{"id":737,"date":"2017-07-15T09:31:52","date_gmt":"2017-07-15T08:31:52","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=737"},"modified":"2020-02-03T18:14:09","modified_gmt":"2020-02-03T17:14:09","slug":"von-der-ohmacht-der-deutschen-rechten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/von-der-ohmacht-der-deutschen-rechten\/","title":{"rendered":"Von der Ohnmacht der deutschen Rechten"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 14pt;\">In nahezu allen Staaten Europas feiern Parteien der Rechten Wahlerfolge, gewinnen an gesellschaftlichem Einfluss, ersch\u00fcttern das linksliberale Meinungsklima oder beteiligen sich sogar an Regierungskoalitionen. Solche Parteien k\u00f6nnen oft nicht in einem weltanschaulichen Zusammenhang gebracht werden, suchen keine Verbindung untereinander \u2013 grenzen sich sogar von einander ab. Dennoch gibt es eine entscheidende Gemeinsamkeit: Die Angriffe ihrer vereinten Feinde, die eine Ersch\u00fctterung des bequemen Status quo f\u00fcrchten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Eine vergleichbar erfolgreiche Rechtspartei gibt es in Deutschland nicht. Die inzwischen als solche wahrgenommene aufstrebende \u201eAlternative f\u00fcr Deutschland (AfD)\u201c kann (noch) nicht dem Nationalen Lager zugerechnet werden. Zu sehr befindet sich die junge Protestkraft in einer Selbstfindungsphase rivalisierender Fl\u00fcgel und F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten \u00e4hnlich den fr\u00fchen Gr\u00fcnen. Im Gegensatz etwa zu \u00d6sterreich weist das deutsche Nationale Lager eine un\u00fcbersichtliche Vielfalt an Organisationen, Zeitschriftenprojekten und weltanschaulichen Str\u00f6mungen auf. Das rechte Denken \u00d6sterreichs teilt sich demgegen\u00fcber immer noch weitgehend auf das katholisch-konservative (z. T. monarchistische) und das national-freiheitliche (z. T. gro\u00dfdeutsche und pronazistische) Lager. Die FP\u00d6 \u00fcbernimmt auf der national-freiheitlichen Rechten die integrierende Rolle der deutschen \u201eLinkspartei\u201c. Parteien jenseits der FP\u00d6 fristen ein Schattendasein und m\u00fcssen sich radikalisieren, um sich erfolgreich abzugrenzen. Nahezu die gesamte rechte Infrastruktur (Medien, Vorfeldorganisationen) oszilliert um FP\u00d6-Strukturen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">In Deutschland lastet das historische Erbe besonders schwer, legitimiert sich doch die BRD genau wie DDR als antifaschistischer Staat. Dieser antifaschistische Konstitutionalismus diskreditiert jeglichen konstruktiven Ansatz der Politischen Rechten. Immer und \u00fcberall lauert die \u201eFaschismus-Keule\u201c. Es soll aber in dieser Darstellung nicht um schon h\u00e4ufig analysierte Repressalien und Behinderungen durch den Staat gehen, sondern um hausgemachte Defizite deutscher Patrioten.<\/span><\/p>\n<h2>Gibt es ein Nationales Lager?<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Eine monolithische Rechte Szene oder Nationales Lager gibt es freilich nicht. Wer dazu geh\u00f6rt oder auch nicht, entscheiden der politische Gegner und das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz. Dennoch existiert noch rudiment\u00e4r ein rechtes Milieu: Trotz aller pers\u00f6nlichen Animosit\u00e4ten und ideologischen Gegens\u00e4tze kennt sich die Szene, Sympathie und Gegnerschaft l\u00f6sen schnell einander ab. Irgendwie rauft man sich aber wieder zusammen. Politisches, Gesch\u00e4ftliches und Privates sind kaum zu trennen. Letztlich ist die Szene auch ein rentabler Markt f\u00fcr Devotionalien, Musik und B\u00fccher. Das politische Engagement kann sich so schnell zum handfesten wirtschaftlichen Interesse wandeln. \u00dcberhaupt stellt das Lager eine starke Wirtschafts- und Kaufkraft, aber auch Kontaktb\u00f6rse dar.