Die Entwicklung der Politischen Rechten: Ursprung – Erscheinungen – Trends – Potential

von | 06. Jul. 2020 | Philosophie & Theorie

Der nachfolgende Beitrag basiert auf einem Vortrag mit ideengeschichtlicher Vorbemerkung, Entwicklungslinien der Politischen Rechten nach 1945 und Perspektiven rechter Politik.

Die drei Urideologien, Rechts und Links

Der Begriffsinhalt „Politische Rechte“ wurde schon von kompetenten Autoren (z.B. Norbert Borrmann und Günter Scholdt) erschöpfend erklärt. An dieser Stelle erfolgt nur eine sehr vereinfachte Darstellung der historischen Wandlung des Begriffs:

Im 19. Jh. entstanden über Jahrzehnte hinweg – und nicht etwa am Schreibtisch -, die drei Urideologien Europas: Liberalismus – Konservatismus – Sozialismus. Links (für liberale Anhänger der Revolution) und Rechts (für restaurative Anhänger der Monarchie) entstammen nicht einfach einer zufälligen Sitzverteilung („Gesäßgeographie“) innerhalb der Französischen Nationalversammlung im Zuge der 1789er Revolution, sondern wurden von den Anwälten des Ancien Régimes qualitativ aufgeladen: Rechts (lat. dexter) bedeutet hierbei gerecht, geschickt, richtig und günstig vs. Links (lat. sinister) ungeschickt, unheilvoll, finster usw. In so manchem geflügelten Wort finden wir diesen Zusammenhang wieder: „Zwei Linke Hände haben“, mit dem „linken Fuß aufgestanden“, „gelinkt“ usw.

Zunächst gab es nur revolutionären Liberalismus (Links) und als Reaktion darauf den restaurativen Konservatismus (Rechts). Nachdem sich beide Gegenpole weiter ausdifferenzierten und sich die gemäßigten Flügel annäherten (z.B. als Konstitutionelle Monarchisten), spaltete sich der Sozialismus als radikaldemokratische und egalitaristische neue Form vom äußersten Linksliberalismus ab. Auch der neue Sozialismus differenzierte sich später aus. Alle weiteren Ideologien (z.B. Christdemokratismus, Liberaldemokratismus, Anarchismus, Faschismus, Kommunismus) sind entweder Segmente innerhalb einer Urideologie oder ein Gemisch aus mehreren. Jeder Kommunist ist Sozialist, aber nicht jeder Sozialist gleich Kommunist. Der Faschismus ist ein Hybrid aus allen dreien und je nach Grad der urideologischen Zutat mehr rechts oder links. Die reinen Urideologien gibt es heute kaum noch, vielmehr wurden sie vom Liberalismus verwässert. Der Konservatismus ist klar rechts, der Sozialismus links und der Liberalismus in linke, rechte und zentristische Varianten gespalten, wobei es ein absolutes Zentrum gar nicht gibt, sondern dieses zentrumlinks bzw. zentrumrechts zusammenfasst. Also: Jeder Konservative ist rechts, aber nicht jeder Rechte konservativ. Politische Rechte dient demnach nur als Sammelbegriff. Um die Verwirrung noch zu steigern, finden auch die nicht ideologischen Eigenschaften „konservativ“, „liberal“ und „sozial“ im Politischen wie Alltäglichen Verwendung, weshalb dieser Beitrag ausdrücklich die Urideologien meint. „Reaktionär“ und „restaurativ“ werden weiterhin häufig synonym für konservativ benutzt, andermal als äußerst rechte Erscheinung desselben. Eine klare Abgrenzung gibt es wegen der polemischen Aufladung der Begriffe nicht.

Der Nationalismus

Die rechte und konservative Genese wird am Bsp. des Nationalismus deutlich: Der ursprüngliche Konservatismus war entweder gemäßigt national (Frankreich, England, Russland) oder antinational, partikularistisch und /oder übervölkisch-dynastisch (deutsche Länder, Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich). Der Nationalismus als Werkzeug der liberalen Französischen Revolution diente zwei Zielen: Verteidigung der Souveränität nach außen und Uniformierung /Egalisierung /Zentralisierung nach innen, da eine authentische Volksherrschaft nur unter einem möglichst homogenen Demos praktikabel ist. Folgerichtig wurden die regionalen Eigenheiten, Minderheitensprachen und lokalen Selbstverwaltungsorgane bekämpft und das zentralistische ahistorische Departement-System eingeführt. Der französische missionarische Exporteifer weckte dann einen Befreiungsnationalismus unter den besetzten Völkern Europas. Deren Befreiungsnationalismus war zunächst ebenfalls liberal, wurde aber etwa in Spanien und Preußen (nicht Bayern) bereits von Konservativen genutzt und je nach Staat völkisch aufgeladen. Die Freimaurer-Logen nutzten den jungen unbekannten Nationalismus des 19. Jhs. als besonders effektive Waffe gegen die verhassten dynastischen Monarchien. Hatte der Befreiungsnationalismus einmal seinen Zweck erfüllt, wurde er sogar hinderlich für das Ziel einer neuen übervölkischen Integration jenseits von Dynastie und Konfession. Nicht zuletzt aus diesem Grund okkupierten manche Konservatismen (z.B. Deutschland ab den 1870ern, Spanien) den Nationalismus als Integrationsinstrument gegen den wachsenden Klassenkampf und als Waffe zur Erhaltung der staatlichen Mannigfaltigkeit gegen den nunmehr liberal ausgerichteten Universalismus („Weltrepublik“) (Vgl. Evolas Darstellung zum „Doppelantlitz des Nationalismus“). Nationalismus ist keine eigene Ideologie, sondern korreliert nur mit den Urideologien bzw. deren Mutationen: als Liberaler, Sozialistischer oder Konservativer Nationalismus. Deshalb ist Nationalismus auch heute keine Domäne des Rechten Elements. Alle drei Urideologien und deren Ausdifferenzierungen werden von unterschiedlichen sozialen Gruppen, Regionen, Konfessionen und Berufsständen getragen. Unter den kleineren Völkern Osteuropas und Balkans blieb der Nationalismus bis 1918 eine liberale (linke bis mehr rechte) Angelegenheit. Nicht wenige Faschisten der Zwischenkriegszeit rekrutierten sich aus radikalisierten enttäuschten Liberalen und weniger Konservativen, weshalb Faschismus /Nationalsozialismus nur selten eine radikalisierte konservative Fortentwicklung darstellen. Auch dafür gibt es in der Geschichtswissenschaft (z.B. Sternhell) genug Studien.

