{"id":7330,"date":"2020-10-14T13:12:02","date_gmt":"2020-10-14T11:12:02","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=7330"},"modified":"2021-02-21T10:13:14","modified_gmt":"2021-02-21T09:13:14","slug":"der-linksliberale-staat-toetet-sich-selbst-dominik-schwarzenberger-im-gespraech","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/der-linksliberale-staat-toetet-sich-selbst-dominik-schwarzenberger-im-gespraech\/","title":{"rendered":"&#8222;Der linksliberale Staat t\u00f6tet sich selbst&#8220; &#8211; Dominik Schwarzenberger im Gespr\u00e4ch"},"content":{"rendered":"<p><em>Am 11. September 2020 ver\u00f6ffentlichten wir auf unserem Blog <a href=\"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/wir-stehen-am-ehesten-vor-der-russischen-revolution-von-1905-interview-mit-dominik-schwarzenberger\/\">ein Interview<\/a> mit dem Historiker und Politikwissenschaftler <strong>Dominik Schwarzenberger<\/strong>, in dem es um eine m\u00f6glicherweise bevorstehende Revolution ging. Schwarzenberger machte in diesem Gespr\u00e4ch deutlich, dass er im Sicherheitsapparat einen wichtigen und zugleich volatilen Komplex sieht, dem innerhalb von Krisenzeiten eine Schl\u00fcsselposition zukommt. <strong>Peter Steinborn<\/strong> fasst daher noch einmal gesondert nach und m\u00f6chte in diesem zweiten Interview mehr dazu wissen.<\/em><\/p>\n<p><strong>P.S.:<\/strong> Herr Schwarzenberger, in unserem letzten Interview hinterfragten Sie das Mantra vom staatstreuen Polizeiapparat. Dabei sprachen Sie davon, dass, wenn der Mangel gro\u00df genug wird, dieses Credo nicht mehr halten wird. Nun haben wir einige Zuschriften erhalten, in denen unsere Leser genau diese These von Ihnen in Frage stellen. Die weitverbreitete Meinung unter den Rechten lautet, dass insbesondere die Exekutive ihren Dienst am Staat macht, solange diese Hand sie f\u00fcttert. Was erwidern Sie unseren Lesern darauf?<\/p>\n<p><strong>D.S.: <\/strong>Ich widerspreche nicht. Alles steht und f\u00e4llt mit unserem Wohlstand. Der sozio\u00f6konomische Mangel ist noch nicht gro\u00df genug, aber er w\u00e4chst. Das registrieren die Sicherheitsorgane wegen ihres Wissensvorsprungs besonders schnell. Es sei darauf hingewiesen, dass niemals der gesamte Sicherheitsapparat umschwenkt: es gibt zu unterschiedliche und gegens\u00e4tzliche Fraktionen, Charaktere und Befindlichkeiten sowie regionale Unterschiede. Der bayerische Apparat ist tendenziell stark etatistisch und strukturkonservativ und sieht in Rechts wie Links gleicherma\u00dfen den Feind. Zeichnet sich ein Systemwechsel ab, so ist andererseits der bayerische Apparat mit von der Partie \u2013 aber nicht aus billigem Opportunismus, sondern weil der neue Staat umgewidmet wird. Es gibt folglich eine Kontinuit\u00e4t.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt verh\u00e4lt es sich beim Sicherheitsapparat wie mit allen Revolutionen: Es bedarf nicht der Mehrheit des Volkes, sondern nur einer entschlossenen gro\u00dfen Minderheit. Wichtiger ist die Gewissheit, dass sich die Masse passiv verh\u00e4lt \u2013 und das gilt eben auch f\u00fcr die Sicherheitsorgane.<\/p>\n<p><strong>P.S.:<\/strong> K\u00f6nnen Sie uns dazu Beispiele geben? Wo lohnt es sich, genauer hinzuschauen? Haben wir vergleichbare F\u00e4lle in der Geschichte, die Sie f\u00fcr wahrscheinlich halten?