Linker Traditionalismus

von | 10. Aug. 2020 | Debatte

Der nachfolgende Kommentar stammt von dem linken Nationalanarchisten Peter Töpfer, den wir hiermit gerne zur Diskussion stellen. Wir weisen darauf hin, dass die Ansichten des Autors nicht zwangsläufig die der Redaktion widerspiegeln, wollen uns jedoch einer Diskussion zum Thema nicht verweigern. Im Gegenteil versteht sich Gegenstrom als Plattform zum Austausch verschiedener Ideen. Eine echte Debattenkultur in der Rechten zu erzeugen, tut not und ist uns deshalb auch von jeher ein wichtiges Anliegen unserer Redaktionsleitung gewesen.

Ich staune, wie sehr ich an meinen linken Wurzeln festhalte und wie sehr ich Wert darauflege, die Tradition, in der ich mich befinde, zu würdigen. Trotz der Neuerung, die ich glaube zur linken, d. h. emanzipatorischen Bewegung beigesteuert zu haben, und trotz des Verlassens alter Wege werde ich nicht müde, auf meine Vorreiter und Lehrer hinzuweisen, obwohl es ja zur Emanzipation gehört, auch seine Lehrer hinter sich zu lassen: und obwohl ich genau dies tue, liegen sie und die Erinnerung an sie mir am Herzen. Nicht nur, dass ich sie brauche zur Erklärung der Neuerungen – es ist auch eine Frage der Ehrlichkeit, auf sie als die Vorreiter hinzuweisen. Ist diese Art des Ehrens auch mit links vereinbar? Offenbar, ich staune jedenfalls, welche Rolle das für mich spielt. Früher spielte übrigens das Ehren der Helden auf der linken Seite eine große Rolle – wie auch die Tradition. Das alles gibt es heute nicht mehr bei den Linken.

Ich habe den Wert der Tradition relativ spät entdeckt, nämlich als mir sehr klar wurde, wie bedeutsam sie für uns Menschen ist. Kein Beruf, kein Handwerk, kein Wissen generell ist vorstellbar ohne Tradition.

Aber nun spielt die Tradition auch eine große Rolle, wenn es darum geht, dass die Menschen ihre Entfremdung unterbinden und sie selbst werden. Hier hat es großartige Vorläufer gegeben, und selbst Karl Marx hätte seinen Platz in der Geschichte der so verstandenen Emanzipation haben können, wenn er bei der Entfremdungsfrage geblieben wäre und nicht in seinen komischen „historischen und dialektischen Materialismus“ abgedreht und furchtbar darin steckengeblieben wäre. Nur Max Stirner hat ihn dazu gebracht – was ganz sicher nicht Stirners Absicht war. Es war Marxens Unehrlichkeit, die ihn so hat abdrehen und ein ganz übler Gewaltherrschaftsguru werden lassen. Der Sohn von Schriftgelehrten konnte es nicht verknusen, dass der frische deutsche Bürgersohn Caspar Schmidt klüger war als er.

Platz in der Geschichte… Geschichte… – Ist es nicht immer das Ziel der Linken gewesen, die Geschichte zu beenden? Anzukommen in einem Zustand, wo die Geschichte keine Rolle mehr spielt? Und auch ich hänge noch diesem Ziele an: natürlich soll der Mensch – wenn er das will – sich keine Gedanken um irgendetwas Historisches machen. Natürlich soll er auch irgendwann einmal ankommen. Ankommen in einer Welt, in der nicht mehr das gewaltsame Chaos herrscht. Linke, emanzipatorische Philosophen haben schon immer gesagt, dass sie aus der Geschichte aussteigen wollen – wie auch aus der Philosophie. Aber siehe – ich hänge so gesehen immer wieder an der Geschichte und bleibe ihr verhaftet: an der Geschichte der Bestrebungen, die Geschichte zu beenden.

Ist das paradox? Ja und nein. Kann ein Rechter etwas damit anfangen? Müsste er eigentlich. Ich bin mir sicher, dass es auch in der Tradition der Rechten solche Gedanken gibt. Es ist ja inzwischen nichts Neues mehr, dass wir linken Anarchisten sehr den Ultrakonservativen – den sog. Paläokonservativen – ähneln, ja uns eigentlich von denen gar nicht mehr unterscheiden. Wir Linken sind so sehr in uns und auch in die Geschichte zurückgegangen – dorthin, wo wir unsere Wurzeln vermuten, dorthin, wo es, wie wir denken, keine Entfremdung gegeben hat –, dass wir zwangsläufig dort landen mussten, wo die Paläokonservativen schon auf uns warteten. Nur sind wir dann noch weiter zurückgegangen als diese…

