{"id":1570,"date":"2019-02-22T17:19:27","date_gmt":"2019-02-22T16:19:27","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=1570"},"modified":"2020-02-04T13:35:21","modified_gmt":"2020-02-04T12:35:21","slug":"vom-naehrstand-zur-lebensmittelindustrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/vom-naehrstand-zur-lebensmittelindustrie\/","title":{"rendered":"Vom N\u00e4hrstand zur Lebensmittelindustrie"},"content":{"rendered":"<h1>Die Morphologie des Bauerntums in der kapitalistischen Gesellschaft<\/h1>\n<p><em><span style=\"font-size: 14pt;\">Der nachfolgende Text unseres Autors <strong>Peter Steinborn<\/strong> ist urspr\u00fcnglich in der zweiten Ausgabe des Werk Kodex erschienen. Hiermit stellen wir euch diesen als Diskussionsgrundlage zur Verf\u00fcgung. Die komplette Ausgabe des Werk Kodex 2 ist in unserem <a href=\"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/produkt\/werk-kodex-nr-2\/\">Netzladen<\/a> erh\u00e4ltlich.<br \/>\nDie Redaktion<\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Einst war er eine von St\u00e4nden in einer im Mittelalter langanhaltenden Gesellschaftsordnung. Neben dem Lehr- und dem Wehrstand, womit der Klerus und der Adel gemeint waren, war der Bauernstand f\u00fcr die Ern\u00e4hrung des Volkes zust\u00e4ndig. Dabei befand sich der dritte Stand nicht selten in gro\u00dfer Not. Musste er doch stets Abgaben an den K\u00f6nig leisten und die sogenannten unfreien Bauern wurden zu Leibeigene der Gutsherren, die \u00fcber selbige verf\u00fcgen konnten, wie es ihnen beliebte. Doch mit dem von <strong>Joseph II<\/strong>. (1741-1790) veranlassten <em>Patent zur Aufhebung der Leibeigenschaft<\/em>, wurde der Bauernstand zum N\u00e4hrstand erhoben. Ihm wurde fortan die wichtige Rolle, des Volksern\u00e4hrers zugesprochen. Der Habsburger und Kaiser des <em>Heiligen R\u00f6mischen Reiches\u00a0<\/em>versuchte sogar Reformen voranzubringen, die zu einer Verringerung der finanziellen Belastung der Bauern gef\u00fchrt h\u00e4tten. Hierzu sollte ein spezielles Steuersystem dienen, welches jedoch auf massiven Widerstand der Gutsherren traf. Erst 1848, zu Zeiten der <em>M\u00e4rzrevolution<\/em>, wurden die letzten \u00dcberbleibsel der Leibeigenschaft aufgehoben und die Bauern waren fortan frei.<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"font-size: 14pt;\">Doch was ist von dem einstigen N\u00e4hrstand \u00fcbriggeblieben?<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Viele kritisieren, dass es ein Bauerntum wie zu Zeiten Joseph II. nicht mehr g\u00e4be und dieser Platz nun heute von Agrar\u00f6konomen und Landwirten, dessen Aufgabe in der m\u00f6glichst effizienten Ausbeutung des Bodens liege, eingenommen wurde. Das St\u00e4ndewesen im Allgemeinen ist seit Jahrhunderten pass\u00e9. \u00dcbriggeblieben ist eine Klassengesellschaft, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft, und zugleich ein auf Pump finanzierter \u201eWohlstand f\u00fcr alle\u201c existiert. Aus der St\u00e4ndegemeinschaft ist eine Konsumgesellschaft geworden. Lebensmittel dienen schon lange nicht mehr nur als Nahrung, sondern befriedigen heute diverse Triebe und Bed\u00fcrfnisse des \u201eNeuen Menschen\u201c. Im Folgenden soll untersucht werden, wie es zu einer derartig krassen Entwicklung kommen konnte.