{"id":8912,"date":"2022-10-13T10:23:36","date_gmt":"2022-10-13T08:23:36","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=8912"},"modified":"2022-10-13T10:23:36","modified_gmt":"2022-10-13T08:23:36","slug":"carlo-terracciano-zur-aktualitaet-seines-denkens-gegen-den-neoliberalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/carlo-terracciano-zur-aktualitaet-seines-denkens-gegen-den-neoliberalismus\/","title":{"rendered":"Carlo Terracciano \u2013 Zur Aktualit\u00e4t seines Denkens gegen den Neoliberalismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Thomas Teufel portraitiert in seinem Artikel den italienischen Politikwissenschaftler und Neu-Rechten Carlo Terracciano, der sein Leben der Idee des Eurasianismus widmete. Er sieht insbesondere in den V\u00f6lkern des Ostens, welche sich als resilienter gegen\u00fcber westlicher Bestrahlung erweisen, die Blaupause f\u00fcr Europa, wieder zur\u00fcck zu einem gesunden Wertegef\u00fcge zu finden. <\/em><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wer ist Carlo Terracciano?<\/strong><br \/>\nZur Person: Carlo Terracciano ist am 10. Oktober 1948 in Bologna geboren und verstarb leider bereits am 3. September 2015 in Florenz. Sein Tod war ein gro\u00dfer Verlust f\u00fcr die italienische Neue Rechte, die sich st\u00e4rker als jedes andere Land an die Theorien der integralen Tradition von Julius Evola anlehnte. Er schloss sein Studium und sein Doktorat in Politikwissenschaften ab und widmete sich geopolitischen, soziologischen und anderen Themen, wobei der erw\u00e4hnte ideengeschichtliche Hintergrund eine gro\u00dfe Rolle spielte. Ebenso stellte er fr\u00fch Kontakte zu den russischen Nationalbolschewisten und sp\u00e4teren Eurasiern um Dugin her und war Herausgeber der Zeitschrift <em>\u201eEurasia &#8211; Rivista die studi Geopolici\u201c,<\/em> welche sich dem eurasischen Gedanken widmete. Auch erw\u00e4hnenswert ist seine besondere Beziehung zum Iran, in dem er eine Konservative Revolution gegen den Imperialismus am Werk sah und in ihm somit einen potentiellen Verb\u00fcndeten erkannte.<\/p>\n<p><strong>Revolte gegen die moderne Weltordnung \u2013 eine Aktualisierung des evolianischen Werks<\/strong><\/p>\n<p>In seinem einzigen in deutscher Sprache erschienenen Werk \u201eRevolte gegen die moderne Weltordnung\u201c, erschienen im Regin Verlag, legt Carlo Terracciano eine Aktualisierung von Julius Evola vor.\u00a0 Evola, der auch tragend f\u00fcr die Neue Rechte war, ging in seinem Sp\u00e4twerk von einer bipolaren Welt aus, jedoch \u00e4nderte sich der Zustand der Welt hin zu einer Unipolarit\u00e4t. Die USA stellen seit den 90ern den Anspruch, die alleinige Weltmacht zu sein und sehen den Rest der Welt als eine Art Peripherie und reinen Standort zur Durchsetzung ihrer Interessen als Avantgarde des \u201eEndes der Geschichte\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Aufstand gegen die unipolare Welt \u2013 hin zum Ende der US-Hegemonie<\/strong><\/p>\n<p>In diesem stellt Terracciano fest, dass dieser Zustand eines einzigen Hegemons im Sinne der liberalkapitalistischen Ideologie kein Schicksal ist, sondern auch eine andere Welt m\u00f6glich w\u00e4re. In der konfliktreichen Epoche des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts erhoben sich in der Moderne verhaftete, aber dieser entgegengesetzte Akteure. Die sogenannten <em>\u201eTotalitarismen\u201c<\/em> bedrohten die hegemonialen Bestrebungen des Liberalismus, wenn auch mit blutigen und brachialen Methoden. Es gelang den Liberalen jedoch, im Sinne des British Empire die neu entstandenen M\u00e4chte gegeneinander auszuspielen. Der italienische Theoretiker umschreibt hier treffend, wie dieser Kampf ablief. Dabei erhebt er sowohl Einspruch gegen einen zeitgeistigen oberfl\u00e4chlichen Antifaschismus, als auch einen ebenso bei Konservativen oft anzutreffenden paranoiden Antikommunismus. In dem es gelang, die auftretenden alternativen Versionen der Moderne gegeneinander auszuspielen, schaltete man zuerst die Faschismen aus. In weiterer Folge wurde Europa in die Machtsph\u00e4re der angels\u00e4chsischen Hegemonie eingegliedert. Zudem wurde auch Russland nachhaltig geschw\u00e4cht, welches dann zeitversetzt in den 1990ern, mit Hilfe gezielt gef\u00f6rderter innerer Zersetzungsprozesse, kollabierte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Terraccianos Kritik an der Globalisierung: Gegen Chaos, Kulturindustrie und