{"id":7955,"date":"2021-07-03T08:32:25","date_gmt":"2021-07-03T06:32:25","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=7955"},"modified":"2021-07-03T08:36:09","modified_gmt":"2021-07-03T06:36:09","slug":"das-grosse-china-interview-mit-dominik-schwarzenberger-i-die-ueberschaetze-supermacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/das-grosse-china-interview-mit-dominik-schwarzenberger-i-die-ueberschaetze-supermacht\/","title":{"rendered":"Das gro\u00dfe China-Interview mit Dominik Schwarzenberger I: Die \u00fcbersch\u00e4tze Supermacht?"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Dominik Schwarzenberger<\/strong> ist Historiker und Politikwissenschaftler. Er forscht auf den Gebieten der Ethnologie, Religionswissenschaft und zu allgemeinen Identit\u00e4tsfragen, was ihn zu einem ausgewiesenen Analysten zu geopolitischen Aspekten macht. Aufgrund seiner diversifizierten Studienausrichtungen ber\u00e4t er zudem internationale Denkfabriken. Seine Analysen wurden in zahlreichen Magazinen und Zeitschriften, so z.B. Neue Ordnung, Hier &amp; Jetzt und <a href=\"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/shop\/agora-europa\/agora-europa-the-great-reset\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AGORA EUROPA<\/a>, ver\u00f6ffentlicht. Des Weiteren erschienen mehrere Ver\u00f6ffentlichungen im Jungen Forum. Zu seinen Buchver\u00f6ffentlichen geh\u00f6ren \u201ePaneuropa und totaler Mensch. Das politische Denken Richard Coudenhove-Kalergis\u201c (Archiv der Zeit 2008) sowie \u201eTerra Incognita \u2013 Das andere Amerika. Identit\u00e4re Str\u00f6mungen und Bestrebungen in Lateinamerika\u201c (Regin 2009) zusammen mit Wolfgang Bendel.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Nachfolgend ver\u00f6ffentlichen wir ein Gespr\u00e4ch zwischen ihm und <strong>Peter Steinborn<\/strong>. Das Gespr\u00e4ch ist in drei Teile untergliedert. Hier erfolgt die Ver\u00f6ffentlichung des <strong>Teil I<\/strong>. Die Redaktion<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><strong>P.S.: Herr Schwarzenberger, Sie sind ein ausgewiesener Experte f\u00fcr geopolitische Fragen. Als vielreisender Mensch, haben Sie sich Eindr\u00fccke auch von sehr exotischen Kulturen und L\u00e4ndern verschaffen k\u00f6nnen. Es gibt schon seit ein paar Jahren die Vorstellung davon, dass Asien im Kommen ist und den europ\u00e4isch-gepr\u00e4gten Westen abh\u00e4ngen wird. Insbesondere das Reich der Mitte, China spielt eine gro\u00dfe Rolle in diesen \u00dcberlegungen. K\u00f6nnen Sie unseren Lesern eine kurze Einf\u00fchrung in die chinesischen Verh\u00e4ltnisse geben? Was macht die chinesische Kultur aus? Wie hat es sich technologisch entwickelt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Wo fangen wir da nur an? Schauen wir uns einmal \u00fcberblicksartig bis heute pr\u00e4gende chinesische Besonderheiten der Vergangenheit an:<\/p>\n<p>*Wie konnte ein so weitr\u00e4umiges bev\u00f6lkerungsreiches Gemeinwesen blo\u00df entstehen? Grundlage der chinesischen Zivilisation war die Bew\u00e4sserungskultur der Gro\u00dfen Ebene, eine sogenannte Hydraulische Kultur: die Verwaltung und Pflege der Kan\u00e4le \u00fcber ein so riesiges Gebiet erforderte n\u00e4mlich schon fr\u00fch eine zentrale Kontrolle und Ansatzweise B\u00fcrokratie. Eine v\u00f6lkische, sprachliche und partikularistische Zersplitterung konnte sich keiner leisten. Die Kunstsprache Mandarin wurde als Amtssprache geschaffen. Nachdem dieses Kernchina expandierte, ging die Einheit aufgrund der Gr\u00f6\u00dfe h\u00e4ufig verloren, dennoch blieben die Kleinstaaten miteinander verbunden. Eine fr\u00fche Eigenheit war das Streben nach Isolation und Autarkie, was nat\u00fcrlichen Grenzen (Gebirge, Ozean und W\u00fcsten) und kriegerischen Nomaden geschuldet war (Symbol Gro\u00dfe Mauer). Aggressive Nomaden wurden gekauft und durch kulturellen Fortschritt sukzessiv integriert und sinisiert.