{"id":842,"date":"2017-10-03T19:23:27","date_gmt":"2017-10-03T18:23:27","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=842"},"modified":"2020-02-03T18:34:34","modified_gmt":"2020-02-03T17:34:34","slug":"die-entstehung-der-eurasischen-bewegung-und-alexander-dugins-beitrag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/die-entstehung-der-eurasischen-bewegung-und-alexander-dugins-beitrag\/","title":{"rendered":"Die Entstehung der Eurasischen Bewegung und Alexander Dugins Beitrag"},"content":{"rendered":"<h2>Russische Besonderheiten<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Mit der Verbreitung des eurasischen Gedankens durch Alexander Dugin konnten erstmals bedeutende Str\u00f6mungen des patriotischen russischen Lagers unter dieser Idee zusammengef\u00fchrt werden. Dem Eurasianismus verpflichtet sehen sich nunmehr neostalinistische Bolschewisten, antikommunistische Konservative, Monarchisten, orthodoxe Fundamentalisten und Faschisten. Dugin selbst beeinflusst und ber\u00e4t wesentliche Machtinstanzen des russischen Staates. Im deutschsprachigen Raum ist der eurasische Philosoph dagegen unbekannt \u2013 ganz im Gegensatz zu Frankreich, Italien oder Belgien (Stand 2010).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Es stellt sich die Frage, warum der Eurasische Gedanke auf solch fruchtbaren Boden f\u00e4llt. Auf welche geistigen Traditionen und historische Ereignisse k\u00f6nnen die Eurasier um Dugin zur\u00fcckgreifen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">F\u00fcr Russland bis zum heutigen Tag typisch sind archaisch anmutende Wahnvorstellungen: Allgegenw\u00e4rtige Paranoia und Verschw\u00f6rungstheorien. Der unerwartete Tod einer beliebten Pers\u00f6nlichkeit des \u00f6ffentlichen Lebens wird h\u00e4ufig auf Mord, Intrigen und verborgene B\u00fcnde zur\u00fcckgef\u00fchrt. Christliche Eschatologie, eine wortgetreue Vorstellung der biblischen Apokalypse oder Glaube an den leibhaftigen Satan und D\u00e4monen, sind ebenfalls tief verwurzelt. Auch in s\u00e4kularisierter Form leben Endzeitphantasien als Sonderweg Russlands fort. Breite Volksschichten f\u00fchlen sich vom Gespenst der Russophobie allseits bedroht. Antijudaismus und antifreimaurerische Vorstellungen sind entsprechend weit verbreitet. Bemerkenswert ist das pr\u00e4sente historische Bewusstsein vieler Russen aller Schichten und Altersstufen. Russlands Geschichte mit all ihren H\u00f6hen und Tiefen wird auf Analogien der Gegenwart hin untersucht.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/span><\/p>\n<h2>Russlands Fr\u00fchgeschichte<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Skandinavische War\u00e4ger nutzten die gro\u00dfen westrussischen Str\u00f6me als Handelswege zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Entlang dieser Str\u00f6me gr\u00fcndeten sie mehrere Handelsniederlassungen. Daraus entstanden quasiautonome Stadtf\u00fcrstent\u00fcmer. Zur Wiege und Namensgeberin der russl\u00e4ndischen Nation sollte das F\u00fcrstentum der Kiewer Rus (gegr\u00fcndet 862) werden. Die Rus waren wohl urspr\u00fcnglich nur ein skandinavischer Stamm, dessen Bezeichnung sowohl auf das beherrschte Umland als auch auf alle Bewohner unabh\u00e4ngig ihrer Ethnie erweitert wurde. Bereits im 10. Jh. war die Slawisierung der Nordm\u00e4nner abgeschlossen. Der Einflussbereich der Kiewer Rus konnte um 1000 auf die heutigen Staaten Westrussland, Wei\u00dfrussland und Ukraine erweitert werden. Es ist deshalb heute unm\u00f6glich festzulegen, ob es sich bei Russen, Wei\u00dfrussen und Ukrainern um eigenst\u00e4ndige V\u00f6lker handelt oder eher um St\u00e4mme desselben Volkes. Gleiches gilt f\u00fcr deren Sprachen, handelt es sich um eigenst\u00e4ndige Sprachen oder Dialekte? Diese Grundsatzfragen sind vielmehr ein Politikum und von Machtinteressen abh\u00e4ngig. Kiews Herrscher Wladimir I konvertierte 988 zum orthodoxen Glauben, damit war eine bis heute andauernde rom- und westfeindliche Haltung eingeleitet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Im 13. Jh. k\u00f6nnen die Mongolen Russland erobern, dabei zerst\u00f6ren sie das kulturelle Zentrum Kiew. Die mongolischen Invasoren tolerieren jedoch russische Eigenart und Orthodoxie. Neues Zentrum wird Moskau, von da aus vollzieht sich die Reconquista als \u201eSammlung russischer Erde\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die gegens\u00e4tzlichen Orientierungen Russlands nach Osten oder Westen werden in den beiden Nationalhelden Alexander von Nowgorod (Alexander Newskij) (1220-1263) und Danylo von Halytzkyj (1201-1264) deutlich. Je nach Orientierung steht Alexander Newskij f\u00fcr den eurasischen Typus: Er bek\u00e4mpfte die katholischen Invasoren (Deutschritter, Polen, Litauer und Schweden) und verb\u00fcndete sich sogar mit den mongolischen Eroberern (dem \u201eOsten\u201c). Danylo von Halytzkyj dagegen verb\u00fcndete sich mit den katholischen Polen (\u201eWesten\u201c) gegen die Mongolen. Heutige Eurasier sehen in Danylos Handeln Verrat am russischen Wesen. Sie machen ihn f\u00fcr die Herausbildung der Kleinrussen (Ukrainer) und West- bzw. Wei\u00dfrussen im ethnischen und der Katholisch-Unierten Kirche im religi\u00f6sen verantwortlich.