{"id":2903,"date":"2019-06-19T19:17:14","date_gmt":"2019-06-19T17:17:14","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=2903"},"modified":"2020-02-04T13:14:31","modified_gmt":"2020-02-04T12:14:31","slug":"altneuland-und-nova-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/altneuland-und-nova-europa\/","title":{"rendered":"Altneuland und Nova Europa"},"content":{"rendered":"<p>Theodor Herzls Name ist mit dem urspr\u00fcnglichen Zionismus so eng verwoben wie kein zweiter. Nachdem 1896 seine programmatische Schrift \u201cDer Judenstaat. Versuch einer modernen L\u00f6sung der Judenfrage\u201c erschienen war, f\u00fcr die er von vielen Juden Hohn und Spott geerntet hatte, trat 1897 der erste Zionistenkongress in Basel zusammen. Die j\u00fcdische Gemeinde in M\u00fcnchen, wo der Kongress urspr\u00fcnglich geplant gewesen war, hatte kein Interesse an einer solchen Veranstaltung. Das in Basel verabschiedete Programm forderte \u201ef\u00fcr das j\u00fcdische Volk die Schaffung einer \u00f6ffentlich-rechtlich gesicherten Heimst\u00e4tte in Pal\u00e4stina\u201c. Von Theodor Herzl war vor diesem Zeitpunkt auch Argentinien als m\u00f6gliches Territorium f\u00fcr einen j\u00fcdischen Nationalstaat erwogen worden. Nach dem Kongress notierte er die folgenden, prophetisch anmutenden Worte: \u201eFasse ich den Baseler Kongre\u00df in ein Wort zusammen \u2013 das ich mich h\u00fcten werde, \u00f6ffentlich auszusprechen \u2013 so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegr\u00fcndet. Wenn ich das heute laut sagte, w\u00fcrde mir ein universales Gel\u00e4chter antworten. Vielleicht in f\u00fcnf Jahren, jedenfalls in f\u00fcnfzig wird es jeder einsehen\u201c. Und tats\u00e4chlich vergingen nur wenig mehr als f\u00fcnfzig Jahre, bis David Ben Gurion am 14. Mai 1948 unter einem Bild Theodor Herzls die Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung des Staates Israel verlas.<\/p>\n<p>Das Gros der Juden in Westeuropa hatte auf seine Ideen zun\u00e4chst mit Ablehnung oder Gleichg\u00fcltigkeit reagiert. Fr\u00fche Anh\u00e4nger fand Herzl insbesondere bei der j\u00fcdischen Jugend- und Sportbewegung, aber auch unter den von Pogromen geplagten Juden Osteuropas erhielt er f\u00fcr seinen Plan viel Zuspruch. Ihm war von Anfang an klar, dass er nicht jeden einzelnen Juden von der Wichtigkeit des Vorhabens werde \u00fcberzeugen k\u00f6nnen, aber ganze \u201e\u00c4ste des Judentums k\u00f6nnen absterben, abfallen\u201c, der Baum werde leben. Im Judenstaat schreibt er unmissverst\u00e4ndlich: \u201eDie Frage der Judenwanderung soll durch diese Schrift zur allgemeinen Diskussion gestellt werden. Das hei\u00dft aber nicht, da\u00df eine Abstimmung eingeleitet wird. Dabei w\u00e4re die Sache von vornherein verloren. Wer nicht mit will, mag dableiben. Der Widerspruch einzelner Individuen ist gleichg\u00fcltig. Wer mit will, stelle sich hinter unsere Fahne und k\u00e4mpfe f\u00fcr sie in Wort, Schrift und Tat\u201c. Das gilt selbstverst\u00e4ndlich auch f\u00fcr den wei\u00dfen Ethnostaat. Herzl empfiehlt in seiner Schrift neben der Gr\u00fcndung einer Society of Jews auch die Gr\u00fcndung einer Company, inspiriert vermutlich von der britischen East India Company und der niederl\u00e4ndischen Ostindien-Kompanie, kurz VOC. Die Hauptaufgabe dieser Company solle aus dem zentralisierten Landerwerb im Zielgebiet bestehen. Er schreibt: \u201eAm