{"id":7134,"date":"2020-07-15T18:26:03","date_gmt":"2020-07-15T16:26:03","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=7134"},"modified":"2020-07-15T18:26:03","modified_gmt":"2020-07-15T16:26:03","slug":"die-noomachie-europas-wurzeln-im-kampf-der-geister","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/die-noomachie-europas-wurzeln-im-kampf-der-geister\/","title":{"rendered":"Die Noomachie: Europas Wurzeln im Kampf der Geister"},"content":{"rendered":"<p>Angetrieben von ihrem Hass auf die G\u00f6tter, versuchen die Titanen aus dem Tartarus den G\u00f6tterberg Olymp zu st\u00fcrmen. Dabei finden sie den jungen Halbgott Dionysos vor, zerrei\u00dfen und verschlingen ihn. Ein Blitz aus der Hand des G\u00f6ttervaters Zeus schickt sie zur\u00fcck in die H\u00f6lle. Die G\u00f6tter triumphieren, w\u00e4hrend die von Gro\u00dfen Mutter Gaia verhetzten Titanen eine totale Niederlage erleiden. Dionysos wird von Zeus wieder zum Leben erweckt. Anhand dieser Titanomachie l\u00e4sst sich der Kampf der himmlischen G\u00f6tter gegen die M\u00e4chte der Dunkelheit in der europ\u00e4ischen Geschichte nacherz\u00e4hlen. F\u00fcr die alten Griechen und das traditionelle Europa endet der Kampf der Titanen mit dem absoluten Triumpf der G\u00f6tter. Doch k\u00f6nnte dieser Kampf auch anders ausgehen, und wenn ja, wie w\u00fcrde dann die Gesellschaft aussehen, welche aus diesem Sieg der Titanen hervorgeht? Dieser Fragestellung widmet sich das in Deutschland kaum bekannte Hauptwerk des russischen Philosophen Alexander Dugins, die sogenannte Noomachie (Der Krieg der Geister). Wichtig ist hierbei hervorzuheben, dass es in diesem Krieg der Geister niemals um einen endg\u00fcltigen Sieg, sondern um vor\u00fcbergehende Erfolge und Niederlagen geht. Ausgehend von der Noologie, der Lehre vom <em>nous<\/em> \u2013 kann auch als Seele, Geist \u00fcbersetzt werden \u2013, welche vom rum\u00e4nischen Philosophen Lucian Blaga gepr\u00e4gt wurde und der Geosophie, erkennt Dugin die Welt als Pluriversum an.<\/p>\n<h2>Die Geopolitik des Geistes: das Pluriversum der V\u00f6lker als Gegenentwurf zur One-World des Universalismus<\/h2>\n<p>Er teilt damit also nicht die multikulturelle Perspektive, nach der keine Welt abseits der westlichen Welt bestehe, aber verschiedene, kulturell gepr\u00e4gte Interpretationen von ihr; sondern geht von einer Vielzahl von Welten aus, die durch das je eigene Erleben der verschiedenen V\u00f6lker gepr\u00e4gt sind. Dugin geht vom Grundproblem verschiedener Bewusstseinstypen aus, welches wiederum die plurale Anthropologie von Franz Boas und Claude L\u00e9vi-Strauss pr\u00e4gte. Sein ethnosoziologisches Werk als Ausgangsbasis nehmend, teilt Alexander Dugin die Annahme, dass das Denken jedes Volkes einzigartig ist. Zwar handle es sich dabei nur um eine jeweils andere Auspr\u00e4gung des <em>nous<\/em>, doch schlagen sich diese in direkten Folgen f\u00fcr das Leben, F\u00fchlen und Denken der Menschen nieder. Jedes Volk erschafft sich durch sein je eigenes Denken eine ihm eigene Welt, den sogenannten Existenzhorizont. Der russische Philosoph geht also von einer Vielzahl von Welten aus, die wir als vom westlich-modernen Denken gepr\u00e4gte Menschen gar nicht wahrnehmen wollen, weil wir von unserer universalistischen Weltsicht aus davon ausgehen, dass es nur eine Welt und nur eine Sicht der Welt geben kann. Hierin teilt er die Kritik am Eurozentrismus von Alain de Benoist, welche ein rein auf den Westen und seine Lebensweise fokussiertes Denken nicht nur als kolonialistisch, sondern auch erkenntnishemmend kritisiert. Durch diesen erhalten wir nicht nur eine aus der Sicht der Anthropologie mangelnde Vorstellung von der Vielfalt der V\u00f6lker, sondern k\u00f6nnen diese auch nicht verstehen und dieses Verstehen wiederum setzt sich die Noomachie zum Ziel. In dieser mittlerweile auf mehr als 28 B\u00e4nde mit jeweils mehreren hundert Seiten angewachsenen Reihe untersucht Dugin die logoi (vom altgriechischen <em>logos<\/em>, welches sich nur unzureichend mit \u201eWort\u201c und \u201eRede\u201c \u00fcbersetzen l\u00e4sst, aber auch Gesamtsinn der Wirklichkeit bedeutet) der verschiedenen V\u00f6lker, um nicht nur deren Identit\u00e4t besser verstehen zu k\u00f6nnen, sondern auch die eigene Identit\u00e4t der indoeurop\u00e4ischen V\u00f6lker und schlie\u00dflich dem russischen Volk selbst, dem er angeh\u00f6rt. Wie der Umfang des Werkes andeutet, kann dieser Text keine detaillierte Beschreibung dieses Monumentalwerkes von Alexander Dugin bieten. Vielmehr handelt es sich hier um eine erste grobe Einf\u00fchrung in die Thematik, basierend auf den einf\u00fchrenden Vorlesungen zur <em>Noomachie<\/em> von Dugin (von denen ich die ersten sechs Einheiten bereits ins Deutsche \u00fcbersetzt habe) und seinem Werk <em>Political Platonism<\/em>, indem er ebenfalls auf den Noomachiezyklus eingeht. Dazu geht Dugin ankn\u00fcpfend an die kulturwissenschaftlichen Debatten des 19. Jahrhunderts analog zu Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud nicht von einem einzigen System der Rationalit\u00e4t aus.