Die Welt im Jahr 2035 Teil II: Mögliche Szenarien in ferner Zukunft

Verfasst von Peter Steinborn |

Nachdem wir uns hier angeschaut haben, welche globalen Trends bis in 2035 erwartet werden können, gehen wir nun auf etwas konkretere Vorstellungen ein. Die Rede ist hier von drei möglichen Zukunftsszenarien aus Sicht des National Intelligence Council (NIC). Wie bereits zuvor beschrieben, hat niemand von uns eine Glaskugel und weder der Autor dieser Zeilen noch die Autoren des Zukunftsberichts „Global Trend 2035: The Paradox of Progress“ möchten sich hier auf ein konkretes Szenario versteifen. Es wäre falsch sich der Illusion hinzugeben und gar zu suggerieren, man könne auch bei einer noch so sachlichen und umfangreichen Analyse die Zukunft skizzieren. Je weiter diese in der Ferne liegt, desto mehr Eventualitäten kommen dabei ins Spiel. Die Welt verhält sich dynamisch. Gesellschaften ändern sich binnen weniger Generationen. Technologien ermöglichen das zuvor Nicht-Gedachte und hinzu kommt die offensichtliche Tatsache, dass auch Interessen von mächtigen einflussreichen Staaten, Institutionen und Einzelpersonen sich ändern können. Demzufolge können wir anhand einer Möglichkeitsfeldanalyse lediglich die möglichen bzw. wahrscheinlichsten Szenarien ableiten. Es sei bereits im Vorfeld gesagt, dass die nun vorgestellten Szenarien in ihrer reinen Form wohl möglich nicht auftreten werden. Vielmehr wird es einen Mix aus den drei dargestellten Szenarien geben.

 

Die Unwägbarkeiten: Dynamiken der Welt

 

Wir können anhand dieser nun im Folgenden drei vorgestellten Szenarien des NIC jedoch die vorher genannten globalen Trendthemen in Bilder packen, was wiederum zu einer besseren Vorstellung dieser abstrakten Übung dient. Demnach macht auch der Think Tank der United States Intelligence Community (IC) drei sogenannte Unwägbarkeiten, also Eventualitäten aus, die die nächsten 15 bis 20 Jahre beeinflussen könnten.[1]

  1. Innenpolitische Dynamiken:

Es wird zu innenpolitischen Veränderungen kommen, die eine Verschiebung der Macht weg von staatlichen Institutionen, hin zu mehr bürgerlicher Beteiligung führt. Die Menschen in den demokratisierten Ländern werden immer selbstbewusster und fordern ihre oft postulierten Werte sowie Errungenschaften der „Aufklärung“ ein. Politiker werden hier einlenken müssen, um nicht die Bindung zu ihren Gesellschaften zu verlieren. Die Bürger werden mehr Beteiligung erwarten und diese werden sie zunehmend einfordern.[2]

  1. Dynamiken zwischen Ländern:

Durch das zu erwartende schwache Wirtschaftswachstum sowie instabile Finanzsysteme – man denke hierbei auch an einen möglichen Zusammenbruch der Euro-Währung – kann es zu starken Konkurrenzen und Wettbewerb, jedoch auch zu Kooperationen zwischen bestimmten Ländern kommen. Hier können Nationalismus und Regionalismus zunehmend eine Rolle spielen. Ökonomisch kann mit mehr Merkantilismus und Protektionismus gerechnet werden.

  1. Kompromisse zwischen langfristigem und kurzfristigem Denken:

Wie werden welche Regionen und Länder sowie deren Regierungen auf komplexe Fragen wie Klimawandel, digitale Transformation (besser wäre hier das Wort „Revolution“ zu verwenden) und andere globale Probleme reagieren? Werden sie langfristig ausgerichtete und somit nachhaltige Strategien entwickeln oder eher temporär und kurzfristig reagieren?

 

Die drei möglichen Szenarien

 

Der NIC hat drei Szenarien ausfindig gemacht, die zugleich auch wie einzelne Ebenen betrachtet werden können. So schreiben die Autoren des Reports: „Diese Szenarien malen alternative Reaktionen auf die Volatilitäten der nächsten Jahre aus[3].  Es handelt sich dabei um die nationale, die regionale und die transnationale Ebene. Im Folgenden möchten wir einen Überblick über diese drei Ebenen geben.

