{"id":8003,"date":"2021-07-30T08:47:42","date_gmt":"2021-07-30T06:47:42","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=8003"},"modified":"2021-07-30T09:52:46","modified_gmt":"2021-07-30T07:52:46","slug":"das-grosse-china-interview-mit-dominik-schwarzenberger-iii-das-ende-der-weltordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/das-grosse-china-interview-mit-dominik-schwarzenberger-iii-das-ende-der-weltordnung\/","title":{"rendered":"Das gro\u00dfe China-Interview mit Dominik Schwarzenberger III: Das Ende der Weltordnung?"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Dominik Schwarzenberger<\/strong> ist Historiker und Politikwissenschaftler. Er forscht auf den Gebieten der Ethnologie, Religionswissenschaft und zu allgemeinen Identit\u00e4tsfragen, was ihn zu einem ausgewiesenen Analysten zu geopolitischen Aspekten macht. Aufgrund seiner diversifizierten Studienausrichtungen ber\u00e4t er zudem internationale Denkfabriken. Seine Analysen wurden in zahlreichen Magazinen und Zeitschriften, so z.B. Neue Ordnung, Hier &amp; Jetzt und <a href=\"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/shop\/agora-europa\/agora-europa-the-great-reset\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AGORA EUROPA<\/a>, ver\u00f6ffentlicht. Des Weiteren erschienen mehrere Ver\u00f6ffentlichungen im Jungen Forum. Zu seinen Buchver\u00f6ffentlichen geh\u00f6ren \u201ePaneuropa und totaler Mensch. Das politische Denken Richard Coudenhove-Kalergis\u201c (Archiv der Zeit 2008) sowie \u201eTerra Incognita \u2013 Das andere Amerika. Identit\u00e4re Str\u00f6mungen und Bestrebungen in Lateinamerika\u201c (Regin 2009) zusammen mit Wolfgang Bendel.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Nachfolgend ver\u00f6ffentlichen wir ein Gespr\u00e4ch zwischen ihm und <strong>Peter Steinborn<\/strong>. Das Gespr\u00e4ch ist in drei Teile untergliedert. Hier erfolgt die Ver\u00f6ffentlichung des <strong>Teil III<\/strong>. Hier geht es zum <a href=\"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/das-grosse-china-interview-mit-dominik-schwarzenberger-i-die-ueberschaetze-supermacht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Teil I \u201eDie \u00fcbersch\u00e4tzte Supermacht?\u201c<\/a>. Hier geht es zum <a href=\"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/das-grosse-china-interview-mit-dominik-schwarzenberger-ii-ich-sehe-ueberall-aufloesungserscheinungen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Teil II &#8222;&#8218;Ich sehe \u00fcberall Aufl\u00f6sungserscheinungen'&#8220;<\/a> Die Redaktion<\/em><\/p>\n<p><strong>P.S.: Die Neue Seidenstra\u00dfe ist das gigantischste Projekt des Jahrhunderts, wenn nicht gar des Jahrtausends. Sollte China hierbei Erfolg haben, d\u00fcrfte seine wirtschaftliche Vorreiterrolle kaum in Frage gestellt werden k\u00f6nnen. Gem\u00e4\u00df der Heartland Theory (Mackinder) w\u00fcrde China damit die Welt beherrschen. Wieso machen bei diesem Projekt so viele L\u00e4nder mit, die eigentlich auch in Konkurrenz mit der Regionalmacht China stehen? Z.B. unterst\u00fctzt Russland dieses Projekt, obwohl der Erfolg den Chinesen zur Supermacht verhelfen k\u00f6nnte. Wirkt sich das geopolitisch nicht kontraproduktiv f\u00fcr Russland aus oder hat Putin schon gar keine andere Wahl mehr?