<\/p>\n<h2>Die drei <em>logoi<\/em>: Apoll, Dionysos und Kybele<\/h2>\n<p>Anstatt wie seine geistigen Vorg\u00e4nger im 19. Jahrhundert nur vom rational-apollinischen und dem rauschhaft-dionysischen <em>logos<\/em> auszugehen, nimmt Dugin die Existenz dreier <em>logoi<\/em> an, welche er in verschiedenen Zusammensetzungen in allen V\u00f6lkern der Welt erkennt. Er spricht in diesem Zusammenhang vom <em>logos<\/em> des Apolls, dem <em>logos<\/em> des Dionysos und dem <em>logos<\/em> der Kybele. Diese drei Typen der Rationalit\u00e4t bilden im Rahmen der Noomachie einer Kartographie des Geistes. Doch wie unterscheiden sie sich voneinander? Der <em>logos<\/em> des Apolls, auch <em>logos<\/em> des Vaters, ist nach Dugin transzendent, patriarchalisch und auf den Himmel hin ausgerichtet. Ihm eigen sind die Verehrung der Sonne und der Glaube an die Existenz einer Seele. Dieser <em>logos<\/em> wurde von unseren indoeurop\u00e4ischen Ahnen in einer radikalen Form vertreten. Er steht im entschiedenen Gegensatz zum <em>logos<\/em> der Kybele, welcher benannt nach einer kleinasiatischen Fruchtbarkeitsg\u00f6ttin, radikal immanent, materialistisch und matriarchalisch ist. Im Gegensatz zum apollinischen Glauben an die Transzendenz und an den Ursprung des Menschen im Himmel, geht dieser <em>logos<\/em> vom Ursprung allen Seins in der Erde aus, genauer gesagt dem Scho\u00df der Gro\u00dfen Mutter, die alles gebiert und alles verschlingt. Er kennt keine Seele, sondern geht von einer Ursubstanz aus, welche st\u00e4ndig neu geformt wird. Aufbauend auf den Forschungen von Marija Gimbutas und Johann Jakob Bachofens nimmt Dugin an, dass das pr\u00e4-indoeurop\u00e4ische Europa von diesem beherrscht wurde. Als 3000 v. Chr. die Indoeurop\u00e4er begannen den Dnjepr in Wellen zu \u00fcberschreiten und mit ihren Pferden und Streitw\u00e4gen im pal\u00e4oeurop\u00e4ischen Reich der Kybele einzufallen, unterwarfen sie nicht nur die dortige Zivilisation, deren Zentrum am Balkan angenommen wird, wo auch die Landwirtschaft in Europa begann, sondern zwangen den unterworfenen Menschen auch ihre Ideologie auf. Europa wurde somit zum Schlachtfeld zwischen Apoll und Kybele. Genau hier entstand schlie\u00dflich der <em>logos<\/em> des Dionysos. Dieser ist transzendent-immanent, m\u00e4nnlich, aber gleichzeitig das Weibliche b\u00e4ndigend und einschlie\u00dfend, der <em>logos<\/em> des Sohnes, der in Begleitung der Demeter auftrat und dessen eleusinische Mysterien (die Verwandlung von Wein und Brot in Leib und Blut) die Bauern in die Gesellschaft einbanden. In Folge dessen haben wir in der indoeurop\u00e4ischen Vorstellung zwei Vorstellungen der Frau: Einerseits die Frau als Freundin und Gef\u00e4hrtin des Mannes, sofern sie patriarchale Werte wie Weisheit und Mut vertritt, andererseits die Frau als dem Mann Unterworfene, wenn sie einer matriarchalen Werteordnung anh\u00e4ngt.<\/p>\n<h2>Die indoeurop\u00e4ische Ideologie<\/h2>\n<p>Im Rahmen der Indoeurop\u00e4ischen Ideologie nach George Dum\u00e9zil, die nun in Europa Einzug fand, wurden die Frauen aus der Landwirtschaft verbannt, die nun durch die M\u00e4nner mit gro\u00dfen Nutztieren betrieben wurde und die Erde nicht sanft behandelte, sondern gewaltsam bebaute. Dadurch ver\u00e4nderte sich der europ\u00e4ische Bauernstand radikal, dem die Dritte Funktion innerhalb der Gesellschaft zukam und indoeurop\u00e4ische Viehhirten wie pal\u00e4oeurop\u00e4ische M\u00e4nner in sich vereinte. Die Zweite Funktion bildeten die indoeurop\u00e4ischen Nomadenkrieger, die nun sesshaft wurden und einen Kriegeradel formten. An der Spitze der Gesellschaft standen schlie\u00dflich die Priester, welche in Verbindung zum Himmel standen und gemeinsam mit dem Adel r\u00e4umlich getrennt vom Rest der Bev\u00f6lkerung in ummauerten, als Festungen