{"id":7251,"date":"2020-10-02T06:46:29","date_gmt":"2020-10-02T04:46:29","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=7251"},"modified":"2020-11-26T16:18:37","modified_gmt":"2020-11-26T15:18:37","slug":"sozialer-wohnungbau-gestern-und-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/sozialer-wohnungbau-gestern-und-heute\/","title":{"rendered":"Vom M\u00e4rchen der Wohnungsnot 3: Sozialer Wohnungbau \u201eGestern und Heute\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>In dem folgenden Teil seiner Artikelreihe, geht <strong>Manfred Aengenvoort<\/strong> auf die historische Entwicklung des sozialen Wohnungsbau ein. Aengenvoort kann durch seine \u00fcber 30-j\u00e4hrige T\u00e4tigkeit als Immobilien-Investor und Inhaber eines Bauberatungs- sowie Verwaltungsunternehmens auf ein umfangreiches Fachwissen zur\u00fcckgreifen, welches ihn zu einem regelrechten Experten f\u00fcr Fragen rund um Immobilien macht. Hiermit folgt der dritte Teil seiner Abhandlung, der an die Ausf\u00fchrungen des <a href=\"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/vom-maerchen-der-wohungsnot-fakten-statt-schlagworte\/\">ersten Teils<\/a> and <a href=\"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/vom-maerchen-der-wohnungsnot-2-der-immobilienmarkt\/\">zweiten Teils<\/a> ankn\u00fcpft. Die Redaktion<\/em><\/p>\n<p>Als sich nach dem Eingreifen der US-Amerikaner 1917 die Lage des deutschen Heeres an der Westfront verschlechterte, versprach die Oberste Heeresleitung den Soldaten die F\u00f6rderung eines \u201egro\u00df\u201c angelegten, staatlich gef\u00f6rderten Wohnungsbaus f\u00fcr die Zeit nach dem siegreich beendeten Krieg. Es kam bekanntlich anders. Nach dem Reichsheimst\u00e4ttengesetz vom 10.05.1920 entstanden in der Weimarer Republik rund 20.000 Kleinh\u00e4user \u2013 nicht Mietwohnungen! \u2013 bevorzugt f\u00fcr Kriegsteilnehmer, insbesondere Kriegsgesch\u00e4digte, Witwen der im Krieg Gefallenen und kinderreiche Familien. Von 1933 bis 1945, also etwa in demselben Zeitraum, entstanden noch einmal 60.000 Heimst\u00e4tten (eine besondere, gesch\u00fctzte Form des Eigentums).<\/p>\n<p>Am 15.11.1940, mitten im 2. Weltkrieg, ernennt Adolf Hitler den F\u00fchrer der Deutschen Arbeitsfront, Dr. Robert Ley, zum Reichskommissar f\u00fcr den \u201esozialen Wohnungsbau\u201c. Ein Begriff war geboren, der, trotz der allgemeinen Ablehnung des Nationalsozialismus, nichts von seiner Leuchtkraft verloren hat. In dem Erlass hei\u00dft es: \u201eDer erfolgreiche Ausgang des Krieges wird das Deutsche Reich vor Aufgaben stellen, die es nur durch eine Steigerung seiner Bev\u00f6lkerungszahl zu erf\u00fcllen vermag. Es ist daher notwendig, dass durch Geburtenzuwachs die L\u00fccken geschlossen werden, die der Krieg dem Volksk\u00f6rper geschlagen hat. Deshalb muss der neue deutsche Wohnungsbau in der Zukunft den Voraussetzungen f\u00fcr ein gesundes Leben kinderreicher Familien entsprechen.\u201c Im Architekturb\u00fcro der DAF wurden schon bald die ersten Grundtypen vorgestellt. Im 1. Halbjahr 1942 lagen den Werkszeitungen der gro\u00dfen Industriebetriebe Frageb\u00f6gen zu den Wohnverh\u00e4ltnissen der Gefolgschaftsmitglieder bei. Es kam bekanntlich wieder anders. Nach dem Krieg waren in Westdeutschland einschlie\u00dflich West-Berlin 22% des Wohnungsbestandes im Jahr 1939 (2,34 Millionen Wohnungen) zerst\u00f6rt. Dazu kamen rund 8 Millionen Heimatvertriebene in den Westzonen und 4 Millionen