Geldadel<\/strong><\/p>\n<p>Daher kritisiert Terracciano den Globalismus, welchen er mit dem im deutschsprachigen Raum unbekannteren Begriff des Mondialismus (gemeint ist die Globalisierung) bezeichnet, keineswegs wie einige historische Materialisten als einen deterministischen Prozess. Terracciano zeigt klar, wie dieser Prozess der Globalisierung stattfindet, in dem man bei gleichzeitiger Zerst\u00f6rung der autochthonen soziokulturellen Regelkreise schrittweise die politischen Strukturen unterwandert. Dieser Prozess ist also die Folge einer schrittweisen Entwurzelung, die klar von einer globalen Elite und ihren Strukturen vorangetrieben wird. Ein kleiner Teil an Menschen verf\u00fcgt in der Globalisierung \u00fcber s\u00e4mtlichen Reichtum und kann auf die Handelsstrukturen in der Welt zugreifen. Er baut auf der Verschuldung von Staaten auf, die man teils im Sinne eines neokonservativen Konzepts des kreativen Chaos gegeneinander ausspielt und in die Konkurrenz zueinander getrieben hat. Dieser kleine Teil privatisierter Akteure installiert sich dort, wo er M\u00f6glichkeiten findet, an der Macht zu partizipieren und agiert in seinem Selbstbild als eine Art neues Herrenvolk. Die USA selbst agieren hier als ein wichtiger Standort der Globalisierung, sie sind jedoch nur eine Bastion einer an sich heimatlosen kosmopolitischen Elite. Carlo Terracciano beschreibt diese Elite, welche er als neue Herrenmenschen nennt, als eine Ballung der Macht. Diese Macht setzt sich f\u00fcr ihn durch einen oligarchischen Geldadel, der \u00fcber einen Gro\u00dfteil der Weltfinanzen verf\u00fcgt, und\u00a0 einer Kulturindustrie, die man heute am \u201eAmerican Way of Life\u201c und der damit zusammenh\u00e4ngen Unterhaltungsindustrie ausmachen kann, zusammen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Globalisierung ist kein Schicksal<\/strong><\/p>\n<p>Hieraus ergibt sich, dass die Globalisierung vor allem in ihrer heutigen Form kein alternativloses Schicksal ist, aber ebenso darf man sie nicht in marxistischer Weise so denken, dass sie am Ende durch ihre inneren Widerspr\u00fcche ihr Gegenteil geb\u00e4rt. Die Globalisierung ist das Resultat einer tragenden Elite, die wiederum sich selbst durch diesen Prozess in ihrer Macht best\u00e4rkt. Man kann dies als einen Kreislauf betrachten, da die Globalisierung von au\u00dferhalb der herk\u00f6mmlichen Politik stehenden Akteuren vorangetrieben wird, sie hebt wiederum Akteure in die H\u00f6he, die sich der staatlichen Kontrolle und der Gebundenheit an einen Raum entziehen.<\/p>\n<p><strong>Rechte, Linke, Christen und Moslems in einer Querfront gegen die Neue Weltordnung<\/strong><br \/>\nDie Alternative besteht f\u00fcr Terracciano in einer Sammlung jener Kr\u00e4fte, die aktiv gegen den hegemonialen Status der Moderne k\u00e4mpfen, aber auch jene Institutionen wie z. B. die westlichen Kirchen, welche unterwandert wurden und im Moment nur mehr als leere H\u00fclle ihrer selbst existieren. Hierzu z\u00e4hlt Terracciano auch den Regionalismus und die \u00d6kologie fern des Klimaschutzes als Kritik an der Entfremdung. Weiter sieht er aber auch in den gegen die Hegemonie antretenden Kr\u00e4ften von rechts und von links, ebenso wie auch im Islam gro\u00dfe Antipoden des Neoliberalismus, die es in einer gemeinsamen Front zu vereinen gilt. Carlo Terracciano hat sich w\u00e4hrend der damals aufkommenden Islamophobie, die durch Neokonservative instrumentalisiert wurde, um die Gegner des amerikanischen Imperialismus zu spalten, aber auch um Scheinfeindbilder zu kreieren, klar gegen diese gestellt. Ebenso erteilte er einer politischen Nostalgie eine Absage, die sich weder der aktuellen politischen Lage bewusst ist, noch neue B\u00fcndnisse bilden kann.<\/p>\n<p><strong>Reich oder Regionalismus? Auf dem Weg zur Souver\u00e4nit\u00e4t Europas<\/strong><br \/>\nNun erblickt Terracciano im Regionalismus jedoch ein noch gr\u00f6\u00dferes Hindernis f\u00fcr Europa, auf seinem Weg wieder zu einem Subjekt der Geschichte zu werden, als in den nationalen Egoismen. Die L\u00f6sung daf\u00fcr, die immer wieder in der menschlichen Geschichte als Organisationsform auftrat und auf ewigen Prinzipien der Kulturen fu\u00dft, erkennt er im Imperium, dem Reich. Er sieht darin eine L\u00f6sung f\u00fcr die zu wahrenden, naturverhafteten Regionalit\u00e4ten, da diese auf \u00fcbergeordneten geistigen Prinzipien gr\u00fcnden und eine spirituelle St\u00fctze bieten, gleichzeitig auch von einer aristokratisch-kriegerischen Elite getragen werden. Im Reich erkennt er eine durchaus gerechte Basis, die sich weitgehend auf das Regionale besinnt und von einer Aristokratie eines wahren Staates regiert wird und nicht nur eine vertraglich geregelte \u00f6konomische Einheit darstellt.