{"id":607,"date":"2017-04-18T19:06:47","date_gmt":"2017-04-18T18:06:47","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=607"},"modified":"2020-02-03T17:54:46","modified_gmt":"2020-02-03T16:54:46","slug":"von-einem-kommunisten-lernen-wie-man-siegt-eine-bewegung-und-ihre-protagonisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/von-einem-kommunisten-lernen-wie-man-siegt-eine-bewegung-und-ihre-protagonisten\/","title":{"rendered":"Von einem Kommunisten lernen wie man siegt: Eine Bewegung und ihre Protagonisten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eErnten kann nur derjenige, der zuvor den Boden bereitet und ges\u00e4t hat. Alles andere ist Wunderglaube, der in der Politik nichts zu suchen hat.\u201c <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>-Thor von Waldstein-<\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Jede Bewegung, die darauf abzielt die Massen zu bewegen, muss zuvor eine entsprechende Eigendynamik entwickeln, die im Laufe der Zeit Zentrifugalkr\u00e4fte entwickelt. So entstehen Interdependenzen, die wichtig sind, will man die Massen in eine bestimmte Richtung bewegen. Wir haben bereits fr\u00fcher \u00fcber die ungehemmte, affektive sowie zur M\u00e4\u00dfigung unf\u00e4hige heterogene Masse gesprochen und mussten mit <a href=\"https:\/\/gegenstrom.org\/2017\/03\/29\/ein-bisschen-machiavelli-schadet-nicht\/\">Edward Bernays<\/a> feststellen, dass\u00a0 \u201e<em>die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen<\/em>\u201c derselben ein \u201e<em>wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften<\/em>\u201c ist (BERNAYS, S. 19). Es gibt diverse Methoden, diese Manipulation an den Massen vorzunehmen. Sie sind tagt\u00e4glich zu beobachten. Unsere Massenmedien sind Experten in dieser \u00dcbung. Durch gezielte Propaganda und bewusst fragmentierte Informationen wird das Individuum gesteuert und gelenkt. Auch wenn Bernays gerne postulierte, dass auch das Gute nur mithilfe von Propaganda oder den \u201ePublic Relations\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> auf die Massen \u00fcbertragen werden kann, ist dies keine Garantie f\u00fcr die Verbreitung der Wahrheit in westlichen Demokratien. In Wirklichkeit sind Wahrheiten in westlichen Demokratien t\u00f6dlich. Die Massen sind intellektuell zu beschr\u00e4nkt, um diese Methoden zu durchleuchten. Zudem bedarf es auch hier entsprechender Umst\u00e4nde, damit sich eine \u201e<em>Einheit der Seele der Massen<\/em>\u201c (LE BON) herausbilden kann<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Um das zu verhindern, wird uns jeden Tag ein Schauspiel pr\u00e4sentiert. An dieser Stelle sei allerdings erw\u00e4hnt, dass der Autor keinesfalls Propaganda an sich kritisiert. Im Gegenteil: Sie ist ein wichtiger Bestandteil einer jeden erfolgversprechenden Massenbewegung. Sie reiht sich in die drei Aufgaben ein, die eine Bewegung erf\u00fcllen muss:<\/span><\/p>\n<ol>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Die Bildung einer Theorie.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Die Schaffung einer gezielten Propaganda.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Die Verbreitung der Ziele der Bewegung durch Agitation.<\/span><\/li>\n<\/ol>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Diese drei Aufgabenfelder der Bewegung implizieren bereits drei diverse Typen von Protagonisten, auf die keine Massenbewegung verzichten kann:<\/span><\/p>\n<ol>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Theoretiker.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Propagandist.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Agitator.<\/span><\/li>\n<\/ol>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Diese Unterteilung geht auf den kommunistischen Revolutionsf\u00fchrer Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) zur\u00fcck, der damit die Erkenntnisse seines Lehrers, Georgi Walentinowitsch Plechanow (1856-1918), erweiterte. In seinen Schriften finden wir ausgiebigen Stoff \u00fcber die Strategien und Taktiken der Bolschewiken bzw. der Leninisten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Seine wohl ber\u00fchmteste und angesichts der gegenw\u00e4rtigen Situation in der Bundesrepublik Deutschland auch gebr\u00e4uchlichste Schrift ist \u201eWas tun? Brennende Fragen unserer Bewegung\u201c (1902).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">In ihr definiert er die Aufgaben der damaligen Sozialdemokratie und entwickelt die Theorie des \u00d6konomismus und seiner reaktion\u00e4ren Wirkung auf die Revolution. Anhand dieser Problematik leitet er die wichtige Aufgabe der Bildung einer festen und fundierten Theorie ab, die vor jeder Propaganda und jeder Agitation stehen muss.