{"id":3536,"date":"2019-08-07T21:23:41","date_gmt":"2019-08-07T19:23:41","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=3536"},"modified":"2020-02-04T23:26:16","modified_gmt":"2020-02-04T22:26:16","slug":"der-demokratismus-und-sein-zerfall-demokratie-im-endstadium","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/der-demokratismus-und-sein-zerfall-demokratie-im-endstadium\/","title":{"rendered":"Der Demokratismus und sein Zerfall: Demokratie im Endstadium"},"content":{"rendered":"
Man soll die Stimmen w\u00e4gen und nicht z\u00e4hlen;
\nDer Staat mu\u00df untergehn, fr\u00fch oder sp\u00e4t,
\nWo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.<\/em><\/p><\/blockquote>\nFriedrich Schiller, aus Demetrius von F\u00fcrst Sapieha<\/em><\/p>\n
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Dieser Aufsatz bildet den ersten Teil einer Aristokratie-Reihe und gew\u00e4hrt einen kleinen Ausblick auf ein Grundlagenwerk, welches derzeit in unserem Verlag erstellt wird.
\nHier geht es zum zweiten Teil:\u00a0<\/em>Eine neue Aristokratie: Der Gegenentwurf zum Demokratismus<\/a><\/p>\n<\/p>\n
Zun\u00e4chst einmal, es ist hier nicht die Aufgabe entgegen der Erwartung mancher gegen die Demokratie zu wettern oder sich gegen diese Regierungsform auszusprechen. Die Demokratie ist, genauso wie die Diktatur lediglich eine Form der Regierung. Dabei kann bezweifelt werden, dass es ausschlie\u00dflich die eine oder die andere in ihrer Reinkultur gibt. Die Schwarzwei\u00dfmalerei dient zwar der kognitiven Leichtigkeit[1]<\/strong><\/a><\/em>, dennoch entspricht sie nicht der Wirklichkeit. Wer sich mit Staatswesen und Staatspolitik befasst, der kommt um diese beiden Begrifflichkeiten nicht herum. Vielmehr werden wir uns sp\u00e4ter auch noch mit dem Begriff der Oligarchie besch\u00e4ftigen m\u00fcssen. Vorab kann gesagt werden, dass \u2013 gleich welche der beiden Formen (Demokratie oder Diktatur) wir vorliegen haben, es fr\u00fcher oder sp\u00e4ter immer zu einer Oligarchie kommt.<\/p>\n
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Die M\u00e4r von der demokratischen Alternativlosigkeit<\/h3>\n
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Der gro\u00dfe italienische Staatsphilosoph Niccol\u00f2 Machiavelli<\/a> schrieb in seinen Discorsi im Ersten Teil richtigerweise: \u201eAlleinherrschaft wird leicht zur Tyrannis, die Herrschaft einer bevorrechtigten Schicht mit Leichtigkeit zur Oligarchie, und die Demokratie artet unschwer zur Anarchie aus. F\u00fchrt also der Gr\u00fcnder eines Staatswesens eine dieser drei Regierungsformen ein, so ist es nur f\u00fcr kurze Zeit. Es l\u00e4\u00dft sich durch kein irdisches Mittel verhindern, da\u00df sie in ihr Gegenteil ausartet; denn Gut und Schlecht sind einander in diesem Falle sehr \u00e4hnlich.<\/em>\u201c[2]<\/a><\/p>\n
Was uns der im 15.\/16. Jahrhundert in Italien lebende Politiker erz\u00e4hlen wollte, ist die Tatsache, dass es keine Regierung bzw. Regierungsform auf Ewigkeit gibt. Der Dialektiker Friedrich Engels schrieb dazu passend, \u201eda\u00df die Welt nicht als ein Komplex von fertigen Dingen zu fassen ist, sondern als ein Komplex von Prozessen, worin die scheinbar stabilen Dinge, nicht minder wie ihre Gedankenabbilder in unserm Kopf, die Begriffe, eine ununterbrochene Ver\u00e4nderung des Werdens und Vergehens durchmachen\u201c<\/em>[3]<\/a>. Es ist demnach sogar unerheblich, ob sich einer als Demokrat oder nicht versteht. Viel wichtiger ist es zu akzeptieren, dass die Demokratie entgegen der \u00dcberzeugung der meisten Mainstream-Philosophen keine absolute unanfechtbare G\u00fcltigkeit besitzt, sondern gleich jeder anderen Regierungsform ein Verfallsdatum besitzt.<\/p>\n
