Der Beginn einer neuen Intifada?

von | 18. Mai. 2021 | Deutschland und die Welt

In Tel Aviv und Jerusalem schlagen wieder Raketen ein. Die israelische Luftwaffe fliegt zur Vergeltung Angriffe im Gazastreifen. So schlimm wie seit zwanzig Jahren nicht mehr soll es sein. Damals war ich gerade mit meiner Schwester und meinem Vater in Israel, weil dieser in Jerusalem eine Pfarrstelle anzutreten gedachte. Weshalb wir anschließend doch nicht ins „Gelobte Land“, sondern nach Pforzheim zogen, weiß ich nicht mehr. Vielleicht habe ich es nie gewusst. Möglicherweise war es der Krieg. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Roadtrips durch die Wüste, vorbei an ausgebrannten Fahrzeugen, an die nächtlichen Sirenen in Jerusalem und an einen klandestinen Spaziergang auf der alten Stadtmauer, an die zahlreichen Checkpoints, die Leibesvisitationen und die sture Weigerung der palästinensischen Taxifahrer, durch bestimmte Stadtviertel zu fahren, weil sie fürchteten, dort unter Beschuss genommen zu werden.

Der Probst, bei dem wir damals zu Gast waren, erzählte uns, seinen palästinensischen Angestellten sei zuhause das Wasser knapp geworden, weil das israelische Militär das Feuer gezielt auf Wassertanks eröffnet habe. Von jungen Israelis, die ich in den vergangenen zehn Jahren in Lateinamerika oder Osteuropa traf und die gerade ihre dreijährige Wehrpflicht beendet hatten, hörte ich indes immer wieder, die Palästinenser seien selbst keine Unschuldslämmer und setzten Nichtkombattanten gezielt als menschliche Schutzschilde ein. Vermutlich stimmt beides.

Eine krasse Asymmetrie der Kriegsführung ist in diesem seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt, diesem kalten Krieg, der immer wieder auch „heiße Phasen“ durchläuft, nicht zu übersehen. Wenn die radikal-islamische Hamas hunderte Raketen auf eine Stadt abfeuert und es einigen von ihnen gelingt, sich am israelischen Raketenabwehrsystem vorbeizumogeln, sterben mit etwas Glück ein paar Zivilisten. Die durch solche Angriffe provozierten Vergeltungsschläge fordern hingegen oft Dutzende Tote, von denen die meisten tatsächlich Kombattanten sind. Häufig sind unter den Opfern israelischer Bombardements ranghohe Funktionäre der Hamas.

In meiner Jugend stand ich ganz klar auf Seiten der Palästinenser, was alleine schon der Tatsache geschuldet war, dass ich als Südstaatler immer eine Schwäche für das hatte, was der Engländer „lost causes“ nennt. In seiner Erzählung Das Vermächtnis von Maximilian Tod lässt Bruce Chatwin den deutsch-amerikanischen Protagonisten sich im Zweiten Weltkrieg für Deutschland entscheiden, weil es unter ästhetischen Gesichtspunkten immer sicherer sei, zu verlieren. Beim Kampf um Stalingrad wird Todd schwer verwundet und entfernt, auf einer Feldbahre liegend, das zweite „D“ von seinem Nachnamen. Allerdings überlebt er die Operation und geht nach dem Krieg nach Südamerika. Der Schöpfer der literarischen Figur Maximilian Tod(d), Bruce Chatwin, schrieb am 24. Februar 1969 in einem Brief an seinen Freund Tom Maschler, die Fixierung auf ein Stammesgebiet bilde den Hintergrund für die Tragödie im Nahen Osten: „Nomaden sind übertrieben stark auf ihr Stammesterritorium fixiert. ‚Land ist die Grundlage unseres Volkes. Wir werden kämpfen!sagte ein Nomadenhäuptling aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus. Er gab bereitwillig sein bestes Pferd, seine ganzen Schätze und seine Lieblingsfrau her, doch um wenige Quadratkilometer nutzloser Steppe kämpfte er bis auf den Tod.

