Die Noomachie: Europas Wurzeln im Kampf der Geister

von | 15. Jul. 2020 | Philosophie & Theorie

Angetrieben von ihrem Hass auf die Götter, versuchen die Titanen aus dem Tartarus den Götterberg Olymp zu stürmen. Dabei finden sie den jungen Halbgott Dionysos vor, zerreißen und verschlingen ihn. Ein Blitz aus der Hand des Göttervaters Zeus schickt sie zurück in die Hölle. Die Götter triumphieren, während die von Großen Mutter Gaia verhetzten Titanen eine totale Niederlage erleiden. Dionysos wird von Zeus wieder zum Leben erweckt. Anhand dieser Titanomachie lässt sich der Kampf der himmlischen Götter gegen die Mächte der Dunkelheit in der europäischen Geschichte nacherzählen. Für die alten Griechen und das traditionelle Europa endet der Kampf der Titanen mit dem absoluten Triumpf der Götter. Doch könnte dieser Kampf auch anders ausgehen, und wenn ja, wie würde dann die Gesellschaft aussehen, welche aus diesem Sieg der Titanen hervorgeht? Dieser Fragestellung widmet sich das in Deutschland kaum bekannte Hauptwerk des russischen Philosophen Alexander Dugins, die sogenannte Noomachie (Der Krieg der Geister). Wichtig ist hierbei hervorzuheben, dass es in diesem Krieg der Geister niemals um einen endgültigen Sieg, sondern um vorübergehende Erfolge und Niederlagen geht. Ausgehend von der Noologie, der Lehre vom nous – kann auch als Seele, Geist übersetzt werden –, welche vom rumänischen Philosophen Lucian Blaga geprägt wurde und der Geosophie, erkennt Dugin die Welt als Pluriversum an.

Die Geopolitik des Geistes: das Pluriversum der Völker als Gegenentwurf zur One-World des Universalismus

Er teilt damit also nicht die multikulturelle Perspektive, nach der keine Welt abseits der westlichen Welt bestehe, aber verschiedene, kulturell geprägte Interpretationen von ihr; sondern geht von einer Vielzahl von Welten aus, die durch das je eigene Erleben der verschiedenen Völker geprägt sind. Dugin geht vom Grundproblem verschiedener Bewusstseinstypen aus, welches wiederum die plurale Anthropologie von Franz Boas und Claude Lévi-Strauss prägte. Sein ethnosoziologisches Werk als Ausgangsbasis nehmend, teilt Alexander Dugin die Annahme, dass das Denken jedes Volkes einzigartig ist. Zwar handle es sich dabei nur um eine jeweils andere Ausprägung des nous, doch schlagen sich diese in direkten Folgen für das Leben, Fühlen und Denken der Menschen nieder. Jedes Volk erschafft sich durch sein je eigenes Denken eine ihm eigene Welt, den sogenannten Existenzhorizont. Der russische Philosoph geht also von einer Vielzahl von Welten aus, die wir als vom westlich-modernen Denken geprägte Menschen gar nicht wahrnehmen wollen, weil wir von unserer universalistischen Weltsicht aus davon ausgehen, dass es nur eine Welt und nur eine Sicht der Welt geben kann. Hierin teilt er die Kritik am Eurozentrismus von Alain de Benoist, welche ein rein auf den Westen und seine Lebensweise fokussiertes Denken nicht nur als kolonialistisch, sondern auch erkenntnishemmend kritisiert. Durch diesen erhalten wir nicht nur eine aus der Sicht der Anthropologie mangelnde Vorstellung von der Vielfalt der Völker, sondern können diese auch nicht verstehen und dieses Verstehen wiederum setzt sich die Noomachie zum Ziel. In dieser mittlerweile auf mehr als 28 Bände mit jeweils mehreren hundert Seiten angewachsenen Reihe untersucht Dugin die logoi (vom altgriechischen logos, welches sich nur unzureichend mit „Wort“ und „Rede“ übersetzen lässt, aber auch Gesamtsinn der Wirklichkeit bedeutet) der verschiedenen Völker, um nicht nur deren Identität besser verstehen zu können, sondern auch die eigene Identität der indoeuropäischen Völker und schließlich dem russischen Volk selbst, dem er angehört. Wie der Umfang des Werkes andeutet, kann dieser Text keine detaillierte Beschreibung dieses Monumentalwerkes von Alexander Dugin bieten. Vielmehr handelt es sich hier um eine erste grobe Einführung in die Thematik, basierend auf den einführenden Vorlesungen zur Noomachie von Dugin (von denen ich die ersten sechs Einheiten bereits ins Deutsche übersetzt habe) und seinem Werk Political Platonism, indem er ebenfalls auf den Noomachiezyklus eingeht. Dazu geht Dugin anknüpfend an die kulturwissenschaftlichen Debatten des 19. Jahrhunderts analog zu Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud nicht von einem einzigen System der Rationalität aus.

