Buchbesprechung: “Die Macht der Geographie” (Tim Marshall)

Verfasst von Tom Dieke |

Im Rahmen des anstehenden Seminars für rechte Metapolitik zum Thema „Szenarien 2035: Geopolitische Machtverschiebungen und Chancen“ liegt unserer Redaktion daran, unseren Lesern einige Lektüreempfehlungen zur Vor- und Nachbereitung mit auf den Weg zugeben. Dabei sei insbesondere auf die jüngst auf diesem Blog erschienen Artikel von Peter Steinborn (hier, hier und hier) verwiesen oder auch auf ältere Artikel, u. a. von den Experten Dominik Schwarzenberger und Dr. Tomislav Sunic, welche beide beim kommenden Metapol-Seminar referieren werden  (hier oder hier).

Ein wesentlicher Faktor zum allgemeinen Verständnis geopolitischer Überlegungen ist eine grundsätzliche Vorstellungskraft von der Welt, ihren Räumen und ihren Gegebenheiten. Staatengrenzen können sich verschieben, ganze Staaten können sich auflösen und neuformieren, die physische Beschaffenheit des Erdraumes bleibt dabei jedoch in ihrem Wesen von diesen Veränderungen relativ unberührt. Gebirgsketten bleiben Gebirgsketten und Meere verschwinden nicht von heute auf morgen. Diesem Zustand und seinen Folgen für die geopolitischen Entscheidungen der Mächtigen widmet sich der ehemalige britische Außenkorrespondent der BBC und Sky News Tim Marshall in seinem Buch „Die Macht der Geographie“ (dtv, 2015). Der Untertitel „Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt“ verdeutlicht bereits Marshalls These von der „Gefangenheit“ von Staaten auf Basis ihrer jeweiligen vorzufindenden geographischen Situation. Dies wird auch insbesondere im englischen Originaltitel des Buches „Prisoners of Geography“ hervorgehoben. Marshall verfolgt dabei einen stark deterministischen Ansatz zur Erklärung geopolitischer Erscheinungen. In seinem Vorwort schreibt er dazu, dass es nach wie vor der geographische Raum sei, der die Mächtigen dieser Welt dazu bringe, bestimmte Entscheidungen, die über Krieg und Frieden bestimmen, zu treffen. Marshall fasst Geographie in diesem Kontext eindeutig als physisch-materielle Umwelt auf. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf der Untersuchung der Mikroebene, als eines von zwei Untersuchungsfeldern der Geopolitik, mit ihrem Schwerpunkt auf der Topografie, der historischen Geographie, der Ethnogenese u.v.a. Aspekten (siehe dazu Schwarzenbergers Ausführungen hier). Es kann vorangestellt werden, dass Marshall sich durch seinen deterministischen Ansatz (zu) enge Grenzen in der Beurteilung bestimmter geopolitischer Realitäten setzt. Dafür gibt es mehrere Anhaltspunkte beim Lesen des Buches. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass dieses Buch insbesondere zur Schärfung des Bewusstseins des Einflusses natürlicher, topographischer Gegebenheiten vom enormen Interesse ist. Dabei versteht es Marshall auf eine wirklich leserfreundliche, verständliche Art und Weise reichhaltige Informationen zu den historischen Entwicklungen bestimmter Territorien mitzuteilen und in einen größeren Kontext einzubetten.

 

Der Aufbau

 

Marshall untersucht auf rund 300 Seiten die innen- und außenpolitische Verfasstheit verschiedener Staaten (bspw. Russland, China, USA), Kontinente (Afrika, Lateinamerika) und Weltteile (Westeuropa, Naher Osten), welche in ihrer Zusammenfassung den verschiedenen Großräumen entsprechen. Jedem Kapitel wird ein Kartenausschnitt vorangestellt, welcher die anerkannten und strittigen Grenzen des zu betrachtenden Großraumes vorstellt. Zu Beginn des Kapitels geht Marshall zunächst zur Beschreibung der geographischen Realitäten der Großräume über. Flussverläufe, Gebirgsketten, Staatengrenzen, Meerzugänge usw. finden hier Erwähnung. Gerade den Lesern, die schon seit längerem keinen Blick mehr auf einen Globus oder eine Weltkarte geworfen haben, dient diese Einleitung als schöne gedankliche Auffrischung in Sachen Erdkunde. Mit einprägsamen Beispielen gelingt es Marshall die territorialen Relationen im Kopf des Lesers richtig zu ordnen („Im Iran finden Deutschland, Frankreich und Großbritannien Platz“). Der Einleitung folgt im zweiten Teil ein historischer Abriss über die Entwicklung innerhalb der Großräume, zumeist mit Blick auf Grenzverschiebungen, Kriege und Krisen. Der dritte Teil widmet sich dann der Beurteilung potentieller Möglichkeiten und Risiken in Hinblick auf außenpolitische Handlungen des Großraumes.

