Evolution als politischer Leitgedanke

von | 21. Dez. 2020 | Debatte, Philosophie & Theorie

Lars Steinke liefert mit dieser Abhandlung einen Grundstein für eine wichtige Debatte innerhalb der Rechten und fordert zugleich seine Leser dazu auf sich in dieselbe einzubringen. Ist die kulturelle Evolution immer eine automatische „Verbesserung“ menschlichen Zusammenlebens? Dient der Fortschritt dem Menschen zur Befriedigung seines Hochmutes oder verbessert er objektiv das gesellschaftliche Leben? Was ist überhaupt eine Verbesserung und wie drückt sie sich aus? Geht auch unsere Kultur einem schicksalshaften Untergang entgegen, wie es Oswald Spengler einst in seinem „Untergang des Abendlandes“ beschrieben hat? Diese und viele andere Fragen wirft Lars Steinke hiermit auf und lädt damit zu einer Diskussion ein, die bereits unsere Vordenker und Altvorderen beschäftigten. Wohin führt der Fortschritt in Wissenschaft und Technik? Was halten Sie davon? Was glauben Sie? Schreiben Sie uns einen Kommentar oder unter info@gegenstrom.org! Unser Autor antwortet Ihnen gerne auf Ihre Anmerkungen oder Fragen. Gerne veröffentlichen wir auch Ihren Artikel. Eine Debatte zu diesem wichtigen Thema tut in jedem Fall not. Die Redaktion

Evolution – Von Politik und Gesellschaft verkannt

„Alles, was gegen die Natur ist, hat auf die Dauer keinen Bestand“ ist ein Zitat welches Charles Darwin, dem Begründer der Evolutionsbiologie zugeschrieben wird. Doch so unbestritten dieser Gedanke und die darauf fußende Evolutionstheorie heutzutage in der Wissenschaft auch sein mag, umso heftiger und vehementer wird das Evolutionsprinzip in den Sphären außerhalb der Naturwissenschaften missachtet und im Bereich des Politischen sogar bekämpft.

Dabei dürfte dem aufmerksamen Beobachter der Ereignisse der letzten drei Jahrzehnte – insbesondere jedoch denen seit 2015 – nicht entgangen sein, dass, trotz gegenteiliger Beteuerungen von einem Teil der politischen Rechten, eine herausragende Anzahl unserer gesellschaftlichen Probleme auf ethnische Konflikte zurückzuführen ist. In welchem Maße die Evolution und unsere tiefsitzenden natürlichen Ängste gerade in der Thematik der andauernden Zuwanderung eine Rolle spielen, lässt sich an der medialen Wahrnehmung und Darstellung der Einwanderung bereits erahnen:

Junge männliche Migranten: der Diskurs um Integration“

„‘Jung, männlich, muslimisch‘“

„Flüchtlinge: Warum vor allem Männer nach Deutschland kommen“.

Die Antwort darauf, weshalb gerade diese Eigenschaften der Einwanderer derart hervorgehoben werden, ist so simpel wie offensichtlich: Weil wir das genaue Gegenteil darstellen – Deutsche sind weder besonders jung (der Durchschnittsdeutsche ist 45,6 Jahre alt), noch sind wir besonders männlich (die jahrzehntelange Peinigung durch Feministen und Zeitgeistpresse hat dies den meisten deutschen Männern gründlich aberzogen) – und ein solches Ungleichgewicht in Vitalität und Wehrkraft ruft nun einmal tiefsitzende evolutionäre Urängste vor der Unterwerfung und Vernichtung hervor. Dass selbst die Zeitgeistpresse Artikel mit derartigen Titeln fabriziert, zeigt auf, dass auch ihnen – zumindest unterbewusst – klar ist, dass dieser Zustand langfristig ein existenzielles Problem für unsere Gesellschaft darstellt. Ganz gleich also ob politische Rechte, Normalbürger oder sogar linksgrüne Weltverbesserer; allen ist auf irgendeine Weise klar: Auf dem aktuellen Wege werden wir Deutsche „auf die Dauer“ die Evolutionsverlierer sein.