Die drei logoi: Apoll, Dionysos und Kybele

Anstatt wie seine geistigen Vorgänger im 19. Jahrhundert nur vom rational-apollinischen und dem rauschhaft-dionysischen logos auszugehen, nimmt Dugin die Existenz dreier logoi an, welche er in verschiedenen Zusammensetzungen in allen Völkern der Welt erkennt. Er spricht in diesem Zusammenhang vom logos des Apolls, dem logos des Dionysos und dem logos der Kybele. Diese drei Typen der Rationalität bilden im Rahmen der Noomachie einer Kartographie des Geistes. Doch wie unterscheiden sie sich voneinander? Der logos des Apolls, auch logos des Vaters, ist nach Dugin transzendent, patriarchalisch und auf den Himmel hin ausgerichtet. Ihm eigen sind die Verehrung der Sonne und der Glaube an die Existenz einer Seele. Dieser logos wurde von unseren indoeuropäischen Ahnen in einer radikalen Form vertreten. Er steht im entschiedenen Gegensatz zum logos der Kybele, welcher benannt nach einer kleinasiatischen Fruchtbarkeitsgöttin, radikal immanent, materialistisch und matriarchalisch ist. Im Gegensatz zum apollinischen Glauben an die Transzendenz und an den Ursprung des Menschen im Himmel, geht dieser logos vom Ursprung allen Seins in der Erde aus, genauer gesagt dem Schoß der Großen Mutter, die alles gebiert und alles verschlingt. Er kennt keine Seele, sondern geht von einer Ursubstanz aus, welche ständig neu geformt wird. Aufbauend auf den Forschungen von Marija Gimbutas und Johann Jakob Bachofens nimmt Dugin an, dass das prä-indoeuropäische Europa von diesem beherrscht wurde. Als 3000 v. Chr. die Indoeuropäer begannen den Dnjepr in Wellen zu überschreiten und mit ihren Pferden und Streitwägen im paläoeuropäischen Reich der Kybele einzufallen, unterwarfen sie nicht nur die dortige Zivilisation, deren Zentrum am Balkan angenommen wird, wo auch die Landwirtschaft in Europa begann, sondern zwangen den unterworfenen Menschen auch ihre Ideologie auf. Europa wurde somit zum Schlachtfeld zwischen Apoll und Kybele. Genau hier entstand schließlich der logos des Dionysos. Dieser ist transzendent-immanent, männlich, aber gleichzeitig das Weibliche bändigend und einschließend, der logos des Sohnes, der in Begleitung der Demeter auftrat und dessen eleusinische Mysterien (die Verwandlung von Wein und Brot in Leib und Blut) die Bauern in die Gesellschaft einbanden. In Folge dessen haben wir in der indoeuropäischen Vorstellung zwei Vorstellungen der Frau: Einerseits die Frau als Freundin und Gefährtin des Mannes, sofern sie patriarchale Werte wie Weisheit und Mut vertritt, andererseits die Frau als dem Mann Unterworfene, wenn sie einer matriarchalen Werteordnung anhängt.