<\/p>\n<p>*China sieht sich aufgrund seiner Religion und Kulturerfolge als globales Zentrum mit dem Kaiser als Mittler zwischen Himmel und Erde. Die autochthone Religion des Universismus war nicht systematisiert (fehlende Theologie) und unterschied sich regional sehr stark. Es gibt eine Art Sch\u00f6pfergott und eine G\u00f6tterhierarchie, die nicht ins irdische Geschehen eingreift. F\u00fcr das menschliche Leben relevant sind Geister und D\u00e4monen sowie verstorbene Ahnen. Der Ahnenkult und Dienst an denselben ist essenziell. Die irdische Ordnung muss ein Spiegelbild der kosmischen sein \u2013 mit dem Kaiser als Achse. Es entspricht dem alchimistischen Grundgedanken des \u201ewie oben so unten\u201c. Dieser Universismus ist folglich stark diesseitig und praktisch gepr\u00e4gt, religi\u00f6se Spekulationen \u00fcber andere Welten erscheinen dem Chinesen \u00fcberfl\u00fcssig. Das ist der gro\u00dfe Unterschied etwa zu Indien oder dem antiken Griechenland.<\/p>\n<p>*Der Konfuzianismus erlangte eine Schl\u00fcsselrolle und meist eine Monopolstellung. Konfuzianismus ist eine Politikform und Lebensweise, die sich ausschlie\u00dflich vom Universismus ableitet. Daneben existieren noch zwei weitere autochthone Religionen: Taoismus und eine besonders taoistisch verfremdete Form des Buddhismus, der mit dem urspr\u00fcnglich indischen wenig gemein hat. Beide stehen im Gegensatz zum Konfuzianismus, wurden aber meist geduldet, ab und an auch gef\u00f6rdert, da beide der pers\u00f6nlichen Erl\u00f6sung dienen k\u00f6nnen, die der Konfuzianismus gerade nicht anbietet.<\/p>\n<p>*Mit heutigen Begriffen kann man die Kaiserreiche als staatssozialistisch bezeichnen, welches das soziale Leben stark reglementierte. Das erkl\u00e4rt auch das Ph\u00e4nomen, dass es keine Emanzipationsbewegung sozialer St\u00e4nde und St\u00e4dte wie in Westeuropa gab.<\/p>\n<p>*Die konfuzianische Staatsdoktrin bedingt eine ganzheitliche, praktische, zweckrationale Philosophie, die irdische Harmonisierung anstrebt. Alles ist mit allem verbunden, Einheit des Seins. Der westeurop\u00e4ische Abendl\u00e4nder griechischer Pr\u00e4gung geht von Antagonismen dieser Welt aus und sucht die dahinterliegende Einheit. Der Chinese dagegen geht von eben dieser Einheit aus, die sich in antagonistischen Einzelerscheinungen \u00e4u\u00dfert. Die hydraulische Agrargesellschaft dachte aufgrund der notwendigen Naturbeobachtungen (\u00dcberschwemmungen, Jahreszeiten) in immer wiederkehrenden Kreisl\u00e4ufen. Der chinesische Harmoniebegriff ist ein anderer, er beinhaltet nicht das Fehlen oder Aufl\u00f6sen von Gegens\u00e4tzen, sondern deren Regulierung und Integration. China sah sich im Sein verhaftet und im Jetzt, w\u00e4hrend der Abendl\u00e4nder in die Zukunft orientiert ist und im Werden.<\/p>\n<p>*Befremdlich wirkt zudem die Vorrangstellung von Form und Ritual im Universismus, wonach deren penible Einhaltung weit wichtiger ist als die Einhaltung geltenden Rechts und individueller Taten. Moral vor Recht. Das hat sich konfuzianisch sanktioniert auch auf die zwischenmenschlichen Beziehungen ausgeweitet, was dem Chinesen den Vorwurf der Falschheit und Undurchschaubarkeit einbrachte. Das Verh\u00e4ltnis zwischen den Eheleuten, Eltern-Kinder, Geschwistern, Nachbarn, Arbeitskollegen usw. war ganz klar geregelt. Es geh\u00f6rt zu den zahlreichen eurozentrischen Missverst\u00e4ndnissen, die