{"id":8349,"date":"2022-01-17T13:24:53","date_gmt":"2022-01-17T12:24:53","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=8349"},"modified":"2022-01-17T13:24:53","modified_gmt":"2022-01-17T12:24:53","slug":"dominik-schwarzenberger-weissrussland-oder-belarus-droht-ein-zweiter-ukraine-konflikt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/dominik-schwarzenberger-weissrussland-oder-belarus-droht-ein-zweiter-ukraine-konflikt\/","title":{"rendered":"Dominik Schwarzenberger:  Wei\u00dfrussland oder Belarus \u2013  Droht ein zweiter Ukraine-Konflikt?"},"content":{"rendered":"<p><em>Im folgenden Text befasst sich unser Kollege und Autor, Dominik Schwarzenberger, mit den derzeitigen Spannungen an der NATO-Ostgrenze. Sowohl die Geschehnisse in Wei\u00dfrussland, als auch an der russisch-ukrainischen Grenze beleuchtet er aus geostrategischer und identit\u00e4tspolitischer Sicht. Diese Sichtweise bietet wie gewohnt einen hochinteressanten, aber in der Tagespolitik oft unbeachteten Blickwinkel auf Hintergr\u00fcnde und Ursachen eines drohenden neuen Konflikts an der NATO-Ostgrenze.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wieder einmal macht Wei\u00dfrusslands Pr\u00e4sident Lukaschenko von sich reden \u2013 waren es bisher manipulierte Wahlen und unterdr\u00fcckte oppositionelle Demonstrationen, steht heute seine Fl\u00fcchtlingspolitik im Brennpunkt, mit der er die EU erpresst. Vorausgegangen waren versch\u00e4rfte Sanktionen gegen Minsk. Der \u201eletzte Diktator\u201c Europas findet sich mehr denn je isoliert zwischen Ost und West. Gleichzeitig hegen Moskau, Br\u00fcssel und Washington geostrategische Begehrlichkeiten. Die immer wieder aufflammenden Demonstrationen erscheinen als D\u00e9j\u00e0-vu zur benachbarten Ukraine: Wiederholt sich eine weitere prowestliche farbige Revolte unter Soros` Regie? Schaffen sich Br\u00fcssel und Washington einen neuen Vorposten im postsowjetischen Raum?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Parallelen sind tats\u00e4chlich frappierend.<\/strong> Es gibt vier herausragende Gemeinsamkeiten mit dem ukrainischen Nachbarn:<\/p>\n<p>1) Eine ungekl\u00e4rte Identit\u00e4t \u2013 das Grundproblem: Wei\u00dfrussland oder Belarus?<\/p>\n<p>2) Das wei\u00dfrussische Territorium war ebenfalls eine Wiege des Russentums.<\/p>\n<p>3) Eine geostrategische Schl\u00fcsselstellung als Drehscheibe zwischen Ost und West, die das Land f\u00fcr Br\u00fcssel, Washington, Peking und Moskau begehrlich machen.<\/p>\n<p>4) Ein nationales Trauma, das die Entfremdung von Moskau befeuert: Tschernobyl.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bei genauer Analyse gibt es jedoch entscheidende Unterschiede:<\/strong><\/p>\n<p>*Der West-Ost-Gegensatz im Land ist nur m\u00e4\u00dfig entwickelt<\/p>\n<p>*Wei\u00dfrussland war bis auf das Intermezzo 1918-1939 weitgehend ungeteilt und bewahrte seinen russisch-orthodoxen Charakter<\/p>\n<p>*Wei\u00dfrussland weist eine relative religi\u00f6se Homogenit\u00e4t auf<\/p>\n<p>*es gab historisch nur eine rudiment\u00e4re nationale Tradition und Staatlichkeit<\/p>\n<p>*es fehlt eine protostaatliche Kosaken-Tradition, an die man ankn\u00fcpfen k\u00f6nnte<\/p>\n<p>*es mangelte lange an eine eigenst\u00e4ndige standardisierte wei\u00dfrussische Sprache<\/p>\n<p>*es fehlt eine Art Nationalreligion<\/p>\n<p>*Wei\u00dfrusslands Nationalsymbole sind wenig akzeptiert<\/p>\n<p>*die Fundamentalopposition integriert kaum Nationalradikale, daf\u00fcr eine aktive ethno-religi\u00f6se Minderheit<\/p>\n<p>*Die Frontstellung gegen Lukaschenko ist das alleinige Band der Systemopposition, nicht geopolitische Erw\u00e4gungen<\/p>\n<p>*die inneren