{"id":7110,"date":"2020-06-15T05:50:25","date_gmt":"2020-06-15T03:50:25","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=7110"},"modified":"2020-06-15T05:51:15","modified_gmt":"2020-06-15T03:51:15","slug":"ein-europa-der-raeume-i-voraussetzungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/ein-europa-der-raeume-i-voraussetzungen\/","title":{"rendered":"Ein Europa der R\u00e4ume I \u2013 Voraussetzungen"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>\u201eUnsere Quantit\u00e4tsbegriffe haben sich gewaltig ver\u00e4ndert. Nur gro\u00dfe Staaten haben etwas Eigenes zu bedeuten, alle kleineren leben von der Ausnutzung des Streites der Gro\u00dfen oder m\u00fcssen sich Erlaubnis holen, wenn sie eine ungewohnte Bewegung machen.\u201c (Friedrich Naumann)<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Unsere ganze europ\u00e4ische Kultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt w\u00e4chst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, \u00fcberst\u00fcrzt: einem Strom \u00e4hnlich, der ans Ende will. . .&#8220; (Friedrich Nietzsche)<\/p><\/blockquote>\n<p>Aufgrund der demographischen und machtpolitischen Bedrohung unseres Kontinents durch Asien, Afrika und Nordamerika bleibt Europas V\u00f6lkern nur ein gemeinschaftliches solidarisches Handeln \u00fcbrig. Die Festung Europa ist daher inzwischen Konsens unter weitsichtigen Nationalisten \u2013 eine Festung gegen Masseneinwanderung und wirtschaftlicher wie m\u00f6glicher milit\u00e4rischer Herausforderung. Uneinigkeit herrscht in der Frage, in welcher Form solch ein notwendig koordiniertes Vorgehen zu realisieren sei. Einige Nationalisten vertrauen auf internationale Kooperation, andere tr\u00e4umen von einer \u201eNation Europa\u201c. Die meisten konventionellen Nationalstaaten \u2013 im 19. Jh. als Ideall\u00f6sung gedacht \u2013, erweisen sich heute als zu schwach und das \u00fcberschaubare Blocksystem des Kalten Krieges mit zwei imperialen Zentren als \u00fcberwunden, weshalb nun neue geopolitische Akteure in einer zunehmend multipolaren Welt gefordert sind. Welche M\u00f6glichkeiten f\u00fcr unseren Kontinent sind vorstellbar? Welche Voraussetzungen gibt es?<\/p>\n<h2><strong>Europa \u2013 das Phantom<\/strong><\/h2>\n<p>Ein wie auch immer einheitliches Europa oder auch nur eine Art europ\u00e4isches Nationalbewusstsein hat es deshalb schwer, weil es historisch einfach keine Traditionslinie gibt. Als problematisch erweist sich nicht zuletzt der unbestimmte Begriff, um was es sich bei Europa \u00fcberhaupt handelt. Was umfasst denn ein geographisch, ein kulturell oder gar ein ethnisch definiertes Europa? Reicht es bis zum Ural und Kaukasus? Gro\u00dfer oder Kleiner Kaukasus? Geh\u00f6ren kulturell die fr\u00fchchristlichen Staaten Georgien und Armenien dazu? Das heutige islamische Anatolien und Aserbaidschan sicher nicht mehr. Daf\u00fcr wieder das weit entfernte Zypern. Ethnisch zumindest unterscheidet sich das t\u00fcrkischsprachige V\u00f6lkergemisch Kleinasiens nicht von S\u00fcdost- und S\u00fcdeuropa. Was also ist Europa?<\/p>\n<p>Kulturell l\u00e4sst sich unser Kontinent am ehesten indoeurop\u00e4isch (n\u00e4mlich: religi\u00f6s, sprachlich und rassisch) definieren: in vorchristlicher Zeit durch die g\u00f6ttliche Dreiheit aller davon abgeleiteten heidnischen Religionen mit \u00e4hnlichem Sittenkodex und sp\u00e4ter seit der Christianisierung durch ein entorientalisiertes Christentum mit neutestamentarischem Charakter (Die USA und S\u00fcdafrika sind alttestamentarisch gepr\u00e4gt), in dem die indoeurop\u00e4ische Dreiheit unter angepassten Vorzeichen als \u201eDreifaltigkeit\u201c ebenso weiter existiert wie das alte Sittengesetz de facto weiterwirkt und heidnische Festtage nur christlich ummantelt wurden.<\/p>\n<p>Aber ein vereintes christliches wie heidnisches Europa gab es nie. Stattdessen l\u00e4sst es sich grob in den germanisch-protestantischen Nordwesten, den katholisch-lateinischen S\u00fcden und S\u00fcdwesten, den slawischen religi\u00f6s gemischten Osten und den byzantinisch-orthodoxen Balkan aufteilen. Aber auch diese Differenzierung erweist sich als ungen\u00fcgend und scheitert sp\u00e4testens am multikulturellen Balkan und den katholischen Exklaven des Westens und Zentrums (Irland, Polen, Litauen, Slowakei, Ungarn, M\u00e4hren, deutsche L\u00e4nder). Geh\u00f6ren die mehrheitlich muslimischen Bosniaken und Albaner noch zu Europa? Es handelt sich immerhin um autochthone V\u00f6lker und ein Drittel der Albaner bekennt sich zu einer christlichen Konfession. N\u00fctzt \u00fcberhaupt die Orientierung auf eine ganz besondere Form des Christentums in Zeiten einer weit fortgeschrittenen S\u00e4kularisierung? Diese M\u00f6glichkeit scheint l\u00e4ngst vertan. Der viel beschworene faustische Charakter Europas beschr\u00e4nkt sich auch nur auf die germanisch dominierten V\u00f6lker und taugt nicht als paneurop\u00e4isches Wesensmerkmal. Ost- und S\u00fcdeuropa sowie Balkan ergeben sich in \u201easiatischem\u201c Fatalismus.