konzipierten St\u00e4dten lebten, welche das Umland beherrschten. Die gesamte Gesellschaft bildet eine Armee, deren oberste Werte Weisheit und Tapferkeit sind. Wenn wir nach Dugin vom <em>logos<\/em> der Indoeurop\u00e4er sprechen, dann dr\u00fcckt sich in ihm genau dieser Moment der Noomachie aus, der den Triumpf von Apoll und Dionysos \u00fcber Kybele widerspiegelt, wie wir ihn in der einleitenden Darstellung \u00fcber die Titanen gesehen haben. Doch bedeutet die \u00dcberlagerung des pal\u00e4oeurop\u00e4ischen Matriarchats durch das siegreiche Patriarchat der Indoeurop\u00e4er nicht dessen Ausl\u00f6schung, sondern dass das europ\u00e4ische Bewusstsein fortan nicht nur vom <em>logos<\/em> des Apolls gepr\u00e4gt wurde, vielmehr besitzt es als doppeltes Bewusstsein weiterhin den <em>logos<\/em> der Kybele. Historisch finden wir ein Beispiel der triumphierenden indoeurop\u00e4ischen Ideologie in den Schriften des griechischen Philosophen Platons (428\/427 v. Chr \u2013 348\/347 v. Chr) dessen Timaios eine eindeutig apollinische Sch\u00f6pfungsgeschichte mit einem demiurgischen Gott darstellt, der die Welt von au\u00dfen erschafft und beseelt, sodass dieser selbst etwas G\u00f6ttlichem innewohnt, ebenso wie wir in dessen Republik die trifunktionale, hierarchische Gesellschaft wiederfinden. Das apollinische Denken ist insofern logisch, als dass es immer klar zwischen zwei Zust\u00e4nden trennt: tot\/lebendig. Gleichzeitig finden wir in der griechischen Antike dionysische Denker wieder, wie etwa Heraklit, deren Denken dialektisch ist, das hei\u00dft die zwei Dinge in einer Sache erkennen k\u00f6nnen, aber auch insbesondere im Sinne der Rhetorik die Welt durch die Sprache, und nicht etwa durch die Mathematik exakt beschreiben. So dr\u00fccken sie etwa mit der Figur des <em>pars pro toto<\/em> nur direkt den Teil eines Ganzen aus (beispielsweise Rinderk\u00f6pfe), bezeichnen aber mit ihnen das ganze Rind. Schlie\u00dflich dominierte das B\u00fcndnis aus apollinischen und dionysischen Denken den indoeurop\u00e4ischen <em>logos<\/em>. Ge\u00e4chtet hingegen wurde das schon bei den alten Griechen pr\u00e4sente kybelische Denken, welches wir bei Demokrit, Epikur und Lukrez wiederfinden. Dieses war vom Atomismus gepr\u00e4gt (der Vorstellung das alle Dinge aus kleinsten, unzertrennbaren Teilchen bestehen) und einem reinen Materialismus, der sogar so weit ging zu behaupten, dass es keine G\u00f6tter g\u00e4be\/diese sterblich seien sowie einer Fortschrittsvorstellung, dass sich alles zum Besseren entwickeln w\u00fcrde und einem ersten Evolutionsgedanken (hier beachte man etwa die Begleiter der G\u00f6ttin Kybele, die zuerst als Tiere und in weiterer Folge als Chim\u00e4ren dargestellt werden).<\/p>\n<h2>Die Noomachie: Kein abgeschlossener Prozess, sondern Momentaufnahme eines geistigen Kampfes<\/h2>\n<p>Am Beispiel der griechischen Kultur k\u00f6nnen wir den prozesshaften Charakter der Noomachie nach Dugin darstellen. So trafen die ersten Wellen der griechischen Einwanderer aus dem Norden auf eine matriarchalische Zivilisation die sie unterwarfen. Dabei war die griechische Zivilisation nicht von Anfang an \u00fcberwiegend apollinisch mit dionysischen Elementen, sondern bestand etwa auf Kreta lange Zeit aus einem Nebeneinander aus apollinischen und kybelischen Vorstellungen, wobei es hier dem kybelischen <em>logos<\/em> sogar gelang Zeus matriarchalisch umzudeuten. Auch die Gesellschaften der Phryger und Lyker beweisen, dass ein Sieg des kybelischen <em>logos<\/em> \u00fcber den apollinischen <em>logos<\/em> m\u00f6glich ist. Erst mit der Einwanderung der Dorer nach Griechenland triumphierte Apoll \u00fcber Kybele. Diese historische Entwicklung bringt uns wieder zum anfangs erw\u00e4hnten Kampf der G\u00f6tter gegen die Titanen zur\u00fcck. Was, wenn die Titanen den Olymp st\u00fcrmen und die G\u00f6tter entthronen? Diese Frage wird letztlich auf dem <em>logos<\/em> des Dionysos entschieden, welcher vor dem Hintergrund des doppelten Existenzhorizonts der Europ\u00e4er ein st\u00e4ndiges Schlachtfeld bleibt. Dabei geht es im Wesentlichen um die herrschende Deutung des Dionysos. In der europ\u00e4ischen Geschichte kennen wir ihn im Wesentlichen in seiner apollinischen Deutung, als Sohn des Lichtes, der vom Himmel auf die Erde hinabsteigt und dann in die H\u00f6lle, um diese, unkorrumpiert von den M\u00e4chten der Dunkelheit, zu besiegen und wieder in den Himmel zur\u00fcckzukehren. Im