Wolfgang Bendel – Vom Impfgegner zum revolutionären Subjekt?

von | 26. Nov. 2021 | Debatte

Unser Autor Wolfgang Bendel umreißt die systempolitischen Auswirkungen und Folgen der Coronapolitik in der Bundesrepublik und erläutert, warum die soziale Gruppe der Impfgegner ein revolutionäres Potential schlummert.

 

Vorbemerkung. In dem folgenden Text geht es nicht um die Frage, ob eine Impfung gegen SARS-CoV-2 [1] medizinisch sinnvoll ist oder nicht.[2] Darüber sachlich zu debattieren, ist in dem aufgeheizten Klima praktisch unmöglich geworden. Eine ausgewogene Argumentation, wie ich es für angebracht hielte, dürfte auf beiden Seiten nur auf taube Ohren stoßen und wäre schiere Zeitverschwendung.

Es interessiert mich vielmehr die Fragestellung, welche Konsequenzen daraus entstehen, dass über ein solches Thema nicht mehr diskutiert wird und stattdessen die Vertreter beider Maximalpositionen („Impfung ist die Erlösung“ bzw. „Teufelswerk“) in ihren Schützengräben verharren und zunehmend aggressiver werden, wobei die Aggressionen in erster Linie von den Impfbefürwortern ausgehen.

Grob gesagt stehen auf der Seite der Gegner einer Impfung gegen das Coronavirus zwei Gruppen. Einmal haben wir die grundsätzlichen Impfgegner, die diese Haltung in der Regel ideologisch untermauern, wobei sie nicht selten esoterische Argumente verwenden und jede Form von Impfung ablehnen, nicht nur die gegen Covid-19. Die zweite, größere und aus meiner Sicht interessantere Gruppe sind die Personen, die ich Impfskeptiker nennen will. Es handelt sich um Menschen, die nicht grundsätzlich jede Form von Impfung ablehnen, sondern nur die Impfung gegen das Coronavirus. Aus Gründen, für die man durchaus Verständnis haben kann.

Aus unserer Sicht lohnt es sich, näher auf die zweite Gruppe einzugehen. Bei den Skeptikern handelt es sich zumeist um Personen, auf die die marx‘sche Beobachtung zutrifft, wonach das Sein das Bewusstsein bestimmt. Viele von ihnen waren in ihrem früheren Leben wohl eher Linksverstrahlte als Rechte und sind nun völlig überrascht, dass ausgerechnet politisch Linksstehende im Kampf gegen Impfunwillige Methoden benutzen, die man immer den bösen Rechten unterstellt hatte. Gerade bei den Großdemonstrationen der Querdenker war gut zu erkennen, aus welcher gesellschaftspolitischen Ecke die meisten Demonstranten kamen. Nicht aus der rechten, sondern der links-alternativen, vormals grünen Ecke. Ironie des Schicksals: Genau die Leute, die sie zu ihren ideologischen Verbündeten gezählt hatten, wenn es gegen Willkür, Diktatur und Gleichschaltung geht, fallen ihnen nun in den Rücken – und wie. Polizeiknüppel sausen auf die Schädel der Impfskeptiker nieder, Berufsverbote hagelt es überall, es wird in den Medien und in der offiziellen Politik auf Teufel komm raus gehetzt. Abweichende wissenschaftliche Meinungen werden ignoriert, ihre Verbreitung sanktioniert. Ausgrenzung und Stigmatisierung feiern fröhliche Wiederauferstehung. Der totalitäre Wahn, der sich hier zeigt, ist ein linkes Phänomen. Diese Erkenntnis muss bei vielen Betroffenen einen tiefen Schockzustand auslösen. Sozusagen einen virtuellen Schlag auf den Schädel. Wird man Opfer eines solchen Ereignisses, löst dies in den meisten Fällen einen Nachdenkprozess aus. In diesem Stadium befinden wir uns gerade. Die Frustration, das Entsetzen und daraus folgend die Entfremdung der Betroffenen gegenüber einem gesellschaftlichen System, dem sie einmal vertraut hatten, ist mit Händen zu greifen. Ich zitiere hier exemplarisch eine Aussage von vielen, die ich in diesem Zusammenhang bei Twitter[3] fand, denn sie spiegelt sehr plastisch wider, wie weit der Entfremdungsprozess fortgeschritten und bei vielen bereits irreversibel geworden ist: „Ich verabschiede mich step by step aus der Mehrheitsgesellschaft. Meine Leistungsbereitschaft als gut ausgebildeter Ingenieur zum Wohle dieses Staates geht gegen 0. Langjährige ehrenamtliche Tätigkeiten in Kirche und Verbänden sind gekündigt. Baut euren Corona-Apartheidstaat allein.“

