{"id":7222,"date":"2020-09-21T07:30:31","date_gmt":"2020-09-21T05:30:31","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=7222"},"modified":"2020-09-21T07:30:31","modified_gmt":"2020-09-21T05:30:31","slug":"autoland-ist-abgebrannt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/autoland-ist-abgebrannt\/","title":{"rendered":"Autoland ist abgebrannt"},"content":{"rendered":"
Der Automobilsektor kann nicht l\u00e4nger Deutschlands Schl\u00fcsselindustrie sein<\/em><\/p>\n Bekanntlich liegt die Wiege der Automobilindustrie in meiner geliebten Heimat W\u00fcrttemberg. In Kooperation mit Wilhelm Maybach entwickelte Gottlieb Daimler in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts das erste vierr\u00e4drige Kraftfahrzeug mit Verbrennungsmotor. Und so muss es nicht verwundern, dass renommierteste Automobilschmieden sowie deren Zulieferer mit Weltmarktf\u00fchrung auch heute im S\u00fcdwesten ihren Sitz haben.<\/p>\n Unabh\u00e4ngig von der geographischen Verortung und der folgerichtigen Verballhornung des Automobils als Heilig’s Blechle<\/a> neben dessen Verwendung als schw\u00e4bische Redensart, um sein Erstaunen zum Ausdruck zu bringen, ist die Entwicklung des PKWs zum Statussymbol mehr als beachtenswert – nicht nur im S\u00fcdwesten unseres Vaterlandes. Wenn es ein Paradebeispiel f\u00fcr Geltungskonsum gibt, dann ist es der Kauf bzw. das Leasen eines Kraftfahrzeuges.<\/p>\n Es ist erstaunlich, dass gerade in dem als besonders sparsam geltenden Schwaben so ziemlich jede Mark und derzeit noch die gescheiterte europ\u00e4ische Kunstw\u00e4hrung mehrfach herumgedreht wird, nur dann nicht, wenn es um’s Heilig’s Blechle geht. Da wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Da wird zus\u00e4tzlich am Wochenende ein Minijob ausge\u00fcbt, um sich ein Fahrzeug leisten zu k\u00f6nnen, das ansonsten finanziell nicht vorstellbar ist. Da nehmen sonst so knickrige Unternehmer finanzielle Belastungen in Kauf, die sie f\u00fcr nichts anderes jemals eingehen w\u00fcrden. Da ist generell eine gro\u00dfe Bereitschaft vorhanden, einen gro\u00dfen Teil des verf\u00fcgbaren Einkommens f\u00fcr den fahrbaren Untersatz auszugeben.<\/p>\n F\u00fcr mich als n\u00fcchternen \u00d6konomen war diese Begeisterung ohnehin nicht nachvollziehbar. Noch viel weniger die Tatsache, dass es der Automobilindustrie gelang, im Zusammenhang mit der Verwendung eines Automobils dauerhaft Assoziationen geschaffen zu haben, die sich unter anderem mit Freiheit, Zukunft und Fortschritt konkretisieren lassen. Insofern ist es nachvollziehbar, dass ich dieses irrationale Verhalten im Umgang mit dem PKW und seinen Kosten schon seit jeher als automobilen Wahn bezeichnet habe.<\/p>\n In wenigen Industriezweigen vermag die zunehmend staatssozialistisch gepr\u00e4gte deutsche Wirtschaft noch ihre f\u00fchrende Stellung behaupten. Der Maschinenbau, die Chemiebranche und der Logistiksektor geh\u00f6ren dazu. Unstrittig an der Spitze des verarbeitenden Gewerbes ist aber die Automobilindustrie, die nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums 2019 direkt 833.000 Personen<\/a> besch\u00e4ftigte. Nach Angaben des Automobillobbyverbandes VDA sollen allein im Bereich Motoren- und Getriebeherstellung 13 Prozent der Bruttowertsch\u00f6pfung der deutschen Industrie<\/a> generiert werden. In dessen Mittelpunkt:\u00a0 Der Dinosaurier unter der Antriebstechnik, das Dieselaggregat.