<\/strong><\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> An die Neue Seidenstra\u00dfe glaube ich nicht. Peking strebt dieses Projekt deshalb an, weil es von fragilen Handelsrouten zur See umgeben ist. Die interessierten Teilnehmerstaaten haben einfach zu gro\u00dfe Erwartungen. Es kann unm\u00f6glich nur Gewinner geben. An eine Umsetzung glaube ich deshalb nicht, weil solche Staaten untereinander rivalisieren, wankelm\u00fctig und labil sind. Einige Beispiele: Peking hegt Begehrlichkeiten in Sibirien, Zentralasiens und der Mongolei, Russland wird zum Juniorpartner und Rohstofflieferanten reduziert. Trotz milit\u00e4rischer Kooperation mit Moskau mausert sich China zum von Moskau unabh\u00e4ngigen R\u00fcstungsproduzenten. Dann haben wir die v\u00f6llig unberechenbaren R\u00e4ume Zentralasien und Balkan, die ethnisch und religi\u00f6s vor B\u00fcrgerkriegen bzw. zwischenstaatlichen Kriegen stehen und eine schwankende Au\u00dfenpolitik betreiben.<\/p>\n<p>Momentan engagiert sich Peking in Afrika, wo es vom Westen besonders gef\u00fcrchtet wurde. Inzwischen stellt sich Ern\u00fcchterung ein: Afrika entwickelt sich zum Fass ohne Boden, nach Vorschusslorbeeren f\u00fcr das kolonial unbelastete politisch unaufdringliche China erleben wir eine Welle antichinesischer Ressentiments. Das kommt vom offenen chinesischen Rassismus, Ausbeutung der Einheimischen, die nicht ansatzweise human erfolgt und der zunehmenden Einwanderung chinesischer Vertragsarbeiter, die mit ihrem m\u00e4\u00dfigen Lohn gro\u00dfz\u00fcgig in Afrika leben k\u00f6nnen. Afrika sieht sich wieder einmal zum Rohstofflieferanten degradiert \u2013 und als Absatzgebiet f\u00fcr chinesischen Ramsch und Billigtextilien, die einheimische Textilmanufakturen verdr\u00e4ngen. Eine Niederlage musste das \u201eReich der Mitte\u201c auch schon hinnehmen: 2011 wurde der Failed State S\u00fcdsudan unabh\u00e4ngig. Die Chinesen paktierten mit dem vormals geeinten Sudan, einem sogenannten Schurkenstaat, der im S\u00fcden \u00fcber wertvolle \u00d6lreserven verf\u00fcgte. Bisher war es afrikanische wie westliche Doktrin, keine neuen Staaten in Afrika anzuerkennen, um keine Pr\u00e4zedenzf\u00e4lle zu schaffen. Unter Washingtons Druck wurde der zweifelhafte Staat S\u00fcdsudan dann doch in die Unabh\u00e4ngigkeit entlassen, offiziell nat\u00fcrlich um den grausamen Sezessionskrieg zu beenden, in Wirklichkeit um Peking vom \u00d6l fernzuhalten.<\/p>\n<p>Die Neue Seidenstra\u00dfe bleibt Utopie und scheitert letztlich an der Heterogenit\u00e4t der Teilnehmerstaaten \u2013 genau wie die ersehnte alternative Entwicklungsbank der BRICS-Staaten.<\/p>\n<p><strong>P.S.: In einem fr\u00fcheren Gespr\u00e4ch erw\u00e4hnten Sie einmal, dass China nun das durchmachen w\u00fcrde, was der Westen schon hinter sich h\u00e4tte und dass das mit vielen Verwerfungen gekoppelt sei. K\u00f6nnen Sie uns das einmal n\u00e4her erl\u00e4utern?<\/strong><\/p>\n<p>D.S.: Zu Beginn unseres Gespr\u00e4chs sagte ich, China habe seine Seele verloren, das Alte China existiert nur noch in Nischen. Nicht nur China, sondern alle Kontinente durchleben in unterschiedlicher Intensit\u00e4t das im Zeitraffer, was Europa und die wei\u00dfen Kolonien in 200 Jahren ersch\u00fctterte: einen fundamentalen sozio\u00f6konomischen Wandel. In Vortr\u00e4gen wie Artikeln beschrieb ich mehrfach diesen globalen Trend, von dem es keine Ausnahmen gibt. Dazu z\u00e4hlen Geburtenr\u00fcckgang, auch wenn das Bev\u00f6lkerungswachstum noch weitergehen