{"id":743,"date":"2017-07-22T10:00:46","date_gmt":"2017-07-22T09:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=743"},"modified":"2020-02-03T18:12:17","modified_gmt":"2020-02-03T17:12:17","slug":"fuer-eine-neue-aristokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/fuer-eine-neue-aristokratie\/","title":{"rendered":"F\u00fcr eine neue Aristokratie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 14pt;\"><em>Die Aristokratie<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a> gr\u00fcndete auf den vornehmen Empfindungen: Treue, Schutz, Dienst. Die \u00fcbrigen politischen Systeme gr\u00fcnden auf gemeinen Gef\u00fchlen: Egoismus, Habgier, Neid, Feigheit. <\/em>(D\u00e1vila)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">In den Jahren nach der Franz\u00f6sischen Revolution versuchte der r\u00f6mische P\u00f6bel den Palazzo des\u00a0 Herzogs von Braschi-Onesti zu st\u00fcrmen. Die Demonstranten wollten den hohen Adligen sprechen und verlangten, dass zu diesem Zweck die Tore des Anwesens ge\u00f6ffnet w\u00fcrden. Kurz darauf flog das Tor auf, und der Herzog erschien in vollem Ornat, begleitet von einigen livrierten Dienern. Diesem befahl der Aristokrat, Geld mit vollen H\u00e4nden unter die tobende Menge zu werfen. Als sich diese um die Silber- und Goldst\u00fccke zu balgen begann, lie\u00df er sich eine Peitsche geben, mit der er begann, die Krawallbr\u00fcder auseinander zu jagen. Der Platz leerte sich augenblicklich. Der Herzog kehrte in seinen Palast zur\u00fcck und lie\u00df die T\u00fcre hinter sich ins Schloss fallen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Es geht mir bei dem genannten Vorgang nicht darum, dar\u00fcber zu philosophieren, ob das Ansinnen der Demonstranten gerechtfertigt war oder nicht, sondern darauf hinzuweisen, dass man das Verhalten des Herzogs als mutig, als im wahren Sinne des Wortes aristokratisch zu bezeichnen hat. Heutige Machthaber br\u00e4chten nie und nimmer denselben Mut, dieselbe Entschlossenheit und Raffinesse auf, wie es der italienische Adlige tat. Unsere ach so fabelhaften demokratischen Politiker w\u00fcrden sich zweifellos hinter einem Schutzwall von Bereitschaftspolizisten verstecken und Sorge tragen, im Notfall mittels eines Hubschraubers fl\u00fcchten zu k\u00f6nnen. Keiner von ihnen h\u00e4tte den Mut, dem wildgewordenen P\u00f6bel Auge in Auge gegen\u00fcberzutreten. Oder wie\u00a0 Joachim Fest in seinem Italienbuch <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> einen seiner dortigen Gespr\u00e4chspartner in Bezug auf obigen Vorfall sagen l\u00e4sst:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">\u201e \u201aEcce homo!\u2018<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> schloss Caprievi seine Erz\u00e4hlung (&#8230;) Das gelte \u00fcbrigens f\u00fcr beide Seiten, nicht nur f\u00fcr den P\u00f6bel, der immer gierig und feige sei. Sondern auch f\u00fcr die M\u00e4chtigen, die, wie die Geschichte lehre, <strong>nicht zu aller Zeit gierig und feige waren, es heute aber meistens sind.<\/strong>\u201c (Hervorhebung WB)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Wortherkunft des Begriffes Aristokratie<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Das Schl\u00fcsselwort der altgriechischen Ethik war der Begriff <em>arete. <\/em>Er kann mit den Worten T\u00fcchtigkeit, Tapferkeit und Tugend \u00fcbersetzt werden. Derjenige, der \u00fcber <em>arete <\/em>verf\u00fcgte, wurde als <em>aristoi <\/em>\u00a0bezeichnet. Von diesem Wort wiederum stammt der Ausdruck Aristokrat ab. Und ein Staatswesen, in dem Aristokraten herrschen, nennt man Aristokratie. Solche Herleitungen ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcck zu rufen, sind von gro\u00dfer Wichtigkeit, da gerade in Zeiten allgemeiner geistiger und intellektueller Gleichschaltung die Begrifflichkeiten umgedeutet und verf\u00e4lscht werden. Der brasilianische Philosoph Luiz Felipe Pond\u00e9<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> fand eine sch\u00f6ne Definition f\u00fcr das Wort Aristokrat: \u201eDer Aristokrat ist derjenige, der von sich aus auf seinen Beinen steht, weil er \u00fcber innere Kraft oder Charakter verf\u00fcgt.