Überholte politische Vorstellungen

von | 11. Mai. 2021 | Philosophie & Theorie

Prof. César Alberto Ranquetat Júnior, Abschluss in Jura, Master in Sozialwissenschaften und Promotion in Sozialanthropologie. Derzeit ist er Professor im Bereich der Geisteswissenschaften an der Bundesuniversität Pampa/Campus Itaqui-RS (Rio Grande do Sul), Brasilien. Er veröffentlichte zahlreiche Texte in nationalen und internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Blogs zu verschiedenen Themen wie Kultur, Politik, Bildung und Modernität. Er ist zudem Autor mehrerer Bücher, darunter sein Hauptwerk “Da Direita Moderna à Direita Tradicional“ (Von der modernen Rechten zur traditionalen Rechten). Sein bislang letztes, 2020 veröffentlichtes Buch trägt den Titel „A Realeza de Cristo e a Ideia de uma Sociedade Tradicional“ (Das Königreich Christus und die Idee einer traditionalen Gesellschaft). Im deutschen Sprachraum wurde er erstmals durch den Beitrag „Das Denken von Julius Evola in Brasilien“ bekannt, der in der Ausgabe „Terra incognita – Das andere Amerika“ der Zeitschriftenreihe Junges Forum veröffentlicht wurde.

Ranquetat ist 44 Jahre alt, verheiratet und hat einen sechsjährigen Sohn.

Übersetzung von Wolfgang Bendel

Das Beharren auf der Verwendung von begrifflichen Polaritäten wie Kapitalismus vs. Kommunismus, Kommunismus vs. Antikommunismus, Faschismus vs. Antifaschismus und liberal-konservative Rechte vs. marxistische Linke in öffentlichen Debatten kann eher verwirren als erklären, was in der heutigen Welt wirklich passiert.

Darüber hinaus vermute ich, dass die Verwendung und der Missbrauch dieser ideologischen Begriffe aus der Ära des Kalten Krieges, in der die Welt in einem Streit um die globale Hegemonie zwischen zwei Mächten – den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion – aufgeteilt war, wie ein Manövrieren und Spielen im semantischen Feld und im kognitiven Horizont des Feindes sein könnte, indem man die Annahmen, Konzepte und Werte der aufklärerischen Moderne und ihre auflösenden Folgen im postmodernen Nihilismus akzeptiert. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um veraltete Kategorien, die in der Regel mehr der emotionalen Mobilisierung bestimmter politischer Gruppen und Machtprojekte dienen als der objektiven Beschreibung der Akteure im Kampf. In diesem Zusammenhang empfehle ich dringend die Lektüre der brillanten Aufsätze des mexikanischen Sozialwissenschaftlers Adriano Erriguel.[1]

Nun, was wir vor unseren Augen sehen, ist nicht gerade der „klassische Marxismus“ oder der alte Kommunismus mit einer leninistischen oder stalinistischen Matrix, sondern eine postmoderne und dekonstruktivistische[2] Linke, die im tiefsten Inneren nicht gerade marxistisch im orthodoxen Sinne ist. In der Tat hat sie eine Weltanschauung und ist von einem liberal-libertären kosmopolitischen Imaginären durchtränkt und hat als historischen Markstein die Studentenaufstände der 1960er Jahre in Paris und Berkeley, die einen diffusen und paradoxen anarchischen, vitalistischen und radikalen Charakter hatten. Außerdem predigt und kämpft sie nicht für eine sozialistische Revolution gegen das kapitalistische Produktionssystem, sondern sucht nach einer radikalen Mutation der menschlichen Natur, mit einem Diskurs und einer politischen Praxis, die auf der Idee einer „Befreiung und Emanzipation“ der Individuen von traditionellen Werten basiert. Vom orthodoxen Marxismus bleiben nur eine bestimmte Rhetorik und bestimmte mobilisierende Symbole übrig, die jedoch für die Interessen des globalistischen, multikulturellen und progressiven ideologischen Projekts wichtig sind.