<\/p>\n<p>In ethnischer Hinsicht kann \u2013 je nach Definition \u2013, auch nicht von einem homogen wei\u00dfen Kontinent gesprochen werden, da es seit jeher andere (Ur-)V\u00f6lker und asiatische wie nordafrikanische Einwanderung gab. Wo beginnt und endet \u201ewei\u00df\u201c? Allein im Russland diesseits des Urals leben turanische, mongolische und finno-ugrische Minderheiten und S\u00fcdeuropa ist nordafrikanisch-hamitisch beeinflusst. Wer waren etwa die Etrusker, Ur-Basken und Ureinwohner der britischen Inseln? Andererseits siedeln europ\u00e4ische V\u00f6lker auch in Australien, Neuseeland, S\u00fcdafrika und den Amerikas.<\/p>\n<p>Europa ist also keine Konstante, sondern h\u00e4ngt von geographischen, kulturellen, ethnischen oder historischen Faktoren je nach Schwerpunktsetzung und aktueller Machtpolitik ab. Das behinderte bisher ein gesamteurop\u00e4isches Bewusstsein. Wenn im Folgenden von Europa die Rede ist, dann von einem geographisch \u00fcber die Meere begrenztes, das im Osten an Russlands heutigen Westgrenzen endet. Die russischen Staatsideen allein diktieren Europas Ostgrenze. (Siehe unten)<\/p>\n<h2><strong>Europa \u2013 eine Erinnerungsgemeinschaft<\/strong><\/h2>\n<p>Europa stellt bestenfalls eine Erinnerungsgemeinschaft dar, keine Schicksalsgemeinschaft, weil gesamteurop\u00e4ische Ereignisse die Ausnahme waren. Dazu z\u00e4hlen v.a. gemeinsame Verteidigungsanstrengungen gegen asiatische und nordafrikanische Penetrierung (Hunnen-, Ungarn-, Araber- und Mongoleneinf\u00e4lle), die (germanische) V\u00f6lkerwanderung, pankeltische Vergangenheit, hellenische Philosophie und r\u00f6mische Christianisierung, die Jahrhunderte andauerte und je nach Region aus unterschiedlichen Motiven gewaltsam bis bereitwillig erfolgte.<\/p>\n<p>Weitere bedeutende \u00fcberregionale Ereignisse waren: die Ordnungsfunktion und der kulturelle Esprit des R\u00f6mischen Reiches mit seiner Latinisierungspolitik in S\u00fcdwest- und Westeuropa, das wesentlich bescheidenere (ostr\u00f6mische) Byzanz f\u00fcr den s\u00fcdlichen Balkan, das dezentrale Heilige R\u00f6mische Reich Deutscher Nation als missionarischer Nachfolger Roms; Renaissance, Reformation, der Erste Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg, diverse Kunstepochen, Aufkl\u00e4rung, Franz\u00f6sische Revolution, Napoleons Paneuropa franz\u00f6sischer Nation und die Befreiungskriege dagegen, der V\u00f6lkerfr\u00fchling, die 1848er-Revolutionen, Heilige Allianz, Restauration und Mazzini; Bev\u00f6lkerungsexplosion, Kolonialimperialismus und der Fortschrittsoptimismus des 19. Jhs..<\/p>\n<p>Allerdings waren diese Ereignisse nicht von gesamteurop\u00e4ischer Natur und wirkten sich unterschiedlich regional aus. Das zeigt sich an einigen Bedrohungsszenarien Asiens und Nordafrikas: Von den Osmanen war der uninteressante Balkan betroffen, weshalb das erzkatholische Frankreich und sp\u00e4ter auch die Republik Venedig sogar ein B\u00fcndnis mit den Osmanen gegen das ebenfalls erzkatholische \u00d6sterreich eingingen oder Gro\u00dfbritannien, \u00d6sterreich und Frankreich im Krim-Krieg mit dem Sultanat gegen Russland fochten. Die arabisch-maghrebinische Invasion war nach den erfolgreichen Schlachten um Poitiers nur noch Angelegenheit der christlichen iberischen V\u00f6lker und die persische Bedrohung im Altertum betraf vordergr\u00fcndig nur die altgriechischen Stadtstaaten. Das Expansionsstreben des ph\u00f6nizischen Karthagos (heute Tunesien) geh\u00f6rt sicher auch in diese Aufz\u00e4hlung.<\/p>\n<p>Bisher waren diverse europ\u00e4ische Staaten eher Bedrohungen f\u00fcr andere Kontinente als umgekehrt. Im mediterranen Raum (so auch Nordafrika und Levante) sahen antike Griechen wie R\u00f6mer einen nat\u00fcrlichen Expansionsraum mit dem Mittelmeer als Drehscheibe genauso wie die neuzeitlichen Italiener, Franzosen und Spanier. Die Kolonialm\u00e4chte Spanien, Portugal, Gro\u00dfbritannien, Niederlande, Belgien, Deutschland, Italien, Frankreich, Schweden und D\u00e4nemark sahen in anderen Kontinenten mitunter einen integralen Bestandteil ihres eigenen Territoriums. Und dann gibt es noch den Sonderfall Russland, das nach Ost- und Zentralasien hineinwuchs und vor\u00fcbergehend auch nach Nordamerika. Manche Geopolitiker und Kolonialideologen sahen zumindest die \u00fcberseeischen Siedlungskolonien als Teil Europas. Von einem Ereignis war Europa nahezu als Ganzes betroffen: Dem Zweiten Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg 1914 bis 1945 mit den beiden Bruderkriegen und der Wirtschaftskrise sowie der Verbreitung totalit\u00e4rer alternativer Ideologien. Vielleicht stellt die kriegerische verheerende Tradition DIE Konstante Europas dar. Die Masseneinwanderung der Gegenwart kann ein weiteres gesamteurop\u00e4isches Ph\u00e4nomen werden, verschont jedoch bis auf weiteres Balkan und Osteuropa. Es gibt zwar einige europ\u00e4ische Besonderheiten, die eine Abgrenzung zum asiatischen Mutterkontinent rechtfertigen, doch finden sich analoge auch in Afrika und den Amerikas.