Einwanderungspolitik ist jedoch nur ein politisches Feld von vielen, das näher an der Biologie gedacht werden muss. Der Mensch als biologisches Lebewesen folgt nun einmal ebenfalls bestimmten natürlichen Mustern und ist damit genauso beschränkt in seinem Handeln wie jedes andere Lebewesen auch. Die Möglichkeiten sind zwar durchaus um ein Vielfältiges größer als bei jedem anderen Tier, aber dennoch existiert der Mensch weder völlig unabhängig von der Natur, noch ist er ein gottgleiches Überwesen. Die Konsequenzen einer Politik, die diesem biologischen Gedanken der artgerechten Gesellschaftsgestaltung nicht folgt, lassen sich am Ausmaß der Verbreitung nihilistischer Einstellungen und den damit einhergehenden psychischen Volkskrankheiten wie Depression und dem sogenannten „Burnout“ (dt.: Ausbrennen) ausmachen. Daher darf das logische Argumentieren und rationale Denken, das Anwenden von Erkenntnissen und systematischen Überlegungen, nicht weiter bloß auf die Naturwissenschaften begrenzt bleiben, sondern muss genauso im Zusammenhang mit der Gesellschaft und dem Menschen als oberste Maxime angewandt werden. Und da das Überleben, das Fortexistieren grundlegendstes Ziel einer jeden Spezies und damit auch des Menschen ist, muss auch die Politik immerzu an erster Stelle diesem Ziel dienen.

Kulturelle Evolution – Des Menschen Fluch und Segen

Da sich die menschliche Evolution von der tierischen zwar nicht grundsätzlich, aber dennoch in wichtigen Aspekten deutlich unterscheidet, besteht eine „Evolutionäre Politik“ aus mehr als schlichtem Schutz vor physischer Bedrohung oder Auslöschung. Das Element, das den Menschen am deutlichsten charakterisiert und von der Tierwelt unterscheidet, ist seine Anpassungsfähigkeit. Diese Anpassungsfähigkeit beschränkt sich aber nicht bloß auf die Anpassung an die Lebensumstände – die Bedrohung durch Räuber und Krankheiten oder die klimatischen und geographischen Bedingungen – sondern beinhaltet vor allem auch seine gesellschaftliche Anpassungsfähigkeit. Damit ist nicht gemeint, dass der Mensch sich an unterschiedliche Gesellschaften und deren Regeln anpassen kann (dies würde in einer archaisch-vorgeschichtlichen Zeit auch keinen Sinn ergeben), sondern die Wandlungsfähigkeit menschlicher Gesellschaften durch Kulturelle Evolution.

Je nachdem vor welche Umstände und Herausforderungen das jeweilige menschliche Gruppengefüge gestellt wird, der Mensch ist in der Lage innerhalb dieser Gruppe problemspezifisch allgemeingültige Regeln zu fixieren und durchzusetzen. Am deutlichsten wird diese Flexibilität am Sexualverhalten. Während im Falle der allermeisten Tierarten das Sexualverhalten (Beispielsweise ob sich polygam oder monogam fortgepflanzt wird) genetisch festgesetzt ist, kann sich dies beim Menschen je nach gesellschaftlicher Problemlage und der daraus hervorgehenden Kultur unterscheiden. Der Gegensatz von indogermanisch geprägtem monogamen Eheverständnis in Europa einerseits und arabisch geprägtem polygamen Eheverständnis in der islamischen Welt andererseits bilden ein prägnantes Fallbeispiel hierfür. Ein weiteres Beispiel stellt Kannibalismus dar: In den allermeisten Kulturen ist Kannibalismus nicht bloß verpönt, sondern völlig geächtet und verboten. Dennoch gibt es seltene Fälle von Kulturen in denen sich Kannibalismus sogar als fester Bestandteil der Gesellschaft in Ritualen etablieren konnte; so beispielsweise in den Regenwäldern Papua-Neuguineas geschehen.