Der im 5. Jahrhundert v.Chr. lebende Grieche Heraklit wusste dies in die weisen Worte \u201epanta rhei\u201c, \u201eAlles flie\u00dft!\u201c zu gie\u00dfen. Umso mehr l\u00e4sst es einem verst\u00e4ndigen Beobachter kalt, wenn die heutigen Werbep\u00e4pste gleich dem Muezzin die \u00bbReligion der Demokratie\u00ab\u00a0<\/em>verk\u00fcnden. Dabei jedem die demokratische Attit\u00fcde absprechend, der nicht dem Musterdenken, der Blaupause entspricht. Kein Zweifel kann mehr dar\u00fcber herrschen, dass die Demokratie in der Bundesrepublik, gar in der Europ\u00e4ischen Union zu einer Art Religion geworden ist. So postulieren immer mehr demokratische Politiker die \u201ewehrhafte Demokratie\u201c, welche letztlich auch vor Gebrauch des Artikel 18 GG[4]<\/a> gegen unliebsame Oppositionelle wie die AfD oder NPD nicht zur\u00fcckschrecken d\u00fcrfe. Die Attit\u00fcden des medial-politischen Komplexes seit der Ermordung L\u00fcbckes stehen daf\u00fcr exemplarisch. Per Lennart Aae hat hier<\/a> einen sehr guten und umfangreichen Kommentar dazu auf diesem Blog ver\u00f6ffentlicht.\u00a0 Die Demokratie sei also alternativlos, und es k\u00f6nne als apriorisch angesehen werden, dass es sich dabei um das beste Regierungssystem der \u201eMenschheitsgeschichte\u201c handele.<\/p>\n
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Die Demokratie als Ideologie<\/h3>\n
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Der Demokratismus ist dabei als Synonym f\u00fcr diesen religi\u00f6sen Fanatismus zu verstehen. Es handelt sich dabei um ein \u201e-ismus\u201c, was auf eine Ideologie hindeutet. Dieses Suffix steht f\u00fcr eine \u00dcbersteigerung einer oft auch extremen Geisteshaltung. Wie bereits oben beschrieben sind die meisten Vertreter des derzeitigen Regimes bekennende Demokratisten, d.h. sie lehnen jeden alternativen Gedanken zur Demokratie als undemokratisch ab. Vielmehr ist es gar so, dass die Repr\u00e4sentanten \u2013 und schlie\u00dflich leben wir in einer Repr\u00e4sentativen, also indirekten Demokratie \u2013 selber kein Interesse daran haben, das Volk im direktdemokratischen Sinne mitbestimmen zu lassen. Der ehemalige Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck (Amtszeit 2012-2017) sagte dazu in einem Interview im ARD-Hauptstadtstudio treffend: \u201eDie Eliten sind gar nicht das Problem, die Bev\u00f6lkerungen sind im Moment das Problem\u2026<\/em>\u201c[5]<\/a>. Vielmehr handelt es sich bei dieser Geisteshaltung also nicht mehr nur um die \u00dcberzeugung, dass das Volk herrschen solle oder Entscheidungen durch Mehrheitsbeschl\u00fcsse zustande kommen, sondern dass die demokratischen, soll hei\u00dfen westlichen bzw. liberalen \u201eWerte\u201c nicht hinterfragt werden d\u00fcrfen. Denn jeder Versuch das westliche Wertesystem zu hinterfragen oder gar zu kritisieren, wird als Angriff gegen das Regime selbst verstanden. Dieser religi\u00f6se Fanatismus deutet sich als Anzeichen einer aufkommenden Instabilit\u00e4t, sozusagen eines unguten Gef\u00fchls der Machthaber an, wie es der US-amerikanische Historiker Crane Brinton in seinem Buch Anatomie der Revolution\u00a0<\/em>beschreibt. Es wird dabei ein klassisches Ungerechtigkeitsgef\u00fchl gestreut, indem das Regime die Treuen in den \u00bbdemokratischen Orden\u00ab aufnimmt und die Oppositionellen als Anti-Demokraten diffamiert. Wir leben daher auch in einem demokratistisch-totalit\u00e4ren System.<\/p>\n
