{"id":7600,"date":"2021-01-05T19:42:33","date_gmt":"2021-01-05T18:42:33","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=7600"},"modified":"2021-01-05T19:44:46","modified_gmt":"2021-01-05T18:44:46","slug":"evolution-manipulation-devolution-eine-antwort-zu-lars-steinkes-evolution-als-politischer-leitgedanke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/evolution-manipulation-devolution-eine-antwort-zu-lars-steinkes-evolution-als-politischer-leitgedanke\/","title":{"rendered":"Evolution, Manipulation, Devolution: Eine Antwort zu Lars Steinkes \u201eEvolution als politischer Leitgedanke\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Georg Osten antwortet hier mit einem sehr ausf\u00fchrlichen Artikel auf den erst k\u00fcrzlich zum Jahresende 2020 erschienenen <a href=\"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/evolution-als-politischer-leitgedanke\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aufsatz <\/a>von Lars Steinke. Damit beteiligt sich Osten an der aus unserer Sicht wichtigen Debatte \u00fcber die Kulturelle Evolution, welche Gefahren sie in sich birgt und wo sie hinf\u00fchrt, wenn wir nicht aufpassen. Dabei beleuchtet der Kommentator die gesellschaftliche Transformation durch die Digitalisierung und stellt hier eine Evolution im Sinne einer H\u00f6herentwicklung in Frage. Die Redaktion<\/em><\/p>\n<p>Sich einmal ganz grunds\u00e4tzliche Gedanken zu machen, mehr oder weniger weit entfernt vom Gedr\u00f6hn \u00fcber dem politisch-ideologischen Gefechtsfeld, hat etwas Entspannendes. Und es hilft zu kl\u00e4ren, auch sich selbst Klarheit und Stand zu verschaffen. Tja, f\u00fchrt also die auf der naturellen Evolution aufsattelnde und sich l\u00e4ngst vielfach verselbst\u00e4ndigt habende kulturelle Evolution des Menschen per se zur Verbesserung? \u00dcberhaupt und mindestens der menschlichen Angelegenheiten? Per se nein. Aber per se auch nicht zum Gegenteil.<\/p>\n<p>Es kommt darauf an, welche Richtung die kulturelle Evolution nimmt bzw. wer oder was sie vorantreibt. Mit welcher Absicht, mit welchem Ziel. Welche Werte ihr zugrunde liegen oder zugrunde gelegt werden.<\/p>\n<p>Kulturelle Evolution ist, einmal in Gang gekommen, Ver\u00e4nderung. Mit wechselnder Geschwindigkeit und Perioden unterschiedlicher Intensit\u00e4t. Aber es gibt auch hier keine endg\u00fcltigen Zust\u00e4nde, weder \u201egute\u201d noch \u201eschlechte\u201d. Kein Zustand, kein Stadium hat unbegrenzte Dauer. Keine \u201ebeste aller Welten\u201c wird je erreicht, noch bleibt eine dauerhaft bestehen (so wenig wie eine schlechteste). Keine Mauer steht ewig, und Geschichte (als kulturelle Zeiterz\u00e4hlung oder Zeiterz\u00e4hlung der Kultur) endet nicht, solange sie sich vollzieht oder vollzogen wird. Aus der mittlerweile aufgeh\u00e4uften (kultur)geschichtlichen Erfahrung k\u00f6nnte man Erkenntnisse \u00fcber Richtungen und Geschwindigkeiten kommender geschichtlicher (kultureller) Entwicklungen gewinnen. K\u00f6nnte, je nach Pr\u00e4ferenz, steuernd, beschleunigend oder bremsend, f\u00f6rdernd oder hemmend einwirken.<\/p>\n<p>Und man tut es auch. Je nach ausdr\u00fccklicher Werte-Pr\u00e4ferenz oder aus einem pulsierenden Geflecht vielf\u00e4ltig gelagerter Interessen heraus, von denen je einzelne, mehr oder weniger deutlich erkennbar, in den Vordergrund tritt.