Die dekonstruktivistische Linke bedient, wie der bereits erwähnte Soziologe betont, das einzige System, das das utopische Ideal einer unendlichen individuellen Befreiung tatsächlich greifbar macht: den libertären Liberalismus in der kulturellen Sphäre und den Liberalismus in der ökonomischen Sphäre, also den globalen Turbokapitalismus in seiner letzten Entwicklungsstufe. Darüber hinaus ist es notwendig, darauf hinzuweisen, dass diese neue Linke sich institutionalisiert hat und vollständig in das transnationale liberale kapitalistische System integriert und absorbiert worden ist. Es ist ganz einfach, dies zu sehen, wir brauchen nur den Fernseher einzuschalten und mit einiger Aufmerksamkeit die Art von Unterhaltung und „kultureller Botschaft“ zu beobachten, die vom Establishment bereitgestellt wird, um zu bemerken, wie es zu einer Verschmelzung zwischen Linksradikalismus und den wirtschaftlichen und symbolischen Interessen großer multinationaler Konzerne kommt.

Aber wie Erriguel erklärt, ist es bereits eine geistige Routine der Rechten, alles, was ihr nicht gefällt, als kommunistisch zu kategorisieren, genauso wie die Linke es liebt, alle Vertreter, die ihre ideologische Grundierung nicht akzeptieren, als faschistisch zu bezeichnen. Kämpfen beide politischen Spektren gegen Gespenster? Wären diese, Faschismus und Kommunismus, nicht imaginäre Projektionen von politischen Akteuren, die darauf bestehen, die Welt mit den Augen und mentalen Kategorien anderer Zeiten zu betrachten? Jede Seite versucht offensichtlich, die realen Ansprüche der anderen Seite zu „verzerren“ und sieht daher im Gegner ein Simulakrum[3]. Würde die Verschärfung der Kontroversen nicht dazu führen, dass jede Seite die Bedeutung der Begriffe auf ihre Weise interpretiert und damit die Verbindung von Worten und Begriffen mit der Realität in den Hintergrund gerät? Wenn sie über Kommunismus und Faschismus, Kapitalismus und Marxismus sprechen, dissertieren die Streitenden dann über denselben Gegenstand, oder vielmehr über dieselbe Sache? Stimulieren wir durch die Etikettierung des Antagonisten mit diesen Begriffen nicht eine endlose, sterile Debatte, eine Art „Dialog der Tauben“, bei dem beide Seiten reden und niemand den anderen versteht? Stehen wir vor einem „Spiel mit dem Spiegel“? Zum Beispiel: Wenn die brasilianische und weltweite Linke unisono und enthusiastisch Bolsonaro und Trump als Faschisten bezeichnet, sagt dass etwas Wahres? Natürlich nicht, das geht grob an der Sache vorbei. Wenn wiederum Sektoren der brasilianischen Rechten zweideutige politische Figuren wie Ciro Gomes, Marina Silva, João Dória[4] und sogar Putin als Kommunisten qualifizieren, sagen sie dann etwas Substantielles und Objektives?  Das tun sie auch nicht.

Jenseits dieser Polemik über das „Geschlecht der Engel“ und die Bedeutung von Begriffen und deren Bezug zur Realität ergibt sich aus meiner Sicht aus diesen Auseinandersetzungen ein ernsthaftes Problem: In jeder politischen Auseinandersetzung geht es zunächst darum, den wirklichen Feind präzise und klar zu identifizieren.

Tatsache ist, dass der eigentliche ideologische und geistige Gegner der dissidenten Kräfte die politische Moderne ist[5], die zwischen liberalem Individualismus und Totalitarismus oszilliert, und darüber hinaus die hyperkapitalistische und globalistische oligarchische Superklasse, die, um die Debatte zusammenzufassen, in der postmodernen Linken einen starken Verbündeten hat, der als eine Art revolutionärer Beschleuniger fungiert, das heißt als Kraft der Auflösung der letzten Hindernisse, die der planetarischen Herrschaft des globalen Superkapitalismus und damit dem absoluten Imperium von Technik und Wirtschaft noch im Wege stehen.