Nachfolgend soll kurz auf den Werdegang der Urideologien in ausgewählten Ländern eingegangen werden. Erwähnung finden nur wirkungsmächtige Trends:

Deutschland: Voll ausdifferenziert wurden Liberalismus und Konservatismus im Zuge der 1848er-Revolution während der Versammlung in der provisorischen Frankfurter Nationalversammlung. Der organisierte Sozialismus als eigenständige Form ist ein Kind der 1860er. Nach der Reichsgründung 1871 finden wir drei Liberalismen und drei Konservatismen sowie zwei Sozialismen samt Unterströmungen. Der äußerst linke republikanische radikaldemokratische Liberalismus fusionierte mit der (reform)marxistischen Sozialdemokratie, weshalb der ehemals zentristische Liberalismus nach Links rückte. Bei den drei Konservatismen handelt es sich um einen alldeutschen zentralistischen kulturchristlichen und völkischen Konservatismus; dem föderalistisch bis separatistischen protestantisch-monarchistischen (Ur)Konservatismus in Preußen und Hannover (Welfen-Bewegung) und den föderalistisch bis separatistischen katholisch-monarchistischen (Ur)Konservatismus Bayerns. Der einst einflussreiche nationalistische Staatssozialismus Lassalles wurde vom universalistischen Marxismus verdrängt und innerhalb der SPD isoliert. Fortan dominiert auch bei sozialistischen Nationalisten die Soziale Frage. Eine in den 1860ern und frühen 1870ern mögliche Symbiose aus alldeutschem Konservatismus und Lassalle-Sozialismus („Soziale Monarchie“) wurde zugunsten einer Symbiose aus alldeutschem Konservatismus und Nationalliberalismus entschieden. Der Nationalliberalismus wiederum stellt eine konservative (rechte) Verfälschung des ursprünglichen Liberalismus dar und übernahm Monarchismus, starke Exekutive und Elitismus, während liberale Wirtschaft und Antiklerikalismus als urliberale Prinzipien erhalten blieben. Die gegenseitige Durchdringung verstärkte sich nach 1918 und erreichte in den 1960ern ihren Höhepunkt, wobei der Konservatismus verschwand.

Österreich, Ungarn, Finnland, Baltikum, Osteuropa und Balkan: Hier hielten sich die Urideologien am längsten und sind selbst heute noch rudimentär präsent: Alle diese Länder waren Teil übervölkischer Reiche (Österreich-Ungarn, Russland, Osmanisches Reich), weshalb sich der Konservatismus dieser Länder meist antinational, aber identitär ausgerichtet äußerte. Der organisierte marxistische Sozialismus betrat erst in den 1880ern die politische Bühne, während der Liberalismus nationalistisch war. Dieser differenzierte sich in eine primär liberaldemokratisch-monarchische und in eine völkisch-republikanische Richtung aus, blieb jedoch – je nach Land -, bis 1918 unter dem Dach „Drittes Lager“ zusammengefasst. Erst ab 1918 nationalisierte sich auch der Konservatismus und die konservativen dynastischen Nostalgiker wurden zu restaurativen Exoten. Heute kann man unter rechtsnationalistischen Parteien dieser Länder noch die Traditionslinien leicht erkennen.

Frankreich: Hier differenzierten sich Liberalismus und Konservatismus (Anhänger und Feinde der Revolution) schon in den 1790ern aus, ebenso entstanden frühe sozialistische Organisationen. Eine erste Zäsur markierte Napoleons Werk der nationalen Versöhnung, das Liberalnationalismus, Katholische Kirche und monarchisches Prinzip (sein eigenes Kaisertum) zusammenführte. Dieser „Bonapartismus“ sollte sich zur verbreitetsten nationalistischen Spielart entwickeln, die nach 1945 als Gaullismus fortbesteht. In keinem Staat Europas kam es zu so vielen ideologischen Symbiosen und Hybridbildungen wie in Frankreich. Der französische Faschismus der Zwischenkriegszeit stellt radikalisierte Varianten sehr unterschiedlicher Wurzeln dar.

England (nicht Großbritannien): Hier finden sich die Urideologien schon Mitte des 17. Jhs. aufgrund der parlamentarischen Tradition. Die Spaltung der englischen Politik in proexekutive Torys (Konservative) und prolegislative Whigs (Liberale) hielt fast in Reinkultur bis in die 1890er an, ehe sich der Liberalismus spaltete und den Konservatismus infizierte. Ein organisierter nichtmarxistischer Sozialismus findet sich außerhalb des Parlaments schon ab den 1840ern, während sich solche Parteien erst in den 1890ern durchsetzten. Der englische Faschismus hatte es besonders schwer, da er jenseits eines autoritären Konservatismus aus dem Nichts aufgebaut werden musste.

Norwegen, Schweden, Dänemark, Niederlande, Belgien, Schweiz und Portugal: Die starke Konfliktlinie Urliberalismus-Urkonservatismus (in Niederlande und Schweiz in katholisch und protestantisch gespalten) blieb bis in die frühen 1920er erhalten. Der organisierte Sozialismus war ein Kind der 1890er.

Spanien: Neben den verbreiteten langjährigen Ausdifferenzierungen finden sich zwei Besonderheiten: Der starke Anarchismus als sozialistische Sonderform und die frühe Spaltung des Konservatismus in eine zentralistisch-kastilische Variante und eine dezentrale hispanische urkonservative (Carlismo). Letztere führt heute ein nostalgisches Sektendasein. Der marxistische Sozialismus setzte sich erst im Zuge des Bürgerkriegs durch.

Italien: Ausgerechnet im zweiten geistigen „Laboratorium“ Europas (neben Frankreich) blieben die Urideologien bis zum Ersten Weltkrieg erhalten. Der Konservatismus mit seiner partikularistischen und katholischen Prägung blieb dem italienischen Einheitsstaat lange fremd, die Synthese mit dem liberal-freimaurerischen Risorgimento-Nationalismus kam nie zustande: zu schwer wog die Liquidierung des Kirchenstaats. Erst im Zuge des Ersten Weltkriegs nationalisierte sich der schwächliche Konservatismus, der dem neuartigen Faschismus nichts entgegensetzen konnte. Der italienische Faschismus wurzelte in Liberalismus und Sozialismus, verbündete sich erst spät mit dem Konservatismus.

Amerikas: Der Urkonservatismus erreichte die beiden Amerikas nie in Reinform. Eine Ausnahme stellten das kaiserliche Intermezzo Maximilians von Habsburg in Mexiko und das französische Quebec in Kanada dar. Ansonsten findet sich ein bereits liberal überlagerter Restkonservatismus in Latein- wie Nordamerika. Dagegen überlebte ein nahezu unverfälschter Liberalismus, der jedoch auch einige Absplitterungen Richtung Sozialismus überstehen musste. Der Sozialismus in seiner marxistischen wie auch häufig anarchistischen Ausprägung organisierte sich erst nach 1910. Ein einheimischer Konservatismus hatte es auch sehr schwer, wurde er doch mit den europäischen Kolonialdynastien identifiziert. Dagegen erfreuten sich Freimaurer-Logen großer Beliebtheit, standen sie für Republikanismus und Unabhängigkeitsstreben. Der lateinamerikanische Faschismus der Zwischenkriegszeit wurde von enttäuschten liberalen wie konservativen Intellektuellen geprägt.