Konfliktlinien (Siehe unten) zerteilen Regierung und Opposition gleicherma\u00dfen<\/p>\n<p>*die deutsche Besatzung wird als Joch empfunden, Sympathie mit der prodeutschen Kollaboration bildet die Ausnahme<\/p>\n<p>*keine antisowjetischen Partisanenaktivit\u00e4ten nach 1945<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Schl\u00fcsselereignisse wei\u00dfrussischer Geschichte<\/strong><\/p>\n<p>Staats\u00e4hnliche Gebilde existierten auf dem Territorium des heutigen Wei\u00dfrusslands in Form st\u00e4dtischer F\u00fcrstent\u00fcmer wie die von Turow oder Polozk im 11. bis 14. Jh.. Nach deren Zerfall wurde das Territorium Teil Litauens und sp\u00e4ter der Polnisch-Litauischen Union. In dieser Zeit der katholischen Hegemonie wurde die Orthodoxe Konfession zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Noch im 17. Jh. findet sich die Bezeichnung \u201eBelaja Rus\u201c (Wei\u00dfe Rus) mit unterschiedlicher Bedeutung: f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung wie f\u00fcr das Territorium. Als nach der Aufteilung Polens gro\u00dfe Teile der heutigen Ukraine, Litauens und das gesamte gegenw\u00e4rtige Wei\u00dfrussland zum Zarenreich kamen, setzte eine forcierte Russifizierung und Entkatholizierung ein \u2013 die Bezeichnung \u201eBelaja Rus\u201c wurde 1840 verboten und durch \u201eNordwestgebiet\u201c ersetzt, um jegliche eigenst\u00e4ndige Regungen und die Erinnerung an eine von Moskowien getrennte Entwicklung zu verhindern. Tats\u00e4chlich blieb die wei\u00dfrussische Sonderidentit\u00e4t auf ein regionales Bewusstsein beschr\u00e4nkt. Aus Mangel an nationalistischen Pers\u00f6nlichkeiten dieser Zeit wird etwa der Dichter und Schriftsteller Franzischak Bahuschewitsch (1840-1900) okkupiert, der sich zwar um die Pflege des Wei\u00dfrussischen verdient machte, aber sich zum Russentum aus dreigliedriger Einheit bekannte. Auch die antizaristische Opposition war in der Frage einer wei\u00dfrussischen Sonderidentit\u00e4t gespalten. Bezeichnend ist der Umstand, dass das mehrheitlich polnisch und j\u00fcdisch besiedelte Wilna zum Zentrum der Nationalbewegung wurde und nicht das Kernland selbst.<\/p>\n<p>Im Zuge der Oktoberrevolution und des daraus folgenden B\u00fcrgerkriegs entstand eine linksb\u00fcrgerlich-sozialdemokratische \u201eWei\u00dfrussische Volksrepublik\u201c unter deutscher Protektion, die allerdings wenig R\u00fcckhalt fand und schnell durch die ebenfalls ungeliebte \u201eWei\u00dfrussische Sozialistische Sowjetrepublik\u201c bzw. f\u00fcr wenige Monate durch die \u201eLitauisch\u2013Wei\u00dfrussische Sozialistische Sowjetrepublik\u201c abgel\u00f6st wurde. Nach dem Polnisch-Sowjetischen Krieg verblieb der Westteil der heutigen Republik bei Polen, dessen Bev\u00f6lkerung zwischen propolnischer und prosowjetischer Ausrichtung gespalten blieb. Einen eigenen Staat strebten nur wenige Aktivisten an.<\/p>\n<p>Wie \u00fcberall in der jungen Sowjetunion f\u00f6rderte Lenin die autochthone identit\u00e4re Entwicklung in seinen Teilrepubliken, um einen gesamtrussischen Nationalismus zu bek\u00e4mpfen und die nichtrussischen V\u00f6lker zu integrieren. Diese Politik der \u201eEinwurzelung\u201c (Korenizacija) kehrte Stalin dann wieder durch Russifizierungsma\u00dfnahmen ins Gegenteil. Die Wei\u00dfrussische SSR war davon eher wenig betroffen, da ein eigenes Nationalbewusstsein ohnehin nur rudiment\u00e4r vorhanden war. Im Gegensatz zur Ukrainischen SSR fehlte auch die verheerende Hungerkatastrophe (\u201eHolodomor\u201c), die einen solchen Nationalismus und Separatismus h\u00e4tte befeuern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Als Folge des Hitler-Stalin-Pakts wurde auch