Chinesen seien kollektivistisch. Richtig ist der antiindividualistische Charakter. Die konfuzianische Regelung zwischenmenschlicher Beziehungen war in der dichtbesiedelten Gro\u00dfen Ebene \u00fcberlebensnotwendig, doch erreichte bald ihre Grenzen mit der gro\u00dffamili\u00e4ren und lokalen Ebene. Die gesellschaftliche Hierarchie zum Kaiser war nur abstrakt geregelt und nat\u00fcrlich zu anonym, weshalb die Gro\u00dffamilie bis zum heutigen Tag einen abgeschotteten Charakter, ja Festungsmentalit\u00e4t besitzt. Das erkl\u00e4rt das f\u00fcr uns kalte, unsolidarische bis grausame Wesen chinesischer Massen. Wenn ein Chinese in einer anonymen Masse Hilfe braucht, etwa zusammenbricht, erh\u00e4lt er selten Hilfe. Daf\u00fcr gibt es keine Regelung, daf\u00fcr gibt es staatliche Beh\u00f6rden. Die Familiengemeinschaften sind so heilig, dass sogar Beamtenkorruption \u2013 das Dauerthema \u2013 nicht selten legalisiert wurde, wenn es dem famili\u00e4ren Vorteil (z.B. Vetternwirtschaft) diente. Hier haben wir ein Beispiel von Moral vor Recht.<\/p>\n<p><strong>P.S.: Wie kann man sich Chinas Geschichte vorstellen? Man spricht von einem F\u00fcnftausendj\u00e4hrigen Reich.<\/strong><\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Das h\u00e4tte Chinas F\u00fchrung gern. Nein, China als staatliches Kontinuum hat es nie gegeben. Eine Vielzahl chinesischer Staaten mit einem symbolisch starken \u2013 jedoch realpolitisch schwachem \u2013, Kaiser, war die Regel, ebenso h\u00e4ufige Rebellionen und Palastrevolten. Schon die Eigenbezeichnung China stammt von einer Dynastie und wurde erst sp\u00e4ter genutzt.<\/p>\n<p>Richtig ist eine kulturelle Kontinuit\u00e4t bestehend aus der Kunstsprache Mandarin, den drei erw\u00e4hnten unsystematischen autochthonen Religionen, dem Kaiser und der einzigartigen Schrift. Bis heute gibt es kein chinesisches Nationalverst\u00e4ndnis im europ\u00e4ischen Sinn, sondern ein Bekenntnis zur chinesischen Zivilisation und Geisteshaltung. Diese chinesische \u00d6kumene besteht aus Kulturr\u00e4umen und Regionen, die sich einmal zu Nationen entwickeln k\u00f6nnen. Dieses Zivilisationsverst\u00e4ndnis kann man mit dem katholischen Abendland, dem kommunistischen Staatenblock und dem antiken Hellenismus vergleichen. Eine allchinesische Nation h\u00e4tte es auch sehr schwer, was soll die Basis sein? Die drei Religionen variieren schon von Region zu Region, Mandarin ist eine verordnete Amtssprache, also nicht zwingend eine Alltagssprache und die ethnische Grundlage fehlt vollkommen. Im Westen geistert die M\u00e4r vom Han-Chinesen, der ca. 93% der Gesamtbev\u00f6lkerung stellt. Tats\u00e4chlich ist der Han-Chinese eine nationalistische Erfindung des 19. Jh. um irgendwo anzukn\u00fcpfen \u2013 und zwar im gl\u00e4nzenden Reich der Han-Dynastie. Man hat also alle multiethnischen Bewohner dieses riesigen Reiches im Nachhinein zu Chinesen erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p><strong>P.S.: Gibt es Analogien zur chinesischen Zivilisation<\/strong><\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Ich sehe Analogien im Verh\u00e4ltnis diesseitiger praktischer Religiosit\u00e4t und Staatsethos zum R\u00f6mischen und sp\u00e4ten Russischen wie Osmanischem Reich oder den Azteken. Der staatssozialistische Charakter des Kaiserreichs und einzelner Staaten erinnert an das friderizianische Preu\u00dfen und das Mandarin-System an die katholische Kirchenhierarchie.<\/p>\n<p><strong>P.S.: Wie steht es um das heutige China?