\u201c \u00dcbrigens ist die lateinische Entsprechung f\u00fcr <em>arete <\/em>die Bezeichnung <em>virtus. <\/em>Sie steht aber nicht nur f\u00fcr Tapferkeit oder Tugend, sondern auch f\u00fcr Mannhaftigkeit. In unserer Alltagssprache hat der Begriff <em>virtus <\/em>in dem Wort virtuos \u00fcberlebt. In den romanischen Sprachen besitzen von <em>virtus <\/em>abgeleitete Begriffe durchweg einen positiven Charakter. So z.B. das spanische Wort <em>virtud <\/em>f\u00fcr Rechtschaffenheit, Mut. Zusammengefasst kann man sagen, dass im kollektiven Ged\u00e4chtnis der V\u00f6lker, also in ihrem Sprachgebrauch die Begriffe <em>arete <\/em>und entsprechend <em>virtus <\/em>etwas Gutes, Erstrebenswertes ausdr\u00fccken wollen.<\/span><\/p>\n<h2>Welche \u201eAristokraten\u201c nicht gemeint sind<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">An dieser Stelle ist der Hinweis unabdinglich, dass der Personenkreis, der heutzutage die Seiten der <em>yellow-press <\/em>bev\u00f6lkert und unter dem Begriff \u201eEurop\u00e4ischer Hochadel\u201c subsumiert wird, sich nicht dazu eignet, eine neue Aristokratie zu formen. Auch wenn Ausnahmen die bekannte Regel best\u00e4tigen, so handelt es sich bei diesen Leute um kleptomanisch und narzisstisch konditionierte Menschen, denen nichts unwichtiger ist als die Lebensinteressen der V\u00f6lker, denen sie formal vorstehen. Die europ\u00e4ischen Aristokratien kennzeichnen sich durch ein Totalversagen aus, das sich durch die letzten Jahrhunderte zieht wie ein roter Faden. Sie waren unf\u00e4hig und unwillig, sich an den ethischen Eigenschaften auszurichten, die man urspr\u00fcnglich mit der Begrifflichkeit Aristokratie assoziierte. Die Franz\u00f6sische Revolution, die den Anfang vom Ende der europ\u00e4ischen und in der Folge auch der au\u00dfereurop\u00e4ischen Hocharistokratie in ihrer Eigenschaft als eigener Machtfaktor markierte, kann man somit weniger als einen Betriebsunfall der Geschichte bezeichnen, sondern vielmehr als die unvermeidliche \u00a0Konsequenz einer langanhaltenden Fehlentwicklung. Der Revolution von 1789 lagen materielle Ursachen zugrunde; die seinerzeitige Aristokratie hatte sich geistig, politisch, wirtschaftlich und sozial \u00fcberlebt. Sie war zu einer erstarrten Herrschaftsform geworden, deren Protagonisten sich fast nur noch mit sich selbst besch\u00e4ftigten.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Vergleicht man die damaligen Verh\u00e4ltnisse mit den Vorg\u00e4ngen von heute, so bleibt zu konstatieren, dass sich in den europ\u00e4ischen Adelsh\u00e4usern vom Grundsatz her nur wenig ge\u00e4ndert hat. Formal erweckt man zwar den Eindruck, sich um die Untertanen zu k\u00fcmmern und es werden auch zunehmend B\u00fcrgerliche geheiratet, dennoch bleibt ein wirkliches Interesse am Volkswohl die ganz gro\u00dfe Ausnahme. Kein europ\u00e4ischer Adliger von Rang wagte es in den letzten Jahrzehnten, einmal Partei f\u00fcr sein Volk und gegen die herrschende, sich halbtotalit\u00e4r geb\u00e4rdende Politikerkaste zu ergreifen. Das Eigeninteresse und die Angst, vom Politbetrieb ins wirtschaftliche, gesellschaftliche und soziale Abseits gedr\u00e4ngt zu werden, sind anscheinend so \u00fcberm\u00e4chtig, dass unerw\u00fcnschte Interventionen im Interesse der anvertrauten V\u00f6lker peinlich vermieden werden. Dieser Opportunismus wird durch den Beibehalt vererbter Privilegien belohnt. Die in alle Lebensbereiche eindringende und sich immer unduldsamer geb\u00e4rdende Ideologie des linksliberalen Demokratismus in Tateinheit mit einem auf blanker Habgier basierenden Kapitalismus \u2013 f\u00fcr den Europ\u00e4ischen Hochadel kein Anlass zur Kritik. Erscheinungen der Degeneration, des angehenden Totalitarismus, der politischen und sozialen Erstarrung werden weder wahrgenommen noch problematisiert. Hedonistisches Ausleben der eigenen Triebe tritt an die Stelle von Idealen wie Tugend, Mut, Rechtschaffenheit. Von <em>arete <\/em>und <em>aristoi <\/em>keine Spur.