der zu Polen geh\u00f6rige Westen des heutigen Wei\u00dfrusslands an die Wei\u00dfrussische Sowjetrepublik angeschlossen, was mit Kollektivierung und atheistischer Politik einherging. Ein weiterer Einschnitt bedeutete die Einf\u00fchrung des Kyrillischen Alphabets und des Russischen. Der deutsche Einmarsch wurde folglich im Westen freudig begr\u00fc\u00dft wie beim ukrainischen Nachbarn auch, allerdings trug nur eine kleine Minderheit das prodeutsche Kollaborationsregime, da die deutschen Besatzer die vom Russentum getrennte umstrittene wei\u00dfrussische Identit\u00e4t propagierten. Die Wei\u00dfrussische Sowjetrepublik entwickelte sich dann auch zu einem der wichtigsten Schlachtfelder des Zweiten Weltkrieges und des antideutschen Partisanenwiderstands \u2013 schon aufgrund der d\u00fcnnbesiedelten Landschaft aus W\u00e4ldern und S\u00fcmpfen. Nach Ende des Kriegs verblieb der ehemals polnische Westen bei Moskau und ein Gro\u00dfteil der Polen wurde umgesiedelt. Von einem West-Ost-Gegensatz wie in der Ukraine kann jedoch keine Rede sein. Es wurden dennoch nach 1945 gezielt Bewohner des Ostens in den angeschlossenen Westen angesiedelt, da der Westen als ideologisch unzuverl\u00e4ssig galt, weil immer noch religi\u00f6s und von einer polnischen Minderheit bewohnt. Die vergr\u00f6\u00dferte Wei\u00dfrussische SSR erhielt neben der Ukrainischen SSR ebenfalls ihren Sitz in der UNO. Auch nach dem Entstalinisierungsprozess und Gorbatschows Reformen blieb das wei\u00dfrussische Identit\u00e4tsstreben Angelegenheit intellektueller Schichten. Antisowjetische Einstellung verbreiteten sich dann auch weniger aus v\u00f6lkisch-nationalen Gr\u00fcnden als vielmehr \u00f6kologischen: wegen Naturzerst\u00f6rung und Tschernobyl. Immerhin war die Wei\u00dfrussische SSR von jener Reaktorkatastrophe besonders schlimm betroffen und eine Fl\u00e4che von 23% des Territoriums verseucht (in der Ukraine 7%), was sich an weit verbreiteten Krankheiten, hoher Sterblichkeitsrate und Umweltproblemen \u00e4u\u00dfert. Inzwischen sind mehrere Zonen nach Grad ihrer Belastung zur Umsiedlung vorgesehen, was unorganisierte Wanderungsbewegungen in illegale wilde Siedlungen ausl\u00f6ste. Bei einer Gesamtbev\u00f6lkerung von 9,5 Mio. sind bis zu 3,2 Mio. B\u00fcrger betroffen. Mehr um dem sozialen Abstieg der UdSSR zu entgehen, schlitterte Minsk in die Unabh\u00e4ngigkeit, was sich als ebensolcher Abstieg erwies. Erst Lukaschenkos Pr\u00e4sidentschaft brachte anfangs Stabilit\u00e4t und relative soziale Sicherheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Rivalisierende Geschichtsinterpretationen und Mythen<\/strong><\/p>\n<p>Die identit\u00e4re und ideologische Spaltung wei\u00dfrussischer Intellektueller zeigt sich in ihrer entgegengesetzten Geschichtsinterpretation, die sich panrussisch, wei\u00dfrussisch-nationalistisch oder liberal-westlich manifestiert.<\/p>\n<p>Die <strong>Panrussen<\/strong> sehen Wei\u00dfrussland als integralen Bestandteil des russl\u00e4ndischen Raums und seiner Geschichte. Die \u201eBelaja Rus\u201c waren folglich nur eine lokale Erscheinung des Kiewer Rus-Verbandes und das heutige Territorium bis zur Heimholung 1795 st\u00e4ndig fremdbesetzt.