<\/span><\/p>\n<h2>Charakterliche Defizite<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Besonders schwer wiegt hierbei der Teufelskreis, der durch die linksliberale Hegemonie ausgel\u00f6st wurde und so bis in die 1970er noch nicht bestand: Das Nationale Lager seit etwa den 1980ern rekrutiert sich nicht selten aus lichtscheuen Elementen, Eierdieben und Radioaktiven, die von durchaus idealistischen ehrenwerteren intellektuellen Missionaren umworben werden. Weil das Bekenntnis zu rechten Positionen rufsch\u00e4digend und gef\u00e4hrlich f\u00fcr Leib und Seele werden kann, bleiben v.a. Vertreter des deutschen Mittelstandes mit eigener Familie und beruflicher Existenz (z.B. Staatsbedienstete) abseits \u2013 man hat schlie\u00dflich einiges zu verlieren. Diese mentale H\u00fcrde existiert f\u00fcr Personen nicht, denen ihr Ruf egal ist bzw. deren Ruf schon ruiniert ist \u2013 aus welchen Gr\u00fcnden auch immer. Tendenziell findet somit eine personelle Negativauslese statt: Der rechte Dorftrottel wird mit \u201eden Rechten\u201c identifiziert, der beliebte \u00f6rtliche Handwerksmeister dagegen mit einer anderen Parteifamilie. Wenn das Nationale Lager \u00fcberproportional aus zweifelhaften Figuren besteht, schreckt das immer mehr integere Interessierte ab. Der Teufelskreis ist entfacht.<\/span><\/p>\n<h2>Masse statt Klasse?<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Leider wird von vielen nationalen Akteuren vergessen: Klasse statt Masse. Stattdessen herrscht die irrige Meinung vor: Bevor wir keine tauglichen Leute finden, m\u00fcssen wir uns mit dem begn\u00fcgen, was wir bekommen. Zum Plakate kleben und Verteilen von Flugzetteln reichen die allemal. Welch ein kurzsichtiger Irrtum! Das wirkt sich besonders dann verheerend aus, wenn sich doch einmal Wahlerfolge einstellen. M\u00f6gliche Mandate m\u00fcssen dann durch untaugliches Personal gedeckt werden. Streitereien, Blamagen und Abspaltungen sind die logische Folge. Gerade bei rechten Mandatstr\u00e4gern wird jede Schw\u00e4che gnadenlos ausgenutzt. Bei unzureichender Personaldecke darf an Wahlen einfach nicht teilgenommen werden! Die peinliche DVU-Fraktion im Magdeburger Landtag 1998 mit fast 13% hat verbranntes Land hinterlassen. Der Normalb\u00fcrger unterscheidet eben nicht zwischen den verschiedenen rechten Gruppen.<\/span><\/p>\n<h2>Endstation Ghetto<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Mit der Zeit entsteht eine Art rechtes Ghetto, von der Restgesellschaft isoliert. Man \u201ebewegt sich eben nicht im Volk wie der Fisch im Wasser.\u201c Aus diesem Grund besch\u00e4ftigen sich Angeh\u00f6rige des Nationalen Lagers mit sich selbst, diskutieren \u00fcber die immer gleichen Themen, best\u00e4rken sich in ihren Ansichten und isolieren sich weiter. Paranoia, Verfolgungswahn und Verschw\u00f6rungstheorien verbreiten sich wie ein Fl\u00e4chenbrand. Gerade letztere geben bequeme Antworten auf die eigene Ohnmacht. Schuld an der eigenen Stagnation sind staatlicher Geheimdienst, Berufsantifaschisten, Juden, Freimaurer usw.