{"id":797,"date":"2017-09-01T06:09:54","date_gmt":"2017-09-01T05:09:54","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=797"},"modified":"2020-02-03T18:40:37","modified_gmt":"2020-02-03T17:40:37","slug":"der-zionismus-die-juedische-antwort-auf-die-juden-frage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/der-zionismus-die-juedische-antwort-auf-die-juden-frage\/","title":{"rendered":"Der Zionismus \u2013 die j\u00fcdische Antwort auf die Juden-Frage"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Kaum eine Ideologie erhitzte in Vergangenheit und Gegenwart so stark die Gem\u00fcter und gab Anlass zu verschw\u00f6rungstheoretischen Spekulationen wie der Zionismus. Das besondere an dieser Weltsicht ist ihr rein j\u00fcdischer Ursprung, d.h. im Gegensatz zu anderen Ideologien, Weltanschauungen und religi\u00f6sen Politikkonzepten gibt es keine universelle Erscheinungsform. Denn mit Zionismus ist ganz allgemein und urspr\u00fcnglich das Streben nach einem j\u00fcdischen Staat, \u201eEretz Israel\u201c (= Gelobtes Land Israel), als L\u00f6sung der Juden-Frage gemeint.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Antijudaistische Kreise sehen im Zionismus dagegen nur eine Waffe des j\u00fcdischen Weltherrschaftsstrebens (\u201eZionist Occupied Gouvernment\u201c), antiislamische dagegen einen starken Verb\u00fcndeten. Vier Missverst\u00e4ndnisse tauchen dabei immer wieder auf:<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Alle Juden sind Zionisten<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Zionismus ist ein homogener Block<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Zionismus ist heute eine rein j\u00fcdische Angelegenheit<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Zionismus hat sein Ziel erreicht.<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Der folgende Beitrag soll daher die Fehleinsch\u00e4tzungen klarstellen und ein differenziertes Portr\u00e4t zionistischer Vielfalt darstellen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Wie jede neue Idee musste auch der Zionismus durch das Stadium der Einsamkeit und L\u00e4cherlichkeit gehen. Gepflegt und heftig diskutiert wurde er Anfang des 20. Jh. im Wiener Kaffeehaus \u201eLandtmann\u201c, in dem gestandene religi\u00f6se Juden gegen respektlose jugendliche Zionisten stritten. Das gefl\u00fcgelte Wort \u201eAl tdaber zionut!\u201c (=Rede keinen Zionismus \/Unsinn!) kam in Mode. Die Alten witzelten: \u201eWer ist ein Zionist? Antwort: Ein Jude, der mit dem Geld eines zweiten Juden einen dritten nach Pal\u00e4stina schickt.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Begriff Zionismus war klug gew\u00e4hlt, dr\u00fcckt er doch die verbreitete Sehnsucht nach Zion, der biblischen Heimstatt der Juden, aus.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Seit K\u00f6nig David und dem Bau des ersten Tempels in Jerusalem wurde der Zionsh\u00fcgel zum Synonym f\u00fcr den Wohnsitz Jehovas.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Nach der Zerst\u00f6rung des letzten j\u00fcdischen Tempels 70 n. Chr. durch die r\u00f6mische Besatzungsmacht zerstreuten sich die Israeliten, ihres Zentralheiligtums beraubt, zun\u00e4chst entlang des r\u00f6mischen Mittelmeeres und dann immer weiter nach Vorderasien, Europa und Nordafrika. Vor dem erwarteten Erscheinen des j\u00fcdischen Messias, der alle Juden sammeln und ins \u201eGelobte Land\u201c zur\u00fcckf\u00fchrt, werden sich feindliche Nationen gegen Zion verb\u00fcnden, um das \u201eJ\u00fcngste Gericht\u201c einzuleiten.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Die Sehnsucht nach Jerusalem und dem j\u00fcdischen Land der Bibel \/Thora wird durch den Bund Gottes (Jehovas) mit dem semitischen Stammvater Abraham, dessen Sohn Isaak und sp\u00e4ter Moses legitimiert: \u201eMeine Zusage gilt dir und deinen Nachkommen in jeder Generation; sie ist unumst\u00f6\u00dflich f\u00fcr alle Zeiten: Ich bin euer Gott und gebe euch das ganze Land Kanaan [etwa das heutige Israel, D.S.]. . . F\u00fcr immer soll es deinen Nachkommen geh\u00f6ren; denn ich bin ihr Gott.\u201c (1. Moses 17,7-8).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die j\u00fcdische Religion unterscheidet sich von den anderen monotheistischen in einem wesentlichen Punkt: Im Zentrum steht die Erf\u00fcllung der \u201eMizwot\u201c (= Gebot, Weisungen), welche Moses am Sinai von Gott erhielt und in der \u201eHalacha\u201c systematisiert wurden. Der Talmud wiederum fungiert als eine Art Gebrauchsanweisung f\u00fcr deren allt\u00e4gliche Handhabung. Der Glaube selbst stellt eine Art theologischen \u00dcberbau \u00fcber die Praxis der \u201eMizwot\u201c dar \u2013 im Christentum wie Islam ist es genau umgekehrt, dort leiten sich die Gebote \/Verbote aus der Lehre ab. F\u00fcr die alltagsreligi\u00f6se Praxis ist entscheidend, dass jeder einzelne auch f\u00fcr das Befolgen der \u201cHalacha\u201c durch andere verantwortlich ist. Die j\u00fcdisch-religi\u00f6sen Hauptstr\u00f6mungen unterscheiden sich in ihrer Stellung zur G\u00fcltigkeit der \u201eHalacha\u201c und deren zeitgem\u00e4\u00dfer Deutung. Das ebenfalls heterogene \u201eOrthodoxe Judentum\u201c lehnt jede Ver\u00e4nderlichkeit ab, w\u00e4hrend das liberale \u201eProgressive\u201c bzw. \u201eReformjudentum\u201c starke Zugest\u00e4ndnisse an den Zeitgeist macht und die Religion eher ethisch und sozial auffasst. Dazwischen steht \u2013 wieder in verschiedene Grade aufgeteilt \u2013, das \u201eKonservative Judentum\u201c, das an der \u201eHalacha\u201c grunds\u00e4tzlich festh\u00e4lt, jedoch einige Neuerungen zul\u00e4sst.<\/span><\/p>\n<h1>Wer ist Jude?<\/h1>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Sind Juden eine Ethnie, Rasse, Kultur- oder Religionsgemeinschaft? Diese Frage bleibt auch unter Juden h\u00f6chst umstritten, was sich an unterschiedlichen Entstehungstheorien zeigt: so bl\u00fcht bis heute etwa ein innerj\u00fcdischer Forschungszweig auf der Suche nach einer j\u00fcdischen Ethnogenese<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Eine Antwort schien deshalb so schwierig, weil das Judentum bis zur zionistischen Massenbewegung der 1920er eine versprengte Religionsgemeinschaft ohne gemeinsames Territorium und Sprache war. Zusammengehalten wurden die Juden durch soziale und wirtschaftliche Verflechtungen ihrer herausragenden Exponenten aus Theologie, Wirtschaft, Politik und Kunst, dem Ghettocharakter religi\u00f6ser Exklusivit\u00e4t und nat\u00fcrlich der vielgestaltigen Judenfeindschaft aller Jahrhunderte. Durchgesetzt hat sich weitgehend der ethno-religi\u00f6se Charakter, wonach Juden in erster Linie eine Ethnie darstellen, die aus mehreren Subethnien (\u201eEdot\u201c) besteht &#8211; und weit weniger eine Religionsgemeinschaft.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Vielmehr garantiert das j\u00fcdische Auserw\u00e4hltheitsdenken<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> den ethnischen Bestand und machte vor Assimilationsdruck immun. \u201eIsrael ist ein Volk wie kein anderes, denn es ist das einzige Volk in der Welt, das von seinem Anbeginn zugleich Nation und Glaubensgemeinschaft ist.\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Nach dem Talmud ist Jude, wer von einer j\u00fcdischen Mutter geboren wurde. Die Konvertierung zum Judentum bleibt die Ausnahme. Es ist auch die Frage, zu welcher religi\u00f6sen Richtung: progressiv, konservativ oder orthodox? Israelischer Staatsb\u00fcrger kann nur der Konvertit werden, der von der Religionsbeh\u00f6rde orthodoxen Bekenntnisses anerkannt wird.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> \u00dcber nahezu zwei Jahrtausende war die j\u00fcdische Diaspora einem starken Verfolgungsdruck ausgesetzt, der sich \u00f6rtlich und zeitlich verst\u00e4rkte oder abschw\u00e4chte. Dieser psychische Belagerungszustand f\u00fchrte zu einer einzigartigen Selektion, da sich vorsichtigere Charaktere von der j\u00fcdischen Gemeinschaft durch Mischehe oder Glaubenswechsel absetzten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Wie nahezu alle V\u00f6lker besteht das j\u00fcdische aus mehreren Rassen und bildet keine eigene wie dies von den Nationalsozialisten behauptet wurde.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Die wichtigsten Subethnien sind die Aschkenasim, Sephardim, Mizrahim und einige kleine isolierte Gemeinschaften.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die urspr\u00fcnglich in Mittel- und Westeuropa lebenden Aschkenasim<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> wanderten nach Osteuropa und Russland ein, wo sie mit der jiddischen Sprache und eigenem Brauchtum eine neue Tradition begr\u00fcndeten.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Das nordamerikanische, australische und s\u00fcdafrikanische Judentum rekrutiert sich aus dieser Gruppe. Die Sephardim dagegen stammten von der iberischen Halbinsel und flohen vor der spanischen Reconquista nach Nordafrika und Levante. Sie fl\u00fcchteten im Zuge der Arabisch-Israelischen Kriege nach Israel und S\u00fcdamerika.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Die Mizrahim siedelten im Nahen Osten und Zentralasien. Bis auf einige gr\u00f6\u00dfere Gemeinden im Iran sind sie nach Israel oder S\u00fcdamerika ausgewandert. Die lateinamerikanischen assimilierten \u201eT\u00fcrkischst\u00e4mmigen\u201c der Osmanen-Zeit sind meist Nachkommen von Mizrahim. Mizrahim und Sephardim werden heute aufgrund ihres Wesens \u00e4hnlichen Brauchtums kaum noch unterschieden. Vor ihrer Einwanderung nach Israel waren beide trotz nachbarschaftlicher N\u00e4he getrennt, deren soziale Unterschichtung unter aschkenasischer Dominanz schwei\u00dfte sie jedoch zusammen. Als Kompromiss bezeichnet Mizrahim die landsmannschaftliche Dimension und Sephardim die theologische. Eine wesentlich kleinere Gruppe stellen die jemenitischen Juden (auch Teimanim) dar, diese und ihre \u00e4thiopischen Verwandten (Falascha) sind inzwischen vollst\u00e4ndig nach Israel eingewandert. Au\u00dferdem existieren so genannte Bergjuden im Kaukasus, die stark georgisch, dagestanisch oder armenisch gepr\u00e4gt sind. Ihre Verbindung zu Israel und j\u00fcdischer Diaspora ist m\u00e4\u00dfig. Die Diasporajuden geh\u00f6ren heute fast ausschlie\u00dflich den Aschkenasim an.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die israelische Gesellschaft ist zwischen Aschkenasim und Mizrahim\/Sephardim stark polarisiert. Beide Gruppen unterscheiden sich sozio\u00f6konomisch, kulturell, sprachlich und politisch. Aschkenasim sind eher mittelst\u00e4ndisch, gem\u00e4\u00dfigt religi\u00f6s oder s\u00e4kular und linkszionistisch; Mizrahim\/Sephardim geh\u00f6ren meist der Unterschicht an, sind h\u00e4ufig rechtszionistisch und orthodox. Die Juden Russlands geh\u00f6ren zu den Aschkenasim, k\u00f6nnen aber als eine weitere starke Gruppe betrachtet werden, da sie sich kulturell unterscheiden, fast ausschlie\u00dflich russisch sprechen und rechtszionistisch-s\u00e4kular orientiert sind. Die auch r\u00e4umlich getrennten Gemeinschaften von Aschkenasim, Russischsprachigen und Mizrahim\/Sephardim sind stabil, erst seit ca. 20 Jahren verst\u00e4rkt sich der kulturelle und soziale Austausch (z.B. durch zunehmende Mischehen).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Name \u201eJuden\u201c stammt vom biblischen \u201eK\u00f6nigreich Juda\u201c (\u201eJud\u00e4a\u201c), das sich wiederum auf den Stamm des Juda beruft. Nach dem Babylonischen Exil verbreitete sich die Namensgebung \u201eJud\u00e4er\u201c und dann \u201eJuden\u201c, bis sie zur Selbstbezeichnung wurde. Gleiche Bedeutung besitzen die Namen \u201eIsraeliten\u201c und \u201eHebr\u00e4er\u201c (nach der semitischen Sprache Hebr\u00e4isch). Israeliten bezeichnen also alle Juden, w\u00e4hrend Israeli nur die Staatsb\u00fcrger Israels meinen. Eine ethnische Unterscheidung zwischen israelischen Staatsb\u00fcrgern und der j\u00fcdischen Diaspora als Kultur- und Religionsgemeinschaft ist unsinnig, ethnisch sind sie nicht zu trennen, der Austausch bleibt sehr stark.