<\/p>\n<h2><strong>Europa \u2013 ein asiatischer Gro\u00dfraum<\/strong><\/h2>\n<p>Um sich Europa zu n\u00e4hern sollte man die eurozentrische Brille absetzen, um ein Gef\u00fchl f\u00fcr Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse und geopolitische Analogien zu erhalten. Unser Kontinent ist nur eine Halbinsel Asiens \u2013 mit einer Besonderheit: Diese Halbinsel besteht wiederum aus mehreren zerkl\u00fcfteten Halbinseln und Hochgebirgen, die eine gesamteurop\u00e4ische Zivilisation verhinderten. Tats\u00e4chlich kann man Europas Gr\u00f6\u00dfe mit Indien und der chinesischen Gro\u00dfen Ebene vergleichen, wobei die asiatischen Gro\u00dfr\u00e4ume eine mehr (Indien) oder weniger (China) multiethnische Zivilisation hervorbrachten, da dort die topographischen Hemmnisse weitgehend fehlen und die klimatischen Bedingungen f\u00fcr ein schnelleres Bev\u00f6lkerungswachstum f\u00f6rderlich waren. Unsere mannigfaltige europ\u00e4ische Staatenwelt l\u00e4sst sich nicht auf andere Kontinente \u00fcbertragen. Die Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse lassen das nicht zu. Bei Russland, China, Indien, USA, Kanada, Australien und Brasilien handelt es sich nicht mehr um Staaten, sondern um eigene Kontinente bzw. kontinentale Gro\u00dfr\u00e4ume. Manche ihrer Verwaltungsregionen sind gr\u00f6\u00dfer als Europas Gro\u00dfstaaten. Die EU der 25 nimmt den Weltrang sieben ein, vor Indien und nach Australien. Der gr\u00f6\u00dfte EU-Staat, Frankreich, bringt es gerade einmal auf Weltrang 42. Selbstverst\u00e4ndlich muss ber\u00fccksichtigt werden, dass die Fl\u00e4chengr\u00f6\u00dfe eines Staates noch nichts \u00fcber dessen demographisches, \u00f6konomisches, milit\u00e4risches und technologisches Potential aussagt. Bei solchen Fl\u00e4chenstaaten wie Kasachstan, Australien, Kanada, Algerien, Sudan, Tschad, Niger oder Mali kann nur ein sehr begrenztes Territorium besiedelt werden, gleichwohl in unwirtlichen Regionen Bodensch\u00e4tze lagern. Europa entspricht also einem Gro\u00dfraum anderer Kontinente, vereint jedoch mehrere sich gegenseitig behindernde Staaten, die wegen begrenzter kontinentaler Expansionsm\u00f6glichkeiten nach \u00dcbersee ausweichen mussten. Auf ihrem Heimatkontinent konnte sich nie eine Macht dauerhaft durchsetzen.<\/p>\n<h2><strong>Kein dominierender Volkskern in Europa<\/strong><\/h2>\n<p>Wie schon hervorgehoben, unterscheidet sich Europa von vergleichbaren Gro\u00dfr\u00e4umen in zwei Punkten: ein f\u00fcr ein schnelles Bev\u00f6lkerungswachstum nachteiliges Klima und eine Isolation beg\u00fcnstigende Topographie. Der mit Abstand gr\u00f6\u00dfte Teil Europas liegt auf den gleichen Breiten wie die d\u00fcnnbesiedelten Regionen Nord- und Zentralasiens sowie Nordamerikas. Eine mildernde Wirkung verdankt sich dem warmen atlantischen Golfstrom, von dem allerdings nur der Nordwesten profitiert. Somit konnte sich in Europa kein dominierender V\u00f6lkerkern herausbilden, der sukzessiv andere Ethnien anzog und einschmolz wie etwa in der chinesischen Gro\u00dfen Ebene oder teilweise in Indien oder S\u00fcdostasien. Das wird an den Indoeurop\u00e4ern deutlich: Gebirge, Halbinseln und Urw\u00e4lder teilten und isolierten die in Wellen ankommenden Indoeurop\u00e4er und schufen so die Vorfahren heutiger V\u00f6lker. Die rassisch heterogenen Ureinwohner Europas vor der indoeurop\u00e4ischen Ankunft sind noch spekulativer, wahrscheinlich stammen die heutigen Samen (Lappen) und Basken von ihnen ab, w\u00e4hrend sich die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit mit den Neuank\u00f6mmlingen vermischte. Auf der Iberischen und Apenninenhalbinsel sowie dem s\u00fcdlichen Balkan siedelten ebenfalls nichteurop\u00e4ische (hamitische?) V\u00f6lker. \u00dcber die V\u00f6lkerwanderung und Wikinger-Fahrten verbreitete sich das germanische Element ohne jedoch die sprachliche Pr\u00e4gung zu hinterlassen (au\u00dfer der Vorliebe f\u00fcr germanische Namen in S\u00fcd- und S\u00fcdwesteuropa). Auch scheiterten die Germanen im Religi\u00f6sen: Der fr\u00fchchristliche Arianismus konnte sich nicht halten. Eine m\u00f6gliche ethnische Konstante gab es in weiten Teilen Europas: die Kelten, die wie keine andere V\u00f6lkerfamilie verbreitet war. Doch selbst bei den Kelten ist nicht gesichert, ob es sich um eine rassische oder nur um eine sprachliche Gemeinschaft handelte. \u00dcberhaupt erweist sich das Verwechseln von Sprach- und V\u00f6lkerfamilie als DIE S\u00fcnde ideologischer Nationalisten des 19. Jhs.: Die Ethnogenese der meisten V\u00f6lker \u00e4hnelt sich, nur haben sich verschiedene Mentalit\u00e4ten und Sprachen durchgesetzt, was die Nationenwerdung des 18. bis 19. Jhs. bedingte. So sind die Balkanslawen und Romanen nur dem Namen und Sprache nach slawisch bzw. romanisch und gerade die Deutschen nur teilweise germanisch.