Die indoeuropäische Ideologie

Im Rahmen der Indoeuropäischen Ideologie nach George Dumézil, die nun in Europa Einzug fand, wurden die Frauen aus der Landwirtschaft verbannt, die nun durch die Männer mit großen Nutztieren betrieben wurde und die Erde nicht sanft behandelte, sondern gewaltsam bebaute. Dadurch veränderte sich der europäische Bauernstand radikal, dem die Dritte Funktion innerhalb der Gesellschaft zukam und indoeuropäische Viehhirten wie paläoeuropäische Männer in sich vereinte. Die Zweite Funktion bildeten die indoeuropäischen Nomadenkrieger, die nun sesshaft wurden und einen Kriegeradel formten. An der Spitze der Gesellschaft standen schließlich die Priester, welche in Verbindung zum Himmel standen und gemeinsam mit dem Adel räumlich getrennt vom Rest der Bevölkerung in ummauerten, als Festungen konzipierten Städten lebten, welche das Umland beherrschten. Die gesamte Gesellschaft bildet eine Armee, deren oberste Werte Weisheit und Tapferkeit sind. Wenn wir nach Dugin vom logos der Indoeuropäer sprechen, dann drückt sich in ihm genau dieser Moment der Noomachie aus, der den Triumpf von Apoll und Dionysos über Kybele widerspiegelt, wie wir ihn in der einleitenden Darstellung über die Titanen gesehen haben. Doch bedeutet die Überlagerung des paläoeuropäischen Matriarchats durch das siegreiche Patriarchat der Indoeuropäer nicht dessen Auslöschung, sondern dass das europäische Bewusstsein fortan nicht nur vom logos des Apolls geprägt wurde, vielmehr besitzt es als doppeltes Bewusstsein weiterhin den logos der Kybele. Historisch finden wir ein Beispiel der triumphierenden indoeuropäischen Ideologie in den Schriften des griechischen Philosophen Platons (428/427 v. Chr – 348/347 v. Chr) dessen Timaios eine eindeutig apollinische Schöpfungsgeschichte mit einem demiurgischen Gott darstellt, der die Welt von außen erschafft und beseelt, sodass dieser selbst etwas Göttlichem innewohnt, ebenso wie wir in dessen Republik die trifunktionale, hierarchische Gesellschaft wiederfinden. Das apollinische Denken ist insofern logisch, als dass es immer klar zwischen zwei Zuständen trennt: tot/lebendig. Gleichzeitig finden wir in der griechischen Antike dionysische Denker wieder, wie etwa Heraklit, deren Denken dialektisch ist, das heißt die zwei Dinge in einer Sache erkennen können, aber auch insbesondere im Sinne der Rhetorik die Welt durch die Sprache, und nicht etwa durch die Mathematik exakt beschreiben. So drücken sie etwa mit der Figur des pars pro toto nur direkt den Teil eines Ganzen aus (beispielsweise Rinderköpfe), bezeichnen aber mit ihnen das ganze Rind. Schließlich dominierte das Bündnis aus apollinischen und dionysischen Denken den indoeuropäischen logos. Geächtet hingegen wurde das schon bei den alten Griechen präsente kybelische Denken, welches wir bei Demokrit, Epikur und Lukrez wiederfinden. Dieses war vom Atomismus geprägt (der Vorstellung das alle Dinge aus kleinsten, unzertrennbaren Teilchen bestehen) und einem reinen Materialismus, der sogar so weit ging zu behaupten, dass es keine Götter gäbe/diese sterblich seien sowie einer Fortschrittsvorstellung, dass sich alles zum Besseren entwickeln würde und einem ersten Evolutionsgedanken (hier beachte man etwa die Begleiter der Göttin Kybele, die zuerst als Tiere und in weiterer Folge als Chimären dargestellt werden).

Die Noomachie: Kein abgeschlossener Prozess, sondern Momentaufnahme eines geistigen Kampfes

