Dominik Schwarzenberger – Putin, der Westen und wir – für eine dritte Position

von | 16. Mrz. 2022 | Deutschland und die Welt, Philosophie & Theorie

Dominik Schwarzenberger bietet in seinem neuesten Artikel jedem die Möglichkeit, die Konflikt-Ebenen im Ukraine-Krieg, die Person Putin und die Hintergründe seines Handelns nachzuvollziehen. Seine gewissenhafte,infinitesimale Analyse, erlaubt es uns einen ungetrübten Blick auf die objektiven Tatsachen zu werfen.

 

Nach der Corona-Hysterie zeigt sich der Westen von einer neuen Hysterie erfasst: Putin. Und so wie es Corona-Leugner und Impfverweigerer als Feindbild gibt, werden jetzt „Putin-Versteher“ und „Russenfreunde“ an den Pranger gestellt. Wieder einmal sind die Gesellschaften des Westens gespalten. Das gilt auch für die völlig überrumpelte Politische Rechte, die sich genötigt fühlt, sich zu einer Seite zu bekennen.

Putin und die Politische Rechte Westeuropas

Das besonders erbärmliche daran ist, dass ehemalige Putin-Fans, die in kitschigen T-Shirts mit Putin-Konterfei posierten und sich diesem hündisch andienten, nun opportunistisch die Seiten wechseln. Gar nicht so lange her, träumten so manche solcher Nationalisten von einer russischen Invasion im dekadenten Westen, der man sich bereitwillig zur Verfügung stellen wollte[1]. Das, was offizielle westliche Meinungsmacher Russland vorwerfen, praktiziert der Westen (Kosovo, Farbige Revolten, Arabischer Frühling usw.) – aber eben auch Moskau, nur rechtfertigten die Putin-Verehrer dessen vorgehen (Südossetien, Kasachstan). Die heuchlerische selbstgerechte Propaganda funktioniert eben auf beiden Seiten. Denn Putin-Russland war lange so etwas wie ein Modell für die Rechte – der Gegenentwurf zum moribunden Westen. Es zeigte sich wieder einmal der kurzsichtige Reflex aller Nonkonformisten: Worauf die offiziellen Meinungsmacher einschlagen, muss automatisch die wahrhaftige Seite sein. Inzwischen jedoch werden alte Feindbilder wiederentdeckt: „russische Dampfwalze“, „neuer Mongolensturm“, „Asiatischer Bolschewismus“, „neuer Stalin“ usw.

Dieser Gesinnungs- und Sympathiewechsel hängt nicht zuletzt mit der plumpen Vorgehensweise Putins ohne eine glaubwürdige ideologische Rechtfertigung zusammen. Im Unterschied zur Ukraine-Krise 2014 erscheint Kiew heute als unschuldiges Opfer eines übermächtigen aggressiven fremden Staates. 2014 dagegen war die von linksliberalen Stiftungen initiierte Maidan-Revolte zur Installation eines antirussischen Regimes so offensichtlich, dass damals Moskau als geopolitische Opfer eines aggressiven westlichen Einkreisungsversuchs dastand[2]. Der zweite Grund für eine Anti-Russland-Haltung liegt in Putins antifaschistischer Rhetorik, wonach die Ukraine entnazifiziert werden soll und eine pseudosowjetische Nostalgie, die Ängste vor russischem Expansionismus und sowjet-kommunistischer Restauration provozieren.

