Tom Dieke – Buchbesprechung: Was wir lieben mußten – Werner Bräuninger

von | 18. Feb. 2022 | Deutschland und die Welt

 

Romane, welchen den gegenwärtigen „Untergang des Abendlandes“ thematisieren, hatten in den letzten Jahren Konjunktur innerhalb des rechten Lagers. Spätestens seitdem es zur Neuauflage von Jean Raspails „Heerlager der Heiligen“ kam, hat dieses Thema immer wieder Bezug gefunden, insbesondere im deutschen und französischen Sprachraum. „Guerilla“, „Die Moschee Notre-Dame: Anno 2048“, „Hermann muss fallen“, „Systemfehler“ und das vermutlich meistverkaufte Werk „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq, sind einige bekanntere Titel dieser Romangattung. Ihrem Wesen nach sind die meisten Bände dystopischer Natur. „Was wir lieben mußten“ des in den letzten Jahren durchaus präsenten Autoren Werner Bräuninger verspricht, ein positiver Gegenentwurf, insbesondere zum Werk Houellebecqs zu sein.

Bräuninger, der bis dato besonders durch seine Veröffentlichungen zu Themen des Nationalsozialismus („Odeonsplatz“, „Feldherrnhalle“) und Faschismus („Dux. Benito Mussolini oder der Wille zur Macht“) von sich reden machte, reiht sich nun ein in die Riege derer, die ein uns alle betreffendes Thema literarisch verarbeiten und uns einen möglichen zukünftigen Verlauf aufzeigen möchten. Es ist sein zweiter Gehversuch im Bereich der Belletristik. Zuvor erschien die Novelle „Eine bleiche Erinnerung“, ebenfalls im Arnshaugk Verlag.

Der Hauptprotagonist ist der zu Beginn des Romans 48-jährige Tobias Fechter, welcher in Berlin lebt und vom Treiben um sich herum bereits lange Abstand genommen hat. Ausführlich wird er als einer der letzten Konservativen beschrieben. Ein Mann mit Etikette, Klasse, einem Auge für das Schöne und Edle (auch beim weiblichen Geschlecht), schlicht: geschmackvoll. Es sei angemerkt, dass die Beschreibung Fechters teilweise den Eindruck erweckt, als bestünden gewisse Parallelen zwischen der Figur und ihrem Autor. In seinem beruflichen Umfeld ist Fechter weitestgehend isoliert. Einen Freund weiß er an seiner Seite, den Mustereinwanderer Riad, einen jungen Ägypter, welcher mehr von deutscher Kultur versteht als die meisten Einheimischen und zu alledem auch noch freiwillig in sein Heimatland zurückkehren möchte. Gemeinsam halten Sie ausgedehnte Gespräche über die Missstände im Land und die ihnen zugrundeliegenden Ursachen. Zeitlich eingebettet verläuft der Handlungsfaden beginnend von der Selbsttötung eines europäischen Rebellen in der Kathedrale Notre-Dame bis hinein in das Jahr 2024. Tatsächliche Ereignisse und reale Persönlichkeiten bilden die Meilensteine der Handlung, wobei auch hinzugewobene Aspekte in der Vergangenheit eine Rolle spielen. Auch wenn der Autor alle Namen von Personen, Parteien, Organisationen und sonstigen Organen oder Ereignissen abwandelt, ist immer eindeutig erkennbar, worauf Bezug genommen wird. Die herrschende Kanzlerin, die „Meduse“ (Angela Merkel) steuert das Land mit ihrer verfassungswidrigen Einwanderungspolitik in den Abgrund. Dazu gibt es eine jung-aktivistische Gruppe namens „Defend Identity“ (Identitäre Bewegung) und eine einwanderungskritische Partei namens „Allianz“ (AfD), welche im weiteren Verlauf des Romans noch eine entscheidende Rolle spielen wird. Wie im Klappentext angekündigt, bemüht sich das Buch einen positiven Gegenentwurf zu skizzieren. Von daher ist an dieser Stelle nicht zu viel verraten, wenn am Ende die „Remigration“ der nach der Gastarbeitergeneration eingewanderten Fremden in ihre Heimatländer steht. Wie wir dort hingelangen, sei dem interessierten Leser nicht vorweggenommen. Erwähnt werden muss jedoch, dass die Sprünge im Buch durchaus groß sind und sich dadurch auch keine wirklich schlüssige Erkenntnis ableiten lässt, wieso diese „Remigration“ am Ende tatsächlich gelingt. Viel eher klingen die Beschreibungen wie die Gedanken eines Jünglings, der von der Revolution träumt. Doch vorne angefangen.

