Das Radikale Subjekt als Katechon

von | 26. Aug. 2022 | Debatte

Unser Kommentator Peter Töpfer befasst sich mit dem Gegensatz zwischen Objektorientierter und Subjektorientierter Onotologie nach Alexander Dugin und stößt damit eine Diskussion an. Die Redaktion

Sind Russland, Alexander Dugin und dessen Radikales Subjekt der Katechon unserer Epoche? Für eine Kampfgemeinschaft Ultralinker und Ultrarechter gegen die drohende Weltherrschaft der Totalobjektivierung!

Mein Vorwort zu Alexander Dugins gerade (Sommer 2022) erschienenem Buch „Eurasische Mission“ (1) nenne ich „Das Radikale Subjekt als Katechon“. Was meine ich damit? Ich schreibe dort: „Damit [mit Dugins Erhebung des Subjekts bzw. des Heideggerschen Daseins zu zentralen Inhalten und Begriffen seiner Vierten Politischen Theorie] ist der Weg nicht nur zur Erlösung im Makrobereich (das kollektive Subjekt) geöffnet, sondern auch im Mikrobereich (das individuelle Subjekt), denn das vollständige Dasein beendet die Entfremdung und bedeutet das hergestellte Selbstsein der Subjekte und die Aneignung bzw. die Ausfüllung der Person – und damit die Stärkung und Souveränisierung der Einzelnen und ihrer Kollektive gegen die globale Oligarchie. Dugins Radikales Subjekt wird dann zum Katechon.“

Ich setze in diesem Vorwort Dugins „Radikales Subjekt“ bzw. seine „tiefe Identität“ mit Max Stirners „Eigner“ quasi gleich. Ist dies statthaft?

Radio Jerewan würde wie üblich auf diese Frage mit „im Prinzip ja“ antworten, das „aber“ ist nur ein Detail – das es wiederum in sich hat.

Dugin bekämpft die „objekt-orientierte Ontologie“. Das kann nur heißen: radikale Subjekt-Orientierung! Der einzige Unterschied, den es jetzt noch zu Stirner gibt, ist, dass Dugin die Subjekt-Orientierung im Rahmen einer Ontologie betreibt, währenddessen Stirner in post-philosophischer Manier die Ontologie zugunsten des Ón (des Daseins) zu unterwinden beginnt: mit seinen berühmten „Ruck“, der „mir die Dienste des sorglichsten Denkens tut“, mit seinem „Recken der Glieder“, das „die Qual der Gedanken abschüttelt“ und mit seinem „aufjauchzenden Juchhe“, das „jahrelange Lasten abwirft“.

Das Dasein wird also trans-intellektuell erreicht. Und dies aus einem sehr leicht nachvollziehbarem Grunde: Weil das Dasein im wesentlichen aus Nicht-Intellektuellem besteht. Hieran ist Heidegger gescheitert, der gegen die „Daseinsvergessenheit“ – weiter sorglichst andachte und sorglichst anschrieb.

Können Radikales Subjekt und Eigner in Individualität und Kollektivität tatsächlich das Absolute Böse der liberalistischen Unipolarität aufhalten? Ich denke: ja. Ich frage sogar: Müssen nicht die Radikalen Subjekte und die Eigner zu Katechonten werden?

Wie das? – Weil wir schon zu sehr korrupt sind. Auf einer Veranstaltung zu den Themen „Künstliche Intelligenz“, „Singularität“ usw. fragte Martin Sellner in das wohlgemerkt systemgegnerische Publikum hinein, wer sich gegen Gebrechen chippen lassen würde. Eine erstaunlich große Anzahl von Teilnehmern war so ehrlich und hob den Arm. Wenn wir noch ehrlicher sind, haben wir gar keine andere Wahl, als Radikale Subjekte zu werden, um den endgültigen Übergang vom Analogen ins Digitale zu verhindern.