<\/span><\/p>\n<h1>Der Zionismus betritt die Weltb\u00fchne<\/h1>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Erste Forderungen, das h\u00e4ufig freiwillige Ghetto in aller Welt aufzubrechen, kamen w\u00e4hrend der \u201eHaskala\u201c (j\u00fcdische Form der Aufkl\u00e4rung und S\u00e4kularisation) auf. Ihr prominentester Vertreter war\u00a0 Moses Mendelssohn (1729-1784). Im Zuge dieser Modernisierungsphase und des europ\u00e4ischen V\u00f6lkerfr\u00fchlings des 19. Jahrhunderts entwickelten j\u00fcdische Gelehrte das als reine Sakralsprache dienende Althebr\u00e4isch zu einer modernen Sprache (Neuhebr\u00e4isch). Der zionistische Gedanke, eine eigene j\u00fcdische Heimstatt zu begr\u00fcnden, erhielt durch das Ph\u00e4nomen \u201eAntisemitismus\u201c erst den entscheidenden Impuls: Antisemitismus<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> ersetzte den bis dahin verbreiteten religi\u00f6sen und wirtschaftlichen Antijudaismus.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> Die sich immer mehr verst\u00e4rkenden antij\u00fcdischen Pogrome im Russischen Zarenreich und die Dreyfus-Aff\u00e4re in der angeblichen progressiven Kulturnation Frankreich 1894\/95 zeugten vom neuen Trend: Juden wurden nicht mehr aufgrund bestimmter Taten verurteilt, von denen sie sich befreien konnten (z.B. durch christliche Taufe), sondern aufgrund ihres unab\u00e4nderlichen (genetischen) Wesens. Als L\u00f6sung bot sich daher die Schaffung einer eigenen sicheren Heimstatt au\u00dferhalb Europas an: der Zionismus war geboren. Bereits der Sozialist Moses Hess (1812-1875) vertrat einen aufgekl\u00e4rten Nationalismus \u00e0 la Mazzini und wandte sich gegen die Judenassimilation. Gegen Ende seines Lebens forderte auch Hess die j\u00fcdische Nation in Pal\u00e4stina.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Unterschieden werden muss bis zur Gr\u00fcndung Israels 1948 zwischen Praktischem (auch Konstruktivistischem) und Politischem Zionismus. Ersterer forcierte die j\u00fcdische Masseneinwanderung nach Pal\u00e4stina und die Schaffung einer eigenen wirtschaftlich m\u00f6glichst autarken Infrastruktur, um die osmanischen &#8211; sp\u00e4ter britischen Landesherren -, vor vollendete Tatsachen zu stellen und so einen international anerkannten Staat zu erzwingen. Dieser Praxis sah sich auch der Arzt und Journalist aus Odessa Leon Pinsker (1821-1891) verpflichtet, indem er ab 1880 die aschkenasisch-osteurop\u00e4ische Sammlungsbewegung \u201eChibbat Zion\u201c (=Zionsliebende) massiv unterst\u00fctzte.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Die erste j\u00fcdische Gemeinschaftssiedlung \u201eRischon-le-Zion\u201c (=Erste in Zion) in Pal\u00e4stina war errichtet. Dieser Konstruktivistische Zionismus ohne politische Konzeption war multikulturell orientiert, d.h. die arabische Stammbev\u00f6lkerung sollte nicht als Konkurrenz, sondern als Partner und Schicksalsgenossen behandelt werden. Die Multikulturalit\u00e4t wurde jedoch nach dem Ersten Weltkrieg 1918 abgeworfen, nachdem arabische Nationalisten die ersten j\u00fcdischen Siedlungen angriffen.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> Der Praktische Zionismus hatte aber einen noch viel m\u00e4chtigeren Gegner, n\u00e4mlich den Umstand, dass \u00fcberproportional viele zionistische (aschkenasische) Juden Akademiker und H\u00e4ndler waren &#8211; Bauern, Milit\u00e4rs und Handwerker dagegen fehlten.<\/span><\/p>\n<h1>Theodor Herzl und der Politische Zionismus<\/h1>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Von weit gr\u00f6\u00dferer Bedeutung sollte der Politische Zionismus um Theodor Herzl (1860-1904) werden. Dieser verlangte sofort nach einem eigenen Staatswesen mit W\u00e4hrungshoheit, Armee und eigener Au\u00dfenpolitik<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> \u2013 und zwar bevor die j\u00fcdische Masseneinwanderung abgeschlossen war. Im Gegensatz zu den Praktischen\/Konstruktivistischen Zionisten legte sich der Wiener Journalist Herzl nicht auf Pal\u00e4stina als Judenstaat fest, sondern favorisierte zeitweise auch Britisch Uganda und Teile des d\u00fcnn besiedelten Argentiniens. Wie kein anderer zionistischer Vordenker sah er f\u00fcr die j\u00fcdische Diaspora in Europa keine Zukunft, so dass nur ein eigener Staat als L\u00f6sung \u00fcbrig blieb. Eine dritte Position jenseits von Nationalstaat oder Ghetto sei nicht m\u00f6glich.<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a> Herzls Positionen stie\u00dfen innerhalb der j\u00fcdischen Diaspora auf noch gr\u00f6\u00dferen Widerstand als die Praktischen Zionisten. Die Juden Westeuropas, Australiens und Nordamerika sahen sich in ihren Assimilierungsbestrebungen behindert, weil Herzls Zionismus stark nationalistisch und v\u00f6lkisch ausgerichtet war \u2013 das best\u00e4tigte gerade notorische Antisemiten<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Orthodoxe und konservative Gl\u00e4ubige andererseits bem\u00e4ngelten das Fehlen jeglicher religi\u00f6ser Aussagen und den s\u00e4kularen Charakter des Judenstaates.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Bis etwa 1930 dominierten die \u201eAllgemeinen Zionisten\u201c oder auch \u201eKongresszionisten\u201c (nach ihrer parlamentarischen Organisationsform), die sich durch politische Neutralit\u00e4t auszeichneten. Meist geh\u00f6rten sie der antisozialistischen, liberalen oder gem\u00e4\u00dfigt konservativen s\u00e4kularen Mittelschicht an. Die Schaffung einer j\u00fcdischen Heimstatt erhofften sie mit diplomatischen Mitteln und setzten auf die Ausstrahlungskraft der Zionisten-Kongresse. Einflussreiche Sympathisanten dieser einst st\u00e4rksten Str\u00f6mung aus Politik, Medien, Wirtschaft und Kultur versuchten die jeweiligen Regierungen ihrer derzeitigen Heimatl\u00e4nder f\u00fcr die zionistische Sache zu gewinnen, um die j\u00fcdische Nationswerdung zur internationalen Angelegenheit zu erheben. Ihr Erfolg war mehr als bescheiden: Au\u00dfer unverbindlichen Gru\u00dfbotschaften und Verst\u00e4ndniserkl\u00e4rungen war nichts zu erwarten.<a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Ab 1905 bildete der Politische Zionismus einen immer st\u00e4rker werdenden militanten linken Fl\u00fcgel (Sozialistischer Zionismus) aus &#8211; und als Reaktion darauf einen militanten rechten Fl\u00fcgel (Revisionistischer Zionismus). Sp\u00e4testens nach der Gr\u00fcndung Israels 1948 \u2013 ihrem Hauptziel \u2013 wurden die Allgemeinen Zionisten zwischen den beiden Fl\u00fcgeln zerrieben und schlossen sich in ihrer Mehrheit den Revisionisten an.<\/span><\/p>\n<h1>Kulturzionismus<\/h1>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Im Gegensatz zu Praktischem und Politischem Zionismus setzte der Kulturelle bereits in der j\u00fcdischen Diaspora ein. Noch bevor die konzentrierte Masseneinwanderung nach \u201eZion\u201c einsetzen sollte, m\u00fcsse die Diaspora ein j\u00fcdisches Nationalbewusstsein entwickeln und einheitliche Kultur (v.a. Musik und Literatur) ausbilden, dem Erlernen des Neuhebr\u00e4ischen kam dabei eine Schl\u00fcsselrolle zu, spielt eine verbindliche Staatssprache doch eine herausragende Rolle zur Nationenwerdung. Besonders Ascher Ginsberg (Achad Ha`am) (1856-1927) setzte sich f\u00fcr eine grundlegende j\u00fcdische Kulturreform ein, die die angeblich r\u00fcckst\u00e4ndige Ghetto-Kultur an die Moderne anpassen sollte. Der Philosoph Martin Buber (1878-1965) unterst\u00fctzte diesen Kurs.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Ein Gro\u00dfteil der j\u00fcdischen Diaspora kann heute als kulturzionistisch betrachtet werden, durch die Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs festigte sich ein j\u00fcdisches Volksbewusstsein, das sich nicht zuletzt an der Fokussierung auf Israel zeigt. Man solidarisiert sich, leidet und feiert mit dem heutigen Judenstaat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die israelische Friedensbewegung \u201ePeace Now\u201c geh\u00f6rt gleichfalls dazu. Sie strebt ein binationales Israel an, in dem Pal\u00e4stinenser gleichberechtigt leben d\u00fcrfen. Der Zionismus von \u201ePeace Now\u201c beschr\u00e4nkt sich nur auf die j\u00fcdische Zivilgesellschaft, nicht aber auf staatliche Institutionen und Symbole.<\/span><\/p>\n<h1>Sozialistischer (Linker) Zionismus<\/h1>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Ab 1910 erstarkte der sozialistische Fl\u00fcgel im Politischen Zionismus mehr und mehr.<a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a> Dieser linke Fl\u00fcgel zeichnete sich durch einen besonderen Aktivismus aus, der sich vom zentristisch-neutralen \u201eKongress-Zionismus\u201c deutlich abhob: Statt diplomatischer Verhandlungen und ergebnisloser Diskussionen, gr\u00fcndeten sozialistische Pioniere gr\u00f6\u00dfere autarke Gemeinschaftssiedlungen (Kibbuzim und Moschavim). Darin glichen sie den Konstruktivistischen Zionisten, erhoben aber dar\u00fcber hinaus eindeutig politische Forderungen: landwirtschaftliches Gemeineigentum, eine staatliche gesteuerte Industrialisierung und nur kleine Unternehmen in Privathand. Der anf\u00e4ngliche Multikulturalismus, der auch Araber als gleichgestellte Staatsb\u00fcrger einschloss, wurde jedoch von einem j\u00fcdischen Staatsnationalismus mit hebr\u00e4ischer Sprachpolitik verdr\u00e4ngt. V\u00f6lkische Gedanken sind hierbei keine Seltenheit. Die j\u00fcdische Religion spielte zur Identit\u00e4tsbildung allerdings keine Rolle, im Gegenteil: Religion wird als fortschritthemmend und ghettoerhaltend angesehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die heutige Einteilung israelischer Politiker in radikale \u201eFalken\u201c und gem\u00e4\u00dfigte \u201eTauben\u201c kann nicht auf Sozialistischen (Linken) und Revisionistischen (Rechten) Zionismus angewandt werden. Gro\u00dfisraelische kompromisslose \u201eFalken\u201c finden sich auch unter Sozialisten.<a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a> Der sozialistische Gedanke war undogmatisch und integrierte ein breites Spektrum: Von anarchistischen Vertretern f\u00fcr Arbeiter-Selbstverwaltung \u00fcber Marxisten<a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a> f\u00fcr \u00a0totale Sozialisierung bis hin zu gem\u00e4\u00dfigt sozialdemokratischen Spielarten. Mit orthodoxem Marxismus hatte der Linkszionismus allerdings nichts zu tun, er war eher antimarxistisch, weil nach Marx \u201eder Arbeiter kein Vaterland hat\u201c und der \u201eProletarische Internationalismus\u201c dessen Platz einnahm.<a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a> Der Klassenkampf-Gedanke war nur unter Radikalen vorhanden, ansonsten dominierten wohlfahrtsstaatliche Forderungen des Klassenausgleichs. Typisch \u201elinke\u201c Positionen zeig(t)en sich auch in feministischen und basisdemokratischen Zielen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die inzwischen aufgel\u00f6ste urspr\u00fcngliche \u201eKommunistische Partei Israels\u201c geh\u00f6rte ebenfalls ins linkszionistische Lager, da sie sinnigerweise stark antiarabisch und nationalistisch gepr\u00e4gt war. Das f\u00fchrte zur Abspaltung der moskauh\u00f6rigen \u201eNeuen Kommunistischen Liste\u201c, die au\u00dferhalb der zionistischen Weltanschauung steht. Bis in die 1970er dominierte das linkszionistische Lager die israelische Parteienlandschaft bis sie vom Rechtszionismus abgel\u00f6st wurde.<\/span><\/p>\n<h1>Revisionistischer (Rechter) Zionismus<\/h1>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Durch den Vormarsch des linkszionistischen Fl\u00fcgels organisierte sich der rechte Revisionistische Zionismus ab 1930 um Wladimir Jabotinski (1880-1940) und den sp\u00e4teren israelischen Ministerpr\u00e4sidenten Menachim Begin (1913-1992).<a href=\"#_ftn27\" name=\"_ftnref27\">[27]<\/a> Die Revisionisten wandten sich gegen sozialistische Wirtschaftsmodelle und setzten auf wirtschaftsliberale. Ideologisch vereint diese zionistische Spielart ein breites Spektrum aus liberalen, konservativen und sogar faschistischen Positionen. In j\u00fcdisch-religi\u00f6sen Fragen dominiert der Laizismus, doch w\u00fcrdigte man den Identit\u00e4t stiftenden Charakter der einzigartigen nicht universellen Religion. Der gem\u00e4\u00dfigte liberale Fl\u00fcgel setzte sich f\u00fcr einen Dominion-Status (wie Kanada) innerhalb des British Empire ein, der radikale f\u00fcr eine souver\u00e4ne Republik, w\u00e4hrend eine kleine monarchistische Str\u00f6mung ein nominelles K\u00f6nigreich ohne K\u00f6nig (\u201eMalkhut Yisrael\u201c) verlangte.