Im folgenden Text befasst sich Lothar Esser mit der Entwicklung Europas innerhalb einer zunehmend multipolaren Weltordnung. Dabei untersucht er die Bedeutung eines eigenständigen Europas und die geistigen sowie politischen Hindernisse auf diesem Weg. Abschließend richtet er den Blick insbesondere auf die junge Generation und deren mögliche Rolle bei der Gestaltung einer neuen europäischen Ordnung. Die Redaktion
„Die Geschichte überläßt die Ereignisse der kleinen Alltäglichkeit der Kanzleiproduktion der Diplomaten. Die großen Vorgänge aber, die den Völkern auf Jahrhunderte hinaus die Lebensgesetze bringen, sind den Vorgängen vergleichbar, die dem Winter das Eis und dem Frühling die Blüten geben.“ (Alfons Paquet, deutscher Journalist und Schriftsteller (1881 – 1944) in: Rom oder Moskau. Sieben Aufsätze, 1923)
Wohl die meisten begreifen sich als einflusslose Beobachter des weltgeschichtlichen Spiels der Kräfte. Dass sie im gleichen Moment Träger eingeflößter, auf anderer Ebene vorbereiteter Normen, Konventionen und Ideologien und damit mobilisierbare Agenten sind, dürfte ihnen nicht bewusst sein. Die Coronakrise erweist sich als hervorragendes geschichtliches Beispiel dafür, wie ein Staat eine Masse dazu bewegen kann, eigenständiges Denken aufzugeben und sie zu einer Bedrohung für „Andersdenkende“ programmiert.
Die größte Aufgabe dieser Zeit muss es daher sein, sich zum Mitgestalter eines positiven planetaren Werdens zu entwickeln und gemeinsam mit anderen als Gruppe die vorhandene seelische Energie zu nutzen, um eine Stufe zu erreichen, von der aus geschichtswirksam und realitätsverändernd Geschichte „gemacht“ werden kann. Auf diesem Weg müssen Hindernisse und Hemmnisse erkannt, benannt und gebannt werden; dies ist der Auftrag an den Einzelnen als denkendes und fühlendes geschichtsbewusstes Wesen mit seiner Offenheit zur Welt und einem planetaren Werden.
Denkblockaden aus Propaganda und Umerziehung
Die Vorstellung einer multipolaren Welt mit einem eigenständig wirkenden Pol Europa dürfte für die meisten Deutschen außerhalb ihres Denkrahmens liegen. Ein Europa losgelöst aus der US-amerikanischen Einflusssphäre können oder wollen sie sich wohl schlichtweg nicht vorstellen. Warum dies so ist, erklärt der Geschichtsphilosoph Hauke Ritz in seinem Buch Vom Niedergang des Westens zur Neuausrichtung Europas unter Rückgriff auf das Bewusstsein: „Im heutigen Europa und insbesondere in Deutschland existiert ein unbewusster Gesellschaftsvertrag, der da lautet, dass die Schrecken zweier Weltkriege gebannt seien und die Deutschen nicht erneut schuldig werden können, sofern sie sich von den USA regieren lassen.“
Ganz neu ist dieser Ansatz nicht, Männer wie Caspar von Schrenck-Notzing (Charakterwäsche. Die Politik der amerikanischen Umerziehung in Deutschland) haben das schon thematisiert. Diesen Ausdruck von Irrationalität sieht Ritz im Bereich des Unbewussten verankert.
Doch zeigen sich nun bedrohliche Auswirkungen einer bereits vor Jahrzehnte eingesetzten Entwicklung – Ritz datiert ihren Beginn auf den Mauerfall als spätesten Zeitpunkt – dadurch, dass sich nun „Europa in einem Sog fortschreitender Relativierung seiner selbst“ [1] befinde. Die an die Stelle der gezielt aufgelösten früheren Vorstellungen über Kultur und Lebenswelt getretenen Inhalte besäßen „geradezu einen künstlichen Charakter“[2] . Ritz befürchtet nun folgendes Szenario: „Denkt man die Entwicklungslogik der Postmoderne zu Ende, so stände an ihrem Ende eine Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage wäre, die Kontinuität der bisherigen Kulturentwicklung fortzusetzen, ja auch nur den erreichten Stand der Kulturzivilisation zu erhalten. Denn ihr kulturelles Gedächtnis wäre derart fragmentiert und relativiert, dass sich eine funktionsfähige Urteilskraft nicht mehr aufbauen könnte.“ [3]
Grundlagen einer kulturellen Regeneration
Eine Lösung sieht der Geschichtsphilosoph folglich in einer Loslösung von den USA und einer Verbindung mit den BRICS+-Staaten. Hierdurch „könnte Europa die postmoderne Fehlinterpretation seiner eigenen Kultur abschütteln und sich vor dem Hintergrund seiner eigenen Traditionen erneuern.“ [4]
Ritz weist auf ein Geschichtsprinzip hin, wonach „sich in den verschiedenen Weltregionen stets die Ordnung durchsetzt, die dort früher schon einmal existiert hat“. [5] Ein solches Weltordnungskonzept bestimmt in seinen Augen den Vorstellungshorizont unbewusst und verschafft sich früher oder später in der Politik Geltung. [6] Mit anderen Worten: Neben der oben angeführten Irrationalität einer nicht hinterfragten Bindung an die USA besteht also das frühere Ordnungskonzept weiter; es wird überlagert.