<\/span><\/p>\n<h2>Einige Wenige sind besser als die breite Mehrheit<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Dieses Thema anzusprechen, birgt in unserem \u201efreiheitlichen Rechtsstaat\u201c erhebliche Risiken in sich. Man ger\u00e4t schnell in den Verdacht der \u201eVolksverhetzung\u201c, wenn man darauf hinweist, dass die Menschen nicht gleich sind, sondern nur die gleichen Rechte besitzen. Nat\u00fcrlich hat jeder das Recht \u2013 egal ob Frau oder Mann, Kind oder Greis, schwarz oder wei\u00df \u2013 Fu\u00dfball zu spielen. Das bedeutet aber nicht, dass alle deshalb gleich erfolgreich auf den Lederball eintreten k\u00f6nnen. Es gibt eben nur einen Lionel Messi. Und nicht Milliarden. Diese Erkenntnis ist so banal, dass sich jedes weitere Wort dazu er\u00fcbrigt. M\u00f6chte man meinen. Legt man sie aber auf das Feld der Politik um, so wird man sofort Opfer hysterischen Gezeters seitens selbsternannter Gutmenschen. Die \u201eMitb\u00fcrger\u201c zu hierarchisieren, Unterschiede zwischen ihnen auszumachen oder gar diese Unterschiede zu feiern<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>, sei zutiefst \u201emenschenverachtend\u201c und ein schwerwiegendes Sakrileg wider die Glaubensgrunds\u00e4tze der bundesrepublikanischen Zivilreligion.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">\u00a0Seit der Franz\u00f6sischen Revolution wird von \u201eFreiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit\u201c schwadroniert, wobei in der Realit\u00e4t der aktuellen Demokratien nur noch die Forderung nach Gleichheit \u00fcbrig geblieben ist. Br\u00fcderlichkeit und vor allen Dingen die Freiheit entschliefen sanft und wurden klammheimlich zu Grabe getragen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Schon Platon und Aristoteles besch\u00e4ftigten sich mit der Thematik der \u201eBesseren\u201c. In der Nikomachischen<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Ethik weist Aristoteles darauf hin, dass die Besseren f\u00fchren, w\u00e4hrend die anderen folgen m\u00fcssen. Jeder f\u00e4hige Lehrer wei\u00df, dass er eine der gr\u00f6\u00dften Dummheiten begeht, wenn er glaubt, seine Sch\u00fcler seien gleicherma\u00dfen in der Lage, das vermittelte Wissen in identischer Weise aufzunehmen und zu reproduzieren. Sinngem\u00e4\u00df dasselbe gilt f\u00fcr alle Lebensbereiche. Egal ob im Fu\u00dfball oder in der Schule, um f\u00fchren zu k\u00f6nnen, braucht es gewisse F\u00e4higkeiten, die eben nicht alle, sondern nur wenige haben: \u201eDie Mehrheit neigt zu Feigheit und Schw\u00e4che\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Bessere, der <em>aristoi<\/em>, der Aristokrat im traditionellen Sinn, leidet mehr als der normale Mensch. Er ist einsam, ein Objekt von Neid, Missgunst, manchmal sogar Hass. Er erkennt leichter die Zusammenh\u00e4nge, die Chancen und Gefahren als die anderen und ist nicht zuletzt deshalb weit davon entfernt, auf Kosten der Mehrheit zu leben. Im Gegenteil, die anderen leben auf seine Kosten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die politisch korrekte Sprachregelung lautet hingegen ganz anders. Wer nicht in der Lage sei, mit den Besseren mitzuhalten, tue dies nicht aufgrund mangelnder Bef\u00e4higung, sondern