Europas Platz in einer multipolaren Welt: Grundlagen eines revolutionären populistischen Gedankens

von | 13. Dez. 2019 | Philosophie & Theorie

Bei dem folgenden Text handelt es sich um eine Rede, gehalten von unserem Autor Alexander Markovics auf dem III. Kischinauforum. Das Kischinauforum wurde 2017 gegründet und dient als ein akademischer Austausch diverser antiglobalistischer Dissidenten, die sich der amerikanischen Hegemonie entgegenstellen. Das Forum wurde von Intellektuellen aus verschiedenen Ländern des eurasischen Kontinents ins Leben gerufen. So gehört u.a. auch der berühmte Vordenker der Vierten Politischen Theorie, Alexander Dugin, zu den Gründungsmitgliedern. Das III. Kischinauforum fand unter dem Motto “Jenseits des Unipolaren Moments – Perspektiven auf die entstehende Multipolare Welt” statt. Eine Übersetzung von MetaPol Verlag & Medien

 

Die entstehende multipolare Welt ist eine geopolitische Revolution. Sie beschreibt nicht nur einen Paradigmenwechsel, von 1991 von den Vereinigten Staaten geschaffenen, kurzen unipolaren Zeitraum, sondern steht gleichbedeutend für das Ende der westlichen Hegemonie.

Der gegenwärtige Prozess der Multipolarisierung begünstigt sowohl die verschiedenen Zivilisationen und verlangsamt ebenso das liberalistische Ziel der Globalisierung.

Während die Globalisierung versucht, die Welt unter ein politisches System, eine Ideologie und eine Zivilisation zu zwängen, verkündet die Multipolarität, Vielfalt der politischen Systeme, der Ideologien und der Zivilisationen.

 

Multipolarität und das populistische Moment

 

Daher ergibt sich die Frage: Wo ist der Platz Europas in dieser multipolaren Welt?

Der derzeitige Platz Europas ist auf der Umlaufbahn der Vereinigten Staaten. Nach 70 Jahren Atlantizismus scheint Europa nicht in der Lage, seine eigenen geopolitischen Interessen auszudrücken. Aber wie Hölderlin schon sagte: „Wo aber Gefahr ist, dort wächst das Rettende auch.“. Das populistische Moment gebar Bewegungen wie die „Gelbwesten“ und Parteien in ganz Europa, die der liberalistischen Elite den Krieg erklärten. Doch auch den populistischen Bewegungen und Parteien ermangelt es an konsequenten Strategien gegen die Globalisierung und den Liberalismus. Die Angriffe der Globalisten sind gegen das Mark der europäischen Zivilisation gerichtet. Das Christentum mit seinen Kirchen wird entweiht, die Völker werden zügellos in den „eiskalten Wassern der egoistischen Berechnung“ (wie Karl Marx es einst ausdrückte), die Familie soll als ein „Mittel der Unterdrückung“ überwunden werden und auch die klassischen Geschlechter werden angegriffen, da sie für Patriarchat stünden im Sinne des Gender-Mainstreams, indessen man im Transhumanismus bereit ist, den Mensch selbst zu beseitigen, um das Individuum zu befreien.

Um diese Gefahr zusammenzufassen, der Liberalismus greift an mehreren Fronten an, die Populisten jedoch entscheiden sich dafür, nur an einigen zu kämpfen, hauptsächlich, weil sie die Wichtigkeit dieser Fronten nicht verstehen. Bis jetzt haben sie nur bestimmte Aspekte der liberalistischen Hegemonie hinterfragt und schaffen es nicht, das große ganze Bild, das sie formt, zusammenzusetzen. Sie fordern ein Ende der Massenmigration, aber stellen die NATO, die für die Zerstörung von Heimat auf der ganzen Welt verantwortlich ist, nicht in Frage.

Sie schweigen zum Problem des Kapitalismus, welcher ihre Kultur und christliche Religion zerstört, während sie rufen: „Islamisiert nicht unsere Amerikanisierung!“

 

Die zwei Gründungsväter, des revolutionären populistischen Gedankens: Gramsci und Schmitt

 

All diese Erscheinungen des gegenwärtigen, im inneren des Westens tobenden intellektuellen Krieges zeigen uns den apokalyptischen Ernst dieses historischen Zeitraums, in dem wir leben.

Deswegen ist es wichtiger denn je aufzustehen und eine Seite zu wählen. Im Falle Europas können wir wählen zwischen den derzeitigen Eliten und ihrem Ende der Geschichte oder der Seite für die Sache der Völker und der Fortführung der Geschichte. Woran es allen Populisten in ganz Europa zurzeit mangelt, ist eine revolutionäre Theorie. Doch wo kann man sie finden?

Zuerst müssen wir die Zwischenkriegszeit betrachten, in der wir den intellektuellen Kommunisten Gramsci und den Anhänger der konservativen Revolution, den deutschen Carl Schmitt, finden.

Im Gedanken Gramscis können wir uns seine Theorie der Hegemonie zu eigen machen, um die Funktionsweise des gegenwärtigen liberalistischen Regimes zu verstehen.

Wenn wir die Ideen Gramscis richtig anwenden, erkennen wir, dass wir die liberalistische Ideologie nicht nur in Erscheinungen wie Massenmigration und der Zerstörung heimischer Sicherheit oder des kapitalistischen Wirtschaftssystems wiederfinden, sondern auch in der geopolitischen Unipolarität und besonders inmitten der Kultur. Darum ist der Widerstand gegen die liberalistische Hegemonie vergebens, wenn er nur auf eine Front gerichtet ist. Wenn der Populismus sich nur gegen einen oder zwei Aspekte der Hegemonie wendet, muss er unweigerlich zu einem weiteren Beispiel von „defensiver Modernisierung“ werden und wird auf lange Sicht scheitern, wie der politische Theoretiker Chantal Mouffe beschrieb. Die Entstehung des Populismus bedeutet die Rückkehr des politischen in Europa und dass wir als Europäer die Wahl zwischen verschiedenen hegemoniellen Projekten haben. Liberalismus ist nur eine Möglichkeit – ein revolutionärer Populismus, welcher sich an den Prinzipien der vierten politischen Theorie orientiert, ist die andere. Das sind die intellektuellen Voraussetzungen, für ein souveränes Europa in einer multipolaren Welt.