europ\u00e4ischen <em>logos<\/em> kennen wir keinen reinen Dionysos, sondern nur seine apollinisierte Fassung, nach Dugin kann man aber zum Beispiel in der traditionellen chinesischen Gesellschaft einen rein dionysischen <em>logos<\/em> finden. Gleichzeitig gibt es aber die M\u00f6glichkeit eines Schwarzen Doubles des Dionysos. In der griechischen Mythologie begegnet es uns im Attismythos in der Gestalt des Attis, dem Sohn der Kybele, der von ihr aus Eifersucht in den Wahnsinn getrieben wurde und sich schlie\u00dflich selbst kastrierte, worauf die Selbstkastration der Priester im Kybelekult zur\u00fcckging. Nachdem ihr Sohn infolge der Kastration verstorben war erweckte Kybele ihn wieder zum Leben und machte ihn zu ihrem Priester. Attis\/Adonis ist also die kybelische Deutung der Figur des Dionysos. Im Christentum finden wir ihn als den Antichristen wieder, der vort\u00e4uscht der Erl\u00f6ser zu sein, aber die Menschheit ins Verderben f\u00fchrt. Somit ist die Figur des Dionysos das zentrale Problem der indoeurop\u00e4ischen V\u00f6lker, welches im st\u00e4ndigen Kampf um die Deutungshoheit \u00fcber Dionysos liegt, aber auch der Frage, wie man Dionysos von Attis unterscheiden soll. Das indoeurop\u00e4ische Denken erfuhr nach Dugin eine bedeutende Entwicklung im Aufeinandertreffen zwischen griechischen und iranischen <em>logos<\/em> zur Zeit des Hellenismus. Dies sei eine Tatsache, die wir Europ\u00e4er nur zu gerne \u00fcbersehen, da unser Denken griechisch ist und damit an die griechische Geschichtsschreibung ankn\u00fcpft, wodurch wir die Perspektive der Unterworfenen ausblenden. Dadurch ger\u00e4t v\u00f6llig aus dem Blick, dass das dem Reich Alexander des Gro\u00dfen vorausgehende Ach\u00e4menidenreich bereits eine den ganzen Nahen Osten umfassende, unter iranischer Dominanz geschaffene, Zivilisation umfasste. Diese verbreitete die iranische, au\u00dferordentlich stark apollinisch gepr\u00e4gte Kultur unter den semitischen V\u00f6lkern. War das griechische Ausgreifen auf diesen Raum nicht mehr rein hellenisch, sondern hellenistisch (weil es auch die unterworfenen V\u00f6lker in den eigenen Raum eingliederte), so war das Ach\u00e4menidenreich nicht exklusiv iranisch, sondern iranistisch. Durch die Iraner kamen die semitischen V\u00f6lker mit den Vorstellungen des Messianismus (dem iranischen Sajoschant) und der Idee einer zielgerichteten Geschichte (im Gegensatz zur apollinischen ewigen Wiederkehr des Gleichen) in Ber\u00fchrung. Somit waren diese Vorstellungen nichts origin\u00e4r semitisch-j\u00fcdisches, wie Dugin hervorhebt, sondern kamen aus dem alten Persien. Dies k\u00f6nnen wir auch daran erkennen, dass erst das sp\u00e4te Judentum der Babylonischen Gefangenschaft diese Vorstellungen vom Messias, der Heilsgeschichte und der Endzeit \u00fcbernahm.<\/p>\n<h2>Die geistigen Wurzeln Europas: Hellenismus, Iranismus und Christentum<\/h2>\n<p>Davon ausgehend weist Alexander Dugin nach, dass das Christentum also nichts uneurop\u00e4isches oder fremdes ist, sondern vielmehr die Vollendung der indoeurop\u00e4ischen Tradition darstellt. Die polytheistischen Glaubensvorstellungen der Indoeurop\u00e4er seien durch ihren apollinischen Charakter, ihre himmlischen V\u00e4ter und die dionysischen Elemente bereits eine Vorwegnahme (Pr\u00e4figuration) des Christentums gewesen. Das R\u00f6mische Reich, welches das Erbe des Hellenismus antrat, verbreitete schlie\u00dflich mit seinen Legionen den Hellenismus in ganz Europa, wodurch die Europ\u00e4er bereits vor der Christianisierung gewisserma\u00dfen Christen gewesen sind. Die Idee eines himmlischen Vaters als Demiurg, die dialektische Vorstellung das eine Gottheit mehrere Naturen besitzen kann (wie wir sie sp\u00e4ter bei Jesus Christus finden), die Jungfrauengeburt sowie die Vorstellung der Endzeit und eines Sinns der Geschichte waren bereits in der hellenistischen Kultur vorhanden, wodurch die Christianisierung erst m\u00f6glich wurde. Die R\u00f6mer f\u00fcgten diesen Ideen noch das Konzept des <em>katehon<\/em> hinzu, wodurch der Kaiser die Aufgabe erhielt auf Erden die Ankunft des Antichristen zu verhindern. In anderen Zivilisationen, wo diese Vorstellungen nicht vorhanden waren, erwies sich die Christianisierung als wesentlich schwieriger oder gar unm\u00f6glich, da die Menschen dort nicht die dreifache Natur Gottes begreifen konnten. Die Entwicklung der europ\u00e4ischen V\u00f6lker und ihres Denkens erfolgte also vor dem Hintergrund des stark apollinisch mit dem Dionysischen im Bunde stehenden Hellenismus und dem R\u00f6mischen Reich, welches die hellenische Zivilisation beerbte, gleichzeitig aber ihren <em>logos<\/em> fortf\u00fchrte.