<\/p>\n<p><strong>D.S.: <\/strong>Ich habe eine umfangreiche Liste mit Beispielen aus Vergangenheit und Gegenwart.<\/p>\n<p>*Da gibt es die \u201eFeierabendpolizisten\u201c, die nach Dienstschluss Rechnungen mit Kriminellen, Minderheiten oder Linken begleichen, weil w\u00e4hrend der Dienstzeit die Mittel des Rechtsstaats nicht reichen oder politische Korrektheit im Weg stehen (verp\u00f6ntes jedoch effizientes Racial Profiling). Dazu geh\u00f6ren die professionellen Todesschwadron Lateinamerikas wie die Triple A (Argentinische Antikommunistische Allianz) oder lose organisierte Gruppen in Frankreich und Italien, vielleicht auch schon bei uns.<\/p>\n<p>*Geheimdienste und Milit\u00e4rs, selten Polizei, initiieren die Gr\u00fcndung nationalradikaler Gruppen. So in Rum\u00e4nien durch die Reste der Securitate geschehen, die mindestens drei solcher Orgas gr\u00fcndete, um eine nationalradikale Opposition gegen die Reformen ab 1990 aufzubauen.<\/p>\n<p>*Dann gibt es das Ph\u00e4nomen \u201eTiefer Staat\u201c (auch Parakratos): Hier agieren Teile der Sicherheitsorgane, Rechtsradikale, Unternehmer und organisierte Kriminalit\u00e4t. Dieses Zweckb\u00fcndnis basiert auf Technokratie, materiellen Vorteilen, Ideologie, M\u00e4nnerbund und traditionellen Werten. Passende Beispiele finden wir in der T\u00fcrkei (Ergenekon-Projekt), Serbien (Rote Barette) oder Italien (Gladio und Loge P2).<\/p>\n<p>*Schlie\u00dflich gibt es in sehr fortgeschrittener Form das Ph\u00e4nomen, dass sich die Sicherheitsapparate soweit verselbst\u00e4ndigt haben, dass sie die herrschende Klasse bestimmen (Milit\u00e4rdiktaturen, Janitscharen, altr\u00f6mische Milit\u00e4rkaiser).<\/p>\n<p><strong>P.S.:<\/strong> Sprechen wir \u00fcber Gladio und Janitscharen.<\/p>\n<p><strong>D.S.: <\/strong>Gladio war ein NATO-Programm, um zur Hochzeit des Kalten Krieges antikommunistische Partisanen im Falle einer sowjetischen Invasion parat zu haben. Diese Stay-Behind-Formationen rekrutierten sich aus Rechtsradikalen und wurden von Milit\u00e4rs, Geheimdiensten und Unternehmern ausgebildet und mit Ressourcen versorgt. Wie komplex ein solches Zweckb\u00fcndnis ist, zeigte das globale Netzwerk \u201eAntikommunistische Weltliga\u201c, die vom messianischen christlichen Fanatiker Sun Myung Moon und seiner \u201eVereinigungskirche\u201c gegr\u00fcndet wurde und aus staatlichen Institutionen sowie rechtsradikalen Gruppen bestand. An Ressourcen hatte es denen nicht gefehlt, nur blieb die sowjetische Invasion aus. Zu Gladio empfehle ich die sehr ausgewogene Doku \u201eDas Schwarze Orchester\u201c (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1jt63Yj3NqY\">submitted<\/a> geht es zum 1. von 7 Teilen der deutschsprachigen Version der Dokumentation.)<\/p>\n<p>Die Janitscharen waren die osmanische Waffen-SS, sie rekrutierten vornehmlich geraubte christliche Jungen des Balkan (\u201eKnabenlese\u201c). Jetzt folgt das fantastische: der Sultan und gleichzeitige sunnitische Kalif \u00fcbergab die Knaben zur Erziehung seinen religi\u00f6sen Feinden, dem alevitischen Bektaschi-Orden zur Erziehung, um die Knaben dem Einfluss sunnitischer Milit\u00e4rs zu entziehen. Nach Jahrhunderten verselbst\u00e4ndigten sich schlie\u00dflich die Janitscharen und bestimmten fortan den Sultan, bis sie Mahmud II 1826 vernichtete. Dieses Paradoxon erkl\u00e4rt sich aus dem Korpsgeist der Janitscharen.