Afrika (ohne das europäische Südafrika), Asien und Ozeanien (ohne Australien und Neuseeland): Die ehemaligen europäischen Kolonialgebiete kennen bis heute nur oberflächlich eine Links-Rechts- bzw. Konservatismus-Liberalismus-Spaltung, handelt es sich doch um europäische Produkte. Rudimentär findet man diese Gegenüberstellung dennoch während der Kolonialzeit: Rechts und sogar urkonservativ standen für prokoloniale partikularistische, tribale, religiöse und traditionalistische Positionen einheimischer Eliten, die von den Kolonialherren korrumpiert wurden. Linke – weniger liberale als vielmehr sozialistische Positionen -, standen für Nationalismus, Nationen-Werdung, Republikanismus und Säkularismus. Nach der Entkolonialisierung kann von einer tendenziellen Faschisierung dieser Linken gesprochen werden. Der Vergleich mit dem jungen Frühfaschismus Italiens bis 1922 lohnt sich. In einigen Staaten (Südkorea, Taiwan, Thailand, Malaysia, Nepal, Philippinen, Indien, Sri Lanka, Mongolei, Fidschi-Inseln und Indonesien) bildet sich heute ein starker Links-Rechts-Gegensatz aus. Bemerkenswert ist, dass sich die Rechte dabei fast ausschließlich auf Konservatismus beschränkt, die Linke aber Liberalismus und alle Sozialismen umfasst.

Rechte Strömungen

Heute stellt der defensive wie expansionistische Nationalismus in Mittel-, West- und Nordeuropa das Hauptkriterium für das Rechte schlechthin dar. Hinzukommen Kulturkonservatismus („sittlich-moralischer Purismus“) mit dessen typischen Prämissen (z.B. Antiegalitarismus, Hierarchie und Autorität). Für diesen Artikel reicht diese Grobcharakteristik aus. Im Folgenden werden unter „Rechts“, „Rechte“, „Rechtsnationalisten“, „Politische Rechte“ und „Nationales Lager“ alle nachfolgenden Strömungen subsummiert, die sich je nach Geschmack noch weiter unterteilen ließen:

-religiös-monarchistischer Nationalkonservatismus (der Urkonservatismus dominiert)

-autoritär-antiparlamentarischer Nationalkonservatismus (aus Konservatismus und elitärem Liberalismus)

-sozialistische Nationalrevolutionäre (starke sozialistische Tradition)

-Neonationalsozialisten /Neofaschisten (je nach Staat aus allen drei Urideologien)

-Dritte Position (aus allen drei Urideologien mit leichter konservativer Dominanz)

Selbstverständlich gibt es Überschneidungen und man findet selten Organisationen, die nur eine Strömung verkörpern. Die Nationalrevolutionäre sind am stärksten linkslastig. Zum inflationär gebrauchten Begriff „Rechtspopulismus“ sei angemerkt, dass dieser eine Inhalt schwache Strategieform darstellt und eher als rechtes Korrektiv des Status quo dient. Es wird allenfalls eine stärkere Exekutive und das Politklima der 1960er angestrebt. Der Rechtspopulismus wirkt als eine Art Indikator für Stimmungen, da Populismus mehr einem Trend folgt, als einen Trend selbst verursacht. Weiterhin kann der Rechtspopulismus eine oder mehrere der aufgezählten Strömungen übernehmen bzw. solche genuin rechten Strömungen können im Gewand des Rechtspopulismus agieren. Eine Unterscheidung zwischen beiden ist für den Kenner sehr leicht feststellbar. Die authentische Politische Rechte lässt sich von Lenins Maxime leiten: „Der Masse folgen oder führen? Zuerst folgen (um sie zu studieren und nicht in Sektiererei abzugleiten, D.S.), dann führen.“

Für die qualitative Beurteilung der Politischen Rechten einzelner Staaten nutzt der Autor sehr persönliche und sicher unvollständige Parameter:

-Intellektualisierungsgrad: Belesenheit in Philosophie, Religionen, Geschichte, Ethnologie und Geopolitik sowie konkurrierender Ideologien

-Analysefähigkeit und komplexes Denken

-keine Dominanz von paranoiden Verschwörungstheorien

-geistiger Austausch mit dem Ausland (keine nationale Scheuklappen)

-eine schlüssige Alternative

-Sachlichkeit, Nachhaltigkeit und Seriosität

-effektive Strategie und ästhetische Propaganda, innovative Aktionsformen, kein sektiererisches Verhalten

Weitgehend uninteressant sind quantitative Merkmale, da diese von sozioökonomischen Bedingungen abhängen und z.B. Wahlergebnisse oder Mitgliederentwicklung wenig aussagen (Siehe Milieuanalyse unten). Hohe rechte Wahlergebnisse sprechen für ein hohes Potential, niedrige aber nicht dagegen. Die Masse bleibt immer wankelmütig: „Heute schreien sie Hosianna und morgen kreuzige ihn!“

Will man die Politische Rechte einzelner Staaten nach 1945 qualitativ beurteilen, kann man Frankreich und Italien nicht genug würdigen. Beide Ideenschmieden beeinflussen sich gegenseitig und verdienen Bestnoten was oben aufgeführte Qualitätskriterien betrifft. Dann gibt es Staaten, die italienische und französische „Produkte“ auf hohem Niveau rezipieren und national modifizieren: Spanien, Portugal, Belgien (Wallonien wie Flandern), England (nicht Großbritannien), Griechenland, Rumänien, Polen, Serbien, Ukraine, Ungarn und die romanische Schweiz. Defizite weisen Deutschland, Österreich, deutsche Schweiz, Kroatien, Schweden, Tschechei, Slowenien, Slowakei, Estland, Lettland, Litauen, Luxemburg, Zypern und Weißrussland auf. Schlusslichter sind Niederlande, Norwegen, Moldau, Montenegro, Finnland, Liechtenstein, Malta, Bosnien-Herzegowina und Dänemark. Als Ausnahmen jenseits dieser Wertung wegen ganz spezifischer Traditionen gelten Irland, Island, Albanien und Mazedonien. Die Zwergstaaten San Marino, Andorra und Monaco orientieren sich stark an ihre prägenden Protektoren Frankreich, Spanien oder Italien. Deutschland glänzt bei strategischen Überlegungen und Organisationsformen, die sich im Ausland durchaus großer Beliebtheit erfreuen. Russland war bis Ende der 1990er ein geistiger Konsument importierter italienischer und französischer Ideen nach 1945 sowie deutscher vor 1945, bis Alexander Dugin eigene (geopolitische) Akzente setzte und Teile der Rechten wie Linksnationalisten (die nach mitteleuropäischer Interpretation aber rechts stehen) seinerseits weltweit beeinflusst.

