{"id":8763,"date":"2022-05-13T08:16:49","date_gmt":"2022-05-13T06:16:49","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=8763"},"modified":"2022-05-15T08:07:49","modified_gmt":"2022-05-15T06:07:49","slug":"das-grosse-ukraine-interview-mit-alexander-markovics-teil-ii-eine-konservative-revolution-in-russland-ist-in-naher-zukunft-zu-erwarten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/das-grosse-ukraine-interview-mit-alexander-markovics-teil-ii-eine-konservative-revolution-in-russland-ist-in-naher-zukunft-zu-erwarten\/","title":{"rendered":"Das gro\u00dfe Ukraine-Interview mit Alexander Markovics Teil II: \u201eEine Konservative Revolution in Russland ist in naher Zukunft zu erwarten.\u201c"},"content":{"rendered":"

Nachfolgend interviewte unser Redakteur Peter Steinborn den wohl bekanntesten Sprecher der Eurasischen Bewegung im deutschsprachigen Raum Alexander Markovics zum Krieg in der Ukraine. Das Interview soll zur Diskussion beitragen und Einblicke in die Denkwelt eines Eurasiers bieten. Das Gespr\u00e4ch erscheint in drei Teilen. Die Redaktion<\/em><\/p>\n

– Hier ist das gesamte Interview verf\u00fcgbar. –<\/a><\/p>\n

P.S.: Der Streit um die Ukraine birgt viele Konfliktebenen in sich. Das offensichtlichste ist hier wohl die geopolitische Lage des Landes und seine Wichtigkeit f\u00fcr Russland, die ich erst k\u00fcrzlich mit Frank Kraemer beleuchtet hatte. Dahinter verbergen sich allerdings auch ethnische, ideologische und geschichtliche Felder, die beleuchtet werden m\u00fcssen. Ich m\u00f6chte diese daher gemeinsam mit Ihnen einmal eruieren:<\/p>\n

Insbesondere in der Westukraine verstehen sich viele der dort lebenden Menschen als eine Nation \u201eUkraine\u201c. Damit entsteht auch eine Emanzipationsbewegung der Kleinrussen von den Gro\u00dfrussen im Moskowitenreich. Warum kann Russland den Ukrainern nicht ihre nationale Selbstst\u00e4ndigkeit \u00fcberlassen? W\u00fcrden Sie den \u201eUkrainern\u201c eine eigenst\u00e4ndige Identit\u00e4t zusprechen?<\/p>\n

A.M.: Auf jeden Fall! Nur muss die Ukraine auch die eigenst\u00e4ndige Identit\u00e4t der Russen akzeptieren. Bereits im russischen Reich konnten die Ukrainer als Teil der dreieinigen Ostslawen (Man kann hier auch von einem dreieinigen russischen Volk sprechen) neben Gro\u00dfrussen und Wei\u00dfrussen ihre Identit\u00e4t behaupten. Im Rahmen eines Reiches im traditionellen Sinn ist die Autonomie einzelner V\u00f6lker \u2013 e pluribus unum \u2013 m\u00f6glich und die Regel. Im ukrainischen Nationalstaat ist ein harmonisches Nebeneinander von Ukrainern, Russen, Krimtataren, Griechen, Rum\u00e4nen, Ungarn, Russinen, Deutschen und anderen V\u00f6lkerschaften hingegen anscheinend unm\u00f6glich. Jedes Mal, wenn die Ukraine eine Eigenstaatlichkeit oder Parastaatlichkeit erhalten hatte, begannen ukrainische Nationalisten mit einem genozidalen Amoklauf gegen die anderen V\u00f6lker auf ihrem Staatsgebiet im Auftrag raumfremder M\u00e4chte \u2013 von Stepan Bandera bis Volodymir Zelenski \u2013 um dem Ideal eines \u201eethnisch reinen\u201c, uniformen Nationalstaates zu entsprechen. So schwer das auch f\u00fcr manche Nationalisten im Westen zu ertragen sein mag, eine Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine im Sinne eines jakobinischen Nationalstaates westlich-liberaler Pr\u00e4gung wird es nach dem Ende der russischen Milit\u00e4roperation wahrscheinlich nicht mehr geben. Eine Autonomie von Teilen der heutigen Ukraine im Rahmen der eurasischen Zivilisation und einen Fortbestand der ukrainischen und damit kleinrussischen Identit\u00e4t aber sicherlich.<\/p>\n