<a href=\"#_ftn28\" name=\"_ftnref28\">[28]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Mitte der 1930er erstarkten ein religi\u00f6ser und ein faschistischer Fl\u00fcgel, die sich von den Revisionisten schlie\u00dflich abspalteten. Das Hauptziel \u201eEretz Israel\u201c sollte urspr\u00fcnglich neben dem heutigen Israel auch die Sinai-Halbinsel und Jordanien einschlie\u00dfen. Diese gro\u00dfisraelische Forderung wird heute offiziell nur noch von radikalen Str\u00f6mungen erhoben, sind aber immer noch unter etablierten konservativen Pers\u00f6nlichkeiten zu finden. Gerade Jordanien wurde erst in den 1970ern als legitimer Staat (freilich ohne Westbank) anerkannt. Heute stehen die Rechtszionisten mit ihren wichtigsten Parteien \u201eLikud\u201c<a href=\"#_ftn29\" name=\"_ftnref29\">[29]<\/a> und \u201eKadima\u201c<a href=\"#_ftn30\" name=\"_ftnref30\">[30]<\/a> einem Zwei-Staaten-Modell, das einen mehr oder weniger souver\u00e4nen pal\u00e4stinensischen Staat beinhaltet, eher skeptisch gegen\u00fcber. Man argumentiert, es gibt gar keine pal\u00e4stinensische Nation, stattdessen sind Pal\u00e4stinenser Araber und k\u00f6nnten demnach ohne gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten in arabische Nachbarl\u00e4nder auswandern.<a href=\"#_ftn31\" name=\"_ftnref31\">[31]<\/a> In der Siedlungsfrage vertreten sie folgerichtig einen kompromisslosen Kurs und wenden sich gegen jeden Siedlungsr\u00fcckbau in Westjordanland und Gaza.<\/span><\/p>\n<h1>Revolution\u00e4rer (Faschistischer) Zionismus<\/h1>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Diese Str\u00f6mung entstand Anfang der 1930er innerhalb der Revisionisten<a href=\"#_ftn32\" name=\"_ftnref32\">[32]<\/a> und wurde gegen Ende der Dekade zur st\u00e4rksten Fraktion, bis sie sich 1939 &#8211; stark abgeschw\u00e4cht -, als eigenst\u00e4ndige Str\u00f6mung abspaltete. Ihr Wachstum wurde durch die antij\u00fcdischen Massaker arabischer Nationalisten 1929 bis 1936 und der britischen Ignoranz, diese zu verhindern ausgel\u00f6st. Die Revolution\u00e4ren Zionisten (auch Revisionistische Maximalisten nach ihren Gebietsanspr\u00fcchen) k\u00f6nnen als faschistisch und radikal-v\u00f6lkisch bezeichnet werden: sie bewunderten Mussolini und Anfangs auch Hitler<a href=\"#_ftn33\" name=\"_ftnref33\">[33]<\/a>, was\u00a0 freilich zu Irritationen innerhalb des Zionismus f\u00fchrte. Die relative Resistenz gegen die Weltwirtschaftskrise, die Massenmobilisierung und \u2013integration sowie der kompromisslose Antikommunismus der Achsen-M\u00e4chte animierten zur Nachahmung. Ein B\u00fcndnis mit dem faschistischen Italien, das keinen offiziellen Antisemitismus bis dahin kannte, bot sich an.<a href=\"#_ftn34\" name=\"_ftnref34\">[34]<\/a> Als Feindbild dienten nicht nur Araber, sondern auch die britischen Kolonialherren.<a href=\"#_ftn35\" name=\"_ftnref35\">[35]<\/a> Die j\u00fcdische Religion wurde nur als Identit\u00e4tsstifterin gesch\u00e4tzt, ansonsten vertrat man eher s\u00e4kulare Ideen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">F\u00fcr den antibritischen Unabh\u00e4ngigkeitskampf spielten paramilit\u00e4rische gewaltt\u00e4tige Guerilla-Organisationen<a href=\"#_ftn36\" name=\"_ftnref36\">[36]<\/a> eine nicht zu untersch\u00e4tzende Rolle: Sie bewiesen, dass Juden nicht nur pazifistische Fatalisten waren, die sich wie L\u00e4mmer zur Schlachtbank f\u00fchren lassen (besonders nach 1945), sondern brachten auch die ungel\u00f6ste Pal\u00e4stina-Frage auf die weltpolitische B\u00fchne. Die Paramilit\u00e4rs<a href=\"#_ftn37\" name=\"_ftnref37\">[37]<\/a> rekrutierten sich \u00fcberproportional aus Revolution\u00e4ren Zionisten. Interessanterweise wurden sie Anfangs sogar als Vorbilder und Leidensgenossen vieler kolonialisierter V\u00f6lker betrachtet. Explizit die indonesische und algerische Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung bezog sich positiv auf die revolution\u00e4r-zionistische. Heute existieren einige kleine rechtsnationalistische s\u00e4kulare Parteien,<a href=\"#_ftn38\" name=\"_ftnref38\">[38]<\/a> die sich meist vom \u201eLikud-Block\u201c abspalteten, aber mit diesem oder \u201eKadima\u201c koalieren. Eine Partei der j\u00fcdisch-russischen Einwanderer kann ebenso dieser\u00a0 radikalen Str\u00f6mung zugeordnet werden.<\/span><\/p>\n<h1>Exkurs I: Religi\u00f6ser Antizionismus \u2013 \u201eCharedim\u201c<\/h1>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Wie bisher deutlich wurde, waren die meisten Zionisten aller Couleur Laizisten oder nutzten die einzigartige Ethnoreligion zur Nationenwerdung. Zu sehr verd\u00e4chtigte man gl\u00e4ubige Juden \u2013 konservative wie orthodoxe -, f\u00fcr den pazifistischen Ghettocharakter der Diaspora verantwortlich zu sein.<a href=\"#_ftn39\" name=\"_ftnref39\">[39]<\/a> \u00a0Besonders die osteurop\u00e4ischen Aschkenasim waren orthodox orientiert genauso wie die Sephardim und Mizrahim in Nordafrika und Nahost. Von zionistischer Seite wurde diesen Orthodoxen vorgeworfen, r\u00fcckst\u00e4ndig, unterw\u00fcrfig, erstarrt, puritanisch und borniert zu sein. Die Orthodoxen wiederum lehnte jegliches Streben nach einer j\u00fcdischen Heimstatt als satanische Versuchung ab.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Woher kam diese unvers\u00f6hnliche antizionistische Haltung?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Nach j\u00fcdischer Tradition war die j\u00fcdische Diaspora nur ein vor\u00fcbergehendes von Gott gewolltes Exil (\u201eGalut\u201c) und Pr\u00fcfungsphase. Dieser Zustand darf vom Menschen nicht beeinflusst oder gar beendet werden. Demnach sah man im Streben nach einer j\u00fcdischen Heimstatt \u2013 ob in Pal\u00e4stina oder anderswo \u2013 eine S\u00fcnde wider Gott. Pal\u00e4stina gilt Orthodoxen und teilweise auch Konservativen als Gelobtes Heiliges Land der Thora, in dem Gl\u00e4ubige nur beten oder die Thora studieren d\u00fcrfen, aber schon praktizierte Landwirtschaft als Beschmutzung gilt. Als Reaktion auf den fr\u00fchen Zionismus Pinskers und Herzls gr\u00fcndeten sich schon die ersten antizionistischen Gruppen, die teilweise gewaltsam gegen die S\u00fcnder k\u00e4mpften.<a href=\"#_ftn40\" name=\"_ftnref40\">[40]<\/a> Die nationalsozialistische Judenverfolgung wird deshalb als gerechte Strafe Gottes angesehen, weil man nicht entschieden gegen zionistische Bestrebungen auftrat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Nach der Gr\u00fcndung Israels, die nat\u00fcrlich als schwerste Verfehlung angesehen wird, definieren sich diese in Israel lebenden Orthodoxen als Getreue Gottes unter ungl\u00e4ubigen Zionisten. Um keinen weiteren gewaltsamen innerisraelische Konflikt zu provozieren, genie\u00dfen Orthodoxe und manche religi\u00f6se Konservative gesetzlich verankerte Sonderrechte. Die Befreiung vom Milit\u00e4rdienst ist wohl die spektakul\u00e4rste, bedenkt man die feindselige Umwelt, in der die Festung Israel existiert und dem Bestehen einer Wehrpflicht f\u00fcr Frauen. Damit aber nicht genug, der Staat Israel kam den Orthodoxen aller Couleur auch in fundamentalen Fragen entgegen: Es gibt bis heute keine Zivilehe, nur der orthodoxe Ritus ist f\u00fcr die Eheschlie\u00dfung legitim und religi\u00f6se Schulen genie\u00dfen finanzielle F\u00f6rderung und Autonomie.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Trotz aller Bem\u00fchungen bleibt das religi\u00f6s-antizionistische Lager eine lautstarke Minderheit. Wie unter Orthodoxen der Diaspora auch, wird meist jiddisch, englisch oder eine andere Sprache gesprochen, da Hebr\u00e4isch als sakral gilt. Au\u00dferdem boykottieren Israels Orthodoxe m\u00f6glichst viele \u00f6ffentliche Einrichtungen wie Verkehrsmittel, Banken, Beh\u00f6rden, das Benutzen von Geld, \u00fcben Wahlboykott aus usw. Folgerichtig solidarisieren und ermutigen religi\u00f6se Antizionisten alle Feinde Israels (z.B. radikale Muslime, arabische Nationalisten), den satanischen Judenstaat zu vernichten, um Gottes Willen wieder zu verwirklichen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Begriff \u201eS\u00e4kularer Antizionismus\u201c wird meist falsch verwendet: Gemeint sind oftmals kompromissbereite proarabische Gruppen der politischen Linken, die sich gegen Siedlungsbau und f\u00fcr einen Pal\u00e4stinenserstaat aussprechen. Den j\u00fcdischen Staat Israel stellen sie dagegen nicht in Frage.<\/span><\/p>\n<h1>Religi\u00f6ser Zionismus \u2013 \u201eCharedi Le`umi\u201c<\/h1>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Religi\u00f6se Zionismus setzte sich als wirkungsm\u00e4chtige und separate Bewegung erst nach dem Sechs-Tage-Krieg durch.<a href=\"#_ftn41\" name=\"_ftnref41\">[41]<\/a> Vorher stellte er eine marginale Fraktion innerhalb der Revisionisten dar. Diese lange als exotisch angesehene Str\u00f6mung litt unter dem Misstrauen s\u00e4kularer Zionisten, die ja von den Religi\u00f6sen Antizionisten abgeschreckt waren. Wie im \u201eExkurs I\u201c deutlich wurde, widersprechen sich Zionismus und j\u00fcdische Religion, dennoch findet der Religi\u00f6se Zionismus heute in Israel und in der Diaspora mehr und mehr Anh\u00e4nger. Bereits um 1910 meldeten sich Religi\u00f6se Zionisten zu Wort. Aaron David Gordon (1856-1922) vermisste die metaphysische Legitimierung des Zionismus und verurteilte fr\u00fch dessen rein weltlichen Charakter. Im Gegensatz zu den Orthodoxen Antizionisten sah er in der j\u00fcdischen Landnahme den messianischen Prozess eingeleitet. Der Wille Gottes konnte also gerade durch den Zionismus verwirklicht werden. Das j\u00fcdische Verharren im Exil \u201eGalut\u201c wurde nun als s\u00fcndhaft angesehen, die Umkehr nach Zion dagegen als erw\u00fcnscht. Gordon beteiligte sich mit seiner Organisation \u201eHapoel Hatzair\u201c (=Junger Arbeiter) an Siedlungsprojekten in Pal\u00e4stina. Denn nur Pal\u00e4stina allein durfte das j\u00fcdische Land sein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Rabbiner Abraham Issak Kook (1865-1935) sollte zum \u201eEisbrecher\u201c im mehrheitlich s\u00e4kularen Revisionismus werden. Nach Kook kommt dem Gelobten Land die Rolle zu, die Thora erst zur vollen Entfaltung zu bringen, also m\u00fcssen m\u00f6glichst alle Gl\u00e4ubigen in \u201eEretz Israel\u201c versammelt sein. Der exotische Charakter Religi\u00f6ser Zionisten \u00e4nderte sich erst mit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967: Kooks Sohn Zvi Yehuda Kook (1891-1982) interpretierte den f\u00fcr Israel erfolgreichen Krieg gegen seine arabischen Feinde als Geschenk Gottes. Vor dem Krieg, so Kook Jr., war Israel unvollendet, fehlten doch Jud\u00e4a, Samaria und religi\u00f6s bedeutende Orte (z.B. Moses-Berg im Sinai). Die Eroberungen derselben im Krieg f\u00fchrten nicht wenige Juden zum Religi\u00f6sen. Besonders das Erreichen der Klagemauer als einzige Reste des letzten Tempels emotionalisierten die j\u00fcdischen Soldaten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Mit dieser Interpretation des Krieges setzte sich auch der Siegeszug Religi\u00f6ser Zionisten zur Massenbewegung durch. Die Gr\u00fcndung Israels 1948 wurde zum religi\u00f6sen Feiertag, der Staat selbst zum Fahrzeug der Erl\u00f6sung. Mehr noch als f\u00fcr die Erben der Revolution\u00e4ren Zionisten stellt der Siedlungsausbau im Westjordanland und Gaza eine Herzensangelegenheit dar, einen regelrechten Gottesdienst. Jegliches Zur\u00fcckweisen muss demnach Gott selbst beleidigen. Politik und Geschichte erfahren durch die Religi\u00f6sen Zionisten eine neue Bewertung: Hitler-Deutschland \u00fcbernimmt die Rolle Roms als Bestrafer der Juden f\u00fcr ihre Verfehlungen und die Araber werden zu den neuen Kanaanitern degradiert, denen man ihr Land wegnehmen muss. Das religi\u00f6s-zionistische Lager ist aufgrund zahlreicher sektiererischer Einzelpers\u00f6nlichkeiten nach Kooks Ableben stark zersplittert, in Kernisrael vergleichsweise schwach, unter Siedlern \u00fcberproportional stark.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die traditionsreiche \u201eNational-Religi\u00f6se Partei\u201c als wichtigste Vertreterin verliert heute an die vielen weit radikaleren Splittergruppen an Boden. Der Identit\u00e4t stiftende Charakter der j\u00fcdischen Religion f\u00fchrt zu einer Spiritualisierung ehemals s\u00e4kularer Ultranationalisten (Revolution\u00e4re Zionisten), die im Hyperzionismus (Siehe unten) eine neue Heimat finden. Yigal Amir, der M\u00f6rder des israelischen Ministerpr\u00e4sidenten und Friedensnobelpreistr\u00e4gers Rabin (1922-1995), geh\u00f6rte urspr\u00fcnglich zu den Religi\u00f6sen Zionisten, wurde aber vom Umfeld Kahanes weiter radikalisiert.