<\/p>\n<p>W\u00e4ren auch wir Menschen nur \u201eNatur\u201d, er\u00fcbrigte sich alles Weitere. Die Natur selbst regelte all unsere Angelegenheiten, ohne dass es je ein erweitertes Bewusstsein dessen, geschweige denn (bewusst korrektiven) Widerstand dagegen g\u00e4be. Per \u201eKultur\u201d aber dr\u00fcckt sich der menschenm\u00f6gliche Widerstand gegen ein bruchloses Aufgehen im mutma\u00dflich bewusstlos nat\u00fcrlichen Prozess aus. Wobei die F\u00e4higkeit zur Schaffung eben jener kulturellen Sph\u00e4re menschlicher Existenz wiederum ein Zwischenergebnis der naturellen Entwicklung ist, die den Menschen als nat\u00fcrlich gewachsenes (und insofern ambivalent oder, wenn man so will, \u201ebipolar\u201c bleibendes) Kulturwesen hervorgebracht hat.<\/p>\n<p>Kultur als Ausdruck einer (qua historischer Perspektive expansiv) skalierten Teilsouver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber die Natur bringt \u2013 neben faszinierenden Sch\u00f6pfungen, materiell etwa von Bauten, Kunstwerken, technischen Anlagen, ideell von literarischen Gestaltungen, philosophischen Weltsichten und politischen Ordnungen (all das aus jener kreativ dynamischen Grundkombination von Freiheit und Denken als menschenwesentlicher und kulturkonstitutiver Grundspannung) \u2013 in diesem Sinn zugleich die Umkehrlast der Verantwortung f\u00fcr alles (potentiell immer auch irrende, fehlgehende) \u201e\u00fcbernat\u00fcrliche\u201c Handeln mit sich, f\u00fcr alle bewusste kulturelle Gestaltung, Formung, f\u00fcr die dem vorausgehenden oder zugrundeliegenden Werten, bis hin zur Gefahr \u201ewidernat\u00fcrlicher\u201d oder \u201eunmenschlicher\u201c Entgleisung.<\/p>\n<p>Im kulturellen Horizont dann je nach Standpunkt, denn Kultur enth\u00e4lt, Stichwort \u201eUmkehrlast\u201c, die unumg\u00e4ngliche Forderung des Wertens und der Werte an die (im grundlegenden Sinne) Kulturschaffenden und \u2013tragenden:<\/p>\n<p>Nach welchen Werten richtet sich eine Kultur, welche Werte pr\u00e4gen sie und ihre Sch\u00f6pfungen? Hier\u00fcber bleiben von denen bewusste Entscheidungen zu treffen, die eben aus dem Bannkreis absoluter, bewusstloser Naturbestimmung entlassen sind. Sehr unmittelbar eing\u00e4ngig und wortw\u00f6rtlich plastisch l\u00e4sst sich der kulturelle Werte-Ausdruck bspw. an den Bau- und Kunstwerken von Kulturepochen oder Kulturr\u00e4umen ablesen. Komprimiert und konzentriert an der Anlage von St\u00e4dten als den verdichtet geschaffenen Kultursph\u00e4ren.<\/p>\n<p>Zusammenh\u00e4nge erschlie\u00dfen sich hier zwischen der \u00e4u\u00dferer Form und den inneren oder konstitutiven Werten kulturtragender (Werte-)Gemeinschaften. Das gilt nat\u00fcrlich auch in Abh\u00e4ngigkeit des jeweiligen Lebensbildes, das sich verdichtet gerade in den St\u00e4dten zeigt, von der Erscheinung, dem Tun und Treiben, der Richtung und Bewegung, den Zeichen und Symbolen der dort versammelten Menschen.<\/p>\n<p>Kultur ist, auch wenn einzelne Kulturschaffende die Markierungen der Kulturgeschichte setzen, ein Gemeinschaftswerk. Die Bl\u00fcte auf und aus einem Saatgrund. L\u00e4sst man allein hier die Galerie der aufeinander gefolgten Ver\u00e4nderungen oder eben Geschichte \u00fcber 5000 Jahre Revue passieren, kommt man im Nah- und Tiefenblick vielleicht zu entsprechend differenzierten Schl\u00fcssen \u00fcber die Annahme einer per se best\u00e4ndig kulturellen Evolution zum \u201eBesseren\u201c.