Dies kann nur ein Zwischenbericht sein. In andeutender Beantwortung der gestellten Fragen sollen folgende Zitate von Bernd A. Laska aus dessen Buch >“Katechon“ und „Anarch“. Carl Schmitts und Ernst Jüngers Reaktionen auf Max Stirner< (Nürnberg 1997, LSR-Verlag) dienen:

„Carl Schmitt wußte, daß Max Stirner – wie er selbst – entschiedener Gegner des liberalistischen Individualismus war (…), wußte, daß Max Stirner, der ideale Typ des Widersachers, zugleich der schärfste Gegner der widersacherischen Ideologien der Moderne war – wie er selbst (…), wußte, daß Max Stirner die von Paulus genannten komplementären Wesensmerkmale des Widersachers nicht trägt: Stirner setzt sich nicht an die Stelle Gottes, und er versteckt sich nicht hinter einer täuschenden Fassade. (…)

Carl Schmitt wählte sich in seinem (verkappten) Anti-Stirner ‚Der Wert des Staates und die Bedeutung des Einzelnen‘ (1914) allerdings nicht Stirner als Gegner, den er nicht einmal erwähnt, sondern den modernen Individualismus – allein Stirner vertritt keine individualistische Auffassung. (…) Als Katechon konnte er zwar vielen Gestalten des Widersachers begegnen, nie jedoch der stirner’schen Gestalt des Eigners.

Wer ist heute der Katechon? (…) Könnte nicht der Katechon auch einmal weder eine weltliche noch eine geistliche, sondern eine geistige Macht, ein einzelner Denker sein? Schmitt bezeichnete sich 1946 als ‚der letzte bewußte Vertreter des jus publicum Europaeum, sein letzter Lehrer und Forscher in einem existenziellen Sinne‘; er hat seine Position, bei allen situationsbedingten Wandlungen, von Beginn an stets als die eines einsamen Einzelkämpfers (gelegentlich mit dubiosen Verbündeten) gegen große, übermächtige Epochentendenzen gesehen. Sah er also vielleicht insgeheim sich selbst als den Katechon seiner Epoche? (…)

‚In diesem Augenblick‘, schreibt Schmitt im April 1947, am Tiefpunkt seines Lebens, ‚ist Max der Einzige, der mich in meiner Zelle besucht.‘ Schmitt gesteht Stirner auf einmal Außerordentliches zu. Er verdanke ihm seine souveräne Haltung gegenüber geistesgeschichtlichen Ereignissen, die ihn ’sonst vielleicht überrascht‘, sprich: überwältigt hätten. Er spricht, mit der unter dem Eindruck von Hiroshima wohl stärksten Metapher, von ‚gewissen Uran-Bergwerken der Geistesgeschichte‘ und nennt namentlich nur eins: Stirner, allerdings wiederum mit etwas bemühter Ironie als ‚armen Max‘. Der Wortzauberer Schmitt wird nahezu sprachlos, wenn er versucht, diese einzigartige Wertschätzung inhaltlich zu begründen: ‚Max weiß etwas sehr Wichtiges. Er weiß, daß das Ich kein Denkobjekt ist [nur subjekt-orientiert ón sein kann, PT]. So hat er den schönsten, jedenfalls deutschesten Buchtitel der ganzen deutschen Literatur gefunden.‘ Die Vermutung liegt nahe, daß es in Wahrheit nicht der Buchtitel ist, dessentwegen Schmitt Stirner mit einem Superlativ belegen will.“

„Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt.“ (Carl Schmitt) – Ist unsere eigene Frage nicht etwa nicht nur der Feind, sondern eher und sogar der Katechon?

Weiterführende Verweise:

– Video-Reihe „Rekonstitution und Radikalisierung des nihilisierten Subjekts. Das Entstehen von Zugehörigkeit – die Entdeckung der Heimat. Zu Alexander Dugin: „Eurasische Mission“):

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– Die Text-Fassungen der Reihe samt Kommentare und Vorreden:

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– „Der Katechon als Selbstbremse“ (Sleipnir 5/1999):

http://nationale-anarchie.nationalanarchismus.de/Auseinander-_und_Zusammensetzu/Mit_Reaktionaren/Laska/laska.html

(1) Bestellung: https://www.compact-shop.de/shop/buecher/alexander-dugin-eurasische-mission/

Video-Version:

Die Endlösung der Frage der objekt-orientierten Ontologie: post-philosophische Radikalisierung des Subjekts, Unterwindung der Logie zugunsten des Ón.

https://youtu.be/hpebk5iGLu0

Video-Reihe

„Rekonstitution und Radikalisierung des nihilisierten Subjekts.