weil er arm, schwul, schwarz oder ein sonstiges Opfer \u00e4u\u00dferer, \u201egesellschaftlicher\u201c Umst\u00e4nde sei. Das soll nat\u00fcrlich nicht hei\u00dfen, dass diese Personen fr\u00fcher nicht diskriminiert wurden oder noch werden. Aber sie zu Monopolisten des Leidens auf der Welt zu machen und ihr Ungl\u00fcck pauschal den Besseren anzulasten, f\u00fchrt in den Bereich der Irrationalit\u00e4t<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>. Da die Welt nun einmal schlecht ist, Machiavelli spricht von einer \u201eschwachen, verlogenen, flatterhaften, treulosen Natur des Menschen\u201c, erinnert alles Geschwurbel vom \u201em\u00fcndigen B\u00fcrger\u201c, von der \u201eZivilgesellschaft\u201c, von der \u201egel\u00e4uterten Demokratie\u201c, vom \u201eAus-der-Geschichte-Lernen\u201c in seiner Inhaltslosigkeit, um nicht zu sagen D\u00e4mlichkeit lediglich an die von Comicfiguren abgesonderten Sprechblasen.<\/span><\/p>\n<h2>Die Gleichheit liebt die Mittelm\u00e4\u00dfigkeit<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Diese Bemerkung stammt von Tocqueville in seinem ber\u00fchmten Werk \u201e\u00dcber die Demokratie in Amerika\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>. Es w\u00e4re \u00fcbertrieben zu sagen, die Demokratie sei die Herrschaft der Minderwertigen. Richtiger ist die Formulierung, die Demokratie ist die Herrschaft der Mittelm\u00e4\u00dfigen. Was aber w\u00fcrde der Vorstellung widersprechen, in einem Staatswesen sollten die Besten herrschen? Auf allen Gebieten, ich wiederhole mich gerne, dominieren die Besten, die Schnellsten, die Mutigsten, die Raffiniertesten. Nur auf dem Feld der Politik, die unser aller Schicksal in der Hand h\u00e4lt, in der \u00fcber Wohl und Wehe, \u00fcber unsere Zukunft entschieden wird, soll das pl\u00f6tzlich nicht mehr gelten? Eine wahrlich abstruse Idee.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Au\u00dfergew\u00f6hnliches ist der Feind der Gleichheit. Der Rasenm\u00e4her, das Lieblingsspielzeug des angepassten demokratischen Spie\u00dfb\u00fcrgers, sorgt in der heimischen Kleingartenanlage f\u00fcr DIN-genormte Gleichheit, untadelige Ordnung und stramme Regelm\u00e4\u00dfigkeit, indem er alles beschneidet und verk\u00fcrzt, das sich nicht unter- und einordnet. So wird jederzeit sicher gestellt, dass nur, was kriecht, \u00fcberleben kann. Widerspenstiges, Nachdenkliches, Anderes, Neues, Ungewohntes \u2013 keine Chance, sich in einem System der Gleichheit zu entfalten. Wer aus dem Rahmen f\u00e4llt, bleibt f\u00fcr immer drau\u00dfen. Das Mittelma\u00df wird zur Norm, weshalb unsere demokratische Zivilisation in \u201eruhig, festem Schritt\u201c dem Untergang entgegen strebt. Keiner steckt den Kopf hervor und ruft zur Umkehr auf, und wenn er es trotzdem tut, wird der Kopf eben abgeschnitten. Die Rasenm\u00e4hermentalit\u00e4t im Kopf der Mittelm\u00e4\u00dfigen kennt keine Gnade \u2013 weder im Kleingarten noch in ihrem gesellschaftlichen Umfeld.<\/span><\/p>\n<h2>Was tun bzw. was geschieht, wenn wir nichts tun?<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Lenin stellte diese ber\u00fchmte Frage und handelte, da er glaubte, alle Antworten zu besitzen. Heute aber haben sich die Fragen ge\u00e4ndert. Was also wird geschehen, wenn wir weiter nichts tun?\u00a0 Die politische Klasse, vom \u201eSouver\u00e4n\u201c zwar formal demokratisch legitimiert, hat sich mittlerweile von diesem so weit entfernt wie die adligen Sippen Europas vor der Franz\u00f6sischen Revolution von ihren Untertanen. Bereits in den Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstand der Begriff vom \u201eRaumschiff Bonn\u201c, um die Realit\u00e4tsferne der damaligen Politiker zu karikieren. Mittlerweile verselbst\u00e4ndigte sich die politische Nomenklatura in einer Art und Weise, dass man besser davon sprechen sollte, ihre Angeh\u00f6rigen lebten in einem anderen Universum.