P.S.: Alexander Dugin unterscheidet streng soziologisch zwischen den Begriffen Ethnos, Volk und Nation. Dabei z\u00e4hlt er die Menschen in der Ukraine zum gemeinsamen Volk der Kiewer Rus, also dem Volk der Russen. Nun, die Ukraine selbst ist \u00fcber Jahrhunderte vielen Wandlungen unterworfen worden. Die Emanzipation sowohl in der Ukraine wie auch im heutigen Wei\u00dfrussland ist gegenw\u00e4rtig. Insbesondere der Krieg scheint dieses ukrainische Nationalgef\u00fchl vorerst zu beg\u00fcnstigen. Gibt es aus Ihrer Sicht eine Chance darauf, dass die \u201eUkrainer\u201c einen Staat, der tats\u00e4chlich unabh\u00e4ngig von West und Ost ist, ihr eigen nennen k\u00f6nnen werden? Und wie k\u00f6nnte das in das Eurasische Konzept passen? Wird so etwas \u00fcberhaupt in Erw\u00e4hnung gezogen?<\/p>\n

A.M.: Das ist korrekt. In diesem Zusammenhang kann ich auf seinen Artikel zur Ethnogenese der Ukrainer verweisen, der nun auch auf Deutsch verf\u00fcgbar ist.[1]<\/a> Wie bereits angedeutet ist eine \u201eUnabh\u00e4ngigkeit\u201c der Ukraine nicht mehr denkbar, genauso, wie auch fr\u00fcher eine Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine nicht m\u00f6glich war, ist diese in Zeiten der Globalisierung sowie der entstehenden Multipolaren Welt undenkbar. Eine Autonomie der Ukraine im Rahmen einer ostslawischen Union\/eines Eurasischen Pols innerhalb der multipolaren Welt aber sehr wohl.<\/p>\n

P.S.: Generell betrachtet Dugin die Idee der Nation als ein westlich-modernes und k\u00fcnstliches Konstrukt. In Deutschland hingegen und insbesondere bei der Deutschen Rechten, wird darunter i.d.R. ein ethnisches Konzept verstanden. Ist der ukrainische Nationalismus daher auch eine ideologische Divergenz zwischen dem russischen Eurasismus und dem Westen?<\/p>\n

A.M.: Das Nationsverst\u00e4ndnis der deutschen Rechten und insbesondere die Vermischung der Begriffe Volk\/Volksgemeinschaft als historisch gewachsene, hierarchische und vormoderne Einheit, mit dem modernen b\u00fcrgerlichen Nationalstaat, der in erster Linie ein Wirtschaftsunternehmen ist, zeigt leider nur, wie westlich und modern die deutsche Rechte insgesamt ist. Letztlich zielt der Nationalstaat seit seiner Geburt darauf ab, eine k\u00fcnstliche Ersatzgemeinschaft (Gesellschaft) f\u00fcr die in Individuen zertr\u00fcmmerte Volksgemeinschaft zu stellen. Sein Ziel ist die Aufkl\u00e4rung der Individuen in seinem Zugriffsbereich, das bedeutet, ihre Befreiung von allen kollektiven Bindungen, um den kommenden liberalen Weltstaat im Sinne des westlichen Endes der Geschichte vorzubereiten. Alle Versuche, den Nationalstaat im sozialistischen oder faschistisch\/nationalsozialistischen Sinne umzudeuten sind gescheitert. Entweder die V\u00f6lker Europas finden eine Alternative zum Nationalstaat im Reich (das man auch als Zivilisationsstaat bezeichnet) oder sie werden in \u201ekalten Wassern des berechnenden Egoismus\u201c, wie im Nationalstaat verk\u00f6rpert, ertr\u00e4nkt werden. Der ukrainische Nationalismus, der zweifellos ein westliches Konstrukt ist, wurde nicht von ungef\u00e4hr massiv vom Westen gef\u00f6rdert und steht ohne Frage in einem radikalen Gegensatz zum Eurasismus.<\/p>\n

P.S.: Alexander Dugin spricht dem Volk eine gewichtige Rolle als Tr\u00e4ger der russischen Nation zu. Jedoch versteht er gem\u00e4\u00df der russischen Wirklichkeit darin keine auf einer biologischen Abstammung sich begr\u00fcndende Entit\u00e4t. Der Russischen Orthodoxie oder dem eurasischen Boden spricht Dugin ein weitaus h\u00f6heres Gewicht zu als dem Ethnos. Ist das aus Ihrer Sicht auch ein nachahmenswertes Volkskonzept f\u00fcr europ\u00e4ische V\u00f6lker, wie das Deutschland-\u00d6sterreichs?<\/p>\n