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Zur Lieblingsbesch\u00e4ftigung geh\u00f6rt die exotische Themenpflege wie der Neuschwabenland-Mythos, der immerhin Trost und Hoffnung verspricht, aber auch UFOs und alternative Lebensformen. Gerade der Esoterik-Markt findet in rechten Aktivisten lohnenswerte Kunden.<\/span><\/p>\n<h2>Einseitige Themen<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Einseitige Themen sind aber auch Geschichtsrevisionismus und speziell die Holocaustleugnung, beides h\u00f6chst heikel und im Grunde wirkungslos. Den betreffenden Personen ist es nat\u00fcrlich eine Herzensangelegenheit und sie wollen ihr oftmals vorhandenes Gerechtigkeitsempfinden zum Empfinden aller machen. Tats\u00e4chlich interessiert sich der \u00fcberw\u00e4ltigende Teil des deutschen Volkes herzlich wenig f\u00fcr Geschichte und Holocausterei. Kaum jemand ertr\u00e4gt deren st\u00e4ndige Thematisierung und Instrumentalisierung, egal in welcher Art, egal von wem. Eine \u201eSchlussstrich-Mentalit\u00e4t\u201c ist allseits vorhanden \u2013 da kann man vielmehr ansetzen. Dass Geschichtsrevisionismus eine ganz wichtige Aufgabe ist, steht au\u00dfer Frage. Entscheidend bleiben die Gewichtung im politischen Kampf und der Zeitpunkt. Viele Revisionisten gehen n\u00e4mlich irrt\u00fcmlich davon aus, sollten ihre Thesen zum Allgemeingut werden, dann gebe es einen Aufstand, nach dem Motto: Wir wurden ja belogen! So war das also!<\/span><\/p>\n<h2>Freizeitgemeinschaft und Anti-Programmatik<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Das mangelnde intellektuelle Niveau und die regelrechte Lernunwilligkeit der Szene sorgen daf\u00fcr, dass kaum brauchbare Aktivisten zu finden sind, die organisieren, sich artikulieren und qualifizierte Arbeiten (z.B. in Fachaussch\u00fcssen, evt. Mandatswahrnehmung, Beh\u00f6rdeng\u00e4nge) ausf\u00fchren k\u00f6nnen. Stattdessen erfreuen sich rechte Aktivisten am \u00e4u\u00dferen Habitus historischer Vorbilder. Mit deren Inhalten besch\u00e4ftigen sich die wenigsten. Eine Form von rechter Spa\u00df- und Freizeitgesellschaft mit Konzertbesuchen, Abenteuerdemos und martialisch-pathetischen Kameradschaftsabenden herrscht vor. Der integrative Aspekt ist vollkommen gerechtfertigt und notwendig, nur d\u00fcrfen sich politische Aktivit\u00e4ten nicht darauf beschr\u00e4nken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Mangelnde geistige Alternativen verleiten h\u00e4ufig dazu, den Erfolg im blinden Aktionismus zu suchen. Man macht etwas, um etwas zu tun. Das beruhigt so manches Gewissen. Durchaus lobenswerte Aktionen verpuffen ohne wirklichen Inhalt. Bleibt dann der Erfolg aus, resignieren die einstigen Aktivisten: \u201eF\u00fcr wen tun wir das eigentlich? Das Volk hat es ja nicht anders verdient!\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die \u00fcberschaubaren Zirkel intellektueller Geister beschr\u00e4nken sich wiederum auf die Analyse des zu \u00fcberwindenden Status quo. Sie erkl\u00e4ren \u00fcberzeugend, wie es zu dieser allgemeinen Degeneration kommen konnte, vernachl\u00e4ssigen jedoch den positiven Gegenentwurf. Besonders in konservativen Kreisen herrscht diese Anti-Programmatik vor. Man macht aus seiner visionslosen Not eine Tugend: F\u00fcr Utopien und Phantastereien sei die Linke zust\u00e4ndig, man ist ja realistisch. Es wird vergessen, dass ja jede erfolgreiche Idee durch das Stadium der Einsamkeit und L\u00e4cherlichkeit gehen musste. Im Zeichen allumfassender Orientierungslosigkeit braucht es wirkungsm\u00e4chtige Visionen, Mythen und zukunftstr\u00e4chtige Konzepte. Das hat mit dem ber\u00fchmten gesellschaftlichen Konstruieren am isolierten Schreibtisch nicht zwingend zu tun.