<\/p>\n<h2><strong>Mehrere Europas<\/strong><\/h2>\n<p>Bis 1918 hatten wir es mit folgenden Teileuropas zu tun:<\/p>\n<p>*Das <strong>Abendland<\/strong> aus katholisch-lateinischer Tradition umfasste bis zur Reformation S\u00fcd-, West-, Nord- und Mitteleuropa. Kroatien, Ungarn und Polen(-Litauen) bildeten die Flanken. Wichtige Machtzentren waren Frankreich, Spanien, Polen-Litauen, das Heilige R\u00f6mische Reich Deutscher Nation und danach \u00d6sterreich(-Ungarn). Von hier stammten Renaissance, Aufkl\u00e4rung, Reformation und Gegenreformation (Erster Drei\u00dfigj\u00e4hriger Krieg) sowie die Kolonialisierung anderer Kontinente. Der rudiment\u00e4re katholische Universalismus wurde durch die protestantische Reformation gebrochen. Von nun an dominierte ein kultureller und religi\u00f6ser S\u00fcd-Nord-Gegensatz. Die Existenz zeitweise dreier! P\u00e4pste, die fr\u00fche Nations-Werdung Frankreichs und der anglikanische Sonderweg Englands zeugen von abendl\u00e4ndischer Fragilit\u00e4t. Das Abendl\u00e4ndische war und ist eher eine Geisteshaltung mit r\u00f6misch-katholischer Orientierung. Die Abendland-Idee wurde nochmals zu den Hochzeiten des Kalten Krieges f\u00fcr den Westen (inkl. USA!) gegen den (asiatischen) Kommunismus instrumentalisiert. Vielleicht war die Teilung des Frankenreichs eine weitere S\u00fcnde Europas.<\/p>\n<p>*Das <strong>Byzantinisches Reich \u201eHellenischer Nation\u201c<\/strong>, aus der ostr\u00f6mischen Reichsh\u00e4lfte hervorgegangen, war eine orientalische Macht wegen dessen Ausrichtung auf Vorderasien und \u00c4gypten. Es wurde nur der s\u00fcdliche orthodoxe Balkan integriert. Die Bulgarenreiche unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfe strukturierten ebenfalls vor\u00fcbergehend den s\u00fcdlichen und mittleren Balkan. Gro\u00dfe Teile des <strong>Balkan<\/strong> wurde wegen der ca. 500j\u00e4hrigen osmanisch-islamischen Herrschaft und der christlich-orthodoxen Ostkirche gar nicht zu Europa gez\u00e4hlt.<\/p>\n<p>*<strong>Osteuropa<\/strong> wurde bis 1918 je nach Hoheitsgebiet zum Abendland (Polen-Litauen, Preu\u00dfen, Schweden, Deutschland, \u00d6sterreich-Ungarn) oder Asien (Russland) gez\u00e4hlt. W\u00e4hrend der Zwischenkriegszeit verbreitete sich der Begriff \u201eZwischeneuropa\u201c f\u00fcr die nunmehr unabh\u00e4ngigen Staaten des heutigen Ostmittel- und Osteuropas, was den unbestimmten Charakter dieses Raums treffend illustrierte.<\/p>\n<p>*<strong>Russland<\/strong> war sp\u00e4testens nach der mongolisch-tatarischen Besetzung ein Teil Asiens und blieb es auch unter den orientalisch anmutenden \u2013 weil an byzantinischer Tradition ankn\u00fcpfenden \u2013, orthodoxen Zaren. Die Kulturrevolution Peters des Gro\u00dfen und die Verlagerung der Hauptstadt nach Westen \u00e4nderten die Sichtweise vor\u00fcbergehend. Russland wurde als Teil Nordeuropas angesehen. Die bolschewistische Oktoberrevolution mit der neu-alten Hauptstadt Moskau machte Russland wieder zu einem hybriden Eurasien.<\/p>\n<p>Es sei darauf hingewiesen, dass wegen der Teileuropas und wechselnder Grenzverl\u00e4ufe auch geographische Begriffe wie Ost- und Mitteleuropa sehr unterschiedlich definiert wurden und werden. Das f\u00e4llt beim Perspektivwechsel der traditionellen kulturellen Konfliktlinie S\u00fcd-Nord auf, wonach Russland lange zum Norden geh\u00f6rte. Seit dem Krim-Krieg verwandelte sich die Perspektive in einen West-Ost-Gegensatz, da Russland pl\u00f6tzlich zum negativ konnotierten asiatischen Osten wanderte und sich verst\u00e4rkt auf dem Balkan engagierte.<\/p>\n<h2><strong>Raum gestaltende Reichsv\u00f6lker<\/strong><\/h2>\n<p>Die \u00fcberschaubaren Raum gestaltenden Reiche, die meist aus den Tr\u00fcmmern vorhergehender entstanden, waren immer multiethnisch, h\u00e4ufig multikonfessionell und durch eine Sendung bewusste Dynastie zusammengehalten. Wie jedes historische missionarische Reich auf Erden, bestimmt eine gestaltende Ethnie den Reichscharakter, dessen metaphysische, geopolitische und milit\u00e4rische Sogwirkung benachbarte Ethnien mehr oder weniger f\u00f6deralistisch integrierte. Das Reich war dabei immer mehr als die Summe seiner regionalen, konfessionellen und ethnischen Bestandteile. Welche Reichsv\u00f6lker gab es bisher?