<\/p>\n<p>Auch im Blick auf die inneren Werte, die der \u00e4u\u00dferen Form zugrunde lagen und liegen. In diesem Betrachtungshorizont geht es bei \u201eKultur\u201c nicht nur um den Oberbegriff f\u00fcr alle Arten plasto-k\u00fcnstlerischen Schaffens einschlie\u00dflich der Architektur, also das, was die \u201eKulissen\u201c einer Kulturwelt betrifft, sondern um \u201eKultur\u201c als den Gesamtausdruck jenes vitalen <em>spirit<\/em>, der das Leben und Zusammenleben einer r\u00e4umlich organisierten, geschichtlich gewachsenen, durch gemeinsame Werte traditionell verbundenen Gemeinschaft durchdringt.<\/p>\n<p>In historischer Perspektive war es gerade die Vielfalt solcher eigenst\u00e4ndiger, unterschiedlichen Grads verwandter oder nicht verwandter Kulturraum-Gemeinschaften, die, von ihrem jeweilig charakteristisch pr\u00e4genden <em>spirit<\/em> als dem jeweiligen Fundus ihrer Werte aus, einen \u00fcberw\u00e4ltigenden Reichtum kultureller Sch\u00f6pfungen hinterlassen haben. Einen Sonderfall kulturellen Ausdrucks bildet die Technik oder technologische Evolution \u2013 jenseits ihrer jeweiligen Bewertung bzw. ihrer Folgen und Wirkungen auf die menschliche Kultur im Ganzen.<\/p>\n<p>Kein Zweifel, dass die rein technische Entwicklung selbst den Gang st\u00e4ndiger Optimierung, Leistungserweiterung und Verfeinerung genommen hat, unabh\u00e4ngig von jeder Bewertung dieses, rein technisch und kapazitativ gesehen, unzweifelhaft dauernden Fortschritts.<\/p>\n<p>Auch hier ist \u00fcbrigens die Beobachtung interessant, wo und von wo bzw. wem diese technologische Expansion stattgefunden hat, ausgegangen ist und vorangetrieben wurde.<\/p>\n<p>Heute sind Technik und technologische Dynamik im Grunde Tr\u00e4gerbasis und Treibmittel der kulturellen Evolution. Kulminierend jetzt in der global digitalen Epoche, die vor allem auch den medialen Spiegeleffekt einer mittlerweile welt\u00fcberspannend und -nivellierend wirkenden Unterhaltungs- und Bespa\u00dfungsindustrie (als heute zentralem und wirkungsm\u00e4chtigstem Bereich der \u201eKultur\u201c) noch einmal potenziert hat.<\/p>\n<p>Dazu kommt das in den vergangenen Jahren massiv Fahrt aufgenommen habende \u201eWeltgespr\u00e4ch\u201c \u00fcber die expandierenden Plattformen und Kan\u00e4le der vielgestaltigen und so genannten \u201esozialen Medien\u201c. Eine interaktive Parallelwelt ist entstanden, im globalen Dauerdialog oder als digitales Geflecht multiverser, sich wechselweise verst\u00e4rkender Monologe.<\/p>\n<p>Der Quantensprung des zweiten medialen Zeitalters (also dem nach jenem ersten durch die Folgen des Buchdrucks bestimmten), vor weniger als 100 Jahren mit der Erfindung von Radio und Tonfilm begonnen, bestand im Durchbruch des monolinearen Sender-Empf\u00e4nger-Verh\u00e4ltnisses. Jetzt kann, per Verf\u00fcgung \u00fcber Strom- und Internetanschluss, prinzipiell jeder \u201esenden\u201c.<\/p>\n<p>Und mit jenen \u201esmarten\u201c Endger\u00e4ten hat dieses nun dritte mediale Zeitalter einen nochmalig \u201elogistischen\u201c Schub bekommen (auch hinsichtlich seiner Wirkung auf die kulturelle Evolution). Noch nie gab es so viele am \u00e4u\u00dferen Werden der \u201eKultur\u201c (zumindest ihren \u00e4u\u00dfersten Sph\u00e4ren) beteiligt Scheinende.