<\/span><\/p>\n<h2>Nationaler Tunnelblick<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Das Ausland zeigt durchaus geistige Alternativen auf. In Italien, Frankreich und Russland gibt es mehrere originelle Denkschulen, die eine bestimmte Idee pflegen. Andere L\u00e4nder orientieren sich daran und passen diese Gedanken ihren Traditionen an. Freilich muss darauf geachtet werden, dass Denkschulen nicht zur Angelegenheit literarischer Salons verkommen d\u00fcrfen. Neben Skandinavien und Niederlande zeigt sich aber Deutschland besonders resistent gegen Denkschulen und die Pflege geistiger Traditionen. Gerade die \u201eKonservative Revolution\u201c (im Sinne Mohlers) findet in Osteuropa und Frankreich gro\u00dfen Anklang, fristet aber in ihrem Heimatland ein Schattendasein. Solche fundamentalen Themen wie Geopolitik (vielleicht die deutscheste aller Disziplinen) und Wirtschaftsalternativen werden seit Jahren in Italien, Frankreich und Russland auf h\u00f6chstem Niveau diskutiert, in Deutschland dagegen ignoriert. Man soll sich nicht t\u00e4uschen, ausl\u00e4ndische Gesinnungsgenossen beobachten uns aufmerksam und bedauern dieses geistige Defizit.<\/span><\/p>\n<h2>NS-Nostalgie<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Aus dem Mangel an tragf\u00e4higen und anziehenden Alternativen heraus st\u00fcrzen sich erhebliche Vertreter des Nationalen Lagers auf die nationalsozialistische Vergangenheit. Diese Zeit wird kritiklos glorifiziert. Durchaus nachvollziehbar: \u00dcber das Dritte Reich gibt es greifbare Dokumente und Zeugnisse. Das f\u00e4ngt mit Filmen an, geht \u00fcber Symbole und Zeitzeugen und endet mit \u201ebehakenkreuzten\u201c Briefmarken. Hitler hatte zeitweise Erfolg, die langweiligen Vertreter der \u201eKonservativen Revolution\u201c kann man nur Anhand ihrer Schriften erfassen. Die NS-Vergangenheit ist also greifbar und sichtbar. Das Beste aber ist: man kann herrlich provozieren. F\u00fcr den BRD-Staat ist die Zeit zwischen 1933-1945 das schlimmste, was es auf Erden gab, also muss es f\u00fcr System-Gegner folgerichtig der Idealzustand sein. Diese Nostalgie f\u00fchrt in die Sackgasse: die Zeiten haben sich n\u00e4mlich ge\u00e4ndert, das Dritte Reich war nicht fehlerlos und sein h\u00f6chster Repr\u00e4sentant \u2013 der letzte demokratisch gew\u00e4hlte Reichskanzler -, lebt nicht mehr. Neue L\u00f6sungen f\u00fcr neue Probleme in einer neuen Zeit m\u00fcssen her! Ansonsten ist man genauso historisch wehleidig wie DDR-Nostalgiker.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Das Dritte Reich hatte in seinen sechs Friedensjahren gar keine M\u00f6glichkeit, ein starkes Profil zu entwickeln, Hitler musste stattdessen zwischen den verschiedensten Str\u00f6mungen und Einzelinteressen vermitteln. Er selbst vertrat bescheiden den kleinsten gemeinsamen Nenner, um nicht anzuecken. Eine solche Dauerphase des Experimentierens und Umherlavierens kann nicht als programmatisches Fundament dienen. Daher ist auch die Bezeichnung Neonazi falsch &#8211; was ist das Neue? Das europ\u00e4ische Ausland setzt zum gro\u00dfen Teil auch auf historische Vorfahren, hat diese aber wesentlich weiterentwickelt.