<\/span><\/p>\n<h1>Kahanismus &#8211; Hyperzionismus<\/h1>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die von Rabbi Meir Kahane (1932-1990) begr\u00fcndete zionistische Version (von Gegnern als \u201eHyperzionismus\u201c bezeichnet) ist eine Symbiose aus militant s\u00e4kular-v\u00f6lkischen und religi\u00f6sen Positionen. Anders als die Religi\u00f6sen Zionisten, die grunds\u00e4tzlich den Staat Israel religi\u00f6s reformieren wollen, lehnte Kahane den als weltlich diffamierten Staat ab. Die Staatsgr\u00fcndung sei zwar richtig, aber durch die linkszionistische Pr\u00e4gung von Anfang an eine Totgeburt. Aus dem heutigen Israel muss ein neues, messianisches Israel geboren werden. Jeglicher Kompromiss mit Arabern ist eine S\u00fcnde wider Gott. Diese harte Haltung entstammt Kahanes Vorstellung, das Judentum sei von aller Welt gehasst, st\u00e4ndig bedroht und besonders Israel von Todfeinden umzingelt. Er wollte daher die j\u00fcdische Opferrolle umkehren und betonte daher die heroisch-k\u00e4mpferische Tradition der Israeliten. Dazu benutzen seine Anh\u00e4nger Zeloten<a href=\"#_ftn42\" name=\"_ftnref42\">[42]<\/a>, Makkab\u00e4er<a href=\"#_ftn43\" name=\"_ftnref43\">[43]<\/a>, Simon Ben Kochbar<a href=\"#_ftn44\" name=\"_ftnref44\">[44]<\/a>, den Masada-Mythos<a href=\"#_ftn45\" name=\"_ftnref45\">[45]<\/a>, die zionistischen Pioniere und die revolution\u00e4r-zionistischen Terrorgruppen als Ahnherren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Zur Durchsetzung seiner Ziele gr\u00fcndete er 1968 die \u201eJ\u00fcdische Verteidigungsliga\u201c und 1973 die ordens\u00e4hnliche Organisation \u201eKach\u201c (=Dennoch!).<a href=\"#_ftn46\" name=\"_ftnref46\">[46]<\/a> Unter Jugendlichen in Israel und der Diaspora finden beide Gruppen gro\u00dfen Anklang. Wie kaum ein anderer Politiker Israels forderte Kahane die T\u00f6tung oder zumindest die Vertreibung aller Araber aus Gro\u00dfisrael.<a href=\"#_ftn47\" name=\"_ftnref47\">[47]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Zu diesem militanten Lager geh\u00f6rte auch der Arzt Baruch Goldstein (1956-1994), der eine Moschee \u00fcberfiel und 29 Muslime t\u00f6tete. Vom messianischen Charakter des Kahanismus zeugt der vereitelte Plan, den Felsendom in Jerusalem zu sprengen, um Platz f\u00fcr einen neuen j\u00fcdischen Tempel als Zentralheiligtum zu schaffen. \u201eNoch alarmierender jedoch war das zus\u00e4tzliche Motiv der Terroristen. Durch Vernichtung eines derart hoch verehrten islamischen Heiligtums wollten sie obendrein einen verheerenden Krieg zwischen Israel und der muslimischen Welt ausl\u00f6sen. Die Vision der Terroristen bestand darin, dass ein belagerter j\u00fcdischer Staat . . . keine andere Wahl hatte, als sein nukleares Arsenal einzusetzen. Das Ergebnis w\u00fcrde dann die vollst\u00e4ndige Ausl\u00f6schung der arabischen Feinde Israels und die Errichtung eines neuen `K\u00f6nigreichs Israel` auf Erden sein . . .\u201c<a href=\"#_ftn48\" name=\"_ftnref48\">[48]<\/a><\/span><\/p>\n<h1>Exkurs II: Postzionismus<\/h1>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Mit der Intifada von 1987 und deren r\u00fccksichtsloser Niederschlagung sowie dem folgenden hoffnungsvollen Friedensprozess von Oslo unter Jitzchak Rabin (1922-1995) und Shimon Perez (1923-2006) entstand der sogenannte Postzionismus. Dessen Verk\u00fcnder stammen aus der jungen sozialwissenschaftlichen Universit\u00e4tsgeneration, der Frauen- und Homosexuellen-Bewegung sowie dem K\u00fcnstlermilieu. Sie sehen in allen zionistischen Str\u00f6mungen \u00fcberholte Ideologien. \u00c4hnlich den linksliberalen `68ern Westeuropas setzen sie sich f\u00fcr eine multikulturelle Gesellschaft ohne j\u00fcdisch-religi\u00f6se wie j\u00fcdisch-ethnische Pr\u00e4gung ein. Stattdessen sehen sie im Globalismus und der Hinwendung zur liberaldemokratischen Westlichen Wertegemeinschaft mit Laizismus und Individualisierung (Pluralismus an Lebensstilen, Genderisierung) die Chance auf Neuanfang. Folgerichtig wenden sie sich gegen die praktizierte privilegierte j\u00fcdische Einwanderung. Um der gew\u00fcnschten Multikulturalit\u00e4t Ausdruck zu verleihen, pr\u00e4ferieren Postzionisten den Begriff \u201eMedinah\u201c statt \u201eEretz\u201c Israel, also den neutralen Staat, da \u201eEretz\u201c j\u00fcdisch religi\u00f6s und v\u00f6lkisch aufgeladen sei.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Besonders deutlich wird die postzionistische Position bei der Bewertung des Holocaust und der Araber Israels. Bei der Thematisierung des Holocaust durch das offizielle Israel (\u201eZionisierung der Schoah\u201c) st\u00f6\u00dft man sich an dessen Instrumentalisierung zur Rechtfertigung chauvinistischer Machtpolitik und eines ewigen j\u00fcdischen Opferstatus (Israel als Staat der ewigen Opfer und Verfolgten), stattdessen wird der universelle Charakter des Holocaust als Metapher aller V\u00f6lkermorde der Menschheitsgeschichte betont. \u201eSymbolisch ausgedr\u00fcckt, sind aus Auschwitz zwei V\u00f6lker hervorgegangen: eine Minderheit, die behauptet: `Es soll nie wieder passieren`, und eine verschreckte, furchterfasste Mehrheit, die behauptet: `Es soll nie wieder <em>uns<\/em> passieren`.\u201c<a href=\"#_ftn49\" name=\"_ftnref49\">[49]<\/a> (2)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die Postzionisten bekennen sich zu einer kritischen j\u00fcdisch-israelischen Geschichtsschreibung, nach der Holocaust und Antisemitismus in erster Linie dem zionistischen Projekt diene und erkennen in der j\u00fcdischen Landnahme ein Verbrechen an den arabischen Bewohnern. Die Vertreibung der Pal\u00e4stinenser und die institutionelle Ausgrenzung der Verbliebenen werden als Kolonialismus, Apartheid und Menschenrechtsverletzung gewertet. Ganz im Gegensatz zur offiziellen Interpretation, wonach die arabische Mehrheit nach Aufrufen ihrer Honoratioren gefl\u00fcchtet war, sehen die Postzionisten eine geplante Vertreibung derselben. (3)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die durchaus popul\u00e4re postzionistische Position der 1990er befindet sich seit der Intifada von 2000 und dem allgemeinen Rechtsruck Israels auf dem R\u00fcckzug. Die postzionistische Offensive l\u00f6ste einen regelrechten Kulturkampf um die Geschichtsdeutung (\u201eSchulbuchstreit\u201c) aus: Die linksliberale Bildungsministerin Schulamit Aloni (1928-2014) \u00a0sah in Sch\u00fclerexkursionen nach Auschwitz eine nationalistische Indoktrinierung der Jugend Israels und favorisierte eine universelle Geschichtsschreibung, w\u00e4hrend ihre rechtszionistische Nachfolgerin Limor Livnat (*1950) eine j\u00fcdischzentrierte Geschichtsschreibung mit dem t\u00e4glichen Singen der Nationalhymne in den Schulen forderte und im Postzionismus eine besonders perfide Form des Antisemitismus zu entdecken glaubt.<\/span><\/p>\n<h1>Exkurs III: Christlicher Zionismus<\/h1>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Christliche Zionismus ist keine eigenst\u00e4ndige Str\u00f6mung im Zionismus, sondern steht seines nichtj\u00fcdischen Charakters wegen jenseits von diesem. Man findet Christliche Zionisten \u00fcberproportional unter evangelikalen Erweckungschristen, weit weniger in den evangelisch-lutherischen Landeskirchen, kaum im Katholizismus.<a href=\"#_ftn50\" name=\"_ftnref50\">[50]<\/a> Allein in den USA und bis Mitte der 1980er auch in S\u00fcdafrika hatten Christliche Zionisten gro\u00dfen Einfluss in Politik und Wirtschaft, stellen aber keine US-amerikanische Besonderheit dar. Der US-amerikanische Auserw\u00e4hltheitsglaube (\u201eGod`s own country\u201c)<a href=\"#_ftn51\" name=\"_ftnref51\">[51]<\/a> oder die \u201eBritish-Israel-Movement\u201c<a href=\"#_ftn52\" name=\"_ftnref52\">[52]<\/a> spielen nur eine untergeordnete Rolle. Im Gegenteil: neben verbl\u00fcffenden Parallelen steht das jeweilige Monopol der Auserw\u00e4hltheit einer dauerhaften Symbiose entgegen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die christlich-zionistischen Theologen argumentieren, die alttestamentarischen Verhei\u00dfungen beziehen sich selbst nach dem Auftreten Christi allein auf die Juden. Bei Katholiken, Lutheranern und Orthodoxen dagegen auf ihre Kirche als das wahre neue Israel. Diese Interpretation entstand bereits gegen Ende des 19. Jhs..<a href=\"#_ftn53\" name=\"_ftnref53\">[53]<\/a> Da die Juden Jesus als ihren Messias zur\u00fcckwiesen, wurde die Endzeit verz\u00f6gert. Die christliche Kirche wurde zum historischen Subjekt Gottes, aber mit dem Aufkommen des Zionismus gegen Ende des 19. Jhs. l\u00f6sten die j\u00fcdischen Zionisten die Kirche ab. Die alttestamentarischen Prophezeiungen k\u00f6nnen damit wieder erf\u00fcllt werden und das Judentum bekommt somit seine zweite Chance.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Philosemitismus aus einem schlechten Gewissen wegen vergangenem Antijudaismus ist aber der letzte Antrieb Christlicher Zionisten, sie begr\u00fc\u00dften sogar Pogrome gegen Juden und verwehrten ihnen die Aufnahme in die USA. Damit sollte die j\u00fcdische Flucht vor Verfolgung und Leid nach Pal\u00e4stina, dem Gelobten Land, gelenkt werden. Tats\u00e4chlich sieht man im israelischen glaubenstreuen Juden den wahren Juden und verzichtet vorerst sogar auf christliche Missionierung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Mit der Gr\u00fcndung des modernen Judenstaates 1948 setzte die Endzeit ein, die Juden sammeln sich in Eretz Israel. Dabei \u00fcbernehmen die USA als Schutzmacht Israels<a href=\"#_ftn54\" name=\"_ftnref54\">[54]<\/a> die Rolle des alttestamentarischen persischen K\u00f6nigs Kyrus, der den Juden die R\u00fcckkehr aus dem Exil ebnete.<a href=\"#_ftn55\" name=\"_ftnref55\">[55]<\/a> W\u00e4hrend der Endzeit<a href=\"#_ftn56\" name=\"_ftnref56\">[56]<\/a> erscheint unerkannt der Antichrist und wird den Juden erlauben, den Tempel neu zu bauen. Aus diesem Grund sympathisieren Christliche Zionisten mit den Ultranationalisten Israels: also Vertretern des Religi\u00f6sen, Revolution\u00e4ren, Revisionistischen und Hyperzionismus. Jeder Friede mit den antijudaistischen Kreisen muss unter allen Umst\u00e4nden verhindert werden, ansonsten kann Armageddon nicht vollendet werden. Israel wird dann von allen Seiten bedroht und der Antichrist, der wahrscheinlich in Israel herrschen wird, bringt einen vor\u00fcbergehenden Scheinfrieden. Dieser Frieden darf aber eben nicht von Dauer sein, sondern muss vom alles vernichtenden Atomkrieg abgel\u00f6st werden. In dieser alles Leben beendenden Phase erscheint Christus, st\u00fcrzt den Antichristen und verk\u00fcndet das \u201eJ\u00fcngste Gericht\u201c. Jetzt m\u00fcssen sich auch die Juden bekehren.<a href=\"#_ftn57\" name=\"_ftnref57\">[57]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Den Christlichen Zionisten geht es also nicht um das Judentum als solches, sondern um dessen Auftrag. Israel muss hochger\u00fcstet und kompromisslos sein, sonst geht Gottes Plan nicht in Erf\u00fcllung. Ein liberales Israel der Gay-Pride-Paraden wird abgelehnt, ebenso jede Gebietskonzession an die Araber (Zwei-Staaten-L\u00f6sung), weil Gott 1967 ein Gro\u00df-Israel erm\u00f6glichte. Landr\u00fcckgabe bedeutet Gottesl\u00e4sterung. S\u00e4kularisierte, pazifistische und antizionistische Juden ziehen folgerichtig den christlich-zionistischen Hass auf sich.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Es ist darauf hinzuweisen, dass der Weg zum Antijudaismus sehr nahe liegt, wenn das Judentum seine Mission erf\u00fcllt hat oder nicht erf\u00fcllen will.<a href=\"#_ftn58\" name=\"_ftnref58\">[58]<\/a><a href=\"#_ftn59\" name=\"_ftnref59\">[59]<\/a> Gerade die \u201eChristian Identity Movement\u201c<a href=\"#_ftn60\" name=\"_ftnref60\">[60]<\/a> \u2013 ebenso keine US-amerikanische Spezialit\u00e4t -, sieht in allen Juden Kinder oder zumindest Diener des Antichristen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Es gibt noch weitere explizit prozionistische Str\u00f6mungen au\u00dferhalb des Judentums, die aber aus reinem machtpolitischen und nicht religi\u00f6sem Kalk\u00fcl entstanden: Solidarit\u00e4tsbekundungen mit Israel von Seiten mancher europ\u00e4ischer und indischer Hindu-Nationalisten. Einige europ\u00e4ische Nationalisten warfen ihren Antisemitismus \u00fcber Bord, nachdem sie im Islam und islamischer Einwanderung den Hauptfeind zu erkennen glauben. Sie sehen in einem starken Israel einen Vorposten im Herzen der islamischen Welt, das dort einen Stellvertreterkrieg f\u00fcr Europa f\u00fchrt. Bei indischen Nationalisten aller Couleur verh\u00e4lt es sich \u00e4hnlich, da das islamische Pakistan der \u00e4u\u00dfere Hauptfeind ist und die riesige muslimische Minderheit im Inneren dessen angebliche f\u00fcnfte Kolonne.