<\/p>\n<p><strong>P.S.:<\/strong> Das h\u00f6rt sich sehr abenteuerlich an.<\/p>\n<p><strong>D.S.: <\/strong>Stimmt, ist aber folgerichtig, wenn man sich mit Systemtheorie und Dialektik besch\u00e4ftigt und in komplexen Zusammenh\u00e4ngen denkt. Ich werde einmal einen eigenen Beitrag dazu verfassen.<\/p>\n<p><strong>P.S.:<\/strong> Der Polizeiapparat ist ja nur ein Teil eines gro\u00dfen Komplexes innerhalb des Systems. Im Grunde genommen handelt es sich ja dabei wiederum um einen Komplex, der also keinen monolithen Block darstellt. Kann man diesen Komplex in diverse Gruppen zerlegen?<\/p>\n<p><strong>D.S.: <\/strong>Ja, nat\u00fcrlich. Besonders anf\u00e4llig sind Spezialkr\u00e4fte und Bereitschaftspolizei, die stehen an vorderster Front.<\/p>\n<p><strong>P.S.:<\/strong> Welche Zielgruppen sind f\u00fcr die Rechte besonders interessant und warum?<\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Erster Adressat ist die mittlere F\u00fchrungsebene, die beherrscht den Apparat, das gilt f\u00fcr Geheimdienste, Polizei, Milit\u00e4r und die zahlreichen Mischformen. Hier wirkt das Prinzip des M\u00e4nnerbunds ganz besonders. Die oberste F\u00fchrungsebene ist unerreichbar und damit uninteressant. Die Mannschaftsgrade sind unorganisierte Schwungmasse. Sie folgen von allein, hier wirkt Spontaneit\u00e4t.<\/p>\n<p>Einer besonderen Agitation bedarf es gar nicht, da altrechte Werte und die Prinzipien der Sicherheitsapparate korrelieren. Deren Interessen stimmen zudem mit rechter Zielsetzung \u00fcberein: St\u00e4rkung des Wehrwillens, Effizienzsteigerung der Sicherheitsorgane, gesunder leistungsstarker Nachwuchs, Traditionspflege usw. Bedingung ist, dass die Rechte seri\u00f6s und nachhaltig auftritt und sich mit ideologischen Absurdit\u00e4ten zur\u00fcckh\u00e4lt. Vertreter der Sicherheitsorgane kommen auf die Rechte zu, nicht umgekehrt. Schlie\u00dflich entwickeln sie aufgrund ihrer beiden ausgebildeten Perspektiven Verst\u00e4ndnis f\u00fcr oppositionelle Gruppen.<\/p>\n<p><strong>P.S.:<\/strong> Welche Perspektiven?<\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Anfangs ist die Relation zwischen Sicherheitsapparat und Opposition so, wie man sich das gemeinhin vorstellt: Die Dienste sowie die Polizei bek\u00e4mpfen die Opposition und sind im Vorteil, weil sie \u00fcber effizientere Ressourcen verf\u00fcgen. Nachdem sich jedoch oppositionelle Kr\u00e4fte immer wieder neubilden, muss deren Existenz irgendwie gerechtfertigt sein, so etwa durch eine treffende oppositionelle Analysef\u00e4higkeit und Problemerkennung \u2013 das Loch im Dach. Es folgt die zweite Perspektive: die nach oben zur Herrschenden Klasse, die offensichtlich Fehler macht und das Loch im Dach ignoriert. Irgendwann interessieren sich dann die Sicherheitsorgane auch f\u00fcr oppositionelle L\u00f6sungen. Der Geheimdienstchef oder Verteidigungsminister geh\u00f6ren nicht zum Sicherheitsapparat, sondern zur herrschenden Klasse.<\/p>\n<p><strong>P.S.:<\/strong> Kann man dem Sicherheitsapparat \u00fcberhaupt trauen?