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die Parallelen zur Epoche von vor 1789 sind in der Tat augenf\u00e4llig. Da agiert wieder einmal eine vom Volk v\u00f6llig losgel\u00f6ste Clique<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>, die sich um den Kr\u00fcmmungsgrad von Bananen sorgt, einen ungepflegten Haufen islamistischer Desperados im hintersten Busch der Sahelzone zu einer Gefahr f\u00fcr den Weltfrieden hochstilisiert, die \u201eWestliche Wertegemeinschaft\u201c am Hindukusch verteidigen will und dabei gleichzeitig die Ressourcen der Menschheit mit einer Radikalit\u00e4t verschleudert, als rechne sie nicht mit Nachkommen. Die wahren Probleme real existierender Personen liegen diesen demokratischen Mustermenschen dabei ferner als der Andromeda-Nebel. Das erinnert in peinlichster Weise an Marie-Antoinette, der Gattin Ludwig XVI., die, als die franz\u00f6sischen Bauern \u201eBrot!\u201c forderten, lapidar meinte, sie sollten dann eben Kuchen essen. In Zeiten wie unseren kann man, sofern man nicht wundergl\u00e4ubig ist, schon erheblich ins Gr\u00fcbeln kommen, wenn man einen Blick in die Zukunft wagt.<\/span><\/p>\n<h2>Eine neue Aristokratie muss her \u2013 aber welche und wer sind die Tr\u00e4ger?<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die unheilige Allianz von linksliberalem Demokratismus und enthemmtem Kapitalismus stellt mittlerweile eine ernsthafte Bedrohung f\u00fcr das \u00dcberleben der Menschheit als Spezies dar. Die Herrschaft der Mittelm\u00e4\u00dfigen muss durch die Herrschaft der Besten abgel\u00f6st werden. Eine Forderung, die zwar leicht gestellt, aber sehr schwer umgesetzt werden kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Ein entspannter Blick auf die letzten paar Jahrtausende Menschheitsgeschichte macht eines deutlich: Die Aristokratien waren der Normalfall, die Demokratien die Ausnahmen institutionalisierter \u00a0Herrschaftsaus\u00fcbung \u00fcber menschliche Gro\u00dfgruppen. Ein \u201eZur\u00fcck\u201c zur Aristokratie ist mithin kein R\u00fcckfall in barbarische, vergessene Zeiten, sondern die Wiederkehr gesellschaftlicher Normalit\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Eine andere Richtung bekommt die Fragestellung, wenn man untersucht, welche Aristokraten denn die Tr\u00e4ger einer erneuerten Aristokratie sein sollten. Dass der verbleibende Hochadel in seiner \u00fcbergro\u00dfen Mehrheit daf\u00fcr nicht in Frage kommt, wurde bereits gesagt. Die Versuche, die Nachkommen ehemals regierender H\u00e4user mit der Lenkung von Staaten zu betrauen, scheiterten kl\u00e4glich, wie zuletzt das Beispiel Bulgarien bewies.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Auch das Verhalten des noch von Franco eingesetzten spanischen K\u00f6nigs Juan Carlos ist nicht zur Nachahmung geeignet, wenn man mehr will als ein endloses \u201eWeiter so!\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">An diesem Punkt wird die Frage interessant, wie denn Aristokratien \u00fcberhaupt entstanden. Wie eingangs bereits ausgef\u00fchrt, ist die Aristokratie die Herrschaftsform der Besten. Schon in pr\u00e4historischer Zeit, als noch das Naturrecht galt, wurden die menschlichen Sippenverb\u00e4nde und St\u00e4mme von denjenigen J\u00e4gern und Kriegern gef\u00fchrt, die sich als am f\u00e4higsten herausgestellt hatten. Sobald sich diese Verb\u00e4nde strukturierten, sesshaft wurden und kulturelle Aktivit\u00e4ten entfalteten, kamen andere Eigenschaften hinzu, die bestimmte Personen f\u00fcr F\u00fchrungsrollen pr\u00e4destinierten: Organisationsf\u00e4higkeit, Weitblick, das Erkennen von Zusammenh\u00e4ngen und von Naturgesetzen in einer barbarischen