{"id":7208,"date":"2020-09-04T06:31:03","date_gmt":"2020-09-04T04:31:03","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=7208"},"modified":"2020-09-04T06:31:03","modified_gmt":"2020-09-04T04:31:03","slug":"berlin-berlin-du-bist-so-wunderbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/berlin-berlin-du-bist-so-wunderbar\/","title":{"rendered":"Berlin, Berlin \u2013 du bist so wunderbar?!"},"content":{"rendered":"<p><em>\u201eIch steh an meiner Ecke und ich sing<br \/>\nMein kleines Liedchen \u00fcber dich Berlin\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Am 29. August 2020 rief das \u201eQuerdenken\u201c-B\u00fcndnis um ihren Initiator Michael Ballweg bekannterma\u00dfen zur Demonstration nach Berlin auf. Diese stand unter dem Motto \u201eBerlin invites Europe \u2013 Fest f\u00fcr Freiheit und Frieden\u201c. Auch gegenstrom.org war als Beobachter vor Ort.<\/p>\n<p>Dieser Tag versprach in jedem Falle besonders zu werden. Menschen aus ganz Europa hatten angek\u00fcndigt, an diesem Sonnabend nach Berlin zu kommen. Hochrangige Politiker aus dem Ausland, Vertreter des Bundestages und Polizeikommissare und Bundeswehrgener\u00e4le sollten auf Seite der Regierungskritiker mitlaufen. Und tats\u00e4chlich ist einiges, was an diesem Sonnabend in Berlin passiert ist, durchaus erw\u00e4hnenswert. Es soll hier nicht um hoch- oder heruntergerechnete Teilnehmerzahlen gehen. Fest steht allerdings eindeutig: Es waren sehr viele Menschen vor Ort. Schon beim Betreten der Stra\u00dfe des 17. Juni konnte man die Vielf\u00e4ltigkeit des Protestes erkennen. Esoteriker und meditierende Menschen, fr\u00f6hlich musizierende Christengruppen, grasrauchende Hippies, finster dreinschauende Rocker, Fu\u00dfballfans und Hooligans und vor allem: ganz viele Normalos. W\u00e4hrend in den Mainstreammedien die Bilder der extravaganten Teilnehmer dominieren, war f\u00fcr den Beobachter vor Ort deutlich zu erkennen, dass die Mehrheit der Teilnehmer ganz normale B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger waren, die sichtlich ihr Vertrauen in den Staat und seine Organe verloren haben. Was am Sonnabend in Berlin auf die Stra\u00dfe ging, kann als ein wirklicher Querschnitt der Gesellschaft bezeichnet werden, und es zeigt, wie fragmentiert diese ist. Es kann vorweg genommen werden, dass diese Tatsache mit Sicherheit einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr das letztliche Scheitern der Demonstration war.<\/p>\n<h2>Macht setzt Recht<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend die Anreise zum Demonstrationsort vollkommen friedlich und ungest\u00f6rt verlief, wurde sp\u00e4testens nach Ankunft schnell klar, welche Strategie die Polizeikr\u00e4fte an diesem Tag verfolgen w\u00fcrden. Fr\u00fchzeitig fanden sich die Teilnehmer eingekesselt wieder. Wichtige Knotenpunkte wurden abgeriegelt (u. a. an der Ecke Friedrichstra\u00dfe) und aufgrund der Tatsache, dass die Polizei die Route nicht freigab, konnten die geforderten Mindestabst\u00e4nde vielerorts nicht mehr eingehalten werden. Parallel dazu lie\u00df man aus den Seitenstra\u00dfen den Protest linker Verb\u00e4nde und linksextremistischer Antifa-Gruppen sehr nahe an die eigentliche Demonstration herankommen, sodass ein Ausweichen in diese Stra\u00dfen ebenfalls nicht m\u00f6glich war. Die Demonstration steckte somit im Kessel und wurde dadurch letztlich erfolgreich verhindert. Dies erinnerte an eine \u00e4hnliche Situation, wie es sie bereits vor etwa 10 Jahren beim Trauermarsch in Dresden rund um den Dresdener Hauptbahnhof gegeben hatte.