Grund und Boden wird und mu\u00df die Company gewinnen. Das ist jedem klar, der irgendwo und irgendwann die Werterh\u00f6hungen des Bodens durch Kulturanlagen beobachtet hat. Am besten sieht man das an den Enklaven in Stadt und Land. Unbebaute Fl\u00e4chen steigen im Werte durch den Kranz von Kultur, der um sie gelegt wird\u201c. Dieses Ph\u00e4nomen k\u00f6nnen wir auch am s\u00fcdafrikanischen Orania beobachten, wo Baupl\u00e4tze in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine zigfache Wertsteigerung erfahren haben.<\/p>\n<p>Auch der Gedanke einer Reinigung des eigenen Volkes, einer Auslese der charakterlich Besten, oder wie wir es mit Blick auf die Formierung eines oder mehrerer wei\u00dfer Ethnostaaten in der Zukunft nennen: eines evolution\u00e4ren Flaschenhalses, ist schon in Herzls Schrift zu finden. Er postuliert: \u201eIn der j\u00fcdischen Finanzmacht schlummern noch sehr viele ungen\u00fctzte politische Kr\u00e4fte. Von den Feinden des Judentums wird diese Finanzmacht als so wirksam dargestellt, wie sie sein k\u00f6nnte, aber tats\u00e4chlich nicht ist. Die armen Juden sp\u00fcren nur den Ha\u00df, den diese Finanzmacht erregt; den Nutzen, die Linderung ihrer Leiden, welche bewirkt werden k\u00f6nnte, haben die armen Juden nicht. Die Kreditpolitik der gro\u00dfen Finanzjuden m\u00fc\u00dfte sich in den Dienst der Volksidee stellen. F\u00fchlen aber diese mit ihrer Lage ganz zufriedenen Herren sich nicht bewogen, etwas f\u00fcr ihre Stammesbr\u00fcder zu tun, die man mit Unrecht f\u00fcr die gro\u00dfen Verm\u00f6gen einzelner verantwortlich macht, so wird die Verwirklichung dieses Planes Gelegenheit geben, eine reinliche Scheidung zwischen ihnen und dem \u00fcbrigen Teile des Judentums durchzuf\u00fchren\u201c.<\/p>\n<p>Obwohl Herzl die Ansicht vertrat, nur in einem j\u00fcdischen Nationalstaat k\u00f6nne sich die j\u00fcdische Kultur voll entfalten und k\u00f6nnten seine Volksgenossen ohne Angst vor Pogromen leben, war ihm doch die relative ethnische Homogenit\u00e4t der Bev\u00f6lkerung eines solchen Nationalstaates nicht wichtig. Das wird aus dem 1902, zwei Jahre vor seinem Tod, in Leipzig erschienen Roman Altneuland deutlich. Man k\u00f6nnte Theodor Herzl im Jargon der Alt-Right daher mit einiger Berechtigung als Civic Nationalist ohne Staat bezeichnen.<\/p>\n<p>Wir werden uns im Folgenden dieses Romans annehmen, in dem Herzl sechs Jahre nach dem Erscheinen der programmatischen Schrift \u201cDer Judenstaat\u201c seine Utopie einer j\u00fcdischen Gesellschaftsordnung in Pal\u00e4stina pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Im Judenstaat hatte er \u00fcber die Intelligenzija geschrieben: \u201eWeitaus die meisten j\u00fcdischen Kaufleute lassen ihre S\u00f6hne studieren. Daher kommt ja die sogenannte Verjudung aller gebildeten Berufe\u201c. Einen solchen jungen Hochschulabsolventen, einen frischgebackenen Doktoren der Juristerei, Friedrich L\u00f6wenberg, macht Herzl zum Protagonisten seines Romanes Altneuland. Ohne Aussicht auf eine Anstellung und mit gebrochenem Herzen geht er einen Pakt mit einem ehemaligen deutschen Offizier ein, der in den Vereinigten Staaten reich geworden ist. Der richtige Name des Million\u00e4rs und selbsterkl\u00e4rten Menschenfeindes ist Adalbert von K\u00f6nigshoff, er nennt sich jedoch Kingscourt. Der Vertrag besagt, Friedrich L\u00f6wenberg m\u00fcsse bis zu Kingscourts Tod mit diesem auf einer einsamen Pazifikinsel leben. Der Deutsche ist des Lebens unter Menschen \u00fcberdr\u00fcssig geworden, f\u00fcrchtet aber, ganz ohne Begleiter das Sprechen zu verlernen. Das angebotene Handgeld m\u00f6chte L\u00f6wenberg zun\u00e4chst ausschlagen, entschlie\u00dft sich dann aber dazu, das Geld der hungernden Familie eines j\u00fcdischen Betteljungen zu geben, der zuvor seinen Weg gekreuzt hatte.