Welt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Im weiteren Verlauf der Geschichte, als die Staatswesen, wie wir sie heute kennen, sich noch <em>in statu nascendi<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\"><strong>[13]<\/strong><\/a> <\/em>befanden, bekamen die F\u00fchrer ihre\u00a0 heute weithin bekannten Titel: K\u00f6nig, F\u00fcrst, Herzog, Graf. Ich kann hier aus Platzgr\u00fcnden nicht die Etymologie all dieser Begriffe nachzeichnen, weshalb ich mich auf das Wort Herzog beschr\u00e4nke. Es stammt von dem althochdeutschen <em>herizogo<\/em>, was bedeutet, \u201eder vor dem Heer zog\u201c, ab. Die in anderen europ\u00e4ischen Sprachen synonym verwandten Ausdr\u00fccke f\u00fcr Herzog wie <em>duke <\/em>(engl.), <em>duque <\/em>(port., span.), <em>duca <\/em>und <em>duce <\/em>(ital.) leiten sich vom lateinischen <em>dux <\/em>ab, was Anf\u00fchrer hei\u00dft. Die damaligen Adligen zogen also <strong>vor <\/strong>dem Heer und versteckten sich nicht <strong>hinter <\/strong>der von ihnen eingesetzten Milit\u00e4rmacht, wie es demokratische Politiker regelm\u00e4\u00dfig tun. Die Herz\u00f6ge hatten also das gr\u00f6\u00dfte Risiko in der Schlacht, w\u00e4hrend \u201eunsere\u201c F\u00fchrer das kleinstm\u00f6gliche Risiko suchen. Deutlicher kann man nicht nachweisen, wie himmelweit der Unterschied zwischen den Adligen des Fr\u00fch- oder Hochmittelalters und den Adligen von heute geworden ist. Um von unseren Allerweltspolitikern gar nicht zu sprechen. Die historischen Erfahrungen, die die Menschheit mit aristokratischen Gesellschaften und aristokratischem, noblem und ritterlichem<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Verhalten gemacht haben, d\u00fcrfen nicht unter einem Mantel aus pseudohumanistischer Phraseologie versteckt werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Dieser Aufsatz kann nicht mehr als ein Denkansto\u00df sein, der zur Diskussion anregt.\u00a0 Das unwiderrufliche Scheitern der Massendemokratie, das sich bereits jetzt in den totalit\u00e4ren Tendenzen unserer \u201eWestlichen Wertegemeinschaft\u201c, den immer weiter ausufernden Denkverboten,\u00a0 einer ins Absurde abgleitenden Verschuldung und in einer Kontroll- und \u00dcberwachungswut sondergleichen ank\u00fcndigt, schreit geradezu nach Alternativen. Aristokratische Elemente in die Formen von Herrschaft und Macht einzubauen, w\u00e4re eine solche Alternative. Allerdings d\u00fcrfen alte Fehler wie das Abstammungsprinzip und die Undurchl\u00e4ssigkeit f\u00fcr f\u00e4hige Personen, die von unten kommen, nicht wiederholt werden. In jedem Fall ist das Weiterwursteln der Mittelm\u00e4\u00dfigen, die sich mittels einer Melange aus Unf\u00e4higkeit, Gr\u00f6\u00dfenwahn und Niedertracht an ihre Privilegien klammern wie der Heroins\u00fcchtige an die Nadel, kein Zukunftsmodell f\u00fcr die Spezies Mensch auf diesem Planeten.<\/span><\/p>\n<h2>Anmerkungen<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> D\u00e1vila benutzt in dieser Scholie den Begriff Feudalismus. Da er aber Feudalismus und Aristokratie zumeist als Synonyme verwendet, scheint es auch wegen unserer Thematik angemessen, ein wenig verbal \u201eumzujustieren\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Joachim Fest, Im Gegenlicht \u2013 eine italienische Reise, Reinbek bei Hamburg, Juni 2007<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u201cSiehe, der Mensch!\u201d (lat.)