<\/p>\n<h3><strong>*Die Deutschen<\/strong><\/h3>\n<p>Die zentrale Lage und die breite rassische Zusammensetzung aus Germanen, Kelten, Slawen und vereinzelt auch R\u00f6mer (gleichfalls ein Gemisch) und viel sp\u00e4ter auch Balten pr\u00e4destinierten die Deutschen zum Kristallisationskern eines Reichs zu werden. Allerdings handelte es sich \u00fcber Jahrhunderte bei den Vorfahren der heutigen Deutschen eher um eine sprachliche Sammelbezeichnung als ein einheitliches Volk. Der partikularistische Charakter des Reiches war gleichsam Ursache und Folge ethnischer Zersplitterung. Die slawisch sprachigen Untertanen (z.B. Vorfahren von Sorben, Polen und Tschechen) identifizierten sich \u00fcber Jahrhunderte mit der katholisch-christlichen Sendung. Wie die sp\u00e4ter gebrauchte Bezeichnung \u201eHeiliges R\u00f6misches Reich Deutscher Nation\u201c nahelegt, waren Reich und sprachliches und sp\u00e4ter auch ethnisches Deutschtum nicht identisch, sondern nur der gestaltende Teil. Folgerichtig gab es lange keine Germanisierungsbestrebungen. Der extrem partikularistische Charakter, der Streit mit den P\u00e4psten und die verheerende konfessionelle Spaltung machten das Reich zum Spielball innerer und \u00e4u\u00dferer Herrscherdynastien und erster sezessionistischer Bestrebungen. H\u00f6hepunkt dieser Entwicklung war der Erste Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg, der fast nur auf Reichsboden stattfand und das Reich demographisch verheerte sowie in seiner Entwicklung um mindestens 150 Jahre zur\u00fcckwarf. Als Folge erwachten ein tschechisches, niederl\u00e4ndisches und schweizerisches Eigenbewusstsein aus konfessionellem Hader, schwacher Zentralmacht und einem verblassenden transzendenten Reichsmythos. Das Reich war bis zu seiner Aufl\u00f6sung durch Napoleon I. 1806 nur noch Objekt, das Geschichte erleidet. Im Kontrast dazu stehen die Raum gestaltenden und kulturellen Leistungen: Als typische Landmacht kolonisierte und befruchtete das Reich Mittel- und Westeuropa, erhebliche Teile Zwischeneuropas, den Donau- und Karpatenraum sowie \u00fcber Deutschritter-Orden und Hanse Teile des Baltikums. Die hoch angesehenen Deutschen (besser Deutschsprachige) wurden h\u00e4ufig von fremden Herrschern als Siedlungspioniere in fremde Lande eingeladen.<\/p>\n<p>Innerhalb des Reichs lassen sich ab dem 17. Jh. vier sehr unterschiedliche Motoren ausmachen: Preu\u00dfen, \u00d6sterreich, Bayern und Sachsen. W\u00e4hrend die letzten beiden bald zu saturierten Kulturstaaten erstarrten, entwickelten sich Preu\u00dfen und \u00d6sterreich zu expandierenden missionarischen Staaten innerhalb des Reiches. \u00d6sterreich blieb auch nach 1806 der \u00fcberv\u00f6lkischen transzendenten Reichstradition unter den Habsburgern treu, w\u00e4hrend sich das protestantische Preu\u00dfen zur profanen Ordnungsmacht Ostmitteleuropas wandelte, das eher an die altr\u00f6mische Republik erinnert, um dann zum germanisierenden Nationalstaat im 19. Jh. zu mutieren. Das Zweite Reich von 1871 und erst recht das sogenannte Dritte Reich von 1933-1945 haben mit dem Heiligen R\u00f6mischen Reich nichts mehr zu tun. Die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs beschnitten die deutschen Gestaltungsm\u00f6glichkeiten: Deutschland wurde geteilt, erlitt erhebliche Gebietsverluste und verlor mit dem Verschwinden deutscher Siedlungsgebiete in Zwischeneuropa, Baltikum und Balkan auch dort Gestaltungsm\u00f6glichkeiten. Die Tragik der Deutschen liegt darin, dass sie als gesamteurop\u00e4isches Reichsvolk zu klein, als einfacher Nationalstaat aber zu gro\u00df sind.<\/p>\n<h3><strong>*\u00d6sterreich-Ungarn<\/strong><\/h3>\n<p>\u00d6sterreich wurde sp\u00e4testens nach Aufl\u00f6sung des Heiligen R\u00f6mischen Reiches zum Wahrer der Reichstradition, nachdem der Rivale Preu\u00dfen endg\u00fcltig zum ethnischen Nationalstaat fand. Rudiment\u00e4r l\u00e4sst sich der Reichsmythos mit katholisch-christlicher Sendung und \u00fcberv\u00f6lkischem Ordnungsauftrag noch bis 1918 finden. Die gro\u00dfz\u00fcgige, jedoch nicht immer konsequent umgesetzte Sprachenpolitik der Habsburger sowie der Machtausgleich mit Ungarn \u00e4nderten an der W\u00fchlarbeit der Nationalismen wenig. Die zentrifugalen Kr\u00e4fte schritten immer weiter fort. Dennoch war es letztlich erst die Dynamik des Ersten Weltkriegs, der die Separatisten des alten Reichs bef\u00f6rderte und nat\u00fcrlich die Niederlage, die von au\u00dfen \u00d6sterreich-Ungarn aufteilte. Heute bleibt ein entscheidender Umstand vergessen: Die meisten V\u00f6lker wollten gar keine Sezession, sondern nur Territorial- bzw. Personalautonomie, deren Gew\u00e4hrung den Radikalen (meist republikanisch-liberale Freimaurer) das Wasser abgegraben h\u00e4tte. Das gilt nicht zuletzt f\u00fcr die m\u00e4chtigen Habsburger treuen Deutschnationalen, unter denen die antihabsburgischen Gro\u00dfdeutschen auch nur eine Minderheit darstellten.