Entwicklungsphasen nach 1945 – Haupttrends

1945 bis 1949: Phase der Ächtung

Nach der Weltkriegskatastrophe war die Politische Rechte diskreditiert und moralisch Bankrott. Es dominierte für wenige Jahre eine pazifistische und progressive Aufbruchsstimmung, die nun ein Zeitalter allgemeiner Völkerversöhnung, Entnationalisierung und Entmilitarisierung verkündete. Die erfolgreiche Kriegskoalition aus Liberaldemokraten und Kommunisten wurde auch in einigen nationalen Parlamenten fortgeführt und einzelne Kommunistische Parteien erlebten in Italien, West- und Nordeuropa sowie Japan ihre Hochphase. Dennoch bleiben soziale Milieus und Mentalitäten der Vorkriegszeit erhalten. Gleichzeitig zeichnete sich die sich zuspitzende Blockkonfrontation zwischen Moskau und Washington ab (Griechischer Bürgerkrieg).

Spanien und Portugal: Reste autoritär-rechter Systeme bis 1975

Frankreich: Die antiparlamentarischen rechtsnationalistischen Gaullisten erstarken bis 1948

Italien, Niederlande und Deutschland (Britische und Amerikanische Besatzungszonen): regional regenerieren sich erste rechtsnationalistische Organisationen

1950 bis 1965: Phase der Rehabilitation

Die Teilung Deutschlands, die Etablierung kommunistischer Diktaturen in Osteuropa und Balkan, die Ausrufung der Volksrepublik China, Korea-Krieg, Indochina-Krieg, Kubanische Revolution, Kuba-Krise und kommunistische Guerilla in Lateinamerika und Asien sowie die Affinität antikolonialer Bewegungen mit dem Sowjetsystem bewirken eine Trendwende: Die Politische Rechte wird rehabilitiert und ein paranoider hysterischer Antikommunismus (McCarthy) zum neuen Feindbild. Die Politische Rechte wird ihres militant antikommunistischen Charakters wegen weitgehend in Ruhe gelassen. Es entstehen zahlreiche aktivistische rechtsnationalistische Organisationen und zum Teil erfolgreiche Wahlparteien. Solche Gruppierungen orientieren sich äußerlich an Vorkriegsorganisationen ohne inhaltliches Profil: es fehlt an alternativen Programmen für Wirtschaft und Gesellschaft. Die Programmatik beschränkt sich auf Geschichtsrevisionismus, Rehabilitation von Kollaborateuren, Minderheitenfeindlichkeit, Bewahrung der Kolonialgebiete und eben Antikommunismus. Entsprechend versteht man sich als rechtes Korrektiv zur Bewahrung und Effizienzsteigerung des Staates. NATO-Mitgliedschaft und atlantische Orientierung werden unterstützt. Umgekehrt dulden die atlantischen Staaten auch militante Wehrsportgruppen und soldatische Traditionsverbände als potentielle „Stay-Behind-Orgas“ (Netzwerk Gladio).

BRD: Trotz Verbot der „Sozialistischen Reichspartei“ können sich andere rechte Organisationen und Parteien relativ selbständig entwickeln. Mit der „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands-NPD“ kommt es zu einer rechten Konzentration mit regionalen spektakulären Wahlergebnissen. Es dominieren die Themen Geschichtsrevisionismus, Ostgebietsrevanchismus und Wiedervereinigung. Nationalneutralistische Strömungen bleiben marginal.

Italien: Die „Italienische Sozialbewegung-MSI“ wird zum organisatorischen, strategischen und ideologischen Vorbild Europas.

Frankreich: Rechter Konzentrationsprozess um Gaullisten oder der Bewegung für ein französisches Algerien, jedoch noch keine genuine Rechtspartei. Spektakuläre regionale Wahlerfolge der rechtspopulistischen Poujadisten.

Belgien: Wiedererstarken des rechten Flügels im flämischen Nationalismus trotz dessen Diskreditierung wegen der Kollaboration mit Deutschland.

1966 bis 1978: Phase der schleichenden linksliberalen Hegemonie und erste Intellektualisierung der Rechten

Die Ost-West-Beziehungen entspannen sich und die Dritte Welt ist weitgehend entkolonialisiert. Die „etablierten“ Rechtsparteien stagnieren bzw. degenerieren. Die Narrenfreiheit für aktivistische Organisationen wird vom Staat unterbunden.  Bürgerliche Parteien gehen zunehmend auf gemäßigte Linksparteien zu. Sowjetkritische „Eurokommunisten“  verdrängen in zahlreichen Staaten Westeuropas, Italiens und Japans die stalinistischen „Alten“. Auf der marxistischen Linken vollzieht sich unter Studenten und Jungakademikern der Trend zum jungen radikalliberalen Marx (Neomarxismus, Kulturmarxismus). Die 1968er-Revolte markiert den sichtbaren Höhepunkt dieser innerlinken Entwicklung und den folgenden sukzessiven Siegeszug des Linksliberalismus in Italien, West- und Nordeuropa, BRD sowie USA (Japan, Schweiz und Österreich kaum betroffen). Gleichzeitig radikalisieren sich linke wie rechte Aktivisten und gleiten in den terroristischen Untergrund (Frankreich, Italien, BRD, Belgien, Japan). Die in die Defensive gedrängte Politische Rechte zerfasert und jüngere Teile intellektualisieren sich: Man entdeckt jetzt in Vergessenheit geratene Ideologeme der Vorkriegszeit (z.B. alternative Wirtschaft) und stellt den Status quo in Frage. Außenpolitisch zeigt sich das an einer paneuropäischen oder zumindest antiatlantischen Ausrichtung sowie die Solidarisierung mit befreiungsnationalistischen (linken) Bewegungen der Dritten Welt. Zahlreiche kleine elitäre Intellektuellenzirkel experimentieren mit Links-Rechts-Synthesen und lösen sich von altrechten Traditionen.

BRD: Die „Aktion Neue Rechte“ spaltet sich von der stagnierenden NPD ab, nationalrevolutionäre und neonazistische Kleinstgruppen entstehen und die rechte Medienlandschaft gewinnt qualitativ dazu.

Frankreich: Mit der Gründung der „Nationalen Front-FN“ gibt es auch hier einen zunächst erfolglosen Konzentrationsprozess. Mit der „Nouvelle Droite“ betritt eine kulturrevolutionäre intellektuelle Strömung die politische Bühne.

Italien: Rechtsterroristische Bestrebungen mit NATO-Unterstützung erleben einen Höhepunkt. Italienische Rechtsintellektuelle orientieren sich an französischer „Nouvelle Droite“ und „Integraler Tradition“ (Evola). Die MSI bildet interne Strömungen aus.