Für Ritz besteht dieses frühere Konzept in der Ordnung des Westfälischen Friedens, durch die ein schwebender Gleichgewichtszustand legitimiert worden sei. [7] Die entstehende multipolare Weltordnung vergleicht er dabei mit dem Europa des Wiener Kongresses. [8] Ritz entfaltet folgende Vision: „Indem sich Europa von den USA löst und seine eigene Einheit in einem Gleichgewichtszustand der Mächte erneut realisiert, könnte es im Kleinen verkörpern, was die multipolare Welt im Großen bedeutet.“ [9]
Inspiriert durch Siegfried Kracauer und Walter Benjamin knüpft er an eine Art Übermittlung geistiger Inhalte zwischen den Generationen an. [10] In „Über den Begriff der Geschichte“ aus dem Jahre 1940 hatte Benjamin erklärt, dass „Vergangenes historisch artikulieren“…[bedeute]…sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt“. Er forderte daher: „In jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.“ [11]
Hierauf gründet Hauke Ritz seinen vorsichtigen, gleichwohl hoffnungsvollen Ansatzpunkt für eine geistige Umgestaltung: „Etwas vom Geist des alten Europas, seines Humanismus, seiner Revolutionen sowie der Ansprüche der Aufklärung und nicht zuletzt seiner Künste könnte in kommenden Epochen erneut Einfluss auf die Geschicke Europas nehmen.“ [12]
Doch können wir es uns leisten, kommende Epochen abzuwarten? Geschichte ist kein Einatmen erzeugter Formen. Sie ist die Tat der zur Veränderung berufenen und sich selbst berufenden Einzelnen in jedem Moment ihres Daseins, ihr Ergebnis ist das Werk im Werden dieser Welt.
Das multipolare Werden als Ausdruck einer Krise
Zur Einordnung des gegenwärtigen Geschehens wollen wir uns im Weiteren dem Phänomen Krise widmen. Der Soziologe Jürgen Friedrichs definierte eine Krise als „die wahrgenommene Gefährdung eines institutionalisierten Handlungsmusters.“ Nun kommt es allerdings vor, dass sich Menschen in einer Krise befinden und sie nicht als eine solche oder höchst unterschiedlich wahrnehmen. Reinhard Koselleck wiederum hob folgende Aspekte hervor:
„Es liegt im Wesen einer Krise, daß eine Entscheidung fällig ist, aber noch nicht gefallen. Und es gehört ebenso zur Krise, daß offenbleibt, welche Entscheidung fällt. (…) Die mögliche Lösung bleibt ungewiß, das Ende selbst aber, ein Umschlag der bestehenden Verhältnisse – drohend und befürchtet oder hoffnungsvoll herbei gewünscht – ist den Menschen gewiß. Die Krise beschwört die Frage an die geschichtliche Zukunft.“ [13]
Anhand dieser Ansätze möchte ich versuchen eine Beschreibung des Gegenwartsgeschehens zu geben.