<\/strong><\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Man kann sagen, China hat inzwischen seine Seele verloren. Schuld ist f\u00fcr mich die Revolution von 1911 als Reaktion auf die verkrusteten Strukturen der Mandschu-Dynastie und der europ\u00e4ischen Penetration und Dem\u00fctigung. Sun Yet Sen, Mao und Deng schleppten geballt westliche Ideen ein. Trotzdem dominieren immer noch bestimmte aufgez\u00e4hlte Eigenheiten und Mentalit\u00e4ten, allen voran ein Familien- und Ahnenkult sowie das unterentwickelte Nationalbewusstsein. Selbst mit dem verordneten Atheismus der Mao-\u00c4ra ist es nicht weit her. Die atheistische Mehrheitsgesellschaft h\u00e4ngt universistischen Kulten an. Interessanterweise wachsen synkretistische und christlich-evangelikale Religionen besonders rasant. Das wird einmal politische Auswirkungen haben.<\/p>\n<p><strong>P.S.: Nun sprechen mittlerweile sehr viele Beobachter von einem uns bevorstehenden Chinesischen Zeitalter. Ist China dabei die Deutungshoheit zu erlangen und den US-amerikanischen Leviathan zu ersetzen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Dieser Eindruck entsteht, wenn man China rein \u00f6konomisch, technologisch und eurozentrisch bewertet, d.h. man wird von den Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnissen get\u00e4uscht. Bei genauer Analyse relativiert sich dieser Eindruck und die Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse werden sogar zum Fluch. China endet wie die Sowjetunion und bald die USA.<\/p>\n<p>China sieht sich noch heute in der Defensive, f\u00fcrchtet sich vor Einkreisung und bleibt misstrauisch gegen\u00fcber dem Westen \u2013 zu recht. Territoriale Expansion ist heute kaum m\u00f6glich, au\u00dfer vielleicht Teile Sibiriens und die Annexion der Mongolei. Beides unwahrscheinlich. Das h\u00e4ngt vom Machtverlust Moskaus ab. \u00dcbrigens hatte das Kaiserreich schon einmal eine gr\u00f6\u00dfere Ausdehnung und die ging auch verloren.<\/p>\n<p>China verh\u00e4lt sich wie ein konventioneller Staat des sp\u00e4ten 19. Jh., der keinen Ideologieexport betreibt, sich bei Fragen globaler Sicherheitspolitik auffallend zur\u00fcckh\u00e4lt und bilaterale Formen der Zusammenarbeit bevorzugt, um seine wirtschaftliche Macht zu nutzen.<\/p>\n<p>Neben diesen au\u00dfenpolitischen Pr\u00e4missen geistert der geopolitische Entwurf des \u201eAlles unter dem Himmel-Tianxia\u201c. Dieses mehrdeutige Konzept basiert auf der oben erw\u00e4hnten universistischen Tradition einer geordneten Welt, die chinesisch inspiriert sein soll. Selbstverst\u00e4ndlich ist Misstrauen gefragt, da sich Peking ebenfalls der Tradition entsprechend als Zentrum dieser Ordnung versteht. Diese muss ja auch irgendwie durchgeboxt werden. Eine genaue au\u00dfenpolitische Zielsetzung diesbez\u00fcglich gibt es jedoch nicht, jede Regierung hat ihre eigenen Schwerpunkte. F\u00fcr mich stellt sich die Frage nach einer chinesischen Hegemonie auch deshalb nicht, weil China an seine engen Grenzen st\u00f6\u00dft. Dazu geh\u00f6rt seine m\u00e4\u00dfige milit\u00e4rische Macht, sozio\u00f6konomische destruktive Trends und die geopolitische Umwelt.<\/p>\n<p><strong>P.S.: M\u00e4\u00dfige milit\u00e4rische Macht?<\/strong><\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Ja, und zwar im Gegensatz zu USA, Russland, Frankreich oder Gro\u00dfbritannien \u2013 auch wenn China die gr\u00f6\u00dfere Anzahl an Soldaten und Reservisten sowie Kriegsflotte unterh\u00e4lt. Hier gilt Qualit\u00e4t vor Quantit\u00e4t. Neu sind immerhin Tarnkappenbomber, Pr\u00e4zisionsraketen und Flugzeugtr\u00e4ger. Pekings milit\u00e4rische Aktionen haben sich in den letzten zehn Jahren durchaus verst\u00e4rkt. So finden sich Kriegsschiffe in Mittelmeer und Ostsee, jedoch immer mit russischen zusammen.