Diese Art von Evolution ist es, die den Menschen derart erfolgreich werden ließ. Dass sich einzelne Individuen einer Spezies neuem Lebensraum anpassen können ist wichtig, aber wenn sich diese Spezies in Form einer ganzen Population vor neuartige Probleme gestellt sieht – gleich ob von außen hervorgerufene oder von innen verursacht – und sie sich diesen dann nicht auch als Ganzes anpassen kann, stirbt sie dennoch aus. Die Messeinheit der Evolution ist letztendlich nicht das Individuum, sondern die Gruppe – die Gesellschaft – die Population. Und nur dort kann Evolution stattfinden – so auch im Falle der menschlichen Kulturellen Evolution. Der Schlüssel zur menschlichen, biologischen Evolution, der herausragenden Anpassungsfähigkeit des Menschen und damit auch seiner beispiellosen weltweiten Dominanz liegt also in der „Kulturellen Evolution“ verborgen. Biologische Evolution, die Veränderung von Genen und den dadurch fixierten natürlichen Verhaltensmustern, ist ein zeitintensiver und träger Prozess, der abertausende Jahre veranschlagt, um größere Veränderungen hervorzubringen. Eine Spezies hingegen, die gar keine genetisch festgeschriebenen natürlichen Verhaltensmuster aufweist, kann schlicht nicht existieren: Ohne ein fixiertes Sexualverhalten kann beispielsweise auch keine Nachkommenschaft gezeugt werden. Erst durch die Entwicklung eines starken Sozialgeflechtes konnte ein Abweichen von diesen beiden Extremen gelingen. Damit wurde es dem Menschen schließlich erst möglich, in Kombination mit einer genetischen Flexibilisierung der natürlichen Verhaltensmuster, Kultur und damit auch kulturell festgelegte Verhaltensweisen zu erschaffen, die ihm eine zielgerichtete Anpassung an seine Lebensumstände erlaubt, ohne einen langen biologischen Evolutionsprozess durchlaufen zu müssen.

Dass sich der Mensch durch kulturelle Entwicklung und daraus hervorgehende Anpassung unabhängiger von festen genetischen Verhaltensmustern entwickeln kann, bedeutet jedoch weder, dass er nun gänzlich frei von biologischen Begrenzungen ist, noch, dass die Kulturelle Evolution völlig folgenlos für die biologische Evolution bleibt. Ganz im Gegenteil: Es besteht sogar eine enge wechselseitige Beziehung zwischen beiden. Die Ausprägung der Kultur und die Verhaltensmuster, die damit festgelegt werden, haben hierdurch auch immer einen Einfluss auf die Eigenschaften – und damit auch auf die Gene – die bevorzugt werden und sich langfristig unter diesem kulturellen Einfluss durchsetzen. Der häufig anzutreffende Irrtum, dass eine „weit“-entwickelte Form von Kultur der Biologie sogar überlegen sei, hat in der Geschichte der Menschheit bereits etliche uns bekannte – und darüber hinaus wahrscheinlich noch viele weitere unbekannte – Hochkulturen in die vollständige (Selbst-)Zerstörung getrieben.