Belgien: Der belgische „Flämische Block“ wird zum rechtsnationalistischen Kristallisationspunkt im flämischen Landesteil.

Spanien und Portugal: Die Überbleibsel autoritär-rechter Systeme lösen sich auf, beide Staaten werden in liberale parlamentarische Demokratien umgewandelt, die Politische Rechte marginalisiert und diskreditiert.

Griechenland: Für einige Jahre wird ein rechtsautoritäres ideologieloses Militärsystem (Obristenregime) errichtet, das erwartungsgemäß nicht ins Ausland ausstrahlen kann.

Großbritannien: Im Zuge des sich radikalisierenden Nordirland-Konflikt und der nichtweißen Einwanderung erstarken auch hier erstmals wieder rechtsnationalistische Organisationen („Nationale Front“, protestantische Paramilitärs in Nordirland).

USA: Nationalistische Bestrebungen („Black Panthers“, „Black Muslims“) der Schwarzen und der Weißen (vierter „Ku Klux Klan“, Neonazis) erreichen ihren Höhepunkt.

1979 bis 1990: Phase der Stagnation – die verlorenen Jahre

Zwei Umstände sorgten für den bisher stärksten Rückschlag der Politischen Rechten: Die Zementierung des Ost-West-Konflikts mit Wettrüsten trotz gelegentlicher Entspannung, die einen Dritten Weg jenseits von Moskau und Washington in weite Ferne rücken ließ und die angebliche „Konservative Wende“ des atlantischen Westens (Kohl, Reagan, Thatcher) als genialer Propagandacoup. Gleichwohl finden sich vier neuartige Entwicklungen, die die Rechte beeinflussen sollte: Perestroika in der Sowjetunion mit einer Wiederentdeckung altrechter russischer Ideologeme (Monarchismus, Orthodoxie, Slawophilie, Eurasianismus), Populismus als neue politische Strategie, das Thema Einwanderung für West- und Mitteleuropa und schließlich die Politisierung der subkulturellen Skinheads und Hooligans.

BRD: Entstehen und Wachstum der inhaltlich belanglosen, jedoch propagandistisch interessanten „Republikaner“, die Gründung neonazistischer Kleingruppen und das beinahe Verschwinden der NPD.

Frankreich: Die FN kann sich endgültig gegen ihre Rivalen durchsetzen und feiert Wahlerfolge. Die FN dominiert das rechtsnationalistische Lager neben den sich liberalisierten Gaullisten.

Großbritannien: Die NF spaltet sich in drei rivalisierende Nachfolgeorgas: Die aus Italien importierte Idee der „Dritten Position“ profiliert sich im Land neben zwei neonazistischen Varianten. (Wir sind bereits hier https://gegenstrom.org/dritte-position-portraet-einer-weltanschauung darauf eingegangen.)

Österreich: Die liberal-nationale „Freiheitliche Partei Österreichs-FPÖ“ vollzieht eine klare Rechtswendung und kann als rechtsnationalistische (nationalliberale) Sammlungspartei bezeichnet werden ohne genuin rechts zu sein.

Schweiz, Dänemark und Norwegen: Ein neuartiger Rechtspopulismus kann bei Regional- und Nationalwahlen reüssieren.

1991 bis 1999: Phase der Expansion und erneute Ernüchterung

Fünf wichtige (identitäre) Entwicklungen kennzeichnen diese Phase: Das Ende des realexistierenden Sozialismus und dem Zusammenbruch der UdSSR, die Deutsche Einheit, der Bürgerkrieg in Jugoslawien, der Vormarsch des radikalen Politischen Islam und der Irak-Krieg. In Osteuropa und Balkan setzen sich nationalistische Kräfte durch, der Kommunismus scheint erledigt und entfällt als politische Alternative bzw. Gegenpol zum Westen – ein geistiges Vakuum entsteht. Die „etablierten“ Rechtsparteien Westeuropas können sich konsolidieren. Am dynamischsten verhalten sich Osteuropa, Russland und Balkan: Unter der kommunistischen Käseglocke brechen altrechte Organisationen und Ideen der Vorkriegszeit ungehemmt hervor. Die neuen Mehrparteienstaaten können aufgrund des wirtschaftlichen und politischen Transformationsprozesses zunächst nicht auf diese unbekannten Erscheinungen reagieren. Die neuen rechtsnationalistischen Organisationen knüpfen ungeniert an vergangene Vorbilder an und kultivieren primär expansionistische und Minderheiten feindliche Forderungen.  Die apathische Haltung der neuen Staaten ändert sich ab 1997 abrupt als sie sich im Zuge der EU-Beitrittsverhandlungen liberalisieren müssen und nun entschlossen reagieren.

BRD: Besonders NPD und neonazistische Kleinformationen profitieren von der Verstärkung aus der DDR. Die NPD kann ihre Existenz nicht nur bewahren, sondern erheblich ausbauen, bleibt bei Wahlen aber marginal. Die rechtsradikalisierte Skinheadkultur wird auf DDR-Gebiet zur vorübergehenden jugendlichen Massenbewegung.

Frankreich und Belgien: Die dominierenden Rechtsparteien feiern weiterhin bedeutende Wahlerfolge, aber 1999 spaltet sich die französische FN und kann sich von diesem Schlag erst nach Jahren erholen. Auch in Wallonien gibt es bescheidene Erfolge einer belgischen FN, der „Flämische Block“ bleibt auf hohem Niveau.

Großbritannien: Die aus der alten NF hervorgegangene „Britische Nationalpartei-BNP“ mäßigt ihren Kurs und folgt einer populistischen Strategie, die ihr lokale Wahlerfolge beschert.

Niederlande, Norwegen, Schweden, Luxemburg, Schweiz, Österreich und Dänemark: Rechtspopulisten feiern je nach Staat erhebliche Wahlerfolge und werden mitunter an Regierungen beteiligt.

Italien: Das alte Parteiensystem zerbricht an Korruptionsvorwürfen – es entstehen neue populistische Parteien aller Couleur. Bemerkenswert ist der Aufstieg der interideologischen föderalistisch bis separatistischen „Lega Nord“ und der aus der traditionsreichen MSI hervorgegangenen rechtspopulistischen „Nationalen Allianz“. Daneben entstehen zahlreiche offen neofaschistische Formationen.

Polen, Lettland, Estland, Ungarn, Slowakei, Tschechien, Rumänien, Kroatien, Slowenien, Serbien und Russland: Ultranationalistische Parteien ziehen in die nationalen Parlamente und werden in Lettland, Slowakei, Kroatien und Rumänien an der Regierung beteiligt.