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die Theorie ist also das Fundament einer jeden Bewegung. Am Anfang steht immer die Idee, die den Aktivisten zum Aktivismus antreibt.\u00a0 Sie ist der Motor der Bewegung und motiviert die Protagonisten erst, aktiv zu werden. Ohne die Idee kann keine Bewegung existieren. Dieser Idee bzw. diesen Ideen muss irgendwann nach der <em>Orientierungs- und Sturmphase<\/em> (TUCKMAN) eine Theorie folgen. Der bzw. die Theoretiker behandeln die Ideen intellektuell und setzen sich mit m\u00f6glichen Modellen der strategischen und taktischen Umsetzung derselben auseinander. Dazu bedarf es einer konstruktiven, jedoch auch kontroversen Behandlung der Ideen. Diese theoretische Arbeit ist eine im Inneren des Kerns stattfindende Debatte (<em>Sturm- und Organisationsphase<\/em>). Die Theoretiker fassen die Ideen also zusammen. Sie formulieren sie f\u00fcr die Mitglieder der Gruppe oder Gruppen aus. Die Wirkung ihrer Arbeit richtet sich ausschlie\u00dflich an die Mitglieder. Sie ist also nach innen gerichtet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Um die Ideen, welche die Theoretiker f\u00fcr die Gruppen formulieren, auch in die Gesellschaft zu transportieren, sorgen die Propagandisten f\u00fcr die Verbreitung derselben. Sie haben die Aufgabe, m\u00f6glichst viele der zuvor ausformulierten Ideen in die Gesellschaft zu bef\u00f6rdern. So wird der Propagandist z.B. bei der Behandlung der Frage der massenhaften \u00dcberfremdung die Ursachen durch den Kapitalismus und das universalistische Streben des Progessivismus skizzieren. Er liefert somit eine F\u00fclle von theoretischen Ideen, die lediglich von einer Minderheit in ihrer Gesamtheit sofort erfassbar ist. Der Propagandist ist also weniger ein Massenredner. Er ist vielmehr derjenige, der im Hintergrund agiert. Er formuliert die Flugbl\u00e4tter aus, gestaltet die Plakate oder regiert am Dreh der Propagandafilme. Es geht ihm nicht darum, die Massen von seinen Ideen zu \u00fcberzeugen. Er will die Massen langsam auf den gesellschaftlichen Paradigmenwechsel vorbereiten. Er versucht nicht sein Produkt, die politische Idee, direkt an den Konsumenten, den mittlerweile apolitisch gewordenen B\u00fcrger, zu verkaufen. Er wird versuchen das gesellschaftliche Klima so zu ver\u00e4ndern, dass das Bed\u00fcrfnis nach seinen Produkten, den politischen Ideen und Idealen, in der Gesellschaft immer gr\u00f6\u00dfer wird. In dieser apolitischen Zeit, in der immer weniger Menschen w\u00e4hlen gehen, kann es z.B. im Interesse einer politischen Partei sein, mittels der Propaganda den Nichtw\u00e4hler wieder zum W\u00e4hlen zu bringen. Der Propagandist ist also weniger derjenige, der den Bed\u00fcrfnissen der Menschen folgt, als vielmehr derjenige, der die Bed\u00fcrfnisse der Menschen so beeinflusst, dass die Ideen der Theoretiker auch einen Zugang zum Empf\u00e4nger finden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Nachdem die Propagandisten den gesellschaftlichen Paradigmenwechsel im Sinne der zuvor gut ausgearbeiteten Theorie hervorgerufen haben, kann sich der Agitator ans Werk machen. Er liefert den Massen nicht viele, sondern m\u00f6glichst wenige Ideen. Zumeist wird er der Zuh\u00f6rerschaft sogar nur eine Idee liefern, die aber von weitestgehend allen Zuh\u00f6rern ergriffen werden kann. Hier haben wir es mit dem klassischen Massenredner zu tun. Seine Aufgabe ist es, die Massen f\u00fcr <strong>die Idee<\/strong> zu gewinnen. Da er wei\u00df, dass sie intellektuell nicht so aufnahmef\u00e4hig ist, wie der Einzelne, der sich mit den Idealen ohnehin identifizieren kann, verfolgt er eine andere Herangehensweise, als es der Propagandist tut. Das Problem der massenhaften \u00dcberfremdung wird er daher versuchen, den Massen durch ein allen bekanntes Beispiel oder offensichtlichen Tatsachen n\u00e4her zu bringen. Mit Erkl\u00e4rungen, die auf die kapitalistischen und historischen Ursachen in der Aufkl\u00e4rungszeit zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, wird er dieselben nur langweilen. Daher wird er ein erst k\u00fcrzlich eingetretenes Ereignis, wie z.B. einen Terroranschlag oder die Vergewaltigung eines jungen M\u00e4dchens durch einen sog. Fl\u00fcchtling,\u00a0 herausgreifen. Der Agitator wei\u00df also die vielen zuvor von den Theoretikern intellektuell ausgearbeiteten Ideen durch eine metaphorisch formulierte Idee in die Massen zu transportieren. Dazu bedarf es jedoch einer vorhergehenden Bearbeitung des Rezipienten durch den Propagandisten. Er wird die intellektuell beschr\u00e4nkten Massen zwar nicht f\u00fcr die Ursachen sensibilisieren k\u00f6nnen, daf\u00fcr umso mehr f\u00fcr die Folgen und Auswirkungen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Das