<\/span><a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><span style=\"font-size: 14pt;\">[2]<\/span><\/a><\/p>\n<h2>Russische Reichsidee und Sendungsbewusstsein<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Von zentraler Bedeutung bleibt das russische Sendungsbewusstsein, im \u00fcbermenschlichen Auftrag zu handeln. Dieser Umstand erkl\u00e4rt sich aus der eigenen Reichsidee. Als 1453 Konstantinopel (das Zweite Rom) als Zentrum des byzantinisch-orthodoxen Christentums von den muslimischen Osmanen erobert wurde, fl\u00fcchteten orthodoxe Geistliche nach Moskau, dem \u201ePionier in heidnischer Umgebung\u201c. Der M\u00f6nch Philoteus stellte fest: <strong>\u201eZwei Rome sind gefallen, das Dritte steht, es wird kein Viertes geben.\u201c <\/strong>Damit beanspruchte Moskau, der geistige Leuchtturm der Menschheit zu sein. Mit dem Moskowiter Gro\u00dff\u00fcrsten Iwan IV. beginnt die kaiserliche Tradition auf russischem Boden (Kaiser und Zar leiten sich vom lateinischen Caesar ab). Das Moskauer Patriarchat wird 1589 unabh\u00e4ngig von Konstantinopel und ersetzt dieses.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Russland wird fortan als Person gesehen: \u201eHeiliges Russland\u201c und \u201eM\u00fctterchen Russland\u201c.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Ein Russland ohne Imperium ist unvorstellbar, das Konzept der Staatsnation \u2013 wie das Frankreich des 16. Jh. -, als westliche Idee verworfen. Vielmehr existiert eine \u201eHierogamie\u201c, eine Heilige Ehe zwischen Russland und dem Himmelreich Gottes.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die damit begr\u00fcndete russische Reichsidee &#8211; als \u00fcberv\u00f6lkische Einheit -, fungiert auch als Br\u00fccke zwischen Europa und Asien. Exemplarisch hierf\u00fcr steht die Symbiose zwischen christlichen Zaren und islamisch-tatarischen F\u00fcrsten. Russentum und Russisches Reich sind aber nicht synonym zu verstehen: Wohl pr\u00e4gte das russische Volk den Reichsverband in Verwaltung, Sprache, Infrastruktur, Kultur und \u00d6konomie, dennoch geh\u00f6rten andere V\u00f6lker und Konfessionen dazu. Zur Veranschaulichung dieser Gewichtung bietet sich die treffende Bezeichnung <strong>\u201eHeiliges Byzantinisches Reich Russischer Nation\u201c<\/strong> an. Grundlage des russl\u00e4ndischen Staatsmodells waren \u201eOrthodoxie \u2013 Autokratie \u2013 Narodnost\u201c.<\/span><a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><span style=\"font-size: 14pt;\">[5]<\/span><\/a><\/p>\n<h2>Russlands Tiefpunkt: Die Zeit der Wirren<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Als absoluter Tiefpunkt russischer Geschichte gilt die \u201eZeit der Wirren\u201c (Smuta). Im 14. Jh. l\u00f6ste sich das Reich in drei Teile auf: Gro\u00dfrussen (Moskowien), Kleinrussen (heutige Ukraine), von Polen besetzt, und West- bzw. Wei\u00dfrussen, von Litauern besetzt. Als n\u00e4mlich die Reichsidee zunehmend vernachl\u00e4ssigt wurde, zeigten sich bald Aufl\u00f6sungserscheinungen: Bauern- und Kosakenaufst\u00e4nde, vakanter Zarenthron und ungekl\u00e4rte Nachfolge, Kirchenspaltung und als Dem\u00fctigung &#8211; ein katholischer Pole als Alibizar. Unter Besinnung aller geistigen Ressourcen und Ideale w\u00e4hlte die einberufene St\u00e4ndeversammlung Michail Romanow zum neuen Zaren. Die Dynastie sollte erst 1917 ihr blutiges Ende finden.<\/span><\/p>\n<h2>Zar Peters Westorientierung \u2013 der Verrat<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Von ebensolch einschneidender Wirkung erscheint die Westorientierung Peters des Gro\u00dfen (1682-1725). Seine Reformen sind eher mit der Kulturrevolution Atat\u00fcrks vergleichbar: Nachahmung des Westens, umfassende Ver\u00e4nderungen in Milit\u00e4r, Kirche, Kalender und Verwaltung, Reglementierung der orthodoxen Geistlichkeit und F\u00f6rderung ausl\u00e4ndischer Berater. Deutsch und Franz\u00f6sisch dominieren in Milit\u00e4r, Hof, Wirtschaft und Verwaltung. Zentralistische Ma\u00dfnahmen zerst\u00f6ren den urspr\u00fcnglichen Reichsgedanken und bringen die ethnischen und konfessionellen Minderheiten gegen Moskau auf. Mit der neuen Hauptstadt Petersburg am Westrand des Reiches manifestiert sich diese Neuorientierung in Stein. Folgerichtig erneuert Peter I. der Gro\u00dfe seinen Kaisertitel nach modernen Gesichtpunkten: \u201eaufgekl\u00e4rter Absolutismus\u201c