<\/span><\/p>\n<h2>Vertrauen auf ein neues \u201e1933\u201c<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Glaube an ein neues \u201e1933\u201c ist auch au\u00dferhalb des NS-Milieus zu finden. \u00c4hnlich dem Geschichtsdeterminismus Orthodoxer Marxisten des ausgehenden 19. Jh. gehen zahlreiche rechte Aktivisten davon aus, ihre T\u00e4tigkeit sei zum Erfolg verdammt. Gerade w\u00e4hrend der gr\u00f6\u00dften Wirtschaftskrise sucht man Parallelen in der Vergangenheit: Was haben unsere Ahnen getan? Wirtschaftskrise + unausweichliche Soziale Krise + h\u00f6chstwahrscheinliche Systemkrise treibt die Massen nach rechts. Aus Kameradschaftsf\u00fchrern von heute werden Staatslenker von morgen. M\u00f6glich, aber keineswegs sicher. Das Nationale Lager h\u00e4lt sich f\u00fcr besonders wissend und aufgekl\u00e4rt. Auch hier der Anti-System-Reflex: Alle Informationen etablierter Medien sind per se falsch, verlogen und manipuliert. Demnach: Alle Informationen und Behauptungen aus der Szene sind per se richtig. Die abstrusesten und widerspr\u00fcchlichsten Behauptungen werden zum rechten Allgemeingut. Die Freimaurerei ist so streng geheim, dass es trotzdem Unmengen an Aufkl\u00e4rungsliteratur gibt. Irgendein anonymer Aussteiger gibt genaueste Auskunft \u00fcber j\u00fcdische Weltherrschaftspl\u00e4ne.<\/span><\/p>\n<h2>Untersch\u00e4tzen religi\u00f6ser Fragen<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Ein gro\u00dfes Problem ist das Untersch\u00e4tzen religi\u00f6ser Fragen. Ein gro\u00dfer Teil \u2013 auch aus dem konservativen Lager -, \u00e4u\u00dfert sich kaum zur Religion. Unter pronazistischen Gruppen ist es dagegen Mode, Christentum und Kirchen abzulehnen und ein germanisches Heidentum zu reaktivieren. Ersteres sei artfremd und j\u00fcdisch, letzteres die ad\u00e4quate deutsche Religion. Dabei sind \u00fcberzeugte Heiden Mangelware, ein zur Schau gestelltes Heidentum mit Sonnenwendfeuer, das sich in antichristlicher Rhetorik selbst gen\u00fcgt, dagegen die Norm. Dabei war der deutsche Nationalismus seit den antinapoleonischen Befreiungskriegen meist \u00fcberkonfessionell, aber nicht atheistisch oder antichristlich. Im Gegenteil: Gerade Protestantismus und Katholizismus hatten ihren festen Platz. Allein im deutschen Kaiserreich bevorzugte man die protestantische Konfession. Protestanten und Katholiken m\u00fcssen unbedingt ihren festen Platz im Nationalen Lager erhalten, sonst \u00fcberl\u00e4sst man Millionen christlicher Patrioten den linksliberalen Gutmenschen beider Amtskirchen. Dagegen bietet sich die germanisch-christliche Synthese geradezu an. Ernst Moritz Arndt empfahl die Errichtung einer neuen Irminsul als Symbol f\u00fcr die Gefallenen der antinapoleonischen Befreiungskriege. Die Irminsul repr\u00e4sentiert dabei den freiheitsliebenden heidnischen Germanen (im Kampf gegen die R\u00f6mer) und den christlichen Deutschen (im Kampf gegen die Franzosen).<\/span><\/p>\n<h2>Exkurs: Neuheidentum<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Bei Deutschlands Neuheiden muss zwischen zwei Gruppen unterschieden werden: Die Prim\u00e4rreligi\u00f6sen und die Prim\u00e4rpolitischen. Bei letzteren handelt es sich um Verlegenheitsheiden, die ihre politische Programmatik religi\u00f6s (als Ethno-Religion) legitimieren und der Christlichen Internationale eins auswischen wollen. Die Prim\u00e4rreligi\u00f6sen sind dagegen eine eigene heterogene Subkultur, die ich n\u00e4her betrachten will.