2000 bis heute: Phase erneuter Intellektualisierung und große Spaltung

Das Klima erinnert an die Phase 1966 bis 1978: Der Liberalisierungsgrad und die Tabuisierung rechter Themen erreicht einen neuen Höhepunkt. Andererseits zeigen sich ab 2009 erste Risse in der liberalen Matrix (Finanzkrisen, Sarrazin, BREXIT, PEGIDA, AfD, Trump, LePen). Die Alternativlosigkeit zum herrschenden globalen Liberalkapitalismus wird zunehmend von rechtsintellektuellen Kreisen in Frage gestellt. Wieder gründen sich Zirkel, die Alternativen propagieren und vielseitige Anregungen aus vergessenen Programmen der Vorkriegsrechten aller Couleur ziehen. Als besondere Herausforderungen erweisen sich das Verhältnis zum Politischen Islam, Kapitalismus, europäischer Integration, Putin und USA. Die Politische Rechte nahezu aller Staaten Europas spaltet sich an diesen Konfliktlinien auf. Vom Trend sind diesmal nicht mehr nur europäische Politische Rechte betroffen, sondern auch die Australiens, Südafrikas, Nordamerikas, Lateinamerikas, Japans, Taiwans, Indiens Südkoreas und – noch gar nicht abschätzbar -, Studenten /Exilanten Afrikas und Asiens, die ihre Erkenntnisse in ihre Länder importieren.

BRD: Hier entstehen neue Zeitschriften, Internetauftritte und Aktionsformen (Autonome Nationalisten, Identitäre, PEGIDA) ohne allerdings alternative Visionen aufzuzeigen. Mit der „Alternative für Deutschland-AfD“ existiert nun auch hierzulande eine rechtspopulistische erfolgreiche Wahlpartei.

Frankreich: Die FN feiert gigantische Erfolge, wandelt sich jedoch in eine inhaltsschwache populistische Partei, die ihre Seele zunehmend verliert. Das wegen der FN-Erfolge stagnierende Nationale Lager gewinnt wieder an Dynamik und setzt ideologische und aktionsstrategische Trends (z.B. Identitäre).

Italien: Das Nationale Lager zeigt sich in inhaltlich ähnliche Organisationen und Parteien zerspalten. Als herausragendes Produkt italienischer Improvisationskunst darf „Casa Pound“ angesehen werden.

Russland: Der Philosoph und Geopolitiker Alexander Dugin mit seinem Neoeurasianismus wird zum russischen Exportgut.

Spanien: Die flächendeckend vertretene rechtspopulistische Partei „VOX“ erschüttert das Parteiensystem.

Griechenland: Mit der „Völkisch-Orthodoxen Sammlung“ und später „Goldenen Morgenröte“ ziehen erstmals seit Jahren genuin rechte Parteien ins Nationalparlament ein.

Nationale Besonderheiten

Klassisch rechte Programmatik und nationalistisch-identitäre Regungen finden sich in allen Staaten der Erde, doch sind sie unter unserer mitteleuropäischen Etikettierung nicht immer erkennbar. Auch in Europa gibt es Ausnahmen, die vom klassischen Links-Rechts-Schema abweichen. Links-Rechts ist je nach Politischer Kultur relativ. Das kann historisch gewachsene Gründe haben, das kann strategisch bedingt sein – oder es gibt ein Ideologie übergreifendes höheres Ziel, welches rechte Programmatik hintanstellt.

Links-Rechts-Gegensatz: In Russland, Teilen Osteuropas und des Balkans werden die Gegenpole Links und Rechts anders definiert. In Mittel- und Nordeuropa, Australien, Neuseeland, Japan, dem europäischen Südafrika sowie der europäischen USA bedeutet Rechts NATIONAL (gegen Einwanderung und EU) und Links eine INTERNATIONALE Spielart (für Einwanderung und übernationale Integration). In anderen Räumen Europas, der farbigen USA, Kanada, Asien, Lateinamerika und Afrika bedeutet rechts eine KAPITALISTISCHE Wirtschaftsform und links eine ANTIKAPITALISTISCHE Variante. Der Links-Rechts-Gegensatz kann je nach Kulturkreis auch auf Fragen konservativer Kulturwerte (Familie, Homo-Ehe, Abtreibung, Genderisierung), Clanstruktur, Föderalismus-Zentralismus, starke oder schwächere Exekutive, Rolle des Staates, Verhältnis Gesellschaft-Religion oder Monarchismus-Republikanismus erweitert werden. Die meisten – aus Mangel an Begriffen -, als Linksnationalisten bezeichneten Persönlichkeiten und Organisationen sind nach deutscher Diktion klar rechts. Europäische Linksnationalisten finden sich in Russland, Teilen Osteuropas, Balkans, Frankreichs, Belgiens und unter den ethnischen Minderheiten Frankreichs, Spaniens und Großbritanniens. Häufig gehen solche Linksnationalisten eine Symbiose mit Marxisten ein, die fast immer zuungunsten letzterer ausgeht. Vom Marxismus wird das Dogma Klassenkampf okkupiert, der auf das asymmetrische Verhältnis von unterdrücktem Volk (Proletariat) und kolonialistischem Mutterland (Ausbeuter) übertragen wird (z.B. Korsika vs. Frankreich, Baskenland vs. Spanien). Zudem spielt auch der Umstand eine Rolle, dass sich die einheimische Oberschicht schnell den Eroberern kulturell und sprachlich anpasste (z.B. schottischer oder bretonischer Adel), weshalb diese Oberschicht außerhalb der Nation (das Proletariat) steht.

Eine ganz eigene interideologische national-radikale Tradition weisen Irland, Island, Albanien und Mazedonien auf. In Osteuropa und Balkan gibt es noch eine für Mitteleuropäer verwirrende Tatsache: Weil die einheimische liberale Bewegung im 19. Jh. befreiungsnationalistisch gegen Russland, Osmanischem Reich oder Österreich-Ungarn ausgerichtet war, sehen sich manche de-facto Rechtsnationalisten als Liberale.

Schließlich sollte bei der Länderanalyse noch eine Strategie autochthoner Rechter Berücksichtigung finden: Manchmal werden eigene rechte Ziele wichtigeren politischen oder wirtschaftlichen (berufsständischen) untergeordnet. Hierzu zwei Bsp.: Auf dem ersten Blick sind rechte Schotten britisch-unionistisch ausgerichtet, aber bei näherer Betrachtung findet man sie auch unter den Anhängern der linksliberalen „Schottischen Nationalpartei-SNP“. Der Hintergrund: Rechte Schotten wollen eine Zersplitterung der Unabhängigkeitsbewegung vermeiden und heben sich ihre Forderungen für die Zeit danach auf.

In Finnland, Schweden, Norwegen und Island existieren Agrarparteien, die sich momentan zum Liberalismus bekennen. Tatsächlich existiert aber auch ein völkisch-nationalistischer Flügel, der das liberale Etikett als Modeerscheinung duldet, weil die berufsständischen Interessen überwiegen.