Ein Geflecht aus Staat, Altparteien, Medien und NGOs ist Träger des bisherigen mit einem Paradigma vergleichbaren Handlungs- bzw. Orientierungsmusters. Die Elemente dieses Geflechtes setzen Ressourcen ein, um das alte nicht-multipolare Muster zu stabilisieren und zu konservieren. Neueste Manipulationstechniken werden eingesetzt, wie es der Amerikanist und Propagandaforscher Jonas Tögel anschaulich darstellt. [14]
Doch auch ein geschichtlich überholtes Muster kann weiterhin Orientierung geben. Ist es dermaßen tief verinnerlicht, befreit es im Grunde eine Person davon, über etwas nachzudenken,
das ihren vordefinierten „Denkbereich“ überschreitet. Diesen empfindet sie im Regelfall als auskömmlich, zudem verschafft er ihr eine gewisse Daseinsberuhigung. Die geistige Wohnküche abends wird stets identisch mit derjenigen morgens sein. Und so konsumieren diese „Beruhigten“ die für sie entworfenen und freigegebenen Medien, suchen ihre gewohnten Restaurants auf, um sich zuletzt mit ihren Rollatoren auf den Weg in den Sonnenuntergang ihrer alten Welt aufzumachen.
Wir haben es hier also mit einem Beziehungssystem aus (Alt-)Orientierungsproduzenten (Makroebene) und den Orientierungskonsumenten (Mikroebene) zu tun. Feindliche Außenseiter sind dann diejenigen, die eine Neuorientierung erhoffen. Ihnen ist bewusst, dass ein neues Muster entstanden ist und in Konkurrenz zum bisherigen steht; sie stellen die Legitimation des alten Orientierungsmusters in Frage und sind bereit, die grundsätzlichen Diskussionen hierüber zu führen. Hauke Ritz ist einer von ihnen.
Gegenwärtig gilt es also, sich des Krisenhaften bewusst zu werden, es zu nutzen und am System anzusetzen. Um das System zu stören, muss man sich mit seinen Subjekten, Objekten, Ressourcen und Prozessen auf allen Ebenen auseinandersetzen.
Infolge einer größeren (revolutionären) weltgeschichtlichen Korrektur kann es auch geschehen, dass sich das System abschalten muss oder abgeschaltet wird; wer geschichtlich denkt, bezieht auch diesen Fall in seine Überlegungen ein.
Die junge Generation
Der von Hauke Ritz ins Spiel gebrachte „Geist des alten Europas“ und die Ausrichtung an einem eigenständigen Europa muss aber bereits jetzt und lokal durch das Netz der jungen Generation fließen. Vielleicht muss sich diese Generation diesen Weltordnungsgedanken auch erst komplett neu einspeisen. Eine gewisse Bewunderung einer ecstasytrunkenen Moderne, einzelner „Heilsfiguren“ wie Elon Musk oder auch eines die Kulturlinke bekämpfenden US-Präsidenten Trump könnten sich als Hürden erweisen.
Doch muss der jungen Generation klar sein, dass sie es sein wird, die das, was von Deutschland übrigbleibt, in eine neue Ordnung tragen wird: Mit allen Aufgaben und Aufträgen der Geschichte und gestärkt durch einen Antrieb aus Mythos und innerstem Grund.
Doch zunächst werden sie für das kämpfen wollen, was das Erbe ihres Landes und Volkes ist. Und dabei können sie erkennen, dass dieses Land einmal Mittelpunkt eines Reiches [15] war.
Quellen- und Literaturverzeichnis
Benjamin, Walter: Über den Begriff der Geschichte in Walter Benjamin: Gesammelte Werke II, Frankfurt 2011, S. 957 – S. 966
Friedrichs, Jürgen: Eine soziologische Analyse in: Scholten S. 13 – 26
Koselleck: Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, 14. A, Frankfurt am Main 2018
Ritz, Hauke: Vom Niedergang des Westens zur Neuausrichtung Europas, 2.A., Wien 2024
Scholten, Helga (Hrsg.): Die Wahrnehmung von Krisenphänomenen. Fallbeispiele von der Antike bis in die Neuzeit, Köln, Weimar und Wien 2007
Tögel, Jonas: Kognitive Kriegsführung. Neueste Manipulationstechniken als Waffengattung der NATO, 4.A., Frankfurt am Main 2023
[1] Ritz S. 230
[2] Ebd.
[3] Ritz S. 232
[4] Ritz S. 239
[5] Ritz S. 240
[6] Vgl. Ritz S. 240f
[7] Vgl. Ritz S. 241
[8] aaO
[9] Ritz S. 242
[10] Vgl. Ritz S. 266. Benjamin sah eine „schwache messianische Kraft“ siehe Ritz S. 266
[11] Benjamin S. 959
[12] Ritz S. 267
[13] Koselleck S. 105
[14] siehe Quellen- und Literaturverzeichnis Jonas Tögel
[15] Gemeint ist hier das Heilige Römische Reich.