<\/p>\n<h3><strong>*Die Russen<\/strong><\/h3>\n<p>Die Russen h\u00e4tten aufgrund ihrer ethnischen Sogwirkung ebenso wie die Deutschen das gr\u00f6\u00dfte Potential zum europ\u00e4ischen Kern zu werden, doch gibt es zwei entscheidende Unterschiede: die periphere Lage mit weit auseinanderliegenden Stadtstaaten (in der heutigen Ukraine, Wei\u00dfrussland und Russland diesseits des Urals) sowie die \u00dcbernahme der dem Abendland fremden Orthodoxie byzantinischer Pr\u00e4gung. Sp\u00e4testens mit der mongolisch-tatarischen Herrschaft und der Verlagerung des kulturellen Zentrums in das weit entfernte Moskau, wandelte sich das Russentum zur eurasischen Macht. Das \u201eByzantinische Reich Russischer Nation\u201c integrierte zahlreiche asiatische V\u00f6lker und nichtchristliche Konfessionen und expandierte ab dem 16. Jh. nach Kaukasien, Sibirien und Zentralasien (Turkestan). Gleichzeitig entfremdeten sich die westlich siedelnden Russen (die heutigen Ukrainer und Wei\u00dfrussen) unter katholischer Fremdherrschaft (Polen-Litauen und \u00d6sterreich).<\/p>\n<h3><strong>*Westeuropa<\/strong><\/h3>\n<p>Der topographisch bestimmte westliche Subraum mit offenem \u00dcbergang zu Mitteleuropa wird weitgehend vom franz\u00f6sischen Staatsmodell beherrscht, lediglich das n\u00f6rdliche Westeuropa teilt sich heute aus machtpolitischem Kalk\u00fcl und reichsdeutscher Schw\u00e4che auf Belgien, Luxemburg und Niederlande auf. Auch Frankreich entwickelte sich aus der fr\u00e4nkisch-katholischen Reichsidee, wobei der Westteil des Reichs Karls des Gro\u00dfen von einer gallo-romanischen Bev\u00f6lkerungsmehrheit mit romanisierter germanischer Oberschicht bestimmt war. Bis zu Ludwig IX (dem Heiligen) im 14. Jh. kann man von den partikularistischen \u201eVereinigten Staaten von Frankreich\u201c sprechen, in dem noch eine regionale und v\u00f6lkische Vielfalt existierte. Mit Heinrich IV, Ludwig XIV und dann im Zuge der Franz\u00f6sischen Revolution wurde diese Vielfalt durch Zentralisierung und Franz\u00f6sisierung eingeebnet \u2013 Frankreich glich einer von Resteuropa isolierten Festung.<\/p>\n<h3><strong>*Iberische Halbinsel<\/strong><\/h3>\n<p>Die Halbinsel stellt durch ihre maritime Begrenzung einen Subraum par excellence dar, der durch die Pyren\u00e4en vom Restkontinent abgetrennt wird. Mit der Meerenge von Gibraltar setzt sich Iberien nach Nordwestafrika fort. Seit Jahrhunderten teilen sich Spanien und Portugal diesen Raum. Beide sind Produkte der Reconquista gegen die maurisch-islamische Herrschaft, wobei in Spanien eine Reichsidee bestand: Das \u201eKatholische Spanische Reich Kastilischer Nation\u201c \u2013 aus einem antimaurischen Defensivb\u00fcndnis geboren. Ohne die maurische Bedrohung g\u00e4be es heute wohl mehrere Staaten. Portugal verdankt seine Existenz einer sehr fr\u00fchen Befreiung und isolierten Lage, weshalb es eine breite Defensivallianz nicht mehr n\u00f6tig hatte.<\/p>\n<h3><strong>*Nordeuropa<\/strong><\/h3>\n<p>Die skandinavische Halbinsel stellt wie die iberische einen nat\u00fcrlichen kontinentalen Subraum dar, im Gegensatz zum jenen des S\u00fcdwestens gibt es einen flie\u00dfenden \u00dcbergang nach Osten (Finnland, Karelien) und eine Wasserbr\u00fccke nach S\u00fcden. Teile von Nord- und Ostseeraum wurden von den miteinander rivalisierenden D\u00e4nen, Norwegern und sp\u00e4ter Schweden geordnet: Das Reich Knuts des Gro\u00dfen im 11. Jh. stellte mit seinen britischen und estnischen Besitzungen den d\u00e4nischen und das Schwedische Reich mit Teilen Pommerns, Finnlands und des Baltikums von 1560-1815 den schwedischen H\u00f6hepunkt dar. Mit der \u201eKalmarer Union\u201c (1397-1523) bestand sogar eine lose allnordische Verteidigungsallianz gegen Hanse und Deutschritter-Orden unter moderater d\u00e4nischer Dominanz.<\/p>\n<h3><strong>*Polen-Litauen<\/strong><\/h3>\n<p>Mit Polen-Litauen bestand auch im sonst ungeordneten Zwischeneuropa eine Ordnungsmacht, der man zumindest w\u00e4hrend der jagiellonischen Staatsepochen echtes Reichsdenken attestieren kann. Dieses multiethnische und \u2013konfessionelle Reich verstand sich als katholisch-abendl\u00e4ndisches Bollwerk zun\u00e4chst gegen die asiatischen Mongolen und sp\u00e4ter auch gegen das orientalische (weil byzantinische) Russentum. Die verheerende neopiastische Staatswende zugunsten einer polnischen Ethnokratie im 18. Jh. unterminierte das Zusammenleben der Reichsv\u00f6lker und \u2013st\u00e4nde: Echter Pole konnte nur B\u00fcrger, Intellektueller, Adliger, Offizier oder Grundbesitzer sein, ansonsten war der Rest nur noch polnischsprachig jenseits aller Nationalit\u00e4t. Die letzte Teilung von 1795 brachte Zwischeneuropa unter preu\u00dfische, \u00f6sterreichische und russische Herrschaft, die wie die osmanische des Balkans willkommener war als heute dargestellt. In der Zwischenkriegszeit versuchte dann das wieder unabh\u00e4ngige Polen vergeblich an die Reichstradition anzukn\u00fcpfen.