<\/span><\/p>\n<h1>Innerisraelische Konfliktlinien<\/h1>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Zionismus steht auch nach Schaffung einer j\u00fcdischen Heimstatt vor neuen Herausforderungen. Eigentlich w\u00e4re sein Daseinszweck erf\u00fcllt, g\u00e4be es nur einen monolithischen Zionismus und alle Juden versammelten sich in Israel. Seit der Unabh\u00e4ngigkeit desselben konkurrieren die oben aufgef\u00fchrten \u201eZionismen\u201c um die innere Gestaltung des Judenstaats. Folgende offene Fragen bestimmen die innerisraelischen Widerspr\u00fcche:<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Israel als Schmelztiegel aschkenasischer Leitkultur oder ein Israel aus allen j\u00fcdischen Subethnien (\u201eEdot\u201c)?<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Welche religi\u00f6se Spielart (orthodox, konservativ, reformerisch) soll in welchem Grad Staat und Gesellschaft formen (theokratisch, kulturj\u00fcdisch, laizistisch)?<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Wie soll sich Israel gegen\u00fcber der globalistischen Herausforderung verhalten?<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Soll Israel Bestandteil der \u201eWestlichen Wertegemeinschaft\u201c sein?<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Welche Stellung sollen die in Israel verbliebenen Araber, religi\u00f6sen Minderheiten und Gastarbeiter erhalten?<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Wie gestaltet sich das Verh\u00e4ltnis zwischen Israel und der j\u00fcdischen Diaspora (Israel als \u201eRettungsboot\u201c, Israel als Anwalt, Israel als F\u00fchrer)?<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<h2>Zum Verh\u00e4ltnis der j\u00fcdischen Subethnien (\u201eEdot\u201c)<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die de facto Leitkultur wird heute immer noch von den angels\u00e4chsisch gepr\u00e4gten Aschkenasim bestimmt, die in Politik, Milit\u00e4r, Wirtschaft, Kunst und intellektuellem Leben dominieren. Allerdings darf die aschkenasische Assimilationspolitik als gescheitert angesehen werden, da v.a. Russischsprachige und Mizrahim\/Sephardim an Selbstbewusstsein gewannen und sich nur deren \u00fcberschaubare soziale Aufsteiger \u201easchkenasisieren\u201c. Die aschkenasische Dominanz zeigt sich v.a. in der Geschichtsschreibung: nur Aschkenasim waren zionistische Siedlungspioniere, Pogrom- und Holocaustopfer und Unabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfer.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Zur innerj\u00fcdischen Heterogenisierung tragen die hohe Geburtenrate der \u201eOrientalen\u201c und die hohe russischsprachige Einwanderung bei. Das israelische Judentum orientalisiert, w\u00e4hrend sich die Diaspora aschkenasisiert. Durch das Anwachsen der Nichtaschkenasim wird auch die Integration in die Westliche Wertegemeinschaft in Frage gestellt, was unter der aschkenasischen Elite \u00c4ngste hervorruft. Exemplarisch sei der liberale(!) Politiker Yosef Lapid (1931-2008) zitiert: \u201eWenn unsere Ausrichtung nach Westen unterminiert wird, haben wir keine Chance. Lassen wir erst zu, dass uns das osteurop\u00e4ische (die Russischsprachigen, D.S.) und das nordafrikanische (die Mizrahim\/Sephardim, D.S.) Ghetto dominieren, dann haben wir nichts mehr, worauf wir uns verlassen k\u00f6nnen. Wir w\u00fcrden uns in die semitische Region integrieren und in einem furchtbaren levantinischen Misthaufen versinken.\u201c<a href=\"#_ftn61\" name=\"_ftnref61\">[61]<\/a> Nach wie vor bilden die Nichtaschkenasim die untere soziale Schicht, weshalb es inzwischen Quotenregelungen bei der Vergabe \u00f6ffentlicher \u00c4mter gibt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die Russischsprachigen stellen eine besondere Herausforderung dar: sie zeichnen sich im Gegensatz zu den \u201eOrientalen\u201c durch eine hohe Bildung aus und sind nach 1991 aus sozialen Gr\u00fcnden eingewandert, nicht aus Verfolgungsdruck. Wegen der gro\u00dfz\u00fcgigen Einwanderungspolitik f\u00fcr Juden mit dem Recht auf Familiennachzug wanderten auch sehr viele angeheirate Nichtjuden und deren Nachkommen mit ein \u2013 ein j\u00fcdischer Gro\u00dfelternteil reicht aus<a href=\"#_ftn62\" name=\"_ftnref62\">[62]<\/a>. Das Dilemma der Russischsprachigen besteht darin, dass sie in der UdSSR als Juden registriert wurden, wenn der Vater Jude war, w\u00e4hrend es in Israel nach der Mutter geht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die Russischsprachigen sehen sich trotz ihrer volklichen Heterogenit\u00e4t als kulturelle Einheit, was sich an ihrer r\u00e4umlichen Konzentration in Entwicklungsst\u00e4dten und dem Vorhandensein einer eigenen Infrastruktur (russischsprachige Medien, Theater, Parteien) zeigt, zudem pflegen sie noch zahlreiche russisch-christliche Br\u00e4uche und verzehren das tabuisierte Schweinefleisch. Wegen der Konkurrenzsituation um billige, unattraktive Arbeitspl\u00e4tze und dem Mangel an j\u00fcdischer Religiosit\u00e4t stehen sie auch im Widerspruch zu Mizrahim\/Sephardim. Es l\u00e4sst sich sogar das Ph\u00e4nomen Antisemitismus beobachten, wenn die abgelehnten Neueinwanderer in eine zuvor kaum vorhandene russisch-nationalistische Identit\u00e4t fl\u00fcchten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die aus \u00c4thiopien stammenden Falaschas \u2013 Eigenbezeichnung \u201eBeita Israel\u201c (=Haus Israel) -wurden erst 1975 von aschkenasischen und sephardischen Rabbinern als authentische Juden anerkannt, nachdem sie nochmals zum (orthodoxen) Judentum konvertieren mussten, um die israelische Staatsb\u00fcrgerschaft zu erhalten. Die Falaschas bekannten sich zuvor zwar zur Thora, nicht aber zu deren rabbinischen Interpretationssammlung Talmud. Bis heute stehen die Falaschas trotz aller F\u00f6rderma\u00dfnahmen au\u00dferhalb der j\u00fcdischen Gemeinschaft, da sie ihres negriden Einschlags wegen stark diskriminiert werden und im Alltag amharisch sprechen. Symptomatisch daf\u00fcr war der Blutskandal von 1996, als von Falaschas gespendetes Blut f\u00fcr Krankenh\u00e4user wegen pauschalen HIV-Verdachts vernichtet wurde.<\/span><\/p>\n<h2>Israel und die j\u00fcdische Religion<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Das Verh\u00e4ltnis von Staat und Religion ist ambivalent: Trotz der zugesicherten Religionsfreiheit wird die j\u00fcdische Konfession orthodoxer Pr\u00e4gung privilegiert, gleichwohl auch s\u00e4kulare Tendenzen innerhalb der Gesellschaft zunehmen. Das h\u00e4ngt mit dem j\u00fcdischen Charakter Israels sowohl im ethnischen als auch religi\u00f6sen Sinn zusammen<a href=\"#_ftn63\" name=\"_ftnref63\">[63]<\/a>. Staat und Religion lassen sich nicht immer klar abgrenzen, so gibt es vier S\u00e4ulen der Kompetenzverteilung:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">1)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Regelung von Personenstandsfragen nach religi\u00f6ser Vorschrift, kein ziviles Familienrecht<a href=\"#_ftn64\" name=\"_ftnref64\">[64]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">2)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Shabat und religi\u00f6se Feiertage als gesetzliche Ruhetage<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">3)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Einhaltung von Speisevorschriften in \u00f6ffentlichen Einrichtungen<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">4)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Autonomie orthodoxer Bildungseinrichtungen und sonstiger\u00a0 Infrastruktur,<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Befreiung Orthodoxer vom Milit\u00e4rdienst<a href=\"#_ftn65\" name=\"_ftnref65\">[65]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Als Folge kann z.B. nur innerhalb der gleichen Religion geheiratet werden, weshalb interreligi\u00f6se wie auch zahlreiche innerj\u00fcdische Trauungen nur im Ausland stattfinden k\u00f6nnen, die dann in Israel Anerkennung finden. Innerj\u00fcdische Trauungsw\u00fcnsche werden n\u00e4mlich vom orthodoxen aschkenasischem wie sephardischem Rabbinat begutachtet. Von begutachteter mangelnder j\u00fcdischer Religiosit\u00e4t sind h\u00e4ufig russischsprachige Einwanderer betroffen, die dann in die Religionsstatistik als \u201eohne Religionszugeh\u00f6rigkeit\u201c eingehen<a href=\"#_ftn66\" name=\"_ftnref66\">[66]<\/a>. Die Macht des Rabbinats zeigt sich auch darin, dass Nichtjuden (auch S\u00e4kulare) eigene Friedh\u00f6fe ben\u00f6tigen, Obduktionen nur sehr selten durchgef\u00fchrt werden d\u00fcrfen und \u00f6ffentliche Verkehrsmittel und Einrichtungen am Shabat nicht in Betrieb sind.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Gegen diese starke rabbinische Bastion formierte sich in den letzten zwanzig Jahren eine starke s\u00e4kulare Gegenbewegung, weshalb heute ein regelrechter Kulturkampf tobt. Dabei k\u00f6nnen die S\u00e4kularen in den Gro\u00dfst\u00e4dten an Boden gewinnen, am Shabat bleiben hier Gesch\u00e4fte und Kinos ge\u00f6ffnet. \u00dcberhaupt polarisiert die Gesellschaft zwischen wachsenden S\u00e4kularen und einer durch hohe Geburtenratenrate wachsenden Orthodoxie, w\u00e4hrend sich die gem\u00e4\u00dfigten religi\u00f6sen Positionen der Progressiven wie Konservativen in die eine oder andere Richtung anschlie\u00dfen, um nicht zerrieben zu werden. Eine Konfliktlinie der Zukunft zeichnet sich hierbei in ihren noch gar nicht absch\u00e4tzbaren Ausma\u00dfen f\u00fcr das ohnehin zerrissene Land ab.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Unter den heterogenen Orthodoxen gibt es auch einen Wandel: Die urspr\u00fcnglich mehrheitlichen Antizionisten (Siehe Exkurs I: Religi\u00f6ser Antizionismus) wandeln sich zu religi\u00f6s motivierten Zionisten (Siehe Religi\u00f6ser Zionismus und Kahanismus), die in Israel zwar immer noch eine areligi\u00f6se Fehlgr\u00fcndung sehen, dessen staatlichen Rahmen sie aber religi\u00f6s gef\u00fcllt wissen wollen. Dabei l\u00e4sst sich dieses Umdenken bei sephardischen Orthodoxen st\u00e4rker beobachten als bei den skeptischen aschkenasischen.<\/span><\/p>\n<h2>Die arabische Minderheit<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die wachsende arabische Minderheit auf dem israelischen Gebiet<a href=\"#_ftn67\" name=\"_ftnref67\">[67]<\/a> von 1948-1967 lebt relativ friedlich neben den Juden, aber eben nicht mit ihnen. Bis heute werden die Araber misstrauisch als potentielle f\u00fcnfte Kolonne beobachtet. In ihren Artikulations- und Partizipationsm\u00f6glichkeiten sind sie stark beeintr\u00e4chtigt: Bis 1966 standen sie unter Milit\u00e4rverwaltung und ihre Bewegungsfreiheit wurde behindert<a href=\"#_ftn68\" name=\"_ftnref68\">[68]<\/a>. Erst seit 1967 gibt es regelm\u00e4\u00dfigen Kontakt zu den pal\u00e4stinensischen Arabern des Westjordanlands. Bis heute verhindert der israelische Staat die Ausdehnung arabischer Ortschaften, um nicht noch gr\u00f6\u00dfere geschlossene Siedlungsgebiete zu schaffen. Die j\u00fcdische Hegemonie und interethnische Ungleichbehandlung zeigen sich deutlich bei Wehrpflicht und Einwanderung: hier sind Araber (au\u00dfer Drusen und bestimmte Beduinen) vom Wehrdienst ausgenommen und d\u00fcrfen diesen \u201efreiwillig\u201c ableisten, wohl wissend, dass dies in der Praxis \u00e4u\u00dferst selten geschieht. Der privilegierten j\u00fcdischen Einwanderung steht ein de facto arabischer Zuzugsstopp (auch bei der Familienzusammenf\u00fchrung) diametral entgegen. Bemerkenswert ist die von der offiziellen j\u00fcdischen \u00d6ffentlichkeit tabuisierte Eheschlie\u00dfung zwischen Juden und Arabern, was als Verrat am Judentum angesehen wird. Da es keine Zivilehe gibt, k\u00f6nnen auf israelischem Boden auch keine von der Halacha verbotenen Ehen zwischen Juden und Nichtjuden geschlossen werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Aber auch das Verh\u00e4ltnis zu den gefl\u00fcchteten bzw. vertriebenen Arabern war lange gespannt. Die Daheimgebliebenen galten als Verr\u00e4ter und \u201eIsraelisierte\u201c. Dem Selbstverst\u00e4ndnis nach sahen sie sich auch bis etwa 2000 prim\u00e4r als arabische Israelis denn Pal\u00e4stinenser. Das \u00e4nderte sich mit der Intifada von 2000, als sich Israels Araber weitgehend mit der Rebellion solidarisierten, ja identifizierten und sich folglich als kolonialisierter pal\u00e4stinensischer Zweig des arabischen Volks definierten. Auch nimmt die R\u00fcckbesinnung auf die islamische sunnitische Orthodoxie zu, was sich am Erstarken politisch islamischer Parteien zeigt. Mit Israel identifiziert sich nur eine liberale, drusische und christliche \u00a0Minderheit. Das \u00e4u\u00dfert sich deutlich an den Feierlichkeiten zum israelischen Unabh\u00e4ngigkeitstag, der als \u201eTag der Katastrophe\u201c (\u201eNakba\u201c) begangen wird. Es kann ganz klar von einer arabischen Parallelgesellschaft mit eigener Infrastruktur und Parteien gesprochen werden. Was diese Araber jedoch trotz alledem zur\u00fcckhalten l\u00e4sst, sind die materiellen Vorteile und rechtsstaatlichen Sicherheiten, die sich von den arabischen Nachbarstaaten abheben. Arabisch ist immerhin zweite Amtssprache, wird jedoch immer wieder in Frage gestellt, um den j\u00fcdischen Charakter Israels zu betonen.