{"id":958,"date":"2017-12-10T15:38:57","date_gmt":"2017-12-10T14:38:57","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=958"},"modified":"2020-02-03T19:03:46","modified_gmt":"2020-02-03T18:03:46","slug":"der-exit-gedanke-ist-mittlerweile-im-konservativen-mainstream-angekommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/der-exit-gedanke-ist-mittlerweile-im-konservativen-mainstream-angekommen\/","title":{"rendered":"Der Exit-Gedanke ist mittlerweile im konservativen Mainstream angekommen"},"content":{"rendered":"

Es ist der erste Advent 2017. Ich sitze am Fenster und sehe den Schnee fallen. Dabei werde ich an zwei Dinge erinnert, die immer wei\u00df sein sollten: Weihnachten und Europa. Leider ist beides nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich. Doch ein Artikel in einer neuen Zeitschrift vermag es, meine Melancholie zu vertreiben.<\/span><\/p>\n

Kaum mochte ich meinen Augen trauen, als ich in der brandaktuellen zweiten Ausgabe der konservativen Zeitschrift \u201eCato\u201c, dem \u201eMagazin f\u00fcr neue Sachlichkeit\u201c, die ersten S\u00e4tze des Aufsatzes \u201eDer lange Weg nach Osten\u201c las, die aus der Feder des JF-Autoren Thorsten Hinz stammen: Der Kontinent k\u00f6nne in einen neuen Flickenteppich zerfallen, sobald Migranten und Einheimische beg\u00f6nnen, ihre Zonen abzustecken. Vielleicht versuchten autochthone Deutsche und Europ\u00e4er auch, nach Osten auszuweichen \u2026<\/span><\/p>\n

In groben Z\u00fcgen, aber mit einem Blick f\u00fcr das Wesentliche, zeichnet der Autor des \u201eCato\u201c-Artikels zun\u00e4chst die Entwicklungen im deutsch-deutschen Diskurs seit der Wiedervereinigung nach. Er konstatiert am Ende dieser knappen Ausf\u00fchrungen, dass bereits die Finanz- und Eurokrise die Reste des Ursprungsvertrauens in die Kompetenz des Westens zerst\u00f6rt habe, die forcierte Einwanderung nun jedoch das Fass zum \u00dcberlaufen bringe.[1]<\/a> Die Gretchenfrage laute heute, \u201eob man seine Heimat dauerhaft mit einer nicht beherrschbaren Anzahl von Einwanderern aus dem afrikanischen und arabischen Raum teilen und die Risiken und Nebenwirkungen auf sich nehmen\u201c<\/em> wolle.<\/span>[2]<\/span><\/a><\/p>\n

Die Polen, Ungarn, Tschechen und Slowaken m\u00f6chten das bekannterma\u00dfen nicht, ebenso wenig erscheint diese Entwicklung der Mehrheit der Ostdeutschen begr\u00fc\u00dfenswert. Der Spott, mit dem jenes \u201eDunkeldeutschland\u201c und die Visegr\u00e1d-Staaten daf\u00fcr in der Presse \u00fcberzogen werden, zeugt von blindem Hass und ma\u00dfloser Arroganz der betreffenden Journalisten \u2013 die Unkenrufe aus Br\u00fcssel und die Debatte um den Entzug von EU-Geldern f\u00fcr den Fall, dass osteurop\u00e4ische Staaten es auch fernerhin wagen sollten, den Willen des Demos<\/em> zu achten, vom Realit\u00e4tsverlust westeurop\u00e4ischer Politiker. Ist es nicht bezeichnend, in welcher Weise sich alle Welt \u00fcber den Grenzzaun Viktor Orb\u00e1ns oder die Mauerbauabsichten Donald Trumps entsetzte, w\u00e4hrend 2010 kaum eine Zeitung auch nur Notiz vom Bau einer Mauer an der S\u00fcdgrenze Mexikos nahm, die das Land vor der Einf\u00fchrung von Rauschmitteln und dem Zustrom illegaler Migranten sch\u00fctzen sollte?[3]<\/a> Und hat man schon jemals in der Tagesschau etwas von der Mauer vernommen, mit der Costa Rica sich von potentiellen Immigranten aus Nicaragua abschottet?[4]<\/a> Vermutlich nicht \u2026 Es muss wohl als der Gipfel der Dreistigkeit gelten, wenn Mexiko zugleich ganz vehement und mit einer Aggressivit\u00e4t, die in bilateralen Beziehungen zu \u201ebefreundeten\u201c Staaten ihresgleichen sucht, eine effektive Grenzsicherung der Vereinigten Staaten zu verhindern trachtet.[5]<\/a> Es sind in erster Linie[6]<\/a> europ\u00e4ische Staaten, ob auf dem alten Kontinent oder in Nordamerika und auf der S\u00fcdhalbkugel, die f\u00fcr das massenhafte Eindringen von sogenannten Bereicherern Verst\u00e4ndnis aufbringen sollen. Doch genau dieses Verst\u00e4ndnis geht den Osteurop\u00e4ern und vielen Ostdeutschen nicht ohne Grund ab: \u201eSie alle sehen mit klarem Blick, da\u00df die Verbreitung der okzidentalen Moderne, die Br\u00fcssel ihnen so dringend ans Herz legt, in Wahrheit das Eindringen einer afrikanisch-arabisch-islamischen Vormoderne bedeutet.\u201c[7]<\/strong><\/a><\/em><\/span><\/p>\n