statt Autokratie<\/span><\/p>\n<h2>Das widerspr\u00fcchliche 19. Jahrhundert<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Das 19. Jh. bringt die wichtigsten politischen und philosophischen Str\u00f6mungen, welche Dugin und seine eurasischen Mitstreiter pr\u00e4gen. In jenem Jahrhundert schwankt das Zarenreich zwischen Isolation und Westorientierung. Trotzdem ist eine schleichende Verwestlichung des h\u00f6fischen Lebensstils und des sich entwickelnden B\u00fcrgertums nicht mehr aufzuhalten. Immer mehr sickern liberale, atheistische, freimaurerische und revolution\u00e4re Ideen ein. Napoleon wird als westlicher Invasor in der Tradition katholischer Eindringlinge wahrgenommen. Der franz\u00f6sische Siegeszug durch Europa und die unmittelbare Bedrohung Moskaus 1812 zeugen von Russlands Unterlegenheit, der Westen erscheint demgegen\u00fcber \u00fcberm\u00e4chtig und nachahmenswert. In diesem Klima entstehen die Bewegungen der Slawophilen (Jurij Samarin und Iwan Aksakow) und Potschwenniki (etwa \u201cdie Bodenverwurzelten\u201c). Beide stehen f\u00fcr den russischen Sonderweg unabh\u00e4ngig von Europa, aber auch gegen reaktion\u00e4re Erstarrung. Dieser Dritte Weg favorisiert orthodoxe Spiritualit\u00e4t und institutionelle Kirchenkritik, zaristische Autokratie und Entb\u00fcrokratisierung, Hierarchie und Abschaffung der b\u00e4uerlichen Leibeigenschaft. Der gro\u00dfe Schriftsteller Fjodor M. Dostojewski (1821-1881) bekannte sich zu dieser Gesinnung.<\/span><\/p>\n<h2>Die ersten Eurasier der Zwischenkriegszeit<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Authentische Eurasier treten erst nach dem Sturz des Zaren 1917 auf. Unter den vor Lenin gefl\u00fcchteten Exilrussen stehen sie f\u00fcr den exotischen, wenig einflussreichen, aber publizistisch aktiven Typus. Im Gegensatz zu restaurativen, slawophilen und faschistischen Exilrussen, sehen die Eurasier im stalinistischen Bolschewismus ihre Sache vertreten. Stalin wird als Konterrevolution\u00e4r und Scheinmarxist gesehen. Er ist f\u00fcr die Oktoberrevolution das, was f\u00fcr die Franz\u00f6sische Napoleon I. war. Tats\u00e4chlich erkannte Stalin im Sowjetsystem dessen utopische nichtpraktikablen Charakter: den wurzellosen neuen Sowjetmenschen ohne Spiritualit\u00e4t, Nationalit\u00e4t und Tradition. Ob aus \u00dcberzeugung oder Kalk\u00fcl: Stalin nationalisierte den Bolschewismus. Sowjetisch sein hei\u00dft russisch sein. Er stellte sich sogar in eine Traditionslinie mit Moskowiens Fr\u00fchzaren, lockerte die Unterdr\u00fcckung der Orthodoxen Kirche \u2013 und nur dieser \u2013, und f\u00f6rderte ab 1945 einen neuen Vaterlandskult. Folgerichtig vers\u00f6hnten sich viele eurasischen Theoretiker mit dem Sowjetsystem und kehrten aus ihrem Exil zur\u00fcck.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Von herausragender Bedeutung f\u00fcr die Eurasische Bewegung der Gegenwart sind Nikolai Ustrialov (1880-1937), Lew N. Gumiljow (1912-1992) und Nikolaj S. Trubetzkoy (1890-1938). Die Eurasier der Zwischenkriegszeit w\u00fcrdigen den Islam, Buddhismus und die Turkv\u00f6lker als F\u00f6rderer vergangener russl\u00e4ndischer Gr\u00f6\u00dfe und Einzigartigkeit. Der russische Typus ist n\u00e4mlich nur der Sprache nach slawisch, dar\u00fcber hinaus auch mongolisch und turanisch. Damit stehen die Eurasier im Gegensatz zu den Slawophilen.<\/span><\/p>\n<h2>Die Neoslawophilen nach 1955<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Diese, aus den \u201eDorfschriftstellern\u201c hervorgegangene Str\u00f6mung sammelte alle antiwestlichen, authentisch russisch-orthodoxen Ideen der Vergangenheit (also Slawophile und Potschwenniki) mit dem Ziel, die geistig-moralische Wiedergeburt des Russentums zu erreichen. Die oben dargestellte Reichsidee mit ihrer charakteristischen Gleichberechtigung und W\u00fcrdigung aller V\u00f6lker auf russischem Boden, steht dabei im Mittelpunkt. Alexander Solschenizyn, Nikolaj Berdajew oder Igor Ogurzow treten folgerichtig f\u00fcr ein neues Zarentum mit orthodoxer Staatskirche ein. Das bestehende kommunistische Sowjetsystem darf also keinesfalls durch westlich-liberale Ordnungskonzepte ersetzt werden. Auch die Neoslawophilen wenden sich scharf gegen den \u201eWesten\u201c ohne jedoch das asiatische Element (mongolische und turanische Einfl\u00fcsse) hervorzuheben.