<\/p>\n<p><strong>D.S.: <\/strong>Diese Frage l\u00e4sst sich nicht beantworten, da das Verh\u00e4ltnis dem zu anderen politischen oder wirtschaftlichen Verb\u00fcndeten entspricht. Es ist ein st\u00e4ndiges Austarieren und Verhandeln. Es gibt auch nicht nur zwei Seiten, sondern mehrere Fraktionen und Einzelpersonen des Sicherheitsapparats k\u00f6nnen Interesse zeigen und sich wieder distanzieren. Nat\u00fcrlich besteht auch die Gefahr des \u00dcbervorteilens, das kann aber auch dem Sicherheitsapparat passieren. So manche rechte Orga hat sich im Kalten Krieg gesundgesto\u00dfen.<\/p>\n<p>Speziell Geheimdienste haben den Ruch von James Bond und Hinterlist, aber das ist nur Kino. Man sollte das Verh\u00e4ltnis eher mit Gesch\u00e4ftspartnern vergleichen, die auch immer wieder nachverhandeln und sich nach Alternativen umsehen. Alle Beteiligten kochen nur mit Wasser.<\/p>\n<p><strong>P.S.:<\/strong> Einer unserer Leser hat auf den Umstand hingewiesen, dass die Polizei immer multikultureller, also ethnisch pluralistischer wird. Um sich einer m\u00f6glichen Revolution anzuschlie\u00dfen, bedarf es doch eines gewissen Patriotismus. Sehen Sie hier keine Gefahr, dass eine multiethnische Polizei gar kein Motiv mehr f\u00fcr einen \u00dcbertritt hat?<\/p>\n<p><strong>D.S.: <\/strong>Ein sehr guter Einwand! Dieser Trend ist gef\u00e4hrlich, doch l\u00e4sst er sich dialektisch relativieren. Bis auf regionale Schwerpunkte l\u00e4uft die Entdeutschung schleppend voran. Der Sicherheitsapparat zieht automatisch eine bestimmte Klientel an: irgendwie patriotisch und altrechten Werten verpflichtet (Ordnung, Autorit\u00e4t, Korpsgeist). Am st\u00e4rksten sind momentan bestimmte Polizeigattungen betroffen, Milit\u00e4r und Geheimdienste weit weniger. Au\u00dferdem wird eine Entdeutschung (\u00fcber eine Art Quotensystem) als Bedrohung und Konkurrenz wahrgenommen, hier entsteht ein Mangel an Aufstiegschancen. Es bilden sich intern bereits ethnisch homogene M\u00e4nnerb\u00fcnde, wie sie in angeblichen \u201eRassischen Demokratien\u201c wie USA, Brasilien, Indien, Kanada oder Mexiko die Regel sind. Der Entdeutschungsprozess ist aus revolution\u00e4rer Sicht willkommen, weil er versch\u00e4rfend wirkt.<\/p>\n<p>Noch eine Klarstellung: auch so mancher Nichtdeutscher wird umschwenken, es kommt auf seine Verwurzelung und kulturelle N\u00e4he an.<\/p>\n<p><strong>P.S.:<\/strong> Trotz Corona rei\u00dfen die Schlagzeilen \u00fcber den angeblichen Rechtsextremismus in der deutschen Polizei oder der Bundeswehr nicht ab. Der Vorsitzende des gewerkschaftlichen Berufsverbandes \u201eBund Deutscher Kriminalbeamter (BDK)\u201c <a href=\"https:\/\/el-news.de\/inland\/politik-inland\/kriminalbeamten-chef-verlangt-whistleblower-system-fuer-polizisten\/\">fordert jetzt sogar eine Art Denunziationsplattform<\/a>, die es sogenannten Hinweisgebern innerhalb der Polizei erm\u00f6gliche, anonym die Kollegen anzuschw\u00e4rzen. U. a. wird immer wieder betont, dass man nicht zulassen d\u00fcrfe, dass sich die Rechten hier als diejenigen positionieren, die als einzige den Rechtsstaat durchsetzen k\u00f6nnen. Zeichnet man hier eine Chim\u00e4re aus irrationaler Panik heraus oder handelt es sich um ein aus Sicht des Staates nachvollziehbares Vorgehen gegen st\u00f6rende Elemente im Sicherheitsapparat?<\/p>\n<p><strong>D.S.: <\/strong>Die Herrschende Klasse kann gar nicht anders reagieren, die Luft wird d\u00fcnner und der Kontrollverlust st\u00e4rker. Eine \u201eDenunziationsplattform\u201c bewirkt das Gegenteil, eine Trotzreaktion, weil sie den m\u00e4nnerb\u00fcndlerischen Korpsgeist st\u00f6rt \u2013 und, was bedeutender ist: die sozio\u00f6konomischen Mangelerscheinungen werden weiter ignoriert. Ich erinnere an das sich stetig vergr\u00f6\u00dfernde Loch im Dach.