Milieuanalyse

Wer sich für die Politische Rechte anderer Länder interessiert, sollte Milieuanalyse betreiben, um künftige Potentiale (z.B. in Krisensituationen) zu taxieren. Das Gegenteil machen Politikwissenschaft und der Verfassungsschutz: Sie gehen von einer Momentaufnahme aus und kommen folgerichtig zu verfälschten Ergebnissen. Dabei dienen ihnen Mitgliederentwicklung und Wahlergebnisse als Indikator für die Beurteilung rechten Potentials. Nehmen wir das Bsp. Spanien: Das Nationale Lager gab dort vordergründig eine traurige Figur ab. Tatsächlich aber ist es sehr stark; nämlich als konservativ-katholisch-monarchistisch-unitaristisches Milieu mit dessen Hauptpartei „Volkspartei-PP“. Die PP wird jedoch bei uns als spanische CDU wahrgenommen, da sich das Programm ähnelt und die PP Mitglied der „Europäischen Volkspartei“ ist. In Wirklichkeit dürfen nur Teile als CDU-verwandt gesehen werden, da es starke autoritär-rechtsnationalistische Flügel und Strömungen gibt.  Das Milieu scharrt sich um die PP, weil diese für Spaniens Einheit und Königtum steht.

In Osteuropa und Balkan wird der politikwissenschaftliche Tunnelblick verzerrt, da national-radikale Politiker auf gemäßigten Wahllisten des gleichen Milieus kandidieren. So gibt es Mitleid erregende Untersuchungen zum dortigen „neuen“ rechtsradikalen Frühling, die vom Erfolg etwa der ungarischen „Jobbik“, ukrainischen „Svoboda“ oder bulgarischer „Ataka“ überrascht wurden, aber naiv übersehen, daß solche Strömungen und Persönlichkeiten nicht aus dem Nichts auftauchten, sondern in gemäßigten Parteien immer schon seit 1990 im Nationalparlament vertreten waren. Inzwischen zeigen sich aber die neuen EU-Staaten von Brüssel enttäuscht, so dass auf liberale Befindlichkeiten keine Rücksicht mehr genommen werden braucht.

Risiken und Herausforderungen

Sehr schnell kann sich der totgesagte Marxismus wieder erholen – dessen Stärke bleibt eine klar formulierte Alternative, wenn auch von zweifelhaftem Wert. Man darf auch die Panikreaktion der momentan herrschenden politischen Kaste nicht unterschätzen, die in Teilen merkt, wohin der Trend gehen kann: ein ertrinkender schlägt bekanntlich um sich.

Der unnatürliche Wohlstand als Reaktion auf die sozialistische Herausforderung des Ostblocks bleibt nur eine vorübergehende Erscheinung. Das wissen die Herrschenden, aber auch sie können plötzlich Alternativen. Als Reaktion auf neue Nationalismen oder Bürgerkriegschaos im Zuge der Einwanderung kann ein zentralistisches Paneuropa als Heilsbringer präsentiert werden, das von oben die ersehnte Ordnung gegen das Völkergezänk schafft: Stalin und Tito lassen grüßen.

Um einen politischen oder religiösen Feind zu bekämpfen gibt es vier Strategien:

physische Vernichtung: wirkt nur kurzfristig, da die Ursachen für die Existenz des Feindes weiterbestehen und nie alle Feinde erwischt werden.

Unterwanderung feindlicher Orgas: wirkt nachhaltiger, doch kommt es wegen der fehlenden Ursachenbekämpfung zu Abspaltungen und Neugründungen.

Übernahme feindlicher Kernforderungen: wirkt sehr nachhaltig und gründlich, weil die Ursachen wenigstens teilweise angegangen werden.

Duldung oder gar Förderung eines extremistischen oder närrischen Flügels des Feindes: wirkt ebenso nachhaltig, weil der feindliche Lösungsansatz langfristig diskreditiert wird.

Strategie drei wird momentan von einigen Pseudorechten wie Putin, Babiš oder Trump praktiziert, die das rechte Potential kanalisieren sollen. Selbstverständnis gibt es in deren Anhängerschaft und näherem Umfeld auch authentische Rechte, die jedoch meist als Alibi dienen. Nicht immer ist den Führern solcher pseudorechten Bewegungen ihre Rolle auch bewusst. Trump ist nur „Chartsurfer“, der sicherlich einige rechte Ansichten vertritt, aber sehr berechnend das gesamte rechte Potential nutzen möchte. Es wird bekanntlich nur immer der zum Papst (Präsidenten) gemacht, der vorher Kardinal war. Anders Putin: Er ist kein russischer Nationalist, sondern ein russländischer Etatist mit konservativen Tugenden. Die größte Gefahr für Russland kommt von rechts, weshalb Putin mit Zuckerbrot und Peitsche arbeitet: er hofiert einige Rechte (dazu gehören auch Linksnationalisten), sperrt aber andere weg. Noch nie waren Russlands Rechte seit 1991 so privilegiert wie unter Putin, aber in ihrem Handeln so eingeschränkt. Unter dem liberaleren Jelzin war mehr Spielraum.

Seit dem Erstarken rechter Parteien betreten auffallend viele neugegründete populistische Parteien einer vermeintlichen liberalen Mitte die politische Arena. Besonders in Osteuropa und Balkan feiern sie beachtliche Erfolge. Häufig greifen sie EU-Skepsis auf, bekennen sich dagegen zum atlantischen Bündnis und zu einer liberalisierten Wirtschaft. Der plötzlich in den USA nach Tschechien zurückgekehrte Milliardär Andrej Babiš ist der Prototyp dieser für Rechte sehr gefährlichen Spezies. Das Chamäleon Emmanuel Macron kann gleichfalls als Retortenprodukt für Frankreich entlarvt werden – als ein verzweifeltes Aufgebot gegen Madame LePen und verwesenden etablierten Altparteien.

Strategie vier erleben wir häufig, wenn besonders extremistische und übersteigerte Positionen einer Ideologie oder Religion plötzlich zur Massenbewegung werden oder zweifelhafte närrische Persönlichkeiten Aufwind erhalten. Meist – jedoch nicht zwingend -, darf eine Strategie zur Diskreditierung vermutet werden. Bsp. könnten NSU, RAF oder ISIS sein. Wer den Islam verunglimpfen möchte, duldet oder fördert ISIS und baut sich so seinen Popanz auf.