<\/p>\n<p>Es muss festgehalten werden, dass die Polizei mit ihrem Verhalten einen eklatanten Rechtsbruch begangen hat, indem sie sich der im Vorfeld ergangenen Beschl\u00fcsse der Gerichte widersetzte und somit wohl den Forderungen des Berliner Innensenators Andreas Geisel Folge leistete. Dieser machte bereits fr\u00fch durch seine \u00c4u\u00dferungen zum Demonstrationsverbot deutlich, dass dieses Verbot rein ideologischer Natur war. Bei den \u201cBlack Lives Matter\u201c-Protesten wenige Wochen zuvor blieb eine entsprechende Stellungnahme aus. Ungeachtet der vorausgegangenen Rechtsprechung waren derlei Szenarien jedoch absehbar. Jeder, der schon einmal auf regierungskritischen Veranstaltungen zu Besuch war, kennt diese Spielchen der Staatsgewalt. An diesem Beispiel zeigt sich, dass sowohl die Organisatoren als auch viele Teilnehmer noch sehr jungfr\u00e4ulich agieren. Wenige k\u00f6nnen hier auf einen Erfahrungsschatz hinsichtlich \u00f6ffentlichkeitswirksamer Aktionen zur\u00fcckgreifen, was dazu f\u00fchrt, dass viele nach wie vor davon ausgehen, dass Recht und Ordnung bei Best\u00e4tigung durch die Gerichte auch entsprechend durchgesetzt w\u00fcrden. Dem war an diesem Sonnabend nicht so. Die Versammlungsleitung hat sich in diesem Rahmen zudem als \u00e4u\u00dferst schwach erwiesen. Lautsprecherdurchsagen \u00fcber den aktuellen Stand der Verhandlungen wurden kaum gemacht. Auch m\u00f6gliche Alternativen und klare Forderungen gegen\u00fcber der Polizei wurden nicht kundgetan. Stattdessen hat man sich, insbesondere auch auf der anschlie\u00dfenden Kundgebung an der Siegess\u00e4ule, eher damit begn\u00fcgt, die Teilnehmer immer wieder auf das Einhalten der Abst\u00e4nde hinzuweisen sowie das kooperative Verhalten der Polizei hervorzuheben.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig davon, dass es an mehreren Stellen sichtlich zur Gewalt gegen\u00fcber Demonstrationsteilnehmern seitens der Polizei gekommen ist, stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Anbiederung. Sollte die Hoffnung gehegt worden sein, die Polizei durch gutes Zureden zu einem \u201e\u00dcberlaufen\u201c zu bewegen, so ist dieser Plan in jedem Falle nicht aufgegangen. Stattdessen hat man eher den Unmut der eigenen Leute gesteigert, indem man sich sichtlich den \u201eFreiheitsbeschneidern\u201c anbiederte. Letztlich hat trotz gerichtlich best\u00e4tigter Rechtm\u00e4\u00dfigkeit keine Demonstration, sondern nur eine station\u00e4re Kundgebung stattgefunden. Von daher kann in keinem Falle von einem Erfolg der Veranstaltung gesprochen werden. Es w\u00e4re angebracht, im Rahmen einer Retrospektive diese Vers\u00e4umnisse aufzuarbeiten. Sollte es zu weiteren Aktionen kommen, w\u00e4re es dar\u00fcberhinausgehend notwendig, nach Mitteln und Wegen zu suchen, die es der Versammlung erlauben, ihr Recht auf Demonstrationsfreiheit auch wahrzunehmen. Es bleibt zu hoffen, dass seitens der Teilnehmer erkannt wurde, dass \u201eRecht haben\u201c und \u201eRecht bekommen\u201c zwei verschiedene Dinge in diesem Staat sind, welche