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Luiz Felipe Pond\u00e9, Guia politicamente incorreto da Filosofia, S\u00e3o Paulo 2012<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Wilhelmine von Bayreuth (1709 \u2013 1758) beschreibt in ihrer Autobiographie \u201eEine preu\u00dfische K\u00f6nigstochter\u201c, Frankfurt am Main 1990, \u00a0anschaulich, wie sich das Leben am Potsdamer und Berliner Hof abspielte. Alles drehte sich innerhalb des Mikrokosmos der h\u00f6fischen Gesellschaft. Es wurde gar nicht der Versuch gemacht, nach au\u00dfen zu wirken, den Untertanen Vorbild zu sein bzw. f\u00fcr deren Situation Verst\u00e4ndnis oder gar Mitgef\u00fchl aufzubringen. Gef\u00fchlsk\u00e4lte, chaotische, schier endlose Heiratsintrigen, weitgehendes Desinteresse an politischen Vorg\u00e4ngen und am Wohl des gemeinen Volkes kennzeichneten das Dasein der adligen Sippen. Dass ein solcherart degeneriertes Herrschaftssystem keine Perspektiven hatte, liegt auf der Hand.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u201cCelebramos a diferen\u00e7a entre homem e mulher\u201d. \u201c Wir feiern den Unterschied zwischen Mann und Frau\u201c \u2013 dies war das Thema eines dreit\u00e4gigen Seminars f\u00fcr verheiratete Paare einer baptistischen Kirche in Brasilien, an der ich 2012 mit meiner Frau teilnahm. In Deutschland h\u00e4tte diese Veranstaltung gute Chancen gehabt, wegen \u201eVolksverhetzung\u201c durch die bundesrepublikanische Religionspolizei, den Verfassungsschutz kriminalisiert und mit Gewalt aufgel\u00f6st zu werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Nikomachos war der Sohn des Aristoteles. Mit der Ver\u00f6ffentlichung der \u201eNikomachischen Ethik\u201c legte Aristoteles die Grundlagen der europ\u00e4ischen Ethik.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Pond\u00e9, a.a.O., S. 39<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Die durch die Theorien von Marcuse, Habermas, Horkheimer etc. weichgekochten Neomarxisten (vulg\u00e4r Linksliberale oder Gutmenschen genannt) ersetzten mittlerweile die Arbeiterklasse durch alle denkbaren Minderheiten, um durch diese Hintert\u00fcr ein neues revolution\u00e4res Subjekt zu generieren, nachdem die urspr\u00fcnglich f\u00fcr diese Rolle vorgesehene Arbeiterklasse ihnen die lange Nase gezeigt hatte und ins Kleinb\u00fcrgertum aufgestiegen war.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Ein weiteres lesenswertes Werk, das die grunds\u00e4tzliche Unvereinbarkeit von Gleichheit und Freiheit zum Inhalt hat:\u00a0 Erik von Kuehnelt-Leddihn, Gleichheit oder Freiheit? Demokratie \u2013 ein babylonischer Turmbau? T\u00fcbingen\/Z\u00fcrich\/Paris 1985.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Anfang 2013 wurde bekannt, dass 4 000 EU-Beamte mehr verdienen als die deutsche Bundeskanzlerin: http:\/\/www.welt.de\/print\/wams\/article113335320\/Ueber-4000-EU-Beamte-verdienen-mehr-als-Merkel.html<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> 2001 wurde der ehemalige Monarch Bulgariens, Simeon II. von Sachsen, Coburg und Gotha, mit \u00fcber 43% der Stimmen zum neuen Regierungschef des Balkanlandes gew\u00e4hlt. Der Jubel war gro\u00df, die Erwartungen hoch, wahrscheinlich zu hoch. Jedenfalls kam die Ern\u00fcchterung recht schnell, als sich herausstellte, dass der mit b\u00fcrgerlichem Namen Sakskoburggotski genannte neue Premier noch unf\u00e4higer war als seine demokratischen Vorg\u00e4nger. 2005 wurde seine Partei stimmenm\u00e4\u00dfig halbiert und scheiterte 2009\u00a0 mit kl\u00e4glichen 3% der Stimmen an der Sperrklausel.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Im Zustand des Entstehens (lat.)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Es ist alles andere als ein Zufall, dass aristokratische Begriffe wie \u201enobel\u201c und \u201eritterlich\u201c auch noch nach vielen Jahrhunderten einen so \u00fcberaus positiven Klang haben. Und zwar in allen indoeurop\u00e4ischen Sprachen<\/span>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Aristokratie[1] gr\u00fcndete auf den vornehmen Empfindungen: Treue, Schutz, Dienst. 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