<\/p>\n Der geneigte Leser sei hier an das sogenannte Dieselgate<\/a> 2015 erinnert und damit verbunden an Strafzahlungen gegen\u00fcber insbesondere US-Beh\u00f6rden aber auch mit Entsch\u00e4digungsforderungen gegen\u00fcber bewusst get\u00e4uschten Verbrauchern weltweit. Neben dem materiellen Schaden in zigfacher Milliardenh\u00f6he wurde zudem der Mythos unerreichter deutscher Ingenieurskunst f\u00f6rmlich pulverisiert. Global wurde man der Tatsache gewahr, dass Schummel-Software an die Stelle von Innovationskraft im fr\u00fcheren Land der Dichter und Denker sowie Ingenieure und Erfinder getreten ist.<\/p>\n Im Ergebnis wurde der Diesel, was seine Emissionswerte betrifft, nicht weiterentwickelt, zumindest aber nicht in seiner optimierten Version angeboten. Um dem \u00fcbergeordneten Renditeziel der Shareholder zu gen\u00fcgen, setzte man auf Betrug. Qualit\u00e4t als automobiler deutscher Markenkern geh\u00f6rt der Vergangenheit an.<\/p>\n Noch trauriger als in Sachen Antriebstechnik und Dieselfokussierung sieht es generell beim Gesamtpaket PKW in vormals deutschen Landen aus. Der Dieselmotor kann, was seine komplexe Herstellung anbetrifft, als Synonym daf\u00fcr gelten, was dem Durchschnittsautofahrer zunehmend weniger wichtig wird. Die fortschreitende Verst\u00e4dterung auf der einen und die \u00dcberalterung der Wohnbev\u00f6lkerung auf der anderen Seite hinterlassen deutliche Spuren. Wenn der Dieselbesitzer \u00fcberhaupt noch durch Fahrverbote unbeeintr\u00e4chtigt sein Reiseziel w\u00e4hlen darf, tritt f\u00fcr die Alltagsanwendung des Boliden immer mehr Multimedia, Navigationssystem und Co. in den Vordergrund. Hier sind die deutschen Hersteller allenfalls bieder, meist aber muss generell alles Innovative im IT-Sektor von Fremdanbietern bezogen werden.<\/p>\n Von Lobbyisten der Automobilindustrie wird wie oben ausgef\u00fchrt h\u00e4ufig das hohe Lied auf die hohe Wertsch\u00f6pfung dieses Sektors des verarbeitenden Gewerbes angestimmt. Man darf an den Zahlenwerken, die dies belegen, getrost zweifeln. Genauso wie am mehr als fragw\u00fcrdigen fr\u00fcher gef\u00fchrten Ehrentitel „Exportweltmeister“. Rein systematisch muss man bei der Erfassung der beschriebenen vermeintlichen Erfolge kritisch einwenden, dass hierbei h\u00e4ufig die in den Gesamt- bzw. Exportumsatz eingegangenen Vorleistungen wohl unzureichend ber\u00fccksichtigt werden. Hans-Werner Sinn ist es zu verdanken, auf diese Fehlentwicklung zur Basar\u00f6konomie<\/a> verwiesen zu haben.<\/p>\n Aber nicht nur die Abnahme der Fertigungstiefe in Deutschland, gerade die extrem internationalisierte horizontale Aufstellung des gesamten Fertigungsprozesses ist bedenklich. Meister der vertikalen Integration ist fraglos Apple. Hier wird nichts, aber auch gar nichts im Umfeld der Apple-Produktfamilien geduldet, was nicht Apple ist. Kein anderes Betriebssystem, keine Fremdsoftware, keine externen Ger\u00e4te ohne das ‚\u00c4pfelchen‘. M\u00f6glich ist dies freilich nicht zuletzt wegen der Pionierstellung des Weltkonzerns, an die Spitze gest\u00fcrmt durch die geniale Erfindung des Touchscreens.