Wolfgang Bendel erklärt, warum Brasilien nach seiner Unabhängigkeit ein geeinter Staat blieb: Es war von 1822 bis 1889 ein Kaiserreich. Besonders unter Dom Pedro II sorgte politische Stabilität für Zusammenhalt und Wachstum. 1889 endete die Monarchie durch einen Militärputsch unter Manuel Deodoro da Fonseca. Die Redaktion
Ein Blick auf eine Karte Südamerikas lässt sofort erkennen, dass das portugiesischsprachige Brasilien in etwa so groß ist wie alle spanischsprachigen Länder des Halbkontinents zusammen. (Die drei Guyanas sollen in den folgenden Betrachtungen nicht berücksichtigt werden, weil sie zwar geographisch zu Südamerika gehören, kulturell und historisch aber der Karibik zuzuordnen sind). Angesichts dieser Tatsache erhebt sich die Frage: Warum ist Brasilien so groß? Weil es nach Ende der Kolonialzeit nie in verschiedene Staaten zerfiel. Der Hauptgrund liegt in einer Tatsache begründet, die in Europa kaum jemandem und selbst in Brasilien vielen nicht bewusst ist. Brasilien war nach seiner Unabhängigkeit im Jahre 1820 bis 1889 ein Kaiserreich. Damit ist es, wenn man von kurzen Episoden in Mexiko und auf Haiti absieht, das einzige Land auf dem amerikanischen Kontinent, das jemals eine Monarchie war.
Der Weg in die Unabhängigkeit verlief im Falle Brasiliens vergleichsweise unblutig, vor allem wenn man ihn mit dem spanisch- und englischsprachigen Amerika vergleicht. 1807 floh der portugiesische Hof vor den Truppen Napoleons und mit Hilfe der Engländer nach Rio de Janeiro, das damit de facto die Hauptstadt des gesamten portugiesischen Reichs wurde. Es ist dies der einzige Fall in der europäischen Kolonialgeschichte, dass ein Herrscherhaus seinen Amtssitz in eine der Kolonien verlegte. Nachdem König Johann (João VI) nach Beendigung der napoleonischen Bedrohung nach Lissabon zurückkehren konnte, wurde die Vorstellung, Brasilien werde zurück in den Status einer Kolonie Portugals fallen, unrealistisch, um nicht zu sagen anachronistisch. Folgerichtig erklärte der von João zurückgelassene Kronprinz „Herr“ Peter („Dom“ Pedro), der als Regent in Brasilien hätte bleiben sollen, umgehend die Unabhängigkeit Brasiliens mit den Worten „Unabhängigkeit oder Tod“, die in die Geschichte als „Ruf von Ipiranga“ eingehen sollten. Er ließ sich mit dem Namen Dom Pedro I zum Kaiser krönen. Schon 1825 erkannte Portugal die Unabhängigkeit seiner ehemaligen Kolonie an.
Wie in Spanisch-Amerika waren die ersten Jahre nach der Unabhängigkeit auch in Brasilien von zahlreichen inneren und äußeren Spannungen geprägt. An verschiedenen Stellen gab es separatistische Bestrebungen, Grenzkonflikte vor allem im Süden mit den La-Plata-Staaten Paraguay, Uruguay und Argentinien waren an der Tagesordnung. Die Regierungszeit von Dom Pedro I verlief ziemlich chaotisch, 1831 dankte er ab und kehrte nach Portugal zurück, wo er bald danach verstarb. Die Zentralmacht war schwach ausgeprägt, es gab kaum staatliche Strukturen. Trotzdem zerfiel Brasilien nicht in verschiedene Republiken wie im spanischsprachigen Teil Südamerikas. Dies war hauptsächlich das Verdienst seines Sohnes Dom Pedro II, der bereits im Alter von 14 Jahren im Juli 1840 für volljährig erklärt und im darauffolgenden Jahr gekrönt wurde. Er war ein Glücksfall für das tropische Großreich, eine Bewertung, der sogar Personen zustimmen, die normalerweise dem monarchischen Gedanken ablehnend gegenüberstehen. Innenpolitisch konnte er separatistische Bestrebungen erfolgreich bekämpfen, außenpolitisch ging Brasilien siegreich aus dem verheerendsten Krieg in Südamerika nach der Kolonialzeit, dem Krieg der Tripel-Allianz bestehend aus Brasilien, Argentinien und Uruguay gegen Paraguay hervor. Dom Pedro II war hochgebildet, ein Freund der Wissenschaften, mehr Gelehrter als Politiker und sprach unter anderem Spanisch, Französisch, Englisch und Deutsch. Während seiner Regierungszeit wuchsen die Wirtschaft und die Bevölkerung Brasilien enorm, zahlreiche Auswanderer aus Europa, darunter auch viele Deutsche und Italiener strömten ins Land. Anders gesagt, es gab für die Mehrheit der Bevölkerung kaum einen Grund, sich von Brasilien abzuspalten in der trügerischen Hoffnung, eine etwaige Selbständigkeit eines brasilianischen Gliedstaates könnte die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnisse der dort ansässigen Bevölkerung entscheidend verbessern. Oder wie es eine brasilianische Freundin einmal prägnant formulierte: „Die Brasilianer im Kaiserreich waren glücklich, obwohl sie sich dessen gar nicht so richtig bewusst waren.“