Demokratie bedeutet Gut, alles andere bedeutet B\u00f6se. Wir k\u00f6nnten auch nach orwellscher Manier sagen: \u201eDemokraten gut, Nicht-Demokraten schlecht\u201c.[6]<\/a><\/strong><\/p>\n
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Der Demokratismus und seine Verfallserscheinungen<\/h3>\n
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Dabei scheinen wir uns geradewegs in eine Zeitenwende zu begeben. Denn es ist nur eine logische Folge, dass die Herrschenden einem religi\u00f6sen Fanatismus fr\u00f6nen. Machiavelli schreibt wieder in seinen Discorsi, dass wenn \u201eMonarchien oder Freistaaten\u00a0<\/em>(\u2026) sich unverdorben erhalten wollen, vor allem die religi\u00f6sen Br\u00e4uche rein erhalten und Ehrfurcht vor ihnen bezeigen\u00a0<\/em>(m\u00fcssen)\u201c. Denn es g\u00e4be \u201ekein schlimmeres Zeichen f\u00fcr den Verfall eines Landes als die Mi\u00dfachtung des religi\u00f6sen Kults.<\/em>\u201c Mit zunehmender Emanzipation des Menschen von den Weltreligionen \u2013 zumindest in der westlichen Welt \u2013 bedarf es daher einer Ersatzreligion, eines Surrogates, welches diese staatstragende Rolle \u00fcbernimmt. Der Demokratismus \u00fcbernimmt diese Rolle. Und tats\u00e4chlich bekennen sich die meisten Deutschen zum Grundgedanken der Demokratie[7]<\/a>. An diesem ist ja auch zumindest augenscheinlich nichts Schlechtes zu entdecken. Schlie\u00dflich steht dieser aus dem Griechischen stammende Begriff f\u00fcr \u201eVolksherrschaft\u201c. Jedoch m\u00fcssen wir zugeben, dass dieser Begriff ziemlich abstrakt ist. So ist damit noch lange nicht gesagt, was denn \u201eVolksherrschaft\u201c tats\u00e4chlich ist und wie sie ausge\u00fcbt werden kann bzw. soll.<\/p>\n
Oben haben wir bereits gesehen, dass wir in einer Repr\u00e4sentativen Demokratie leben, in der Vertreter einzelner Parteien von einem Teil des Volkes gew\u00e4hlt werden, die wiederum in ihren Gremien die Repr\u00e4sentanten f\u00fcr dieses Volk w\u00e4hlen. Die Wahl der Eliten geschieht also kooptativ[8]<\/a>, d.h. nach dem Top-Down-Prinzip. Damit haben wir eine Herrschaftsform, die fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zur o.g. Oligarchie verkommen muss, also einer Herrschaft der Wenigen. Es ist also einem bestimmten Personenkreis vorbehalten, die Herrschaft auszu\u00fcben. Insbesondere in der indirekten Demokratie kommen also nur jene zu einem Ministeramt oder dergleichen, die auch entsprechenden R\u00fcckhalt (Mehrheiten) in ihren Parteien und in den Gremien f\u00fcr sich gewinnen k\u00f6nnen. \u00c4hnlich verh\u00e4lt sich dies in einer direkten Demokratie, die von vielen Deutschen \u2013 vor allem in der patriotischen Rechten \u2013 gefordert wird. Diese ist genauso anf\u00e4llig, da auch hier die Gefahr von Bestechungen, die finanzielle Unterst\u00fctzung von einzelnen Interessengruppen akut ist.<\/p>\n
Deshalb hat der B\u00fcrgerrat aus dem Verein \u00bbMehr Demokratie\u00ab und der \u00bbSch\u00f6pflin-Stiftung\u00ab ein ultra-demokratisches System ersonnen. \u00c4hnlich im alten Athen werden Vertreter nicht mehr gew\u00e4hlt, sondern ausgelost. Dabei gibt es diverse Vorschl\u00e4ge dieses Los-Verfahrens. In Irland ist dies bereits seit 2014 gelebte Praxis. Zwar werden die Abgeordneten (noch) nicht in den D\u00e1il\u00a0<\/em>gelost, doch gibt es nun seit knapp 5 Jahren schon die B\u00fcrgerversammlung, dessen Mitglieder ausgelost werden. Diese B\u00fcrgerversammlung stimmte im Jahre 2014 f\u00fcr etwas, was sich bis dato kein Ire h\u00e4tte in seinen schlimmsten Alptr\u00e4umen ausmalen k\u00f6nnen: Die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe.[9]<\/a><\/p>\n