<\/p>\n Dies erscheint im Automobilsektor wegen seiner viel h\u00f6heren Fertigungstiefe nahezu unm\u00f6glich. Generell hat aber auch hier die Digitalisierung dazu gef\u00fchrt, dass neues Herzst\u00fcck bei der Konstruktion eines Fahrzeuges das Betriebs- und Bussystem geworden ist und den Motor abgel\u00f6st hat. Deutschland war in diesem Sektor vormals noch f\u00fchrend, wurde doch bekanntlich das kabelsparende CAN-Bus-System 1983 von Bosch entwickelt. Dieses System war lange Zeit pr\u00e4gend f\u00fcr die gesamte Automobilindustrie. Aber der Zahn der Zeit nagt an allem und l\u00e4ngst ist das Land von Konrad Zuse, was die Digitalisierung anbetrifft, auf dem Weg, ein Entwicklungsland zu werden. Der Erfinder des ersten funktionsf\u00e4higen Computers w\u00fcrde sich im Grabe umdrehen…<\/p>\n In der Tat f\u00e4llt der deutschen Automobilindustrie derzeit ihre breite horizontale Aufstellung auf die F\u00fc\u00dfe. Hier wird nicht mehr in direkter Abh\u00e4ngigkeit bei elementaren Komponenten gefertigt, sondern munter nebeneinander her. Folge: Da die Software- und Hardwarekomponenten nicht nur nicht selbst hergestellt werden, sondern nicht aufeinander abgestimmt sind, schlucken die parallel entwickelten Module unn\u00f6tige Ressourcen. Damit sinkt die Leistungsf\u00e4higkeit des Gesamtpaketes.<\/p>\n Nach Auffassung von Branchenkennern bereitet gerade diese Entwicklung derzeit Probleme beim Stromer VW ID3, der vollmundig als Nachfolger des Golf pr\u00e4sentiert wurde, aber wohl kaum in der Lage sein wird, in die gro\u00dfen Fu\u00dfstapfen seines Verbrennervorg\u00e4ngers zu treten. Nachdem beim ID3 alle Komponenten integriert wurden, stellte sich heraus, dass der alles koordinierende Computer nicht leistungsf\u00e4hig genug ist. Der Fluch der horizontalen Integration und abnehmender Fertigungstiefe.<\/p>\n Weil ein moderner PKW aus unz\u00e4hlig mehr Komponenten besteht wie IT-Produkte, wird wie oben dargestellt die radikale vertikale Integration von Apple selbst f\u00fcr ein \u00e4hnlich innovatives Unternehmen wie Tesla unerreichbar sein; dessen ungeachtet d\u00fcrfte Tesla die deutschen Konkurrenten um den Faktor zwei bis f\u00fcnf im Hinblick auf vertikale Integration \u00fcbertreffen. Zudem ist das Modell Tesla-Automobilit\u00e4t vollst\u00e4ndig auf die Abh\u00e4ngigkeit aller Nutzer von deren Software und Hardware ausgerichtet. Selbst der Tesla-K\u00e4ufer ist im Ergebnis nur ein Nutzer. Die Firmen in \u00dcbersee zeigen der erstarrten Unternehmerstruktur in Deutschland einmal mehr, was eine Harke ist. Und so ist es bezeichnend, dass der einst so stolze Automobilbauer aus Wolfsburg den E-Motor f\u00fcr seinen ID3 aus S\u00fcdostasien bezieht.<\/p>\nVom automobilen Wahn<\/h2>\n
Buntlands Schl\u00fcsselindustrie: der Automobilsektor<\/h2>\n
Horizontale Integration ist typisches Auslaufmodell der Buntland\u00f6konomie<\/h2>\n