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Noch etwas teilen Neoslawophile mit ihren eurasischen Konkurrenten: die oben angesprochene Neuinterpretation Stalins. Dessen Taten werden zwar verurteilt, aber man w\u00fcrdigt im Stalinismus eine Art s\u00e4kularisierte Orthodoxie: Moskaus Weltmission und das Goldene Zeitalter der universellen Gerechtigkeit. Der Sowjetkommunismus hat neben seinen linken Z\u00fcgen (Appell an Vernunft, Fortschrittsgl\u00e4ubigkeit, Humanismus und Egalitarismus) auch deutlich rechte Akzente (Antiindividualismus, Irrationalismus, Patriotismus und Antiliberalismus), die seit den 1960ern immer mehr zunehmen. Seit der Entstalinisierung 1956 und einer merklichen Schw\u00e4chung der UdSSR im Zuge der friedlichen Koexistenz steigerte sich noch die Stalinverkl\u00e4rung: Seine Verbrechen werden zu therapeutischen Eingriffen \u00e0 la Iwan der Schreckliche. Stalins Zur\u00fcckdr\u00e4ngung des j\u00fcdischen Revolutionselements d\u00fcrfte daran nicht ganz unschuldig sein.<\/span><\/p>\n<h2>Alexander Dugin betritt die politische B\u00fchne<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">1991 betritt der Journalist Alexander Dugin (geb. 1962) die politische B\u00fchne Russlands. Zun\u00e4chst engagiert er sich f\u00fcr die monarchistisch-faschistische Organisation Pamjat, um dann die \u201eNationalbolschewistische Partei\u201c mitzugr\u00fcnden. Danach beschr\u00e4nkte er sich bis Ende der 1990er auf seine Denkschule \u201eArktogaja\u201c und publizierte in seinen \u201eHauszeitschriften\u201c (Den, Elementy und Politika). Bis dahin setzte der umtriebige Vielschreiber noch keine eigenen Akzente, sonder sammelte und \u00fcbersetzte ausl\u00e4ndische Denker (Vertreter der Konservativen Revolution, Evola, Benoist und Jean Thiriart). Erst vergleichsweise sp\u00e4t entdeckte er auch russische Theoretiker (Slawophile, Potschwenniki, Neoslawophile, Eurasier der Zwischenkriegszeit). Mit der Jahrtausendwende entwickelte Dugin dann sein umfangreiches eklektizistisches opus magnum des Eurasianismus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">2003 gr\u00fcndete er zu dessen Verbreitung die \u201eInternationale Eurasische Bewegung\u201c und die \u201eEurasische Partei\u201c sowie weitere Vorfeldorganisationen. Dugins Einfluss ist betr\u00e4chtlich: Er moderiert \u00a0Radioprogramme, sitzt in Parlaments-Aussch\u00fcssen, arbeitet als Publizist f\u00fcr staatstragende Zeitschriften und einige seiner B\u00fccher sind offizielles Lehrmaterial f\u00fcr Universit\u00e4ten (z.B. \u201eGrundlagen der Geopolitik\u201c von 1997). Au\u00dferdem arbeitete Dugin als Berater des einflussreichen nationalkommunistischen Dumaabgeordneten Gennadij Selesnjow. Dugin war mehrmals prominenter Gast in Kasachstan und Iran. Zuletzt begleitet er eine Ehrenprofessur in Kasachstans Hauptstadt Almaty.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Es gelingt Dugin, Russlands Geschichte auf die Zeit nach 1991 zu \u00fcbertragen. Wieder ist das Reich zerfallen, au\u00dfer den nichtslawischen Regionen sind auch die Bruderrepubliken Wei\u00dfrussland und Ukraine \u2013 die Wiege des Russentums -, unabh\u00e4ngig. Die orthodoxe Religion ist deutlich geschw\u00e4cht, wenn auch wieder in der Offensive, die Gesellschaft degeneriert, die Geburten gehen stark zur\u00fcck, die russische Minderheiten in Zentralasien verlassen ihre Siedlungen, das Milit\u00e4r versagt als Schule der Nation, ein weit verbreiteter Separatismus, Ausverkauf der Wirtschaft und das demokratische System erweist sich als unf\u00e4hig. Besonders die Regierung Jelzins erinnert an die \u201eZeit der Wirren\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Im Folgenden soll \u00fcberblicksartig vorgestellt werden, was die Schwerpunkte des Eurasianismus sind.<\/span><\/p>\n<h2>Dugins Volksbegriff<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Der russische Nationenbegriff definiert sich traditionell r\u00e4umlich-landschaftlich und religi\u00f6s-spirituell. Das Konzept einer russischen Staatsnation \u00e0 la Putin oder Sowjetsystem widerspricht diesem Ideal und erinnert eher an das r\u00f6misch-lateinische Feindbild. Ein Russentum auf biologisch-abstammungsm\u00e4\u00dfiger Grundlage wie das germanische oder keltische widerspricht gleichfalls jeder russl\u00e4ndischen Tradition. Dugin r\u00e4umt dem Ethnos zwar eine wichtige Rolle ein, n\u00e4mlich das russische Volk als Tr\u00e4ger der Nation, sieht aber im biologischen keine absolute Gr\u00f6\u00dfe. Das wird an seiner Haltung zum Auslandsrussentum deutlich. Alle russischen Emigranten au\u00dferhalb Eurasiens (z.B. in Nordamerika oder Brasilien) k\u00f6nnen keine authentischen Russen mehr sein, ihnen fehlt die Bodenverwurzelung und das Leben im sakralen Raum Eurasien (Siehe unten). Zum authentischen Russen geh\u00f6rt zudem die Einheit mit der Orthodoxen Kirche (Sobornost) \u2013 andererseits macht die orthodoxe Taufe noch keinen echten Russen aus.