Die Verlosung von politischen \u00c4mtern ohne Kompetenz soll laut dem Journalisten Florian Felix Weyh die \u201euneingeschr\u00e4nkt(e) Norm der Gleichheit aller Teilnehmer (garantieren)<\/em>\u201c[10]<\/a>. Tats\u00e4chlich hat auch schon Aristoteles \u00fcber das Losverfahren gesagt: \u201eSo gilt es, wie ich sage, f\u00fcr demokratisch, dass die Besetzung der \u00c4mter durch das Los geschieht, und f\u00fcr oligarchisch, dass sie durch Wahl erfolgt, und wieder demokratisch, dass f\u00fcr den Eintritt in die \u00c4mter kein Zensus, und f\u00fcr oligarchisch, dass ein Zensus erfordert wird.<\/em>\u201c[11]<\/a><\/p>\n
Nun war Aristoteles, gleich seinem Lehrer Platon jedoch kein Demokratieverfechter, wie es allgemein vermutet wird. Im Gegenteil waren beide sp\u00e4testens nach dem Todesurteil gegen Sokrates scharfe Kritiker dieser \u201eRegierungsform der Unterschichten<\/em>\u201c, wie sie von Aristoteles genannt wurde. Denn, da die Mehrheit der Gesellschaft aus Mitgliedern der unteren Schichten besteht, werden die T\u00fcchtigen und Habenden langfristig von denselben \u00fcberstimmt. Dies f\u00fchre dazu, dass die Demokratie zu einer Herrschaft der Unt\u00fcchtigen, also einer Ochlokratie transformiert werde. Genauso tun wir derartige Postulate, wie die des o.g. B\u00fcrgerrates ab. Hier verbirgt sich doch schon die ganze Unf\u00e4higkeit des B\u00fcrgertums, Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Wenn die Parlamente, also jene Gremien, die \u00fcber die Zukunft der Gesamtheit bestimmen, ausschlie\u00dflich aus Leuten bestehen sollen, welche nicht aufgrund ihrer Kompetenz, Intelligenz, der F\u00e4higkeiten, des Charismas sowie der Lebenserfahrung ausgesucht oder ausgew\u00e4hlt werden, sondern es dem Zufall \u00fcberlassen wird, dann kann den Ausgelosten keine Verantwortung \u00fcbertragen werden. Sie sind demnach \u2013 und so postulieren es auch die Verfechter dieses Verlosungswahns \u2013 nicht zu verantworten, wenn sie scheitern. Sie m\u00fcssen mit keinerlei Konsequenzen rechnen, auch bei grob fahrl\u00e4ssigen Fehlern. Im Grunde genommen kann den Teilnehmern des B\u00fcrgerrates auch niemand grobe Fahrl\u00e4ssigkeit unterstellen, wenn diese doch keinerlei Sachverstand haben.<\/p>\n
Zugegeben, dieser Zustand scheint auch heute bereits in der Repr\u00e4sentativen Demokratie vorzuherrschen. Wolfgang Bendel serviert dem Leser seines Buches Aristokratie \u2013 Eine Streitschrift\u00a0<\/em>(hier<\/a>\u00a0erh\u00e4ltlich) exemplarisch Brasilien und Deutschland als sich entwickelnde Ochlokratien. So schreibt er darin treffend auf Seite 37: \u201eBekanntlich bl\u00e4ut uns der politisch-juristisch-mediale Komplex Tag und Nacht ein, die uns alle belastenden Zust\u00e4nde seien letztlich unvermeidbar, weil sie integrale Bestandteile eines demokratisch verfassten Staates seien und zu diesem geh\u00f6rten wie das Verkehrschaos zu modernen Gro\u00dfst\u00e4dten. Eine Gesellschaftsordnung, deren Einzigartigkeit man nicht anzweifeln darf und in der fr\u00fchere Zeitalter und vergangene Geschlechter pauschal abgewertet werden, befindet sich ganz sicher nicht auf dem H\u00f6hepunkt ihrer Entwicklung, sondern bereits im Niedergang.\u201c[12]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n
Die Regierung und der Gro\u00dfteil der Parlamente bestehen aus Unzul\u00e4nglichen und im besten Fall Mittelm\u00e4\u00dfigen. Die kooptative Selektion der Elite f\u00fchrt dazu, dass Parteibuch und Ideologie wichtiger als Sachverstand und Politikf\u00e4higkeit werden. Die Einf\u00fchrung einer Los-Demokratie w\u00e4re also nur die logische Folge eines ohnehin mehr und mehr demokratistischen Systems.<\/p>\n