<\/p>\n<p>Die <strong>Nationalisten dagegen<\/strong> betonen, die \u201eBelaja Rus\u201c waren nicht immer das vernachl\u00e4ssigte Randgebiet im russischen Block, sondern erkennen im polyzentrischen Verband der Rus eine eigene v\u00f6lkisch-territoriale Sonderentwicklung. Man habe zwar gemeinsame Ahnen, ging dann aber getrennte Wege, die zur eignen Ethnogenese f\u00fchrte. Bemerkenswert ist die These einiger Nationalisten, das Gro\u00dff\u00fcrstentum Litauen w\u00e4re wei\u00dfrussisch verfasst gewesen und die authentischen Litauer Slawen, w\u00e4hrend sich baltische St\u00e4mme diesen Namen sp\u00e4ter angeeignet h\u00e4tten. Gebietsanspr\u00fcche sind die logische Folge (\u201eLitwinismus\u201c). Die Nationalisten heben die antisowjetische Tradition des polnischen Westteils (bis 1939) hervor, was ihnen von panrussischen Nationalisten den Vorwurf der Komplizenschaft mit Polen einbringt. Die prodeutsche Kollaboration wird nur von neonationalsozialistischen Sekten instrumentalisiert und sonst ignoriert, weil tabuisiert.<\/p>\n<p>Die <strong>liberal-westliche<\/strong> Geschichtsselektion stellt demgegen\u00fcber den multiethnischen und multikulturellen Charakter der vergangenen wei\u00dfrussischen rudiment\u00e4ren Staatlichkeit heraus, das gilt f\u00fcr die fr\u00fchen F\u00fcrstent\u00fcmer wie f\u00fcr die polnisch-litauische Phase. Besonders gern wird das tolerante Klima gegen\u00fcber den zahlreichen Juden betont, die hier ihre wahre Heimstatt gefunden h\u00e4tten. Diese multikulturelle Eintracht manifestierte sich dann in der fr\u00fchen Sowjetphase, als Wei\u00dfrussisch, Russisch, Polnisch und Jiddisch zu gleichberechtigten Amtssprachen erhoben wurden. Gern wird auf die wei\u00dfrussische Herkunft polonisierter pseudodemokratischer Freiheitsk\u00e4mpfer hingewiesen wie Adam Mickiewitz oder Andrzej Ko\u015bciuszko. Der Mythos der \u201ePartisanen-Republik\u201c in Folge der Ereignisse im Zweiten Weltkrieg wird gleicherma\u00dfen von panrussischen Nationalisten, Kommunisten, Liberalen und Sozialdemokraten kultiviert \u2013 auch Lukaschenko nutzt diese popul\u00e4re Darstellung.<\/p>\n<p>Sowohl Nationalisten wie Liberale betrachten ihr Land als ewiges Opfer fremder Begehrlichkeiten oder als verheertes Durchzugsgebiet: Livl\u00e4ndischer Krieg, Nordischer Krieg, Napoleon, Erster Weltkrieg, Polnisch-Sowjetischer Krieg und Zweiter Weltkrieg. Tats\u00e4chlich waren Zerst\u00f6rung und Bev\u00f6lkerungsverluste hier besonders stark. Ebenso geh\u00f6rt der j\u00e4hrlich stattfindende Tschernobyl-Marsch zur zentralen Identit\u00e4tsbildung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wei\u00dfrusslands ungekl\u00e4rte Flagge und Wappen<\/strong><\/p>\n<p>Der Streit um die Nationalsymbole spiegelt die rivalisierenden Identit\u00e4ten des Landes wider (siehe unten). Seit der Unabh\u00e4ngigkeit bis 1995 galten Flagge (wei\u00df-rot-wei\u00df) und Wappen (\u201ePahonja\u201c: schwertschwingender Ritter auf Pferd) des ersten selbst\u00e4ndigen Wei\u00dfrusslands von 1918 als offizielle Nationalflagge. Sie kn\u00fcpfen an eine mittelalterliche Variante an. Unter der Pr\u00e4sidentschaft Lukaschenkos wurden Flagge und Wappen abgeschafft und durch eine der Wei\u00dfrussischen Sowjetrepublik vergleichbare ersetzt, um sich nicht vollends von Moskau zu entfremden. Speziell das aktuelle Wappen (Symbole des Wohlstands und des Optimismus mit den Landesgrenzen im Hintergrund) erinnern an die k\u00fcnstlichen Nationalsymbole Kosovos, Nordmazedoniens und Bosnien-Herzegowinas. Die Symbolik bis 1995 wurde nicht nur wegen des mangelnden wei\u00dfrussischen Bewusstseins so kampflos aufgegeben, sondern weil sie als Symbole f\u00fcr sozialen Niedergang erschienen, der tats\u00e4chlich 1991 einsetzte. \u201ePahonja\u201c wie die wei\u00df-rot-wei\u00dfe Flagge waren nie im Volk verankert und 1991 ohne gro\u00dfe Inszenierung eingef\u00fchrt worden. Obwohl beide Symbole f\u00fcr nationale Eigenst\u00e4ndigkeit stehen, diskreditieren prorussische Kr\u00e4fte diese als fremden Ursprungs: die Farben seien an Polen orientiert und \u201ePahonja\u201c \u00e4hnelt tats\u00e4chlich dem litauischen