Die Menschen und deren Kultur, von denen wir denken, dass sie unsere Wurzeln sind und in deren Tradition wir stehen – die Ureuropäer, die Prä-Indoeuropäer –, denen war, so denken wir, der Begriff „Geschichte“ unbekannt. Und sie lebten, so vermuten wir, in der Gegenwart – „in den Tag hinein“. Wenn wir so leben möchten wie diese, dann, so denken wir, steigen wir also ganz automatisch aus der Geschichte aus; dann verlassen und vergessen wir die Geschichte, so wie wir in diese leider eingestiegen, hineingeraten sind. Das ist doch logisch, oder? Ich kenne die rechte Literatur nicht gut genug, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch dort das Ideal des Gegenwärtigseins, der Zukunfts- und Vergangenheitslosigkeit gibt.

Jemand, von dem ich allerdings weiß, dass er diese Problematik sehr genau kannte, war der „rechte“, jedenfalls von Rechten verehrte Ernst Nolte. Zu nennen ist da vor allem sein Buch „Historische Existenz. Zwischen Anfang und Ende der Geschichte?“ aus dem Jahre 1998. Ich kenne aber aus meinem persönlichen Umfeld keinen einzigen Rechten (ich habe seit vielen Jahren Kontakt zu vielen Rechten), mit dem Nolte korrespondiert hätte. – Mit mir sehr wohl! (1) Nolte hatte ein deutliches Faible für die Linken; er wusste genau, was diese wollten, und – mehr oder weniger heimlich, das weiß ich nicht so genau – hat er mit ihnen sympathisiert. Auch er hat ganz sicher mit dem Ausstieg aus der Geschichte geliebäugelt; in dem genannten Buch geht es genau darum. Soweit ich mich erinnere, geht aus dem Vor- und aus dem Nachwort hervor – also aus dem Anfang und aus dem Ende des Buches –, dass er sich den ganzen Mittelteil, also das eigentliche Buch, hätte sparen können.

Ernst Nolte hat die Problematik, ich möchte sagen: die Widersinnigkeit, ja das Dilemma und das Elend, die Grausamkeit der „historischen Existenz “zu gut beschrieben. Aber er wusste auch, was die Geschichte ganz konkret für den Einzelnen bedeutete: seelische Qual und Entfremdung. Nolte sprach u. a. vom „Ineinander von Verbot und Übertretung“, das zur „historischen Existenz“ gehöre, wusste also ganz genau, wie sehr uns unsere patriarchale Kultur in die Persönlichkeitsspaltung und in die Doppelmoral treibt: „Nur in seltenen Fällen findet der Trieb, zumal bei Männern, in der individuellen Beziehung sein Genüge, denn er ist schweifend (…). Aber auch unabhängig von dieser Natur unterliegt die ‚naturmoralische Gesellschaft’ Sprengkräften, die mächtiger sind als die Gebote und Verbote.“ (2)

Ernst Nolte kannte die prähistorischen Völker zu gut, als dass er nicht große Sympathien für sie haben musste. Und wenn er diese vorgeschichtlichen Völker mit so viel Empathie beschrieben hat – liegt es dann nicht auf der Hand, dass er wollte, dass wir wieder – nach der Geschichte – in so einen Zustand kommen? War er nicht auch ein Erzkonservativer? Ist ein Paläokonservativer nicht der, der so weit in die Geschichte zurückgeht, bis er an einem Zustand angelangt ist, wo er sagt: hier geht es nicht weiter, hier möchte ich sein, das möchte ich konservieren, das lohnt sich wirklich zu tradieren? War Nolte vielleicht nicht auch ein Anarchist, der wusste, dass der glückliche Zustand sich von selbst tradiert und immer wieder konserviert? Über wieviel Tausend Jahre hinweg haben sich die Ur-Kulturen der Welt kein bisschen verändert?

Worin liegt überhaupt der Unterschied zwischen linken und rechten Traditionalisten, zwischen Anarchisten und Paläokonservativen? Das Ideal der Konservativen ist die Kultur unmittelbar nach, das Ideal der Anarchisten die Kultur vor der neolithischen Revolution: Diese ist für den Anarchisten der Einbruch der Barbarei; hier begann der ganze Jammer, das ganze menschliche Elend. Hier begann aber auch die sog. Hochkultur mit Schrift, Intellektualität – Staat. Die Geschichte entstand. Das kann man gut bei Ernst Nolte nachlesen. Anarchisten wollen zurück in diese Kulturen, in die Ur-Kulturen. Erst dort, bei der Ur-Wurzel, hören sie auf, Kritiker und Veränderer zu sein.