Am Beispiel der griechischen Kultur können wir den prozesshaften Charakter der Noomachie nach Dugin darstellen. So trafen die ersten Wellen der griechischen Einwanderer aus dem Norden auf eine matriarchalische Zivilisation die sie unterwarfen. Dabei war die griechische Zivilisation nicht von Anfang an überwiegend apollinisch mit dionysischen Elementen, sondern bestand etwa auf Kreta lange Zeit aus einem Nebeneinander aus apollinischen und kybelischen Vorstellungen, wobei es hier dem kybelischen logos sogar gelang Zeus matriarchalisch umzudeuten. Auch die Gesellschaften der Phryger und Lyker beweisen, dass ein Sieg des kybelischen logos über den apollinischen logos möglich ist. Erst mit der Einwanderung der Dorer nach Griechenland triumphierte Apoll über Kybele. Diese historische Entwicklung bringt uns wieder zum anfangs erwähnten Kampf der Götter gegen die Titanen zurück. Was, wenn die Titanen den Olymp stürmen und die Götter entthronen? Diese Frage wird letztlich auf dem logos des Dionysos entschieden, welcher vor dem Hintergrund des doppelten Existenzhorizonts der Europäer ein ständiges Schlachtfeld bleibt. Dabei geht es im Wesentlichen um die herrschende Deutung des Dionysos. In der europäischen Geschichte kennen wir ihn im Wesentlichen in seiner apollinischen Deutung, als Sohn des Lichtes, der vom Himmel auf die Erde hinabsteigt und dann in die Hölle, um diese, unkorrumpiert von den Mächten der Dunkelheit, zu besiegen und wieder in den Himmel zurückzukehren. Im europäischen logos kennen wir keinen reinen Dionysos, sondern nur seine apollinisierte Fassung, nach Dugin kann man aber zum Beispiel in der traditionellen chinesischen Gesellschaft einen rein dionysischen logos finden. Gleichzeitig gibt es aber die Möglichkeit eines Schwarzen Doubles des Dionysos. In der griechischen Mythologie begegnet es uns im Attismythos in der Gestalt des Attis, dem Sohn der Kybele, der von ihr aus Eifersucht in den Wahnsinn getrieben wurde und sich schließlich selbst kastrierte, worauf die Selbstkastration der Priester im Kybelekult zurückging. Nachdem ihr Sohn infolge der Kastration verstorben war erweckte Kybele ihn wieder zum Leben und machte ihn zu ihrem Priester. Attis/Adonis ist also die kybelische Deutung der Figur des Dionysos. Im Christentum finden wir ihn als den Antichristen wieder, der vortäuscht der Erlöser zu sein, aber die Menschheit ins Verderben führt. Somit ist die Figur des Dionysos das zentrale Problem der indoeuropäischen Völker, welches im ständigen Kampf um die Deutungshoheit über Dionysos liegt, aber auch der Frage, wie man Dionysos von Attis unterscheiden soll. Das indoeuropäische Denken erfuhr nach Dugin eine bedeutende Entwicklung im Aufeinandertreffen zwischen griechischen und iranischen logos zur Zeit des Hellenismus. Dies sei eine Tatsache, die wir Europäer nur zu gerne übersehen, da unser Denken griechisch ist und damit an die griechische Geschichtsschreibung anknüpft, wodurch wir die Perspektive der Unterworfenen ausblenden. Dadurch gerät völlig aus dem Blick, dass das dem Reich Alexander des Großen vorausgehende Achämenidenreich bereits eine den ganzen Nahen Osten umfassende, unter iranischer Dominanz geschaffene, Zivilisation umfasste. Diese verbreitete die iranische, außerordentlich stark apollinisch geprägte Kultur unter den semitischen Völkern. War das griechische Ausgreifen auf diesen Raum nicht mehr rein hellenisch, sondern hellenistisch (weil es auch die unterworfenen Völker in den eigenen Raum eingliederte), so war das Achämenidenreich nicht exklusiv iranisch, sondern iranistisch. Durch die Iraner kamen die semitischen Völker mit den Vorstellungen des Messianismus (dem iranischen Sajoschant) und der Idee einer zielgerichteten Geschichte (im Gegensatz zur apollinischen ewigen Wiederkehr des Gleichen) in Berührung. Somit waren diese Vorstellungen nichts originär semitisch-jüdisches, wie Dugin hervorhebt, sondern kamen aus dem alten Persien. Dies können wir auch daran erkennen, dass erst das späte Judentum der Babylonischen Gefangenschaft diese Vorstellungen vom Messias, der Heilsgeschichte und der Endzeit übernahm.

Die geistigen Wurzeln Europas: Hellenismus, Iranismus und Christentum

Davon ausgehend weist Alexander Dugin nach, dass das Christentum also nichts uneuropäisches oder fremdes ist, sondern vielmehr die Vollendung der indoeuropäischen Tradition darstellt. Die polytheistischen Glaubensvorstellungen der Indoeuropäer seien durch ihren apollinischen Charakter, ihre himmlischen Väter und die dionysischen Elemente bereits eine Vorwegnahme (Präfiguration) des Christentums gewesen. Das Römische Reich, welches das Erbe des Hellenismus antrat, verbreitete schließlich mit seinen Legionen den Hellenismus in ganz Europa, wodurch die Europäer bereits vor der Christianisierung gewissermaßen Christen gewesen sind. Die Idee eines himmlischen Vaters als Demiurg, die dialektische Vorstellung das eine Gottheit mehrere Naturen besitzen kann (wie wir sie später bei Jesus Christus finden), die Jungfrauengeburt sowie die Vorstellung der Endzeit und eines Sinns der Geschichte waren bereits in der hellenistischen Kultur vorhanden, wodurch die Christianisierung erst möglich wurde. Die Römer fügten diesen Ideen noch das Konzept des katehon hinzu, wodurch der Kaiser die Aufgabe erhielt auf Erden die Ankunft des Antichristen zu verhindern. In anderen Zivilisationen, wo diese Vorstellungen nicht vorhanden waren, erwies sich die Christianisierung als wesentlich schwieriger oder gar unmöglich, da die Menschen dort nicht die dreifache Natur Gottes begreifen konnten. Die Entwicklung der europäischen Völker und ihres Denkens erfolgte also vor dem Hintergrund des stark apollinisch mit dem Dionysischen im Bunde stehenden Hellenismus und dem Römischen Reich, welches die hellenische Zivilisation beerbte, gleichzeitig aber ihren logos fortführte.

