Kurzportät: Nicolás Gómez Dávila  – Geistige Neuausrichtung in Zeiten der Gleichschaltung

Verfasst von Wolfgang Bendel |

Ich wandle in der Finsternis. Doch mich leitet der Duft des Ginsters.

Die Wiener Zeitung “Die Presse” gehört zusammen mit der “Neuen Zürcher Zeitung” zu den letzten Tageszeitungen im deutschsprachigen Raum, in denen noch gelegentlich Artikel publiziert werden können, die der allseitigen Zensur der political correctness zuwiderlaufen. So erschien in der Ausgabe vom 24.8.2018 der “Presse” ein Beitrag von Martin Leidenfrost unter dem Titel: “Um Gottes willen, lest bloß diesen Kolumbianer nicht!” Und weiter: “Nicolás Gómez Dávila: Wer sich seinen Fortschrittsglauben erhalten will, sei ausdrücklich vor diesem Gift gewarnt.”

Wer ist dieser Gómez Dávila, vor dem hier selbstironisch gewarnt wird, um die brave Leserschaft der Tageszeitung aus Wien nicht mit ungewohntem Gedankengut zu sehr zu erschrecken?

Wie  erwähnt, Dávila war Kolumbianer und wird in Nachschlagewerken allgemein als antimoderner Philosoph und Aphoristiker bezeichnet.

Bevor wir auf sein einzigartiges Werk näher eingehen, zunächst einige biographische Daten: Dávila wurde 1913 in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá als Sohn wohlhabender Eltern spanisch-katalanischer Herkunft geboren. Einen Großteil seiner Jugend verbrachte er in Frankreich, wo ihm seine Eltern eine humanistische Ausbildung angedeihen ließen. Dort lernte er Französisch, Englisch, Latein und Altgriechisch. Später kamen noch Italienisch, Portugiesisch und Deutsch hinzu. Sein Motiv war es, die Bücher der von ihm hoch geschätzten Schriftsteller in der Originalsprache  lesen zu können, um somit Verfälschungen und Irrtümer durch Übersetzungsfehler aus dem Weg zu gehen.

Nach seiner Rückkehr aus Frankreich, wo er aufgrund einer schweren Lungenerkrankung zwei Jahre das Bett hatte hüten müssen, heiratete er  Emilia Nieto Ramos, mit der er zwei Söhne und eine Tochter hatte. Bis auf eine weitere längere Reise nach Europa kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, lebte er zurückgezogen als Privatgelehrter in seinem Haus am Stadtrand von Bogotá, wo er sich ganz seinen Studien widmete. Er baute eine immens große Bibliothek mit über 30 000 Bänden auf. Diese Bücher werden inzwischen in der Biblioteca Luis Ángel Arango in Bogotá aufbewahrt. Obwohl er selbst an keiner Universität studiert hatte, war er Mitgründer der Universidad de los Andes, ebenfalls in Bogotá. Hohe Ämter wie Botschafterposten oder Präsidentenberater lehnte er ab. Am 17. Mai 1994 verstarb er an seinem Geburtsort.

Dávilas Werk liegt in der Hauptsache in zahlreichen Aphorismen vor, die er Escolios nennt. Die deutsche Entsprechung dafür ist das selten gebrauchte Wort Scholien. Scholien oder auch Glossen sind erklärende Randbemerkungen zu einem vorliegenden Text. Der vorliegende Text wiederum wird von Dávila als “implizit”, inbegriffen, bezeichnet, womit die Scholien zum eigentlichen Haupttext werden. Den Haupttext wiederum sollte man sich sozusagen hinzudenken. Schon diese Bemerkungen zeigen, dass Dávila nie die Absicht hatte, für ein größeres Publikum zu schreiben, sondern eher für sich selbst und einen eng begrenzten Freundeskreis. Die Titel seiner Veröffentlichungen sind folgerichtig höchst schmucklos gehalten, da sich Dávila auch nie ernsthaft darum bemühte, seine Texte und Aphorismen zu publizieren.  “Notas” (Anmerkungen), Textos I, Scholien zu einem inbegriffenen Text, Neue Scholien zu einem inbegriffenen Text und Fortgesetzte Scholien zu einem inbegriffenen Text.

Seine Texte und Aphorismen wurden bezeichnenderweise in seinem Heimatland Kolumbien nach seinem Tod einem breiteren Publikum bekannt und auch erst, nachdem er vorher in Deutschland und dann in Italien entdeckt worden war. Inzwischen liegen Übersetzungen von Auszügen aus seinem Werk in mehreren Sprachen vor, aber nur auf Deutsch wurde es in seiner Gesamtheit publiziert. Der Hauptverdienst daran gebührt dem Wiener Karolinger Verlag. Dort sind auch seine Bücher erhältlich.

Seine Aphorismen unterliegen keiner Ordnung oder Gliederung. Stattdessen tauchen seine Grundgedanken in gleicher oder ähnlicher Form an verschiedenen Stellen immer wieder auf. Es ist daher von einem konzentrischen Werk die Rede.