kann, \u00dcberalterung, Landflucht und Urbanisierung, S\u00e4kularisierung, Ersch\u00fctterung identit\u00e4rer Gewissheiten und traditioneller Werte, Individualisierung, ein Pluralismus an Lebensstilen usw. Aufgrund der Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse und des Tempos wirken sich solche Erosionen auf anderen Kontinenten viel st\u00e4rker aus. Unsere eurozentrische Sicht verf\u00e4lscht diese Entwicklung: Wir vergleichen uns mit anderen Kontinenten, stattdessen sollten wir die heutigen L\u00e4nder China, Kongo, Gr\u00f6nland mit denen von 1950, 1900 usw. vergleichen. In Chinas Megast\u00e4dten findet ein Kulturkampf statt, auch dort gibt es Emanzipationsstreben sexueller Sondergruppen, Feminismus oder Forderungen nach Genderisierung oder werden wenigstens diskutiert.<\/p>\n<p>Der liberal-kapitalistische Westen hat die Menschheit geistig erobert, aber die Gegenkr\u00e4fte erstarken ebenso. Aufgrund dieser Polarisierung, begrenzter Ressourcen und \u00dcberbev\u00f6lkerung stehen noch unsere europ\u00e4ischen Bruderkriege aus \u2013 die Selbstzerfleischung Asiens, Lateinamerikas und Afrikas. Ich erwarte weniger zwischenstaatliche Konflikte als B\u00fcrgerkriege. So manche Rechnungen sind nicht beglichen.<\/p>\n<p>Was speziell die Volksrepublik angeht, so erwarte ich ein \u00e4hnliches Szenario wie zwischen 1911, dem Revolutionsjahr, und 1949, dem Sieg Maos. Diese Zeit war von regionalen B\u00fcrgerkriegen zwischen Kommunisten und Nationalisten gepr\u00e4gt, erfolgreichen Sezessionsbestrebungen einzelner Regionen und Ethnien sowie regionalen Kriegsherren. Bemerkenswert waren zwei Ph\u00e4nomene: Die junge Republik bestand noch als Rahmen mit eigener W\u00e4hrung, diplomatischen Au\u00dfenvertretungen usw. fort, w\u00e4hrend im Inneren alles im Umbruch war. Bei einem solchen Riesenstaat waren nat\u00fcrlich auch ganze Landstriche nicht von B\u00fcrgerkrieg und Chaos betroffen und so manche Region wurde unfreiwillig in die Autonomie getrieben. Immer wenn ein regionales Machtvakuum auftrat f\u00fcllte sich dieses mit lokalen unpolitischen Kriegsherren und Gro\u00dfgrundbesitzern, die die seltsamsten Allianzen eingingen. Das Riesenreich implodierte also r\u00e4umlich wie zeitlich sehr unterschiedlich und Phasenweise, was im kleinr\u00e4umigen \u00fcberschaubaren Europa so nicht passiert w\u00e4re. Das zweite Ph\u00e4nomen besteht in der regional sehr unterschiedlichen Penetrierung durch Japan, Sowjetunion und Gro\u00dfbritannien, die separatistische Bestrebungen unterst\u00fctzten. Japan h\u00e4tte mit mehr Zeit mehrere Marionetten-Staaten \u00e0 la Mandschukuo schaffen k\u00f6nnen. \u00dcbrigens waren solche Szenarien in Chinas Geschichte die Regel und mit Maos Sieg keinesfalls beendet. Gerade Maos irrsinnige Programme \u201eGro\u00dfer Sprung nach vorn\u201c und \u201eKulturrevolution\u201c bargen B\u00fcrgerkriegspotenzial, phasenweise entglitt Peking das Ruder.<\/p>\n<p><strong>P.S.: Sie sind ja ein richtiger Untergangsprophet!<\/strong><\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Ja, ich kann es nicht leugnen. Meine Theorie des Mangels zwingen mich dazu. Es ist kein Wunschdenken, denn antichinesische Ressentiments einer \u201eGelben Gefahr\u201c sind mir fremd. Allerdings gibt es keinen Tag X, an dem alles im Chaos und Krieg versinkt, sondern verschiedene Phasen wechseln sich ab.