A.M.: Grunds\u00e4tzlich ist ein Volk niemals von seinem Boden losgel\u00f6st zu denken. Wie die Wissenschaft der Geosophie beweist, pr\u00e4gt der Boden die V\u00f6lker und St\u00e4mme, die auf ihm leben, entscheidend. Die Deutschen g\u00e4be es heute nicht ohne ihren Siedlungsraum in Mitteleuropa, ebenso wenig wie die Franzosen, Serben, Chinesen, Russen und Japaner ohne ihr eigenes Herzland, ihre Heimat. Wie interessanterweise der liberale Soziologe Ludwig Gumplowicz nachgewiesen hatte, setzt sich ein Volk in der Regel aus mehreren Ethnien (im Sinne von St\u00e4mmen) und teilweise sogar V\u00f6lkern zusammen. Das deutsche Volk beispielsweise besteht nicht nur aus einem einzigen Stamm, sondern vereint mehrere St\u00e4mme in sich, allein der linguistisch scharfe Gegensatz zwischen dem norddeutschen Sprachraum und dem oberdeutsch\/s\u00fcddeutschen Raum ist ein bis heute existenter Beweis daf\u00fcr. Gleichzeitig haben die Deutschen beispielsweise auch im Laufe ihrer Geschichte Einfl\u00fcsse von Nachbarv\u00f6lkern absorbiert und selbst \u2013 Stichwort Ostkolonisation des Mittelalters \u2013 slawisches Gebiet erobert, ohne dass sie alle Slawen im Rahmen eines Genozids ermordet oder vertrieben h\u00e4tten. Vielmehr wurden diese V\u00f6lker und St\u00e4mme im Laufe der Geschichte selbst \u00fcberwiegend zu Deutschen, dennoch existieren im deutschen Siedlungsraum weiterhin beispielsweise Sorben, Slowenen und Windische, die sich zum Teil in kriegerischen Konflikten daf\u00fcr entschieden haben, weiterhin im engen B\u00fcndnis mit dem deutschen Volk zu verbleiben. Sind diese Menschen kein Teil der deutschen Volksgemeinschaft? Ich w\u00fcrde diese Frage nicht bejahen. Spielen Abstammung und Ahnenreihe dennoch eine wichtige Rolle bei der Volkswerdung? Auf jeden Fall. Ich denke aber, dass uns gerade die Aufl\u00f6sung der europ\u00e4ischen V\u00f6lker in den \u201eWei\u00dfen\u201c Individuen Amerikas und der afrikanischen V\u00f6lker in den \u201eSchwarzen\u201c Individuen der USA beweisen, dass ein Volk schnell zu existieren aufh\u00f6rt, wenn man es aus seinem Siedlungsraum entrei\u00dft. Dementsprechend m\u00f6chte ich hier nicht \u00fcber die Nachahmenswertigkeit oder Nichtnachahmenswertigkeit eines Volksbegriffes diskutieren, sondern auf die Tatsache verweisen, dass unter europ\u00e4ischen Nationalisten gerne die biologistische Dimension des Volksbegriffes \u00fcberbetont sowie im modernistischen Sinne pervertiert wird und gleichzeitig die traditionelle Bedeutung der Volksgemeinschaft als vormoderner Gemeinschaft im Gegensatz zur Gesellschaft komplett vernachl\u00e4ssigt wird. Dabei wird gerne au\u00dfer Acht gelassen, dass das Da-Sein nach Heidegger immer ein in einem bestimmten Raum verwurzeltes Sein ist \u2013 und nichts Anderes ist Volk.<\/p>\n

P.S.: Angesichts des mittlerweile offenen Kampfes auf europ\u00e4ischem Boden \u00e4u\u00dfern sich zunehmend auch rechte Akteure gegen einen russischen Imperialismus. Eurasismus oder das Streben nach einem Eurasischen Reich wird von vielen Beobachtern als \u00f6stliches Pendant zur US-Hegemonie gem\u00e4\u00df der \u201eManifest Destiny\u201c gesehen. Tats\u00e4chlich beschreibt auch Dugin dieses als eine Art universelles Russisches Reich mit Tr\u00e4gerv\u00f6lkern wie den Deutschen, Persern, Japaner, Mongolen, Russen usw. K\u00f6nnen Sie verstehen, dass dies bei vielen, insbesondere nationalorientierten Beobachtern, zumindest f\u00fcr Misstrauen sorgt? Tauschen wir den westlichen Hegemon dann gegen einen \u00f6stlichen aus?<\/p>\n

A.M.: Zun\u00e4chst ist es denke ich wichtig, hier die Verwirrung um den Imperialismusbegriff richtig zu stellen. In seiner Schrift \u201eDer Imperialismus als h\u00f6chstes Stadium des Kapitalismus\u201c die 1917 in Russland ver\u00f6ffentlicht wurde, charakterisierte Lenin den Kapitalismus wie folgt:<\/p>\n