<\/p>\n<p>Neben der \u201eRealit\u00e4t\u201c existiert nun (und kaum weniger real scheinend) die \u201eDigitalit\u00e4t\u201c. Und insbesondere im politischen Vollzugsraum als Ort gemeinschaftswirksamer Richtungsentscheidungen interferieren hier zunehmend die Dimensionen, und gibt es anscheinend keinen absoluten Primat der realen vor der digitalen Dimension mehr. Hinter diesen im doppelten Wortsinn \u00fcberw\u00e4ltigenden \u00a0B\u00fchneneffekten der digitalen Technologie vollziehen sich dar\u00fcber zugleich nicht weniger gravierende und weitreichende Umw\u00e4lzungen in s\u00e4mtlichen Bereichen der menschlichen Kultursph\u00e4re: Arbeit, Wirtschaft, Medizin, in der gesamten unmittelbar praktisch relevanten Lebenswelt per Einfluss auf die Versorgung, den Verkehr, das Vernetzen von Handlungsfeldern und Prozessen etc.<\/p>\n<p>Die Frage, wieder auf den Anfang kommend, bleibt aber auch hier: Welchen Einfluss nimmt das auf die kulturelle Evolution als solche bzw. deren Richtung und vor allem: Wer nimmt gerade \u00fcber jene expandierenden wie interferierenden R\u00e4ume der Digitalit\u00e4t pr\u00e4genden Einfluss auf diese Evolution, welche Werte werden hier transportiert, sind bestimmend &#8211; oder gibt es sogar einen eigenen und selbst wiederum Kultur schaffenden <em>spirit<\/em> der digitalen Dimension?<\/p>\n<p>Was noch einmal Technik und technologischen Progress allgemein und prinzipiell im Blick auf die kulturelle Evolution betrifft: Ganz grunds\u00e4tzlich bestimmte und bestimmt der Stand technischer M\u00f6glichkeiten \u00fcberhaupt den jeweils \u201ereal existierenden\u201c Grad an Freiheit des Menschen von nat\u00fcrlicher Bestimmung oder Einschr\u00e4nkung.<\/p>\n<p>Denn ohne technische Entwicklung in der Landwirtschaft, im Haus- und Siedlungsbau, beim Erschlie\u00dfen und Verf\u00fcgbarmachen von Wasser-, Nahrungs- und Rohstoffquellen, bei der Kultivierung von Naturr\u00e4umen, im Transportwesen, bei der Informationsspeicherung und -\u00fcbermittlung etc. h\u00e4tte eine kulturelle Evolution und zumal in solchem Ausma\u00df kaum stattfinden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig \u00fcberbieten technische M\u00f6glichkeiten und wissenschaftliche Errungenschaften vormals nat\u00fcrliche Grenzen in immer weiterreichendem Ma\u00dfe. Sie ver\u00e4ndern mit immer mehr beschleunigtem Tempo das Verh\u00e4ltnis des immer noch biologischen Kulturwesens Mensch zur Natur, auch zur eigenen, sie \u00fcberf\u00fchren beide \u201eNaturen\u201c immer tiefer in die \u201ekulturelle\u201c (und also wertende) Verf\u00fcgung (unbeschadet auch \u201enat\u00fcrlicher\u201c Konsequenzen).<\/p>\n<p>Was mit dem Steigern der Freiheit von nat\u00fcrlichen Einschr\u00e4nkungen wie Bestimmungen begann, f\u00fchrte zu neuen Abh\u00e4ngigkeiten und mittelbar oder unmittelbar wirkenden bzw. wirksamen \u201eUnterwerfungen\u201c.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte, was das \u00dcberbieten einst nat\u00fcrlicher Beschr\u00e4nkungen oder Grenzen betrifft, hier das Beispiel von der immer \u201etotaleren\u201c und \u201eperfekteren\u201c, leichter verf\u00fcgbareren Erleuchtung des vormalig n\u00e4chtlichen Dunkels nehmen, samt der Folgen f\u00fcr den nat\u00fcrlichen Bio- und allgemeinen Lebensrhythmus, im Blick auf das expansive Nutzen, F\u00fcllen und \u201eOkkupieren\u201c von (dadurch ver\u00e4ndert nat\u00fcrlichen) Zeitr\u00e4umen. \u00a0Man kann das im noch weitergehenden Sinne natur\u00fcberbietend technisch-instrumentelle Einwirken heute bis hin zum unmittelbaren medizin- oder bio-technischen Eingriff in die menschliche Natur selbst bzw. die Natur des menschlichen K\u00f6rpers verfolgen. Etwa, wie gegenw\u00e4rtig <em>en vogue<\/em>, um die nat\u00fcrlichen Geschlechtergrenzen per \u201ekultureller Evolution\u201c oder eben entsprechend zu herrschen scheinenden \u201ekultureller Wertungen\u201c zu schleifen.