<\/p>\n<p><strong>P.S.: China existiert als Zivilisation seit Jahrtausenden. Hier kann tats\u00e4chlich von einem Reich gesprochen werden. Die Europ\u00e4er dachten \u00fcber Jahrhunderte der Nabel der Welt zu sein. Auch heute noch verlieren die Europ\u00e4er sich in ihrem \u201eFlickenteppich\u201c der eurasischen Halbinsel. Wenn, dann scheint der Blick nur gen Westen zu reichen. Hat Europa hier eine Entwicklung verschlafen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Schwierig zu urteilen. Als Ethnopluralist sehe ich die Erde mit ihrer v\u00f6lkischen und kulturellen Vielfalt als Ganzheit, daher ist f\u00fcr mich ALLES erhaltenswert. Die europ\u00e4ischen Staaten sollten sich um einen Ausgleich zwischen Eigenem und Fremden, in jedem Fall aber Achtung gegen\u00fcber anderen, bem\u00fchen. Isolation wie blinde Nachahmung sind Gift. Die chinesische Zivilisation war schon alt, als das antike Griechenland noch jung war. Demut schadet nicht. Schwer wiegt das Narrativ \u201eGelbe Gefahr\u201c und \u201eMongolensturm\u201c. Asien war und ist immer noch gleicherma\u00dfen spirituelle Verhei\u00dfung und Nemesis, dabei war Europa auch immer eine Gefahr f\u00fcr andere \u2013 und f\u00fcr sich selbst. Einige europ\u00e4ische L\u00e4nder und V\u00f6lker litten lange an einer Hybris, das kann nie gut enden. Zwei unn\u00f6tige Bruderkriege waren die logische Folge. Diese Schw\u00e4chung nutzten die eurasischen Russen, US-Amerikaner und die antikolonialen Bewegungen anderer Kontinente. Alles hausgemacht. Nach 1900 gab es unter einigen westeurop\u00e4ischen Intellektuellen sogar die Erkenntnis, unser S\u00e4kularismus und Materialismus zerst\u00f6re das menschliche Leben. Sehr gut! Aber diese Intellektuellen orientierten sich dann kritiklos nach China, Indien und manchmal auch am Islam. Das war das andere Extrem, wenn auch sympathischer. Wir Europ\u00e4er m\u00fcssen lernen, unsere eigenen geistigen Quellen freizulegen, denn man kann sich immer nur selbst helfen. Dann werden wir merken, dass das attraktive traditionale asiatische Denken in nur anderer Form unserem urspr\u00fcnglichen doch recht \u00e4hnlich ist.<\/p>\n<p>Wir sollten China, Indien und auch die USA gleicherma\u00dfen beachten und uns keinesfalls ein Feindbild China oder Islam einreden lassen. China als neuer Hegemon ist eine Sackgasse, es hat in dieser Form keine Zukunft. Unser Feindbild m\u00fcssen die angeblich \u201eWestlichen Werte\u201c sein, denen es global gemeinsam zu widerstehen gilt. Der antiwei\u00dfe Rassismus unserer Tage speist sich eben auch aus dem Umstand, Europa habe die Seelen seiner kolonialisierten V\u00f6lker vergiftet, die sich aber auch manchmal ganz gern vergiften lie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>P.S.: Wo sehen Sie Europa in den n\u00e4chsten 20 Jahren?<\/strong><\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Zeitlich kann ich keine Prognosen abgeben. Ich sehe zun\u00e4chst ein demographisch, wirtschaftlich und machtpolitisch arg geschw\u00e4chtes Europa. Die EU hat keine Zukunft. Ich erwarte dagegen ein aus schweren Krisen und K\u00e4mpfen regenerierendes Europa. Ohne Karfreitag keine Auferstehung! F\u00fcr sehr wahrscheinlich halte ich ein Europa der R\u00e4ume, denn die momentane Staatenwelt ist den globalen Herausforderungen nicht gewachsen und ein vereintes Europa ist noch nicht reif.<\/p>\n<p><strong>P.S.: Sollte sich Europa mehr gen Osten orientieren? Ist China ein \u201ebesserer\u201c Leviathan f\u00fcr uns als die USA?