Das für uns wohl prägnanteste Beispiel eines solchen Unterganges dürfte das Römische Reich darstellen – verdanken wir ihm und seinem geschichtlichen Nachhall doch einen großen Teil unserer kulturellen Entwicklung der letzten 2000 Jahre. Die Römer nahmen in grenzenloser Selbstüberschätzung an, dass das zivilisierende Moment ihrer Kultur und die Strahlkraft ihres Reiches ausreichen würde, um – wie bereits bei den Galliern und anderen verwandten Völkern geschehen – diese zu bändigen und langfristig als Gefahr auszuschalten. Dass dies auf die Dauer eben nicht funktionierte und das Römische Reich unter dem Ansturm der Völkerwanderung(-en) zusammenbrach – das ist Geschichte. Die Gründe hierfür werden bei genauerer Betrachtung rasch ersichtlich. Bereits unter Augustus (also im Zeitraum um die Zeitenwende) wurden Gesetze erlassen, die gegen den Geburtenrückgang der Römer gerichtet waren, während zur selben Zeit im Militär nur römische Bürger als Legionäre dienen durften – auch wenn es selbstverständlich zusätzlich zu diesen nicht-römische Hilfstruppen gab. Der römische Geburtenrückgang im Zusammenhang mit andauernden (teilweise hohen) Verlusten an Legionären, hat Rom somit langfristig seiner biologische Grundlage beraubt: Das römische Bürgerrecht musste also folglich immer weiter geöffnet werden, um diese Verluste auszugleichen, wodurch im Laufe der Zeit selbst „Barbaren“ aus nicht-römischen Gebieten Bürger werden konnten. Es wurde somit für frühere „nicht-Römer“ stetig leichter höhere Positionen zu erreichen, bis schließlich selbst die Kaiser nicht mehr von den ursprünglichen Römern gestellt wurden. Der römischen Politik, als ausführendem Mittler der dahinterstehenden Gesellschaft und Kultur, ist es nicht gelungen diese durch Gesetze in eine Richtung zu lenken, die ein biologisches Überleben der Römer als Abstammungseinheit ermöglicht hätte. Ganz im Gegenteil hat sich die römische Kultur mit der Zeit offensichtlich in die genau gegenläufige Richtung entwickelt, was spätestens durch die politische Öffnung des römischen Bürgerrechtes greifbar wurde.

Der Ausgangspunkt unseres Überlebens – Wissenschaft

Die Kulturelle Evolution ist sowohl die größte Stärke der Menschheit als auch ihre größte Schwäche. Sie ist der Grund; sie hat erst ermöglicht, dass der Mensch überhaupt zur weltweit dominierenden Spezies werden konnte. Sie ist der Ausgangspunkt unserer unvergleichlichen Erfolgsgeschichte und doch auch gleichzeitig Ausgangspunkt katastrophaler gesellschaftlicher Niedergänge. Dieser Umstand erklärt auch, aus welchem Grund es der Menschheit derart schwer fällt aus dem zyklischen Muster vom Aufstieg und Untergang der Kulturen auszubrechen. Würden wir den Grund für den Niedergang beseitigen, so würden wir auch den Grund für den Aufstieg zerstören. Dies bedeutet allerdings nicht, dass wir – so wie es Oswald Spengler in seinem „Untergang des Abendlandes“ auffasste – diesem Zyklus hilflos ausgeliefert sind: In der Menschheitsgeschichte sind etliche Kulturen diesem Kreislauf gefolgt, ohne auch nur annähernd eine solche Stufe der Entwicklung erreicht zu haben, wie die unsere heute. Selbst die chinesische Hochkultur, die Jahrtausende überstand und bis vor wenigen Jahrhunderten die fortgeschrittenste der Erde darstellte, hat den entscheidenden Schritt zur Weiterentwicklung nicht selbstständig vollbringen können. Erst die beispiellose und von Europa ausgegangene Industrialisierung ermöglichte das Durchbrechen des Zyklus und den bis heute anhaltenden Entwicklungsprozess. Ausgangspunkt für diesen Präzedenzfall der Geschichte war die Wissenschaft und das rationale Denken: Erkenntnisse und Überlegungen, geboren aus Reflexion, Analyse und Systematisierung, waren die Faktoren, die es uns und unserem Kulturkreis überhaupt erst ermöglichten, einen derartigen Entwicklungsschritt zu vollziehen. Wir sind nicht mehr dazu verdammt darauf zu warten, dass sich mehr oder weniger zufällig günstige kulturelle Entwicklungen vollziehen oder wir – im Falle ungünstiger Entwicklungen – eben untergehen. Wir sind in der einzigartigen Lage, dass wir über die Fähigkeiten, die Strukturen und die Kapazitäten verfügen Ursache und Wirkung zu untersuchen und zu erkennen was evolutionär vorteilhaft ist und was nicht. Wir können erforschen und herausfinden – oder wissen sogar bereits – wo unsere eigenen biologischen Grenzen verlaufen und was unsere natürlichen Verhaltensmuster sind, wie Kultur entsteht und sich verändert und wie dieser Prozess beeinflusst werden kann. Um zu verhindern, dass unsere Gesellschaft den Weg der Römer, den Pfad des spenglerschen Kulturkreislaufes und biologischen Endes folgt, gilt es also dem Vorbild unserer Vorfahren zu folgen und uns unseres Verstandes zu bedienen, indem wir zunächst reflektieren welche Ursachen uns in diese kritische Lage brachten, anschließend analysieren woraus im Detail das Problem besteht und wie dieses zu lösen ist und schließlich systematisieren auf welchem Weg die Lösung zu erreichen und wie durchzuführen ist. Kurz gesagt: Indem wir durch rationale Gedanken und wissenschaftliche Methoden das biologische Überleben unserer Gesellschaft sicherstellen. Nur wenn wir dies schaffen und unser Vorgehen, unsere Politik und unsere Gesellschaft zukünftig im Bewusstsein von Evolution und menschlicher Biologie gestalten, werden wir in der Lage sein das drohende Ende, die bevorstehende Vollendung unseres Kulturzyklus und den buchstäblichen Untergang des Abendlandes abzuwenden.

