Klima und Katastrophe?

von | 01. Sep. 2021 | Debatte

Die sogenannte Energie- und Klimapolitik muss vor dem Hintergrund eines Grundwiderspruchs verstanden werden: Zum einen meinen die Leute realisiert zu haben, dass isoliert wahrgenommene dramatische Klimaphänomene von der Lebensweise des Menschen verursacht sind, zum anderen werden sie nicht bereit sein, ihr eigenes Leben so prinzipiell zu ändern, wie es notwendig wäre, stimmten die düsteren Prognosen.

Ob diese stimmen, bleibt gleichfalls fraglich, insofern es sich hier – ähnlich wie beim Corona-Problem – umso klassisch selbsterfüllende Prophezeiungen wie um einen sich eigendynamisch verstärkenden medialen Prozess handelt.

Kürzlich schrieb dazu die WELT:

„Kommunikationsforschung hat gezeigt, dass Medien vorzugsweise über die pessimistischsten Extremszenarien aus dem UNO-Klimareport berichten. So dürfte sich ein extremes Bild des Klimawandels verfestigen, das nicht dem Stand der Wissenschaft entspricht, beispielsweise eine allzu extreme Erwärmung und ein unrealistischer Anstieg des Meeresspiegels. Das Problem wird dadurch verschärft, dass der IPCC eine kritische Analyse seiner neuen Klimamodelle vermeidet. Positivistischer Umgang mit den immanent unsicheren Klimarechnungen hat Tradition, auch beim Weltklimarat.“

Es wird manches fokussiert und isoliert belichtet wahrgenommen, von anderem aber abgesehen. Man meint, eine Erkenntnis gewonnen zu haben, die viabel erscheint, übersieht genau deswegen aber eine Komplexität, die man nicht vollständig überblicken kann.

Stattdessen verbleibt man in der Lichtung, die einem gerade etwas Übersicht verschafft, eben bis dort, wo sich das Dunkel dehnt, von dem man noch nichts oder nie etwas wissen kann. Selbst metaphysische Räume mögen dazugehören. Zudem wissen wir alle nie, wie es weitergeht. Was wir hingegen zu wissen meinen, dessen Ventilation wird forciert.

Wo einst das Sakrale waltete, waltete jetzt allein die zum Absoluten verklärte Wissenschaft. In Deutschland etwa haben Robert-Koch-Institut und Leopoldina die Rolle inne, die einst der „allein seligmachenden Kirche“ zukam.

Die Politik suggeriert, alle anthropogen verursachten Probleme, so diese überhaupt so und nur so bestehen, könnten durch technische Innovationen bewältigt werden. Schwer vorstellbar indessen, dass unsere Erde mit ihrer sensiblen Biosphäre und Atmosphäre über elf, zwölf Millionen Menschen ertragen könnte, was durch technische Systeme überall zu gewährleisten wäre.

Von der naturreligiösen Würdigung der Erde sind wir alle ebenso weit entfernt wie von der längst verlorenen Tugend der Demut. Unsere Erde ist seit Jahrhunderten zur Rohstoffquelle versachlicht, zu deren Verbrauch wir uns mehr denn je befugt sehen. Was der Planet zu bieten hat, findet sich durchgerastert und wird in Containereinheiten verdatet. Daran wird sich nie etwas ändern, denn darin besteht unser inneres Betriebssystem: Verbrauch, Steigerung, Mehrverbrauch.

Wenn man der Logik der wissenschaftlichen Prognosen folgt, so ist die Existenz des Menschen selbst per se „klimaschädlich“, weil er als einziges Wesen nun mal einer zweiten, einer technisch geschaffenen künstlichen Natur bedarf, die der ersten, gewissermaßen der Schöpfung, zuwiderläuft. Der Mensch ist nicht nachhaltig, er ist, im Gegenteil, der End-Verbraucher.

Bislang ging die zweite, die künstliche Lebenswelt des Menschen zu Lasten der ersten: der ursprünglichen Natur. Dies wird durch „Innovationen“ im Prinzip nicht zu ändern sein. Es bliebe nur ein Weg, der allerdings weder für den individuellen Menschen selbst noch für die Wirtschaft oder Kultur je erwogen wird, weil dies unserer technisch bestimmten Natur zuwiderläuft.

Der Mensch müsste aus vernünftigen Gründen seine Bedürfnisse reduzieren, also seine Haltung zu sich selbst und gegenüber den natürlichen Ressourcen entscheidend ändern. Er müsste in quasi religiöser Weise zu einer Umkehr bereit sein, wird diesen Wandel aber nicht gewährleisten können, ja er will ihn überhaupt nicht. Selbst dann nicht, wenn er meinte, ihn zu wollen.

In den reichen Teilen der Welt werden zu viele Rohstoffe verbraucht, in den armen leben zu viele Menschen im Mangel. Der Demografie-Experte Reiner Klingholz spricht daher von „doppelter Überbevölkerung“ und von einem „Trilemma“, das in der Steigerung von Bevölkerungswachstum, Energieverbrauch und Umweltzerstörung besteht. Ein Ausweg daraus ist nicht ansatzweise erkennbar.

Denn nach wie vor verstärkt sich die „veloziferische“[1] Beschleunigung, wachsen die Bedürfnisse und wird ein Recht auf alles beansprucht. Jeder Supermarkt hat beständig das Gesamtsortiment bereitzuhalten, all das, was jeder erwartet. Man kann nicht einerseits für die Weltrettung eintreten, andererseits aber beklagen, dass fossile Brennstoffe sich um ein Vielfaches verteuern. Wer das eine wollte, müsste eben das andere mögen. Dies wird nicht eintreten. Jeder Migrant will hierzulande nicht zuerst freier Bürger in Genuss und Vollzug seiner „demokratischen Grundrechte“ sein, sondern vor allem eines werden: big shopper. Im Gegensatz zu den Illusionen linker Anthropologie hat sich der Mensch in seiner Geschichte nie in seinem Wesen gewandelt. Treten dramatische Umstände ein, wird er dramatisch reagieren und sich als der erweisen, der er immer war. Der Mönch des Mittelalters, der Landsknecht des Dreißigjährigen Krieges, der ausgebeutete Proletarier und der Sklave, der Kapitalist, der Kommunist, der Faschist, das Opfer des Bombenterrors und das wohlstandsverwahrloste Kind sind nicht die ganz anderen, sondern sind wir selbst (geblieben), je nachdem wie die Umstände sind, in denen wir stehen.

[1] Das Veloziferische ist ein Neologismus, der von Goethe stammen soll. Dieser schrieb 1825 an seinen Großneffen Nicolovius, dass das „Veloziferische das größte Unheil unserer Zeit (sei), die nichts reif werden ließ (…) und so immer von der Hand in den Mund lebt.“ Der Begriff setzt sich aus Velocitas, das für „Eile“ steht und Luzifer, der sowohl mit „Lichtbringer, als auch den Teufel übersetzt werden kann. In diesem Zusammenhang dürfte Goethe allerdings den Teufel gemeint haben. Demnach kann der Begriff des Veloziferischen mit teuflischer eile übersetzt werden.

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