<\/span><\/p>\n<h1>Hat der Zionismus die Juden-Frage gel\u00f6st?<\/h1>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Mit der Gr\u00fcndung Israels 1948 hat der urspr\u00fcngliche Zionismus sein Hauptziel erf\u00fcllt &#8211; die dargestellten, h\u00e4ufig gegens\u00e4tzlichen zionistischen Str\u00f6mungen aber nur bedingt oder gar nicht. Deren Vertreter versuchen auch weiterhin Israels Politik ma\u00dfgeblich zu gestalten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Ist die Juden-Frage mit der Staatsgr\u00fcndung gel\u00f6st oder hat sie sich versch\u00e4rft?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Israel f\u00fchlt sich heute mehr denn je allein und von Todfeinden belagert. Der zionistische Traum, alle Juden in einem eigenen Staat zusammenzuf\u00fchren, kehrt sich ins Gegenteil um: Immer mehr Juden wandern wieder aus Israel aus, besonders junge und qualifizierte. Das l\u00e4sst sich auf \u00f6konomische Probleme zur\u00fcckf\u00fchren und nat\u00fcrlich auf die prek\u00e4re Sicherheitslage.<a href=\"#_ftn69\" name=\"_ftnref69\">[69]<\/a> Hinzu kommt das Bewusstsein, ohne finanzielle und materielle Zuwendungen der Diaspora, USA und Deutschland k\u00f6nnte die eigene Nation nicht existieren: Das heutige Israel ist \u00fcberbev\u00f6lkert und besitzt ohnehin \u00a0geringe nat\u00fcrliche Ressourcen, daf\u00fcr Wasserknappheit, einen begrenzten Binnenmarkt, einen fehlenden Zugang zu M\u00e4rkten seiner (arabischen) Umwelt und sehr hohe Verteidigungsausgaben. Die demographische Entwicklung<a href=\"#_ftn70\" name=\"_ftnref70\">[70]<\/a> verspricht zudem einen massiven R\u00fcckschlag zionistischer W\u00fcnsche. Die gro\u00dfe arabische Minderheit im Kernland und in den 1967 eroberten Gebieten nimmt zahlenm\u00e4\u00dfig rasant zu, auch die Zwei-Staaten-L\u00f6sung wird da nur verz\u00f6gernd wirken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die Diasporajuden nehmen zwar gro\u00dfen Anteil am Schicksal Israels, bringen dem Staat jedoch kaum gestalterisches Interesse entgegen.<a href=\"#_ftn71\" name=\"_ftnref71\">[71]<\/a> Vielmehr herrscht eine Art von schlechtem Gewissen vor, weshalb man als Jude das Angebot eines eigenen Staates nicht nutzt. Um sein Gewissen zu beruhigen spendet man dann f\u00fcr dies oder jenes israelische Projekt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die bereits angesprochene Polarisierung zwischen Aschkenasim und Mizrahim\/Sephardim ist an der wachsenden Distanz von Diaspora und Israel nicht unschuldig. Die orientalischen Juden haben weit h\u00f6here Geburtenraten als Aschkenasim, was zu einer \u201eOrientalisierung\u201c und \u201eSemitisierung\u201c Israels f\u00fchren muss. In der Diaspora leben aber nahezu ausschlie\u00dflich Aschkenasim, die an einem sephardischen Israel wenig Interesse haben. Auswandernde Aschkenasim k\u00f6nnen darum viel leichter in die Diaspora integriert werden als ihre sephardischen Glaubensbr\u00fcder.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Zur Sicherung des j\u00fcdischen Charakters Israels und zur Rechtfertigung der au\u00dfenpolitischen Narrenfreiheit, die sich gegen UNO-Resolutionen hinwegsetzt, spielt der Holocaust als Anlass der Staatsgr\u00fcndung eine immer wichtigere Rolle. \u201eDer symbolisch-sakrale Charakter des Holocaust wird am `Tag des Holocaust` (Schoa) erkennbar, der jedes Jahr genau eine Woche vor dem Unabh\u00e4ngigkeitstag begangen wird. Holocaust und staatliche Unabh\u00e4ngigkeit, Vernichtung und weltliche Auferstehung werden in einen unmittelbaren zeitlichen und damit inhaltlichen Zusammenhang gebracht. [. . .] Der Holocaust summiert und symbolisiert das gesamte Leid der langen und leidvollen Geschichte des j\u00fcdischen Volkes; er wurde zum K\u00fcrzel j\u00fcdischer Geschichte. Dabei geschah etwas ebenso Merkw\u00fcrdiges wie Typisches f\u00fcr alle Gruppen, die sich von ihrer religi\u00f6sen Tradition l\u00f6sen und zunehmend verweltlichen. Im Zuge dieser `S\u00e4kularisierung` wird Leid nicht mehr . . . als g\u00f6ttlich vorbestimmt verstanden, sondern als rein diesseitige Geschichte erfahren, das hei\u00dft als Menschenwerk und nicht als Gotteswerk. [. . .] Die Dejudaisierung des Judentums durch die Historisierung des j\u00fcdischen Leids und die religi\u00f6se Entleerung bewirken, dass die j\u00fcdische Geschichte sowie Israel, das hei\u00dft die j\u00fcdische Situation und nicht mehr die Religion, j\u00fcdische Identit\u00e4t stiften. Israel und die Juden brauchen daher den Holocaust als allgemeines und Deutschland als besonderes Symbol.\u201c<a href=\"#_ftn72\" name=\"_ftnref72\">[72]<\/a> Die religi\u00f6se Entleerung hat Bewusstsein st\u00f6rende Folgen: \u201eWenn die Juden und Israel `wie alle anderen V\u00f6lker` werden, m\u00fcssen zwangl\u00e4ufig zwei Entwicklungen eintreten: Zum einen wird die j\u00fcdische Diaspora ihre j\u00fcdische Substanz verlieren und sich assimilieren; zum anderen verliert Israel innerj\u00fcdische Anziehungskraft . . . Der j\u00fcdische Staat ist kein Notanker mehr. . . [. . .] Der Israelismus, das hei\u00dft ein nur ein auf den Errungenschaften Israels aufbauender und j\u00fcdisch-religi\u00f6s entleerter Nationalismus, ist kein Ausweg aus dieser Situation. [. . .] Die messianischen Obert\u00f6ne des Zionismus zeigen, dass israelischer Nationalismus . . . kein Nationalismus wie viele andere sein darf und noch nie sein durfte; er w\u00fcrde sich dann selbst in Frage stellen.\u201c<a href=\"#_ftn73\" name=\"_ftnref73\">[73]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die Juden-Frage hat sich nicht trotz, sondern wegen Israel und dem Holocaust versch\u00e4rft: Noch nie waren Juden weltweit so sehr verhasst wie heute. Israels ma\u00dflose H\u00e4rte gegen die Araber, seine au\u00dfenpolitische Arroganz und die exzessive Instrumentalisierung des Holocaust als singul\u00e4res Ereignis<a href=\"#_ftn74\" name=\"_ftnref74\">[74]<\/a> haben den Antijudaismus \u2013 v.a. im Zeichen des Antizionismus \u2013 universalisiert.<a href=\"#_ftn75\" name=\"_ftnref75\">[75]<\/a> Die Anklagen der Juden gegen ihre Verfolger werden mit dem Vorgehen Israels von Antizionisten aus aller Welt gegen\u00fcbergestellt, Zionismus und Nazismus deshalb als wesenverwandt erkannt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Israel wird wahrscheinlich noch im laufenden Jahrhundert als eigenst\u00e4ndiger Staat verschwinden und seine j\u00fcdischen Bewohner ein zweites Mal in alle Welt ausweichen. Es fragt sich, welchen Eindruck der neuzeitliche Judenstaat in den Geschichtsb\u00fcchern hinterl\u00e4sst. Eine erneute Staatsgr\u00fcndung anderswo (z.B. S\u00fcdamerika) hat deutlich mehr \u00dcberlebenschancen, doch hat kein Staat der Erde Land zu verschenken. Absurd zu glauben, alle Juden der Erde k\u00f6nnten je in das sehr begrenzte Israel einwandern. Bleibt zu hoffen, die christlich-zionistischen Erwartungen erf\u00fcllen sich nicht: \u201eWir haben einige hundert Atomsprengk\u00f6rper und Raketen und k\u00f6nnen sie auf Ziele \u00fcberall werfen, vielleicht auch auf Rom \u2026 Wir haben die M\u00f6glichkeit, die Welt mit uns zusammen untergehen zu lassen. Und ich kann Ihnen versprechen, da\u00df dies auch geschieht, bevor Israel untergeht \u2026\u201c<a href=\"#_ftn76\" name=\"_ftnref76\">[76]<\/a><\/span><\/p>\n<h2>Anmerkungen und Literaturhinweise<\/h2>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><span style=\"font-size: 14pt;\">[1]<\/span><\/a><span style=\"font-size: 14pt;\"> Die Juden-Frage kam genau wie die Deutsche oder Soziale Frage erst im 19. Jh. ins Bewusstsein. Im Zuge des europ\u00e4ischen V\u00f6lkerfr\u00fchlings und dem beginnenden Erwachen europ\u00e4ischer Kolonien in \u00dcbersee kam die Frage nach der j\u00fcdischen Identit\u00e4t und dem Verh\u00e4ltnis zur nichtj\u00fcdischen Umwelt auf. Diese elementare Frage wurde von j\u00fcdischer Seite selbst und Nichtjuden gestellt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Nachweislich tauchte \u201eZionismus\u201c erstmals in Nathan Birnbaums (1864-1937) Beitrag \u201eDie nationale Wiedergeburt des j\u00fcdischen Volkes in seinem Lande\u201c (1893) auf.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. Jesaja 8.18 Psalm 48; 76; 84; 87<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. Psalm 2: \u201eWas soll der Aufruhr unter den V\u00f6lkern? Wozu schmieden sie vergebliche Pl\u00e4ne? [. . .] Die Herrscher der Erde lehnen sich auf, die Machthaber verb\u00fcnden sich gegen den Herrn und den K\u00f6nig, den Er erw\u00e4hlt hat . . . Doch der Herr im Himmel lacht . . . `Ich habe meinen K\u00f6nig eingesetzt! Er regiert auf dem Zion, meinem heiligen Berg.` [. . .] `Du bist mein Sohn [der j\u00fcdische K\u00f6nig, D.S.], heute habe ich dich dazu gemacht. Fordere von mir alle V\u00f6lker, ich schenke sie dir; die ganze Erde gebe ich dir zum Besitz. Regiere sie mit eiserner Faust! Wenn du willst, zerschlag sie wie T\u00f6pfe aus Ton!`\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Zu den Pionieren geh\u00f6ren z.B. Franz Weidenreich (1873-1948) mit seinem \u201eWissenschaftlichen Institut zur Erforschung der Biologie der Juden\u201c, Wilhelm Nu\u00dfbaum (1908-1975) von der \u201eArbeitsgemeinschaft f\u00fcr J\u00fcdische Erforschung und Erbfolge\u201c sowie Arthur Czellitzer (1871\u20131943) von der \u201eGesellschaft f\u00fcr j\u00fcdische Familienforschung\u201c. Vgl. Lipphardt, Veronika: Biologie der Juden. J\u00fcdische Wissenschaftler \u00fcber &#8222;Rasse&#8220; und Vererbung 1900 \u2013 1935, G\u00f6ttingen 2008.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Die These zahlreicher Antizionisten, wonach die Juden eine reine Religionsgemeinschaft sind, wird vom Verfasser nicht geteilt. F\u00fcr den gegenteiligen Standpunkt steht der israelische Geschichtsprofessor Shlomo Sand. Vgl. Sand, Shlomo: Die Erfindung des j\u00fcdischen Volkes \u2013 Israels Gr\u00fcndungsmythos auf dem Pr\u00fcfstand, Berlin 2011.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Nicht-Auserw\u00e4hlte werden als \u201eGojim\u201c bezeichnet, was sowohl als fremdes gottloses Volk als auch als \u201eBestie\u201c zu deuten ist. In jedem Fall besteht eine negative Konnotation.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Martin Buber: Hebr\u00e4ischer Humanismus, in: ders.: Der Jude und sein Judentum, Gerlingen 1993, S. 724.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Seit 1951 existiert ein Staatsb\u00fcrgerschaftsgesetz in Israel, wonach jeder einwandernde Jude automatisch die Staatsangeh\u00f6rigkeit erh\u00e4lt. Es gilt hier also das Abstammungsprinzip. Bei j\u00fcdischen Israelis wird im Personalausweis unter \u201eNationalit\u00e4t\u201c noch das Wort \u201eJude\u201c vermerkt, bei arabischen Isarelis \u201eAraber\u201c. Zwischen Nationalit\u00e4t und Religion wird also bei Juden nicht unterschieden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Die \u201eBlack-Hebrew-Movement\u201c reklamiert f\u00fcr die Negride Rasse, die wahren Juden zu sein. Entstanden ist diese Bewegung Ende des 19. Jh. in Nordamerika und Karibik. Man beruft sich dabei auf die Nachkommenschaft von K\u00f6nig Salomon und der schwarzen K\u00f6nigin von Saba (Jemen).