Sein Vater Dom Pedro I war mit Maria Leopoldina, einer Tochter von Kaiser Franz I von Österreich-Ungarn verheiratet. Sohn Pedro II hatte also auch österreichisches Blut in den Adern. Aufgrund dieser verwandtschaftlichen Beziehungen gab es vielfältige Kontakte zwischen den beiden Herrscherhäusern in Wien und Rio de Janeiro. Während der Regierungszeit der beiden Pedros kamen zahlreiche europäische Forscher und Gelehrte ins Land und trugen damit maßgeblich zur Weiterentwicklung des Landes bei. Darunter befanden sich viele Deutsche und Österreicher. An vorderster Stelle zu nennen ist der Botaniker und Ethnologe Carl Friedrich Philipp von Martius, der Anfang des 19. Jahrhunderts im Rahmen einer österreichisch-brasilianischen Expedition mehrere Jahre das Land bereiste und anschließend ein grundlegendes Werk über die brasilianische Pflanzenwelt verfasste. Begleitet wurde er Johann Baptist von Spix, der sich der Tierwelt widmete. Kurz danach bereiste Georg Heinrich von Langsdorff zusammen mit Johann Moritz Rugendas und Hercule Florence, zwei Künstlern das Amazonasbecken und Zentralbrasilien. Dieser Expedition verdanken wir viele visuelle Dokumente aus dieser Zeit. Der österreichische Arzt, Botaniker und Mineraloge Johann Emanuel Pohl verfasste mit dem Werk „Reise im Inneren von Brasilien“ einen der wichtigsten Reiseberichte aus der Frühzeit des brasilianischen Kaiserreichs. Der Ethnologe und Geograf Karl von den Steinen bereiste in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts mehrfach Brasilien, wobei er sich der systematischen Erforschung eingeborener Völker im Einzugsgebiet des Rio Xingu im Amazonasgebiet widmete. Diese Gegend war damals noch ein weißer Fleck auf der Weltkarte. Bis auf Martius sind die meisten dieser Forscher und Entdecker heute weitgehend in Vergessenheit geraten.
Dom Pedro II reiste während seiner Regierungszeit mehrfach nach Europa. Zuletzt 1887-88. Während dieser Zeit führte seine Tochter Prinzessin Isabel als designierte Nachfolgerin und Regentin die Amtsgeschäfte. In Brasilien hatten sich in Folge der Sklavenbefreiung in anderen Teilen der Welt, so in den USA, auf Haiti oder im arabischen Raum entsprechende Aktivitäten entfaltet. Diese kumulierten 1888 in dem von Prinzessin Isabel unterzeichneten „Goldenen Gesetz“ (Lei Aurea), mit dem die Sklaverei offiziell abgeschafft wurde. Mit diesem Akt war Brasilien das letzte Land in der westlichen Hemisphäre, in dem dies geschah. Allerdings war dieser Beschluss im Lande keineswegs unumstritten und viele Großgrundbesitzer und Sklavenhalter wandten sich vehement dagegen, womit sie sich der Krone entfremdeten. Damit öffneten sich die Tore für ein weiteres Wachstum der republikanischen Bewegung. Diese hatte schon seit längerer Zeit das Bestehen der einzigen Monarchie auf amerikanischen Boden als anachronistisch empfunden. Zudem war das Kaiserreich brasilianischen Nationalisten ein Dorn im Auge, da es als ein Überbleibsel aus der portugiesischen Kolonialzeit wahrgenommen wurde. Dom Pedro II saß plötzlich zwischen allen Stühlen. Einerseits die schnell erstarkende liberale, republikanische Opposition, andererseits der Verlust einflussreicher, monarchistisch gesinnter Kreise als wichtige Unterstützer seiner Herrschaft, die die Sklavenbefreiung kritisierten. Insofern hielt sich die Überraschung in Grenzen, als am 15. November 1889 unter Führung von Marschall Manuel Deodoro da Fonseca ein Militärputsch stattfand, der auf keinen nennenswerten Widerstand stieß. Ein anderes Kapitel ist die Tatsache, dass nach Einführung der Republik das Land über einen längeren Zeitraum in politische Instabilität verfiel, die erst unter Präsident Getúlio Vargas in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts beendet werden konnte. Nachdem Dom Pedro II abgesetzt wurde begab er sich ins französische Exil.
Es bleibt eine Ironie der Geschichte, dass eine zutiefst konservative Staatsform wie die Monarchie ausgerechnet in dem Moment zu Ende ging, als sie mit der Sklavenbefreiung eine Liberalisierung der sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse einleitete. Resümierend kann man sagen, dass Dom Pedros II Regierungszeit von 1841-89 die stabilste Epoche der brasilianischen Geschichte war. Eine Kuriosität soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Schon im Pariser Exil lebend wurde Dom Pedro II zum Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ernannt. Dom Pedro II verstarb 1891 in Paris, wo er zwar nicht unter ärmlichen, wohl aber vergleichsweise einfachen Verhältnissen seine letzten Lebensjahre in einem Hotel verbracht hatte.
1993 kam es schließlich in Brasilien zu einer Volksabstimmung, in der unter anderen darüber entschieden wurde, ob Brasilien in Zukunft eine Monarchie oder eine Republik sein solle. Das Ergebnis war eindeutig. Von den abgegebenen gültigen Stimmen entfielen 86,6% auf Republik und 13,4% auf Monarchie. Immerhin stimmten aber über 4 Millionen Brasilianer für die Wiedereinführung der Monarchie. Ein Nachkomme von Dom Pedro II, Luiz Philippe de Orleáns e Bragança ist seit 2019 Mitglied der Abgeordnetenkammer in Brasilia für die rechtsgerichtete Partido Liberal. Damit ist er seit Einführung der Republik das erste Mitglied der ehemaligen Herrscherfamilie, das eine relevante politische Position bekleidet.