Wappen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sprachenstreit<\/strong><\/p>\n<p>Als besonders hinderlich f\u00fcr die Nationalisierung der Wei\u00dfrussen erweist sich die ungekl\u00e4rte Sprachenfrage. Seit 1994 wurde Russisch als weitere Amtssprache eingef\u00fchrt (88,3% der Bev\u00f6lkerung daf\u00fcr), weil Wei\u00dfrussisch nicht praktikabel war. Wei\u00dfrusslands Nationalisten werten das Wei\u00dfrussische auf, indem sie die altostslawische Herkunft und den Umstand betonen, das Wei\u00dfrussische war bis Anfang des 17. Jhs. Kanzleisprache im Gro\u00dff\u00fcrstentum Litauen mit entsprechend hohem sozialen Status. Erst nach der Vereinigung mit Polen 1569 polonisierte sich der heimische Adel und degradierte das Wei\u00dfrussische zur Sprache der Bauern. Erst Ende des 19. Jhs. setzte die unvollst\u00e4ndige Standardisierung der vielf\u00e4ltigen Bauerndialekte ein. Auf Betreiben nationalrussischer Kr\u00e4fte in der Sowjetunion kam es zu einer Orthographiereform, die das Wei\u00dfrussische dem Russischen ann\u00e4hern sollte, weshalb zwei orthographische Varianten miteinander streiten. Wei\u00dfrusslands Nationalisten sind sich uneins, welche Variet\u00e4t ihrer favorisierten Sprache sich durchsetzen soll \u2013 und mit welchen Buchstaben: Kyrillisch oder Latein. Letztere w\u00fcrde die Distanz zu Moskau verst\u00e4rken. Im Alltag wird das fragile Wei\u00dfrussisch nur von 5% gesprochen, auch wenn es von 80% verstanden wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Keine Nationalreligion<\/strong><\/p>\n<p>Im Gegensatz zur Ukraine ist Wei\u00dfrussland religi\u00f6s relativ homogen, allerdings bekennt sich die Mehrheit der Gl\u00e4ubigen zur \u201eWei\u00dfrussisch-Orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchats\u201c, was den Nationalisierungsprozess deutlich erschwert. Im ukrainischen Fall existieren mit der \u201eGriechisch-Katholischen Kirche\u201c (auch \u201eUnierte Kirche\u201c), der \u201eUkrainisch Orthodoxen Kirche Kiewer Patriarchats\u201c und der \u201eUkrainischen Autokephalen Kirche\u201c mehrere Nationalreligionen. Die r\u00f6mische Unierte Kirchenvariante gab es auch in Wei\u00dfrussland zur Zeit der polnisch-litauischen Herrschaft als Folge von Katholizierungsbestrebungen. Die Eroberung durch Moskau im Zuge der Polnischen Teilungen lie\u00df die \u201eUnierte Kirche\u201c nach deren Verbot auf eine Minderheit schrumpfen, w\u00e4hrend der ukrainische Westen bei \u00d6sterreich verblieb, wo sich die religi\u00f6se von Moskau unabh\u00e4ngige Sonderentwicklung erhalten konnte. Folgerichtig wird die Mehrheitskirche auch von Lukaschenko gef\u00f6rdert. Die katholische Minorit\u00e4t ist fast mit der polnischen Volksgruppe identisch und taugt deshalb nicht als Keimzelle einer neuen Nationalreligion. Als \u00fcberraschende Alternative k\u00f6nnen sich jene protestantischen Gemeinden evangelikaler Pr\u00e4gung erweisen, die momentan 5% der Gl\u00e4ubigen ausmachen, aber besonders schnell expandieren. Man findet ihre Anh\u00e4nger \u00fcberproportional unter antirussischen rechtskonservativen Oppositionellen und prowestlichen Intellektuellen. Das Regime behindert deshalb die protestantische Missionierung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wei\u00dfrusslands Identit\u00e4ten<\/strong><\/p>\n<p>Genau wie beim ukrainischen Nachbarn lassen sich drei Hauptidentit\u00e4ten plus Subidentit\u00e4ten ausmachen, doch unterscheiden sich die Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse gegen\u00fcber der Ukraine erheblich:<\/p>\n<p>1) <strong>Panrussen<\/strong>: Diese Wei\u00dfrussen haben nur ein regionales Bewusstsein und f\u00fchlen sich als authentische Russen. Sie streben die Vereinigung mit Russland an. Man kann sie mit den Bayern und gro\u00dfdeutschen \u00d6sterreichern vergleichen.