sichtlich von der politischen Position des Antragsstellers abh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Insgesamt zeigte sich hier, wie auch im sp\u00e4teren Zeitverlauf an weiteren Stellen, dass es dem Protest an einer einheitlichen F\u00fchrung und Organisation mangelt. Es gab zu keinem Zeitpunkt einen organisierten Willen, sein eigenes Recht auch durchzusetzen. Am Ende zeigten nur Einzelpersonen und kleine Gr\u00fcppchen eine gewisse Bereitschaft ihren Unmut kundzutun, was in kleineren Schubsereien und anderen Scharm\u00fctzeln mit der Staatsmacht endete. Auch gab es keine Solidarit\u00e4t zwischen den Teilnehmern, sodass die Polizei ein leichtes Spiel hatte, vorgebliche St\u00f6renfriede in Gewahrsam zu nehmen. Gleiches zeigte sich sp\u00e4ter auch bei den Vorkommnissen vor dem Reichstag.<\/p>\n<p>Es kann bereits hier vorweggenommen werden, dass durch die Uneinheitlichkeit in der F\u00fchrung enormes Potential an diesem Tage verschenkt wurde. In Anbetracht der Masse an Leuten w\u00e4re es der Polizei, welche an diesem Tag angeblich nur mit 3000 Beamten im Einsatz gewesen sein soll (Zum Vergleich: Beim G20-Gipfel in Hamburg 2017 waren ca. 30.000 Beamte im Einsatz), nicht m\u00f6glich gewesen, einem ernsthaften Widerstand das Recht auf Demonstrationsfreiheit zu entsagen. Hierbei sei ausdr\u00fccklich darauf hingewiesen, dass dabei durchaus passive Methoden des Widerstandes als erstes in Betracht gezogen werden k\u00f6nnten, die durchaus effektiv h\u00e4tten sein k\u00f6nnen (bspw. Sitzblockaden, Sperrketten). Man nehme an, dass gro\u00dfe Bl\u00f6cke der Demonstration entschlossen mit erhobenen Armen und \u201eKeine Gewalt\u201c-Rufen auf die Polizeiketten zugegangen w\u00e4ren \u2013 was w\u00e4re passiert? Die Polizei h\u00e4tte zwei Optionen gehabt:<\/p>\n<ol>\n<li>Kn\u00fcppel frei, was zu schlechten Bildern und einer gesteigerten \u00dcberzeugung von Polizeiwillk\u00fcr gef\u00fchrt h\u00e4tte oder<\/li>\n<li>Die Ketten aufmachen und das Recht gew\u00e4hren.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Derlei Aktionen verlangen jedoch eine entsprechende Erfahrung, Vorbereitung und klare F\u00fchrung, welche dann zu einer geschlossenen Ausf\u00fchrung f\u00fchren k\u00f6nnen. Dies war, wie bereits erw\u00e4hnt, nicht gegeben. Dieser Eindruck versch\u00e4rfte sich w\u00e4hrend der folgenden Kundgebung zunehmend.<\/p>\n<h2>Divergenz in der politischen Forderung<\/h2>\n<p>Diese gro\u00dfe station\u00e4re Kundgebung an der Siegess\u00e4ule begann am Nachmittag. Logistisch \u00fcberzeugte der Aufbau durchaus. Die Redebeitr\u00e4ge der B\u00fchne wurden \u00fcber Lautsprechersysteme in sehr guter Tonqualit\u00e4t weitergegeben, sodass man ihnen wirklich von allen Flecken der Stra\u00dfe hinweg gut folgen konnte. Auch Themenzeitungen wurden verteilt sowie mobile Lautsprecherwagen eingesetzt. Dieser logistische Teil zeugte zum einen von einer gro\u00dfen Professionalit\u00e4t und zudem von dem vorhandenen (auch finanziellen) Potential des Protestes.<\/p>\n<p>Einer der meistbeachteten Redebeitr\u00e4ge kam von Robert Francis Kennedy jr., dem Neffen des fr\u00fcheren US-Pr\u00e4sidenten John F. Kennedy. Dieser attackierte in seiner Rede u.a. globale Konzerneliten wie Bill Gates und Jeff Bezos und bezeichnete den geplanten 5G-Netzausbau als ein Werkzeug, welches allein der Datensammlung und B\u00fcrger\u00fcberwachung durch eben jene Eliten diene. Sein Aufgreifen des Satzes \u201eIch bin ein Berliner\u201c f\u00fchrte zu gro\u00dfer Begeisterung bei den Zuh\u00f6rern.