Da spricht jemand für Millionen andere, die mit diesem Staat gebrochen haben bzw. gerade dabei sind, dies zu tun. Wie sehr der Autor dieser Zeilen dabei den Nerv der Zeit trifft, zeigt die breite Zustimmung, die sein Tweet innerhalb kürzester Zeit zu verzeichnen hatte.[4]

Auch an anderer Stelle erkennt man immer deutlicher, wie tief inzwischen die Ablehnung gegenüber dem Staatsgebilde geworden ist, das man früher unter dem Namen Deutschland kannte. Die Zahl der Auswanderer schnellt in die Höhe. Es sind in der Regel Biodeutsche, Familien mit Kindern, aber auch Alleinstehende, die in Scharen das Land verlassen. Es zieht sie nicht nur in europäische Nachbarländer, sondern in exotische Ecken wie Paraguay, Brasilien, Tansania und sogar China.

Bemerkenswert dabei ist, dass viele dieser Menschen diesen Schritt wagen, obwohl sie schlecht auf ihn vorbereitet sind. Finanziell, sprachlich und auch von der Mentalitätsseite her betrachtet. Aber der Leidensdruck ist bereits so groß geworden, dass es für sie keinen anderen Ausweg mehr gibt. Sie sehen sich gezwungen, entweder geographisch oder in Form einer inneren Emigration sich von der Mehrheitsgesellschaft zu verabschieden. Es wird nur noch eine Frage der Zeit sein, wann diese Entschlossenheit auch politisch-ideologische Konsequenzen haben wird. Es greift die Erkenntnis, dass ein Weglaufen oder eine innere Emigration keine Dauerlösungen sein können. Ein Abschiednehmen von liebgewordenen ideologischen Gewissheiten ist bereits in vollem Gang, wie jeder erkennen kann, der das sehen will. Die Impfgegner werden von den Herrschenden aus der Gesellschaft gedrängt und damit gezwungen, nach alternativen Gesellschaftsformen Ausschau zu halten. Und diese Alternativen werden notwendigerweise umwälzender, grundsätzlicher Natur, also revolutionär sein.

Revolutionen entstehen, wenn zwei Grundvoraussetzungen zusammenkommen. Die Bevölkerung will nicht mehr so weiterleben wie bisher und die Herrschenden können nicht mehr so weiterregieren wie bisher. Die erste Voraussetzung ist bereits erfüllt, denn die Zahl der Menschen, die aus verschiedenen Gründen mit dem Regime gebrochen haben, geht längst in die Millionen, womit die notwendige kritische Masse erreicht wurde. Das gilt nicht nur in Deutschland, sondern in weiten Teilen Europas und auch im Rest der Welt. Die Herrschenden merken immer deutlicher, dass sie mit ihren Methoden der Machtausübung an Grenzen stoßen. Ihre zunehmend totalitären Versuchungen und Verhaltensweisen sind selbstverständlich keine Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche. Wer nicht mehr überzeugen kann, der benutzt Lüge, Hetze, Gewalt und Terror. Fehlt eigentlich nur noch ein ideologischer Gegenentwurf, um das revolutionäre Potenzial, das im Entstehen begriffen ist und bei dem die Impfgegner die Massenbasis stellen dürften, in die richtigen Bahnen zu lenken. Eine Aufgabe, die der echten Rechten zufällt. Niemand anderem sonst. Es werden nämlich Systemalternativen gesucht, nicht Systemvarianten!

 

[1] Englische Abkürzung für: “severe acute respiratory syndrome coronavirus type 2”

[2] Ich selbst bin zweimal geimpft. Gleichzeitig habe ich aber Verständnis für Leute, die sich nicht impfen lassen wollen. Eine Drittimpfung kommt für mich frühstens 12 Monate nach der Erstimpfung in Frage. Eine Impfung ist ein ernsthafter Eingriff in die menschliche Physiologie und kann nicht beliebig oft wiederholt werden.

[3] Vergleichbare Aussagen findet man in allen anderen sozialen Netzwerken in großer Zahl. Diese stammt vom 10.11.2021.

[4] Dieser Tweet eines Unbekannten verzeichnete nach bereits 24 Stunden über 1000 Retweets und 4645 Likes.

 

5 Kommentare

  1. Der letzte Satz „Es werden nämlich Systemalternativen gesucht, nicht Systemvarianten!“ ist durchaus richtig und erstrebenswert, kommt aber meinen Erfahrungen nach bei den Protesten gegen die Maßnahmen häufig viel zu kurz. Zu viele Protestierer wünschen sich die „gute alte Zeit“ zurück, wo man sorglos konsumieren konnte und uns (vermeintlich) ehrliche Demokraten regiert haben. Es schlummert meines Wissens nach bisher nur in sofern ein revolutionäres Potenzial in den Protesten, als das sie das Rad bis kurz vor Corona zurückdrehen wollen, aber zu wenige wollen eben wirklich einen Systemwechsel.
    Es wäre daher denke ich klug, mehr Systemkritik in die Proteste einfließen zu lassen, statt die alte liberale Konsumzeit hochzuhalten, wie es nicht selten auch von Rechten getan wird.