Die westliche Rechte glaubte sich schon immer undifferenziert zwischen zwei Polen entscheiden zu müssen. Das war im Kalten Krieg so und wird munter fortgesetzt. Über die Hintergründe des aktuellen Konflikts – die ethnische, identitäre, geostrategische und historische Bedeutung der Ukraine für Russland –, wurde bereits ausführlich analysiert[3]. Objektiv gibt es kein richtig oder falsch, alles ist ideologisch und propagandistisch aufgeladen und Angelegenheit beider Staaten. Für die zutiefst identitär gespaltenen Ukrainer können die Russen gleichermaßen Todfeinde wie Befreier sein, es kommt v.a. auf die Region und Konfession an. Die Reaktionen der hysterisch antirussisch gewandelten Rechten des Westens zeugen von deren völligen geopolitischen Inkompetenz genauso wie die der bedingungslosen Putin-Verehrer. Beide Pole schenken sich da nichts. Es zeigt sich einmal mehr der opportunistische und überforderte Charakter vieler Rechter des Westens, die Entwicklungen nicht vorhersehen, sondern hinterherhinken. Für Trump-Fans wie -gegner gilt übrigens das gleiche Urteil.

Nachfolgend darum eine Darstellung Putins, russischer Besonderheiten und einer dritten Position.

Die Konfliktebenen

Das Ebenen-Modell dient der Analyse von Konflikten und Bündnissen, es selektiert die Schwerpunkte heraus. Es könnten weitere Ebenen bzw. Subebenen hinzugefügt werden.

Ebene Volkstum /Nation

Ebene Werte /Ideologie

Ebene Geopolitik

 

*Aus Sicht Putins dominiert die Ebene Volkstum /Nation, wonach Russen protegiert und ggf. angeschlossen werden sollen. Außerdem spielt die geopolitische Ebene eine wichtige Rolle: Der Westen soll auf Distanz gehalten werden, was u.a. über eine prorussische Regierung in Kiew laufen kann.

*Die ukrainische Regierung fokussiert die Ebene der Werte /Ideologie und Geopolitik. Bei ersterer handelt es sich um das Bestreben, vermeintliche westliche Errungenschaften einzuführen und bei letzterer sich in ein westliches Bündnis (NATO /EU) zu integrieren. Um militante ukrainische Nationalisten zu benutzen, betont man patriotische antirussische Motive (also Ebene Volkstum /Nation).

*Die proukrainische Rechte Westeuropas verbeißt sich auf die Konfliktebene Volkstum /Nation (gegen einen fremden russischen Imperialismus) und Geopolitik (dem geographischen Vormarsch Moskaus).

*Die westlichen Bündnisse NATO und EU ergänzen sich: Die EU betreibt Ideologieexport (Ebene der Werte) und Geopolitik (potentielle Osterweiterung), die NATO Geopolitik (Einhegung Moskaus). Das völkische Überleben der Ukraine (Ebene Volkstum) interessiert beide nicht.

Wer ist Putin?

Putin ist kein Rechter und war es nie. Putin bleibt der klassische Kompromisskandidat einer ideologisch heterogenen Interessenallianz, die von diversen ThinkTanks flankiert wird, ein Produkt jener Kreise, die sich spätestens 1993 gegen eine rot-braune Fraktion des Agro-Industriell-Militärischen Komplexes durchsetzte[4] und zunächst auf Jelzin setzte. Putin wurde von Militär- und Geheimdienstkreisen[5] deshalb aufgebaut und an einer sehr langen Leine geführt, weil das ökonomisch und moralisch bankrotte Jelzin-Russland zum Machtvakuum nach Innen und Außen mutierte[6]. Die größte Bedrohung im Inneren lag und liegt bei den authentischen Rechten unterschiedlicher Couleur, zu den de-Facto auch die Nationalkommunisten gehören (Siehe unten). Dagegen vereinten sich Unternehmer, Oligarchen, Minderheitenvertreter und liberale Konservative. Folglich spielte Putin immer wieder die patriotische Karte. Putins Doppelcharakter offenbart sich im Umgang mit rechten Herausforderern: Noch nie waren rechte Ideen so offiziell verbreitet, noch nie wurden einzelne Exponenten der Rechten (Sergej Baburin, Alexander Dugin[7]) so hofiert wie unter Putin – aber noch nie war der autonome Spielraum der Rechten so eingeengt und saßen so viele Rechte im Gefängnis wie unter demselben Putin. Unter Jelzin war es genau umgekehrt: die marginalisierte zersplitterte Rechte hatte Narrenfreiheit[8]. Die Parallele zu solchen Hybriden wie Trump, Erdoğan, Berlusconi, Orban, Kaczyński, Lukaschenko und zentralasiatischen Potentaten drängt sich geradezu auf.