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Eine Rettung des Demokratiebegriffs<\/h3>\n
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Nun haben wir bereits zu Beginn dieses Aufsatzes festgestellt, dass nicht die Demokratie, sondern der Demokratismus, also die Ideologisierung der Demokratie abzulehnen ist. Die Demokratie selbst ist rein funktional zu betrachten. Genauso wie es Machiavelli uns in seinen Discorsi beschrieb, handelt es sich dabei um keine Ewigkeitsgarantie und darf es auch nicht. Machiavelli r\u00e4umt der Demokratie bzw. der freien Republik in \u201eguten Zeiten\u201c, also in denen das Volk auf seiner moralischen H\u00f6he angekommen ist, eine hohe Funktionalit\u00e4t ein. Anders verh\u00e4lt es sich mit instabilen oder gar dekadenten Gesellschaften. Diese k\u00f6nnen in einer wenigstens kurzzeitigen Diktatur wieder geerdet werden. Sobald sich die Lage \u201egebessert\u201c hat, kann die Regierung wieder zur freien Republik zur\u00fcckkehren. Die Demokratie enth\u00e4lt auch aus unserer Sicht wichtige Elemente f\u00fcr einen guten Staat. Wir lehnen es ab, von dem \u201eidealen Staat\u201c zu sprechen, wie er von Platon und Aristoteles ins Feld gef\u00fchrt wurde. Vielmehr sind wir der Meinung, dass es den idealen Staat nicht gibt<\/u>. Es gibt immer nur eine ideale Staats- und Regierungsform zu den entsprechenden Zeitpunkten.<\/p>\n
Begriffe wie \u201eDemokratie\u201c und \u201eDiktatur\u201c sind heute zu absoluten Kampfbegriffen geworden. Dabei hat sich selbst die Wissenschaft zur Sophistik herabw\u00fcrdigen lassen \u2013 was ebenfalls eine Dekadenzerscheinung unserer Tage ist. Denn das vom Menschen im Erkenntnisprozess gebildete System von Begriffen ist ausschlie\u00dflich der Reflex des inneren Zusammenhangs der Erscheinungen und Prozesse. Es ist also die Aufgabe einer Gegenelite, sich wieder Herrschaft \u00fcber die Begriffswelt zu verschaffen<\/u>.\u00a0<\/strong>Diese Herrschaft kann jedoch nur in einer dialektischen Auseinandersetzung stattfinden. Es gilt die Begriffspaare auf Zusammenhang, Wechselbeziehung und Wechselwirkung abzuklopfen. Viel wichtiger als die Regierungsform ist die charakterliche Auslese der Regierenden und ihre Kompetenz<\/u>.\u00a0<\/strong>Die T\u00fcchtigen und Leistenden sollen herrschen, jedoch im Sinne der Gesamtheit. Dabei d\u00fcrfen Ansehen und Verm\u00f6gen keine Rolle spielen. Ausschlie\u00dflich der Dienst am Volk, am Ganzen muss im Mittelpunkt stehen. Ganz gleich wie demokratisch oder diktatorisch die Z\u00fcgel gehalten werden m\u00fcssen.<\/p>\n
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Anmerkung der Redaktion:<\/em><\/p>\n
Dieser Aufsatz bildet den ersten Teil einer Aristokratie-Reihe und gew\u00e4hrt einen kleinen Ausblick auf ein Grundlagenwerk, welches derzeit in unserem Verlag erstellt wird.<\/em><\/p>\n
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Literaturverzeichnis:<\/p>\n
Aristoteles (1981). Politik, \u00fcbers. von Eugen Rolfes, IV, 9, 1294b 7\u20139, Hamburg<\/p>\n
Bendel (2018). Aristokratie \u2013 Eine Streitschrift. Jung Europa Verlag, Dresden<\/p>\n
Bpb (2014). Losverfahren \u2013 Ein Beitrag zur St\u00e4rkung der Demokratie? Erschienen auf der Internetplattform der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung www.bpb.de<\/a>. Verf\u00fcgbar unter: https:\/\/www.bpb.de\/apuz\/191195\/losverfahren-ein-beitrag-zur-staerkung-der-demokratie?p=all<\/a>(09.07.2019)<\/p>\n