<\/p>\n<h3><strong>*Der Balkan \/S\u00fcdosteuropa<\/strong><\/h3>\n<p>Der Balkan ist die Achillesferse Europas, handelt es sich doch um ein Miniatureuropa mit verstreut siedelnden V\u00f6lkern, zahlreichen Kleinstethnien und konfessioneller Vielfalt. Die r\u00f6mische Reichsteilung schuf zwei kulturell-religi\u00f6se Sph\u00e4ren. Im Gegensatz zu allen anderen R\u00e4umen Europas, fehlt(e) im S\u00fcdosten ein Reichsvolk, was immer wieder zu anarchischen Zust\u00e4nden f\u00fchrte. Deshalb wurde der Balkan leichte Beute raumfremder M\u00e4chte. Tats\u00e4chlich waren es R\u00f6mer, Byzantiner, Osmanen, \u00d6sterreicher und mit Abstrichen auch Ungarn, die raumordnend wirkten. Das Osmanische Reich und \u00d6sterreich waren \u00fcber Jahrhunderte gar nicht so verhasst, wie es nationalistische Ideologen des 19. Jhs. behaupteten. Seit 1945 sind die Deutschen als \u00f6konomischer und administrativer Stabilit\u00e4tsfaktor verloren.<\/p>\n<p>Bei den dominierenden V\u00f6lkern des Balkans handelt es sich um Griechen, Bulgaren und Serben, wobei Bulgaren den S\u00fcdosten (und mit Mazedonien auch den S\u00fcden) und Griechen das bereits periphere K\u00fcstenland, \u00c4g\u00e4ische Inseln und Peloponnes besiedeln. Die griechischen Kolonien in Anatolien und Zypern bildeten den \u00dcbergang zum Orient. Beide V\u00f6lker siedeln kompakt. Die Serben dagegen bewohnen den S\u00fcdwesten und bilden erhebliche ethnische Exklaven im Nordwesten, die sich nicht ohne weiteres vereinen lassen. Keines dieser V\u00f6lker ist in der Lage, den Balkan zu ordnen. Die Mehrheit der Balkanbewohner versteht sich als Sprachslawen, weshalb Griechen und Rum\u00e4nen \u2013 sofern man letztere noch zum Balkan z\u00e4hlt \u2013, als Integrationsmotoren gar nicht in Frage kommen. Die Gegens\u00e4tze zwischen den V\u00f6lkern, umstrittene Grenzverl\u00e4ufe, allgegenw\u00e4rtige Sprach- und Konfessionsinseln machen eine allbalkanische Zusammenarbeit bisher unm\u00f6glich.<\/p>\n<h2>Europa und die Welt<\/h2>\n<p>Andere Kontinente \u2013 selbst die Amerikas (ohne Kanada), nicht jedoch Australien \u2013, sehen Europa als geistige und manchmal rassische Einheit. Umgekehrt erscheinen Schwarzafrika, Lateinamerika oder Ostasien ebenfalls als eine solche fiktive Einheit. Im Gegensatz zu den im Sein lebenden V\u00f6lkern Asiens teilt Europa mit Schwarzafrika und den Amerikas eine gewissen identit\u00e4re und transzendente Sehnsucht \u2013 ebenso wie die unfertige V\u00f6lkervielfalt. Die chinesische Zivilisation (nicht der chinesische Ethnos) war schon alt, als die hellenische Antike noch jung war.<\/p>\n<p>Im Vergleich zu China, Mayas oder \u00c4gypten war Europas globale Expansion und Hegemonie nur eine kurze Phase, eine Phase aus Entdecker- und Handelsgeist heraus, weil der eigene Raum zu begrenzt war. Dennoch l\u00f6ste diese Phase globale Entwicklungen aus: wissenschaftliche Revolution, Erfindungen, Entdeckungen, \u00f6konomische Revolution mit vollendeter Arbeitsteilung und Massenproduktion, medizinischem Fortschritt und Bev\u00f6lkerungsexplosion, aber auch physischer und geistiger Kolonialismus mit seinen destruktiven Folgen: Zerst\u00f6rung von Tradition (Schaffung neuer Eliten, Einf\u00fchrung der Geldwirtschaft, Ersetzung der Subsistenzwirtschaft und des Tauschhandels) und Export fremder Sprachen, Konfessionen und Ideologien sowie Naturzerst\u00f6rung, Menschenhandel, Ausrottung von Tieren und Ver\u00e4nderung der Landschaft. Es soll hier nicht um die \u00fcbliche Kolonialismuskritik mit schlechtem Gewissen gehen, handelt es sich doch bei diesen Erscheinungen um keine europ\u00e4ischen Errungenschaften. Es soll nur betont werden, dass Europas Nationalisten heute au\u00dfereurop\u00e4ischen V\u00f6lkern Vorw\u00fcrfe machen (\u201eEinwanderung ist Landraub\u201c), die europ\u00e4ische Staaten vor gar nicht so langer Zeit selbst nicht nur praktizierten, sondern auch auf h\u00f6chstem philosophischem Niveau rechtfertigten. Vielleicht wird heute versp\u00e4tet das indianische Amerika ger\u00e4cht. Das erb\u00e4rmliche europ\u00e4ische Selbstmitleid unserer Tage ist das andere Extrem: es appelliert in phantastischer Leugnung der menschlichen Natur an selbstgen\u00fcgsame V\u00f6lker, die das kleine verletzliche \u00fcberalterte Europa des Kinderschwunds bitte in Ruhe lassen sollen \u2013 schlie\u00dflich g\u00e4be es ja auch keinen Kolonialismus mehr. Es wird offensichtlich gern vergessen, auf welchem Wege die einstigen Kolonien in die vermeintliche Unabh\u00e4ngigkeit \u201eentlassen\u201c wurden, unabh\u00e4ngig davon, dass Kolonialismus nicht von allen als Last empfunden wurde. Carl Schmitts \u201eInterventionsverbot f\u00fcr raumfremde M\u00e4chte\u201c widerspricht der menschlichen Natur, auf eine solche Doktrin darf sich kein Kontinent verlassen. Was sollen auch raumfremde M\u00e4chte sein? Wer bestimmt dar\u00fcber?