<\/p>\n<p>Doch wie lassen sich die europ\u00e4ischen V\u00f6lker vor dem Hintergrund des Kriegs der Geister einordnen? In den Kelten erkennt der russische Philosoph ein stark zum weiblichen hingezogenes Volk, in dem die Macht des weiblichen Prinzips der Gro\u00dfen Mutter stark sei. Der Tod ist weiblich konnotiert, die Mythen sind voller Feen und Legenden um die Insel der M\u00fctter. Der franz\u00f6sische <em>logos<\/em> dr\u00fccke sich, wie in der Orpheus-Sage, in dem Drang danach aus in die H\u00f6lle hinabzusteigen, um dort das Weibliche zu entdecken. Die Deutschen sieht Dugin \u00e4hnlich den Iranern als heroische K\u00e4mpfer des Lichtes gegen die Dunkelheit, ihr <em>logos<\/em> sei stark apollinisch und kriegerisch gepr\u00e4gt mit kybelischen Einfl\u00fcssen. Doch w\u00e4hrend im iranischen <em>logos<\/em> der Kampf gegen die Dunkelheit zun\u00e4chst mit einer Niederlage der Kr\u00e4fte des Lichtes endet, der die Voraussetzung f\u00fcr ihre Wiederauferstehung und den anschlie\u00dfenden Triumpf im Kampf gegen das B\u00f6se ist, entwickelt er sich im deutschen Fall anders. Die titanische Neigung der Deutschen offenbare sich im ma\u00dflosen Kampf, wo sie so stark und leidenschaftlich k\u00e4mpfen w\u00fcrden, dass sie dabei jedes Ma\u00df vergessen und mit dem B\u00f6sen, das sie bek\u00e4mpfen, den Platz tauschen w\u00fcrden. Als Beispiel hierf\u00fcr nennt Dugin den Kampf der Deutschen im Zweiten Weltkrieg: W\u00e4hrend die Schaffung Gro\u00dfdeutschlands ein edles Ziel gewesen sei, h\u00e4tte sich die Hybris der Deutschen im fanatischen Kampf gegen alle V\u00f6lker um sie herum entladen und habe nicht nur in der Vernichtung Gro\u00dfdeutschlands, sondern auch der Zerst\u00f6rung der Deutschen selbst geendet. Die Engl\u00e4nder wiederum seien zwar ein Produkt des Aufeinandertreffens von Kelten und Deutschen, aus dieser Begegnung h\u00e4tte sich aber kein gemeinsamer <em>logos<\/em> gebildet. Vielmehr existiere ein fragiles Gleichgewicht zwischen dem depressiven Element der Kelten und dem aggressiven Element der Deutschen, welches nie in einer Symbiose endete (\u00e4hnlich dem Fall Belgiens und der Schweiz). Dieses sei schlie\u00dflich der Grund f\u00fcr die aggressive Expansion Englands um den Globus gewesen. Da England nicht dazu in der Lage war seine Widerspr\u00fcche im Inneren zu vers\u00f6hnen, habe es diese nach au\u00dfen gewendet und \u00fcber den ganzen Erdball verbreitet. Dugin bezeichnet dies als die englische Schizophrenie und Bipolarit\u00e4t. Dieser Konflikt im Inneren f\u00fchrte schlie\u00dflich zur Geburt von Liberalismus, Kapitalismus und Imperialismus.\u00a0 Den Bruch innerhalb der europ\u00e4ischen Zivilisation erkennt Alexander Dugin mit dem Beginn der Moderne und der Renaissance. In Europa kommt es deswegen zu einem Paradigmenwechsel, weil die Wiedergeburt der Antike nicht etwa in einer verst\u00e4rkten Rezeption von Platon und Aristoteles m\u00fcndete, sondern in einer Wiederentdeckung und Enttabuisierung der atomistischen Denkschule. Hierbei kommt es insbesondere durch die modernen Naturwissenschaften (die Betonung liegt auf modern, da auch im Mittelalter Wissenschaft getrieben wurde) zu einer Zerst\u00f6rung der aristotelischen Kosmologie. Diese ging davon aus, dass alle Dinge in Bewegung sind und auf sich ihren eigentlichen Platz zu bewegen. Nur Gott thront als unbewegter Beweger \u00fcber allem im Zentrum des Kosmos. Dem machten Galileo Galilei und Nikolaus Kopernikus ein Ende, indem sie die Erde zu einer von vielen Kugeln im Kosmos reduzierten und entsakralisierten. An die Stelle der vom Demiurgen geschaffenen Ordnung traten das Chaos und die Materie. Der Mensch wurde vom Teil des Sch\u00f6pfungsplanes zu einem einfachen Individuum. Im religi\u00f6sen Feld ging diese Zerst\u00f6rung der Kosmologie mit der Verk\u00fcndung des Protestantismus einher. In seinen Anf\u00e4ngen eine Reaktion auf die totale Korruption der Katholischen Kirche in Westeuropa darstellend und von der Suche nach einer Verbindung des Menschens zu Gott getrieben, wie wir es etwa bei dem deutschen Mystiker Meister Eckhart nachlesen konnten, glitt der Protestantismus rasch ins Titanische ab. Der Mystiker Johannes Tauler ging davon aus, dass es drei