Das Entstehen von Zugehörigkeit – die Entdeckung der Heimat

Zu Alexander Dugin: ‚Eurasische Mission‘ (Arktos London 2022). Mit einem Vorwort ‚Das Radikale Subjekt als Katechon‘ von Peter Töpfer“

.Kurztitel dieser Video-Reihe: „Dugin Heimat“

.Ganzer Titel des Videos: Der Chor der Hertha-Fans. Ein Durchdringen in neun Anläufen und ein Résumé (mit einem Video-Vorwort und einem Video-Nachwort)

.Schriftliches Vorwort zur Gesamt-Video-Reihe „Dugin Heimat“:

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Mündliches bzw. Video-Vorwort zur Gesamt-Video-Reihe „Dugin Heimat“ im 1. Teil der Reihe:

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Das Buch Alexander Dugins „Eurasische Mission“ mit Peter Töpfers Vorwort „Das Radikale Subjekt als Katechon“ kann hier bestellt werden:

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Das Buch Peter Töpfers „Die Wahrheit – sie sagen und in ihr leben“, 319 S., br., Berlin 2006, 19,90 €, kann hier bestellt werden:

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Text-Version dieses 2. Teils der Video-Reihe “Dugin Heimat” („Der Chor der Hertha-Fans“):

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Eine scheinbar unbedeutende Werbung für den Fußballklub Hertha BSC, nachts zufällig im Radio vernommen, löst unversehens beträchtliche Gefühle aus. Tags darauf, in einer Stunde der Tiefenwahrheit, stellen sich genauerer Inhalt und Bedeutung heraus.

 

Es ergibt sich eine Erzählung von der Erlangung von Zugehörigkeit: Ein herantastendes und nach und nach vertiefendes Annähern in mehreren Anläufen an die Frage der Anbindung an eine lebendige Menschengruppe.

 

Es wird die Geschichte eines schwierigen Herausrückens mit der Sprache erzählt. Schwierig, weil mit der Sprache Gefühle kommen, das Subjekt aber gegen Gefühle, die zu schmerzlich sind, gepanzert ist. Die Geschichte eines langsamen Durchbruchs oder besser gesagt Durchdringens einer Mauer aus Abwertung, Geringschätzung und Schweigen. Was durchdringt, ist Gefühl, Tiefenwahrheit, Existenz, Dasein – Etwas anstatt Nichts.

 

„Durchbruch“ ist insofern falsch, als keinerlei Gewalt angewendet wird, sondern sich nur geöffnet und losgelassen wird (Unterwindung statt Überwindung); angesichts der Mauer liegt gleichwohl ein gewisses Aufbrechen vor, das dann Wut- und Schmerzschreie verursacht.

 

Das Subjekt geht der Frage nach, warum es sich selbst verhindert – warum es sich daran hindert, das wahre Leben zu leben und seinen Platz in der Gemeinschaft einzunehmen.

 

Die Geschichte der Auflösung einer Mauer, mit der sich das Subjekt in ein Nichts und in den Tod einsperrt, die Geschichte einer zögerlichen Öffnung aus schamhafter und peinlicher Verklemmung. Aus Peinlichkeit wird Pein, und das fließende Gefühl – die Verschmerzung – löst die Mauer auf und gibt den Weg frei sowohl zum individuellen als auch zum kollektiven Dasein.

 

Das Ziel ist das restlose Sich-gehen-lassen im Individuellen, das gleichzeitig das Aufgehen im Kollektiven bedeutet (ähnlich der sexuellen Vereinigung). Ent-Grenzung (totale Ausdrucksfreiheit) steht nicht nur in keinem Widerspruch zur Be-Grenzung (konkrete, bestimmte Gruppe), sondern geht mit dieser einher; beide geschehen und entstehen erst miteinander. Frei-sein und Dazugehören bedingen sich gegenseitig (Zoon politikon). Das Sich-gehen-lassen ist – wenn auch zunächst reiner Selbstzweck – ein Sich-gehen-lassen-zu-etwas.