<\/p>\n<p>Europa beeindruckt immer noch durch Wissenschaft, Organisation und Technik, seine seelische Armut, eine Bankrotterkl\u00e4rung, schreckt hingegen ab. Unser Kontinent gl\u00e4nzt mit Dekadenz, Entsittlichung, unnat\u00fcrlicher Genderisierung und Hedonismus. Und das wird auch noch als zu verteidigende und exportierende Tugend angesehen. Hier muss angesetzt werden.<\/p>\n<p>Unser alt gewordener Kontinent ist an seinem Niedergang selbst schuld, ebenso am Aufstieg der au\u00dfereurop\u00e4ischen Welt. Europas Bruderkriege f\u00fchrten dessen Angreifbarkeit vor aller Augen. Die hierbei praktizierte Kollaboration europ\u00e4ischer Staaten mit au\u00dfereurop\u00e4ischen tat ein \u00dcbriges.<\/p>\n<p>Wie verh\u00e4lt es sich mit anderen Kontinenten? Die gleiche geographische Relativit\u00e4t bestimmt auch diese: Aus ostasiatischer Perspektive geh\u00f6rt die Staatenwelt westlich Indiens nicht zu Asien. Aus schwarzafrikanischer Sicht geh\u00f6rt der hamitisch-semitische Norden manchmal zu Europa, manchmal zu Asien. Machtpolitik und Kultur bestimmen, welcher Staat wohin geh\u00f6rt. Das politische Geoschema der UNO ist nur eine Konvention, ein Vorschlag.<\/p>\n<p>Besorgte bis hysterische Nationalisten Europas sollten realisieren, dass die au\u00dfereurop\u00e4ische Welt auch keinen Block darstellt. Panasiatismus, Panafrikanismus, Panamerikanismus, Panarabismus usw. sind (momentan) auch ohne Chance. Das geopolitische Gebot der Stunde, Europa der R\u00e4ume, passt auch auf zersplitterte R\u00e4ume anderer Kontinente. Inzwischen n\u00e4hert sich die au\u00dfereurop\u00e4ische Welt Europas Dekadenz im Zeitraffer an: Was Europa weitgehend hinter sich hat, haben andere noch vor sich: Urbanisierung mit rasanter Landflucht und wuchernden Megast\u00e4dten, Ersch\u00fctterung nationaler Identit\u00e4ten und Gewissheiten, Geburtenr\u00fcckgang (h\u00e4ufig noch ohne Geburtendefizit), Aufl\u00f6sung traditioneller Bindungen (konzentrische soziale Kreise), \u201eEntzauberung der Welt\u201c (Max Weber), zunehmender Hedonismus und \u201eVerhausschweinung des Menschen\u201c (Konrad Lorenz). Die sich gegenseitig verst\u00e4rkenden Tendenzen sind offensichtlich. Folgende unvers\u00f6hnliche Polarsierungen k\u00f6nnen schnell zu B\u00fcrgerkriegsszenarien f\u00fchren:<\/p>\n<p>*Politisch Religi\u00f6se vs. S\u00e4kulare<\/p>\n<p>*Anh\u00e4nger traditioneller Werte vs. Anh\u00e4nger relativistischer Werte<\/p>\n<p>*Nationalisten vs. Kosmopoliten<\/p>\n<p>Beide Pole wachsen, die Moderaten dazwischen schwinden, alle Staaten der Erde \u00e4hneln sich dabei im Prinzip, unterscheiden sich nur noch graduell. Eine Welt in Aufl\u00f6sung.<\/p>\n<h2>Schlussfolgerungen<\/h2>\n<p>Es gab nie eine alleurop\u00e4ische Tradition. Europa war nie einig, aber auch nicht uneinig, es gab immer eigent\u00fcmliche Synergieeffekte. Die meisten V\u00f6lker Europas sind wie Geschwister eines indoeurop\u00e4ischen Elternpaares. Was umfasst geographisch Europa? Neben den Meeren soll die russische Westgrenze Europa definieren. Russland bleibt ein eurasischer Hybrid. Je nach geopolitischer Interessenlage und identit\u00e4rer Ausrichtung k\u00f6nnen europ\u00e4ische Siedlungen in Australien, S\u00fcdafrika und den Amerikas Verb\u00fcndete sein. Deren fortgeschrittene Entfremdung und das wechselnde Verh\u00e4ltnis zwischen N\u00e4he und Distanz verhindern eine Zugeh\u00f6rigkeit zu Europa. Island, Azoren, Madeira und Kanaren bleiben hingegen Vorposten.<\/p>\n<p>Ein politisches Paneuropa ist vorerst nicht m\u00f6glich, Europa muss sich wie seine V\u00f6lker erst finden. Die historischen Teileuropas k\u00f6nnen Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr k\u00fcnftige R\u00e4ume sein, diese die Vorstufe eines europ\u00e4ischen Gro\u00dfraums. Es braucht eine Vision und m\u00f6glichst eine Religion. Ein gemeinsamer Abwehrmythos durch gemeinsame Kampferfahrung kann Europas Geburtswehen einleiten. Erstmals teilt sich unser Kontinent nicht in Sieger und Besiegte \u2013 wir sind alles Verlierer. Der Widerspruch zwischen einem Europa der Vaterl\u00e4nder und einem Europa der V\u00f6lker l\u00f6st sich zunehmend auf. Europa w\u00e4chst von seinen V\u00f6lkern her \u2013 von unten \u2013 zusammen, w\u00e4hrend es sich oben \u2013 \u00fcber Br\u00fcssel \u2013 entfremdet. Europa darf kein Negativmodell in Abgrenzung zu Asien sein. Unser Wertestock ist aufgebraucht, der scheinbare Siegeszug \u201eWestlicher Werte\u201c kommt an seine Grenzen. Der Deutsche Sonderweg, antimaterialistisch und mystizistisch, wird dereinst zum europ\u00e4ischen Normalweg, wie er in allen V\u00f6lkern stets schlummerte. Er wird wie das wahre, das identit\u00e4re und dezentrale Europa aus Not und Kampf geboren. Europa ist eine Vision, ein wirkungsm\u00e4chtiger Mythos der Zukunft.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eUnsere Quantit\u00e4tsbegriffe haben sich gewaltig ver\u00e4ndert. 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