Ich sagte, in meiner Jugend hätte ich es ganz fraglos mit den Palästinensern gehalten. Heute habe ich auch Sympathien für die Sache der Juden, was nicht zuletzt der Lektüre von Theodor Herzls Büchern Der Judenstaat und AltNeuland geschuldet ist. Die Juden waren vor der Gründung Israels ein Volk ohne Staat, das noch dazu – aufgrund seiner Tüchtigkeit – nicht wohlgelitten war. Hier drängen sich dem Historiker überdeutliche Parallelen zur aktuellen Lage der Weißen in Westeuropa und der Anglosphäre auf: Weil ein im Großen und Ganzen noch immer vorwiegend meritokratisches System dafür sorgt, dass diejenigen es in Spitzenpositionen in der Wirtschaft schaffen, die die besten Ergebnisse liefern, sind die Chefetagen großer Firmen aus Sicht der links-grünen Weltverbesserer à la Baerbock oder Biden noch immer nicht „divers“ genug. Alte weiße Männer haben in der westlichen Welt jene Funktion des Buhmanns eingenommen, die seit dem Holocaust gleichsam vakant war. Sie haben den „ewigen Juden“ als Feindbild abgelöst. Antiweißer Rassismus und Antisemitismus entspringen ein und derselben allzu menschlichen Empfindung: dem Neid.

Mein Verständnis für die Israelis hat indes auch Grenzen. Die nationalistischen Siedler, die den Palästinensern immer noch mehr und noch mehr Land abzutrotzen versuchen, kann man nur als unverschämt bezeichnen. Mitausgelöst wurden die neuerlichen Feindseligkeiten am Ende des Ramadans durch den Jerusalem-Tag, an dem Juden die während des Sechstagekriegs im Jahr 1967 erfolgte Eroberung des Ostteils von Jerusalem einschließlich der Altstadt feiern. Zwar wurde die Marschroute in letzter Minute geändert, sodass die Fahnen schwenkenden Israelis nicht durch das Damaskustor und das muslimische Viertel der Altstadt zogen, doch das Pulverfass Jerusalem hat eine ziemlich kurze Lunte, und so eskalierte die Situation trotz Änderung der Marschroute. Es sind immer die Regionen, in denen die ethnische Trennlinie mit einer religiösen oder konfessionellen zusammenfällt, die einfach nicht zur Ruhe kommen. Nordirland und der Balkan sind neben dem Nahostkonflikt hierfür die Paradebeispiele. Ein weiterer Grund dafür, den neuen Glaubenssatz des Westens „Diversity is our greatest strength“ nicht einfach nachzubeten und die Grenzen für Menschen aus aller Herren Länder zu öffnen. Ob die neu entfachte Gewalt im Nahen Osten den Beginn einer weiteren Intifada, also eines veritablen Palästinenseraufstands, darstellt, wird sich zeigen. Auf Dauer wird ein solcher aber nur dann unterbleiben, wenn beide Seiten anfangen das zu praktizieren, was Lothrop Stoddard 1924 mit Blick auf den dänischen Verzicht darauf, sich ganz Schleswig einzuverleiben, „Scandinavian moderation“ nannte und mit den chauvinistischen und imperialistischen Gelüsten der meisten anderen europäischen Nationen, gerade der kleinen, kontrastierte.

1 Kommentar

  1. Fragen!

    a) WARUM sind die Juden fast überall in der Welt „sooo“ beliebt?

    b) Wenn sie sich als Volk oder gar Rasse sehen (S. Landmann), tja, warum dann nicht alle „ins Land der Väter“, sondern immer noch liebend gerne als „Gäste“ bei einem „Wirtsvolk“, das zu ihren Diensten ist, sein muß bzw. sein will.

    c) Hierzulande ginge es uns VIEL besser, wenn Moslems aus Hinz- und Kunzistan wie auch Juden, ob liberal oder ultra-orthodox, ob Khasaren, Chassiden, Sepharden usw. uns hierzulande mit ihrem Da-/ Hiersein verschonen würden.

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