Westliche Nationalisten feierten Putins Vorgehen gegen linksliberale Bestrebungen (ausländische NGOs, Homosexuellenkult, Genderisierung usw.) und jüdischen Oligarchen ohne dessen Motivation zu durchschauen. Putin beseitigte vielmehr die Konkurrenz anderer Oligarchen und tat für die Regeneration des Russentum nichts. Sein Patriotismus beschränkt sich auf Staatskult und Souveränismus nach Außen und einem guten Verhältnis zur Orthodoxen Nationalkirche. Tatsächlich steht Russland mit dem Rücken zur Wand: demographisch, wirtschaftlich und sittlich. Im Prinzip ist es genauso degeneriert wie der Westen, nur unterscheidet sich der Verwesungsgrad. Putins Administration erinnert an die spätzaristische und –sowjetische: sie beschränkt sich auf die reine Verwaltung statt Gestaltung. Es wird nicht geheilt, sondern nur verwahrt. Wirtschaftlich äußert sich die Planlosigkeit in einem Gemisch aus bürokratischem Staatsdirigismus und lokalem Libertarismus, d.h. auf lokaler Ebene – nicht nur in von Moskau entfernten Provinzen –, finden wir Wild-West-Verhältnisse[9]. Inzwischen erscheint er für sein bürgerliches Umfeld zu autoritär und konservativ, für sein nationalistisches dagegen für zu weich und zögerlich. Putin ist wie seine oben genannten hybriden Verwandten nur ein Verzögerer ohne attraktive ideologische Alternative, deshalb kann er sich auch im Ausland so schlecht verkaufen. Sein überstürztes rohes Vorgehen im ukrainischen Fall zeugt von dessen Getriebenheit. Ihm läuft die Zeit davon, notwendige Probleme zu lösen. Genau das macht ihn so unberechenbar. Erinnert sei daran, dass russische regierungsnahe Stiftungen westliche rechtsnationalistische Organisationen unterstützten, gleichzeitig aber auch linksradikale. Es war niemals eine konstruktive Unterstützung, sondern sollte dem Aufbau von Störfaktoren dienen, mit echter Sympathie hatte das nie zu tun. Für Russlands Sicherheitsorgane und Nationalisten aller Couleur bürgt Putin noch eine Gefahr, er degradiert das Land zum einseitigen chinesischen Juniorpartner.

Russischer Antifaschismus und Nationalkommunismus

Faschismus /Nazismus und Kommunismus /Bolschewismus unterscheiden sich von ihren westlichen Pendants: im Westen beschränken sie sich auf die ideologische Ebene, in Russland und manchen Staaten Osteuropas und Balkans (Serbien, Nordmazedonien, Albanien) auf die ethnisch-nationale. Soll heißen: Antifaschismus steht für Abwehr ausländischer Ideen, die dem Russentum artfremd sind. Ein Russe kann also niemals Faschist /Nazi sein, auch wenn er inhaltlich mit dem westlichen ideologischen Begriffen übereinstimmt. Antifaschismus ist folglich zu tiefst nationalistisch und nativistisch. Zu Zaren-Zeiten pflegte Russland einen antiwestlichen Antikatholizismus, der die gleiche Funktion hatte. Bei Putins Rückgriff auf Symbole und Narrative (Bsp. Nationalhymne) der Sowjetunion sowie bei Nationalbolschewisten handelt es sich ebenfalls um die ethnisch-nationale Ebene, nicht die ideologische. Russischer Kommunismus wird als originär angesehen, d.h. vom jüdischen-deutschen Marxismus gereinigt. Stalin steht nicht für einen marxistischen Typus, sondern für einen adäquaten russisch-imperialen Patrioten. Der Zweite Weltkriegt steht nicht für eine ideologische Auseinandersetzung, sondern für eine völkische: Russentum vs. Germanentum, die ideologischen Unterschiede waren nur zufällige Begleiterscheinungen. Entsprechend wird der „Große Vaterländische Krieg“ in eine lange Tradition antirussischer Aggressionen eingeordnet (Kreuzritter, Schweden, Polen, Napoleon usw.), weshalb die Deutschen niemals Befreier sein konnten[10]. Links bedeutet nicht internationalistisch, sondern antiklerikal, antimonarchisch und antimarktwirtschaftlich. Ein russischer Nationalsozialismus, der in Inhalt und Form übereinstimmt hat deshalb keine Chance, weil NS-Symbole nicht ideologisch aufgefasst werden, sondern eben ethnisch-national, sprich: das Hakenkreuz ist nur ein deutsches Hoheitszeichen. Dass es dennoch russische NSler gibt, ändert an den Tatsachen nichts[11]. Erinnert sei weiterhin, dass auch die Sowjetunion seit Stalins Wende („Aufbau des Sozialismus in einem Land“) tendenziell russisch-nationalistisch war, wenn auch die proletarisch-internationalistische Fraktion immer einflussreich blieb. Lenins Formel „National in der Form, sozialistisch im Inhalt“, kehrte sich mit Stalin um. Nationalismus war mitnichten nur ein Tarnmäntelchen[12].