<\/strong><\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Diese Frage stellt sich nicht, da die momentanen Systeme Westeuropas betont antichinesisch ausgerichtet sind. F\u00fcr manche Staaten Osteuropas und Balkans kann das jetzt durchaus sinnvoll sein. Da ich wie schon gesagt allenfalls einen tempor\u00e4r begrenzten chinesischen Hegemon erwarte, gibt es langfristig diese Option gar nicht. China w\u00e4re insofern ertr\u00e4glicher, als dass es noch keinen Ideologieexport betreibt und sich nicht in innere Angelegenheiten einmischt.<\/p>\n<p><strong>P.S.: Das Corona-Virus beherrscht seit nun mehr fast einem Jahr die \u00d6ffentlichkeit und offenbar auch das komplette Leben von uns allen. W\u00e4hrend die gesamte Welt im Lockdown ist, mit allen negativen Folgen, die sich daraus ergeben, haben die Chinesen das Virus, die Ausbreitung sowie seine Folgen weitestgehend in den Griff bekommen. Die chinesische Statistikbeh\u00f6rde berichtete erst k\u00fcrzlich, dass China wohl als eines der wenigen gro\u00dfen Volkswirtschaften gewachsen ist. Man rechnet hier f\u00fcr 2020 mit einem Plus von ca. 2 Prozent. Zwar sind die Zahlen aus China immer mit Vorsicht zu genie\u00dfen, aber insgesamt wirkt das Reich der Mitte als w\u00e4re es l\u00e4ngst \u00fcber dem Berg, w\u00e4hrend uns der gro\u00dfe Anstieg (oder besser der gewaltige Einbruch) noch bevorsteht. Hat der Zentralismus hier \u00fcber die dezentral gesteuerten liberalen Demokratien gesiegt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Wie Sie selber eingestehen, solche Zahlen sind mit Vorsicht zu genie\u00dfen. Sollte das Virus so sein, wie es uns die heimische Propaganda predigt, kann China bei solchen Menschenmassen und Ballungsr\u00e4umen nicht \u00fcber dem Berg sein. Dar\u00fcber kann ich momentan nicht urteilen.<\/p>\n<p>Das Problem Westeuropas liegt in der Planlosigkeit und Arroganz der Herrschenden, nicht im Dezentralen. Schon Frankreich muss sich nicht mit profilneurotischen Ministerpr\u00e4sidenten rum\u00e4rgern.<\/p>\n<p>Zu China: Das Land ist theoretisch so zentralistisch, dass es praktisch dezentral \u2013 ja, sogar f\u00f6deralistisch arbeitet. Warum? Bei Staaten kontinentalen Ausma\u00dfes wie China, Russland, Indien, USA oder Brasilien muss jeder Zentralismus scheitern. Die geographischen und demographischen Ausma\u00dfe sind einfach zu gigantisch. Im Falle Pekings wurden die Kommunikationswege der Kaiserzeit \u00fcbernommen. Von der Regierung bis hinunter auf die unterste Verwaltungsebene. Dieser extreme Zentralismus verkehrt sich aber ins Gegenteil, weil niemand die Wirksamkeit dieser Kan\u00e4le \u00fcberpr\u00fcfen kann. Es fehlen die f\u00fcr uns typischen Kommunikationswege zwischen gleichen Ebenen. Gerade das machte den Hitler-Staat so effektiv wie effizient, mehrere Vertreter der gleichen Ebene wurden mit den gleichen Aufgaben betraut und wetteiferten untereinander. In China ist die Regierung vom Wohlwollen der Regionen und Provinzen abh\u00e4ngig. \u201eDie Berge sind hoch und der Kaiser ist weit.\u201c Ich erinnere an meine vorigen Ausf\u00fchrungen zu den widerspenstigen Regionen.<\/p>\n<p><strong>P.S.: Europa galt bisher immer als der Hort des faustischen Menschen, der nach immer mehr Wissen und Macht strebt. Nun scheinen diese Zeiten weitestgehend der Vergangenheit anzugeh\u00f6ren und China nimmt diesen Platz ein. W\u00fcrden Sie diese Entwicklung als Faustisch bezeichnen? Und wenn ja, wie kam es dazu, dass diese eigentlich einmal als konservativ sowie zur\u00fcckhaltend geltende Kultur eine solche Transformation durchmachte?