M\u00e4nner in uns gibt. Der erste Mann ist der Mensch als Tier, der zweite Mann stellt den rationalen Menschen dar und der Dritte Mann ist das in unserer Seele verborgene Radikale Selbst, welches in direkter Verbindung zu Gott steht. W\u00e4hrend die Mystiker den Fokus auf den Dritten Mann legten, konzentrierte sich der Protestantismus auf den Zweiten Mann und verlieh damit jemanden W\u00fcrde, der bis dahin keine besa\u00df. Durch die Lehren Luthers und insbesondere Calvins, der jede Sakralit\u00e4t abstritt, fand also eine Glorifizierung des rationalen Menschen statt, die zur Zerst\u00f6rung der traditionellen Gesellschaft und damit des europ\u00e4ischen <em>logos<\/em> f\u00fchrte. Diese theologische Entwicklung im Westchristentum (die Orthodoxe Kirche konnte diese theologische Debatte nicht nachvollziehen, da sie nicht dieses Problem hatte) f\u00fchrte nicht nur zum Ende des Christentums im Westen, sondern auch zum Fall des apollinischen und dionysischen <em>logos<\/em> in Europa an sich und damit aller Formen der Vertikalit\u00e4t. Die Entchristianisierung Europas bedeutete nach Dugin also nicht nur das Ende des westlichen Christentums, sondern auch das Ende der indoeurop\u00e4ischen Tradition im Westen. Sie f\u00fchrte zu einem neuen Moment in der Noomachie, der die Ankunft des Antichristen und die Befreiung des Satans von seinen Ketten in der H\u00f6lle bedeutete und die Entfesselung der Titanen darstellte.<\/p>\n<h2>Die Moderne: Aufstieg des B\u00fcrgertums und Wiederkehr des kybelischen <em>logos<\/em><\/h2>\n<p>Die Moderne bedeutete somit einen radikalen Bruch, der mit Aufstieg einer sozialen Schicht verbunden war, die nun gegen die St\u00e4ndegesellschaft rebellierte: Der B\u00fcrger. Urspr\u00fcnglich nur als Hilfskraft in den St\u00e4dten geduldet, das den geistigen und weltlichen Adel bei der Verwaltung unterst\u00fctzte, stellte das B\u00fcrgertum eine Anomalie in der Gesellschaft dar. Es war der Idiot im griechischen Sinne, der von allen Bindungen losgel\u00f6ste Mensch, der mit dem Bourgeois nach der Macht griff. Bei ihm handelte es sich um ehemalige Angeh\u00f6rige des Dritten Standes, die zu faul zur Arbeit am Feld und zu feige zum K\u00e4mpfen waren. Die <em>B\u00fcrgerliche Revolution<\/em> bedeutete die Erniedrigung der Priester, die Beseitigung des Adels und die Entwurzelung der Bauern, was sie zu einem ungeheuren Genozid an der europ\u00e4ischen Kultur macht. An die Stelle der Kasten und St\u00e4nde traten die von ihrer historischen Identit\u00e4t \u201ebefreiten\u201c Individuen. Im Zuge der Moderne kam es also zu einer schleichenden Ersetzung des transzendenten und antimaterialistischen Weltbildes des Christentums durch das radikal immanente und materialistische Weltbild der Moderne, wobei letzteres den <em>logos<\/em> der Kybele darstellt, welcher von seinen mythischen Elementen ges\u00e4ubert wurde. Diese Revolution ereignete sich in einigen L\u00e4ndern evolution\u00e4r \u00fcber die protestantische Religion (England), in anderen L\u00e4ndern entlud sie sich in der Hauptsache als Revolution und Gewaltausbruch (Frankreich). Mit ihr wurde auch die traditionelle Staatsform des Reiches schrittweise beseitigt, mitsamt ihrer hierarchischen Gesellschaftsordnung und dem <em>katehon<\/em>. Der Nationalismus trat mit dem Leviathan Hobbes&#8216; in die Geschichte und schuf eine rein k\u00fcnstliche Gesellschaft, die sich aus zahlreichen Individuen zusammensetzte, welche dabei einem mechanischen Drachen glich. Da es ihm nur um den Schutz der Handelsfreiheit, der Wirtschaftst\u00e4tigkeit der B\u00fcrger und der Individuen vor sich selbst (im Kampf aller gegen alle) geht, fehlt ihm jeglicher Zugang zur Transzendenz. An die Stelle der letzten Vernunft in Gott trat die einfache Vernunft des Menschen, welche die Erde von einem einzigartigen Produkt der Sch\u00f6pfung zu einem Erdball unter vielen im Universum degradierte. Dies alles folgte nicht einer nihilistischen Logik, sondern der Logik der Kybele. Die Moderne an sich ist somit nichts neues, sondern die R\u00fcckkehr des alten kybelischen <em>logos<\/em>, der nun nicht von Demokrit, Lukrez und Epikur vertreten wird, sondern von Descartes, Hobbes, Gassendi, Newton und Boyle. Die Moderne wurde schlie\u00dflich im Zuge der Aufkl\u00e4rung systematisiert und brachte so den Liberalismus hervor. Alle drei Ideologien welche aus ihr hervorgingen (Liberalismus, Marxismus\/Kommunismus, Faschismus\/Nationalsozialismus) glorifizierten