<\/p>\n<p><strong>P.S.:<\/strong> Im Sommer dieses Jahres wurde die 2. Kompanie der Kommando Spezialkr\u00e4fte (KSK), also der Elite-Einheit in der Bundeswehr schlechthin, wegen einer Party aufgel\u00f6st. In diesem Monat will man zudem entscheiden, ob auch der Rest der Elitetruppe aufgel\u00f6st werden soll. Es ist allgemein bekannt, dass die Bundeswehr schon lange nicht mehr als besondere Einsatz- oder Verteidigungsarmee in Europa herausragt. Die KSK waren dabei immer noch neben einzelnen Kampftruppen die Vorzeige-Kompanie. Nun soll dem wegen angeblicher rechtsradikaler Umtriebe innerhalb des Korps ein Ende bereitet werden. Macht die Verteidigungsministerin damit nicht einen gravierenden Fehler? Wie erkl\u00e4ren Sie sich solche en Verhalten?<\/p>\n<p><strong>D.S.: <\/strong>Einen gr\u00f6\u00dferen Fehler gibt es nicht! Das ist typisch blinder Aktionismus weltfremder Politiker. Gerade die KSK leben einen besonders elit\u00e4ren Korpsgeist und Traditionsbewusstsein. Was soll aus den Leuten werden, will man sie als Parkplatzw\u00e4chter einsetzen? Verletzte Eitelkeit und Blo\u00dfstellung sind gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Der desolate Zustand unseres Milit\u00e4rs (ein offensichtlicher Mangel) belastet dessen Angeh\u00f6rige, die automatisch auf bessere Zeiten der Vergangenheit schielen, als die Armee noch etwas galt.<\/p>\n<p><strong>P.S.:<\/strong> In unserem letzten Gespr\u00e4ch sprachen Sie davon, dass die Sicherkr\u00e4fte global nach rechts tendieren w\u00fcrden. Dies komme u. a. aus ihrer technokratischen Natur, also der rein sachlich-objektiven L\u00f6sungsorientierung. K\u00f6nnen Sie dies unseren Lesern n\u00e4her erl\u00e4utern?!<\/p>\n<p><strong>D.S.:<\/strong> Die Sicherheitsapparate basieren auf ausschlie\u00dflich altrechten Werten (Ordnungsdenken, Disziplin, Leistung, Elite, Treue, Korpsgeist, Gehorsam, Autorit\u00e4t, Hierarchie, Milit\u00e4rstil), die in wachsendem Ma\u00df als archaisch und zu \u00fcberwindend verunglimpft werden. Dieser Trend findet global statt, selbstverst\u00e4ndlich in unterschiedlicher Intensit\u00e4t. In der westeurop\u00e4ischen Staatenwelt ist das weit fortgeschritten. Hier findet eine Umkehrung solcher Werte statt (\u201eSoldaten sind M\u00f6rder\u201c). Damit entzieht man ALLEN Sicherheitsorganen das Fundament. Fundament des Staates ist und bleibt der M\u00e4nnerbund. Der linksliberale Staat t\u00f6tet sich folglich selbst.<\/p>\n<p>Vereinfacht dargestellt: Der zu bewahrende Staat wird als Maschine\/Organismus angesehen, dessen Funktion und Effizienz gew\u00e4hrleistet werden muss. Diese Maschine bedarf st\u00e4ndiger Pflege und wird folglich von St\u00f6rungen aller Art bereinigt. Es ist dabei egal, welche Farbe die Maschine hat und wer sie gerade besitzt, de facto Eigent\u00fcmer ist der Sicherheitsapparat. Es ist v\u00f6llig uninteressant, wie der Kanzler hei\u00dft: Hitler oder Merkel. Die Maschine muss laufen \u2013 und jetzt ger\u00e4t sie ins Stottern. Der momentane Besitzer scheint offensichtlich \u00fcberfordert, ein m\u00f6glicher neuer noch nicht in Sicht.