<\/span><a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><span style=\"font-size: 14pt;\">[7]<\/span><\/a><\/p>\n<h2>Dugins Verh\u00e4ltnis zu Religionen<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Da sich Dugin auf die russische Reichstradition beruft, sollte er der Orthodoxen Kirche eine privilegierte Sonderstellung einr\u00e4umen. Die W\u00fcrdigung der Orthodoxie hat aber keinen religi\u00f6sen Hintergrund, sondern dient der Identit\u00e4tsfestigung und antiwestlichen Abgrenzung. Als gelehriger Sch\u00fcler des italienischen Kulturphilosophen und traditionalen Denkers Evola ordnet Dugin jede Konfession der Integralen Tradition<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> unter. Da die Orthodoxie auch eine starke traditionale Str\u00f6mung integriert \u2013 im Gegensatz zum eher liberalen Protestantismus -, gibt es keine Gegens\u00e4tze.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Es reicht, wenn die V\u00f6lker Russlands die Vormachtstellung der Orthodoxie akzeptieren, sie m\u00fcssen nicht konvertieren oder k\u00f6nnen einen Art \u201eDoppelglauben\u201c (Dvoevenje) leben: Man ist \u00e4u\u00dferlich Christ und zugleich \u00fcberzeugter Muslim usw.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Dugin w\u00fcrdigt die Orthodoxe Kirche ihres Strebens der spirituellen Vervollkommnung wegen. Die R\u00f6misch-Katholische Kirche demgegen\u00fcber strebe nur nach sozialer Integration aller Gl\u00e4ubigen, das Kontemplative bleibt auf der Strecke. Besonders Jesuiten (f\u00fcr den Katholizismus) und Calvinisten (f\u00fcr den Protestantismus) stellen absichtliche Entartungen dar, die zur Subversion f\u00fchren m\u00fcssen. Ebenso unterscheidet Dugin Str\u00f6mungen im Islam nach traditionaler Kompatibilit\u00e4t: Der Shiitische Islam entspricht dem Orthodoxen Christentum, die Sunna der Katholischen Kirche. Besonders der puritanische Wahabismus mit seiner ritualistischen inhaltsleeren Oberfl\u00e4chlichkeit erinnert an die Calvinisten. Wahabismus n\u00fctze nur dem Westen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">F\u00fcr das k\u00fcnftige Russische Reich (und sp\u00e4ter ganz Eurasien) favorisiert Dugin eine \u201eUnion der traditionalen eurasischen Konfessionen\u201c: Orthodoxie, Islam, Buddhismus, (antizionistisches) Judentum und Schamanismus. Mit dieser konfessionellen Phalanx als Widerstand der Gl\u00e4ubigen soll der Endkampf gegen S\u00e4kularisierung, Globalismus und neuartige Sekten gewonnen werden. Zwischenreligi\u00f6se Konflikte sollen friedlich und einvernehmlich gel\u00f6st werden. Missionierungsbestrebungen sind verboten.<\/span><a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\"><span style=\"font-size: 14pt;\">[10]<\/span><\/a><\/p>\n<h2>Eurasianismus und Atlantismus<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Immer wiederkehrende Schl\u00fcsselbegriffe in Dugins Werk sind die Gegenpole Eurasien und Atlantismus. Eurasien meint hierbei keine Synthese aus Europa und Asien, sondern etwas Drittes, eine neue Qualit\u00e4t. Gemeint ist ein metaphysischer Raum der Urspr\u00fcnglichkeit. Eurasien wird mit dem Element Erde identifiziert (Stabilit\u00e4t, Dichte, Sesshaftigkeit, Hierarchie, Ideokratie und Werte), die Atlantiker mit dem Element Wasser (Beweglichkeit, Weichheit, Nomadentum, Individualismus, Relativismus und Demokratie).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Pers\u00f6nlichkeiten und Ereignisse der Geschichte werden entweder als eurasisch und traditional oder atlantisch und subversiv eingeordnet. So unterscheidet er zwischen den eurasischen Nationalsozialisten Karl Haushofer (1869-1946) und Goebbels<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> und den atlantischen G\u00f6ring und Himmler<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a>. Hitler pendelt dabei zwischen den Polen. Zur Zeit des Nichtangriffspakts mit Stalin war Hitler angeblich eurasisch orientiert. Die nationalsozialistische Rasselehre sei atlantischen Ursprungs, um die eurasische V\u00f6lker-Allianz zu spalten. Die Akteure der \u201eKonservativen Revolution\u201c (Mohler) werden als eurasisch angesehen (v.a. Ernst Niekisch).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Gegenpol Atlantismus bezeichnet die entfremdete atomisierte Welt der Moderne. Die atlantische Mentalit\u00e4t ist kaufm\u00e4nnisch und materialistisch gepr\u00e4gt. Zu ihr geh\u00f6r(t)en das British Empire, USA oder auch Napoleon. Zu den wichtigsten atlantischen Theoretikern geh\u00f6ren Admiral Alfred Mohan (1840-1914), Nicholas Spykman (1893-1943), Henry Kissinger (geb. 1923), Zbigniew Brezezinski (geb. 1928), Francis Fukuyama (geb. 1952) sowie Halford Mackinder (1861-1947) mit seiner \u201eHeratland-Theorie\u201c. Nach dieser Theorie pr\u00e4gt der st\u00e4ndige Kampf zwischen Land- und Seem\u00e4chten die gesamte Menschheitsgeschichte. Der deutsch-britische Dualismus im Vorfeld des Ersten Weltkriegs geh\u00f6rt zu diesen K\u00e4mpfen. Mackinder sieht in expandierenden Kontinentalm\u00e4chten (dem Herzland) wie Russland oder Deutschland die Hauptgefahr f\u00fcr die Hegemonie der Seem\u00e4chte (Gro\u00dfbritannien, USA). Der Kalte Krieg mit seiner Blockkonfrontation stellte ein weites Stadium dieses ewigen Kampfes dar.