Doch wie lassen sich die europäischen Völker vor dem Hintergrund des Kriegs der Geister einordnen? In den Kelten erkennt der russische Philosoph ein stark zum weiblichen hingezogenes Volk, in dem die Macht des weiblichen Prinzips der Großen Mutter stark sei. Der Tod ist weiblich konnotiert, die Mythen sind voller Feen und Legenden um die Insel der Mütter. Der französische logos drücke sich, wie in der Orpheus-Sage, in dem Drang danach aus in die Hölle hinabzusteigen, um dort das Weibliche zu entdecken. Die Deutschen sieht Dugin ähnlich den Iranern als heroische Kämpfer des Lichtes gegen die Dunkelheit, ihr logos sei stark apollinisch und kriegerisch geprägt mit kybelischen Einflüssen. Doch während im iranischen logos der Kampf gegen die Dunkelheit zunächst mit einer Niederlage der Kräfte des Lichtes endet, der die Voraussetzung für ihre Wiederauferstehung und den anschließenden Triumpf im Kampf gegen das Böse ist, entwickelt er sich im deutschen Fall anders. Die titanische Neigung der Deutschen offenbare sich im maßlosen Kampf, wo sie so stark und leidenschaftlich kämpfen würden, dass sie dabei jedes Maß vergessen und mit dem Bösen, das sie bekämpfen, den Platz tauschen würden. Als Beispiel hierfür nennt Dugin den Kampf der Deutschen im Zweiten Weltkrieg: Während die Schaffung Großdeutschlands ein edles Ziel gewesen sei, hätte sich die Hybris der Deutschen im fanatischen Kampf gegen alle Völker um sie herum entladen und habe nicht nur in der Vernichtung Großdeutschlands, sondern auch der Zerstörung der Deutschen selbst geendet. Die Engländer wiederum seien zwar ein Produkt des Aufeinandertreffens von Kelten und Deutschen, aus dieser Begegnung hätte sich aber kein gemeinsamer logos gebildet. Vielmehr existiere ein fragiles Gleichgewicht zwischen dem depressiven Element der Kelten und dem aggressiven Element der Deutschen, welches nie in einer Symbiose endete (ähnlich dem Fall Belgiens und der Schweiz). Dieses sei schließlich der Grund für die aggressive Expansion Englands um den Globus gewesen. Da England nicht dazu in der Lage war seine Widersprüche im Inneren zu versöhnen, habe es diese nach außen gewendet und über den ganzen Erdball verbreitet. Dugin bezeichnet dies als die englische Schizophrenie und Bipolarität. Dieser Konflikt im Inneren führte schließlich zur Geburt von Liberalismus, Kapitalismus und Imperialismus.  Den Bruch innerhalb der europäischen Zivilisation erkennt Alexander Dugin mit dem Beginn der Moderne und der Renaissance. In Europa kommt es deswegen zu einem Paradigmenwechsel, weil die Wiedergeburt der Antike nicht etwa in einer verstärkten Rezeption von Platon und Aristoteles mündete, sondern in einer Wiederentdeckung und Enttabuisierung der atomistischen Denkschule. Hierbei kommt es insbesondere durch die modernen Naturwissenschaften (die Betonung liegt auf modern, da auch im Mittelalter Wissenschaft getrieben wurde) zu einer Zerstörung der aristotelischen Kosmologie. Diese ging davon aus, dass alle Dinge in Bewegung sind und auf sich ihren eigentlichen Platz zu bewegen. Nur Gott thront als unbewegter Beweger über allem im Zentrum des Kosmos. Dem machten Galileo Galilei und Nikolaus Kopernikus ein Ende, indem sie die Erde zu einer von vielen Kugeln im Kosmos reduzierten und entsakralisierten. An die Stelle der vom Demiurgen geschaffenen Ordnung traten das Chaos und die Materie. Der Mensch wurde vom Teil des Schöpfungsplanes zu einem einfachen Individuum. Im religiösen Feld ging diese Zerstörung der Kosmologie mit der Verkündung des Protestantismus einher. In seinen Anfängen eine Reaktion auf die totale Korruption der Katholischen Kirche in Westeuropa darstellend und von der Suche nach einer Verbindung des Menschens zu Gott getrieben, wie wir es etwa bei dem deutschen Mystiker Meister Eckhart nachlesen konnten, glitt der Protestantismus rasch ins Titanische ab. Der Mystiker Johannes Tauler ging davon aus, dass es drei Männer in uns gibt. Der erste Mann ist der Mensch als Tier, der zweite Mann stellt den rationalen Menschen dar und der Dritte Mann ist das in unserer Seele verborgene Radikale Selbst, welches in direkter Verbindung zu Gott steht. Während die Mystiker den Fokus auf den Dritten Mann legten, konzentrierte sich der Protestantismus auf den Zweiten Mann und verlieh damit jemanden Würde, der bis dahin keine besaß. Durch die Lehren Luthers und insbesondere Calvins, der jede Sakralität abstritt, fand also eine Glorifizierung des rationalen Menschen statt, die zur Zerstörung der traditionellen Gesellschaft und damit des europäischen logos führte. Diese theologische Entwicklung im Westchristentum (die Orthodoxe Kirche konnte diese theologische Debatte nicht nachvollziehen, da sie nicht dieses Problem hatte) führte nicht nur zum Ende des Christentums im Westen, sondern auch zum Fall des apollinischen und dionysischen logos in Europa an sich und damit aller Formen der Vertikalität. Die Entchristianisierung Europas bedeutete nach Dugin also nicht nur das Ende des westlichen Christentums, sondern auch das Ende der indoeuropäischen Tradition im Westen. Sie führte zu einem neuen Moment in der Noomachie, der die Ankunft des Antichristen und die Befreiung des Satans von seinen Ketten in der Hölle bedeutete und die Entfesselung der Titanen darstellte.

