen Pol oder mehrere geben? Was zählt eigentlich als Kontinent: Afrika gesamt oder haben wir nördlich und südlich der Sahara zwei Kontinente? Ist Asien ein ganzer Kontinent? Gelten transkontinentale Pole auch als multipolar?

Multipolarität wie sie von Alexander Dugin gefordert wird, sehe ich als utopisch an. Dugin gewährt seinen Polen einen ideologischen Pluralismus. Ich gebrauche den Begriff des „Polyzentralismus“. Es handelt sich dabei nicht einfach um eine alternative Übersetzung, sondern um eine Sonderform der Multipolarität: es gibt global mehrere Ordnung gestaltende Räume – nicht nur einen pro Kontinent –, die ideologisch gleichartig ausgerichtet sind und sich gegenseitig in Schach halten. So etwas wie einen „Zentralen Exekutivausschuss der Kommunistischen Internationalen“ kann ich mir nicht vorstellen, eine global agierende Organisation über den Räumen halte ich für undurchführbar und auch nicht notwendig. Ich erwarte vielmehr eine Weltordnung wie im Mittelalter und Antike.

 

Geopolitik wird gerade wieder beliebter. Jahrzehntelang hatte man den Eindruck, die Deutschen trauten sich nicht mehr über Geopolitik nachzudenken oder gar öffentlich dazu zu schreiben. Obwohl viele Rechte immer gerne Carl Schmitt zitieren, ist auch bei ihnen geopolitisches Denken sehr rar. Was glauben Sie woran das liegt?

D.S.: Die deutsche Rechte war und ist auch weitgehend noch mit sich selbst beschäftigt und nach Innen orientiert: Themen wie Geschichtsrevisionismus, linke Werteumkehrung, die Interpretation tausender Briefwechsel Ernst Jüngers mit Armin Mohler  oder Verschwörungsspekulationen haben eine Außenorientierung verhindert. Ausnahme waren einige Randgruppen wie die Nationalneutralisten im Kalten Krieg, die raren Paneuropäer oder Anhänger der „Third Position“. Ansonsten setzte man bei Thema deutsche Wiedervereinigung auf die USA. Im Hintergrund des Kalten Krieges durchaus nachvollziehbar.

Dann kommt der falsche Gedanke hinzu, dass Geopolitik immer mit tatsächlicher politischer Macht zu tun hat – welch ein Irrtum! Geopolitik kann von Einzelpersonen, Parteien und Zeitschriften betrieben werden. Ein weiterer Grund für die Vernachlässigung geopolitischer Themen liegt im Ignorieren von Wechselwirkungen: Geopolitik erscheint als pure Außenpolitik, die ja schon nicht nur auf das Äußere beschränkt ist. Es gibt auch immer eine Rückkoppelung nach Innen. Mit durchdachten geopolitischen Konzepten kann ich z.B. das Ausland für mich interessieren. Auslandskontakte müssen nicht immer politischer Art sein, man kann sie auch geschäftlich für das Politische nutzen.

 

Spätestens mit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine ist die Ordnung von Helsinki vollkommen in Frage gestellt. Bei den Rechten wird der Themenkomplex seitdem auch wieder populärer. Allerdings fällt bei der Lektüre der geopolitischen Analysen vieler rechter Theoretiker in Deutschland auf, wie jungfräulich sie damit noch umgehen. Tatsächlich handelt es sich ja um eines der wichtigsten Themenkomplexe überhaupt, will man ernsthaft Staatspolitik betreiben. Glauben Sie, dass dieses Interesse nachhaltig ist? Wie ist das im Vergleich zum europäischen Ausland?

D.S.: Ja, speziell der Ukraine-Krieg hat ein Umdenken bewirkt: von den bestimmenden USA ist nicht viel zu hören und der Krieg ist nicht allzu weit entfernt. Die Rechte positionierte sich für die eine oder andere Seite, wobei manche Washingtons Weisung zu vermissen scheinen. Von einer echten geopolitischen Offensive kann aber keine Rede sein. Geopolitik wird wohl auch weiter stiefmütterlich behandelt oder hoch ideologisch betrieben. Es fehlt an gründlichen Analysen. Es wird zu sehr aus Affekt und Ideologie heraus theoretisiert. Das fällt mir etwa bei der Beurteilung der BRICS oder Chinas „Neuer Seidenstraße“ auf, die begeistert rezipiert werden. Dabei gleicht China der Olsen-Bande: da ist immer alles „mächtig gewaltig“. Theoretisch scheinbar durchdacht, doch scheitert es an der Umsetzung, was Peking auch gar nicht anders erwartet, weil gar nicht notwendig. Chinas Mentalität betont das Formelle und Rituelle und steht damit im krassen Gegensatz zum Preußischen oder Angelsächsischen.