Russisches Geschichtsbewusstsein

Im Unterschied zu Westeuropa finden wir in Russland, Osteuropa und Balkan ein beneidenswertes Geschichtsbewusstsein, d.h. die dortigen Völker entdecken Analogien der Gegenwart mit historischen Ereignissen.

*Eine Konstante bleibt das russische missionarische Bewusstsein, eine metaphysische Sendung erfüllen zu müssen. Moskau wird demnach in der Nachfolge Roms und Byzanz` als christliches Weltzentrum aufgefasst. Selbst die Kommunisten knüpften mit ihrer Weltrevolution und der Dritten Internationale daran an. Heute beschränkt sich Moskau auf eine zivilisierende raumgestaltende Mission. Der christliche Hintergrund bleibt präsent.

*Tiefpunkt russische Geschichte sind mongolische Eroberung genauso wie die „Zeit der Wirren“, in der ein westlicher katholischer Pole zum Zaren wurde. Die schmerzliche Sonderentwicklung der Ukraine und Weißrusslands /Belarus waren die Folge.

*Die Oktoberrevolution wird differenziert interpretiert. Außer bei Antikommunisten wird der Revolution eine befreiende Wirkung aus einem bürokratisch-verkrusteten System attestiert, die sich 1991 wiederholte und nach Jelzins nationalem Ausverkauf wieder Notwendig erscheint.

*Das ewige Gespenst der Russophobie, wonach Russland ständig von Feinden bedroht wird und die Urangst einer Aufteilung Russlands.

*Die „Sammlung russischer Erde“ als Folge der Selbstbefreiung vom Mongolen-Joch. Das Großfürstentum Moskau eroberte sukzessiv ehemalige russische Regionen zurück[13].

*Das Ende der UdSSR 1991 erinnert an die „Zeit der Wirren“. Die psychologische Situation damals bis heute kann mit der deutschen von 1918 bis 1933 verglichen werden: Eine einst strahlende Großmacht zerfällt und sieht sich gedemütigt und von Feinden isoliert. Putin scheint die „Sammlung russischer Erde“ anzustreben, nicht die sowjetische Restauration, denn auch die UdSSR war nur eine Fortsetzung des Zarenreiches. Zumindest kann Putin die Heimholung kompakter russischer Siedlungen im Baltikum, Weißrussland /Belarus, Ukraine und Kasachstan anstreben und rechtfertigen. Auch hier drängt sich der Vergleich zu uns Deutschen auf.

*Auf die Einordnung westlicher Interventionen in Russland und ehemaliger Sowjetrepubliken in eine lange Tradition westlicher Aggressionen wurde oben erwähnt.