 

Landmacht, Katehon Europa und der Nationalstaat

 

Im geopolitischen Feld müssen die Populisten Carl Schmitt‘s Gegensatz von Land und See wiederentdecken. Darin belegt er den Zusammenhang zwischen Seemacht und dem Fortschrittsgedanken und ebenso den zwischen Landmacht und Konservativismus. Nach Alain de Benoist, der das Konzept weiter ausführte, bezogen auf Zygmunt Baumann, versucht die Seemacht alles in einen flüssigen Zustand umzuwandeln. Dafür „verflüssigt“ sie Kapital und Migranten, um beides wie die See fließen zu lassen. Um der Globalisierung Europas entgegenzuwirken, muss Europa ein „Katehon Europa“ werden, wie Carl Schmitt seinen Begriff von einen vereinten Großraum Europa nannte, das fähig ist, dem Antichristen zu widerstehen. Dies bedeutet in vielerlei Hinsicht, dass Europa zu seinen geopolitischen Wurzeln zurückkehren muss. Zuerst muss es die Tatsache anerkennen, dass der Nationalstaat als Kind der Moderne a) nicht länger fähig ist seine Souveränität auszuüben und b) nicht der Beschützer des Volkes, sondern ein Agent der Interessen der Bourgeoisie ist.

 

Gegenstand des populistischen Gedankens: das Volk

 

Bei der Entwicklung eines revolutionären populistischen Gedankens ist es notwendig, den Mittelpunkt der Betrachtung auf den Hauptgegenstand des Populismus zu legen: das Volk.

Ungleich der Nation ist das Volk keine künstliche Gemeinschaft, sondern ein geschichtlicher Organismus. Es besteht nicht aus Einzelindividuen, sondern aus Persönlichkeiten, die ihren Platz innerhalb der Gemeinschaft finden. Während die Nationen nur die politisch ausformulierte Menschheit kennen und ihr logisches Ende im Weltstaat finden, sind die verschiedenen Völker Gedanken Gottes, wie Herder ausführte.

 

Über den Völkern finden wir nur die Zivilisationen, bestehend aus verschiedenen Völkern, die dieselbe Religion, dieselbe Geschichte, den gemeinsamen Raum miteinander teilen. Jedes Volk auf sich allein gestellt ist dazu verdammt, vom Westen ausgelöscht zu werden, aber vereint als eine Zivilisation können sie dem Sturm trotzen.

 

 Multipolarität und das dezentralisierte Kernland

 

Deshalb ist es unabdingbar, dass eine vereinte europäische Zivilisation ein gemeinsames Reich im traditionalistischen Sinne bildet, um inländischen Frieden zu gewährleisten und dessen Souveränität zu verteidigen im Angesicht des globalistischen Ansturms. Des Weiteren hat der Aufstieg der russisch-eurasischen, chinesischen und iranisch-schiitischen Zivilisation belegt, was Alexander Dugin das verteilte Herzland nennt. Es gibt nicht nur ein Kernland, wie Hartfold Mackinder es sich vorgestellt hat, sondern viele. Wir als Europäer haben eins davon, unser typisches europäisches Kernland. Das bedeutet, dass wir „die Bürde des weißen Mannes“, den liberalistischen Rettergeist der Menschenrechte, (Post-)Moderne, Fortschritt und Aufklärung hinter uns lassen müssen. Wir müssen uns mit Xenophobie abfinden. Nur wenn wir unsere Arroganz und unseren Aberglauben ablegen, können wir unter gleichen Zivilisationen Platz finden und zu unserem traditionellen christlichen Erbe zurückkehren. Wenn die Populisten Europas aus diesen Lektionen lernen, die Streitigkeiten zwischen Rechts und Links beenden und ein revolutionäres Programm formulieren, welches sich gegen Globalisierung und Liberalismus mit all ihren Erscheinungen richtet, können sie siegen. Multipolarität in seinen beiden Formen, geopolitisch wie auch intellektuell, ist der Schlüssel um Europa sein Schicksal zurückzugeben. Aber wie in jedem Befreiungskampf müssen zuerst die Europäer selbst den Entschluss fassen, aus der westlichen Hegemonie auszubrechen.

 

Multipolarität: Die Zivilisationen vereint gegen den Globalismus

 

Wie wir erkennen können, bietet Multipolarität große Chancen, gegen die Mächte der Globalisierung und ihr Vorstoßen anzukämpfen. Wir konnten das auf den Schlachtfeldern Syriens beobachten, auf denen Russland und der Iran den Fall von Bashar-al Assad und den Aufstieg des IS verhindert haben. In Venezuela konnten Russland und China Präsident Maduro helfen, gegen amerikanisch-inszenierte Destabilisierung und einem Machtwechsel zu bestehen.

Wenn wir dieses Potential einer antiimperialistischen Front, bestehend aus verschiedenen Zivilisationen vereint gegen die Globalisierung, sehen, wäre es nur logisch für Europa, ihr auch auf lange Sicht beizutreten. Darum ist es zwingend notwendig für Europa, den Westen hinter sich zu lassen und einen eigenen Pol in der kommenden multipolaren Weltordnung zu bilden.

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