Den überwiegenden Teil der Handlung spicken Zwiegespräche des Protagonisten mit ihm in irgendeiner Form verbundenen Personen. Ansonsten geschieht wenig bis gar nichts. Es wirkt, als dienten diese Gespräche letztlich nur als stilistisches Mittel zur Vermittlung von Argumenten, welche der Autor schon immer einmal auf den Tisch oder eben das Papier bringen wollte. Die Konversationen verlaufen holzschnittartig, ja fast künstlich ab. In der eigenen Vorstellung entsteht ein Bild, welches zwei Personen comicartig darstellt, denen willkürlich Sprechblasen über den Kopf gezeichnet werden. Es kommt kein richtiges Leben auf in diesem Roman. Das kann auch daran liegen, dass die Handlung und Geschehnisse als solches wenig einfallsreich sind. Die Bezugnahme auf tatsächliche Ereignisse (bspw. Die Selbsttötung Dominique Venners, die Kölner Silvesternacht, den Juwelenraub aus dem Grünen Gewölbe in Dresden) kann ihre Berechtigung haben, wenn der zukünftige Faden davon ausgehend ein bestimmtes Szenario stichhaltig ableitet. Doch stattdessen verwischen sich Realität und Fiktion bereits in der Vergangenheit, was dem Roman und insbesondere seiner positiven Zukunftsaussicht eher abträglich, weil schlicht unglaubwürdig, ist. Gleichsam wirkt die Bezugnahme auf diese in der Realität existierenden Personen und Ereignisse etwas einfallslos. Es wird keine Kreativität im Leser hervorgerufen, da die Bilder bereits angelegt sind.

Über endlos ausschweifende Unterhaltungen bewegt sich der Leser entlang des Zeitstrahls bis zum Ende. Das Bräuninger ein visierter Historiker ist, sollte den Lesern seiner Bücher bekannt sein. Insbesondere sein Großessay „Feldherrnhalle“ hat auch dem Autor dieser Zeilen sehr gefallen. Doch spätestens Lesern seiner „Kühnen“-Biographie dürfte nicht entgangen sein, dass er zur absoluten Detailverliebtheit neigt. Diese wird in „Was wir lieben mußten“ buchstäblich auf die Spitze getrieben. Historische Anspielungen (bspw. an Werke E. Jüngers oder H. St. Chamberlains), wechseln sich ab mit ausgereiften Beschreibungen über den Hauptprotagonisten (bspw. über sein Parfüm, seine Hygienegewohnheiten und sexuellen Begehrlichkeiten in der Jugend). Für den Verlauf der Handlung vollkommen irrelevante Randthemen werden bis ins letzte ausformuliert. Ein Beispiel: So wird bei der Beschreibung des Archivs, in welchem Tobias Fechter arbeitet, noch beiläufig erwähnt, dass hier 1934 die Erschießung des SA-Gruppenführers Karl Ernst stattfand, welcher zuvor von seiner Hochzeit entführt wurde. Dies ist nur eines von unzähligen Beispielen, in welchem dem Leser Informationen vermittelt werden, welche mit dem Geschehen innerhalb der Handlung absolut nichts zu tun haben. Wer die Fachgebiete Bräuningers kennt, kommt leicht zu der Vermutung, dass hier entweder noch nicht niedergeschriebenes Wissen endlich verpackt werden soll oder noch einmal aufgewärmt wird. Wenn der Vorsitzende der Jugendgruppe „Defend Identity“, Marcel Loeper, im Laufe der Handlung niedergeschossen wird und später mit Epilepsie zu kämpfen hat, erinnert dies doch unweigerlich an den damaligen Studentenführer Rudi Dutschke. Zumal Loeper mit seinem gewaltfreien Protest in direktem Widerstand zu einer Abspaltung der Gruppe steht, welche den bewaffneten Kampf (RAF?!) fordert. Eben jene ist es auch, welche im weiteren Verlauf einen NATO-Schießplatz in Bergen-Hohne überfällt, indem sie niederländische Soldaten entwaffnet und für den ersten Zeitraum unentdeckt Munition entwendet. Lesern der „Kühnen“-Biographie sollte ein ähnlicher Vorgang bekannt sein. Wahrhaft kitschige Züge nimmt diese historische Einfärbung dann an, als die Gräfin Christina, eine Vertreterin der „Allianz“, vor einem Industrieclub eine entscheidende Rede halten darf und aus Solidarität mit ihrer von Hunger und Leid gezeichneten Gefolgschaft das dortige Dinner ausfallen lässt. Mehr Kampfzeitromantik geht nicht.