dabei den Bourgeois und verschrieben sich der Vernichtung der Tradition: So holte der Liberalismus die Bauern zwangsweise in die St\u00e4dte um sie zu Bourgeois zu machen, der Kommunismus um sie zu armen Bourgeois, den Proletariern, werden zu lassen, die dann sp\u00e4ter die B\u00fcrgerlichen st\u00fcrzen sollten. Und auch der Faschismus stellte den chauvinistischen, um seinen Vorteil bedachten B\u00fcrger ins Zentrum, der sich f\u00fcr das k\u00fcnstliche Kollektiv der Nation einsetzen sollte. Der Bauer wurde hier zum Menschen zweiter Klasse, der schlicht zu einem zwischen den St\u00e4dten lebenden Element degradiert wurde. Die kennzeichnenden Eigenschaften der Moderne sind also ihr antichristlich-naturwissenschaftliches Weltbild, der moderne Staat, die Zerst\u00f6rung der drei Funktionen der Indoeurop\u00e4ischen Gesellschaft sowie der Glaube an den Fortschritt im Sinne einer st\u00e4ndigen Verbesserung des Menschen.<\/p>\n<h2>Postmoderne und schizophrene Revolution<\/h2>\n<p>Worin liegt nun also die Funktion der Postmoderne, wenn die Moderne die Entchristianisierung bedeutete? Sie will die Moderne um ihre letzten Restbest\u00e4nde der Tradition reinigen, wobei sie der Dialektik der Aufkl\u00e4rung im Sinne einer st\u00e4ndigen Revolution folgt. W\u00e4hrend das Paradigma der Moderne die S\u00e4kularisierung ist, besteht das Paradigma der Postmoderne in der Virtualit\u00e4t. Nach Dugin handelt es sich bei den zentralen Denkern der Postmoderne um Gilles Deleuze und F\u00e9lix Guattari, welche die schizophrene Revolution begr\u00fcndeten. Ausgehend von ihrer Kritik an der Hirnforschung warfen die beiden Philosophen ein, dass die Vernunft nur den m\u00e4nnlichen Teil der Vernunft abbilden w\u00fcrde. Dabei unterschieden sie zwischen zwei psychologischen Systemen: Dem paranoiden System und dem schizophrenen System. W\u00e4hrend das m\u00e4nnlich konnotierte paranoide System hierarchisch gegliedert sei, definiere sich das schizophrene System als feministisch und egalit\u00e4rer, es gr\u00fcndet dabei auf einer Teilung des Inneren Selbst. Die logische Folge des schizophrenen Systems ist dabei die Kriegserkl\u00e4rung an das Individuum, das nicht mehr zerteilbar ist, und an die Diktatur des Gehirns. Das Individuum soll durch das Dividuum, der K\u00f6rper durch ein Parlament der Organe ersetzt werden. In den radikalsten Konzepten der Postmoderne werden aber auch die Organe als totalit\u00e4re Konzepte erkannt, stattdessen ergreift man hier Partei f\u00fcr einen K\u00f6rper ohne Organe und organischen Status sowie ohne Form, was wiederum die Auswanderung ins Netzwerk bedeutet. Dieses \u201eRhizom\u201c, benannt nach dem griechischen Wort f\u00fcr Wurzel, spiegelt insofern die Struktur der postmodernen Gesellschaft wider, als dass es horizontal und nicht vertikal organisiert ist. Dieser neue Materialismus besch\u00e4ftigt sich nicht mit den Dingen an sich, sondern mit dem was darunter ist. Vom traditionalistischen Standpunkt Alexander Dugins aus haben wir es hier mit der intrakorporalen Ebene zu tun, in welcher die Wesen der Unterwelt hausen. Das Wurzelgeflecht des Rhizoms verbindet dabei nicht die Individuen, sondern die Organe in einer schizophrenen Weise. Neben der Befreiung der Organe vom K\u00f6rper fordert die Postmoderne auch eine Befreiung des Geistes von diesem, damit im Parlament der Organe auch die Begierden hinzutreten k\u00f6nnen. Hier k\u00f6nnen wir den Unterschied zwischen dem Postliberalismus und dem klassischen Liberalismus besonders klar erkennen, wobei ersterer nach Dugin eine Verschmelzung von Liberalismus und der kulturellen Seite des Marxismus darstelle. Der in der Postmoderne eintretende Paradigmenwechsel bestehe darin, dass das Individuum durch das Dividuum, der Intellekt durch die K\u00fcnstliche Intelligenz, die normalen zwischenmenschlichen Beziehungen durch das Netzwerk und die Realit\u00e4t durch die Virtualit\u00e4t ersetzt werde. Indem das moderne Diktum Descartes, dass der Mensch ein Uhrwerk sei, zur Vollendung gebracht wird, beginnt der Mensch in der Postmoderne selbst immer mehr zur Maschine zu werden. Ziel ist es dabei, den Moment der Singularit\u00e4t zu erreichen, indem der Fortschritt exponentiell werden soll, um schlie\u00dflich eine k\u00fcnstliche Intelligenz zu schaffen die den menschlichen Intellekt selbst \u00fcbertreffen und sich selbst reproduzieren k\u00f6nnen soll. Die philosophische Bewegung des Akzelerationismus