Heimatvertriebene in der Ostzone (BRD\/DDR). Dazu kamen bis 1961 3,3 Millionen Fl\u00fcchtlinge aus der DDR. Ferner wurden \u00fcber 4,5 Millionen Deutsche aus der Sowjetunion, Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Rum\u00e4nien, Bulgarien, Jugoslawien oder Albanien in der BRD aufgenommen. Bis 1973 kamen 14 Millionen ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte nach Westdeutschland, von denen 11 Millionen allerdings wieder in ihre Heimatl\u00e4nder zur\u00fcckkehrten. Insgesamt haben 18,5 Millionen Menschen in Deutschland einen \u201eMigrationshintergrund\u201c. Davon sind 3,2 Millionen abzuziehen, die bereits bei den Aussiedlern erfasst sind. Mithin hat die BRD rund 30 Millionen Menschen aus den unterschiedlichsten Gr\u00fcnden aufgenommen, f\u00fcr die neben dem Wohnraum f\u00fcr Ausgebombte solcher zu schaffen war.<\/p>\n<p>Diese Aufgabe wurde durch verschiedene Ereignisse erschwert:<\/p>\n<ol>\n<li>Die W\u00e4hrungsreform 1948 vernichtete 90% des Kapitalstocks.<\/li>\n<li>Vom Verbliebenen waren aufgrund der Lastenausgleichgesetzgebung von 1950 50% an den Staat \u2013 in den n\u00e4chsten 25 Jahren \u2013 abzuf\u00fchren.<\/li>\n<li>Ungeachtet steigender Lohn- und Materialkosten blieben die meisten Wohnungsmieten im Rahmen der Wohnraumzwangsbewirtschaftung bis 1965 auf dem Niveau von 1936 (Lohn- und Preisstop) eingefroren. In West-Berlin noch l\u00e4nger. In der DDR bis 1992.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden war kaum freifinanzierter Wohnungsbau m\u00f6glich.<\/p>\n<p>An seine Stelle trat der aus Steuermitteln gef\u00f6rderte \u201esoziale Wohnungsbau\u201c f\u00fcr die \u201ebreiten Schichten des Volkes\u201c. Dieser Begriff wurde sp\u00e4ter ge\u00e4ndert. Adressat der F\u00f6rderung waren nun die \u201ebreiten Schichten der Bev\u00f6lkerung\u201c. Die so errichteten Wohnungen unterlagen f\u00fcr einen l\u00e4ngeren Zeitraum einem Belegungsrecht der Gemeinden und f\u00fcr die Dauer der F\u00f6rderung (urspr\u00fcnglich 40 \u2013 50 Jahre) der Kostenmiete. Wobei der Vermieter weder bei der Auswahl seiner Mieter mitreden, noch an den teilweise inflationsbedingten Mietsteigerungen partizipieren konnte. Die Einhaltung der Wohnungsbindung und der Kostenmiete (wobei die historischen Kosten zugrunde gelegt wurden), wurde mit gro\u00dfem b\u00fcrokratischem Aufwand \u00fcberwacht. Ein gro\u00dfes \u00dcbel war auch die \u201eFehlbelegung\u201c. Wer einmal eine solche Wohnung berechtigt (Einkommensgrenze) bezogen hatte, gab sie nicht mehr auf, auch wenn die Gr\u00fcnde l\u00e4ngst entfallen waren. Eine \u00f6konomisch nachvollziehbare, wenn auch unsolidarische Handlungsweise. Um das Jahr 1969 war der Skandal so gro\u00df geworden, dass Gesetze \u201ezum Abbau der Fehlsubventionierung\u201c erlassen wurden. Erneut wurde eine kostentr\u00e4chtige B\u00fcrokratie aufgebaut. In der Regel war es bei Einkommens\u00fcberschreitungen bis 50% sinnvoller, die Fehlbelegungsabgabe zu zahlen, als die Wohnung f\u00fcr einen bed\u00fcrftigen Berechtigten frei zu machen.