FAZ (2019). Mit dem Losverfahren die Demokratie retten? Erschienen auf der Internetplattform der Frankfurter Allgemeine Zeitung www.faz.de<\/a>. Verf\u00fcgbar unter: https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/buergerbeteiligung-mit-dem-losverfahren-die-demokratie-retten-16268760.html<\/a>(09.07.2019)<\/p>\n
Kahnemann (2012). Schnelles Denken, langsames Denken (13. Aufl.). Siedler Verlag, M\u00fcnchen<\/p>\n
Lenin (1970). Ausgew\u00e4hlte Werke: Karl Marx. Dietz Verlag, Berlin<\/p>\n
Machiavelli (1944). Gedanken \u00fcber Politik und Staatsf\u00fchrung (Hrsg. Rudolf Zorn). Zweite, durchgesehene Auflage. Kr\u00f6ner, Stuttgart<\/p>\n
[1]<\/a>Der Begriff der kognitiven Leichtigkeit ist auf den israelisch-US-amerikanischen Psychologen Daniel Kahnemann zur\u00fcckzuf\u00fchren. Dieser beschrieb in seinem Bestseller-Buch Schnelles Denken, langsamen Denken<\/em>zwei Denksysteme, wozu auch die kognitive Leichtigkeit geh\u00f6rt. Diese dr\u00fcckt das >>System 1<< aus, welches f\u00fcr das schnelle, jedoch nicht immer richtige Denken zust\u00e4ndig ist.<\/p>\n
[2]<\/a>Machiavelli (1941, S. 9)<\/p>\n
[3]<\/a>Zitat ist auf Lenin Ausgew\u00e4hlte Werke: Karl Marx (1970, S. 33) zur\u00fcckzuf\u00fchren<\/p>\n
[4]<\/a>Art. 18 beinhaltet: \u201eWer die Freiheit der Meinungs\u00e4u\u00dferung, insbesondere die Pressefreiheit (Artikel 5 Abs. 1), die Lehrfreiheit (Artikel 5 Abs. 3), die Versammlungsfreiheit (Artikel 8), die Vereinigungsfreiheit (Artikel 9), das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis (Artikel 10), das Eigentum (Artikel 14) oder das Asylrecht (Artikel 16a) zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung mi\u00dfbraucht, verwirkt diese Grundrechte. Die Verwirkung und ihr Ausma\u00df werden durch das Bundesverfassungsgericht ausgesprochen.\u201c<\/p>\n
[5]<\/a>BP (2016). ARD-Interview \u201eBericht aus Berlin\u201c. Erschienen auf dem Internetportal des Bundespr\u00e4sidenten www.bundespraesident.de<\/a>. Verf\u00fcgbar unter: http:\/\/www.bundespraesident.de\/SharedDocs\/Reden\/DE\/Joachim-Gauck\/Interviews\/2016\/160619-Bericht-aus-Berlin-Interview.html<\/a>(08.07.2019)<\/p>\n
[6]<\/a>Es handelt sich hierbei um eine Analogie zu George Orwells Fabel \u201eFarm der Tiere\u201c.<\/p>\n
[7]<\/a>Siehe dazu auch Br\u00e4hler & Decker (2018). Flucht ins Autorit\u00e4re \u2013 Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft. Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2018. Psychosozialverlag, Gie\u00dfen<\/p>\n
[8]<\/a>Die Kooptationspraxis ist ein wichtiges Element in der Repr\u00e4sentativen Demokratie. Kooptation bedeutet eine Zuwahl, besser eine Wahl, die nur unter den Mitgliedern einer bestimmten Gruppe stattfindet. Z.B. w\u00e4hlt der Bundestag den vom Bundespr\u00e4sidenten vorgeschlagenen Bundeskanzler. Dieser wird demnach von einer bestimmten Gruppe (den Parlamentariern), nicht jedoch vom Volk gew\u00e4hlt. Solange die Demokratisten also die Mehrheit im Bundestag haben, werden sie tunlichst vermeiden einen Au\u00dfenseiter zum Bundeskanzler zu w\u00e4hlen. Die Kooptation bietet also eine Praxis daf\u00fcr Sorge zu tragen, dass die Nachfolge der Elite durch Gleichgesinnte gesichert ist und nicht irgendwelche Oppositionellen die Macht \u00fcbernehmen. Gleiches gilt f\u00fcr Parteien, die kooptative Auslese vornehmen, wie es Robert Michels auch anhand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands untersucht hat.<\/p>\n
[9]<\/a>Siehe dazu auch FAZ (2019)<\/p>\n
[10]<\/a>bpb (2014)<\/p>\n