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Eurasier und Atlantiker sind aber nicht an geographische Realit\u00e4ten gebunden. So kann es russische Atlantiker geben (authentische Marxisten, Liberale, Freimaurer) und angels\u00e4chsische Eurasier (z.B. die US-amerikanischen Isolationisten).<\/span><\/p>\n<h2>Sakrale R\u00e4ume und Himmelsrichtungen<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Wie Eurasien und Atlantismus haben auch die Sakralen Himmelsrichtungen eine metaphorische Bedeutung. Die Himmelsrichtungen stehen f\u00fcr sich absolut und nicht einfach relativ nach geographischem Standpunkt. Dugins religionswissenschaftliche mythologische Studien sind f\u00fcr diesen Umstand verantwortlich. Demnach steht der Norden f\u00fcr die Urheimat des Menschen, Hyperboreia, Atlantis oder Thule. Es gibt im Norden keine Gegens\u00e4tze, R\u00e4ume oder Zeiten, alles ist vollkommen. Der S\u00fcden steht f\u00fcr Dunkelheit, Materialit\u00e4t und Verg\u00e4nglichkeit. Der Osten ist Hort ewiger Weisheit (Geburtsort der Sonne) und der Westen Heimat von Dekadenz, Oberfl\u00e4chlichkeit, Seelenlosigkeit, T\u00e4uschung (Sonne geht im Westen unter). Norden und Osten sind eurasische Attribute, S\u00fcden und Westen atlantische.<\/span><\/p>\n<h2>Dugins Staatsideal<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Wie stellt sich Dugin den Eurasischen Staat vor? Das Reich Eurasien ist eine Art universelles Russisches Reich. Es gibt Tr\u00e4gerv\u00f6lker (Russen, Deutsche, Perser, Japaner, Mongolen) und gigantische assoziierte Vorposten (Indien, China, Arabien, T\u00fcrkei). Der dezentrale Staat besteht aus ethno-religi\u00f6sen Bezirken mit einem maximalen Grad an kultureller, sprachlicher, \u00f6konomischer und juristischer Autonomie, jedoch keine ideologische und au\u00dfenpolitische.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Wie es sich mit Vielv\u00f6lker-Regionen verhalten soll, bleibt Dugin seinen Anh\u00e4ngern schuldig. Alle Ethnien und traditionalen Konfessionen (Siehe oben) entsenden Vertreter in die St\u00e4ndekammer. Tats\u00e4chlich \u00e4hnelt Dugins Staatsmodell dem Korporativ- oder St\u00e4ndestaat Othmar Spanns (1878-1950).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Dugin bezeichnet seine Staatsform als Aristokratie und \u201eOrganische Demokratie ohne Parteien\u201c. Der St\u00e4ndestaat ist streng hierarchisch gegliedert und erinnert an das hinduistische Kastensystem. Evolas Einfluss ist auch hierbei nicht zu \u00fcbersehen, gleichwohl Dugin das Milit\u00e4r (Kshatriya-Krieger-Kaste) zum R\u00fcckgrat des Staates erhebt und nicht den \u201eBrahmanen\u201c. Das Milit\u00e4r steht f\u00fcr Askese, Zucht und Ordnungsdienst, im Gegensatz zum weltabgewandten Brahmanen darf es sich in soziale Belange mischen. Die Dritte Kaste der Arbeiter und H\u00e4ndler haben keine M\u00f6glichkeit der politischen Teilhabe. Sie sind zu materiell orientiert, haben keine Phantasie und Abenteuergeist, ihr Patriotismus entstammt egoistischen Motiven.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Das herrschende eurasische Recht ist metaphysisch begr\u00fcndet: Religi\u00f6se Gebote christlicher Orthodoxie + Sittengesetze + staatliche Gesetze. Wie dieses Rechtssystem konkret aussieht, bleibt jedoch unklar.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Wirtschaftlich favorisiert Dugin einen \u201eNeuen Sozialismus\u201c, der sich auf Friedrich List (1789-1846), Gustav Schmoller (1838-1917), Werner Sombart (1863-1941) und John M. Keynes (1883-1946) beruft. Demnach sind Informationstechnologie, Landwirtschaft, Energie- und R\u00fcstungsindustrie, Bodensch\u00e4tze, Infrastruktur, Versicherungen und Banken staatlich verwaltet. Landbesitz und Fabriken k\u00f6nnen als Lehen an Private gehen. Hier zeigt sich Otto Strassers (1897-1974) Einfluss. Die Wirtschaft forciert eine Reagrarisierung und Autarkiestreben, damit wendet sich Dugin gegen die internationale Arbeitsteilung. Im neuen Eurasischen Reich existiert eine Einheitsw\u00e4hrung, deren Stabilit\u00e4t durch die Bodensch\u00e4tze garantiert werden soll. Dugins Staats- und Wirtschaftsverst\u00e4ndnis sind am wenigsten ausgereift und spekulativ.<\/span><\/p>\n<h2>Russlands Mission heute<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Russlands Mission im 21. Jh. Ist der Kampf gegen die atlantische Fortschrittsidee und monokulturelle Globalisierung. Russland k\u00e4mpft mit allen gewachsenen Kulturen (Volksidentit\u00e4ten und traditionalen Konfessionen) zusammen. Moskau bildet den Kern des eurasischen Imperiums. Wie dieses gebildet wird, ist aber unklar. Deutschland soll Zentrum der Integration Europas sein. Es ist aufgrund seiner zentralen Lage, Gr\u00f6\u00dfe und Mentalit\u00e4t daf\u00fcr pr\u00e4destiniert. Die deutsche Seelentiefe \u00e4hnelt der russischen. Von allen germanischen V\u00f6lkern ist das deutsche am wenigsten germanisch und am meisten slawisch und keltisch. Dugin w\u00fcnscht sich ein christlich-orthodoxes Deutschtum als wahres Drittes Reich.