Ilia Ryvkin, geboren im russischen Petrosawodsk, ist Journalist, Dramaturg und Korrespondent für Osteuropa und Zentralasien. Seit Jahren beschäftigt er sich mit Russland, der Ukraine und den Umbrüchen moderner Kriegsführung – zuletzt insbesondere mit Drohnen, digitalen Gefechtsplattformen und der wachsenden Macht westlicher Technologiekonzerne. In seinem neuen Beitrag zeigt er, wie der Krieg zunehmend den Charakter eines technisch inszenierten Produkts annimmt, dessen Versprechen sich an der Wirklichkeit der Front messen lassen müssen. Die Redaktion
Im Sommer dieses Jahres ist in der Ukraine eine Rivalität ausgebrochen, deren Bedeutung weit über das lokale Geschacher hinausgeht. Der Konflikt zwischen dem Kiewer Machthaber und seinem ehemaligen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow steht für zwei unterschiedliche Modelle, ja Philosophien des Krieges und damit für eine Auseinandersetzung, die bald auch in Deutschland zu spüren sein dürfte.
Fedorow ist der Posterboy jener kalifornischen Tech-Oligarchen, die den Krieg wie eine App verwalten wollen. Seine Laufbahn begann als Computerfuzzi bei Selenskyjs Comedyshow. Von dort stieg er zum Digitalminister auf, mit dem Programm, die ukrainische Souveränität zu digitalisieren und auf amerikanischen Servern zu speichern.
Nach Kriegsbeginn wurde Fedorow zusätzlich dem Verteidigungsministerium zugeordnet und machte sich daran, den „Smart War“ zu verwirklichen. Starlink, die „Army of Drones“, der Rüstungstechnologie-Cluster Brave1 und die Gefechtsplattform DELTA wurden zu einem einheitlichen System verbunden. Sensoren, Zieldaten, Waffenwirkung und selbst die anschließende Beschaffung sollten Bestandteile eines geschlossenen militärischen Kreislaufs werden.
Nicht mehr die einzelne Waffe steht im Mittelpunkt, sondern die Plattform, die bestimmt, was sichtbar wird, welches Ziel Vorrang erhält und welches Kampfmittel zum Einsatz kommt.
Doch die Front lieferte den Realitätscheck. Nicht, dass Fedorows Überlegungen grundsätzlich falsch gewesen wären. Aber auch hier gilt: Das Richtige im falschen Krieg bleibt das Falsche. Trotz Drohnen, KI und digitaler Lagebilder hielt Russland weiterhin große Gebiete besetzt und setzte seine Vorstöße fort. Fedorow machte dafür Korruption, verkrustete Entscheidungswege und das angebliche Fehlen einer schlüssigen Strategie verantwortlich, doch vergeblich. Der Generalstab unter Oleksandr Syrskyj setzte weiterhin auf konventionelle Waffen, Massenmobilmachung und den Nachschub durch die berüchtigten „Menschenfänger“ der TCC-Kommandos. Im Juli 2026 wurde Fedorow schließlich trotz des Widerstands des prowestlichen NGO-Myzels aus dem Amt gedrängt.
Auch die deutsche Rüstungsdebatte wird zunehmend von zwei gegensätzlichen Ansätzen bestimmt. Der erste setzt auf herkömmliche Waffensysteme, auf Panzer, Artillerie und Munition sowie auf den personellen Aufwuchs der Bundeswehr, selbstverständlich ergänzt durch Drohnen und digitale Systeme. Sein industrielles Symbol heißt Rheinmetall; politisch entspricht ihm der Kurs der Regierung Merz mit Wehrerfassung, verpflichtender Musterung und der gesetzlich vorgesehenen Möglichkeit einer Bedarfswehrpflicht. Zuletzt geriet dieser Ansatz jedoch verstärkt in die Kritik. So warnte der Ökonom Moritz Schularick davor, die deutschen Rüstungsmilliarden in „Altmetall“ zu versenken.
Doch die deutschen Männer von heute drängen nicht gerade danach, sich in den Fleischwolf des Krieges werfen zu lassen. Um dennoch „mehr Russen zu töten“, bietet sich scheinbar eine andere Möglichkeit an: Man spielt aus einem sicheren Versteck vor dem Monitor heraus den technologischen Übermenschen. Damit rückt der Krieg in einen posthumanistischen Kontext, in dem der Mensch selbst zu einer mangelhaften Software degradiert wird. Erinnert sei an die lange Pause, die Peter Thiel, einer der Vordenker des „smarten Krieges“, einlegte, bevor er die Frage, ob die Menschheit fortbestehen solle, schließlich mit einem zögernden Ja beantwortete.
Vorerst wirkt die Bodenlage ernüchternd. Dennoch erweist sich die innere Logik eines Krieges, der nicht mehr die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sondern die bloße Fortsetzung des Marketings mit anderen Mitteln ist, als resistent gegenüber der Realität und läuft damit ins Leere.