Russische Identitäten und geopolitische Ausrichtung

Russische Identitäten, was ein Russe überhaupt ist, welche Nationsform dominieren und welche geopolitische Orientierung herrschen soll entzündet sich am Verhältnis zu Peter dem Großen (Petrinismus[14]), Rolle von Religion und Ethnos[15], Waräger-Bild als Gründungsmythos[16] und historischen Persönlichkeiten.[17]

etatistisches Vaterland vs. reichisches Mutterland

Vaterland: manche Slawophile des 19. Jh., manche Nationalbolschewisten, Liberale, manche Monarchisten, manche de-Facto-Faschisten. Für Assimilation der Minderheiten. Zentralstaat.

Mutterland: Neoslawophile, manche Nationalbolschewisten, manche Monarchisten, politisch Religiöse. Gegen Assimilierung der Minderheiten, Russen nur als Träger einer missionarischen Reichsidee. Dezentraler Staat.

Identitäten und Nationalismen

  1. Eurasier: Ethnische und kulturelle Synthese aus Europa und Asien. Petrinismus schädlich, weil Trojaner des Westens. Mongolen und Turkvölker hilfreich, weil sie der antieuropäischen Entfremdung dienten. Dezentraler Staat. Mutterland. Orientierung nach Süden und Osten. Würdigung aller autochthoner Religionen. Häufig monarchistisch.

 

  1. Neoslawophile und manche Nationalbolschewisten: Höhere Einheit aus Europa und Asien: Russland als ein eigener Kontinent jenseits Europas und Asiens. Petrinismus differenziert betrachtet, weil notwendige Reformen einleitend und Zar Peter war immer Patriot. Gegen Waräger-Kult, weil deren Udel-System die angebliche urslawische Einheit in Teilfürstentümer zerteilte. Dezentraler Staat. Mutterland oder Vaterland. Mäßig nach Osteuropa, stark nach Süden und Osten ausgerichtet. Betonung der Christlich-Orthodoxen Kirche mit Duldung autochthoner Minderheiten-Religionen. Häufig monarchistisch.

 

  1. Europäische weiße Identität (Petrinismus weitgehend positiv)

3.1. Germanisch-Slawische Synthese /Symbiose: Germanen als Befruchter. Starker Staat. Vaterland. Nach Osteuropa ausgerichtet. Betonung der Christlich-Orthodoxen oder einer altslawischen /-germanischen heidnischen Religion. Hierzu gehören die de-Facto Faschisten / Nazis genauso wie gemäßigtere Nationalisten von Links bis Rechts.

3.2. Germanisch-Slawischer Gegensatz: Das Russentum von Warägern und später

von deutschen Einwanderern fremdbestimmt. Starker Staat. Vaterland. Nach

Osteuropa ausgerichtet. Betonung der Christlich-Orthodoxen oder altslawischen

heidnischen Religion. Hierzu gehören die panslawistischen Slawophilen des 19. Jhs.

und manche Nationalkommunisten.

3.3. Westeuropäische überethnische russländische[18] Identität: liberal-

demokratisches säkulares Staatsverständnis. Vaterland oder Kosmopolitismus.

 

Eine dritte Position

Welche Perspektive gibt es aus authentisch rechter Sicht? Putin stört zwar das einseitige Spiel des Westens, gleichwohl bildet er keine attraktive Alternative zu Washingtons Hegemonie und den Protagonisten des „Great Reset“. Er lähmt und reglementiert im Inneren die rechten Kräfte, mit denen wir zusammenarbeiten sollten – die Architekten einer wahrhaftigen russischen Reichsidee.[19] Aus unserer Sicht kann nur ein eurasische oder neoslawophile Identität Garant stabiler und berechenbarer Partnerschaft sein. Beide identitären Strömungen sind ja nach Osten und Süden gerichtet, äußern sich dezentral, oft monarchisch und Minderheitenintegrierend. Moskau – das Dritte Rom – kommt seiner transzendenten Mission und raumgestaltenden Ordnungsfunktion nach. Ein ethnokratisches oder etatistisch assimilierendes Russland demgegenüber treibt die zahlreichen Minderheiten in die Sezession und paralysiert den riesigen Zwischenkontinent – die russische Daseinsverfehlung überhaupt. Mögliche andere Strömungen – so auch eine de-Facto faschistische /nazistische – schauen zu sehr nach Osteuropa und Balkan. Ein deutsch-russischer Dualismus in Europa mit wahrscheinlicher Eskalation sind dann die unvermeidliche Folge. Die Russen sind wie die Deutschen ein Reichsvolk, als Nationalstaat versagen sie und neigen zur Selbstvernichtung. Umgekehrt ist Russland an einem geordneten befriedeten nicht multikulturellen Westen interessiert, der sich endlich von Washington emanzipiert und auf sich selbst besinnt.