Es ist nicht davon auszugehen, dass Hinz mit den Schriften Arthur Kemps vertraut ist oder einen meiner Vortr\u00e4ge zum Thema \u201eNova Europa\u201c geh\u00f6rt hat. Trotzdem kommt er bei seinem \u201ek\u00fchnen Blick in eine nahe Zukunft\u201c<\/em> zu verbl\u00fcffend \u00e4hnlichen Modellen. Zuv\u00f6rderst mag dies seine Ursache darin haben, dass der JF-Autor von den gleichen Pr\u00e4missen ausgeht, von denen auch Kemp und ich ausgehen. Er stellt fest: \u201eWeite Teile Deutschlands und Europas wurden durch Verblendung, Leichtsinn, Bequemlichkeit, Opportunismus und Dummheit bereits verspielt. Die Macht- und Hegemoniefrage ist demographisch, kulturell, politisch, sozial gesellschaftlich und religi\u00f6s vielerorts entschieden.\u201c[8]<\/strong><\/a> <\/em>Von dieser Einsicht ist es dann nicht mehr weit zu den folgerichtigen Schl\u00fcssen: \u201eWelche historischen Perspektiven oder Handlungsoptionen bieten sich noch an? Den Westeurop\u00e4ern, sofern sie an ihrer Identit\u00e4t festhalten wollen, bleibt wohl nur der elastische R\u00fcckzug nach Osten. Sie werden weite Teile der alten karolingischen Stammlande r\u00e4umen und sich nach neuen Gebieten umsehen m\u00fcssen.\u201c[9]<\/strong><\/a><\/em> Westeuropa hingegen k\u00f6nne zu einem dynamischen \u201eGeflecht aus Autonomiegebieten, Sezessionen, Abwanderungen und Neuansiedlungen, Ex- und Enklaven, Korridoren, Protektoraten und Kondominien werden\u201c<\/em>, in dem die angestammten Europ\u00e4er nur eine Gruppe unter vielen sein w\u00fcrden. Voraussetzung f\u00fcr das \u00dcberleben der kleinen Siedlungen in Westeuropa w\u00e4re allerdings die Etablierung von politisch-wirtschaftlichen und geistig-kulturellen Kraftzentren in Ost- bzw. Mitteleuropa, die an die Stelle der heruntergekommenen westlichen Metropolen tr\u00e4ten. In diesem Fall w\u00fcrde das \u00f6stliche Europa einerseits das bevorzugte Siedlungsgebiet f\u00fcr die Westfl\u00fcchtlinge werden, andererseits aber zugleich auch \u201eeine Art Garantiemacht f\u00fcr die Europa-Fragmente im Westen bilden.\u201c <\/em>Die Grenze zwischen dem segmentierten Westeuropa und dem kompakten Osteuropa verliefe aller Wahrscheinlichkeit nach etwa entlang der alten Jalta-Linie.[10]<\/a><\/span><\/p>\n