<\/p>\n<p><strong>P.S.:<\/strong> Sie z\u00e4hlen den Verfassungsschutz nicht zu den Geheimdiensten. In unserem letzten Gespr\u00e4ch nannten sie ihn sogar eine politisch-ideologische Polizei. Glauben Sie, Hans-Georg Maa\u00dfen ist ein Einzelfall oder tendiert auch dieser heterogene Teil des Sicherheitsapparates zu rechten L\u00f6sungen? Schlie\u00dflich gibt es Anlass, den Herrschenden an verschiedenen Stellen Verfassungsbruch vorzuwerfen. Oder sind tats\u00e4chlich verfassungstreue Patrioten im VS in der Minderheit?<\/p>\n<p><strong>D.S.: <\/strong>Grunds\u00e4tzlich gibt es auch im VS die M\u00f6glichkeit einer Umorientierung, das Auswahlverfahren ist jedoch mehr ideologisch als sachlich, das unterscheidet ihn von anderen Apparaten. Maa\u00dfen ist kein Rechter im ideologischen Sinn, sondern im praktischen. Er hat einfach nur seine Arbeit gemacht.<\/p>\n<p><strong>P.S.:<\/strong> Wenn ich Sie richtig verstehe, dann ist der durchschnittliche Geheimdienstler tats\u00e4chlich so etwas wie eine Zielgruppe f\u00fcr rechte Politik. Das wird wahrscheinlich dem einen oder anderen Rechten unwahrscheinlich vorkommen. Das Stichwort lautet hier \u201eTiefer Staat\u201c (Deep State), den wir immer wieder in L\u00e4ndern wie dem Vereinigten K\u00f6nigreich oder den USA in Aktion sehen k\u00f6nnen. Obwohl Trump sicherlich herausragende Politik in \u00dcbersee geleistet hat, die sich gewaltig von denen seiner Amtsvorg\u00e4nger abhebt, steht derselbe einem ihm feindlichen Geheimdienstapparat gegen\u00fcber. Denken wir z. B. an den Eklat um John O. Brennan (CIA-Chef von 2013-2017), den Trump seine Sicherheitsgenehmigung entziehen musste, nachdem dieser ihm Verrat vorwarf, weil er eine andere Russland-Politik zu pflegen wei\u00df. Was sagen Sie unseren skeptischen Lesern dazu? Gibt es aktuelle Beispiele f\u00fcr eine solche offene Tendenz?<\/p>\n<p><strong>D.S.: <\/strong>Ich sehe sogar einzelne Subsysteme der Geheimdienste als Zielgruppe, v. a. die geopolitischen Arbeitsgruppen, die besonders technokratisch vorgehen.<\/p>\n<p>Geheimdienste sind auch keine Bl\u00f6cke, sondern Komplexe mit sich selbst bildenden und verwaltenden Subsystemen und unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten, die in Konkurrenz zu einander stehen (Polykratie).<\/p>\n<p>Den \u201eTiefen Staat\u201c (Parakratos) gibt es graduell verschieden in nahezu allen gr\u00f6\u00dferen Staaten.<\/p>\n<p>Ich beobachte \u201eQ\u201c, da es sich dabei um ein gut organisiertes Projekt dissidenter Geheimdienstler und Milit\u00e4rs handeln KANN. Von \u201eQ\u201c zu unterscheiden sind seine vielf\u00e4ltigen internationalen Anh\u00e4nger, die eine wahre apokalyptische Endzeitreligion geschaffen haben. Hier hei\u00dft es: H\u00e4nde weg!<\/p>\n<p><strong>P.S.:<\/strong> Nehme ich Ihren Vergleich zur Russischen Revolution zur Hand, den ich im \u00fcbrigen absolut teile, dann m\u00fcsste es schon bald zu einem einschneidenden Ereignis kommen, wie den Petersburger Blutsonntag von 1905. Dies f\u00fchrte damals zu einem kompletten Bruch zwischen dem Zaren und seinem Volk. Darauf folgten seichte Reformen und massive Zerw\u00fcrfnisse. Damals geh\u00f6rte der Terror sowohl von der Revolution wie auch vom Staatsapparat zum Alltag. Die Sicherheitskr\u00e4fte gingen mit den Insurgenten nicht zimperlich um. Es kam zu Erschie\u00dfungen, Verhaftungswellen und Zuchthausstrafen. Stehen uns \u00e4hnliche Entwicklungen bevor? Oder wird der deutsche Polizist seinen Helm demonstrativ beiseite packen, wie wir es vermehrt in Italien, den USA oder auch in Spanien gesehen haben?