Zusammenwirken aller drei Typen ist eine Grundvoraussetzung f\u00fcr jede Bewegung. Die Schwierigkeit, die sich aus Sicht des Autors daraus ergibt, ist die m\u00f6gliche Abweichung von den eigentlichen Idealen innerhalb der Agitation. Da wir in einer Massengesellschaft leben, birgt die Rede, sei sie nun in einer der vielen Massenkundgebungen und Demonstrationen oder in der digitalen Welt des Vlogs, die Gefahr der zunehmenden Entfernung von den urspr\u00fcnglichen Idealen, die die Theoretiker der Bewegung einst ausformulierten. Der Agitator muss sich immer primitiverer Methoden bedienen, um die Massen zu bewegen. Dadurch entsteht eine \u201eVerw\u00e4sserung\u201c der Ideale. Der Agitator wie auch der Propagandist folgt leider allzu oft eher den Bed\u00fcrfnissen der Massen, anstatt zu versuchen, diese zun\u00e4chst durch gezielte Metapolitik und Propaganda auf ihn anzupassen. Die Public Relations der gro\u00dfen Konzerne sowie die Massenmedien machen es uns jeden Tag vor. Heute geht es im Marketing schon l\u00e4ngst nicht mehr darum, Produkte an den Mann oder die Frau zu bringen, sondern umgekehrt, den Mann oder die Frau an das Produkt zu bringen. Der gute PR-Berater wird nicht versuchen das Produkt sofort zu verkaufen, sondern den Kunden zun\u00e4chst an das Produkt heranzuf\u00fchren, um ihn dann f\u00fcr sein Produkt gef\u00fcgig zu machen. Damit entsteht eine unglaublich gro\u00dfe Machtposition f\u00fcr den PR-Berater bzw. den Konzern, in dem er auch den politischen Komplex der BRD lenken und steuern kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Es muss zun\u00e4chst die Aufgabe der Deutschen Rechten sein, das Brechen der \u00a0\u201eResonanzachse zwischen der etablierten Politik und weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung\u201c (ROSA) weiter voranzutreiben. Die Etablierten haben sich l\u00e4ngst von weiten Teilen der Gesellschaft entfernt. Die Menschen f\u00fchlen sich zunehmend von der Politik im Stich gelassen. Wenn das Band bzw. die Resonanzachse gebrochen ist, wird ein Vakuum entstehen, welches nur dann gef\u00fcllt werden kann, wenn im Vorfeld oben beschriebene theoretische Arbeit geleistet wurde und die Bev\u00f6lkerung durch gezielte Metapolitik und Propaganda ohnehin f\u00fcr rechte Ideen offen sind. Der Agitator erntet dann nur noch die Fr\u00fcchte.<\/span><\/p>\n<h2>Literaturverzeichnis<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Bernays, E. (2016). <em>Propaganda \u2013 Die Kunst der Public Relations<\/em>. Aus dem Amerikanischen ins Deutsche \u00fcbersetzt von Patrick Schnur. Orange Press<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Le Bon, G. (2012). <em>Psychologie der Massen<\/em>. (7. Auflage). \u00dcbersetzt vom Franz\u00f6sischen ins Deutsche von Rudolf Eisler. Nikol Verlagsgesellschaft mbH &amp; Co.KG, Hamburg. Zum ersten Mal 1895 im Franz\u00f6sischen erschienen<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Rosa, H. (2015). Fremd im eigenen Land? In der FAZ erschienener Fachartikel zum gesellschaftlichen Paradigmenwechsel durch Pegida und AfD. Verf\u00fcgbar unter: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/jeder-5-deutsche-fuehlt-sich-fremd-im-eigenen-land-13546960-p7.html?printPagedArticle=true#pageIndex_7\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/jeder-5-deutsche-fuehlt-sich-fremd-im-eigenen-land-13546960-p7.html?printPagedArticle=true#pageIndex_7<\/a> (09.04.2017)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Waldstein, T. v. (2015). Metapolitik. Theorie \u2013 Lage \u2013 Aktion. Verlag Antaios. Kaplaken 46. Schnellroda (2015)<\/span><\/p>\n<h2>Anmerkungen<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Public Relations ist lediglich ein anderes Wort f\u00fcr \u201ePropaganda\u201c. Bernays wusste, dass das Wort Propaganda zu seinerzeit bereits eine schlechte Reputation in der Gesellschaft genoss, weshalb er in seinem o.g. Buch auch den Versuch unternahm, den Begriff der \u201ePropaganda\u201c wieder \u201egesellschaftstauglich\u201c zu machen. So wurde das Wort der \u201ePublic Relations\u201c eingef\u00fchrt, um der gezielten Manipulation der Massen eine auch begriffliche Legitimation zu gew\u00e4hrleisten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Diese Umst\u00e4nde sind vor allem Klassengegens\u00e4tze, die eine Zuordnung zwischen Freund und Feind f\u00fcr Jedermann m\u00f6glich machen. Der Autor sieht diese Gegens\u00e4tze als noch nicht gro\u00df genug, als dass es zu einer umfassenden \u201eVereinheitlichung der Massenseele\u201c kommen kann.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eErnten kann nur derjenige, der zuvor den Boden bereitet und ges\u00e4t hat. 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