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Drei Machtachsen bestimmen Eurasien: Die Achsen Moskau-Berlin, Moskau-Tokio und Moskau-Teheran. Japan (Tokio) war fast immer an Mitteleuropa ausgerichtet. Die japanische Au\u00dfenpolitik bis zur Z\u00e4sur 1945 war angeblich kontinental ausgerichtet: \u201eGro\u00dfasiatische Wohlstandssph\u00e4re\u201c und nicht kolonialistisch (und damit atlantisch). Ganz anders China: Bis auf die Phase des \u201eaktiven Maoismus\u201c war und ist China angeblich probritisch (und damit atlantisch) orientiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Indien und die arabische Welt stellen aufgrund ihrer Ausrichtung nach S\u00fcden bzw. Nordafrika keine integralen Bestandteile Eurasiens dar, sondern nur proeurasische Vorposten. Ein buddhistischer Nordblock aus Gro\u00dfmongolei, Japan, Tibet und russischen buddhistischen V\u00f6lkerschaften fungiert als Grenze chinesischer Expansion. Der arabischen Welt misstraut Dugin aufgrund des dominierenden Sunnitischen Islams und dessen Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr den atlantischen Wahabismus (mit Zentrum Saudi-Arabien). Schwierig ist das Verh\u00e4ltnis zur t\u00fcrkischen Welt (mit den turksprachigen Staaten Zentralasiens). Seit der Kulturrevolution des Freimaurers Atat\u00fcrk geh\u00f6rt Ankara ins atlantische Lager. Nur eine gr\u00fcndliche Reislamisierung der t\u00fcrkischen Politik garantiert die eurasische Wende.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die Bewertung Alexander Dugins gestaltet sich sehr schwierig. Sein eurasisches Zukunftsreich ist unklar und unausgereift. Es existieren nur Schlagworte ohne wirklichen Inhalt. An Dugins Ernsthaftigkeit, Eurasien als \u00fcbernationales Riesenreich zu schaffen, darf gezweifelt werden. Eurasien erscheint viel mehr als ein utopisches Sinnbild orthodoxer Fr\u00f6mmigkeit. Schwer vorstellbar, wie solche unterschiedlichen Kulturen zusammenleben k\u00f6nnen und auf welche Weise die Integration erfolgen soll. Einige Analysen Dugins sind zweifelhaft und entspringen russischen Machtinteressen.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Die Wiederbelebung der russischen Reichsidee ohne Russifizierungsprozess (als Miniatureurasien) kann aber f\u00fcr Russlands Integrit\u00e4t heilsam sein. Die wenigsten nichtrussischen V\u00f6lker wollen die totale Separation, sondern nur ihre Identit\u00e4t und Autonomie erhalten. Die wirtschaftlichen Forderungen nach einer gemischten Volkswirtschaft mit hohem Autarkiegrad ist schon jetzt allgemein akzeptiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Abschlie\u00dfend sei darauf hingewiesen, dass Alexander Dugin sehr opportunistisch handelt. Er revidiert h\u00e4ufig Aussagen und wechselt die politischen Fronten.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Genauso gestaltet sich sein Verh\u00e4ltnis zu Putin. Einmal dient er sich Putin an, andermal greift er ihn r\u00fccksichtslos an. Er wird von seinen internationalen rechten Anh\u00e4ngern und linken Feinden ma\u00dflos \u00fcbersch\u00e4tzt und von seinen liberalen Feinden untersch\u00e4tzt. Grunds\u00e4tzlich ist Dugin ein Meister der Inszenierung. Genau darum wird er von staatlichen Instanzen (z.B. Milit\u00e4rgeheimdienst) instrumentalisiert. Er integriert und moderiert ein breites Spektrum des russischen Nationalradikalismus. Europas Patrioten kommen an Dugins Einfluss vorerst nicht umhin, eine Besch\u00e4ftigung mit seinen Ideen lohnt sich.<\/span><\/p>\n<h2>Anmerkungen<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Das Ende des Sowjetimperiums wird gern auf eine j\u00fcdisch-freimaurerische Verschw\u00f6rung zur\u00fcckgef\u00fchrt, um Russland dem Westen auszuliefern. Der nur der Theorie nach marxistische Sowjetkommunismus hat \u2013 so der allgemeine Tenor -, urrussische Traditionen bewahrt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Die Katholisch-Unierte Kirche des 16. Jh. folgt byzantinischen Riten, untersteht jedoch dem Papst. Sie stellt ein wesentliches Identit\u00e4tsmerkmal des Westukrainertums dar.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Russlands Patrioten unterscheiden die Begriffe \u201eRodina\u201c (=Mutterland, eurasisch, weiblich) und. \u201eOtechestvo\u201c (=Vaterland, m\u00e4nnlich, westlich).