<\/p>\n<p>Schauen wir uns einige Fakten an, die Chinas Milit\u00e4rmacht relativieren:<\/p>\n<p>*Der US-Milit\u00e4rhaushalt ist gr\u00f6\u00dfer als der Chinas, Russlands, Frankreichs, Deutschlands, Gro\u00dfbritanniens und Japans zusammen! Das l\u00e4sst sich nicht in wenigen Jahren erreichen.<\/p>\n<p>*Peking unterh\u00e4lt im Roten Meer (Dschibuti) einen m\u00e4\u00dfigen Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt, die USA 100 Basen in 40 L\u00e4ndern!<\/p>\n<p>*China verf\u00fcgt \u00fcber 320 Atomsprengk\u00f6pfe, die USA \u00fcber 5800 und Russland \u00fcber 6375!<\/p>\n<p>China punktet mit seinem gigantischen Raum, so wie alle Staaten kontinentalen Ausma\u00dfes. Es kann milit\u00e4risch durchaus besiegt werden, jedoch nicht dauerhaft besetzt. Das mussten Mongolen wie Japaner schmerzlich erfahren. Andererseits gibt es die einfache geostrategische M\u00f6glichkeit, das Land in mehrere Kleinstaaten aufzuteilen \u2013 die Urangst Chinas.<\/p>\n<p>Sozialpsychologisch wiegt ein Umstand nachteilig f\u00fcr Chinas Milit\u00e4r: Das Milit\u00e4rische wird immer noch verachtet. Das liegt am extrem pazifistischen Charakter des Konfuzianismus mit seinem Harmoniestreben, der trotz Maos Kulturrevolution immer noch nachhallt. Chinas nomadische Feinde wurden \u00fcber Jahrtausende gerade nicht milit\u00e4risch besiegt, sondern kulturell und materiell befriedet und sukzessiv sinisiert. Chinas Schwertadel wurde schon vor Jahrtausenden zu konfuzianischen Beamten domestiziert, weshalb der unvermeidliche Soldat sehr geringes Ansehen genoss. Die gro\u00dfartigen Milit\u00e4rstrategen waren Taoisten oder nationalistische Offizierscliquen des sp\u00e4ten 19. Jh. Der traditionelle Konfuzianismus legitimierte in manchen F\u00e4llen sogar die Fahnenflucht \u2013 n\u00e4mlich dann, wenn der betreffende Soldat begr\u00fcnden konnte, weshalb er f\u00fcr seine Familie unentbehrlich war. Es gibt noch ein Problem f\u00fcrs Milit\u00e4r: Der notwendige Nachwuchs wird von der weit attraktiveren Wirtschaft erfolgreich umworben.<\/p>\n<p>China bleibt also vorerst ein wirtschaftliches Schwergewicht, das nur eine symbolische Milit\u00e4rbasis im Roten Meer unterh\u00e4lt und sich sonst auf Versorgungsst\u00fctzpunkte in Pakistan, Bangladesch, Sri Lanka und Seychellen beschr\u00e4nkt, die es aber milit\u00e4risch nicht sch\u00fctzen kann.<\/p>\n<p><strong>P.S.: Wie steht es um die angesprochene geopolitische Umwelt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Ganz grob gesagt ist China von Feinden umringt \u2013 oder besser: Staaten, die schnell zu Feinden werden k\u00f6nnen. Selbst Nordkorea ist kein Freund, sondern eine Belastung, die auf einem vergangenen Zweckb\u00fcndnis beruht. Die Koreas, Taiwan, Japan und Nordvietnam geh\u00f6ren zwar zur chinesischen Zivilisation, wollen aber nicht unbedingt n\u00e4her mit Peking verbunden sein. Bewaffnete Konflikte hat es mit Japan, Vietnam, Indien und Russland gegeben. Besonders der Gegensatz zu Indien, Vietnam und Japan wiegt sehr schwer. Taiwans Politik ist stark gespalten, die vor Mao 1949 gefl\u00fcchteten Festlandchinesen, die bis Mitte der 1980er dominierten verlangen nach der Union mit Peking \u2013 nat\u00fcrlich nur, wenn der Kommunismus scheitert. Die autochthonen Inselchinesen und austronesischen Ureinwohner orientieren sich klar nach Japan, denn gleichwohl die japanische Besatzung hart war, brachte sie Wohlstand. Die Beziehungen zu Indien sind frostig und k\u00f6nnen jeder Zeit eskalieren. Mit Moskau gibt es Probleme um Sibirien und den Einfluss in Zentralasien wie der Mongolei. Kasachstan, Tadschikistan und Kirgistan misstrauen Peking aufgrund der