<\/p>\n<p>Bald schon stechen Kingscourt und sein junger Begleiter in See, um zu der Insel des Million\u00e4rs zu fahren. Allerdings gehen sie zuvor noch einmal in Pal\u00e4stina an Land, das nach der Auffassung Kingscourts die \u201eHeimat\u201c L\u00f6wenbergs ist. Sie reisen eine Weile durch das damals \u00f6de und verarmte Land nach Jerusalem und zur\u00fcck an die K\u00fcste. Dort gehen sie wieder an Bord, durchqueren den Suezkanal und gelangen schlie\u00dflich zu jener einsamen Insel, auf der sie die folgenden 20 Jahre mit nichts als Gespr\u00e4chen und Spielen verbringen. Versorgt werden sie w\u00e4hrend dieser Zeit regelm\u00e4\u00dfig durch ein Schiff vom Festland, auf Zeitungen oder \u00c4hnliches verzichten sie indes bewusst. Da der alte Kingscourt nach 20 Jahren neugierig ist, welche technischen Entwicklungen es in der Zwischenzeit gegeben habe, fahren die beiden Wahlinsulaner auf Kingscourts Yacht zur\u00fcck gen Europa, bemerken jedoch, dass der Schiffsverkehr im Suezkanal stark nachgelassen hat. Der Grund daf\u00fcr, sagt man ihnen, liege in Pal\u00e4stina. Sie beschlie\u00dfen also, dem Land erneut einen Besuch abzustatten, um herauszufinden, was dort vor sich gegangen sein m\u00f6ge. Der heruntergekommene Hafen und auch die Stadt Jaffa hatten bei ihrem ersten Besuch einen unangenehmen Eindruck auf die Reisenden gemacht. Alles war \u201ezum Erbarmen vernachl\u00e4ssigt\u201c gewesen. Und in diesem Zustand hatte sich das ganze Land befunden. Wie viel anders war es jetzt! Ich zitiere aus dem Roman: \u201eMan m\u00f6chte schw\u00f6ren, da\u00df dort die Bucht von Akka ist\u201c, sagte Friedrich. \u201eMan k\u00f6nnte auch das Gegenteil schw\u00f6ren\u201c, meinte Kingscourt. \u201eIch habe noch das Bild dieser Bucht in der Erinnerung. Vor zwanzig Jahren war sie leer und \u00f6de. Aber da rechts, das ist doch der Karmel und da dr\u00fcben links ist Akka\u201c.<\/p>\n<p>\u201eWie ver\u00e4ndert!\u201c rief Friedrich. \u201eDa ist ein Wunder geschehen.\u201c Sie kamen n\u00e4her. Nun konnten sie schon durch ihre guten Gl\u00e4ser die Einzelheiten etwas besser sehen. Auf der Rheede zwischen Akka und dem Fu\u00dfe des Karmel ankerten riesige Schiffe, wie man deren schon am Ende des neunzehnten Jahrhunderts zu bauen pflegte. Hinter dieser Flotte sah man die anmutige Linie der Bucht. An der Nordspitze Akka in alter orientalischer Bausch\u00f6nheit, graue Festungsmauern, dicke Kuppeln und schlanke Minarets, die sich vom Morgenhimmel reizend abhoben. An diesen Umrissen war nicht viel anders geworden. Aber s\u00fcdw\u00e4rts unterhalb der ruhmreich schwergepr\u00fcften Stadt, am Bogen des Uferbandes, war eine Pracht entstanden. Tausende wei\u00dfer Villen tauchten, leuchteten aus dem Gr\u00fcn \u00fcppiger G\u00e4rten heraus. Von Akka bis an den Karmel schien da ein gro\u00dfer Garten angelegt zu sein, und der Berg selbst war auch gekr\u00f6nt mit schimmernden Bauten.