<\/p>\n<p>Verbreitung: das gesamte Land und die Gro\u00dfst\u00e4dte, am schw\u00e4chsten im \u00e4u\u00dfersten Westen<\/p>\n<p>Religion: Wei\u00dfrussisch-Orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchat<\/p>\n<p>Sprache: Russisch<\/p>\n<p>Ideologie: ganz Links bis ganz Rechts<\/p>\n<p>Symbole: russische Nationalsymbole<\/p>\n<p>Staatsbezeichnung: Wei\u00dfrussland mit Betonung auf Russentum<\/p>\n<p>2) <strong>Kulturrussen<\/strong>: Wachsende Gruppe mit dem Bewusstsein, einst Bestandteil des russischen Volkes gewesen zu sein. Wei\u00dfrussisch stellt nur einen Dialekt dar. Sie favorisieren eine enge wirtschaftliche und kulturelle Bindung an Russland. Der slawophile Teil sympathisiert mit der staatlichen Vereinigung, wenn das materiellen Vorteil bringt. Der nationalistische Teil stellt die Eigenstaatlichkeit dagegen nicht in Frage. Man kann sie mit den deutschnationalen \u00d6sterreichern vergleichen.<\/p>\n<p>Verbreitung: alle Regionen ohne die Gro\u00dfst\u00e4dte<\/p>\n<p>Religion: Wei\u00dfrussisch-Orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchat<\/p>\n<p>Sprache: Russisch<\/p>\n<p>Ideologie: von ganz Links bis gem\u00e4\u00dfigt Rechts<\/p>\n<p>Symbole: russische Nationalsymbole oder wei\u00df-rot-wei\u00dfe Farben mit Pahonia oder Lukaschenkos Symbole<\/p>\n<p>Staatsbezeichnung: Wei\u00dfrussland oder Belarus mit Betonung \u201eWei\u00df\u201c zur Unterscheidung<\/p>\n<p>3) <strong>Nationalwei\u00dfrussen<\/strong>: Bestreiten jegliche Verbindung mit den Russen, sehen diese als asiatisch-rassisch verf\u00e4lscht und sich als reine Nachkommen der Altrussen.<\/p>\n<p>Verbreitung: Westen und die Gro\u00dfst\u00e4dte<\/p>\n<p>Religion: Katholizismus, Protestantische Kirchen, \u201eUnierte Kirche\u201c<\/p>\n<p>Sprache: Wei\u00dfrussisch<\/p>\n<p>Eine Untergruppe sieht sich als rein germanisch an, das f\u00fchren sie auf die War\u00e4ger und die antiken Skythen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ideologie: von gem\u00e4\u00dfigt Links bis ganz Rechts<\/p>\n<p>Symbole: wei\u00df-rot-wei\u00dfe Farben mit Pahonia<\/p>\n<p>Staatsbezeichnung: Belarus mit Betonung der war\u00e4gischen Rus<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese drei Identit\u00e4ten stehen sich unvers\u00f6hnlich gegen\u00fcber. Kommt es zur Polarisierung zwischen Eigenstaatlichkeit oder Vereinigung mit Russland bzw. Westorientierung und Bruch mit Russland, muss es zu folgender Frontstellung kommen: <strong>Nationalwei\u00dfrussen<\/strong> und nationale <strong>Kulturrussen<\/strong> gegen <strong>Panrussen<\/strong> und slawophile <strong>Kulturrussen<\/strong>. Das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis h\u00e4ngt von materiellen Vorteilen und attraktivem Moskauer Staatsideal ab. Sollte die EU als vermeintlicher Hort des Wohlstandes an Prestige einb\u00fc\u00dfen, kann Putins \u201eEurasische Wirtschaftsunion\u201c den Ausschlag f\u00fcr einen Gesinnungswandel der Kulturrussen bringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Lukaschenko<\/strong><\/p>\n<p>Der autorit\u00e4re Pr\u00e4sident Lukaschenko vollzieht einen identit\u00e4ren Drahtseilakt: Bis Ende der 1990er folgte er einer panrussischen bis slawophil-kulturrussischen Orientierung, danach einer eigenstaatlich-kulturrussischen. Die nationalwei\u00dfrussische bleibt sein Hauptfeind. Au\u00dfenpolitisch korreliert dies mit N\u00e4he und Distanz zu Moskau ohne jemals pro EU und pro NATO gewesen zu sein. Seinem System fehlt eine integrierende Ideologie und Symbolik, wird