antiislamischen Ausrichtung und der Unterdr\u00fcckung der verwandten turanischen Uiguren und Millionen z\u00e4hlenden kasachischen wie tadschikischen Minderheit. Von den direkten Nachbarn sind Myanmar, Nepal und Laos am China freundlichsten, doch h\u00e4ngt das mit innenpolitischen Faktoren zusammen, die sich schnell \u00e4ndern k\u00f6nnen wie das Beispiel Myanmar beweist. Nepal unter hindu-monarchischer F\u00fchrung w\u00e4re klar proindisch. Am schwierigsten ist wohl das Verh\u00e4ltnis zu Pakistan. Pakistan wird einmal in mehrere Staaten zerfallen und ein Machtvakuum hinterlassen, das von radikalen Muslimen gef\u00fcllt wird und \u00fcber den S\u00fcdwesten Chinas Einfluss nehmen. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr labile L\u00e4nder wie Myanmar oder Tadschikistan. Au\u00dferdem harren hunderttausende Wirtschafts- und Kriegsfl\u00fcchtlinge an Chinas Grenzen. Peking ver\u00e4rgert seine Nachbarn nicht zuletzt durch Naturzerst\u00f6rung: Das betrifft den Raubbau chinesischer Holzfirmen in S\u00fcdostasien und Indonesien, Staudammbau auf eigenem Territorium und \u00dcberfischung.<\/p>\n<p>China ist von Nahrungs- und Rohstoffimporten abh\u00e4ngig, das agrarisch nutzbare Territorium ist zersiedelt und \u00fcberv\u00f6lkert. Momentan werden die Importe \u00fcber Pazifischen und Indischen Ozean realisiert, beide von den USA und deren Verb\u00fcndeten kontrolliert. Das ist die Achillesferse. Das Land lebt sprichw\u00f6rtlich von der Hand in den Mund. Die USA sind mit Milit\u00e4rbasen direkt im Pazifik, in Anrainerstaaten und Indik vertreten, weshalb sich Peking zurecht umzingelt f\u00fchlt. Eine Schl\u00fcsselstellung erf\u00e4hrt dabei der \u201eVerband S\u00fcdostasiatischer Nationen-ASEAN\u201c.<\/p>\n<p><em>Fortsetzung folgt&#8230;<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_7849\" style=\"width: 725px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7849\" class=\"size-full wp-image-7849\" src=\"https:\/\/gegenstrom.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Agora_Werbung.jpg\" alt=\"Erste Ausgabe AGORA\" width=\"715\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/gegenstrom.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Agora_Werbung.jpg 715w, https:\/\/gegenstrom.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Agora_Werbung-480x201.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 715px, 100vw\" \/><p id=\"caption-attachment-7849\" class=\"wp-caption-text\">Die neue AGORA EUROPA: Dominik Schwarzenberger ver\u00f6ffentlichte in der Erstausgabe ebenfalls einen Artikel \u00fcber den Great Reset..<\/p><\/div>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der AGORA EUROPA hat Dominik Schwarzenberger auch einen Artikel mit den Titel &#8222;The Great Reset&#8220; &#8211; Die V\u00f6lker am Scheideweg ver\u00f6ffentlicht. Dabei handelt es sich um eine sachliche Analyse \u00fcber die globalen Trends. Die AGORA kann <a href=\"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/shop\/agora-europa\/agora-europa-the-great-reset\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">submitted<\/a> bezogen werden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dominik Schwarzenberger ist Historiker und Politikwissenschaftler. Er forscht auf den Gebieten der Ethnologie, Religionswissenschaft und zu allgemeinen Identit\u00e4tsfragen, was ihn zu einem ausgewiesenen Analysten zu geopolitischen Aspekten macht. Aufgrund seiner diversifizierten Studienausrichtungen ber\u00e4t er zudem internationale Denkfabriken. Seine Analysen wurden in zahlreichen Magazinen und Zeitschriften, so z.B. 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