Zentraler Begriff von Dávila ist der des Reaktionärs, einer Figur, die er ausdrücklich positiv bewertet. Damit stellt er sich in völligen Widerspruch zu einer fortschrittsgläubigen Welt, für die Worte wie größer, mehr, neu und modern Qualitätskennzeichen sind. Reaktionäres Denken ist für ihn konkretes Denken, nicht theoretisches Geschwafel: “Die großen Probleme der Menschheit haben keine Lösung, sondern Geschichte”, lautet eine der zentralen Scholien des Denkers “vom Ende der bewohnten Welt” (Mosebach).

Ein anderer Fixpunkt in Dávilas Denken ist der Katholizismus in seiner überlieferten Form. Dávila faszinierte interessanterweise vor allem der heidnische Aspekt, weniger der christlich-humanistische der römisch-katholischen Kirche. Er befindet sich hier in guter Gesellschaft mit der von Erzbischof Lefebvre gegründeten Priesterbruderschaft St.Pius X. Allerdings ist unbekannt, ob er mit den katholischen Traditionalisten jemals in Kontakt trat. Wichtig ist jedenfalls, dass er zu denselben Überzeugungen kam. Die Wahrheit ist nicht verhandelbar, kann sich nicht am jeweiligen Zeitgeist ausrichten. Sie ist unveränderlich, von Abstimmungen oder Mehrheitsentscheidungen unabhängig und ewig gültig.

Dávilas Antimodernismus ist eine Konsequenz seines reaktionären Denkens. Die Bewahrung der Tradition sind wir unseren Vorfahren schuldig. Das Vermächtnis, das unsere Ahnen hinterließen, muss erhalten, nicht zerstört werden. Eine Erkenntnis, die in allen Kulturen stets eine Selbstverständlichkeit war und die in der Moderne zuerst in Frage gestellt und jetzt lächerlich gemacht wird. Mit Konsequenzen, die die menschliche Spezies unweigerlich in den Abgrund treiben wird. Wer nicht wissen will, von wo er herkommt, hat keinen Anhaltspunkt, warum er überhaupt unterwegs ist, geschweige denn, wo er hin will. Dávila greift die moderne Welt frontal an: “Die Verwesung der modernen Welt nicht zu spüren, ist ein Indiz der Ansteckung.”

Dávila lehnt als Reaktionär die Demokratie konsequenterweise ab und begreift sich als Monarchist und Anhänger aristokratischer Gesellschaften: “Die Aristokratien sind die normalen, die Demokratien die Fehlgeburten der Geschichte.”An zahlreichen Stellen entlarvt er die abgrundtiefe Verlogenheit der Demokraten und deren “satanischen Hochmut”: “Mit dem Ruf nach Meinungsfreiheit stürmten die Demokraten an die Macht. Einmal dort angelangt, war es ihre erste Handlung, sie wieder abzuschaffen.”  Oder: “Die Demokratie hat den Terror als Mittel und den Totalitarismus als Zweck.” Ein Zitat, das sich mühelos auf die Entwicklungen in der BRD und der gesamten Westlichen Wertegemeinschaft der letzten Jahre übertragen lässt.

Belassen wir es bei dieser kurzen Einführung ins Leben und Werk des Kolumbianers, den man ohne Übertreibung als den bedeutendsten Denker bezeichnen kann, den Lateinamerika bislang hervorgebracht hat. Im Grunde kann man jedem, dem die herrschenden Zustände und die dafür Verantwortlichen einfach nur noch auf den Geist gehen, empfehlen, sich intensiv mit den Schriften Dávilas zu beschäftigen. Wer ihn einmal gelesen hat, kommt nicht mehr davon los. Seine Scholien und Gedanken wirken wie ein frischer Wind, der die durch erzwungenen Konformismus, Gleichschaltung und den totalitären Konsens der Demokraten verstaubten Gehirnzellen wieder freibläst. Mit Aphorismen wie diesem beispielsweise: »Der Fortschrittler triumphiert immer, und der Reaktionär hat immer recht. Recht haben heißt in der Politik nicht, die Szene zu beherrschen, sondern vom ersten Akt an die Leichen des fünften vorherzusagen.« Diesbezüglich bin ich übrigens optimistischer als Dávila. Durch das endlose, immer gleiche Geschwafel der Apostel der modernen Zeit bis zum Überdruss gelangweilt, werden sich mehr und mehr geistig wache Menschen genau dem Denken zuwenden, das Dávila vertritt und damit den Fortschrittsgläubigen eine historische Niederlage verpassen.

In seinem Vorwort zu den “Notas”, die im Verlag Matthes & Seitz in deutscher Sprache herausgegeben wurden, sieht das der bekannte Schriftsteller Martin Mosebach ähnlich: “Es gehört zum Tröstlichsten in einer vom Kommerz vielfältig bedrohten Literaturwelt, dass sich dies lange verborgene Werk gleichsam osmotisch in viele Länder verbreitet, ohne Werbung und öffentliche Unterstützung zu erfahren.”

Eine hervorragende, ausführliche und kenntnisreiche Einführung inklusive einer Bibliographie in das Werk Dávilas bietet das folgende Buch: Till Kinzel: Nicolás Gómez Dávila. Parteigänger verlorener Sachen. 4. erw. Auflage Lepanto Verlag, Rückersdorf 2015, ISBN 978-3-942605-10-6

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