Die Moderne: Aufstieg des Bürgertums und Wiederkehr des kybelischen logos

Die Moderne bedeutete somit einen radikalen Bruch, der mit Aufstieg einer sozialen Schicht verbunden war, die nun gegen die Ständegesellschaft rebellierte: Der Bürger. Ursprünglich nur als Hilfskraft in den Städten geduldet, das den geistigen und weltlichen Adel bei der Verwaltung unterstützte, stellte das Bürgertum eine Anomalie in der Gesellschaft dar. Es war der Idiot im griechischen Sinne, der von allen Bindungen losgelöste Mensch, der mit dem Bourgeois nach der Macht griff. Bei ihm handelte es sich um ehemalige Angehörige des Dritten Standes, die zu faul zur Arbeit am Feld und zu feige zum Kämpfen waren. Die Bürgerliche Revolution bedeutete die Erniedrigung der Priester, die Beseitigung des Adels und die Entwurzelung der Bauern, was sie zu einem ungeheuren Genozid an der europäischen Kultur macht. An die Stelle der Kasten und Stände traten die von ihrer historischen Identität „befreiten“ Individuen. Im Zuge der Moderne kam es also zu einer schleichenden Ersetzung des transzendenten und antimaterialistischen Weltbildes des Christentums durch das radikal immanente und materialistische Weltbild der Moderne, wobei letzteres den logos der Kybele darstellt, welcher von seinen mythischen Elementen gesäubert wurde. Diese Revolution ereignete sich in einigen Ländern evolutionär über die protestantische Religion (England), in anderen Ländern entlud sie sich in der Hauptsache als Revolution und Gewaltausbruch (Frankreich). Mit ihr wurde auch die traditionelle Staatsform des Reiches schrittweise beseitigt, mitsamt ihrer hierarchischen Gesellschaftsordnung und dem katehon. Der Nationalismus trat mit dem Leviathan Hobbes’ in die Geschichte und schuf eine rein künstliche Gesellschaft, die sich aus zahlreichen Individuen zusammensetzte, welche dabei einem mechanischen Drachen glich. Da es ihm nur um den Schutz der Handelsfreiheit, der Wirtschaftstätigkeit der Bürger und der Individuen vor sich selbst (im Kampf aller gegen alle) geht, fehlt ihm jeglicher Zugang zur Transzendenz. An die Stelle der letzten Vernunft in Gott trat die einfache Vernunft des Menschen, welche die Erde von einem einzigartigen Produkt der Schöpfung zu einem Erdball unter vielen im Universum degradierte. Dies alles folgte nicht einer nihilistischen Logik, sondern der Logik der Kybele. Die Moderne an sich ist somit nichts neues, sondern die Rückkehr des alten kybelischen logos, der nun nicht von Demokrit, Lukrez und Epikur vertreten wird, sondern von Descartes, Hobbes, Gassendi, Newton und Boyle. Die Moderne wurde schließlich im Zuge der Aufklärung systematisiert und brachte so den Liberalismus hervor. Alle drei Ideologien welche aus ihr hervorgingen (Liberalismus, Marxismus/Kommunismus, Faschismus/Nationalsozialismus) glorifizierten dabei den Bourgeois und verschrieben sich der Vernichtung der Tradition: So holte der Liberalismus die Bauern zwangsweise in die Städte um sie zu Bourgeois zu machen, der Kommunismus um sie zu armen Bourgeois, den Proletariern, werden zu lassen, die dann später die Bürgerlichen stürzen sollten. Und auch der Faschismus stellte den chauvinistischen, um seinen Vorteil bedachten Bürger ins Zentrum, der sich für das künstliche Kollektiv der Nation einsetzen sollte. Der Bauer wurde hier zum Menschen zweiter Klasse, der schlicht zu einem zwischen den Städten lebenden Element degradiert wurde. Die kennzeichnenden Eigenschaften der Moderne sind also ihr antichristlich-naturwissenschaftliches Weltbild, der moderne Staat, die Zerstörung der drei Funktionen der Indoeuropäischen Gesellschaft sowie der Glaube an den Fortschritt im Sinne einer ständigen Verbesserung des Menschen.