Segen und Fluch für die Politische Rechte, aber auch anderer Ideologien, ist das Fehlen eines Modellstaats, dem man nacheifern könnte. In der Zwischenkriegszeit gab es die Sowjetunion, Italien, Deutschland und die Türkei, nach 1945 die Sowjetunion, USA, Argentinien, Ägypten, Syrien, Irak, Kuba, China, Albanien, Jugoslawien, Iran, Libyen und Venezuela. Alle ehemaligen Modellstaaten sind inzwischen geistig verkrustet oder nicht mehr existent. Andererseits kann das Funktionieren einer Ideologie heute nicht mehr an einer existierenden staatlichen Praxis bemessen werden, was das Propagieren von Alternativen auch erleichtert.

Günstige Trends

Die große politisch-ideologische Zäsur Europas, Japans und Nordamerikas ging mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs einher, aber eine noch größere Zäsur – nämlich die sozioökonomische und mentale –, fand schleichend und daher unbemerkt erst in der Zeit von 1965 bis 1975 statt. Davor waren die sozialen Milieus, Lebensbedingungen und Mentalitäten denen der Vorkriegszeit ähnlich. Die bedeutendsten Veränderungen verdanken wir einem bisher nie gekannten Wohlstand, der zu Degeneration, Entproletarisierung und Pazifizierung führte. Speziell der Liberalismus und 68er-Revolte profitierten davon, während Konservatismus und Sozialismus in materiellen Krisenzeiten gedeihen. Die Welt ist seit dem komplexer geworden und der Grad internationaler Verflechtung (z.B. Finanzwirtschaft, NGOs, supranationale Zusammenschlüsse) nimmt ständig zu, was mit einem Abbau nationalstaatlicher Souveränität einhergeht. Gleichzeitig gibt es heute so viele Staaten wie nie zuvor. Eine bisher unbekannte Bevölkerungsexplosion außerhalb Europas und das Schwinden weißer Völker bringen neue globale Machtkonstellationen hervor. Ein Aufstieg Chinas und eine Schwächung der USA müssen nicht unbedingt negativ für Europa sein. Seit 1990 fehlt die bequeme Überschaubarkeit des Ost-West-Gegensatzes, stattdessen tauchen religiöse und nationalistische Geister der Vergangenheit wieder auf.

Allgemeine Atomisierung und Individualisierung, Auflösung traditioneller Milieus und Bindungen sowie Säkularisierung bei gleichzeitiger Zunahme okkulter Neigungen führen zu Identitätsproblemen. Ebenso gravierend wirkt sich der Wertewandel aus, der ohne Wohlstand undenkbar wäre: Binnen dreißig Jahren wurden jahrhundertealte Gewissheiten über Bord geworfen. Was noch bis in die 1970er normal war, gilt heute als abnormal und umgekehrt. Der Linksliberalismus zerstörte traditionelle Werte und Gewissheiten, verpasste es jedoch, neue zu setzen. Noch nie war das Antlitz lose atomisierte Massemensch so orientierungslos, verführbar und suchend wie heute. Die Rechte hat daher die historisch seltene Möglichkeit, dieses gigantische Vakuum zu füllen und eine ganzheitliche allumfassende Alternative zu präsentieren.

Das für die weiße Staatenwelt so brisante Thema Einwanderung und Überfremdung besitzt drei positive Seiten:

-Die Spaltung wie nach dem Ersten Weltkrieg in Sieger und Besiegte gibt es heute nicht, da alle weißen Nationen betroffen sind. Große Teile der weißen Völker werden sich automatisch solidarisieren.

-Die Masseneinwanderung wirkt wie ein Katalysator auf die politische und bald auch wirtschaftliche Entwicklung. Rechtes Denken legitimiert sich bereits jetzt schon dank Einwanderung.

-Die Spaltung der Völker in ethnisch oder etatistisch orientierte Staatsideen ist weitgehend überwunden. Wir können heute wegen der maßlosen Quantität von Masseneinwanderung eine allgemeine Ethnisierung nationalen Denkens konstatieren.

Eine böse Überraschung wird das kurzsichtige EU-Brüssel erleben, wenn die Staaten Osteuropas und Balkans vom „alternativlosen“ Integrationsprozess Abstand nehmen und sich in Nationalismus flüchten. EU- und Demokratieeuphorie sind in jenen Staaten schon seit Jahren verflogen, da EU wie Demokratisierung mit wachsendem Wohlstand gleichgesetzt wurden, der inzwischen ausbleibt. Die Suche nach geopolitischen Alternativen (z.B. Visegrád-Gruppe, Intermarium) zeugen von diesem Streben.

Wer sich mit den Möglichkeiten der Politischen Rechten beschäftigt, sollte auch die Konkurrenz im Blick haben. Die etablierten Parteien, Gewerkschaften und Amtskirchen befinden sich in einer Krise und stehen gar nicht viel besser da als die Politische Rechte. Sie leiden unter einem geringen Organisationsgrad der Bevölkerung und Überalterung. Viel entscheidender sind ihre Einfalls- und Alternativlosigkeit v.a. in Wirtschaft und Außenpolitik sowie der bequeme Weg des ideologielosen Pragmatismus. In Deutschland und Europa ist der Begriff Rechts so geächtet und das Themenspektrum wegen politischer Korrektheit so eingeengt, dass die bekennende Politische Rechte eine Monopolstellung innehat, die sich in Krisenzeiten hervorragend ausspielen lässt.

Wegen der Auflösung konfessioneller und berufsständischer Milieus im Zuge der liberalen Säkularisierung und Entproletarisierung (aus Arbeitern wurden mentale Kleinbürger) braucht auf solche Milieuinteressen keine Rücksicht mehr genommen werden. Die atomisierte Gesellschaft gleicht einem weißen Stück Papier, das beschrieben werden will. Noch bis in die 1920er waren in Deutschland und großen Teilen Europas (außer Irland, Frankreich, Italien) ideologische Synthesen die seltene Ausnahme. Der „National-Soziale Verein“ Friedrich Naumanns, die „Christlich-Soziale Arbeiterpartei“ Adolf Stoeckers oder die heute als antisemitisch verbrämten Kleinparteien eines frühen dritten Weges mussten in ihrer Zeit ein sektenhaftes Schattendasein ertragen. Das liberale Zerstörungswerk und das Verschwinden des Konservatismus hat auch dieses Problem gelöst. Es ist an der Zeit neue Begriffe zu schaffen und in die geistige Offensive zu gehen. Speziell das verdrängte konservative Potential mit Autorität, Identität, Selbstverwaltung (über Korporationen), Hierarchie, positivem Bezug zu Religionen (ohne klerikal zu sein), möglicherweise Monarchie und Kapitalismuskritik (z.B. Distributismus) stellt ein hervorragendes Reservoir dar. So wie der Liberalismus die beiden anderen Urideologien und Mischformen okkupierte, kann dies heute einem erneuerten Konservatismus gelingen, der natürlich einen jungfräulichen Namen braucht. Unser liberaldemokratisches Zeitalter wird dereinst als irrige Verfehlung einer dekadenten Epoche in Erinnerung bleiben.