 

Die Geschichte wird in sechs statische und dynamische Zustände bzw. Vorgänge (im Video farbig gekennzeichnet) geordnet:

  1. Ausgangs- bzw. Ist-Zustand (Unzufriedenheit) (braun)
  2. Vision, Änderungs-Wunsch und -Ziel, Intuition des Soll-Zustandes, (blau)
  3. Weg zum Ziel: Öffnung (grün)
  4. Hindernisse beim Erreichen der Ziele (rot)
  5. Verschmerzung (Veränderungsvorgang) (dunkelgrün)
  6. Ergebnis (Fortschritte auf dem Weg zum Ziel).

 

Der dritte Zustand/Vorgang (Öffnung) beinhaltet als besonderen und entscheidenden Unterzustand den der Tiefen Gefühle (Traurigkeit, Schmerz), weswegen im Video hierfür ein dunkleres Grün verwendet wird – als Vorstufe des noch dunkleren Grüns für den Vorgang der Verschmerzung (Auftauen der Mauer).

 

Im einzelnen ordnen sich Zustände, Unterzustände und Abläufe, die sich in neun Anläufen spiralisch vertiefend wiederholen bzw. erreicht werden – vom Erörtern zur Verortung –, wie folgt:

  1. Ausgangs- bzw. Ist-Zustand (Unzufriedenheit)

1.1. isoliert, zurückgezogen, kein Anschluss, keine Zugehörigkeit

1.2. gefühllos, eklig, öde, tot

  1. Vision, Änderungs-Wunsch, Änderungsziel, Intuition des Soll-Zustandes

2.1. Lebendigkeit

2.3. Echt-Sein, Da-Sein

2.3. Dazugehören

2.4. Erlösung

  1. Wege zum Ziel: Öffnung

3.1. Erörterung: problematisieren, reflektieren, theoretisieren, erzählen, Selbstrechtfertigung, Ehrlichkeit, Feststellung

3.2. Entscheidung zur Sprachherausrückung

3.3. Zulassen und Ausdruck von damit einhergehenden Gefühlen:

3.3.1. Eigenmotivation, Anfeuerung:

3.3.1.1. Frustration

3.3.1.2. Frust-Wut

3.3.1.3. Bestehen auf

3.3.1.4. Wut

3.3.1.5. Hass (Abwehr der aufsteigenden Liebe)

3.3.2. Spontane, unabsichtliche Gefühle

3.3.2.1. Heul-Wut

3.3.2.2. Schmerz-Wut

3.3.2.3. Angst-Wut

3.3.2.4. Weinerlichkeit

3.3.2.5. Oberflächliche Freude: Kichern, Lachen

3.3.3. Tiefe Gefühle (Übergang zur Verschmerzung)

3.3.3.1. Traurigkeit, Weinen

3.3.3.2. Schmerz, heftigeres Weinen

3.3.3.3. Urschmerz, Weinschreie

3.3.3.4. Tiefere Freude, Weinlachen

3.4. Einholung von Hilfe (positive soziale Anpassung)

  1. Hindernisse beim Erreichen der Ziele

4.1. Schwere, Schwäche, Sterben, Tod

4.2. Bewusstlosigkeit

4.3. Spaltung, Verwirrung

4.4. Innere fremde, destruktive Stimme

4.4. Hoffnungslosigkeit, Mauer, Graben

4.8. Steifheit, Verklemmtheit, Panzer

4.5. Arroganz, Verachtung

4.6. Angst, Todesangst

4.7. Peinlichkeit, Scham

4.8. Gefühlsüberlastung (zu schmerzlich)

4.9. Verdrängung, Abwehr

4.10. Selbstzerstörung: Geringschätzung, Selbstentwertung, Selbstvernichtung

4.11. Allein-Sein (negative soziale Anpassung)

  1. Verschmerzung (Veränderungsvorgang)

5.1. vollständiges, erschöpfendes Abfließen-lassen des Gefühls und restlose Ausatmung

5.2. Segen

  1. Ergebnis (Fortschritte auf dem Weg zum Ziel)

6.1. Bewusstsein

6.2. Wiederverbindung, Verortung

6.2.1 Aufhebung der Isolierung

6.2.2. Anschluss ans und Ankommen im Kollektiv

6.2.3. Erlangung von Zugehörigkeit

6.3. Vertiefung von Gefühlen:

6.3.1. Liebe

6.3.2. Empfinden von Schönheit

6.3.3. allgemeine Lebendigkeit

6.4. Identifikation mit dem Normalen

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