<\/p>\n<p>Interessant war der Beitrag des selbsternannten Marxisten Ralph T. Niemeyer, welcher direkt zu Beginn seiner Rede einen Friedensvertrag f\u00fcr Deutschland forderte und seinen Vorredner Kennedy darum bat, diese Forderung mit in die USA zu nehmen und Pr\u00e4sident Donald Trump vorzulegen. Das Thema eines fehlenden Friedensvertrages f\u00fcr Deutschland seit Ende des 2. Weltkrieges besch\u00e4ftigte viele Demonstrationsteilnehmer und die Forderung nach einem solchen zierte viele Plakate. Weitere Redebeitr\u00e4ge setzten sich u. a. mit den fragw\u00fcrdigen ver\u00f6ffentlichten Zahlen zur Corona-Pandemie auseinander und wiesen auf eventuelle Gefahren eines neuen Impfstoffes hin. Der Moderator Nana Domena, insbesondere bekannt durch das Format \u201eMultikulti trifft Nationalismus\u201c mit dem Blogger Frank Kr\u00e4mer, wurde sp\u00e4ter als Moderator der Veranstaltung festgenommen und in Polizeigewahrsam gesteckt. So vielf\u00e4ltig die Redebeitr\u00e4ge waren, so divergent waren die politischen Standpunkte und Forderungen. Bei der Einleitung zur Kundgebung verk\u00fcndete der Sprecher noch lauthals, dass sowohl \u201elinks\u201c als auch \u201erechts\u201c keine Kategorien mehr seien, in denen man Denken d\u00fcrfe, nur um im n\u00e4chsten Atemzug zu verk\u00fcnden, dass man sich von links- und rechtsextremistischen Positionen klar abgrenze. Generell konnten viele der Redner nicht davon lassen, sich klar von rechten Positionen, \u201eNazismus\u201c, Faschismus usw. abzugrenzen und zu distanzieren, womit sich das Gef\u00fchl eines gewissen \u201evorauseilenden\u201c Gehorsams nicht ganz vermeiden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die \u201eQuerdenken\u201c-Initiative machte auf ihr Ziel aufmerksam, von Art. 146 GG Gebrauch zu machen<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. In den folgenden Wochen soll in basisdemokratischer Form ein Entwurf f\u00fcr eine neue Verfassung entworfen werden, die dann im Weiteren die gesamte Macht dem Volke zur\u00fcckgibt. Dabei luden die Organisatoren jeden Menschen ein, an den gemeinsamen Diskussionen und Arbeitskreisen teilzunehmen und so an der Ausgestaltung mitzuwirken. Wann der erste Entwurf vorgelegt werden sollte, wurde jedoch nicht verk\u00fcndet.<\/p>\n<p>Konkreter wurde es dann bei den weiteren Zielen der Initiative, von denen zwei auf ganz besonderen Widerhall stie\u00dfen. Dies waren zum Ersten der sofortige R\u00fcckzug der Regierung und zum Zweiten die Schaffung eines Friedensvertrages f\u00fcr Deutschland. Diese beiden Forderungen erhielten sichtlich den lautesten und l\u00e4ngsten Applaus. Dies ist dahingehend interessant, als dass es einen allgemeinen Vertrauensverlust in den Staat und seine Vertreter darstellt. Im Wesentlichen verdichtete sich dieser Eindruck \u00fcber den gesamten Tag immer mehr. In allen Gespr\u00e4chen, die man f\u00fchrte, konnte man heraush\u00f6ren, dass es den wenigsten ausschlie\u00dflich um die \u201eCorona\u201c-Ma\u00dfnahmen ging. Vielmehr standen wirtschafts- und sozialpolitische \u00dcberlegungen im Vordergrund sowie die Angst vor der totalen \u00dcberwachung, Bargeldabschaffung und \u00dcberfremdung. Drehten sich die Gespr\u00e4che um das Verhalten der Polizeikr\u00e4fte, wurde meistenteils nur noch von den \u201eBullen\u201c gesprochen, wobei deutlich erkennbar war, dass Menschen diese abwertende Metapher verwendeten, die vor noch nicht allzu langer Zeit mit Sicherheit von der \u201ePolizei\u201c gesprochen h\u00e4tten. Zu gro\u00df ist jedoch der Unmut aufgrund der j\u00fcngsten Erlebnisse.