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Auf die Theorie, Aschkenasim stammen von den turanischen Chasaren ab, kann an dieser Stelle nur verwiesen werden. Es existieren zu viele Spekulationen und zuwenig Gewissheiten. Der chasarische Erbanteil muss aber im Zuge weiter Assimilierungstendenzen marginal sein. Tats\u00e4chlich ist der semitische Erbanteil an den Sephardim und Mizrahim deutlich gr\u00f6\u00dfer. Vgl. zur Pro-Chasaren-Theorie: Koestler, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arthur_Koestler\">Arthur:<\/a> <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_dreizehnte_Stamm\">Der dreizehnte Stamm<\/a>. Das Reich der Khasaren und sein Erbe, Wien 1977. Vgl. zur Kontra-Chasaren-Theorie: Preiser-Kapeller, Johannes: Das &#8222;j\u00fcdische&#8220; Khanat. Geschichte und Religion des Reiches der Chasaren, in: Karfunkel. Zeitschrift f\u00fcr erlebbare Geschichte Nr. 79 (2008\/2009) S. 17-22.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Das Tragen von dunklen Kaftanen ahmte die Mode polnischer Adliger nach.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Unter den Sephardim gibt es ein Pendant zum Jiddischen: \u201eLadino\u201c \u2013 das Judenspanische. Dieses wird heute kaum noch gesprochen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Der Begriff geht auf den ehemaligen Anarchisten Wilhelm Marr (1819-1904) zur\u00fcck, der in seiner Auseinandersetzung mit dem verhassten Karl Marx dessen j\u00fcdische Wurzeln als unab\u00e4nderliches Kainsmal heraushob, um den Vater des \u201eWissenschaftlichen Sozialismus\u201c zu diskreditieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Die offene Juden-Frage des 19. Jh. wurde in den einzelnen Staaten Europas unterschiedlich gestellt. Frankreichs jakobinisches Nationalverst\u00e4ndnis lehnte z.B. die religi\u00f6se j\u00fcdische Sonderstellung ab und forderte die staatsb\u00fcrgerliche Integration in den \u201econtract social\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Vgl. Hess, Moses: Rom und Jerusalem. Die letzte Nationale Frage 1862.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Vgl. Pinsker, Leon: Autoemancipation! Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden (1882)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Einen ersten H\u00f6hepunkt markierte der Tod des ersten j\u00fcdischen Offiziers der Russischen Armee, Joseph Trumpeldor (1880-1920), der 1911 nach Pal\u00e4stina auswanderte und im antiarabischen Verteidigungskampf starb. Trumpeldor wird heute als wichtigster M\u00e4rtyrer in Israel verehrt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Vgl. Herzls Hauptwerke \u201eDer Judenstaat. Versuch einer modernen L\u00f6sung der Judenfrage\u201c 1896 und sein sozialutopischer Roman \u201eAltneuland\u201c (1902)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> \u201eIch glaube zu erkennen, was im Antisemitismus roher Scherz, gemeiner Brotneid, angeerbtes Vorurteil, religi\u00f6se Unduldsamkeit \u2013 aber auch was darin vermeintlich Notwehr ist Ich halte die Judenfrage weder f\u00fcr eine soziale noch f\u00fcr eine religi\u00f6se, wenn sie sich auch noch so oder anders f\u00e4rbt. Sie ist eine nationale Frage\u2026\u201c (Der Judenstaat, S. 6)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Herzl erkannte auch im Rassenantisemitismus ein positives Moment: Assimilierungswillige Juden wurde auf diese Weise wieder zu bewussten Juden gemacht. \u201eDabei bemerkt man [. . .] nicht, dass unser Wohlergehen uns als Juden schw\u00e4cht und unsere Besonderheiten ausl\u00f6scht. Nur der Druck presst uns wieder an den alten Stamm, nur der Hass unserer Umgebung macht uns wieder zu Fremden.\u201c (Theodor Herzl: Der Judenstaat, S. 14)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> Erinnert sei exemplarisch an das Umherlavieren britischer Regierungen, die einmal auf Juden (z.B. Balfour-Deklaration und das Aufstellen einer \u201eJ\u00fcdischen Legion\u201c im Ersten Weltkrieg), andermal auf die Araber zugingen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> Zu den wichtigsten Organisationen dieser Str\u00f6mung geh\u00f6r(t)en: die radikale marxistisch-nationalistische Poale Zion (Arbeiter Zion) aus Osteuropa, die Gewerkschaftsbewegung Histraduth und die heutigen sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien. David Ben Gurion (1886-1973) geh\u00f6rte zu den prominentesten Vertretern.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> Eine wesentliche Wurzel des rechtskonservativen \u201eLikud-Blocks\u201c war die sozialistische \u201eArbeiterbewegung f\u00fcr Gro\u00dfisrael\u201c, die sich von der sozialdemokratischen Arbeitspartei abspaltete.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> Es handelt sich um revisionistische Marxisten, die Marx als originell j\u00fcdischen Denker verehren und eben nationalistisch ausgerichtet sind.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> J\u00fcdische Marxisten waren meist Mitglied in den nationalen Sektionen der Zweiten bzw. ab 1919 der Kommunistischen Internationale oder im Fall Russlands des \u201eAllgemeinen J\u00fcdischen Arbeiterbunds\u201c. Nach marxistischer Diktion war die Juden-Frage Angelegenheit der kapitalistischen Weltordnung und mit deren Sturz gel\u00f6st, der Zionismus war als nationalistische Ideologie ebenfalls Teil des Kapitalismus und spaltet nur die Arbeiter-Internationale.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref27\" name=\"_ftn27\">[27]<\/a> Mit der \u201eNeuen Zionistischen Organisation\u201c gr\u00fcndete Jabotinski 1935 einen eigenen globalen Dachverband, der sich 1946 wieder mit der urspr\u00fcnglichen \u201eZionistischen Weltorganisation\u201c vereinte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref28\" name=\"_ftn28\">[28]<\/a> Diese ungew\u00f6hnlich anmutende L\u00f6sung resultiert aus dem Problem, gar keinen legitimen Thronanw\u00e4rter zu haben. Der m\u00fcsste n\u00e4mlich aus dem Hause David stammen. Eine solche Interimsl\u00f6sung wurde auch im k\u00f6nigslosen K\u00f6nigreich Ungarn 1920-1944 verwirklicht bzw. in Estland 1919, Tschechoslowakei 1919, Polen 1918 und Finnland 1919 diskutiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref29\" name=\"_ftn29\">[29]<\/a> Mit der Gr\u00fcndung des \u201eLikud-Blocks\u201c (etwa: der Zusammenschluss, Festung) 1973 wurde das zersplitterte revisionistische Lager vereint. In dieser gro\u00dfen s\u00e4kularen Sammlungspartei existieren liberale, konservative und faschismus\u00e4hnliche Fraktionen. Immer wieder kommt es zu radikal-nationalistischen Abspaltungen und Fusionen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref30\" name=\"_ftn30\">[30]<\/a> Kadima! (=Vorw\u00e4rts!) wurde 2005 als gem\u00e4\u00dfigte Abspaltung vom \u201eLikud-Block\u201c gegr\u00fcndet. Auch in \u201eKadima\u201c sind ultranationalistische Fraktionen pr\u00e4sent.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref31\" name=\"_ftn31\">[31]<\/a> In dieser Identit\u00e4tsfrage sind die Pal\u00e4stinenser selbst uneins. Manche sind panarabisch orientiert, andere gro\u00dfsyrisch und die wichtigsten politischen Organisationen (z.B. PLO und HAMAS) national-pal\u00e4stinensisch arabischer Kultur. Letztere leiten ihre volkliche Entwicklung von den antiken Philistern ab (Pal\u00e4stina hei\u00dft auf Arabisch auch Filistan). Der Begriff \u201ePal\u00e4stina\u201c stammt von den r\u00f6mischen Kolonialherren und wurde erst von den Briten wieder entdeckt. Als Eigenbeizeichnung dient \u201ePal\u00e4stinenser\u201c erst seit den 1970ern, als man von den arabischen Br\u00fcdern entt\u00e4uscht wurde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref32\" name=\"_ftn32\">[32]<\/a> Ma\u00dfgeblich wurde diese Fraktion vom Journalisten Abba Achimeir (1897-1962) gepr\u00e4gt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref33\" name=\"_ftn33\">[33]<\/a> \u201eNichts scheint ihm (Hitler, D.S.) wertvoller, h\u00f6her, heiliger zu sein als die Ehre und das Wohl seines deutschen Volkes. Ihm zu helfen und zu dienen, es aus Not und Versklavung herauszuf\u00fchren, ihm die Freiheit und Ehre wiederzugeben, es stark und gl\u00fccklich zu machen, ist sein Traum. Ihn zu verwirklichen schreckt er vor nichts zur\u00fcck, bek\u00e4mpft er Kommunisten und Marxisten . . . Er setzt sich \u00fcber Fronvertr\u00e4ge hinweg, sch\u00fcttelt das unertr\u00e4gliche Joch der Siegerstaaten ab . . .\u201c Elieser, Gedalja Ben: J\u00fcdisches Volk, antworte! Notwendigkeiten, Wege und Ziele eines v\u00f6lkischen Zionismus, Vi\u00f6l 1998 (Reprint von 1937), S. 197f..<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref34\" name=\"_ftn34\">[34]<\/a> Mit dem beginnenden Kriegszustand Deutschland \u2013 Gro\u00dfbritannien wurde ein strategisches B\u00fcndnis vieler Revolution\u00e4rer Zionisten mit den Achsen-M\u00e4chten erneut popul\u00e4r. Erstens sorgte Hitlers Staatsantisemitismus f\u00fcr die gew\u00fcnschte Auswanderungswelle, zweitens wurden sich viele Juden wieder ihres Judentums bewusst und drittens war f\u00fcr die Revolution\u00e4ren Zionisten London der Hauptfeind und nicht das ferne Berlin.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref35\" name=\"_ftn35\">[35]<\/a> Vgl. zu diesem komplexen Thema Nicosia, Francis R.: Hitler und der Zionismus. Das Dritte Reich und die Pal\u00e4stinafrage 1933-1939, Leoni a.S. 1989.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref36\" name=\"_ftn36\">[36]<\/a> Die legend\u00e4re \u201eHaganah\u201c (=Verteidigung\u201c) von 1920 bis 1948 wird als erste bewaffnete Selbstschutzorganisation angesehen. Allerdings fehlte ihr das offensiv-aggressive Element der Revolution\u00e4ren Zionisten und die antibritische Sto\u00dfrichtung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref37\" name=\"_ftn37\">[37]<\/a> Es handelt sich dabei um die heute in Israel verehrten Gruppen: \u201eIrgun-Nationale Milit\u00e4rorganisation\u201c von 1931 und deren noch radikalere Abspaltung \u201eLehi-K\u00e4mpfer f\u00fcr die Freiheit Israels\u201c von 1940.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref38\" name=\"_ftn38\">[38]<\/a> Vgl. Sprinzak, Ehud: The Ascendance of Israel`s Radical Right, Oxford 1991.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref39\" name=\"_ftn39\">[39]<\/a> Exemplarisch f\u00fcr die orthodoxe Sicht: \u201eEs gibt schlechte, sehr viel schlechte Menschen unter uns, Juden voller S\u00fcnden . . . Gott aber findet sie einer Bu\u00dfe, einer Straf zu niedrig, zu unw\u00fcrdig, und w\u00e4hlt hierzu nur die Besten, Edelsten und Fr\u00f6mmsten aus. Denen erweist er die Gnade und Ehre, f\u00fcr alle schlechten Taten ihrer s\u00fcndhaften Stammesgenossen b\u00fc\u00dfen zu d\u00fcrfen, indem er sie von dieser Welt abberuft und um sich versammelt. Und genauso verh\u00e4lt es sich mit dem j\u00fcdischen Volke in seiner Gesamtheit. Es ist von Gott dazu auserkoren, f\u00fcr die S\u00fcnden aller V\u00f6lker zu leiden.\u201c Elieser, Gedalja Ben: J\u00fcdisches Volk, antworte! Notwendigkeiten, Wege und Ziele eines v\u00f6lkischen Zionismus, Vi\u00f6l 1998 (Reprint von 1937), S. 179.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref40\" name=\"_ftn40\">[40]<\/a> Dazu z\u00e4hlen die \u201eHaredin\u201c (=Die vor Gott Erzitternden) Vgl. Jes. 66.5 und ab 1939 die \u201eW\u00e4chter der Stadt\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref41\" name=\"_ftn41\">[41]<\/a> Vgl. ausf\u00fchrlich: Segev, Tom: 1967. Die zweite Geburt, M\u00fcnchen 2007.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref42\" name=\"_ftn42\">[42]<\/a> Die Zeloten waren kleine bewaffnete \u2013 quasi Guerrilla -, die ab 6. n. Chr. gegen die r\u00f6mischen Besatzer k\u00e4mpften. Au\u00dferdem waren sie erbitterte Gegner Jesus` und des fr\u00fchen Christentums. Die Zeloten garantierten also auch religi\u00f6s die j\u00fcdische Integrit\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref43\" name=\"_ftn43\">[43]<\/a> Die Makkab\u00e4er k\u00e4mpften gegen die hellenisch-seleukidische Fremdherrschaft und begr\u00fcndeten 165 v. Chr. bis 63 v. Chr. die rein j\u00fcdische Herrschaft der Hasmon\u00e4er als Hohepriester.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref44\" name=\"_ftn44\">[44]<\/a> Der herausragende F\u00fchrer der zelotischen Nachfolger, er f\u00fchrte 132-135 den letzten j\u00fcdischen Widerstand gegen Rom an.