\u00dcber die Deutschen bemerkt Hinz am Ende seines Artikels, dass f\u00fcr sie die Ostverschiebung noch am leichtesten zu bew\u00e4ltigen w\u00e4re: \u201eIhnen verblieben die neuen L\u00e4nder, die um angrenzende Regionen arrondiert w\u00fcrden. Sie k\u00f6nnten zudem in den alten deutschen Siedlungsgebieten, in Ostpreu\u00dfen, Pommern, Schlesien, B\u00f6hmen und noch weiter \u00f6stlich und s\u00fcd\u00f6stlich, auf historischem Boden jedenfalls, von dem sie einst vertrieben wurden, neue Wurzeln schlagen. Nicht als Anspruchsberechtigte, die sich auf ehemalige Grenzlinien, Eigentums- und Rechtstitel berufen w\u00fcrden, sondern als Neuansiedler, die die Hoheit der aktuellen Besitzer anerkennen und sich mit ihnen arrangieren.\u201c[11]<\/strong><\/a><\/em> Den Polen, Tschechen und Ungarn h\u00e4tten die Deutschen zu beweisen, dass ihre Ankunft f\u00fcr erstere n\u00fctzlich sei.<\/span><\/p>\n

Mag nun Thorsten Hinz von Kemps oder meinen Publikationen etwas gewusst haben oder nicht, in jedem Fall l\u00e4sst sich nach dem Erscheinen seines Aufsatzes \u201eDer lange Weg nach Osten\u201c im \u201eCato\u201c eines ganz unzweifelhaft feststellen: Der Exit-Gedanke ist mittlerweile im authentisch-konservativen Mainstream angekommen. Ob sich insgesamt ein Paradigmenwechsel abzeichnet, wird die nahe Zukunft entscheiden \u2013 unendlich viel Zeit bleibt nicht!<\/span><\/p>\n

[1]<\/a> Hinz, Thorsten, \u201eDer lange Weg nach Osten\u201c, in: Cato. Magazin f\u00fcr neue Sachlichkeit 2, 1 (2018), S. 8.<\/span><\/p>\n

[2]<\/a> Hinz, Thorsten, \u201eDer lange Weg nach Osten\u201c, in: Cato. Magazin f\u00fcr neue Sachlichkeit 2, 1 (2018), S. 8.<\/span><\/p>\n

[3]<\/a> Vgl. \u201cMexico to Build Southern Border Fence\u201d, in: Inter Press Service, 6.10.2010.<\/span><\/p>\n

[4]<\/a> Vgl. Hawley, Chris, \u201cCosta Rica Copes With Its Own Immigration Ills\u201d, in: USA Today, 30.12.2010.<\/span><\/p>\n

[5]<\/a> Vgl. Taylor, Jared, White Identity. Racial Consciousness in the 21st Century<\/em>, 3<\/sup>2011, S. 194\u2013200.<\/span><\/p>\n

[6]<\/a> Auch von Israel und Japan wird zuweilen eine solche Haltung gefordert.<\/span><\/p>\n

[7]<\/a> Hinz, Thorsten, \u201eDer lange Weg nach Osten\u201c, in: Cato. Magazin f\u00fcr neue Sachlichkeit 2, 1 (2018), S. 9.<\/span><\/p>\n

[8]<\/a> Hinz, Thorsten, \u201eDer lange Weg nach Osten\u201c, in: Cato. Magazin f\u00fcr neue Sachlichkeit 2, 1 (2018), S. 9.<\/span><\/p>\n

[9]<\/a> Hinz, Thorsten, \u201eDer lange Weg nach Osten\u201c, in: Cato. Magazin f\u00fcr neue Sachlichkeit 2, 1 (2018), S. 10.<\/span><\/p>\n

[10]<\/a> Siehe Hinz, Thorsten, \u201eDer lange Weg nach Osten\u201c, in: Cato. Magazin f\u00fcr neue Sachlichkeit 2, 1 (2018), S. 10.<\/span><\/p>\n

[11]<\/a> Hinz, Thorsten, \u201eDer lange Weg nach Osten\u201c, in: Cato. Magazin f\u00fcr neue Sachlichkeit 2, 1 (2018), S. 10.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"

Es ist der erste Advent 2017. Ich sitze am Fenster und sehe den Schnee fallen. Dabei werde ich an zwei Dinge erinnert, die immer wei\u00df sein sollten: Weihnachten und Europa. Leider ist beides nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich. Doch ein Artikel in einer neuen Zeitschrift vermag es, meine Melancholie zu vertreiben. 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