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Das religi\u00f6se Wissen unserer Ahnen speist sich h\u00e4ufig aus r\u00f6mischen und christlichen Quellen. Die damit unvermeidliche parteiische Sichtweise und Verf\u00e4lschungen werden so zur Realit\u00e4t, authentische Quellen sind ja Mangelware. Eine bemerkenswerte Ausnahme finden wir in den ariosophischen Schriften, die sich aus zweifelhaften Quellen mit einer urzeitlichen ario-germanischen Hochkultur befassen. F\u00fcr einen wirkungsm\u00e4chtigen nationalen Mythos reicht das als Grundlage einer religi\u00f6sen Neugeburt dagegen nicht. Die Existenz der Irminsul (truncus ligni) ist auch nicht gekl\u00e4rt, das Symbol entstammt dem Felsrelief der Externsteine, dennoch wird es von einem Gro\u00dfteil mangels Alternative \u00fcbernommen. Das germanische Heidentum war wie alle Religionen nicht statisch, sondern setzte ver\u00e4ndernde Schwerpunkte (z.B. welche Gottheit im Zentrum der Verehrung steht). Man darf nicht untersch\u00e4tzen, wie sehr das heidnische Europa im Christentum, v.a. im Katholizismus konserviert wird. Damit Europa christlich wurde, musste sich das junge Christentum entorientalisieren. \u201eDas Heidentum ist das andere Alte Testament der Kirche\u201c (D\u00e1vila). Europa ist im Grunde immer heidnisch geblieben, nur die \u00e4u\u00dfere Form ist christlich. Die heidnisch-christliche Synthese wird im mittelalterlichen Rittertum offensichtlich. Was hat Europa dem Christentum nicht alles zu verdanken? Selbst unser Adler-Wappen entstammt dem r\u00f6misch-imperialen Vorbild. Otto III. f\u00fchrte es ganz\u00a0 im Geist der deutschen Renovatio Imperii Romanorum ein. Warum bekennen wir uns nicht wie Briten, Russen, Japaner und Franzosen zu unserer gesamten Geistestradition?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Es fehlt an Inhalt und Spiritualit\u00e4t, die rudiment\u00e4ren Rituale wirken sehr akademisch: Aus einem Ritus ist niemals ein Glaube entstanden, sondern genau umgekehrt. Ein Ritual vergegenw\u00e4rtigt sakrale Ereignisse der Vorzeit. Die heidnischen Vordenker unserer Tage erinnern mehr an Freizeithistoriker als an spirituelle Wegweiser. Sie kritisieren am Christentum Dogmatik und Intoleranz, sind aber selbst sehr dogmatisch und z\u00e4nkisch. Bis heute scheiterte jeder Versuch, einen geeinten Dachverband zu gr\u00fcnden oder sich auf eine gemeinsame Jahresz\u00e4hlung zu einigen. Alles wirkt k\u00fcnstlich und konstruiert. Viele Neuheiden sind eher s\u00e4kularisierte Christen, die sich \u00e4u\u00dferlich heidnisch geben. Das theologische Defizit behebt man mit buddhistischer oder indianischer Spiritualit\u00e4t (Der edle Indianer hat es uns Deutschen besonders angetan), Meditation, Alternativmedizin, fleischlose Ern\u00e4hrung und autarken Siedlungsprojekten. Das Neuheidentum besteht folgerichtig h\u00e4ufig aus Aberglauben, Blutsmythos, Verehrung von Elementarwesen und New-Age-Esoterik, dagegen fehlen Formen von Initiation und metaphysischem Streben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die Prim\u00e4rreligi\u00f6sen \u2013 nicht die Prim\u00e4rpolitischen -, sind ironischerweise von allen Rechten am wenigsten naturverbunden. Sie erinnern stark an die GR\u00dcNEN: Stadtmenschen, hoher Frauenanteil mit dem unvermeidlichen Doppelnamen, hohe Akademikerrate, wohlhabend und noch mehr vom Volk entfernt als jede andere rechte Subkultur. Wer einer Veranstaltung dieses Klientel beiwohnt, f\u00fchlt sich unwillk\u00fcrlich an Hippies erinnert. Die Prim\u00e4rpolitischen erinnern dagegen eher an puritanische Amish People. Das Neuheidentum der BRD erscheint l\u00e4cherlich und besonders hoffnungslos. Neuheiden sind die Trotzkisten der deutschen Rechten. Dass es auch andere respektablere Formen gibt, zeigen die Beispiele in Skandinavien, Osteuropa, Baltikum und Gro\u00dfbritannien. Um das erkennen zu k\u00f6nnen, muss man aber den nationalen Tunnelblick \u00fcberwinden.<\/span><\/p>\n<h2>Fehlen einer charismatischen Pers\u00f6nlichkeit<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Das wohl gr\u00f6\u00dfte Problem f\u00fcr schnelle Erfolge stellt das v\u00f6llige Fehlen einer charismatischen Integrationsfigur dar. Potentielle Volkstribune gab es ab und an schon, versagten aber ihrer Eitelkeit oder intellektueller Defizite wegen. Eine solche Integrationsfigur \u00e0 la Le Pen oder Haider personifiziert f\u00fcr die breite Masse das politische Wollen. Dahinter sollte es jedoch ein moderierendes Direktorium geben, das in der Tradition altr\u00f6mischer Triumphwagenlenker st\u00e4ndig mahnt: \u201eBedenke, dass Du ein Mensch bist!\u201c Auch f\u00fcr Vor- wie Negativbilder kann das Ausland reichliche Beispiele geben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Imponierende Pers\u00f6nlichkeiten gibt es zwar, doch verstehen sich diese als Goebbels-Imitatoren, Sonnenk\u00f6nige und von der Vorsehung erw\u00e4hlte F\u00fchrer. Vertreter dieser Gattung h\u00e4tten durchaus ihren festen Platz, wenn sie sich selbst nicht so wichtig nehmen w\u00fcrden. Es sind dann verletzte Eitelkeiten und\u00a0 pers\u00f6nliche Animosit\u00e4ten, die ein Zusammenarbeiten scheitern lassen. Entsprechend dominieren in der \u201erechten\u201c Nachrichtengestaltung auch Klatsch- und Tratschgeschichten \u00e0 la BILD und BUNTE. Die abgenutzten Begriffe \u201eKameradschaft\u201c und \u201eVolksgemeinschaft\u201c wurden gerade dadurch versaut.<\/span><\/p>\n<h2>Mangelnde Kenntnis der Politischen Linken<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Es ist zudem ein Gebot der Stunde, die Politische Linke neu zu bewerten. L\u00e4ngst hat diese marxistische Positionen weitgehend \u00fcber Bord geworfen, stattdessen werden utopische soziale Wohltaten \u00e0 la \u201eReichtum f\u00fcr alle\u201c eingefordert, ohne den sozio\u00f6konomischen Status quo anzutasten. Ein gro\u00dfz\u00fcgiger Antifaschismus dominiert die neulinke Programmatik. Von dieser Seite sind in schweren Krisenzeiten keine Antworten zu erwarten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Das Nationale Lager sollte sich dringend mit DDR-Nostalgikern auseinandersetzen, das Hauptklientel der \u201eLinkspartei\u201c. Diese wird in Mitteldeutschland in erster Linie gew\u00e4hlt, weil sie als Regionalpartei und Anw\u00e4ltin des Ostens wahrgenommen wird. DDR-Nostalgiker verkl\u00e4ren ihren untergegangenen Staat nicht als marxistischen Versuch einer besseren Gesellschaftsordnung, sondern haben vielmehr konservative Motive. \u201eIn der DDR gab es Recht und Ordnung. In der DDR konnten unsere Frauen nachts durch den Park spazieren. In der DDR gab es Solidarit\u00e4t und Gemeinschaftssinn. Und: In der DDR gab es kein Ausl\u00e4nderproblem.