Die Rechte in Lateinamerika.

von | 06. Aug. 2021 | Deutschland und die Welt

Vorstellung des Autors:

Nicolás Bevilacqua, Jahrgang 1978. Geboren und wohnhaft in Montevideo, Uruguay. Architekt. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Geschichte, Politik und Philosophie. Seit zehn Jahren in Kontakt mit der Nationalanarchistischen Bewegung.

Übersetzung von Wolfgang Bendel

 

Was ist die Rechte und was bedeutet sie in Lateinamerika? Ich bin mir dessen bewusst, dass diese Definition sehr umstritten ist, also werde ich die Rechte als die Gesamtheit der Tendenzen bestimmen, die sich von den Linksparteien abgrenzen oder zu denen im Gegensatz stehen. Ich verweise auf die Parteien, weil es aus ideologischer Sicht an Klarheit darüber mangelt, dass die Rechte in Lateinamerika der konservative Flügel der Linken ist. Die Lage ist die gleiche wie in anderen Ländern, wo die wichtigsten Institutionen die Meinung vertreten, dass Souveränität, Identität, Kultur und Tradition in der zeitgenössischen Welt keine Rolle spielen.

All dies ist nicht neu für europäische Leser, aber man darf nicht vergessen, dass mein Kontinent sehr jung ist, und was wir als ,,Hochkultur” bezeichnen, ist nur europäische Kultur. Amerika ist ein europäisches Projekt.
Man muss anerkennen, dass es eine historische Wahrheit ist, dass die einheimischen Völker unterworfen wurden und dass ihre Traditionen und Kulturen unfähig waren, eine vollkommene Eroberung zu vermeiden. Dies bedeutet, dass unsere ideologischen und philosophischen Wurzeln in Europa sind, während bei uns keine eigenen Ideen entstanden.
In diesem Zusammenhang möchte ich hinzufügen, dass Lateinamerika sehr vielfältig ist. Jedes Land hat verschiedene ethnische Gruppen, die einen ungleichen Status innerhalb der Gesellschaft haben, vorwiegend sind die Nachfahren der Europäer die Elite. Diese Spaltung wurde in der Vergangenheit erfolgreich aufgelöst, als das Spanische Kolonialreich und die Katholische Kirche herrschten.
Als die revolutionären Bewegungen das Reich auflösten, brach die erwähnte herrschende Ordnung zusammen und eine neue entstand, die die Wirtschaft als Göttin der neuen Gesellschaft etablierte. Man muss betonen, dass die unterschiedlichen Völker und ethnischen Gruppen vor der Revolution unter einer einzigen Krone verbunden waren, deren religiöse Auffassungen ihre Taten bestimmten. Dies bedeutete, dass die Behörden sich für den Wohlstand ihrer Untertanen in einer metaphysischen Ebene verantwortlich fühlten, zumindest theoretisch.

Mit der Auflösung des metaphysischen Ansatzes und dem Sieg des modernen, materialistischen Gedankens verlor die Elite die Beziehung zu den Unterklassen und eine plutokratische Ordnung übernahm die Macht. Diese neue Ordnung hat in meinem Kontinent einen rechten und einen linken Flügel, die ähnliche Ziele haben. Beide sind Globalisten und beide dienen dem internationalen Kapital. Wenn man diese Lage versteht, ist es klar, dass es kaum Unterschiede zwischen Links- und Rechtsparteien gibt. Nur während der Wahlen versuchen die Parteien ihre Verschiedenheiten zu unterstreichen, aber diese Vorstellung ist oberflächlich, weil sie keine intellektuelle Tiefe besitzt. Natürlich hat die Mehrheit der Bevölkerung keine Ahnung von diesem Zustand, deshalb werden die Kandidaten gewählt, die das meiste versprochen haben. Aus diesem Grund sind die Rechtsparteien immer schwach, weil es ihre Aufgabe in der erwähnten, plutokratischen Ordnung ist, die öffentliche Verschuldung zu bezahlen, indem Steuern angehoben und Löhne gesenkt werden. Man muss hinzufügen, dass es die Aufgabe der Linksparteien ist, die Verschuldung immer mehr zu erhöhen. Dies ist der Grund, warum die Rechts-Regierungen immer schwach sind. Sie haben keine metaphysische Verbindung mit den unteren Klassen und ihre intellektuellen Motivationen beruhen auf wirtschaftlichen Beziehungen, die den Interessen der Mehrheit der Bevölkerung entgegengesetzt sind.

Man kann sich danach fragen, warum oder wie es dazu kommt, dass die Rechtsparteien in Lateinamerika gelegentlich die Macht übernehmen. Die Antwort auf diese Frage hat drei wesentliche Teile: Unsicherheit (rechte Parteien stehen im Ruf, entschlossener gegen die grassierende Kriminalität vorzugehen), Korruption der Linken und die Unfähigkeit und das Unvermögen der Linken, wenn sie an der Macht ist, ihre Versprechen zu erfüllen.

Europäische Leser könnten sich vorstellen, dass die Katholische Kirche eine wichtige Rolle spielen würde, aber das ist nicht so, weil sie unter dem Einfluss von Marxisten und Freimaurern steht und die neuen Generationen den Glauben als etwas Überflüssiges ansehen. Andererseits folgen die evangelikalen Kirchen dem amerikanischen Modell, den sogenannten ,,Megachurches” und ihren christlichen Zionisten; das Ergebnis ist nicht gut für die Rechte gewesen, das gleiche wie in den Vereinigten Staaten.

Wenn man über die verschiedenen Tendenzen der Rechten und ihre ideologischen Hintergründe nachdenkt, sind die Aussichten nicht gut. Was man heutzutage als ,,Junge Rechte” beschreiben könnte, sind eher liberal-libertäre Strömungen, deren Ursprünge natürlich angelsächsisch sind und die fast keine Ahnung von anderen, wichtigeren Tendenzen haben. Diese Situation ist weder neu noch überraschend, wenn man bedenkt, dass zwei Liberale wie Jorge Luis Borges und Mario Vargas Llosa als Intellektuelle der echten Rechten betrachtet werden, während fast niemand Nicolás Gómez Dávila kennt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die lateinamerikanische Rechte nur ein Ableger der liberalen, angelsächsischen Tradition ist. Sie hat ihre aristokratischen und religiösen Werte verloren und ist nicht an Kultur interessiert.

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