Ich nehme drei Perspektiven ein: eine möglichst sachliche, eine private und eine deutsche. Leider passen diese Perspektiven nur selten zusammen. Sachlichkeit ist geboten und das Abstimmen mit deutschen Interessen führt zu Nachhaltigkeit, das wird auch im Ausland honoriert. Bei den deutschen Rechten spielen persönliche Sympathien und Befindlichkeiten die entscheidende Rolle. Übrigens war das in der Zwischenkriegszeit nicht viel besser: Geopolitik ist für mich die deutscheste aller Wissenschaften, aber nur in der Theorie. Auf Haushofer Senior und Junior z.B. hörte man sehr sparsam, das Ideologische war stärker. Die praktischen Meister der Geopolitik waren Portugiesen, Briten und Österreicher, heute lassen sich alle Staaten von Ideologie und Affekt leiten.

 

Beobachtet man die europäische Rechte, so fällt auf, dass zumindest einige Länder sehr kommunikative Gruppen hervorgebracht haben. In Italien gibt es mehrere Denkfabriken, die international besuchte Konferenzen abhalten. In Frankreich ist es ähnlich. Russische Denkfabriken verbinden sich zunehmend mit europäischen. Damit einher gehen natürlich auch auf die Länder zugeschnittene geopolitische Konzepte. Wie kann sich Deutschland hier positionieren, um nicht abgehängt zu werden im europäischen Konzert der Rechten Geostrategien?

D.S.: Deutschland benötigt dringend seriöse Denkfabriken, die vom Ausland als ebenbürtiger Partner akzeptiert werden. Solche Denkfabriken müssen die Geopolitik wieder als Disziplin pflegen.

Angenehm überrascht war ich, als die sonst so provinzielle und bornierte AfD nach der Demütigung durch Madame LePen eine eigene EU-Fraktion initiierte. Die einzig richtige Antwort. Genial auch, LePens französische Konkurrenzpartei mit ins Boot zu holen. Umso schlimmer dann, die rumänischen Interessenten auszuschließen. Die beiden Gründe hierfür – das Veto der ungarischen Nationalisten und der Vorwurf des Extremismus –, sind nicht nachvollziehbar. Rumänien gehört zu den wichtigsten Staaten Osteuropas und weist neben Griechenland zumindest auf dem Balkan keine Irredentaforderungen auf, stellt somit einen raren Stabilitätsfaktor dar. Mit der Ablehnung der rumänischen Nationalisten hat die kurzsichtige AfD Kredit in diesem Land verspielt.

 

Wie sieht es mit rechten Gruppen in Asien oder Afrika aus? Hierzu gibt es gefühlt keinerlei Berührungspunkte zu deutschen oder europäischen Rechten. Will man eine neue Friedensordnung erlangen ist es aber wichtig auch dort mit entsprechenden Kräften zu kooperieren. Können Sie uns Länder oder Gruppen nennen, mit denen Sie eine Zusammenarbeit oder einen Austausch für sinnvoll halten? Von wem können die deutschen Rechten in solchen Ländern lernen und was können sie dabei lernen?

D.S.: Selbstredend sind solche Verbindungen notwendig und förderlich: Ausländische Adressaten von heute können Staatsführer oder zumindest wichtige Oppositionsführer von morgen sein. Ich lernte in den frühen 2000ern Vertreter von Splitterparteien kennen, die später Verteidigungsminister, Diplomaten und wichtige Unternehmer wurden. Ich erwähnte schon, dass solche Kontakte auch geschäftlich interessant werden können, zudem ist auch der geistige Mehrwert nicht zu unterschätzen sowie die symbolische Wirkung. Staatsmännisches Auftreten und diplomatische Kunst lassen sich dabei erlernen jenseits des kumpelhaften wie heute so typisch.

Auf bescheidener Ebene waren es die europaweiten Jünger der „Third Position“, die sich um Kontakte nach Übersee bemühten. Zwei ganz andere Bsp. möchte ich vorstellen: den alten LePen und dessen geistigen Lehrer Almirante vom italienischen MSI. Auf Basis parteiinterner ideologischer Strömungen mit eigener Infrastruktur konnte LePen in den 1980ern umfassende und auch gegensätzliche Kontakte nach Übersee erschließen: Japan, Südkorea, Philippinen, Indien, Türkei, Israel, Irak, Australien und über die „Antikommunistische Weltliga“ die Elfenbeinküste, Gabun, Togo und Kamerun. Lateinamerika war sparsam vertreten, dafür Ozeanien, da es dort zwei französische Überseebesitzungen gibt. LePens und Almirantes Kontakte sind imponierend: Staatsoberhäupter, Militärs, Unternehmer, Diplomaten und religiöse Würdenträger. Sowohl LePens Front National als auch Almirantes MSI unterhielten parteinahe Firmen, die von solchen Kontakten profitierten. Die Schattenseite ist, dass Oligarchisierung und Pfründegeschacher noch mehr befeuert wurden. Alles hat eben zwei Seiten. Der selige F.J. Strauß und Strömungen der CSU pflegten vergleichbare Verbindungen oder die SPD wurde zur Hebamme der mächtigen portugiesischen Sozialisten. Lohnenswert erscheinen mir zudem die Wirtschaftsaktivitäten der SED in Luxemburg und Portugal.