Nutzen und Lehren für die westliche Politische Rechte

Die hysterischen und überstürzten Reaktionen zeigen, wie schwach geopolitisches Denken ausgeprägt ist. Es gilt jenseits von Putin wie Anti-Putin zu denken, neben der Wahrung eigener Interessen auch eine globale Perspektive zu entwickeln und endlich zwischen Konfliktebenen zu unterscheiden. Der gründliche korrekte Deutsche tut sich da besonders schwer, weil er eine Ideologie oder Persönlichkeit ganzheitlich erfasst, d.h. entweder dafür oder dagegen, was Spielräume beschneidet. Russland ist weder Feind noch Freund, sondern ein notwendiger Verbündeter.

Analysieren wir nüchtern, welche Einfallstore uns die Geschehnisse in der Ukraine bieten. Wie reagieren die Gesellschaften des Westens? Was kann die Politische Rechte lernen? Welche Wirkung hat der Krieg?

*Der Krieg schockiert eine selbstzufriedene, übersättigte, infantile, gegenderte und leistungsfeindliche Spaßgesellschaft, die nur Rechte ohne Pflichten kennt.

*Der relativ nahe Krieg führt vor Augen, wie schlecht wir auf einen solchen Ernstfall vorbereitet sind. Wir erkennen unsere Ohnmacht, Verweichlichung und Hilflosigkeit. Die Missachtung des Militärischen und Männlichen rächt sich.

*Wir zweifeln an der Loyalität und Verteidigungsbereitschaft eingewanderter Neubürger.

*Speziell die reißerische Kriegsberichterstattung von BILD und privaten TV-Kanälen setzt auf quasi militaristische und nationalistische Töne – und trifft ganz offensichtlich einen lange vernachlässigten Nerv. Der Leim ist aus der Tube.

*Unsere prekäre Energie- und Rohstoffversorgung mit immer höheren Preisen lässt uns an der links-grünen Energiewende und Abhängigkeit von Fremden zweifeln.

*Russen im Westen werden als potentielle Putin-Helfer denunziert. Damit gefährdet man zwar vorübergehend eine innerdeutsche europäische Allianz gegen außereuropäische Einwanderer, aber dieses Misstrauen gegenüber ethnischen Minderheiten wird sich auf andere Einwanderergruppen übertragen.

*Die ukrainischen Flüchtlinge bestehen fast nur aus Frauen, Kindern und Alten, einigen Familien und kaum einzelnen Jungmännern, bei außereuropäischen Flüchtlingen genau umgekehrt.

*Die USA sind – wie schon im Falle Libyens –, auffallend zurückhaltend und abwartend. Europa ist zunehmend auf sich allein gestellt, der westliche Hegemon schwächelt. Eine geopolitische Fessel ist erschüttert.

*Der Krieg wird wahrscheinlich nur Verlierer kennen: Putin, die Ukraine und den Westen. Alle Parteien wissen nicht mehr so recht, wie sie ohne ihr Gesicht zu verlieren herauskommen. Die Politische Rechte aller beteiligten Parteien kann profitieren[20].