Es sind Dinge wie diese, welche das Buch zu einem überaus schwerfälligen und wenig mitreißenden Roman machen. Der Handlungsfaden selbst ist dünn. 243 Seiten hätten es zwar ohnehin schwer gehabt, einen stimmigen Übergang vom tristen Jetzt in eine blühende Zukunft zu skizzieren, doch ein wenig mehr hätte man diesen Schwenk schon erläutern können. Stattdessen sind es vor allem die unzähligen Randnotizen, welche seitenfüllend sind. Was bleibt, ist die wunderschöne Sprache Bräuningers. Für Freunde des gepflegten Ausdrucks ist die eloquente und vielfältige Sprechweise der Protagonisten mit Sicherheit ein Lesegenuss. Etwas, das in der heutigen Zeit den meisten Werken abgeht. Dafür gibt es ein großes Plus. Ansonsten muss leider gesagt werden, dass „Was wir lieben mußten“, wie die eingangserwähnten Romane, insbesondere aus dem deutschsprachigen Raum, inhaltlich nicht wirklich überzeugen kann. Es mangelt an einer eigenen Idee, einem wirklichen Spannungsbogen und einer lebendigeren Darstellung aller Beteiligter (sowohl der „Guten“, wie auch der „Schlechten“).

Die Intention, literarisch nicht immer im Vergangenen zu schwelgen, sei gelobt. Und natürlich können die nun erscheinenden Bücher wenig prophetisch wirken, wie es bei Raspails „Heerlager der Heiligen“ 1973 bei seiner Erstveröffentlichung noch der Fall war. Die fremden Scharen sind jetzt nun einmal im Land. Und so richtig weiß niemand, wie man sie wieder loswird. Das spiegelt sich auch in den jüngsten Veröffentlichungen dieser Gattung wieder. Schematisch folgen sie alle einem ähnlichen Muster: Kriminalität und Niedergang erreichen irgendwann ein Stadium, welches gepaart mit weiteren Krisen (Wirtschaftskrise, Blackouts) zu einem Umdenken und letztlich einer Erhebung im Volke führt, welche die Wende einläutet. Ein solch linearer Verlauf hat im rechten Denken die letzten Jahrzehnte reichlich Anklang gefunden. Bisher hat sich jedoch gezeigt, dass das Volk, insbesondere das deutsche, sehr leidensfähig ist. Weder die Kölner Silvesternacht, noch der Anschlag auf dem Breitscheidplatz oder die Tatsache, dass trotz Corona-Beschränkungen allein in Niedersachsen seit August 2021 monatlich rund 1.000 Ausländer ankommen (jeden Monat eine neue, kleine Gemeinde, die Lebens- und Wohnraum beansprucht) haben sichtbar zum Umdenken oder dem Bedarf nach einer Wende geführt. Eine wirkliche Herausforderung wäre es also, wenn ein Roman diese Lethargie aufgreifen und aus ihr ein bestimmtes Szenario entwickeln würde. Dies bietet „Was wir lieben mußten“ nicht. Diejenigen, die noch keinen der eingangsgenannten Titel gelesen haben, können stellenweise mit Sicherheit ihre Freude haben. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass der Roman die Zeit nach der Wende („Reconquista“) in den schönsten Farben malt. Auch die Sprache und einzelne Anekdoten können begeistern. Wer sich jedoch bereits einen oder sogar mehrere dieser „Untergangsromane“ zu Gemüte geführt hat, für den stellt Bräuningers Werk leider nichts sonderlich Neues dar.

„Was wir lieben mußten“ von Werner Bräuninger ist im Arnshaugk-Verlag erschienen. 243 Seiten im schönen, soliden Hardcovereinband gibt es für 22,- € hier zu bestellen.

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