<\/p>\n<p>Um alle Berechtigten dennoch wohnungsm\u00e4\u00dfig versorgen zu k\u00f6nnen, w\u00e4re aus einer steuerfinanzierten Ma\u00dfnahme zur Beseitigung der Wohnungsnot eine Daueraufgabe geworden, obwohl schon lange keine Wohnungsnot (fehlender Wohnraum) mehr bestand. Die Bev\u00f6lkerung Gro\u00dfdeutschlands einschlie\u00dflich \u00d6sterreich, des Sudetenlandes und der Ostgebiete (Ost-Brandenburg, Pommern, West- und Ostpreu\u00dfen, Schlesien) 79,5 Millionen; 2019: 83,2 Millionen Bev\u00f6lkerung der BRD (in den Grenzen von 1990), 1939: 59,4 Millionen. Trotz eines Anstiegs der Wohnbev\u00f6lkerung um nahezu 40%, zunehmender Versingelung und damit Zunahme der Haushalte, die eine Wohnung ben\u00f6tigen, hat die Wohnungswirtschaft \u2013 in all ihren Formen \u2013 die Not beseitigt und weist einen Leerstand von deutschlandweit 3%, in einigen Bundesl\u00e4ndern \u00fcber 8% aus. Insbesondere herrscht in Ballungsgebieten ein Mangel an preiswertem Wohnraum.<\/p>\n<p>Es gibt Bev\u00f6lkerungsteile, die sich nicht oder nur schwer mit preiswertem Wohnraum versorgen k\u00f6nnen. Diesen steht seit 1965 (in Mitteldeutschland seit 1991) mit dem \u201eWohngeld\u201c ein ziemlich passgenaues Instrument zur Verf\u00fcgung. Interessanterweise erklingt seltener der Ruf nach Ausbau dieses Instruments, als der Ruf nach \u201esozialem Wohnungsbau\u201c. Der will aber trotz gro\u00dfz\u00fcgiger Geldgeschenke des Steuerzahlers nicht in Gang kommen (in NRW wird den Bauherren 15 \u2013 25% des Baudarlehens geschenkt, der Rest mit 0% verzinst). Offensichtlich gilt hier der Grundsatz, \u201eeinem geschenkten Gaul, schaut man nicht in\u2019s Maul\u201c, nicht mehr uneingeschr\u00e4nkt. Ist das zu bedauern oder zu begr\u00fc\u00dfen?<\/p>\n<p>Dazu wird es je nach Standpunkt unterschiedliche Antworten geben. Die Bef\u00fcrworter m\u00fcssen sich zun\u00e4chst erinnern, dass es die Zweckbestimmung \u201ebreite Schichten des Volkes\u201c nicht mehr gibt. Wer in bestimmte Einkommensgrenzen \u201epasst\u201c, hat Anspruch auf eine Sozialwohnung. Sofern diese zur Verf\u00fcgung steht. Zu allererst \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 die Bezieher niedrigster Einkommen. Das sind Empf\u00e4nger von Hartz-IV-Leistungen, Asylbewerber, Niedrigl\u00f6hner (h\u00e4ufig Ausl\u00e4nder). Wer sozialen Wohnungsbau im gro\u00dfen Stil betreibt, schafft soziale Gettos. (In meiner Heimatstadt, im Ruhrgebiet, stehen bspw. 2 Gro\u00dfsiedlungen. 400 Wohnungen aus den 1970er Jahren und 300 Wohnungen aus den 1990er Jahren. Die Bewohner setzen sich aus 120 Nationen zusammen und bed\u00fcrften vielf\u00e4ltiger Betreuung). Die \u201eBanlieues\u201c in den Pariser Vorst\u00e4dten, in die sich kein Polizist mehr hineinwagt, sollten den Entschlusstr\u00e4gern zu denken geben. In St\u00e4dten wie D\u00fcsseldorf und M\u00fcnster werden nur noch Bebauungspl\u00e4ne aufgestellt, bei denen etwa die H\u00e4lfte der Wohnungen preisreguliert sind. Die dort entstehenden Wohnungen m\u00fcssen auch vom Steuerzahler in der Eifel oder dem Sauerland mitfinanziert werden.<\/p>\n<p>Im \u00dcbrigen gibt es neben dem Neubau von Mietskasernen auch andere Mittel zur Vergr\u00f6\u00dferung des Wohnungsbestandes. Davon beim n\u00e4chsten Mal mehr. Auch \u00fcber die Gr\u00fcnde f\u00fcr st\u00e4ndig steigende Bodenpreise muss gesprochen werden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dem folgenden Teil seiner Artikelreihe, geht Manfred Aengenvoort auf die historische Entwicklung des sozialen Wohnungsbau ein. Aengenvoort kann durch seine \u00fcber 30-j\u00e4hrige T\u00e4tigkeit als Immobilien-Investor und Inhaber eines Bauberatungs- sowie Verwaltungsunternehmens auf ein umfangreiches Fachwissen zur\u00fcckgreifen, welches ihn zu einem regelrechten Experten f\u00fcr Fragen rund um Immobilien macht. 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