<\/p>\n<p>Gerade hier wird dann besagte Ambivalenz der kulturellen Evolution wiederum deutlich: Jede weitergehende \u201eEntlassung\u201c aus nat\u00fcrlicher Bestimmung per wissenschaftlicher Erkenntnis und technischer M\u00f6glichkeit verlangt ein bewusstes Gestalten dieser M\u00f6glichkeiten, je nach den zugrundeliegenden Werten.<\/p>\n<p>Und nicht der wissenschaftlich-technische Fortschritt an sich, sondern dessen wertend kulturelle Gestaltung entscheidet dar\u00fcber, ob es sich bei der von ihm getriebenen kulturellen Evolution um eine \u201eVerbesserung\u201c handelt oder eine Verirrung: begr\u00fcndet durch menschliche Irrtumsanf\u00e4lligkeit aus Freiheit oder menschlichen Irrsinn aus wie auch immer fanatisiertem Denken heraus. Dabei wird ein kulturgeschichtliches Ph\u00e4nomen deutlich: Noch jede uns bekannte Hochkultur ist von einem Punkt X ihres Zenits an in das Stadium des eigenen Verfalls getreten, den dann nicht selten \u00e4u\u00dfere Ereignisse wechselwirkend beschleunigt oder vollendet haben. Es scheint, als ob insbesondere ein gewisses Ma\u00df haltlos gewordener Freiheit und bodenlos gewordenen Denkens in (technologisch \/ zivilisatorisch) sehr weit entwickelten und sich weitgehend von der Natur emanzipierte (Massen)Kulturen zu deren Niedergang f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Schauen wir in Anbetracht dessen, verk\u00fcrzt und pointiert, auf die Zeitgeschichte und unsere zeitr\u00e4umliche Gegenwart (also die der sog. \u201ewestlichen Welt\u201c samt deren globalistischer Ausrichtung):<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens mit dem doppelten Zusammenbruch aller alten europ\u00e4ischen (Werte- und Gesellschafts) Ordnungen nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, samt beschleunigter Erosion ihrer noch verbliebener Wertefundamente, haben vor allem Technik, Wissenschaft und auch Wirtschaft das eigendynamische \u201eTriumvirat\u201c der praktischen (sprich existenzbestimmend lebenswirklichen) Ausgestaltung kultureller Evolution \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Und in dem Zusammenhang spielt eben heute die sich in rasantem Wachstum befindliche digitale Dimension eine treibende Rolle. Zugleich verbindet sich in deren hochaufgeladenem und \u00fcber die ganze Welt geworfenem \u201eNetz\u201c das praktische Wirken jenes \u201eTriumvirats\u201c mit einer sich zugleich versch\u00e4rfenden Auseinandersetzung um den die \u201ewestliche Welt\u201c mittlerweile weitestgehend beherrschenden und teils paradox erscheinenden (kultur)ideologischen \u201e\u00dcberbau\u201c.<\/p>\n<p>In der Folge des Zweiten Weltkriegs bzw. der durch ihn beendeten Zwischenepoche eines damals neuen, kulturpr\u00e4genden Kollektivismus an faschistischen und sozialistischen Ordnungsversuchen der modernen Massengesellschaft gibt es, neben besagtem, die \u201ewestliche\u201c Lebenskultur seither praktisch pr\u00e4genden Triumvirats aus Technik, Wissenschaft und Wirtschaft, einen seltsam anmutend parallelen und heute hoch ideologischen \u201e\u00dcberbau\u201c dieser Kultur. Wobei diese \u201ewestliche\u201c Kultur oder kulturevolution\u00e4re Stufe zugleich den gegenw\u00e4rtig waltenden \u201eErben\u201c des einstigen (hoch)kulturellen Aufbruchs des Menschen darstellt:<\/p>\n<p>Kulturr\u00e4umlich betrachtet einst vom Zweistromland in Nahost und dem nord\u00f6stlichen Afrika ausgehend, \u00fcber den \u00f6stlichen, dann den ganzen Mittelmeerraum greifend, schlie\u00dflich den europ\u00e4ischen Kontinent erreichend und von dort aus den nach dem Zweiten Weltkrieg schlie\u00dflich \u201ekulturevolution\u00e4r\u201c bestimmend geworden Nordamerikanischen erfassend.