<\/p>\n<p><strong>Ex oriente lux \u2013 Eurasien als Licht der Hoffnung f\u00fcr Europa<\/strong><br \/>\nDie Hoffnung auf einen Wandel sieht er jedoch nicht im Westen keimen, da dieser in seinen Augen durch den Individualismus sowie Hedonismus schon vollkommen entkernt wurde und nicht mehr das traditionelle Europa darstellt. Heute ist der Westen zu einem reinen Nihilismus des Konsums im Sinne des \u201eAmerican Way of Life\u201c degeneriert. Die Institutionen, die wie erw\u00e4hnt noch bestehen, sind\u00a0 nur noch ihres Sinnes beraubte H\u00fcllen, die wiederum dem Kitsch \u00fcberlassen und verschleudert werden. Zum Optimismus r\u00fchrt Terracciano die Konzeption von Thiriarts <em>\u201eEuropa von Wladiwostok bis Rjekavik\u201c<\/em>. Gerade die V\u00f6lker des Ostens weisen laut ihm noch eine sp\u00fcrbare Vitalit\u00e4t auf, da sie durch die entbehrungsreiche Schule des Sowjetsystems gingen, die sich jedoch in kultureller Hinsicht als weniger zersetzerisch erwies als jene des Westens und noch einen Kern des Widerstands gegen den Modernismus in den V\u00f6lkern des Ostblocks wahrte. Durch den Osten und einen eurasischen Gro\u00dfraum kann auch Europa wieder zu sich gelangen sowie zu einer autarken Basis werden, die sich dem Globalismus entgegenstellt. Ein Gedanke, der heute aktueller denn je ist, vor allem im Hinblick auf die Ideen des \u201eGreat Reset\u201c, die von Klaus Schwab et al. propagiert werden.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Revolution und Tradition: Kein Widerspruch, sondern Abbild der ewigen Ideen<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten Kapiteln wendet er sich den Frontstellungen unserer Tage zu, dabei geht er, \u00e4hnlich wie Evola, von einem aktiven, bei Friedrich Nietzsche geliehenen, Nihilismus aus. Man muss an dieser Stelle erkennen, dass Tradition und wahre Revolution wie bei Julius Evola keine Kontraste sind, da ein rein auf die Zukunft gerichteter Revolutionswahn nur eine Adaption der Hegemonie darstellt. Ein blo\u00dfes Festhalten an entleerten Institutionen bedeutet hingegen nichts anderes als schlichte Romantik und Verf\u00e4lschung wahrer Prinzipien. Die Tradition gr\u00fcndet darauf, die Formen danach zu bewerten, inwieweit sich Prinzipien in ihnen spiegeln, also das, was Platon die ewigen Ideen nannte. Hierin sind alle Kr\u00e4fte zu f\u00f6rdern, die jene verf\u00e4lschten Formen und Normen attackieren und zerst\u00f6ren, selbst wenn die Ziele verschieden sind. Es gilt hier zugleich, eine Haltung zu entwickeln, die die erw\u00e4hnten Prinzipien nicht nur zu propagiert, sondern auch darzustellen wei\u00df. Ihr Endziel muss darin bestehen, den Charakter der kommenden revolution\u00e4ren Kader zu formen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Carlo Terracciano \u2013 ein Autor, dessen Werk unsere Aufmerksamkeit verdient<\/strong><\/p>\n<p>H\u00e4lt man sich die wichtigsten Gedankeng\u00e4nge in seinem Werk \u201eRevolte gegen die moderne Weltordnung\u201c vor Augen, w\u00e4re es begr\u00fc\u00dfenswert, wenn mehr Werke von Terracciano in deutscher Sprache ver\u00f6ffentlicht werden w\u00fcrden. Zum Beispiel einige Beitr\u00e4ge seiner Publikation \u201eEurasia\u201c oder \u201eNazionalbolscevismo\u201c. Carlo Terracciano war nicht nur ein Autor, der den heute f\u00fcr die Neue Rechte immer bedeutender werdenden Julius Evola ins 21. Jahrhundert \u00fcbersetzte, sondern steht auch als Denker in einer Reihe mit Alexander Dugin und Alain de Benoist, womit er einen wichtigen Beitrag f\u00fcr die geistige Schulung einer revolution\u00e4ren Avantgarde geleistet hat.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Teufel portraitiert in seinem Artikel den italienischen Politikwissenschaftler und Neu-Rechten Carlo Terracciano, der sein Leben der Idee des Eurasianismus widmete. Er sieht insbesondere in den V\u00f6lkern des Ostens, welche sich als resilienter gegen\u00fcber westlicher Bestrahlung erweisen, die Blaupause f\u00fcr Europa, wieder zur\u00fcck zu einem gesunden Wertegef\u00fcge zu finden. &nbsp; Wer ist Carlo Terracciano? 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