Buchbesprechung zu „The Charlatan“

by | 16. Apr. 2026 | Philosophie & Theorie

With The Charlatan legt Red Lamb ein Debüt vor, das sich nicht so recht festnageln lassen will. Der Roman schwankt bewusst zwischen Ironie und Ernst – oder besser: Er weigert sich, diese beiden überhaupt zu trennen. Was zunächst wie die Geschichte eines Mannes wirkt, der mit seiner Vergangenheit abschließen will, entfaltet sich schnell als etwas Größeres: eine Momentaufnahme einer Kultur, die sich selbst beim Versuch der Erlösung ständig mitbeobachtet.

Im Zentrum steht Jack Valentine, der sich selbst gern als „Hustler“ bezeichnet und seine frühere Sexsucht hinter sich gelassen haben will. Er versucht, sich vom Digitalen zu lösen, von der ständigen Oberfläche, vom Scrollen, vom Gesehenwerden. Aber genau dieser Versuch führt ihn tiefer hinein. Es ist fast paradox: Je mehr er sich entziehen will, desto stärker wird er Teil dessen, was er eigentlich ablehnt.

Jack ist dabei keine einfache Figur. Er hat etwas Prophetisches, aber gleichzeitig wirkt vieles an ihm wie eine Pose. Er fordert Authentizität, spricht von Wahrhaftigkeit – und bleibt doch abhängig vom Blick der anderen. Selbst sein Rückzug ist noch eine Form von Auftritt. Man merkt beim Lesen ziemlich schnell: Dieser Wunsch nach „Echtheit“ ist bei ihm nie ganz sauber zu haben. Und genau das macht ihn interessant.

Lamb zeichnet ihn nicht als klassischen Antihelden, sondern eher als jemanden, der permanent an sich selbst herumexperimentiert. Als würde er testen, wie viel „Ich“ unter all den Rollen überhaupt noch übrig ist. Diese psychologische Genauigkeit gehört zu den stärksten Seiten des Romans.

Penny Delphine wirkt zunächst wie das Gegenteil von Jack. Sie ist Sängerin, jung, sucht ihren Weg über eine Hinwendung zur katholischen Spiritualität. Bei ihr scheint es am Anfang noch so etwas wie einen echten Neuanfang zu geben. Aber auch das hält nicht lange in dieser Reinheit. Ihre Frömmigkeit hat etwas Aufrichtiges aber eben auch etwas Inszeniertes, vielleicht sogar Romantisiertes.

Für Jack wird sie erst zur Muse, dann zur Projektionsfläche. Und irgendwann merkt man: Sie ist weniger Lösung als Spiegel. An ihr stößt er an die Grenzen seines eigenen Spiels.

Zwischen den beiden entwickelt sich keine klassische Liebesgeschichte. Es geht weniger um Nähe als um Reibung. Er sucht Erlösung durch Ausdruck, sie eher durch Hingabe – zwei Bewegungen, die sich immer wieder streifen, aber nie wirklich zusammenfinden. Gerade daraus zieht der Roman viel seiner Spannung.

Ein Kipppunkt ist dieses eine Bild: ein Foto von Jack auf einem monarchistisch inszenierten Maskenball. Es verbreitet sich, wird viral, und plötzlich ist er eine Figur im Netz – halb Witz, halb Symbol. Der „Meme Prince“. In diesem Moment kippt etwas Entscheidendes: Das Private wird endgültig öffentlich, und zwar nicht kontrollierbar.

Lamb zeigt hier schonungslos, wie schnell innere Prozesse – Therapie, Reue, spirituelle Suche – zu verwertbarem Material werden. Alles kann erzählt, geteilt, weiterverarbeitet werden. Und je größer die Krise, desto attraktiver scheint sie zu sein. Das ist vielleicht einer der bittersten Gedanken des Romans.

Auch formal passt sich das an. Die Erzählung ist nicht linear, sondern bricht immer wieder auseinander. Fragmente, innere Monologe, Perspektivwechsel. Manchmal wirkt Jack fast entrückt, dann wieder ironisch gebrochen, dann völlig am Boden. Das kann anstrengend sein aber genau darin liegt auch die Konsequenz: Eine Figur, die sich selbst permanent inszeniert, kann keine stabile Geschichte mehr erzählen.

Sprachlich bewegt sich Lamb irgendwo zwischen poetischer Verdichtung und ziemlich scharfem Kommentar. Es gibt Passagen, die fast essayistisch wirken, und andere, die sehr nah an der Figur bleiben. Popkultur und philosophische Reflexion stehen oft direkt nebeneinander. Nicht alles ist dabei elegant, aber vieles wirkt bewusst überreizt – als würde der Text selbst die Gegenwart nachahmen, die er beschreibt.

Im Kern kreist der Roman immer wieder um dieselbe Frage: Gibt es überhaupt noch so etwas wie echte Aufrichtigkeit, wenn jede Form von Ehrlichkeit sofort wieder Teil einer Erzählung wird? Wenn jedes Geständnis schon mitgedacht wird als etwas, das gesehen werden könnte?

Religion, Therapie und Social Media verschwimmen dabei fast zu einem einzigen Raum. Die Beichte ist nicht mehr nur religiös oder therapeutisch – sie ist potenziell immer auch öffentlich.

Jack wird so zu einer Figur, die für etwas Größeres steht: für diese seltsame Erschöpfung, die entsteht, wenn man sich selbst nur noch durch die Augen anderer wahrnimmt. Sein Versuch, den eigenen Schmerz sichtbar zu machen, nimmt ihm gleichzeitig die Möglichkeit, ihn noch für sich zu behalten.

Und trotzdem gibt es diese kleinen Momente, in denen etwas durchbricht. Augenblicke zwischen ihm und Penny, die weniger gespielt wirken, fast zufällig ehrlich. Gerade weil sie so selten sind, bleiben sie hängen.

Am Ende ist The Charlatan kein Roman, der Lösungen anbietet. Es gibt keine klare Entwicklung, keine Erlösung, keine moralische Ordnung. Stattdessen bleibt dieses Flirren zwischen Ernst und Pose.

Vielleicht liegt genau darin seine Stärke. Lamb schreibt nicht von außen über die digitale Gegenwart, sondern mitten aus ihr heraus. Der Text trägt ihren Rhythmus, ihre Ironie, ihre Müdigkeit in sich.

Jack Valentine ist dabei weniger Ausnahme als Symptom. Jemand, der sein eigenes Scheitern sichtbar macht und genau daraus Bedeutung zieht. Das wirkt unangenehm nah.

Was bleibt, ist kein Trost, sondern eher eine Art Unruhe. Der Roman zwingt einen, darüber nachzudenken, ob „Echtheit“ heute überhaupt noch ohne Selbstbeobachtung möglich ist. Und wenn nicht, was dann eigentlich noch übrigbleibt.

 

 

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