*China kann nur kurzfristig Nutzen ziehen und sich ggf. Taiwan zuwenden. Peking befindet sich in der gleichen Lage wie Russland und USA: in der Defensive – und die Zeit läuft davon.

*Geopolitisch empfiehlt sich daher die momentan nicht umsetzbare Forderung nach einer europäischen Neuordnung, dem „Europa der Räume“. Diese visionäre Forderung wird Zulauf erhalten.

*Speziell das umstrittene „Intermarium“ (Zwischenmeerland)[21] kann zur lohnenden Alternative für die gespaltenen Staaten Osteuropas und Balkans werden. Das Intermarium bürgte lange die Gefahr, zum Washingtoner Brückenkopf zu mutieren. Doch mit zunehmender Schwächung Amerikas, der NATO und der EU können sich diese Staaten auf sich selbst berufen. Mit der Schaffung des „Intermariums“ entsteht auch ein notwendiger Puffer zwischen dem deutschen Block und dem verbündeten Russland. Hohe Zäune schaffen gute Nachbarn.

*Putin genau wie Corona zum Sündenbock für unseren ohnehin unvermeidlichen wirtschaftlichen Niedergang zu machen, um von eigenem Versagen abzulenken, hat auf Dauer keine Wirkung, schließlich müssen fundamentale Probleme irgendwann doch gelöst werden. Das ist vom drittklassigen politischen Personal nicht zu erwarten.

Begreifen wir also die ukrainische Tragödie als große Chance einer Neubesinnung. Lasst uns offensiv gestalten statt bloß defensiv zu reagieren!

 

[1] Als ein besonders billiges Beispiel mag die dem Krim-Referendum 2014 als Wahlbeobachter fungierenden westlichen Rechten dienen, die diesem unkritisch Vorbildlichkeit attestierten, dem kosovarischen Fall von 2008 dagegen Manipulation.

[2] Man denke nur an das grobschlächtige unsympathische us-amerikanische Paar Nuland und Kagan, den dubiosen Geschäftsmann Poroschenko oder die erbärmliche georgische US-Marionette Saakaschwili, der nach seinem Versagen in Georgien mit einem Gouverneursposten in der Ukraine belohnt wurde.

[3] Vgl. https://gegenstrom.org/krisenherd-ukraine-portraet-eines-zerrissenen-landes/

[4] 1993 scheiterte ein Putsch („Verfassungskrise“) der rot-braunen Fraktion um Alexander Ruzkoi. Jelzin stand nun nichts mehr im Weg.

[5] Zuvor setzten die militärischen Kreise auf den populären Alexander Lebed, der 2002 bei einem Unfall ums Leben kam.

[6] Putin begann als schüchterner und willfähriger Zögling Jelzins. Zuvor setzte die Interessenallianz nicht auf Persönlichkeiten, sondern auf Staatsparteien aus der Retorte: „Russlands Wahl“, „Unser Haus Russland“, „Vaterland-Ganz Russland“, „Einheit“ bis zum aktuellen „Einigen Russland“. Daneben installierte man linke wie rechte Blockparteien, von denen Wladimir Schirinowskis Partei die wohl spektakulärste ist.

[7] Dugins Einfluss wird von seinen rechten Anhängern und linken Feinden maßlos überschätzt, von seinen liberalen Feinden dagegen unterschätzt.

[8] Man denke nur an Alexander Barkaschow, „Pamjat“ oder als Alibi Wladimir Schirinowski.

[9] Vgl. das hervorragende Buch von Dimitrios Kisoudis: „Goldgrund Eurasien. Der neue Kalte Krieg und das dritte Rom“.

[10] Daher gilt die „Wlassow-Armee“ auch als Vaterlandsverräter, da ein Volk sich immer nur selbst befreien kann.

[11] Das russisch nationalistische Spektrum ist breit, es gibt auch konventionelle antikommunistische Strömungen und Hitler-Verehrer, jedoch sind solche Strömungen zunehmend dem geschilderten Narrativ untergeordnet. Bereits in den 1920ern interpretierten auch antikommunistische Exilrussen die UdSSR neu.

