Rezension: Revolutionärer Populismus

von | 03. Nov. 2021 | Debatte

Bei dem nachfolgenden Text handelt es sich um eine Zusendung unseres Lesers Alexander Abtmeyer.
Die Redaktion.

Der Begriff des Populismus ist in der heutigen Medienlandschaft allgegenwärtig und doch gibt es in der breiten Masse der Bevölkerung kaum ein Verständnis dafür, geschweige denn einen Konsens darüber, was Populismus überhaupt bedeutet, warum (vermeintlich) populistische Parteien europaweit auf dem Vormarsch sind und weshalb die Etablierten aus Politik und Rundfunkbetrieb eine so tiefe Abscheu gegen ihn hegen.

Um hier etwas Licht ins Dunkel zu bringen, veröffentlichte der promovierte Physiker Jens Woitas im Juli diesen Jahres sein Werk „Revolutionärer Populismus: Das Erwachen der Völker Europas“ im Lindenbaum Verlag.

Für die konstruktive Beschäftigung mit dem Populismusbegriff, ist nicht nur Woitas‘ akademischer Hintergrund eher ungewöhnlich. Der Autor, der sich selbst als bekennender „Sozialist, teilweise auch Marxist“ bezeichnet, war bis zum Herbst 2019 Mitglied der Partei DIE LINKE. Er wurde allerdings nach der parteiinternen Kommunikation einiger seiner nun in Buchform vorliegenden Thesen aus der Partei gedrängt.

In den Augen von Jens Woitas, stehen die Staaten Europas am Vorabend einer „Europäischen Revolution“. Wer hier nun das Gespenst des Kommunismus einschweben sieht, oder dahinter den in rechten Kreisen bereits zur Plattitüde gewordenen „Tag X“ vermutet, der irrt.

Der Autor skizziert vielmehr ein allgemeines Unbehagen, das die Völker Europas zunehmend überkommt. Sie fühlen sich von ihren politischen Eliten übergangen und sind unzufrieden, mit aktuellen gesellschaftlichen Prozessen, wie der Masseneinwanderung oder einem totalitären Gesellschaftsliberalismus im progressiven Gewand, der einen letztlich austauschbaren Menschen hervorbringt.

Populistische Parteien greifen diese Sorgen der einfachen Menschen auf und tragen sie in die politische Arena. Die finsteren Absichten, die ihnen dabei von den Mainstream-Medien angedichtet werden, sieht Woitas so nicht. Sie bilden im heutigen Politbetrieb vielmehr das Sprachrohr für alle, die sich ansonsten nicht repräsentiert fühlen.

Dieser emanzipatorischen Revolution stehen diverse Kräfte entgegen, die ihr Fortkommen bewusst oder unbewusst verhindern und die Ketten um die europäischen Völker weiter straff halten.

Neben dem bereits erwähnten radikalen Gesellschaftsliberalismus, sind das vor allem der liberale Kapitalismus, der politische Islam, der militärisch gestützte Wirtschaftsimperialismus der USA, die apokalyptischen Visionen der selbsternannten Klimaaktivisten, aber auch radikalpolitische Strömungen von rechts und links.

Um die Tragweite dieser Frontstellung zu unterstreichen und sie weiter zu dramatisieren, nennt Woitas die Gegenmächte der europäischen Revolution „Apokalyptische Reiter“, wobei eine gewisse Endzeitvision dann doch unverkennbar ist.

Die Herausarbeitung dieser Gegensätze gelingt Woitas sehr anschaulich, auch wenn die teils blumige Sprache und die rhetorischen Figuren, die nicht selten zeitgenössischen Fantasy-Romanen entlehnt sind in einer politisch-theoretischen Veröffentlichung eher befremdlich wirken.

Bedeutend schwerer als die präzise Analyse aktueller oder zurückliegender gesellschaftlicher Prozesse, ist erfahrungsgemäß der Versuch eines fundierten Zukunftsentwurfs. An diesem Punkt wird Woitas‘ Argumentation merklich unklarer und weniger stringent.

An vielen Stellen verliert er den roten Faden einer Programmatik der „Europäischen Revolution“. Er sucht (und findet) mitunter Anleihen bei der Theoriearbeit der Neuen Rechten; wendet sich jedoch in letzter Konsequenz als bekennender Linker von ihr ab. Er kritisiert die Masseneinwanderung, hält eine Grenzschließung und Abweisung der Migranten jedoch für inhuman. Darüber hinaus stehen Woitas‘ Vorstellungen von potentiellen europäischen Machtblöcken auf einem eher wackligen Fundament und bedürften einer stringenten Begründung.

Das Bild, das vom künftigen Einfluss der Populisten auf die Emanzipation der einfachen Volksmassen in Europa und deren endgültige Erhebung gezeichnet wird, ist überaus optimistisch. Stellt man demgegenüber den eher bürgerlich-konservativen Charakter vieler populistischer Parteien und schaut auf die bisher eher überschaubaren Erfolge, gegen die von Woitas skizzierten gegnerischen Mächte, dann wirft die Bilanz einige Fragen auf.

Der Autor spricht in seinem neuesten Werk zweifelsohne drängende Fragen an, aber doch hat es den Anschein, als wurden hier einige Gedanken nicht logisch zu Ende geführt. Möglicherweise sind es die Restbestände der bürgerlichen Linken, die Woitas hier hemmen, eine tatsächlich revolutionäre Strategie zu entwerfen. Andererseits ist das Ringen um europäische Identität und Selbstbestimmung ein Komplex, auf den bislang viele der klügsten Köpfe keine abschließende Antwort parat haben.

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