  1. Die Inseln (Nationale Ebene)

In diesem Szenario sieht der NIC ein Wiedererstarken von Nationalstaaten. Die Weltwirtschaft wird sich aufgrund der o. g. Dynamiken immer mehr renationalisieren.  Ein evtl. Nullwachstum wird in den Bevölkerungen die Frage aufwerfen, ob die Globalisierung noch die Sicherheits- und Wohlstandsbedürfnisse der Bürger befriedigen kann. Eine Abkehr großer Teile der Gesellschaft von der Globalisierung (und damit evtl. einhergehendem Demokratismus – siehe dazu Fußnote 2), wird die Vorstellung über eine Zukunft der globalen Gesellschaft in den Hintergrund abschieben. Das wiederum wird die Instabilität in den Gesellschaften – insbesondere in Hinsicht auf die Bindung zu den politischen und staatlichen Eliten – fördern. Aufgrund der Gefahr, die Gesellschaften und somit auch Produktivkräfte für den Wohlstand der Oberschicht zu verlieren – gar könnte es vereinzelt zu Revolten kommen – werden einige Regierungen sich wieder mehr nach innen richten und ggf. auch den Forderungen nach mehr Nationalismus nachgeben. Dieses Szenario ist von einer Reduzierung multilateraler Beziehungen weltweit gekennzeichnet. Mehr Protektionismus und eine merkantile Wirtschaftsordnung wären die Folge. Allerdings könnten auch andere Volkswirtschaften Wege finden, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln und damit den Wohlstand ihrer Gesellschaft garantieren zu können.

Dieses Szenario ist zudem geprägt…

von einer Zunahme von Ungleichheiten und sozialen Spannungen, die zu einer antiglobalistischen Haltung führen;

von der Verbreitung künstlicher Intelligenz, was zu der Freisetzung von immer mehr Humankapital führt;

einer Verschiebung der Handelsmuster weg von globalen hin zu regionalen und bilateralen Handelsblöcken und Vereinbarungen;

zudem von einem verlangsamten Wachstum der Weltwirtschaft, welche gedrückte Energiepreise nach sich zieht und somit die energieabhängigen Volkswirtschaften (siehe Russland, Naher Osten und Südamerika) zusätzlichen Druck aussetzt, bei gleichbleibender Verstärkung des Wettbewerbs;

des Weiteren die Middle-Income-Trap, in der China[4] und Indien feststecken könnten, weil sie es nicht schaffen ihre Binnenwirtschaft zu stärken;

innenpolitische und wirtschaftliche Abschottung von Europa und den USA, was zu einem allgemeinen Ende der amerikanischen Hegemonie auf den europäischen Vasallenkontinent der letzten Jahrzehnte führen kann;

die Zunahme von Cyber-Attacken, was zu einer Einschränkung des Internets und der Kommunikationsfreiheit führen könnte;

zudem der Klimawandel, was insbesondere die Staaten im Nahen Osten und Afrika unter Druck setzt und sich zu einer massiven Völkerwanderung entwickelt[5];

zu guter Letzt sind globale Epidemien möglich, was wiederum zu dramatischen Einschränkungen hinsichtlich internationaler Reisetätigkeit führen und zugleich der Weltkonjunktur zusätzlich schädigen würde.