Postmoderne und schizophrene Revolution

Worin liegt nun also die Funktion der Postmoderne, wenn die Moderne die Entchristianisierung bedeutete? Sie will die Moderne um ihre letzten Restbestände der Tradition reinigen, wobei sie der Dialektik der Aufklärung im Sinne einer ständigen Revolution folgt. Während das Paradigma der Moderne die Säkularisierung ist, besteht das Paradigma der Postmoderne in der Virtualität. Nach Dugin handelt es sich bei den zentralen Denkern der Postmoderne um Gilles Deleuze und Félix Guattari, welche die schizophrene Revolution begründeten. Ausgehend von ihrer Kritik an der Hirnforschung warfen die beiden Philosophen ein, dass die Vernunft nur den männlichen Teil der Vernunft abbilden würde. Dabei unterschieden sie zwischen zwei psychologischen Systemen: Dem paranoiden System und dem schizophrenen System. Während das männlich konnotierte paranoide System hierarchisch gegliedert sei, definiere sich das schizophrene System als feministisch und egalitärer, es gründet dabei auf einer Teilung des Inneren Selbst. Die logische Folge des schizophrenen Systems ist dabei die Kriegserklärung an das Individuum, das nicht mehr zerteilbar ist, und an die Diktatur des Gehirns. Das Individuum soll durch das Dividuum, der Körper durch ein Parlament der Organe ersetzt werden. In den radikalsten Konzepten der Postmoderne werden aber auch die Organe als totalitäre Konzepte erkannt, stattdessen ergreift man hier Partei für einen Körper ohne Organe und organischen Status sowie ohne Form, was wiederum die Auswanderung ins Netzwerk bedeutet. Dieses „Rhizom“, benannt nach dem griechischen Wort für Wurzel, spiegelt insofern die Struktur der postmodernen Gesellschaft wider, als dass es horizontal und nicht vertikal organisiert ist. Dieser neue Materialismus beschäftigt sich nicht mit den Dingen an sich, sondern mit dem was darunter ist. Vom traditionalistischen Standpunkt Alexander Dugins aus haben wir es hier mit der intrakorporalen Ebene zu tun, in welcher die Wesen der Unterwelt hausen. Das Wurzelgeflecht des Rhizoms verbindet dabei nicht die Individuen, sondern die Organe in einer schizophrenen Weise. Neben der Befreiung der Organe vom Körper fordert die Postmoderne auch eine Befreiung des Geistes von diesem, damit im Parlament der Organe auch die Begierden hinzutreten können. Hier können wir den Unterschied zwischen dem Postliberalismus und dem klassischen Liberalismus besonders klar erkennen, wobei ersterer nach Dugin eine Verschmelzung von Liberalismus und der kulturellen Seite des Marxismus darstelle. Der in der Postmoderne eintretende Paradigmenwechsel bestehe darin, dass das Individuum durch das Dividuum, der Intellekt durch die Künstliche Intelligenz, die normalen zwischenmenschlichen Beziehungen durch das Netzwerk und die Realität durch die Virtualität ersetzt werde. Indem das moderne Diktum Descartes, dass der Mensch ein Uhrwerk sei, zur Vollendung gebracht wird, beginnt der Mensch in der Postmoderne selbst immer mehr zur Maschine zu werden. Ziel ist es dabei, den Moment der Singularität zu erreichen, indem der Fortschritt exponentiell werden soll, um schließlich eine künstliche Intelligenz zu schaffen die den menschlichen Intellekt selbst übertreffen und sich selbst reproduzieren können soll. Die philosophische Bewegung des Akzelerationismus hat es sich zum Ziel gesetzt genau diese Bewegung zu fördern und sogar noch zu beschleunigen – bisher wird das Eintreten der Singularität von ihren Befürwortern wie Raymond Kurzweil, dem Chef der technischen Entwicklung bei