<\/strong><\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Zun\u00e4chst: Europa und auch Nordamerika sind immer noch faustisch und missionarisch, heute hei\u00dft ihre Heilsbotschaft Transhumanismus \u2013 eine gottesl\u00e4sterliche Hybris.<\/p>\n<p>Ja, ich sehe China inzwischen als faustisch an. Die Veranlagung dazu lag im praktischen und diesseitigen Charakter von Konfuzianismus, Taoismus und sinisiertem Volksbuddhismus. \u00dcber Jahrtausende dominierte allerdings eine fatalistische Haltung, wie wir sie zeitweise in den christlich-orthodoxen L\u00e4ndern Osteuropas und Balkans finden: Erfindungen wurden zuf\u00e4llig gemacht und nicht weiterentwickelt oder blieben unter Verwahrung. Ein Beispiel mag das Schwarzpulver sein: es diente kultischen Zwecken, nicht als Sprengstoff f\u00fcr Krieg und Bergbau, obwohl man dessen Wirkung wohl kannte. Erstens war das konfuzianische China pazifistisch und zweitens wolle niemand so brachial in die Berge einbrechen. Denn dort lebten Geister und Berge geh\u00f6ren zum Weltganzen wie der Mensch selbst. Das hat sich ja grundlegend ge\u00e4ndert. Das Raumfahrtprogramm zeugt davon.<\/p>\n<p>Die Wende zum Faustischen erkenne ich in jenen Intellektuellen des sp\u00e4ten 19. Jh., die die Lehre Darwins gesellschaftlich interpretierten. Gerade der Darwinismus bot die Erkl\u00e4rung f\u00fcr Chinas R\u00fcckst\u00e4ndigkeit und Schw\u00e4che. Die urspr\u00fcnglich von Studenten getragene \u201eBewegung des 4. Juni\u201c von 1919 gegen den Versailler Vertrag beinhalteten Forderungen, \u201eWestliche Werte\u201c einzuf\u00fchren und den verkrusteten Konfuzianismus zu zertr\u00fcmmern. Mao \u00fcbernahm die sehr einseitig ausgelegte Lehre Darwins: Alles ist Kampf: die Geschichte Klassenkampf, Technisierung ist Kampf gegen Naturgewalten usw. Daher auch der Experimentiercharakter seiner Politik. Zudem kommt noch der Glaube an die Formbarkeit des Menschen mit dem unvermeidlichen \u201eNeuen Menschen\u201c. Letzterer wohnt allerdings in milder Form auch dem Konfuzianismus inne.<\/p>\n<p><strong>P.S.: In den Ballungsgebieten des ostasiatischen Landes gibt es mittlerweile Zust\u00e4nde, die dem dystopischen Roman von Goerge Orwell h\u00e4tten als Vorlage dienen k\u00f6nnen: Ein Sozialpunktesystem, regelm\u00e4\u00dfige Gesichtsscans z.B., wenn man eine Mobilfunknummer haben will und kaum ein Ort, an dem man unbeobachtet vom Staat agieren kann. Schauen wir uns die Freiheitseinschr\u00e4nkungen in der westlichen Welt wegen Corona an: Bekommen wir chinesische Verh\u00e4ltnisse? Wie beobachten Sie diese Entwicklung? Lassen sich solche gravierenden Einschr\u00e4nkungen in einem Land durchsetzen, das bis vor Kurzem noch auf dem gesellschaftlichen Narrativ der freiheitlichen Demokratie basierte?<\/strong><\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Solche Ma\u00dfnahmen zur totalen \u00dcberwachung und Erfassung sind in der Tat zwar erschreckend, doch sehe ich sie noch gelassen. In Europa und besonders Deutschland werden sie die V\u00f6lker viel mehr plagen als in China. Das liegt an den Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnissen von Raum und Bev\u00f6lkerung. Ob das immer schlampiger agierende Deutschland das \u00fcberhaupt hinbekommt bleibt offen. Man denke nur an den Flughafen Berlin-Brandenburg und \u00e4hnliches Versagen.