hat es sich zum Ziel gesetzt genau diese Bewegung zu f\u00f6rdern und sogar noch zu beschleunigen \u2013 bisher wird das Eintreten der Singularit\u00e4t von ihren Bef\u00fcrwortern wie Raymond Kurzweil, dem Chef der technischen Entwicklung bei Google, mit dem Jahr 2045 prophezeit. Um aber das menschliche Hirn reproduzieren zu k\u00f6nnen, muss man es selbst als etwas K\u00fcnstliches und Materielles auffassen, der Mensch muss also selbst zur Maschine werden. Die Politische Korrektheit, die jeden der sich nicht f\u00fcr den Fortschritt und eben diese Korrektheit ausspricht zum Unmenschen erkl\u00e4rt, sei hierbei der neue Totalitarismus, der diese Entwicklung erm\u00f6gliche. Wie wir an den durch keinerlei Beweise gedeckten Vorw\u00fcrfen einer Manipulation des amerikanischen Pr\u00e4sidentschaftswahlkampfes durch Russland zugunsten Trumps erkennen k\u00f6nnen, so Dugin, w\u00fcrde die Virtualit\u00e4t, welche allein auf einem Algorithmus basiere, immer mehr die Realit\u00e4t ersetzen. Ergibt es vor diesem Hintergrund Sinn die Verteidigung der Realit\u00e4t gegen die Virtualit\u00e4t zu fordern? Nach Alexander Dugin ist dies unlogisch, da die Realit\u00e4t erst durch die Moderne entstanden sei. In der indoeurop\u00e4ischen Weltsicht die durch den apollinischen <em>logos<\/em> gepr\u00e4gt ist, existieren nur die Ideen wirklich, die die wirklichen Lebewesen darstellen, w\u00e4hrend alles irdische Leben nur ein Abbild davon ist. Die Realit\u00e4t im Sinne der Tradition zog ihre Tats\u00e4chlichkeit alleine aus der Tatsache, dass sie von Gott erschaffen wurde. In der Moderne jedoch wird das Weltenei (um eine Figur aus der hinduistischen Mythologie zu zitieren) von oben geschlossen und dem Einfluss der himmlischen Transzendenz entzogen. Die Vernunft trennt den Menschen von seinem Sch\u00f6pfer und zieht einen Trennstrich zwischen ihn und die metaphysischen Gr\u00fcnde f\u00fcr seine Existenz. Dadurch wird die Realit\u00e4t selbst virtuell, wodurch der \u00dcbergang von der Realit\u00e4t zur Virtualit\u00e4t in der Postmoderne m\u00f6glich wird. Eschatologisch gesprochen folgt auf die Abschlie\u00dfung von oben gegen die himmlischen Einfl\u00fcsse in der Moderne die \u00d6ffnung des Welteneis von unten, wodurch es den Einfl\u00fcssen der H\u00f6lle ausgesetzt wird. Eine Rettung der Realit\u00e4t ist also metaphysisch gesprochen nicht m\u00f6glich, ehe uns nicht eine Rettung der Spiritualit\u00e4t gelingt. Was bedeuten also vor diesem Hintergrund Postmoderne und Singularit\u00e4t wirklich? Der reine Kosmopolitismus der Postmoderne, welcher von den letzten archaischen Elementen der Moderne gereinigt ist, f\u00fchrt im Rahmen der Singularit\u00e4t nicht nur zur Befreiung des Menschen von allen kollektiven Identit\u00e4ten, sondern auch zur Befreiung von seiner Menschlichkeit selbst. Am Ende dieses Prozesses steht die Matrix mit k\u00fcnstlicher Intelligenz, welche den sterblichen K\u00f6rper des Menschen durch den unsterblichen K\u00f6rper der Maschine ersetzt. Dadurch komme es auch zum Ende des <em>logos<\/em> an sich. Was kann man also angesichts dieser apokalyptischen Situation tun? Dugin sieht eine Zukunft nur in der Fortf\u00fchrung des Heidegger\u2018schen Projekts eines \u201eanderen Anfangs\u201c in der Philosophie, der mit der Erfassung des Chaos und der Entdeckung des Radikalen Selbst, der dionysischen Figur innerhalb der kybelischen Nacht der Postmoderne, insbesondere in einem Fortdenken des dionysischen <em>logos<\/em> best\u00fcnde. Da die Russen im Gegensatz zu den Europ\u00e4ern noch keinen festen <em>logos<\/em> etabliert h\u00e4tten, falle ihnen eine wichtige <em>katehonische<\/em> Mission in dieser Situation zu. Zwar habe sich Europa f\u00fcr die Postmoderne entschieden, wie Heidegger mit \u201eNur ein Gott kann uns retten\u201c andeutete, doch sei auch ein verzweifelter Kampf gegen diese heroisch und nicht vergebens, da er zumindest andere V\u00f6lker vor der Postmoderne bewahren k\u00f6nnte, so Dugins Ausblick auf den kommenden Abschnitt der Noomachie.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angetrieben von ihrem Hass auf die G\u00f6tter, versuchen die Titanen aus dem Tartarus den G\u00f6tterberg Olymp zu st\u00fcrmen. Dabei finden sie den jungen Halbgott Dionysos vor, zerrei\u00dfen und verschlingen ihn. Ein Blitz aus der Hand des G\u00f6ttervaters Zeus schickt sie zur\u00fcck in die H\u00f6lle. 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