Auf der konservativ-revolutionären Webseite Gegenstrom.de heißt es im programmatischen Text „Neue Blickwinkel“: „Es ist an der Zeit, tatsächlich radikal zu denken. Das heißt, an die Wurzel zu gehen. Das heißt, von der Wurzel ausgehend neue Wege zu suchen.“ (3)

Und ein Mann wie Alexander Dugin weiß das auch alles sehr genau. Dugin war Punk, das kriegt er nie wieder los. Auch er kennt die Ur-Kulturen zu gut… Bei Alexander Markovics heißt es: Aufbauend auf den Forschungen von Marija Gimbutas und Johann Jakob Bachofens nimmt Dugin an, dass das prä-indoeuropäische Europa von diesem beherrscht wurde. Als 3000 v. Chr. die Indoeuropäer begannen, den Dnjepr in Wellen zu überschreiten und mit ihren Pferden und Streitwägen im paläoeuropäischen Reich der Kybele einzufallen, unterwarfen sie nicht nur die dortige Zivilisation, deren Zentrum am Balkan angenommen wird, wo auch die Landwirtschaft in Europa begann, sondern zwangen den unterworfenen Menschen auch ihre Ideologie auf.“ (4)

Ein Linker, ein Anarchist wie ich, der übt auch die Schrift, ja, aber er sieht das alles sehr kritisch; Bücher sind für ihn nicht das Nonplusultra. Der mag Schriften, in denen begründet wird, warum wir nicht mehr so viel schreiben und eher leben sollten; der mag Bücher, die das einzige Buch oder das letzte Buch des betreffenden Autoren waren, die mit ihrem Buch aus der Geschichte des Bücherschreibens herausgefallen sind, so wie es einem Max Stirner passierte. So eine ehrliche Haut, dieser Max Stirner!… So unkorrupt!

Stirner hat sich ausgerechnet mit den radikalsten Linken seiner Zeit angelegt – diese waren ihm nicht radikal genug. Wenn ein Rechter die Absicht äußert, Stirner lesen zu wollen, denke ich immer: der Arme… Ein Rechter kann sein Buch „Der einzige und sein Eigentum“ gar nicht verstehen, so sehr steckt Stirner in der Debatte mit den linkesten der Linkshegelianer, den kritischsten der Kritiker, den emanzipatorischsten der Emanzipatoren, den freiesten der Freien… Und er hat ihnen unwiderlegbar nachgewiesen und ins Stammbuch geschrieben, dass sie unfrei (besser: uneigen) waren!, dass sie, die angeblichen Religionskritiker und -abschaffer, einer Religion anhingen – die der Menschlichkeit.

Die Linken damals waren total perplex. Feuerbach und Engels waren begeistert. Aber es dauerte überhaupt nicht lange, da pfiff Marx den guten Friedrich zurück, und die Linke ging auf Distanz zu Stirner, ja verdrängte ihn vollständig. Diese Verdrängungsarbeit leistete Marx mit seinem „Sankt Max [Stirner]“ (5) – einem riesigen Text, den er sich nie traute zu veröffentlichen! (Das Buch Stirners war nur aus dem Grunde voluminös geraten, weil ab einer gewissen Seitenzahl die Zensur umgangen werden konnte; Marxens Buch war dann dreimal so dick wie der „Einzige“! Eine Zensur hatte er nicht zu befürchten.) Darin, in diesem Nicht-Veröffentlichen, lag das Abschließen mit Stirner, das Unterwinden – die Verdrängung. Diese Verdrängung wurde betoniert mit dem albernen „dialektischen Materialismus“. Aber immer noch träumte Marx vom Ende der Geschichte. Diese werde aber erst beendet, wenn die Gesellschaft so weit sei. Dann fiele der Staat weg und wir würden aus der Geschichte aussteigen. – Stirner war da schon längst ausgestiegen. Das konnte sich Marx absolut nicht vorstellen! Er war die Geistesgröße, für ihn fing die Schreiberei jetzt erst richtig an – wo Stirner längst schon einer ehrlichen Arbeit nachging. (Er hat ein Milchhandelsgeschäft aufgemacht: Milch von Bauern aus dem Berliner Umland nach Berlin reingebracht – wie es die Legende will –, hat dabei den Milchwagen erfunden, den dann Bolle übernommen hat. Leider hat Bolle dann Erfolg damit gehabt, nicht Stirner. Der Sprung vom Intello zum Gewerbetreibenden war wohl zu groß für den Pionier.) Für Marx dagegen war das Ende der Geschichte, das Ende des Intellektuellen, eine Sache für den Sankt-Nimmerleins-Tag. Erst mal musste die „Diktatur des Proletariats“ errichtet werden und andere Scherze. – Ein Irrsinn!