Marshalls Ausführungen klingen dabei manchmal so einleuchtend wie einfach zugleich. Warum haben China und Indien bisher keinen Krieg geführt, obwohl die beiden Nachbarn ihrem Wesen nach verschiedener nicht sein könnten? Weil die Himalaya-Gebirgskette sie voneinander trennt. Warum hat Russland die Krim annektiert? Weil es mit Sewastopol über den einzig ganzjährig eisfreien Tiefseehafen verfügt. Vieles mag dem Leser banal erscheinen und es muss festgehalten werden, dass Marshalls Werk mit Sicherheit keine wissenschaftliche Abhandlung ist. Das lassen der oftmals etwas reißerische, dadurch aber auch durchaus freudemachende Stil, welcher an abenteuerliche Reiseberichte erinnert sowie die Knappheit der Seiten schnell erkennen. Es ist dennoch eine Erdkundestunde im Schnelldurchlauf. Und wenn die von ihm hervorgebrachten Erkenntnisse auch nicht unbedingt neu sind, so sind sie doch schön auf den Punkt gebracht. Gerade (kritischen) deutschen Lesern dürfte zudem der zynische Realismus Marshalls durchaus auffallen. Entgegen der von eigenen Moralvorstellungen bestimmten Auslandsreports öffentlich-rechtlicher Gleichschaltung, beschreibt Marshall die Realitäten trocken und wertneutral. Dies wird wunderschön deutlich, wenn er ausführt, dass sich Schauspieler wie Richard Gere auch noch die nächsten Jahre für die Unabhängigkeit Tibets auf den Kopf stellen könnten, dies jedoch an der geographischen Relevanz dieser Region für den Riesen China nichts ändern wird und sich somit auch an der Situation Tibets nichts ändern wird. In solchen Momenten kommt Marshall ohne jegliche Bewertung dieser geopolitischen Realität aus, was durchaus angenehm ist.

 

Die Beurteilung

 

Marshall erkennt die „ehernen Regeln der Geografie“ als den maßgeblichen Faktor für das gesamte Weltgeschehen an. Dabei kommt er zwangsläufig immer wieder in die Situation, den menschlichen-soziologischen Faktor zu vernachlässigen bzw. zu unterschätzen, ebenso wie den politischen Zufall oder anderweitig herrührende Machtinteressen bestimmter elitärer Kreise. Er tappt dabei in eine „Raumfalle“, welche die Hintergründe politischer Prozesse einzig aus klimatischen, geografischen, denn in ökonomischen oder sozialen Zusammenhängen erkennt. Das lässt ihn zu teilweise schwer nachvollziehbaren Schlussfolgerungen kommen. So führt er beispielsweise an, dass die zunehmende Wandlung der USA hin zu einem energieautarken Staat, der darüber hinaus noch als Energieexporteur tätig wird, zu einer Entkoppelung des Interesses am Staat Israel führen wird. Derlei Annahmen erscheinen in Anbetracht der engen Verkoppelung bestimmter Eliten in den USA doch etwas gewagt und durchaus einseitig. Generell scheint Marshall die Interessen der Machteliten, gleich welcher Herkunft, als von der Geographie determiniert, denn als persönlich motiviert zu erachten. Dies mag teilweise zutreffen, erscheint jedoch auch etwas zu einfach. Diese Lücke kann jedoch mit anderen, aktuellen Ausführungen, beispielsweise Dirk Müllers Buch „Machtbeben“ hervorragend geschlossen werden.

 

Die Empfehlung

 

Marshall Werk weist in seinem Ansatz einige Schwachstellen auf. Dennoch verdeutlicht es, dass auch im 21. Jahrhundert das Thema der Geopolitik nicht überwunden ist.  Eher im Gegenteil mahnt er, dass es global zu einer Verschärfung geopolitischer Ambitionen kommen wird. Um dieses, gerade auch in der deutschen Rechten, etwas verstaubte Thema wieder aufzupolieren und ins allgemeine Bewusstsein zu rücken, ist dieses Buch allemal im Stande. Marshalls Erklärungen sind manchmal simpel. Dieses Ärgernis hält den Leser jedoch nicht davon ab, einen schönen Einstieg in das Gebiet der Geopolitik zu finden oder sein Wissen sowie die geografischen Kenntnisse aufzufrischen. In Kombination mit anderen Werken ist „Die Macht der Geographie“ ein solides Buch und eine gute Ausführung zu einem Teilgebiet der Geopolitik.  

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