<\/p>\n<p>Da sie vom S\u00fcden kamen, verdeckte ihnen der Bergvorsprung zuerst den Anblick des Hafens und der Stadt Haifa. Nun aber lag auch diese vor ihnen, und da waren die Deibel Kingscourts \u00fcberhaupt nicht mehr zu z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Eine herrliche Stadt war an das tiefblaue Meer gelagert. Gro\u00dfartige Steind\u00e4mme ruhten im Wasser und lie\u00dfen den weiten Hafen dem Blicke der Fremden sogleich als das erscheinen, was er wirklich war: der bequemste und sicherste Hafen des mittell\u00e4ndischen Meeres. Schiffe aller Gr\u00f6\u00dfen, aller Arten, aller Nationen hielten sich in dieser Geborgenheit auf.<\/p>\n<p>So weit der Roman. Gleich nachdem Kingscourt und Dr. L\u00f6wenberg mit ihrer Yacht angelegt haben, begegnen sie dem einstigen Bettlerjungen, dessen Familie Friedrich L\u00f6wenberg damals in Wien mit dem von Kingscourt erhaltenen Handgeld aus der Verelendung gerettet hatte. Dieser junge Mann, er hei\u00dft David Littwak, erkennt den Wohlt\u00e4ter seiner Familie sofort, obwohl Friedrich L\u00f6wenberg in Wien f\u00fcr tot erkl\u00e4rt worden war. Littwak hat es zwischenzeitlich zu hohem Ansehen gebracht. Er spielt eine wichtige Rolle in der \u201eNeuen Gesellschaft f\u00fcr die Kolonisierung von Pal\u00e4stina\u201c, die unter der F\u00fchrung eines Joseph Levy in den vergangenen beiden Jahrzehnten das Land besiedelt und mit einer modernen Infrastruktur versehen hat.<\/p>\n<p>David Littwak, der einst geschworen hatte, das ihm und seiner Familie von Friedrich L\u00f6wenberg widerfahrene Gute zu vergelten, nimmt die beiden M\u00e4nner in seiner Villa auf und f\u00fchrt sie durch das kaum wiederzuerkennende Land. Seinen kleinen Sohn hat er Friedrich genannt. Die Beschreibung dieser Reise sowie der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technischen Infrastruktur bildet das Herzst\u00fcck des Romans. Nachdem zun\u00e4chst nur Pioniere der ersten Stunde am Werk gewesen waren, zieht das gebaute Nest mittlerweile auch jene gehobenen Kreise an, die vor 20 Jahren noch \u00fcber die zionistische Bewegung die Nase ger\u00fcmpft oder sich \u00fcber eine solche Vision lustig gemacht hatten. Unter anderen begegnet L\u00f6wenberg auch seiner einstigen, mittlerweile fett und h\u00e4sslich gewordenen Angebetenen, derentwegen er den Vertrag mit Kingscourt eingegangen war, und ist augenblicklich geheilt. Sie gibt sich noch mit denselben unsympathischen Opportunisten von damals ab. Herzl beschreibt diesen verachtenswerten Typus hervorragend. Auf einmal wollen alle von Anfang an daf\u00fcr gewesen sein, nach Pal\u00e4stina auszuwandern!<\/p>\n<p>Um ihre urspr\u00fcngliche Haltung zu demonstrieren, soll kurz aus dem zweiten Kapitel des Romans zitiert werden, in dem die feine Gesellschaft einen alten Rabbiner aus M\u00e4hren verspottet: \u201eIch seh\u2019 schon\u201c, rief Laschner, \u201ewir werden alle wieder den gelben Fleck tragen m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOder auswandern\u201c, sagte der Rabbiner.<\/p>\n<p>\u201eIch bitte Sie, wohin?\u201c fragte Walter. \u201eIst es vielleicht anderswo besser? Sogar im freien Frankreich haben die Antisemiten die Oberhand.\u201c<\/p>\n<p>Doktor Wei\u00df aber, der arme Rabbiner einer m\u00e4hrischen Kleinstadt, der entschieden nicht wu\u00dfte, in welchen Kreis er da geraten war, wagte eine sch\u00fcchterne Einwendung: \u201eEs gibt seit einigen Jahren eine Bewegung, man nennt sie die zionistische. Die will die Judenfrage durch eine gro\u00dfartige Kolonisation l\u00f6sen. Es sollen alle, die es nicht mehr aushalten k\u00f6nnen, in unsere alte Heimat, nach Pal\u00e4stina gehen.