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref45\" name=\"_ftn45\">[45]<\/a> Diese Bergfestung dient als zentrales Symbol des j\u00fcdischen Selbstbehauptungswillen: Nach langer Belagerungszeit durch die R\u00f6mer t\u00f6teten sich die j\u00fcdischen Verteidiger selbst, um als freie Menschen aus dem Leben zu scheiden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref46\" name=\"_ftn46\">[46]<\/a> \u201eKach\u201c wurde nach einigen spektakul\u00e4ren Wahlerfolgen vom Staat Israel wegen Extremismus und Rassismus verboten. In den USA und EU wird die Organisation als terroristische Vereinigung gef\u00fchrt. Auf \u201eKach\u201c beziehen sich einige Nachfolgeorganisationen in Israel und Diaspora.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref47\" name=\"_ftn47\">[47]<\/a> Vgl. Hoffman, Bruce: Terrorismus \u2013 der unerkl\u00e4rte Krieg. Neue Gefahren politischer Gewalt, Frankfurt a.M. 1999, S. 132f.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref48\" name=\"_ftn48\">[48]<\/a> Hoffman, Bruce: Terrorismus \u2013 der unerkl\u00e4rte Krieg. Neue Gefahren politischer Gewalt, Frankfurt a.M. 1999, S. 134.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref49\" name=\"_ftn49\">[49]<\/a> So der Wissenschaftshistoriker Yehuda Elkana (1934-2012). Zitiert nach: Zuckermann, Moshe: Zweierlei Holocaust. Der Holocaust in den politischen Kulturen Israels und Deutschlands, G\u00f6ttingen 1998, S. 64f. (Hervorhebung im Original).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref50\" name=\"_ftn50\">[50]<\/a> Vgl. Clark, Victoria: Allies for Armageddon: The Rise of Christian Zionism, New Heaven 2007.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref51\" name=\"_ftn51\">[51]<\/a> Das us-amerikanische Sendungsbewusstsein speist sich aus zwei Quellen: aus einer freimaurerisch-liberal-republikanischen und aus einer pietistisch-protestantischen. In beiden F\u00e4llen erschien Nordamerika als Ziel verfolgter christlicher und liberaler Eiferer. Nach der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung 1776 gingen beide Wurzeln us-amerikanischer Identit\u00e4t eine unheilvolle Synthese ein, wonach der \u201eAmerican way of life\u201c und die US-Verfassung auch g\u00f6ttlich inspiriert sind und die gesamte Menschheit begl\u00fccken m\u00fcssen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref52\" name=\"_ftn52\">[52]<\/a> Diese immer kleiner werdende Bewegung glaubt, die Angelsachsen seien die Nachkommen der verschwundenen St\u00e4mme Altisraels und damit die wahren Israeliten. Das britische K\u00f6nigshaus soll demnach direkt von K\u00f6nig David abstammen, wie Jesus auch. Vgl. Herbert. W. Armstrong (1892-1986): The United States and Britain in Prophecy 1954.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref53\" name=\"_ftn53\">[53]<\/a> Hierbei ist der Brite John Nelson Darby (1800-1882) mit seinem apokalyptischen Millenarismus als wichtiger Stammvater zu nennen. Seine Anh\u00e4nger gr\u00fcndeten 1919 die \u201eWorld`s Conference of Christian Fundamentals\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref54\" name=\"_ftn54\">[54]<\/a> Mearsheimer, John J. \/Walt, Stephen M.: Die Israel-Lobby: wie die amerikanische Au\u00dfenpolitik beeinflusst wird, Frankfurt a. M. 2007.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref55\" name=\"_ftn55\">[55]<\/a> Vgl. Jesaja 45.1-5 \u201eDer Herr sagt von Kyrus: `Ich habe ihn erw\u00e4hlt und als meinen K\u00f6nig eingesetzt. Ich stehe ihm zur Seite, ich unterwerfe ihm die V\u00f6lker und nehme ihren K\u00f6nigen die Macht; ich \u00f6ffne ihm T\u00fcren und Tore.` Und zu Kyrus selbst sagt er: `Ich gehe vor dir her und beseitige alles, was dir im Weg steht. [. . .] ich liefere dir die verborgenen Sch\u00e4tze und die versteckten Vorr\u00e4te aus. Daran sollst du erkennen, dass ich . . . dich in meinen Dienst genommen habe . .\u00a0 . denn durch dich will ich meinem Volk Israel helfen. . .`\u201c (Jesaja 45,1-5) Kann man da dem Christlichen Zionisten George W. Bush wirklich nachtragend sein?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref56\" name=\"_ftn56\">[56]<\/a> Vgl. Matt\u00e4us 24.3ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref57\" name=\"_ftn57\">[57]<\/a> Vgl. R\u00f6mer 11.25f.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref58\" name=\"_ftn58\">[58]<\/a> Bsp. f\u00fcr eine alternative Sicht auf Holocaustpolitik, Landnahme und Araberpolitik siehe: Segev, Tom: Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1995; Zuckermann, Moshe: Die Parzellierung der Shoah-Erinnerung im heutigen Israel. Vom historischen Ereignis zum Gegenstand ideologischer Projektion, in: Gephart, Werner \/Saurwein, Karl-Heinz (Hrsg.): Gebrochene Identit\u00e4ten: zur Kontroverse um kollektive Identit\u00e4ten in Deutschland, Israel, S\u00fcdafrika, Europa und im Identit\u00e4tskampf der Kulturen, Opladen 1999, S. 47-60; Zuckermann, Moshe: Zweierlei Holocaust. Der Holocaust in den politischen Kulturen Israels und Deutschlands, G\u00f6ttingen 1998; Kimmerling, Baruch: Politizid. Ariel Sharons Krieg gegen das pal\u00e4stinensische Volk, M\u00fcnchen 2003.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref59\" name=\"_ftn59\">[59]<\/a> So warnte der Politiker Yossi Sarid (1940-2015): \u201eF\u00fcr die Evangelikalen ist die R\u00fcckkehr der Juden in ihr Land, besonders ein von Moslems freies Gro\u00df-Israel, eine Grundvoraussetzung f\u00fcr eine umfassende christliche Erl\u00f6sung, die neben anderem die Austilgung der Juden als Volk einschlie\u00dft.\u201c zitiert nach: Bartholomew, Richard: \u201eEine seltsame kalte Zuneigung\u201c. Christlicher Zionismus und \u201edie Juden\u201c, in: Loewy, Hanno (Hrsg.): Ger\u00fcchte \u00fcber die Juden. Antisemitismus, Philosemitismus und aktuelle Verschw\u00f6rungstheorien, Essen 2005, S. 236.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref60\" name=\"_ftn60\">[60]<\/a> Diese heterogene Bewegung existiert v.a. in Nordamerika, S\u00fcdafrika und Australien. Die Christenheit wird mit den wei\u00dfen V\u00f6lkern gleichgesetzt, wonach alle Nichtwei\u00dfen Abk\u00f6mmlinge von D\u00e4monen sind. Als besondern b\u00f6sartig werden die Juden empfunden \u2013 sind sie doch f\u00fcr den Kreuztod Christi verantwortlich. Der Ku-Klux-Klan geh\u00f6rt als sehr fr\u00fche Organisation dazu.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref61\" name=\"_ftn61\">[61]<\/a> zitiert in: Timm, Angelika: Israel &#8211; Gesellschaft im Wandel, Opladen 2003, S. 270.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref62\" name=\"_ftn62\">[62]<\/a> Im R\u00fcckkehrgesetz hei\u00dft es: \u201eDie Rechte eines Juden im Sinne dieses Gesetzes gelten in gleicher Weise f\u00fcr Kinder und Enkel von Juden, f\u00fcr Ehepartner von Juden, und f\u00fcr Ehepartner von Kindern und Enkeln von Juden; ausgenommen diejenigen, die Jude waren und aus eigenem Willen zu einer anderen Religion \u00fcbergetreten sind.\u201c zitiert nach: Timm, Angelika: Israel &#8211; Gesellschaft im Wandel, Opladen 2003, S. 19.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref63\" name=\"_ftn63\">[63]<\/a> Das ist schon an den Staatssymbolen ersichtlich: Davidstern und Leuchter (\u201eMenorah\u201c) sind zugleich v\u00f6lkische, religi\u00f6se und historisch-traditionelle Symbole. Der zionistische Urvater betonte dagegen die ethnische s\u00e4kulare Dimension: \u201eHeer und Klerus sollen so hoch geehrt werden, wie es ihre sch\u00f6nen Funktionen erfordern und verdienen. In den Staat, der sie auszeichnet, haben sie nichts dreinzureden, denn sie werden \u00e4u\u00dfere und innere Schwierigkeiten heraufbeschw\u00f6ren.\u201c (Der Judenstaat, S. 102)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref64\" name=\"_ftn64\">[64]<\/a> Andere Religionen sind in Personenstandsfragen ebenfalls autonom.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref65\" name=\"_ftn65\">[65]<\/a> In orthodoxen Autobussen m\u00fcssen Frauen getrennt von M\u00e4nnern sitzen und hinten ein- und aussteigen. Alle paar Jahre gibt es Versuche, die Befreiung vom Milit\u00e4rdienst aufzuheben, was jedoch immer wieder scheitert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref66\" name=\"_ftn66\">[66]<\/a> \u201eWeil mein Vater beweisen konnte, dass er Jude ist, bin ich j\u00fcdisch (im ethnischen Sinn, D.S.) genug, um israelische Staatsb\u00fcrgerin zu sein, aber ich bin nicht j\u00fcdisch (im religi\u00f6sen Sinn, D.S.) genug, um hier einen Juden zu heiraten.\u201c zitiert nach: Rosenthal, Donna: Die Israelis: Leben in einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Land, M\u00fcnchen 2007, S. 170.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref67\" name=\"_ftn67\">[67]<\/a> Die Araber Ostjerusalems und der Golanh\u00f6hen kamen erst nach 1967 zum Staat Israel und verzichteten weitgehend auf die israelische Staatsb\u00fcrgerschaft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref68\" name=\"_ftn68\">[68]<\/a> Israels Araber sind \u00fcberproportional ohne Arbeit und arabische Siedlungen von staatlichen Subventionen nahezu ausgenommen<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref69\" name=\"_ftn69\">[69]<\/a> Lange Zeit war die Auswanderung aus Israel tabuisiert. Das zeigt sich im Begriff \u201eJerida\u201c (=Abstieg vom Zion), der als Schimpfwort benutz wird. Die zionistische Presse verurteilt Auswanderer regelm\u00e4\u00dfig als \u201eFahnenfl\u00fcchtige\u201c. Das Gegenst\u00fcck bildet \u201eAlijah\u201c (=Aufstieg zum Zion) auch als qualitativer Aufstieg. \u201eIn der Emigration manifestiert sich das Wesen vieler Juden nach der Emanzipation. Sie sind entwurzelt, beweglich und schlau, und ihre wichtigsten (und manchmal einzigen) Motive sind Gewinnmaximierung und die Steigerung des materiellen Einkommens. Ihre `Heimat` ist immer dort, wo der Gewinn gr\u00f6\u00dfer ist.\u201c (Segev, Tom: 1967. Die zweite Geburt, M\u00fcnchen 2007, S. 161.)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref70\" name=\"_ftn70\">[70]<\/a> Israel hat wie andere Wohlstandregionen dieselben inneren Probleme: sterbende Familien, Drogenmissbrauch, hohe Scheidungsraten, Kindermangel, Spa\u00dfgesellschaft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref71\" name=\"_ftn71\">[71]<\/a> Dieses Interesse variiert von Staat zu Staat: Frankreichs und Argentiniens gro\u00dfe Judengemeinden zeigen sich eher gleichg\u00fcltig; Deutschlands, S\u00fcdafrikas, Gro\u00dfbritanniens und die der USA mehrheitlich engagierter. In diesen Staaten \u00fcben sie starken Druck auf die jeweiligen Regierungen zugunsten Israels aus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref72\" name=\"_ftn72\">[72]<\/a> Wolffsohn, Michael \/Bokovoy, Douglas: Israel. Grundwissen-L\u00e4nderkunde, Opladen 1996, S. 46f..<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref73\" name=\"_ftn73\">[73]<\/a> Wolffsohn, Michael \/Bokovoy, Douglas: Israel. Grundwissen-L\u00e4nderkunde, Opladen 1996, S. 49.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref74\" name=\"_ftn74\">[74]<\/a> Von einer solchen Hierarchisierung der Opfer f\u00fchlen sich auch andere V\u00f6lker der Weltgeschichte benachteiligt: Schwarze in den USA, Aborigines in Australien, Armenier im Osmanischen Reich, Eskimos in Gr\u00f6nland oder Indianer in den Amerikas. Der Vorwurf: Wieder f\u00fchlen sich Juden auserw\u00e4hlt, diesmal als DAS Opfer der Weltgeschichte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref75\" name=\"_ftn75\">[75]<\/a> In China war Antisemitismus weitgehend unbekannt, erst Israels Au\u00dfenpolitik nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 brachte dem Judenstaat den Vorwurf ein, auch nur ein imperialistischer Aggressor zu sein. Auch Israels N\u00e4he zu Washingtons \u2013 oder Washingtons N\u00e4he zu Israel? \u2013 verst\u00e4rken die Skepsis gegen\u00fcber Juden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref76\" name=\"_ftn76\">[76]<\/a> so der israelische Milit\u00e4rhistoriker Martin van Crefeld f\u00fcr die niederl\u00e4ndische Wochenzeitung Elsevier vom 9\/2003<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum eine Ideologie erhitzte in Vergangenheit und Gegenwart so stark die Gem\u00fcter und gab Anlass zu verschw\u00f6rungstheoretischen Spekulationen wie der Zionismus. Das besondere an dieser Weltsicht ist ihr rein j\u00fcdischer Ursprung, d.h. im Gegensatz zu anderen Ideologien, Weltanschauungen und religi\u00f6sen Politikkonzepten gibt es keine universelle Erscheinungsform. 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