<\/p>\n<p><strong>D.S.: <\/strong>Es gab nur einen Bruch mit einer gro\u00dfen Minderheit im Volk, der Rest war ohnehin passiv (v. a. die Bauernschaft) oder hatte sich von den Scheinreformen domestizieren lassen. Richtig ist eine weitere Radikalisierung und Militarisierung dieser beachtlichen Minderheit.<\/p>\n<p>Solch ein Szenario ist hier auch m\u00f6glich, es kommt darauf an, welche Qualit\u00e4t herrschende Klasse und Revolution\u00e4re erreichen. Stehen sich zwei Bl\u00f6cke gegen\u00fcber, haben wir das typische B\u00fcrgerkriegsszenario; stehen sich ein Block und ein heterogenes Lager oder zwei Lager gegen\u00fcber, \u00e4ndert sich schon die Brisanz. 1905 gab es einen erodierenden Regierungsblock und ein diffuses revolution\u00e4res Lager aller Couleur, im Februar 1917 standen sich zwei Lager gegen\u00fcber, wobei die Revolution\u00e4re bereits mehrere fanatische Bl\u00f6cke (z. B. Bolschwiken) ausbildeten. Bei uns diagnostiziere ich momentan einen ebensolchen erodierenden Systemblock und ein v\u00f6llig gespaltenes unorganisiertes Oppositionslager, weshalb ein \u201eBlutsonntag\u201c hierzulande wahrscheinlich ist. Was sollen die Herrschenden auch anders machen?<\/p>\n<p><strong>P.S.:<\/strong> Zurecht, wie ich finde, beschreiben Sie unsere Situation wie die kurz vor dem Blutsonntag von Sankt Petersburg in 1905. Es dauerte danach noch weitere 12 Jahre, bis die Februarrevolution und sp\u00e4ter dann die Oktoberrevolution Erfolg hatten. Wird es in Deutschland auch 12 Jahre ben\u00f6tigen, bis es zu weitreichenden Umw\u00e4lzungen kommt? (Bitte begr\u00fcnden!)<\/p>\n<p><strong>D.S.: <\/strong>Zeitliche Aussagen kann kein seri\u00f6ser Analyst machen. Das h\u00e4ngt von der Intensit\u00e4t und Wahrnehmbarkeit des sozio\u00f6konomischen Mangels und der oppositionellen Leistungskraft ab. Der unvermeidbare wirtschaftliche Niedergang wird durch geschickte Taschenspielertricks gerade verz\u00f6gert.<\/p>\n<p>Die systemkritische Opposition teilt sich in zu viele Str\u00f6mungen, nicht mal Organisationen. Es geh\u00f6ren auch liberale Erneuerer dazu wie Kommunisten, deren Erstarken ich prophezeie, gleichwohl die Rechte aufgrund objektiver Notwendigkeiten die besten Erfolgsaussichten hat. Selbstverst\u00e4ndlich bedingt auch ein wachsender Kommunismus ein rechtes Wachstum und umgekehrt.<\/p>\n<p>Ich vermute, der Systemblock degeneriert schneller zum heterogenen Lager, als sich rechte, liberale und linke Opposition zu organisierten \u2013 sich gegenseitig bek\u00e4mpfenden \u2013 Bl\u00f6cken gewandelt haben. Das bedeutet zun\u00e4chst absolutes Chaos. Ein weiterer Faktor ist das Ausland: gibt es da Vorbilder, abschreckende Szenarien oder kommt es gar zu Interventionen? Darum immer Kontakte ins Ausland halten und dieses beobachten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 11. September 2020 ver\u00f6ffentlichten wir auf unserem Blog ein Interview mit dem Historiker und Politikwissenschaftler Dominik Schwarzenberger, in dem es um eine m\u00f6glicherweise bevorstehende Revolution ging. 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