\u201c Warum also, muss man dieses Potential dem weltanschaulichen Feind \u00fcberlassen. Schlie\u00dflich haben die heutigen Aushilfskommunisten ihr Proletariat verloren, \u00a0stattdessen setzen sie lieber auf sexuelle, ethnische und religi\u00f6se Minderheiten. Mit dieser Verlegenheitsl\u00f6sung l\u00e4sst sich jedoch nichts mehr erreichen. Letztlich wird die Linke \u00fcber Einwanderungsproblematik und Nation stolpern, wie sooft in ihrer Geschichte.<\/span><\/p>\n<h2>Ausblick<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Man darf sich keiner Illusion hingeben. Ein geschlossenes, geeintes Nationales Lager hat es im In- und Ausland zu keiner Zeit gegeben und wird es auch nicht geben. Organisatorische und weltanschauliche Zersplitterung f\u00fchren ja erst zu Erneuerung und Profilsch\u00e4rfe \u2013 Einheit und stete Erfolge l\u00e4hmen. Momentan streiten verschiedene Geistesstr\u00f6mungen und Pers\u00f6nlichkeiten um die Hegemonie, doch es dr\u00e4ngt die Zeit. Solche fundamentale Fragen nach alternativem Staatsaufbau, Staatsform, Europabild, Verh\u00e4ltnis zur Islamischen Welt und USA und Wirtschaftsalternativen sind unbefriedigend diskutiert und verlangen nach einem festen Standpunkt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Das Nationale Lager mit seinen Subkulturen wird durchaus breiten Zulauf erhalten, seine Sozialstruktur und Mentalit\u00e4ten aber verlieren. Bestehende Strukturen nehmen nicht einfach an Unterst\u00fctzung zu und momentane Kader, die sich schon als Regionalf\u00fcrsten sehen, erhalten nicht einfach neue Sch\u00e4fchen, sondern das Lager wird \u00fcbernommen und ein Gro\u00dfteil des bestehenden Personals hinausgedr\u00e4ngt oder degradiert. Es bleiben die herausragenden Pers\u00f6nlichkeiten und ausgefeilten Programme. Die Szene taugt heute lediglich als Kontaktb\u00f6rse f\u00fcr Idealisten und ernsthafte Denker. Das ist ihr eigentlicher Wert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Es empfiehlt sich darum die Schaffung mehrerer Denkschulen. Ob diese einer Partei nahe steht oder nicht, hat gravierende Vor- wie Nachteile und kommt auf den Fall an. Fundamentalopposition darf nicht an eine Partei gebunden sein, da Parteifunktion\u00e4re kompromittierende Forderungen verhindern m\u00fcssen, um gew\u00e4hlt zu werden. Jede Denkschule braucht feste allgemeine Prinzipien, um sich von anderen abzugrenzen. Innerhalb solcher Integrale muss es einen gro\u00dfz\u00fcgigen Spielraum mit mehreren Str\u00f6mungen geben, um Erstarrung und Sektiererei auszuschlie\u00dfen. Sie entwickeln sich zu Quellen weltanschaulicher Alternativen, die zu gegebener Zeit gefragt sein werden. Denkschulen ersetzen keine breiten Organisationen, sondern geben ihnen erst das Ziel vor. Jede erfolgreiche Idee muss durch das Stadium der Einsamkeit und L\u00e4cherlichkeit.<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In nahezu allen Staaten Europas feiern Parteien der Rechten Wahlerfolge, gewinnen an gesellschaftlichem Einfluss, ersch\u00fcttern das linksliberale Meinungsklima oder beteiligen sich sogar an Regierungskoalitionen. Solche Parteien k\u00f6nnen oft nicht in einem weltanschaulichen Zusammenhang gebracht werden, suchen keine Verbindung untereinander \u2013 grenzen sich sogar von einander ab. 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