Nein, aus der Geschichte wird instantly oder gar nicht ausgestiegen. Marx war ein Vollidiot.

Und die Linken blieben ab diesem Moment Vollidioten. Die Linken vor Stirner waren noch einigermaßen ehrlich; sie wussten es bis dahin nicht besser. Aber die Linken danach hätten es wissen können – wenn sie ehrlich gewesen wären. Die Linken nach Stirner waren nur noch Idioten – bzw. eben keine Idioten, denn Idiot heißt ja bekanntlich „der Eigene“. Stirners Buch hätte tatsächlich genauso gut „Ich, der Idiot“ heißen können. Die Linken nach Stirner waren nur noch im besten Falle Trottel – im schlechten Falle linke Gesellen und Verbrecher. Es mag Ausnahmen gegeben haben, etwa Landauer, der sowohl Stirnerianer als auch völkisch war, aber da kenne ich mich nicht genug aus.

Das Ganze linke Projekt der Aufklärung ist eine Geschichte von Fortschritt und Rückschritt, von Unehrlichkeit und Verrat an der intellektuellen Redlichkeit, Verrat an sich selbst – Verrat an der Aufklärung. Rückschritt ist hier natürlich das Positive: zurück in die Vorgeschichte; fortschreiten heißt davonfliegen: ins Sankt-Nimmerlein-Dasein entfleuchen. Die Rückschrittlichen waren Lamettrie und Stirner, die Hinwegschreitenden und Verräter an der Aufklärung waren Voltaire, Diderot, Lessing, Marx, Nietzsche et al. Zu den Rückschrittlichen zählten aber auch viele der Gegen-Aufklärer: diese waren eigentlich aufklärerischer als die Aufklärer, nur hätten sie sich – jetzt kommen wir darauf zurück – in die Tradition der Aufklärung stellen sollen, das wäre logischer gewesen. Sie haben Licht in die Aufklärung gebracht: also war es Aufklärung. Wie kann man freiwillig das Unsichtbare dem Sichtbaren, das Nicht-Sehen dem Sehen vorziehen? Soll das ernst gemeint sein?

Einigermaßen erkannt und verstanden wurde Stirner viel eher von Rechten. Bernd A. Laska hat ein Buch geschrieben, in dem er zeigt, was für Stirner-Fans die rechten Helden von Bismarck über Jünger bis Carl Schmitt waren. Sie waren Stirner näher als die Linken, wenngleich auch sie sich vor ihm zurückgezogen oder ihn trivialisiert haben. Und es war ein Konservativer – Panajotis Kondylis –, der noch in unserer Zeit viel mehr von der Aufklärung und vom wahren Linkssein wusste als die falschen Aufklärungstraditionalisten (Habermas & Co.).

Lamettrie, Stirner, [Wilhelm] Reich (LSR) (6) – an diese Tradition sollte die Linke, sollten die Aufklärer anknüpfen. Ich mache es jedenfalls. Das ist der rechte Weg.

Literaturhinweise

(1) http://peter-toepfer.de/Stimmen/Nolte/nolte.html

(2) Ernst Nolte, „Historische Existenz. Zwischen Anfang und Ende der Geschichte?“, München Zürich 1998, S. 457; siehe auch http://nationalanarchismus.de/Nationalanarchismus/Auto-_9/Vaterschaftsluege1/Vaterschaftsluege2/Vaterschaftsluege3/vaterschaftsluege3.html

(3) https://gegenstrom.org/gastbeitrag-neue-blickwinkel/

(4) Siehe: Die Noomachie: Europas Wurzeln im Kampf der Geister von Alexander Markovics: https://gegenstrom.org/die-noomachie-europas-wurzeln-im-kampf-der-geister/?fbclid=IwAR2krLRnM_RHKX-ObUVHk8Nex0zFMU_lzE5UwDNbC4CxTXnHS9rYqzrGiOk

(5) Die deutsche Ideologie: http://www.mlwerke.de/me/me03/me03_101.htm. Die ersten Absätze des „Sankt Max“ haben es voll in sich! Instinktsicher hat Marx Stirner eigentlich verstanden. Ich werde darauf zurückkommen.

(6) www.lsr-projekt.de

 

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