Dieser Beschleuniger, das muss betont werden, bereitet die psychische Atmosphäre und das kulturelle Klima vor, das die Konsolidierung der globalistischen „offenen Gesellschaft“ begünstigt, die völlig säkularisiert ist und auf diese Weise leicht dem Aufkommen und der Konsolidierung einer neuen Weltpseudoreligion unterliegt, die synkretistisch, naturalistisch und tellurisch[6] ist und die traditionellen Religionen ersetzen wird.

Anmerkungen & Literaturverweise

[1] https://elmanifiesto.com/tribuna/6104/deconstruccion-de-la-izquierda-posmoderna-i.html

[2] Dekonstruktion, analytisches Verfahren, das zentrale, vorausgesetzte Begriffe der traditionellen Philosophie infrage stellt. (Anmerkung Übersetzer)

[3] Simulakrum, ein wirkliches oder vorgestelltes Ding, das mit etwas oder jemand anderem verwandt ist oder ihm ähnlich ist. (Anmerkung Übersetzer)

[4] Brasilianische Politiker, die, auf deutsche Verhältnisse übertragen, als Linkspopulisten zu bezeichnen wären. (Anmerkung Übersetzer)

[5] Hervorhebung Übersetzer.

[6] Tellurisch, aus der Erde hervorgehend und damit im Gegensatz zum Göttlichen stehend. (Anmerkung Übersetzer)

3 Kommentare

  1. Sehr gut, Texte aus dem Umfeld der in meinen Augen wahren (=nicht-kapitalischen) brasilianischen Recht zu lesen – vielen Dank an den Übersetzer!

    Es sei mir trotzdem erlaubt, darauf hinzuweisen, daß seine Kategoriesierung des brasilianischen Politikers João Dória (kurzzeitig Oberbürgermeister der Stadt São Paulo, jetziger Gouverneur des gleichnamigen Bundeslandes) als „Linkspopulisten“ nicht korrekt ist. Dória ist ein knallharter Neoliberale und hat mit Linkspopulismus nichts zu tun.

    Marina Silva kommt von der Arbeiterpartei (PT) und hat inzwischen ihre eigene, nicht so richtig relevante „grüne“ Partei. Ciro Gomes könnte man als Linkspopulisten bezeichnen und dürfte m.E. einer der wichtigsten Herausforderer Bolsonaros werden.

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    • Diese Anmerkungen sind richtig. Ich pauschalisierte zur Vereinfachung etwas, da diese Einordnung für das Verständnis des Textes nachrangig ist.

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  2. „Die dekonstruktivistische Linke bedient, wie der bereits erwähnte Soziologe betont, das einzige System, das das utopische Ideal einer unendlichen individuellen Befreiung tatsächlich greifbar macht: den libertären Liberalismus in der kulturellen Sphäre und den Liberalismus in der ökonomischen Sphäre, also den globalen Turbokapitalismus in seiner letzten Entwicklungsstufe.“ Ja, seit dem Ende des „Real existierenden Sozialismus“ hat sich das linke Lager radical verändert. Das muß wahrgenommen werden,wenn dies Lager angemessen kritisiert werden soll.
    Einfacher formuliert: Die traditionelle Linke wandelte sich zu einer links-liberalen libertär ausgeichteten Strömung. So kann gesagt werden, daß die die Weiterentwickelung des Kapitalismus hindernde bürgerlichen Elemente (Familie,Voilk, Nationalstaat) aufgelöst werden sollen, um die vollständige Verkapitalisierung zu erreichen in einer uniformen Einheitswelt. Darin sieht die „dekonstruktivistische Linke“ wirklich ihre Hauptaufgabe.

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