<\/p>\n<p>Die parallele Sonderrolle der ostasiatischen Hochkulturen sei hier historisch beiseite gelassen, obgleich die chinesische f\u00fcr die Zukunft der schwebenden \u201eWeltkultur\u201c eine noch unklar m\u00e4chtige Einflussgr\u00f6\u00dfe darstellen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Jener, \u00fcber alle offiziellen, etablierten und sonst \u201ebeflissenen\u201c Medienkan\u00e4le (ob analog oder digital) geradezu fiebernd verbreitete und immer penetranter penetrierend, kulturideologische \u201e\u00dcberbau\u201c der ansonsten vollkommen materialisierten \u201ewestlichen\u201c Welt besteht aus einer auf den ersten Blick widerspr\u00fcchlichen Kombination:<\/p>\n<p>Einerseits aus dem eben materiell-konsumtiv bestimmten Individualismus (als N\u00e4hrboden zugleich eines mittlerweile globalstrukturell herrschenden Finanztotalitarismus), andererseits der \u201ekultur\u201c-programmatisch-systematischen Infragestellung bzw. Negation des gesamten traditionellen Wertekanons (einschlie\u00dflich sogar dessen Historie) der (pr\u00e4globalistisch) \u201ealten europ\u00e4ischen\u201c oder heute \u00fcberhaupt auch \u201ewei\u00dfen Welt\u201c: Bis hin zur Infragestellung und Negation jedes nat\u00fcrlich r\u00fcckbezogenen oder traditionell verwurzelten Wertekanons \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Im Zentrum dieser neuen \u201ewestlich-globalistischen\u201c, trotz ihres materialistischen (Schein)Individualismus\u2018 wiederum zutiefst kollektivistischen \u201eWeltkultur\u201c steht wiederum ein \u201eneuer Mensch\u201c als Ziel dieser kulturellen Evolutionsstufe:<\/p>\n<p>Es ist, dieses Mal naturfern wie nie und mit jeder Verwurzelung, aller Traditionalit\u00e4t brechend, der am Rei\u00dfbrett globalistischer Thinktanks entworfene transethnische, transkulturale, transsexuelle, translokale, vor allem funktionelle, digital omnipr\u00e4sente wie manipulierte und kontrollierte, per Biotechnik und Bionik (nach entsprechenden \u201eWerten\u201c) immer weitergehend konfigurierbare Massenmensch in einer neuen Globalhierarchie von \u201eProduzenten\u201c und \u201eKonsumenten\u201c, \u201eDienstleistern\u201c und \u201eBedienten\u201c, wenigen \u201eInstruktoren\u201c und vielen \u201eInstruierten\u201c.<\/p>\n<p>Die im gleichem Zuge und permanent angeheizte \u201eRevolution aller Minderheiten\u201c sowie der best\u00e4ndige Transfer wachsender Minderheiten in abnehmende (europ\u00e4ische \/ wei\u00dfe) Mehrheitsgesellschaften dient der Mobilisierung im Kulturkampf gegen die noch verbliebene \u201ealte europ\u00e4ische\u201c oder eben auch \u201ealte wei\u00dfe Welt\u201c.