<\/p>\n<p>Schauen wir nach China, da gibt es relativierende Aspekte, die auch auf uns zutreffen bzw. zutreffen werden. Das Sozialkreditsystem existiert momentan auf einem niedrigen Niveau und nur in den Ballungsgebieten. Es funktioniert nur in Wohlstandszeiten und des sozialen Friedens, da gibt es nur wenige offen auftretende Nonkonformisten und w\u00e4re somit gar nicht n\u00f6tig. Sobald die schon aufgez\u00e4hlten sozio\u00f6konomischen Aufl\u00f6sungsprozesse zunehmen, steigt deren Zahl. Wer soll all die Menschen erfassen? Wer soll die Daten auswerten? Wie soll schnell reagiert werden? Werden die Ursachen f\u00fcr die Mangelerscheinungen nicht gel\u00f6st, w\u00e4chst und erneuert sich das Herr der sich zwangsl\u00e4ufig radikalisierenden Unzufriedenen. Keine Repression kann das stoppen. Ich erinnere an die erw\u00e4hnten j\u00e4hrlichen 90000 noch regional begrenzten Massenproteste, die meist mit Geld befriedet werden. Ich erinnere an meine Ausf\u00fchrungen zum zentralistischen Schlendrian, an die zunehmend regionalistische, ideologische und personalistische Fraktionierung von Partei und Verwaltung, der wachsenden sozialen Desintegration, Korruption und Cliquenwirtschaft. Erw\u00e4hnen m\u00f6chte ich in diesem Zusammenhang den f\u00fcr uns ungewohnten Klartext regionaler Zeitungen, deren unz\u00e4hlige Redaktionen von der staatlichen Zensur nicht erfasst werden k\u00f6nnen. F\u00fcr solch einen Aufwand fehlen die Ressourcen. China ist immer noch ein Zeitungsland, beliebteste Sensationsthemen sind Korruption und politische Skandale. Aber noch beschr\u00e4nkt sich das aufs Lokale.<\/p>\n<p>Die Frage ist, was h\u00e4lt China eigentlich zusammen und die Bev\u00f6lkerung ruhig? Es ist wie bei uns der immer noch herrschende Wohlstand, der Zweifel, dieser k\u00f6nne einmal schwinden und der R\u00fcckzug in die famili\u00e4re Festung, was oppositionelles Organisieren erschwert und die Solidarit\u00e4t mit Nonkonformisten verhindert. Aber gerade die Bande mit der Gro\u00dffamilie l\u00f6st sich ja durch Wanderung und Ein-Kind-Politik. Der wichtigste Grund f\u00fcr Chinas Scheinstabilit\u00e4t liegt \u2013 wie bei uns -, in der Angst vor einer ungewissen chaotischen Zukunft. Die Opposition ist ideologisch und strategisch zerstritten. Wie soll China aussehen? Soll man mit der KP kooperieren? Es ist die chinesische Urangst vor Rebellion, B\u00fcrgerkrieg, Sezession und ausl\u00e4ndischer Intervention \u2013 also der chinesische Normalfall seit Jahrtausenden. Das jetzige Regime nutz die Angst und geb\u00e4rdet sich nationalistisch. Mit den Uiguren hat sie schon den ersten inneren Feind entlarvt, daher auch die harten Repressionen.<\/p>\n<p>Also: Die Best\u00e4ndigkeit eines Systems h\u00e4ngt gerade nicht von Repression und totaler \u00dcberwachung ab \u2013 das sind schon R\u00fcckzugsgefechte \u2013, sondern vom Entfremdungsgrad zur Volksmasse, Br\u00fcche innerhalb der Herrschenden Klasse, dem Fortschreiten sozio\u00f6konomischer Verwerfungen, der Attraktivit\u00e4t politischer Alternativen und der Tauglichkeit des sozialen Kitts.