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    • Ich denke, die Leute werden sich jetzt nicht automatisch unseren Ideen nähern. Aber es passiert etwas anderes. Um die Computersprache zu benutzen, ihre Festplatte wurde gerade durch die Ereignisse formatiert und ist jetzt wieder frei für neue Daten. Und das werden natürlich andere und nicht die alten sein, denn niemand formatiert eine Festplatte, um anschließend die selben Daten aufzuspielen. Und es werden natürlich Daten sein, die einen Ausweg aufzeigen aus der Sackgasse. Statt über die Zustände zu jammern, sind jetzt Alternativen angesagt. Das ist offensichtlich. Nur wer selbst weiß, wohin er will, kann erwarten, dass ihm andere folgen.
      Die nächsten Jahre werden hart und unerfreulich aber danach könnte ein Neuanfang stehen, der in eine ganz andere Richtung geht, als es die Strategen des New Reset geplant hatten. Ich

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  2. Werter Herr Bendel,
    Das ist ein sehr guter Beitrag zum Thema und die Fragestellung nach dem revolutionären Subjekt ist hier angebracht. Gestört hat mich Ihr Begriff „Linksverstrahlte“, weil Sie damit die Bewertung abgeben, die „Querdenker-Demonstranten“ seien nicht ernst zu nehmen oder gar selbst Schuld wenn sie der Polizeiknüppel trifft. Dennoch ist es richtig, dass die Mehrheit dieser Menschen weder aus der Rechte kommt noch politisch rechts zuzuordnen ist. Am April/Mai 2020 war ich Teilnehmer der ersten Querdenker Demonstration in Stuttgart, Querdenker 711. in den folgenden Nachrichten der Mainstream Medien hieß es, dabei hätten sich Rechte und Rechtsradikale getroffen. Dem war allerdings nicht so, die Menschen habe ich gleich einer links-grüner Alternativszene zugeordnet. Aussteiger, Ex-Hippies, Anarchos aber auch aus der bürgerlichen Mitte kommende. Aus meiner Sicht war bereits damals klar, dass das Corona-Regime die Pandemie für eigene Repressionen nutzen wird. Die beschriebenen Impfgegner stehen in der Fortsetzung und setzen sich immer noch mit dem gleichen gesellschaftlichen Gruppen zusammen. Der Verrat der Linken aber auch die Zurückhaltung, teilweise auch Verurteilung der Rechten ist enttäuschend. Wie will man Protest in „die richtigen Bahnen lenken“ wenn man nicht präsent ist? Hier macht Martin Sellner eine lobende Ausnahme, der sowohl im Sommer in Berlin und aktuell in Wien war.
    Abschließend: Beim aktuellen Widerstand gegen den Impfterror geht es mir in erster Linie darum, dass die täglichen Lügen und Schikanen aufhören, so sehen es alle in diesem Widerstand. Systemalternativen ist ein anderer Schritt der in den kommenden Wochen leider! nicht auf der Tagesordnung steht.

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    • Lieber Herr Backfisch,
      Ihre interessanten Beobachtungen bestätigen meine Vermutung, dass viele Impfgegner und Querdenker aus einem linken oder alternativen Umfeld kommen. Für diese Leute muss es ein Schock sein, dass die politische Linke jetzt an vorderster Front steht, wenn es um die Repression von Regierungskritikern geht und damit in der Praxis exakt das Gegenteil von den dem macht, was sie immer versprochen hatte. Ein solcher Schock löst normalerweise einen Nachdenkprozess aus an dessen Ende die Frage nach einer Systemalternative stehen dürfte. Aufgabe einer echten Rechten ist es jetzt, das entstandene ideologische Vakuum mit alternativen Vorstellungen zu füllen.Das war der Grundgedanke meines Aufsatzes.

      Ich sollte vielleicht erklärend hinzufügen, dass ich selbst ein Jahrzehnt lang in linken Zusammenhängen unterwegs war. Insofern meinte ich den Begriff „Linksverstrahlte“ durchaus auch selbstironisch.

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      • Danke Herr Bendel für Ihre Antwort. Ihrer Beschreibung der Linken stimme ich vollumfänglich zu. Das ideologische Vakuum muss in der Tat dringend ausgefüllt werden.

        Bei Gelegenheit treffen wir vielleicht mal zu Diskussionen zusammen.

        Ihnen alles Gute und eine geruhsamen Weihnachtszeit
        Peter Backfisch

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