<\/p>\n<p>Zugleich steht \u2013 neben jener Strategie der Aufl\u00f6sung aller (verbliebenen) \u201ealten europ\u00e4ischen \/ wei\u00dfen\u201c Traditionen und Werte auch per politsozial und omnimedial konzentrierter Kampagnen (\u201eAntirassismus\u201c, \u201eDekolonialismus\u201c, \u201eGenderismus\u201c, \u201eSprach- und Denkregularismus\u201c etc.) \u2013 am bereits nahen Horizont eine quasi neoreligi\u00f6se Erz\u00e4hlung als zusammentreibende Massen-Botschaft bzw. massenpsycholgischen Auskleidung der Konversion zum kommend neuen Globalkollektivismus unter dem Zeichen des \u201eneuen Menschen\u201c bereit: Das Evangelium des Klimas.<\/p>\n<p>Das derzeit \u201ecoronaische\u201c Zwischenereignis liefert hier \u00fcbrigens eine interessante Man\u00f6verkonfiguration. Es soll hier allerdings weder in Sachen \u201eCorona\u201c noch \u201eKlima\u201c einem per se und prinzipiell gegenl\u00e4ufigen Rigorismus das Wort geredet werden.<\/p>\n<p>Es geht \u2013 von einer genaueren Beurteilung der allein binnenperspektivischen (Un)Sinnf\u00e4lligkeit mit (vermeintlicher\/m) \u201eCoronaprotektion\u201c oder \u201eKlimaschutz\u201c verbundener Ma\u00dfnahmen abgesehen \u2013 schlicht darum, was aus diesen beiden aktuellen, in s\u00e4mtliche Lebensbereiche hineinwirkenden, welthistorisch oder \u201eweltkulturell\u201c nachhaltig bestimmenden Gro\u00dfkomplexen gesteuerten Handelns gemacht wird.<\/p>\n<p>Angesichts der Bestandsaufnahme jener gegenw\u00e4rtigen und f\u00fcr die Zukunft offenbar vorgesehenen Konfiguration der kulturellen Evolution, in diesem Falle durch die \u201ewestlich-globalistische Wertegemeinschaft\u201c unserer Zeit, mag nun jeder f\u00fcr sich beurteilen und entscheiden, ob und inwieweit es sich bei diesem \u201eProjekt\u201c bzw. dessen noch angestrebten Ergebnissen im Blick auf die kulturelle Evolution um eine \u201eVerbesserung\u201c oder eine \u201eVerirrung\u201c handelt.<\/p>\n<p>Denn kulturelle Evolution bleibt, \u00fcber alle sich entwickelnde Eigendynamik hinaus, eben ein auf dem zugrundeliegenden Werten basierendes Projekt derer, die sie gem\u00e4\u00df solcher Werte vorantreiben und die ihre Richtung und ihr Ziel bestimmen (auch wenn einmal erreichte Kulturstadien oder \u2013formen, je nach geschichtlichen und sonstigen Umst\u00e4nden wie Bedingungen vielleicht \u00fcber l\u00e4ngere Zeitstrecken, aber niemals f\u00fcr immer bestehen).<\/p>\n<p>Die Frage ist heute, ob \u201ealle\u201c Menschen oder deren deutliche Mehrheit, ob alle noch (eigenst\u00e4ndig) bestehenden menschlichen (Kultur)Gemeinschaften sich dieses \u201ewestlich-globalistische\u201c (\u201eKultur\u201c) Projekt zu eigen machen oder sich ihm unterwerfen wollen;<\/p>\n<p>oder ob entsprechende menschliche (Kultur)Gemeinschaften noch den eigenen Stand haben und die notwendige Kraft entwickeln k\u00f6nnen, sich besagtem Projekt nicht nur erfolgreich zu widersetzen, sondern ihm auf der Basis anderer, eigener Werte ein anderes Formprojekt kultureller Evolution entgegenzusetzen.<\/p>\n<p>Mag es auch pathetisch klingen: Mindestens die (soweit noch bewusst vorhanden) \u201ealte europ\u00e4ische\u201c oder \u201ewei\u00dfe Welt\u201c steht heute in einem \u201eKulturkampf\u201c nie gekannten Ausma\u00dfes.<\/p>\n<p>Und die erste wie ggf. auch schon (vorgreifend) letzte Entscheidung wird dar\u00fcber fallen, ob sich die (noch vorhandenen) Tr\u00e4ger jener Welt dieses Kulturkampfes bewusst und sich vor allem ihrer eigenen Werte gewiss sind.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Georg Osten antwortet hier mit einem sehr ausf\u00fchrlichen Artikel auf den erst k\u00fcrzlich zum Jahresende 2020 erschienenen Aufsatz von Lars Steinke. 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