<\/p>\n<p><strong>P.S.: Wo steht Eurasien im Jahr 2035? Welche Rolle werden die USA dann noch spielen und wo steht dann das Reich der Mitte? Sehen Sie vielleicht ganz andere unerwartete geopolitische Akteure, die von der Politikwissenschaft \u00fcbersehen werden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Wie gesagt, zeitlich festlegen l\u00e4sst sich nichts. Ber\u00fccksichtige ich die angesprochene Polarisierung plus die sozio\u00f6konomische Trends aller Staaten, dann erwarte ich eine Neugestaltung der Staatenwelt. Die heutigen zombiehaften Failed States, die nur von m\u00e4chtigen L\u00e4ndern und manchmal der UNO erhalten werden, m\u00fcssen zerfallen. Unsere gegenw\u00e4rtige Weltordnung wurde vom Westen geschaffen und von der UNO sowie Regionalorganisationen bewahrt. Der R\u00fcckzug des Westens stellt auch dessen Ordnung in Frage. Das hinterlassene Machtvakuum wird von keiner neuen Supermacht gef\u00fcllt, sondern von mehreren Regionalm\u00e4chten, die jedoch ebenso im Inneren ersch\u00fcttert werden. Es gibt zur Zeit keinen Modellstaat, der als Alternative dienen kann wie fr\u00fcher die Sowjetunion, Roosevelt-USA, Hitler-Deutschland oder der islamisch-revolution\u00e4re Iran. Anders als die Welt in Folge der Wirtschaftskrise von 1929, wo die meisten Staaten und Kolonien nur wirtschaftlich und ideologisch zeitversetzt ersch\u00fcttert wurden, kommen heute die sozialen Verwerfungen und die extreme Polarisierung hinzu. So eine Situation ist neu. Ausnahmslos alle Staaten werden folglich in ihrer Entwicklung zur\u00fcckgeworfen. So eine globale Paralyse verl\u00e4uft nat\u00fcrlich nicht synchron und mit gleicher Intensit\u00e4t. Von einer Art Apokalypse kann keine Rede sein. Phasen von Chaos, Regeneration und Neuordnung l\u00f6sen sich ab. Am Ende steht wieder keine gerechte ewige Weltordnung. Der Mensch bleibt der alte und das Geschichtsrad dreht sich weiter. Alles wiederholt sich, nur die Namen \u00e4ndern sich.<\/p>\n<p>Die USA implodieren und hinterlassen mehrere Nachfolgestaaten. China kann sich zu einem Commonwealth Chinesischer Staaten mausern, das wenigstens seinen Gro\u00dfraum in Ordnung h\u00e4lt. Indien, Russland und Brasilien haben mit analogen inneren Problemen zu k\u00e4mpfen und werden bestenfalls zu regionalen Ordnungsm\u00e4chten oder zerbrechen \u2013 vielleicht auch nur vor\u00fcbergehend. Ich glaube nicht an die Theorie, wonach das heutige China anstelle der USA als Vollstrecker einer globalen Arbeitsteilung unter F\u00fchrung der Big-Tech-Konzerne nach dem Great Reset werden soll.\u00a0 Ich f\u00fcrchte eher, solche Konzerne und der \u201eGeist von Davos\u201c f\u00fcllen vor\u00fcbergehend das globale Machtvakuum nach R\u00fcckbildung der aktuellen Staatenwelt. Aber auch die Klaus Schwabs sind nur Menschen, deren Ordnung vergeht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7889\" src=\"https:\/\/gegenstrom.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Agora-2.jpg\" alt=\"\" width=\"715\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/gegenstrom.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Agora-2.jpg 715w, https:\/\/gegenstrom.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Agora-2-480x201.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 715px, 100vw\" \/><\/p>\n<p>In der AGORA EUROPA hat Dominik Schwarzenberger auch einen Artikel mit den Titel \u201eThe Great Reset\u201c \u2013 Die V\u00f6lker am Scheideweg ver\u00f6ffentlicht. Dabei handelt es sich um eine sachliche Analyse \u00fcber die globalen Trends. 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