Als Berater – und das soll jetzt kein Stellengesuch sein –, empfehle ich Übersee betreffend China, Indien, Japan, Malaysia, Vietnam, Thailand, Indonesien, Iran, Ägypten, Türkei, Marokko, Brasilien, Argentinien, Chile, USA und Mexiko. Ägypten und Marokko sehe ich als künftige Kristallisationszentren für die nordafrikanischen Ordnungspole. Gerade mit der islamischen Welt tut man sich hierzulande schwer: Nachdem in den frühen 2000ern eine eher proislamische Haltung unter Europas Rechten dominierte, hat sich das inzwischen umgekehrt. Schuld ist die forcierte muslimische Masseneinwanderung. Was musste ich mir ob meiner proislamischen Haltung schon alles anhören! Welche Kurzsichtigkeit und Unkenntnis. Der gründliche Deutsche kann eben nicht zwischen Innen- und Außenpolitik unterscheiden. Die Kalifats-Anhänger sind hierzulande ein Faktor, in ihren Herkunftsländern eine hoffnungslose Sekte, die islamisch-nationalistisch-völkische Symbiose oder gar Synthese ist längst vollzogen. Antiislamische Rhetorik brüskiert alle Muslime auf Erden und verbaut vielversprechende Allianzen. Islamische Stiftungen finanzieren manchmal den Bau von Infrastruktur in Europa, aber ich kenne auch solche, die gern rechte Strukturen fördern würden.

Ich möchte das Bsp. Togo für Afrika erwähnen: dort lebt das Volk der Ewe, das sich nach der Teilung Deutsch-Togos in einer französischen und einer britischen Kolonie wiederfand. Mit der Zerteilung unzufrieden, entwickelte sich als Reflex eine germanophile Haltung. So gab es sogar ernsthafte Bestrebungen, Togo zu einem Bundesland der BRD zu machen! Deutsche Rechte könnten sich als ehrliche Makler Schwarzafrikas prestigeträchtig verkaufen und über rechte Firmengründungen Wirtschaftskontakte erschließen. Geschäftlich regsame Auslandsdeutsche können eine weitere Vermittlerrolle spielen. Man sollte nicht vergessen, dass einst Portugiesen, Niederländer, Briten so vorgingen und es aktuell Chinesen und Russen ebenso tun.

 

Kommen wir zurück nach Deutschland. Bei aller Kritik über die Deutsche Rechte. Würden Sie dennoch sagen, dass sich hier in der jüngeren Vergangenheit etwas getan hat? Ich meine, es gibt durchaus einige Bewegungen in Richtung Europa, intellektuellen Austausch und Seminare über Strategien sowie verschiedene Theorien innerhalb der Rechten.

D.S.: Keine Frage, die Gesamtqualität ist gestiegen. Im Kontrast zu den 1980ern bis 2000ern erleben wir eine Steigerung. Wir sind keine „Resterampe“ mehr. Verglichen mit Frankreich, Italien oder Russland sieht es jedoch immer noch bescheiden aus. Auch Polen, Spanien, Belgien und Rumänien haben intellektuell mehr zu bieten. Es ist ein Segen, dass meine Prognose eintraf, wonach es nicht die selbstherrlichen Sonnenkönige der rechten Szene sein werden, die vom Rechtstrend profitieren, sondern bisher abseitsstehende frische Kräfte. Statt einer Politszene mit Subkulturen und Ghettocharakter haben wir heute ein politisches Lager, das sich aus mehreren soziökonomischen Milieus speist, der Schritt zu einem eigenen Politmilieu steht indes noch aus.

Im Kulturellen und Künstlerischen hat die aktuelle Rechte einiges zu bieten. Es gibt ästhetisch ansprechende Zeitschriften und Internetauftritte und die Sozialen Medien sind erschlossen, aber es fehlt an Denkern. Es wird zu wenig im Großen gedacht und zu viel überflüssig gegrübelt, was sich automatisch ergibt. Über theoretische Defizite und Dilettantismus hatten wir ja schon gesprochen. Vermittlerrolle spielen. Man sollte nicht vergessen, dass einmal Portugiesen, Niederländer, Briten und aktuell Chinesen und Russen genauso vorgehen. Vermittlerrolle spielen. Man sollte nicht vergessen, dass einmal Portugiesen, Niederländer, Briten und aktuell Chinesen und Russen genauso vorgehen.

 

Hier geht es zu Teil 2

 

Weitere vertiefende Lektüre von Dominik Schwarzenberger finden interessierte Leser u.a. in folgenden Essays und Artikels auf diesem Blog:

Von der Ohnmacht der Deutschen Rechten

Dritte Position: Porträt einer Weltanschauung

Die Wahl zum europäischen Parlament: Rückschau, Analyse und Ausblick

Die Entwicklung der politischen Rechten: Ursprung, Erscheinungen, Trends und Potential