4 Kommentare

  1. Ein Text, über den es sich wirklich lohnt zu diskutueren. Deshalb beginne ich jetzt die
    gewünschte Deatte.
    „Das Element, das den Menschen am deutlichsten charakterisiert und von der Tierwelt unterscheidet, ist seine Anpassungsfähigkeit.“ Das ist sicher der größte Irrtum dieses Textes. Wir passen uns nicht der Natur an, sondern: Kleider wärmen uns und nicht ein natürliches Fell, wir wohnen in künstlich geheizten Räumen und essen Gekochtes. Der Wille zur Naturbeherrschung ist also das den Menschen Charakteristische. Der Untergang der Titanic zeigt aber, daß unsere Beherrschung manchmal deizitär ist. Daß man aber mit einem Maschinengewehr viel mehr Menschen töten kann als mit einem Stein, zeigt die Ambivalenz des technischen Fortschrttes an, denn diesem folgt nicht notwendig ein sittlicher.
    Der Kampf des Bürgrtumes gegen die Vorherrschaft des Adels hat nichts mit Evolution zu tuen und der Sieg der Französschen Revolution war so auch kein evolutionärer Fortschritt. Wenn jetzt Ethnien die Vorherrschaft des „Weißen Mannes“ bekämpfen mit der Ideologie des Antirassismus, dann ist das nur ein weiteres Beispiel des Willens zur Macht (Nietzsche), der auch mit dem Mittel der Moral, dem Narrativ vom „Bösen Weißen“ kämpft. Wie einst Adelige sich dem revolutionären Bürgertum anschlossen, so jetzt auch Weiße der antirassistischen Ideologie. Ideologisch-weltanschauliche Kämpfe, soziale und ethnische sind so kulturelle Phänomene, die nicht naturwissenschaftlich begriffen werden können.

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    • Die Auffassungen und Beobachtungen über die beschriebenen Sachverhalte und Beispiele kann ich vom Anfang bis zum Ende teilen und sehe darin keinen Dissens zu meinem Text. Ob es hier nämlich „Anpassungsfähigkeit“ – in dem Sinne, dass der Mensch die Natur an sich anpasst (denn auch in diese Richtung ist Anpassung verstehbar) – genannt wird oder aber „Wille zur Naturbeherrschung“, das ist einerlei. Gemeint wird auf beiden Seiten letztendlich dasselbe. Der Artikel bezieht sich im Anschluss lediglich auf die daraus erwachsenden gesellschaftlichen Konsequenzen und eben nicht auf die physischen, so wie der Kommentar. Aus diesem Grund – und damit auch zum besseren Verständnis des Artikels – wurde die ursprüngliche Bezeichnung für diese Fähigkeit gewählt und eben nicht eine andere. Der einzige – dabei aber große – Unterschied zwischen Artikel und Kommentar liegt in der von Ihnen am Ende gezogenen Schlussfolgerung, der ich hier jedoch deutlich widersprechen muss:

      Das große Missverständnis unserer Zeit ist nämlich, dass nur Naturwissenschaften, bzw. das was als naturwissenschaftlich empfunden wird, – nämlich vermeintlich klare Nachweise von (meist physikalischen) kausalen Zusammenhängen und Wirkungen – Wissenschaft ist.
      Das ist allerdings ein Irrtum. Genau wie es ein Irrtum ist, dass Naturwissenschaften immer völlig eindeutige Belege für solche Zusammenhänge und Wirkungen finden können. Oft ist es auch in den Naturwissenschaften so, dass Daten interpretiert werden müssen und Zusammenhänge nicht so klar sind, wie sie letztendlich in der Allgemeinen Wahrnehmung erscheinen. Der Unterschied ist bloß, dass es durch technische Anwendungen einen vermeintlichen – und wahrscheinlich auch tatsächlichen – Beweis gibt, dass die vermuteten Zusammenhänge korrekt sind. Das heißt das Ergebnis bestätigt in der Naturwissenschaft die Vermutung.
      Letztendlich basieren diese Ergebnisse jedoch auf denselben Methoden (also Logik, Statistik, Ausschlussverfahren, etc.) wie in den geisteswissenschaftlichen Fächern auch. Die Anwendung der Ergebnisse ist jedoch in – beispielsweise – der Sozialwissenschaft wesentlich schwieriger, komplexer und langwieriger als in den Naturwissenschaften, weswegen geisteswissenschaftliche Erkenntnisse im Vergleich oftmals nicht besonders anschaulich oder intuitiv erfassbar wirken. Dieser Umstand sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die Geisteswissenschaften nützliche Erkenntnisse hervorbringen können. Genauso wie durch die Beobachtung von Tieren – zu erwähnen sind an dieser Stelle insbesondere unsere nächsten Verwandten die Affen und Menschenaffen – Verhaltensmuster und Gruppendynamiken entdeckt werden können und dadurch Vorhersagen über das Verhalten möglich werden, so ist dies selbstverständlich auch beim Menschen der Fall.
      Die Frankfurter Schule um Adorno und Horkheimer ist ein herausragendes Beispiel hierfür: Sozialwissenschaftliche Erkenntnisse – allem voran aus Max Webers Arbeiten entnommen – wurden analysiert und in das ideologische Fundament der neuen Linken eingewoben, um damit in einem über Jahrzehnte andauernden Prozess langsam unsere Gesellschaft von innen anzugreifen und zu zerfressen. Das Ergebnis: Der heutige selbstzerstörerische Geisteszustand unserer Gesellschaft. Die Erfolge von Links beweisen an dieser Stelle – genau wie in den Naturwissenschaften die technischen Anwendungen – dass Gesellschaft und Kultur durch wissenschaftliches Begreifen und Vorgehen durchaus erfassbar und formbar sind.
      Dass die Geisteswissenschaften in Verruf geraten sind, hat lediglich mit den ungeistigen akademischen Spätgeburten der Frankfurter Schule zu tun, die selbstverständlich nicht mehr – wie einst ein Adorno – in der Lage sind, wissenschaftlich zu denken und vorzugehen. Stattdessen handeln sie als rein ideologische „Bots“, was aber eben nichts mit einer vermeintlichen Unwissenschaftlichkeit der Geisteswissenschaften allgemein oder gar einer Unmöglichkeit der Analyse von gesellschaftlichen Prozessen zu tun hat – auch Gesellschaft, Kultur und Ideologie unterliegen selbstverständlich Regelmäßigkeiten und sind damit durch die Methoden der Wissenschaft begreif- und analysierbar!