\u201c<\/p>\n<p>Er hatte ganz ruhig gesprochen und nicht wahrgenommen, wie die Gesichter um ihn her sich allm\u00e4hlich zum L\u00e4cheln verzogen und er war daher ordentlich verdutzt, als das Gel\u00e4chter beim Worte Pal\u00e4stina pl\u00f6tzlich losbrach. Es war ein Lachen in allen Tonarten. Die Damen kicherten, die Herren br\u00fcllten und wieherten. Nur Friedrich L\u00f6wenberg fand diesen Heiterkeitsausbruch brutal und ungeziemend gegen den alten Mann.<\/p>\n<p>Aber wieder zur\u00fcck in die Zukunft: L\u00f6wenberg beginnt allm\u00e4hlich, die lange Unt\u00e4tigkeit zu bereuen und versp\u00fcrt den Wunsch, sich einzubringen. In Altneuland hat jeder ein Recht auf Arbeit, daf\u00fcr aber auch die Pflicht zur Arbeit. Andererseits f\u00fchlt sich der Jurist ohne Berufserfahrung an seinen Vertrag mit Kingscourt gebunden und f\u00fcrchtet, dieser werde bald wieder abreisen wollen. Doch es kommt anders. Der alte Kingscourt vernarrt sich in das kleine Fritzchen, das bald nichts mehr von seinem Kinderm\u00e4dchen wissen m\u00f6chte, und nach einer schweren Krankheit des Kleinkindes entschlie\u00dft sich Kingscourt, in Pal\u00e4stina zu bleiben. So steht der aufkeimenden Liebe zwischen Mirjam, der Schwester David Littwaks, und Friedrich L\u00f6wenberg nichts mehr im Wege. Mirjam, die L\u00f6wenberg vor dem Hungertod gerettet hatte, als sie noch von ihrer Mutter ges\u00e4ugt wurde, ist Lehrerin und wird von Herzl als anmutig, pflichtbewusst, z\u00fcchtig und bescheiden geschildert. Kurz, sie verk\u00f6rpert das alle Zeit g\u00fcltige Ideal einer Frau, die diese Bezeichnung verdient. Zuletzt wird David Littwak von der Delegiertenversammlung der \u201eNeuen Gesellschaft\u201c auf Vorschlag der beiden urspr\u00fcnglichen Kandidaten ohne sein Wissen in Abwesenheit zu deren neuem Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt, w\u00e4hrend seine Mutter im Sterben liegt. Gott hat\u2018s gegeben, Gott hat\u2018s genommen. Aber am Totenbett der alten Frau Littwak reichen sich Mirjam und Friedrich die H\u00e4nde. Es ist der letzte Wunsch der Mutter, dass die beiden heiraten m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Es gibt in Altneuland zwei politische Lager, von denen eines als nationalistisch und einwanderungskritisch beschrieben wird. An dessen Spitze steht ein Zeitungsverleger namens Dr. Geyer. David Littwak geh\u00f6rt hingegen der letztlich siegreichen, kosmopolitischen Fraktion an. Insgesamt ist die in Herzls Roman vorgestellte Gesellschaft eine durch und durch europ\u00e4isch gepr\u00e4gte, die Nichtjuden nicht ausschlie\u00dft, sondern sich als weltb\u00fcrgerlich versteht. So ist auch der beste Freund David Littwaks ein wohlhabender T\u00fcrke, der den Namen Reshid Bey tr\u00e4gt. Er ist selbst Mitglied der \u201eNeuen Gesellschaft\u201c und auch die arabische Bev\u00f6lkerung Pal\u00e4stinas hat in Herzls utopischem Roman ausschlie\u00dflich von der Kolonisierung, d. h. vor allem von der geschaffenen Infrastruktur und den neu er\u00f6ffneten M\u00f6glichkeiten profitiert. Genau an diesem Punkt aber musste Theodor Herzls Roman eine Utopie bleiben, w\u00e4hrend er sich sonst in vielerlei Hinsicht erf\u00fcllte. Die noch im Erscheinungsjahr von Altneuland herausgegebene hebr\u00e4ische \u00dcbersetzung erhielt den Titel Tel Aviv. Und nach diesem \u00fcbersetzten Buchtitel wurde, man ahnt es schon, die 1909 gegr\u00fcndete Stadt Tel Aviv benannt, die heute fast eine halbe Million Einwohner z\u00e4hlt. In der Metropolregion leben ann\u00e4hernd vier Millionen Menschen.