[12] In Osteuropa, Balkan, Afrika, Lateinamerika und Asien ist ein Linksnationalismus die Regel und kosmopolitisch-emanzipatorische linke Ideen noch die Ausnahme. Deshalb tut sich auch die westeuropäische Politikwissenschaft schwer, solche Phänomene einzuordnen. In BRD gibt es nur wenige Linksnationalisten, die in ihrem Lager isoliert werden und darum in rechten Gewässern fischen. Merkwürdigerweise wird etwas die linksnationalistische säkulare syrische Baath-Partei von deutschen Rechten als Favorit präferiert.

[13] Die Ukraine existierte nie als Einheit, sondern entstand erst 1945. Die Ostukraine wurde von prorussischen Kosaken befreit und später als „Neurussland“ integriert, der Westen von Polen befreit und nach den polnischen Teilungen einkassiert, nur der äußerste Westen (Ostgalizien, Bukowina und Transkarpathien) verblieben beim österreichischen Teilungsprofiteur, der diese Gebiete 1918 an Polen, Tschechoslowakei und Rumänien verlor, bis sie 1945 der Ukrainischen SSR zugeschlagen wurden.

[14] Mit „Petrinismus“ ist die forcierte Westorientierung Russlands gemeint, die sich in der Verlagerung der Hauptstadt an die Ostsee manifestiert und mit erheblichen Reformen russischer Traditionen einhergeht. Man kann deren Intensität mit der chinesischen Kulturrevolution und Atatürks Reformen vergleichen.

[15] Welchen Stellenwert hat der ethnische Russe? Mehr Abstammungsgemeinschaft oder Staatsbürgernation?

[16] Welchen Stellenwert haben die germanischen Wikinger, die immerhin den Russen ihren Namen gaben?

[17] Hier wird die gegensätzliche Orientierung in den beiden Nationalhelden Alexander von Nowgorod (Alexander Newskij) (1220-1263) und Danylo von Halytzkyj (1201-1264) exemplarisch deutlich. Alexander Newskij bekämpfte die westlichen katholischen Invasoren (Deutschritter, Polen, Litauer und Schweden) und verbündete sich sogar mit den mongolischen Eroberern (dem „Osten“). Danylo von Halytzkyj dagegen verbündete sich mit den katholischen Polen („Westen“) gegen die Mongolen. Heutige Eurasier sehen in Danylos Handeln Verrat am russischen Wesen. Sie machen ihn für die Herausbildung der Kleinrussen (Ukrainer) und Weißrussen im ethnischen und der Katholisch-Unierten Kirche im religiösen verantwortlich.

[18] Der Russe unterscheidet zwischen „russländisch“ (staatsbürgerlich) und „russisch“ (ethnisch). Wir Deutschen kennen eine solche Unterscheidung nicht.

[19] In Reinform finden sich beide identitären Strömungen in Zeitschriften, Persönlichkeiten, Splittergruppen und Sekten. Fast immer durchziehen sie größere Parteien, Zeitschriften, ThinkTanks, Reservistenverbände, Kosaken-Gruppen u.a. Auch die angeblich so Putin ergebenen Retortenprodukte „Einiges Russland“ wie die Jugendorganisation „Nashi“ sind betroffen.

[20] Die ukrainischen Rechtsnationalisten werden sich hoffentlich nicht noch einmal übertölpeln lassen. Bei der ersten Farbrevolte 2006 spielten sie kaum eine Rolle, 2014 eine starke. Danach kann man wunderbar beobachten, wie sich die opferbereite Rechte allmählich in gemäßigte Parteien integrierte, wie sich rechte Parteien anpassten und wie sie zur letzten Wahl 2019 marginalisiert wurden. Dazu trugen neue Retortenparteien und aufgeblähte Kandidaten populistischer Natur à la Macron bei. Der ukrainische Nationalismus erschöpft sich in antirussischer Haltung.

[21] Die Analyse und Darstellung des Intermariums erfordert einen eigenen Beitrag.

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