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Der Schriftsteller und eurasische Ahnherr Piotr Tschadev (1793-1856) forderte die Besinnung auf Russlands Weltmission. Russland hat noch keinen historischen Beitrag geleistet, es steht abseits und \u00fcber den irdischen Dingen. Seine himmlische Sendung ist die Erl\u00f6sung aller V\u00f6lker in Christo. Das Russentum muss dazu den Leidens- und M\u00e4rtyrertod Christi gehen. Voraussetzung sei das Prinzip \u201eSobornost\u201c (etwa Symphonie). Gemeint ist die Harmonie und Gemeinschaftlichkeit zwischen dem Einzelnen und dem Sozialen (v.a. der Orthodoxen Kirche). Der Einzelne soll aber nicht restlos im Sozialen aufgehen, sondern sich nur mit ganzer Entfaltung einbringen. Individualismus au\u00dferhalb von Sobornost ist geistige Unterentwicklung, da jeder isoliert f\u00fcr sich denkt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Diese Trias wurde erst im 19. Jh. vom Volksbildungsminister Sergej Uvarov (1786-1855) unter Nikolaus I. (1796-1855) explizit dargestellt. Narodnost meint in diesem zusammenhang Volkst\u00fcmlichkeit und Volksverbundenheit der Aristorkratie.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Der Panslawismus des 19. Jh. spielt bei den Neoslawophilen keine Rolle.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Die nationalsozialistischen Gruppen sind die einzigen Nationalisten, die sich als immun gegen Dugins Ideen erweisen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Es ist nicht der Raum die Integrale Tradition darzustellen. Ganz grob l\u00e4sst sich folgendes sagen:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Es existieren \u00fcberzeitliche, \u00fcbermenschliche, unab\u00e4nderliche und kosmische Gewissheiten, die in allen \u2013 als traditional akzeptierten -, Religionen und Kulten konserviert werden. Im Kern sind demnach alle diese Religionen gleich, haben nur kulturell und v\u00f6lkisch angepasste Formen. Die mit dem Kosmischen in Verbindung stehende irdische Ordnung und Hierarchie wird durch subversive Kr\u00e4fte (z.B. Freimaurerei) bedroht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Gleichwohl favorisiert Dugin die altgl\u00e4ubige urspr\u00fcngliche Form der Orthodoxie, die sich 1666 von der offiziellen Kirche wegen deren Reformfreudigkeit abspaltete. Die Altgl\u00e4ubigen (auch Raskolniken) glauben an die Legende vom \u201eWei\u00dfen Gew\u00e4sser\u201c (Belowod `e), wonach sich die letzten wahren Christen auf einer Insel im Norden gelegen Meer (Wei\u00dfes Gew\u00e4sser) zum J\u00fcngsten Gericht sammeln.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Tats\u00e4chlich kennen die traditionalen Str\u00f6mungen jeder Konfession keine Missionierung. Das gilt auch f\u00fcr die Mehrheit der Orthodoxen Kirche und den Shiitischen Islam.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Goebbels kam urspr\u00fcnglich aus dem prosowjetischen Strasser-Lager und forderte einen \u201eNotblock der unterdr\u00fcckten und entrechteten V\u00f6lker\u201c (z.B. mit Indien und China) gegen den imperialistischen Westen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Rassismus als Kind der Moderne wird in evolianischer Tradition als \u201eMaterialismus des Blutes\u201c angesehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> In rudiment\u00e4rer Form gibt es Russland schon vergleichbare Regionen, die autonomen Gebiete f\u00fcr nichtrussische Minderheiten. Am weitesten ist diese Form in \u201eTatarstan\u201c fortgeschritten. In Zukunft soll es m\u00f6glich sein, dass in muslimischen Regionen die Scharia als alleiniges Recht gilt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Nach dieser Z\u00e4hlung war das Erste Reich bis 1806 katholisch und das Zweite 1871-1945 protestantisch gepr\u00e4gt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Tats\u00e4chlich interessieren sich radikal-sunnitische Gruppen und einige nationalkommunistische f\u00fcr Dugins Offerten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> z.B. China als einzukreisender und zu spaltender Staat, der als atlantisch bewertet wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Das zeigt sich am der Bewertung Israels. Einmal sympathisiert er mit traditionalen Orthodoxen Juden und lehnt das Existenzrecht Israels ab, andermal sucht er Verbindung zu rechtszionistischen Kreisen.<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Russische Besonderheiten Mit der Verbreitung des eurasischen Gedankens durch Alexander Dugin konnten erstmals bedeutende Str\u00f6mungen des patriotischen russischen Lagers unter dieser Idee zusammengef\u00fchrt werden. Dem Eurasianismus verpflichtet sehen sich nunmehr neostalinistische Bolschewisten, antikommunistische Konservative, Monarchisten, orthodoxe Fundamentalisten und Faschisten. Dugin selbst beeinflusst und ber\u00e4t wesentliche Machtinstanzen des russischen Staates. 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