jedoch durch moralischen Konservatismus, nichtethnischen Territorial-Patriotismus und relativen Wohlstand erhalten. Lukaschenko erinnert an lateinamerikanische Caudillos und das personalistische Regime Zentralasiens. Seine Nachfolge ist ungesichert. Sein Schlingerkurs gegen\u00fcber Moskau spiegelt sich im nationalen Einheitsstreben mit Russland und der Ukraine auf staatssozialistischer Grundlage wider (fr\u00fche 1990er), das von einer vor\u00fcbergehenden Zollunion und dem Unionsvertrag von 1995 ihren H\u00f6hepunkt erreichte. Seit der Jahrtausendwende orientiert sich der Pr\u00e4sident verst\u00e4rkt an China und einzelnen westlichen Staaten. Seitdem stellt er die nationale Eigenstaatlichkeit nicht mehr in Frage, was sich an der Ablehnung der russischen Annexion der Krim und der Nichtanerkennung prorussischer Staaten wie Abchasien und S\u00fcdossetien (beide nominell georgische Territorien) \u00e4u\u00dfert. Zur Forcierung seiner gelegentlichen Westorientierung (speziell nach Italien) f\u00f6rdert er die Katholische Kirche, die er gesetzlich sch\u00fctzt und als traditionelle einheimische Konfession anerkennt. H\u00f6hepunkt war das Treffen mit dem Papst 2009. Ein weiterer Grund seiner prokatholischen Haltung ist im Nationalisierungsstreben des heimischen Katholizismus zu suchen, um die polnisch-nationalistische Dominanz zu brechen. Eine Ann\u00e4herung an NATO, EU und USA l\u00e4sst sich bisher nicht feststellen, im Gegenteil: Das in Europa isolierte Regime unterh\u00e4lt herzliche Kontakte zu betont US-feindlichen Staaten wie Iran, Kuba oder Venezuela. Im Gegensatz zu vergleichbaren Regimes in Zentralasien oder auch Putin-Russland existiert keine privilegierte Systempartei. Eine \u201ePatriotische Partei\u201c und die sehr heterogene Partei \u201eBelaja Rus\u201c bekennen sich zu Lukaschenko genauso wie die \u201eRepublikanische Jugendunion\u201c. Als von oben gesteuerte Organisationen kann man sie kaum bezeichnen, f\u00fchren sie doch ein ideologisch unberechenbares Eigenleben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Faktor Milit\u00e4r<\/strong><\/p>\n<p>Das Milit\u00e4r geh\u00f6rte zu den wichtigsten S\u00e4ulen des Regimes, spaltete sich jedoch seit den 2000ern zunehmend auf in prorussisch und von Moskau emanzipiert ohne pro NATO und pro EU zu werden. Das geht mit einer eigenen von Moskau unabh\u00e4ngigen Offiziersausbildung und dem eher m\u00e4\u00dfigen Aufbau einer eigenen R\u00fcstungsindustrie einher. F\u00fchrende Milit\u00e4rs ver\u00fcbeln Putin mangelndes Interesse an eine m\u00f6gliche Vereinigung und Wei\u00dfrusslands milit\u00e4rstrategische Reduzierung zur blo\u00dfen Luftraumverteidigung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Faktor Minderheiten<\/strong><\/p>\n<p>Wichtigste und gr\u00f6\u00dfte ethnische Minderheit sind die <strong>Russen<\/strong>, deren Anteil kontinuierlich sinkt. Das hat vorl\u00e4ufig noch reine sozio\u00f6konomische Gr\u00fcnde und keine politischen. Diese Russen sind nicht mit den Wei\u00dfrussen zu verwechseln, die sich ebenfalls als Russen definieren. Au\u00dferdem stellen sie nicht automatisch eine St\u00fctze Lukaschenkos dar, da dessen Schlingerkurs gegen\u00fcber Moskau abschreckt. Vielmehr schwelgen sie mehrheitlich in Sowjet-Nostalgie.<\/p>\n<p>Die kompakt siedelnde <strong>polnische<\/strong> <strong>Minderheit<\/strong> im Westen, wo sie lokal die relative Mehrheit stellt, steht klar in Opposition zum Regime. Auch deren Anteil sinkt kontinuierlich aus sozio\u00f6konomischen und politischen Gr\u00fcnden. Die Lobbyorganisation \u201eUnion der Polen Wei\u00dfrusslands\u201c wird gro\u00dfz\u00fcgig von Warschau finanziert und propagiert neben Kulturautonomie auch eine vom Russentum unabh\u00e4ngige wei\u00dfrussische Identit\u00e4t mit eigener Sprache, schon damit Polnisch zur effizienteren Verkehrssprache erhoben wird. Die Polen sind mehrheitlich nationalkonservativ-katholisch orientiert.