  1. Die Orbits (Regionale Ebene)

In diesem Szenario sieht der NIC eine Zukunft voller Spannungen, welche vorwiegend von untereinander konkurrierenden Großmächten ausgehen. Diese streben außenpolitisch nach einer immer größer werdenden Einflusssphäre. Gleichzeitig versuchen sie die innenpolitische Situation möglichst stabil zu halten. Auch dieses Szenario wird von einem zunehmenden Nationalismus und Regionalismus begleitet. Einzelne Regionen erstarken, während sich die USA weitestgehend von der Weltpolitik zurückziehen. Die Truman-Doctrin scheint der Vergangenheit anzugehören. Durch die Zurückhaltung US-Amerikas können insbesondere Russland und China ihren Einfluss auf dem eurasischen Kontinent ausbauen. Sowohl wirtschaftlich, als auch politisch vergrößern diese beiden Großmächte ihren Einfluss auf ihre Nachbarn. Die Instabilität im Nahen Osten dürfte auch dem Iran in die Karten spielen, der sich zunehmend als Ordnungsmacht in der Region beweisen will. Während China danach streben wird, seinen Einflussbereich weiterhin auszubauen, werden regionale Mächte wie Indien und Japan versucht sein, eine eher autonome Politik zu betreiben. Diese Diskrepanzen können zu Spannungen zwischen Regionen führen, was wiederum die Zusammenführung einzelner Staaten und Nationen zu regionalen Machtzentren bewirken könnte. Russland und China werden zunehmend versuchen, auf dem eurasischen Kontinent um die Vormachtstellung zu kämpfen. Ein Eurasien der Regionen und Regionalmächte dürfte in diesem Szenario das wahrscheinlichste sein. In den Jahren zuvor könnten Russland wie China, aber auch Länder wie der Iran ihr Waffenarsenal massiv aufbauen und somit verstärkt mit militärischer Präsenz auftreten. Ein massives Wettrüsten wäre möglich, Handelskriege und auch, dass die USA danach streben, ihren alten Platz in Eurasien zurückzuerobern. Es könnte zu einem Krieg direkt zwischen den USA, ihrer Einflusssphäre und den anderen Großmächten kommen. Ein Atomkrieg mitten auf europäischen Boden ist nicht auszuschließen.

  1. Die Communities (Transnationale Ebene)

In diesem Szenario gehen die NIC-Autoren davon aus, dass die Regierungen auf die Probleme in Wirtschaft, Sicherheit und Wohlfahrt keine hinreichenden Lösungen anzubieten haben. Dies würde zu einer Einflussnahme durch immer mehr Privatpersonen sowie privaten Institutionen führen, die sich dazu berufen fühlen, sich mit an den Verhandlungstisch der Politiker zu platzieren. Die wachsenden Informationstechnologien, insbesondere hinsichtlich künstlicher Intelligenz, könnten zu einem massiven Einfluss von privaten Unternehmen führen, die dadurch zunehmend eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben spielen und somit auch einen stetig wachsenden Streukreis besitzen. Das Regieren innerhalb dieses Szenarios wird zunehmend schwieriger für staatliche Institutionen und Politiker. Der Einfluss privater Machtzirkel wächst mit zunehmender Fortschrittlichkeit. In diesem Szenario können Geldflüsse von privaten Unternehmen gesteuert und kontrolliert werden. Weitab von der Einflusssphäre des Staates partizipieren multinationale Konzerne von der Bereitschaft der Gesellschaft, sich den Annehmlichkeiten der neuen digitalen Welt hinzugeben. Durch die Geschäftsmodelle dieser multinationalen Konzerne wird das Wirtschaftswachstum wieder angekurbelt, was zu zusätzlichem Einfluss führt. Die zunehmend digitale Kommunikation fordert die Staaten heraus. Demonstrationen und Revolten werden an dem Staat vorbei organisiert.

Diese Art des Regierens fällt dabei den liberalen Demokratien leichter, weil sie ohnehin heute schon von multinationalen Konzernen beherrscht werden. Insbesondere in den autoritär geführten Staaten könnte es deshalb zu massiven Anspannungen zwischen der Bevölkerung und den Eliten kommen.

Das Szenario der Communities beschreibt damit eine eher weltbürgerliche und von Privatleuten dominierte Welt, in der nationale, religiöse und kulturelle Interessen zunehmend verschwinden. Im Mittelpunkt steht der Wohlstand möglichst vieler Menschen. Die Staaten also, die lernen in dieser halb staatlichen, halb privatisierten Form zu regieren, werden ihre Wohlfahrt mehren können und damit die zunehmend globalisierte und multikulturalisierte Gesellschaft bei der Stange halten.