<\/p>\n<p>Eine Eskalation der Demonstration h\u00e4tte dieses Gef\u00fchl mit Sicherheit noch zus\u00e4tzlich verst\u00e4rkt und die Dynamik der Ereignisse beschleunigt. Diese blieb zwar aus, doch es sollte noch zu einem weitreichenden Ereignis kommen.<\/p>\n<h2>Die gew\u00fcnschten Bilder<\/h2>\n<p>Zum Abend hin verstieg sich eine Gruppe von Teilnehmern dazu, sich Zutritt zu den Treppen des Reichstaggeb\u00e4udes zu verschaffen. Dabei \u00fcberwanden ca. 200-400 Personen zun\u00e4chst einige \u201eHamburger Gitter\u201c um nach einem kurzen Sprint auf den Treppen des Reichstags Halt zu machen und Fahnen zu schwenken. Die Videos zeigen deutlich, dass es seitens der Demonstranten wenig Ambitionen gab, in das Geb\u00e4ude einzudringen. Die drei Polizisten, die sich den Demonstranten in den Weg stellten, hatten keinerlei k\u00f6rperliche Angriffe zu erleiden. Insgesamt war es f\u00fcr sie ein leichtes, sich heute als gro\u00dfe Verteidiger des Reichstags zu inszenieren.<\/p>\n<p>Das die Medien und Politiker sich kurz nach der Aktion zu den gewohnten Heultiraden hinziehen lie\u00dfen, verwundert nicht. Jeder, der sich die Videos anschaut, wird jedoch erkennen, dass zwar durchaus Dynamik in der Aktion steckte, welche unzweifelhaft symbolischen Charakter hat, von ihr jedoch keine nennenswerte Aggressivit\u00e4t ausging. Dies mag auch hier erneut an der Uneinigkeit im Handeln der Teilnehmer gelegen haben. Viele nutzten die Minuten vor dem Reichstag auch nur, um ein schnelles \u201eSelfie\u201c zu schie\u00dfen. Dabei sei erw\u00e4hnt, dass das Verhalten vieler Teilnehmer an diesem Tage eher Eventcharakter hatte und an einer gewissen Seriosit\u00e4t Zweifeln lie\u00df. Gef\u00fchlt wurde jeder Moment gefilmt und zu jeder g\u00fcnstigen Minute ein neues Selbstportrait gemacht. Es sei anzumerken, dass jeder f\u00fcr sich einmal reflektieren sollte, mit welchem Ziel er an einem solchen Tag auf die Stra\u00dfe geht.<\/p>\n<p>Die etablierten Medien hatten mit ihrem selbsternannten \u201eSturm auf den Reichstag\u201c ihre gew\u00fcnschten Bilder. In Anbetracht der gegenw\u00e4rtigen Berichterstattung kann \u00fcberlegt werden, ob diese Aktion in ihrer Form sinnvoll war. Die Antwort ist wohl eher nein. Dennoch hatte sie einen starken symbolischen Charakter. In konsequenterer Ausf\u00fchrung und mit gr\u00f6\u00dferer Beteiligung h\u00e4tte sie ihre Wirkung mit Sicherheit nicht verfehlt. Abgesehen von taktischen Erw\u00e4gungen muss jedoch festgehalten werden, dass es sich am Ende nur um das friedliche Besetzen eines \u00f6ffentlichen Platzes handelte. Es ist kein Eigentum zerst\u00f6rt und es sind keine Menschen verletzt worden. Einige hundert Menschen haben lediglich einige Polizeigitter \u00fcberwunden. Dies passiert zur Bundesligazeit jedes Wochenende. Als im Jahr 2018 im Rahmen der