<\/p>\n<p>Das <strong>Judentum<\/strong> als ehemals starke Minderheit (1900 13,8%) und st\u00e4dtisches Ph\u00e4nomen (1900: Minsk 51% Juden bei nur 9% Wei\u00dfrussen) mit herausragenden Exponenten (Chaim Weizmann, Shimon Peres, Marc Chagall) spielt nach den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges, antizionistischer Kampagne der Sowjet\u00e4ra und massiver Abwanderung keine Rolle mehr. Lukaschenko bem\u00fcht sich um die kleinen Reste, um die Diaspora-Juden g\u00fcnstig zu stimmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Welche Konfliktebenen gibt es?<\/strong><\/p>\n<p>Die Frontstellung Opposition versus Lukaschenko-Regime korreliert eben nicht mit wei\u00dfrussischer Eigenstaatlichkeit oder N\u00e4he zu Russland, nicht mit Markt- oder Staatswirtschaft und auch nicht mit West- oder Ostorientierung. All diese Konfliktlinien existieren seit den 2000ern in beiden Lagern. Aber nicht nur Lukaschenkos Positionen haben sich gewandelt, auch die Opposition wandelte sich: Die national-demokratische prowestliche Dominanz wurde durch eine linksliberale Offensive ersetzt, die ein gegendertes anationales Wei\u00dfrussland anstrebt, das sich offen f\u00fcr Einwanderung zeigt. Selbstredend erfreuen sich solche Aktivisten gro\u00dfer Unterst\u00fctzung aus dem Soros-Lager. Eine bescheidene national-radikale antirussische Str\u00f6mung (vergleichbar den ukrainischen Ultras) und eine eurasische pro Putin-Str\u00f6mung vervollst\u00e4ndigt die heterogene Opposition. Einzige oppositionelle Kontinuit\u00e4t stellt die sehr aktive polnische Minderheit dar. Polnische Minderheit und Nationalradikale sehen sich aber naturgem\u00e4\u00df als Feinde. Ein Kuriosum bildet eine lautstarke katholisch-monarchistische Str\u00f6mung, die sich an jenem Gro\u00dff\u00fcrstentum Litauen orientiert. Von einer geeinten wirkungsm\u00e4chtigen Opposition kann also keine Rede sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ausblick<\/strong><\/p>\n<p>Aufgrund der m\u00e4\u00dfigen ideologischen Legitimierung Lukaschenkos und seines Personalismus wird das System in dieser Form nicht \u00fcberleben. Wichtigste St\u00fctzen sind Milit\u00e4r, Staatswirtschaft und Staatsverwaltung, doch gerade die Sicherheitskr\u00e4fte sind f\u00fcr eine Radikalisierung nach Rechts offen \u2013 egal ob russisch oder nationalwei\u00dfrussisch. Eine politische Demokratisierung wird mit drastischen Wirtschaftsreformen einhergehen, die zu neuen sozialen Verwerfungen f\u00fchren und Lukaschenko-oder Sowjet-Nostalgie wecken m\u00fcssen. Momentan lebt die Minsker Republik von ihrer Funktion als Puffer und Drehscheibe, die externe Akteure noch dulden. Wei\u00dfrussland \u00fcberlebt also nicht aus eigener St\u00e4rke, sondern weil man es momentan braucht. Eine Wiedervereinigung mit einem regenerierten Russland ist genauso wahrscheinlich wie die Integration eines von au\u00dfen abgespaltenen westlichen Wei\u00dfrusslands in einen osteurop\u00e4ischen Gro\u00dfraum \u00e0 la Intermarium.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im folgenden Text befasst sich unser Kollege und Autor, Dominik Schwarzenberger, mit den derzeitigen Spannungen an der NATO-Ostgrenze. Sowohl die Geschehnisse in Wei\u00dfrussland, als auch an der russisch-ukrainischen Grenze beleuchtet er aus geostrategischer und identit\u00e4tspolitischer Sicht. 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