Google, mit dem Jahr 2045 prophezeit. Um aber das menschliche Hirn reproduzieren zu können, muss man es selbst als etwas Künstliches und Materielles auffassen, der Mensch muss also selbst zur Maschine werden. Die Politische Korrektheit, die jeden der sich nicht für den Fortschritt und eben diese Korrektheit ausspricht zum Unmenschen erklärt, sei hierbei der neue Totalitarismus, der diese Entwicklung ermögliche. Wie wir an den durch keinerlei Beweise gedeckten Vorwürfen einer Manipulation des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes durch Russland zugunsten Trumps erkennen können, so Dugin, würde die Virtualität, welche allein auf einem Algorithmus basiere, immer mehr die Realität ersetzen. Ergibt es vor diesem Hintergrund Sinn die Verteidigung der Realität gegen die Virtualität zu fordern? Nach Alexander Dugin ist dies unlogisch, da die Realität erst durch die Moderne entstanden sei. In der indoeuropäischen Weltsicht die durch den apollinischen logos geprägt ist, existieren nur die Ideen wirklich, die die wirklichen Lebewesen darstellen, während alles irdische Leben nur ein Abbild davon ist. Die Realität im Sinne der Tradition zog ihre Tatsächlichkeit alleine aus der Tatsache, dass sie von Gott erschaffen wurde. In der Moderne jedoch wird das Weltenei (um eine Figur aus der hinduistischen Mythologie zu zitieren) von oben geschlossen und dem Einfluss der himmlischen Transzendenz entzogen. Die Vernunft trennt den Menschen von seinem Schöpfer und zieht einen Trennstrich zwischen ihn und die metaphysischen Gründe für seine Existenz. Dadurch wird die Realität selbst virtuell, wodurch der Übergang von der Realität zur Virtualität in der Postmoderne möglich wird. Eschatologisch gesprochen folgt auf die Abschließung von oben gegen die himmlischen Einflüsse in der Moderne die Öffnung des Welteneis von unten, wodurch es den Einflüssen der Hölle ausgesetzt wird. Eine Rettung der Realität ist also metaphysisch gesprochen nicht möglich, ehe uns nicht eine Rettung der Spiritualität gelingt. Was bedeuten also vor diesem Hintergrund Postmoderne und Singularität wirklich? Der reine Kosmopolitismus der Postmoderne, welcher von den letzten archaischen Elementen der Moderne gereinigt ist, führt im Rahmen der Singularität nicht nur zur Befreiung des Menschen von allen kollektiven Identitäten, sondern auch zur Befreiung von seiner Menschlichkeit selbst. Am Ende dieses Prozesses steht die Matrix mit künstlicher Intelligenz, welche den sterblichen Körper des Menschen durch den unsterblichen Körper der Maschine ersetzt. Dadurch komme es auch zum Ende des logos an sich. Was kann man also angesichts dieser apokalyptischen Situation tun? Dugin sieht eine Zukunft nur in der Fortführung des Heidegger‘schen Projekts eines „anderen Anfangs“ in der Philosophie, der mit der Erfassung des Chaos und der Entdeckung des Radikalen Selbst, der dionysischen Figur innerhalb der kybelischen Nacht der Postmoderne, insbesondere in einem Fortdenken des dionysischen logos bestünde. Da die Russen im Gegensatz zu den Europäern noch keinen festen logos etabliert hätten, falle ihnen eine wichtige katehonische Mission in dieser Situation zu. Zwar habe sich Europa für die Postmoderne entschieden, wie Heidegger mit „Nur ein Gott kann uns retten“ andeutete, doch sei auch ein verzweifelter Kampf gegen diese heroisch und nicht vergebens, da er zumindest andere Völker vor der Postmoderne bewahren könnte, so Dugins Ausblick auf den kommenden Abschnitt der Noomachie.

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