 

Eins ist sicher: Die Welt verändert sich drastisch

 

Ganz gleich, welche von diesen Szenarien am wahrscheinlichsten ist, sicher ist auf jeden Fall, dass sich die Welt drastisch verändern wird. Wir leben an der Schwelle zu einer neuen Zeit. Zum einen könnte es passieren, betrachten wir das Szenario der Inseln, dass wir eine Renaissance der Nationalstaaten und Nationalismen erleben. Das wird mit Sicherheit eine andere Form der Nationalismen sein, als wir es noch aus dem 19. Jahrhundert kennen. Viele insbesondere europäische Noch-Nationalstaaten werden bereits heute zu einem großen Teil von nicht-europäischen Gruppen und Minderheiten bevölkert. Es bleibt abzuwarten, jedoch wird die kulturelle Prägung des Nationalstaatsgedankens hier eine signifikantere Rolle spielen. Betrachten wir die Orbits, so entdecken wir auch dort ein Erstarken der Nationalismen. Diese Formen bergen auch Konfliktpotenzial in sich. Dennoch wäre ein moderater Nationalismus, der sich auch einer europäischen oder zumindest teileuropäischen (denken wir hier ein Europa der Räume und Regionen) Dimension öffnet, durchaus möglich. Auch wäre es möglich, dass sich eine Regionalmacht als führende Ordnungsmacht herauskristallisiert. Somit wäre dieser neue europäische Nationalismus eine Alternative zu dem Europa der Nationalstaaten, die sich wie im 19. Jahrhundert gegenseitig bekämpfen.

Aber auch die Realisierung und damit Fortführung der zunehmenden Privatisierung gesellschaftlichen Lebens und gesellschaftlichen Einrichtungen, bis hin zu Infrastruktur und wichtigen Ressourcen (z.B. Wasser), ist ebenso möglich, wie die zuvor genannte Renationalisierung.

Wie wir bereits oben betrachtet haben, wird mit sehr hoher Wahrscheinlich keines dieser Szenarien in seiner Reinform auftreten. Vielmehr wird es ein Ineinandergreifen dieser drei Szenarien geben. Genauso wird die Ausprägung der Szenarien möglicherweise auch regional sehr unterschiedlich sein. Hier sind kulturelle, gesellschaftliche sowie wirtschaftliche Aspekte zu betrachten. Genauso darf die Religion nicht vernachlässigt werden. Dort, wo ähnliche Staatsgebilde und kulturelle wie religiöse Ähnlichkeiten bestehen, kann es daher zu Zusammenschlüssen, auch in Form von einem Orbit kommen. Anders könnten sich gerade liberal-demokratische Systeme genau in das Szenario 3 „Communities“ flüchten, weil ebendiese ein solches Szenario als einzigen alternativlosen Ausweg sehen. Auch auf europäischen Boden ist ein Erstarken von Nationalstaaten möglich.

Jedoch, wie wir alle wissen: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkst!

 

Literaturhinweise

[1] Die nachfolgenden Unwägbarkeiten sind im NIC-Bericht auf den Seiten 90-91 nachlesbar.

[2] Es sei an dieser Stelle noch gesagt, dass der Autor dieser Zeilen starke Zweifel daranlegt, dass diese Eventualität tatsächlich eine globale Dimension besitzt. Zwar ist dieser Trend bereits im Jahr 2019 zunehmend in Deutschland zu vernehmen – denken wir hier an die Postulate auch von immer mehr Rechten, mehr direkte Demokratie einzuführen – doch kann sich dieser Trend genau in das Gegenteil umschlagen, sobald die Bürger sich vom bestehenden demokratischen System vollkommen entfremdet haben. Aufgrund des demokratistischen, d. h. ideologischen Fanatismus der Regierenden in der Bundesrepublik, kann demnach genau das Gegenteil als Lösung für die Gesellschaft wahrgenommen werden. Es kann demnach auch zu der Forderung nach starken Führungsfiguren kommen. Insbesondere hier sieht der Autor die regionalen und geographischen Unterschiede, die nicht unbeachtet gelassen werden dürfen.

[3] NIC (2017), S. 91

[4] Diesen Aspekt hält der Autor für einen nicht unerheblichen in Hinsicht auf den soften Imperialismus, den China anstrebt. Die Lohnschere klafft in China sowie auch Indien zunehmend auseinander, während die Gesellschaft nach Wohlstand dürstet. Das spaltet und macht diese Länder zu Pulverfässern.

[5] Man denke an die Ausmaße seit 2015, welche weitaus überschritten würden.

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