Proteste rund um den \u201eHambacher Forst\u201c linke Aktivisten Hausfriedensbruch begangen und Bagger und Zuggleise besetzten, blieb jeglicher politischer Aufschrei aus. Schlie\u00dflich war es im Interesse des Mainstreams. Gleich verh\u00e4lt es sich mit entsprechend medienwirksamen Aktionen von klimaaktivistischen Gruppen wie Greenpeace. Das Besetzen \u00f6ffentlicher Pl\u00e4tze ist auch hier ein gern genutztes Mittel zur Erlangung \u00f6ffentlicher Wahrnehmung. Die Emp\u00f6rung um die Besetzung der Reichstagtreppen, etwas anderes war es nicht, ist also rein ideologischer Natur. Der Initiative sowie den anderen unbeteiligten Teilnehmern sei dringend geraten, sich nicht auf dieses Spiel der Herrschenden einzulassen. Ganz offensichtlich soll nach alter Manier der Protest gespalten und so Schritt f\u00fcr Schritt aufgel\u00f6st werden.<\/p>\n<h2>Berlin, Berlin\u2026<\/h2>\n<p>So vielschichtig der Protest und die Teilnehmer an diesem Sonnabend waren, so vielschichtig muss auch das Ergebnis letztlich bewertet werden. Es kann festgehalten werden, dass es den Initiatoren gelungen ist, eine erhebliche Masse regierungskritischer Menschen zu mobilisieren. Auch logistisch konnte die Demonstration in vielen Teilen \u00fcberzeugen. Die Masse war sich einig in ihrer Forderung nach einem Abtreten der Regierung und in kleinen Teilen auch bereit, dieser entsprechenden Nachdruck zu verleihen (sei es bei vereinzelten Ausbruchsversuchen oder im Rahmen der Besetzung der Reichstagtreppen).<\/p>\n<p>Dennoch traten auch die Schwachstellen deutlich zutage. Uneinigkeit in der F\u00fchrung, geringe Erfahrung und Vorbereitung sowie eine geringe Bereitschaft seitens der F\u00fchrung, das eigene Recht auch wirklich vehement durchzusetzen. Das urspr\u00fcngliche Ziel, eine Demonstration durchzuf\u00fchren, wurde an diesem Tag nicht erreicht. Von den anderen gro\u00dfen Tr\u00e4umereien, die im Vorfeld verk\u00fcndet wurden, braucht man an dieser Stelle gar nicht zu sprechen. Es braucht also doch noch etwas mehr, um Berlin wirklich zu dem wunderbaren Fleckchen zu machen, das es angeblich sein soll. Und dennoch war an diesem Sonnabend etwas besonders. Es mag die Masse an Menschen gewesen sein, die durchweg friedliche Atmosph\u00e4re, das Fahnenmeer an Schwarz-Wei\u00df-Rot, welches vielen f\u00fchlbar eher als Alternative zu den Farben der BRD galt, denn als wirkliches Bekenntnis zum Reich oder die einheitliche Forderung nach Aufl\u00f6sung der Regierung und Schaffung eines Friedensvertrages. Man kann es nicht genau in Worte fassen, aber Berlin hatte an diesem Tag auch irgendwie etwas Wunderbares. Es gilt in den n\u00e4chsten Tagen und Wochen, seinen Kern herauszusch\u00e4len und an seiner Verwirklichung zu arbeiten. Das Potential ist da.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Art. 146 GG: <em>Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands f\u00fcr das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine G\u00fcltigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch steh an meiner Ecke und ich sing Mein kleines Liedchen \u00fcber dich Berlin\u2026\u201c Am 29. August 2020 rief das \u201eQuerdenken\u201c-B\u00fcndnis um ihren Initiator Michael Ballweg bekannterma\u00dfen zur Demonstration nach Berlin auf. 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