<\/p>\n<p>Der seit Jahrzehnten schwelende und immer wieder aufflammende Konflikt zwischen der arabischen und j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung Pal\u00e4stinas straft die Plausibilit\u00e4t von Theodor Herzls Vision einer friedlichen Koexistenz dieser Gruppen L\u00fcgen. Das sollte f\u00fcr unsere Nova Europa-Bewegung neben dem praktischen Beispiel einer erfolgreichen geographischen Konsolidierung und Staatsgr\u00fcndung eine der wichtigsten Lehren aus dem fr\u00fchen Zionismus sein. F\u00fcr eine dauerhaft erfolgreiche Umsetzung unseres Projekts, das hat auch Arthur Kemp immer wieder betont, muss entweder ein abgelegenes Territorium wie die Gegend um das s\u00fcdafrikanische Orania gew\u00e4hlt werden \u2013 oder die Kolonisierung muss in Regionen erfolgen, in denen Wei\u00dfe ohnehin die Bev\u00f6lkerungsmehrheit stellen.<\/p>\n<p>Es ist ja gerade der Umstand, einer Minderheit anzugeh\u00f6ren, der die in Altneuland beschriebene Judenwanderung erst n\u00f6tig macht. Und auch f\u00fcr die Schwarzen in den USA hatte Theodor Herzl eine Vision, die sich mit derjenigen des gro\u00dfen Marcus Garvey deckt. Den kauzigen Professor Steineck, einen Mikrobiologen, l\u00e4sst Herzl folgende Worte mit Kingscourt wechseln: \u201eEs gibt noch eine ungel\u00f6ste Frage des V\u00f6lkerungl\u00fccks, die nur ein Jude in ihrer ganzen schmerzlichen Tiefe ermessen kann. Das ist die Negerfrage. Lachen Sie nicht, Mr. Kingscourt. [\u2026] Menschen, wenn auch schwarze Menschen, wurden wie Tiere geraubt, fortgef\u00fchrt, verkauft. Ihre Nachkommen wuchsen in der Fremde geha\u00dft und verachtet auf, weil sie eine andersfarbige Haut hatten. Ich sch\u00e4me mich nicht, es zu sagen, wenn man mich auch l\u00e4cherlich finden mag: nachdem ich die R\u00fcckkehr der Juden erlebt habe, m\u00f6chte ich auch noch die R\u00fcckkehr der Neger vorbereiten helfen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie irren\u201c, sagte Kingscourt; \u201eIch lache nicht. Im Gegenteil \u2013 ich finde es sogar gro\u00dfartig, hol\u2019 mich der Deibel! Sie zeigen mir Horizonte, die ich mir nicht \u2019mal im Tr\u00e4ume vorgestellt h\u00e4tte.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDarum arbeite ich an der Erschlie\u00dfung Afrikas. Alle Menschen sollen eine Heimat haben. Dann werden sich die Menschen besser lieben und verstehen. [\u2026]<\/p>\n<p>Und Mrs. Gothland sprach in sanftem Tone aus, was sich die drei anderen dachten:<\/p>\n<p>\u201eHerr Professor Steineck \u2013 Gott segne Sie!\u201c<\/p>\n<p>Den Worten des Professors in Herzls Roman ist nichts hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Theodor Herzls Name ist mit dem urspr\u00fcnglichen Zionismus so eng verwoben wie kein zweiter. Nachdem 1896 seine programmatische Schrift \u201cDer Judenstaat. Versuch einer modernen L\u00f6sung der Judenfrage\u201c erschienen war, f\u00fcr die er von vielen Juden Hohn und Spott geerntet hatte, trat 1897 der erste Zionistenkongress in Basel zusammen. 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