      Anmerkung zu „Bot“: Ein Computerprogramm, das meist kleine aber häufig auftretende Fehler behebt oder automatisiert Aufgaben erfüllt.

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  2. Der Untergang einer Population/Kultur geschieht entweder wenn sie auf eine überlegene Kultur trifft, die es nicht gut mit ihr meint (Beispiel: die indigenen Völker Amerikas). Da ist der Fall klar, der Kriminalist spricht in diesem Fall von Mord.

    Herr Steinke schlägt nun vor, dem drohenden Untergang zu entgehen, „Indem wir durch rationale Gedanken und wissenschaftliche Methoden das biologische Überleben unserer Gesellschaft sicherstellen.“ Was sich auf den ersten Blick erwartungsvoll anhört: wir nutzen Technologie zu unserem Vorteil, wissen aber um die Begrenztheit der Resourcen wie auch unserer eigenen Natur; das eröffnet Wege, die mit der (klassischen) biologischen Evolution nichts mehr zu tun haben. Sollte dies zur Handlungsprämisse werden, dann wird Evolution zur Ideologie.

    Tatsächlich gehen wir schon diesen Weg: wir versuchen einen „besseren Menschen“ zu erschaffen, der den aktuellen „Herausforderungen“ widerstehen soll: Klima, Migration, Rassismus, Schadstoffe wie NOx, u.s.w. Dies sind aber keine Gefahren, die unseren Kulturkreis dezimieren, sondern werden lediglich zu solchen erklärt.

    Das Phänomen des „social forming“ ist, kriminalistisch gesehen, Selbstmord. Also Tötungsabsicht am eigenen Subjekt und das kennt die biologische Evolution nicht. Auch in der Jahrtausende alten Geschichte des zivilisierten Menschen ist ein solcher Fall eher selten.

    Wenn wir untergehen, dann anders als die antiken Römer oder die Chinesen. Da mag Dekadenz eine hauptsächliche Ursache gewesen sein, wir hingegen schaffen uns einfach lustvoll selber ab.

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    • „Sollte dies zur Handlungsprämisse werden, dann wird Evolution zur Ideologie.“ Dieser Satz ist so wunderbar prägnant-passend, dass ich diese völlig korrekte Schlussfolgerung meines Textes nur noch einmal betonen kann. Exakt das ist, was wir brauchen!
      Hingegen daraus zu folgern, dass ich damit das Gleiche fordere wie die heutige, absolut gegen die Evolution gerichtete Ideologie, muss ich vehement abstreiten. Evolution ist eben keine Interpretationssache, sie ist biologischer Fakt. Und das Schöne an Fakten ist nun einmal, dass sie unabänderlich und unabhängig vom Betrachter sind. „Rassismus“ bzw. die Zuneigung zu näher verwandten Individuen – und damit eine häufiger auftretende ablehnende Haltung gegenüber ferner verwandten Menschen -, ist etwas Biologisches – ja sogar evolutionär begründetes. Damit ist der Versuch es „abschaffen“ zu wollen bereits anti-evolutionär und vollbringt genau das, was es meiner Ansicht nach zu vermeiden gilt: Nämlich die aus dem Menschen selbst entspringenden biologischen Grenzen zu missachten.
      Den schmalen Grat zwischen zerstörerischem „social forming“ und schaffender gesellschaftlicher Entwicklung zu finden, wird mit Sicherheit nicht immer einfach werden, aber genau aus diesem Grund bedarf es der Diskussion. Diese Pläne dürfen nicht von oben aufoktroyiert werden, sondern müssen frei wachsen können und sich auf natürliche Weise durchsetzen – evolutionär eben. Doch vor der Tat kommt immer erst der Gedanke und dafür hoffe ich gemeinsam mit anderen Autoren hier den Grundstein legen zu können.

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