<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Kapitalismus und seine Charakteristik<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Seit dem Untergang des sogenannten Ostblocks gilt der Kapitalismus als unumst\u00f6\u00dfliche Wahrheit unseres Wirtschaftslebens. Tats\u00e4chlich gab es bereits vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion in gewissen akademischen Kreisen die \u00dcberzeugung, dass der aus dem Utilitarismus<a href=\"applewebdata:\/\/522DC41B-19F7-40CE-A672-7EE18622EFF4#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>stammende kapitalistische Gedanke eine allgemeine Wahrheit inne h\u00e4tte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Liberal bzw. libert\u00e4r ausgerichtete \u00d6konomen wie Ludwig von Mises (1881-1973) oder seinem Sch\u00fcler Friedrich August von Hayek (1899-1992) postulierten ihrer Zeit eine kapitalistische Ordnung, die als einziges wirklich funktionierendes Wirtschaftssystem fungiere. Es gab jedoch auch kritische Stimmen. Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) leiteten aus dieser allgemeinen Wahrheit des Kapitalismus die Theorie des historischen Materialismus ab, wonach der Besitz an den Produktionsmitteln den entscheidenden Aspekt der gesellschaftlichen Ordnung ausmacht. Die in der modernen kapitalistischen Marktwirtschaft vorherrschende Dominanz des Privateigentums an Produktionsmitteln wie z.B. Immobilien, Maschinen, Arbeit und Boden, wurden von Marx und Engels als entscheidende Triebfeder f\u00fcr die Spaltung von Gesellschaften ausfindig gemacht. Der <em>historische Materialismus<\/em>bzw. die <em>Historische Schule<\/em>geht davon aus, dass \u201edie Geschichte aller bisherigen Gesellschaften\u201c eine \u201eGeschichte von Klassenk\u00e4mpfen\u201c ist<a name=\"_ftnref2\"><\/a><a href=\"applewebdata:\/\/522DC41B-19F7-40CE-A672-7EE18622EFF4#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Nach Werner Sombart (1863-1941) begr\u00fcndet sich der Kapitalismus nicht nur durch das Bestehen einer dominanten Privatwirtschaft hinsichtlich der Produktionsmittel. Auch der kapitalistische Unternehmergeist, dem auch Joseph Schumpeter (1883-1950)<a href=\"applewebdata:\/\/522DC41B-19F7-40CE-A672-7EE18622EFF4#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>etwas \u201eSch\u00f6pferisches\u201c unterstellte, war f\u00fcr Sombart eine logische Folge europ\u00e4ischer Entwicklungen. \u00c4hnlich den \u00dcberlegungen Max Weber\u2019s (1864-1920) wird dem \u201emodernen kapitalistischen Geist\u201c eine bestimmte \u201eeigent\u00fcmliche Ethik der Gesch\u00e4ftigkeit\u201c, der \u201eGesch\u00e4ftsklugheit\u201c zugewiesen<a name=\"_ftnref4\"><\/a><a href=\"applewebdata:\/\/522DC41B-19F7-40CE-A672-7EE18622EFF4#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>Kennzeichnend f\u00fcr den Kapitalismus sind demnach folgende Erscheinungen:<\/strong><\/span><\/p>\n<ol>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Die Herrschaft der Produktionsmittel liegt in Privateigentum. (Marx &amp; Engels)<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Innerhalb des Kapitalismus existiert ein individualistischer, nach Gewinnmaximierung strebender Geist. (Sombart &amp; Weber)<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-size: 14pt;\">Das Vorhandensein von Gro\u00dfindustrie und Gro\u00dfbetrieben. (Knapp)<\/span><\/li>\n<\/ol>\n<h2><span style=\"font-size: 14pt;\">Der N\u00e4hrstand in der Abgabepflicht: Der Anfang des Kapitalismus<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Anders als es die g\u00e4ngige Meinung von den meisten Wirtschaftshistorikern wiedergibt, fand der Kapitalismus seine Anf\u00e4nge nicht in der Stadt, sondern auf dem Land. In der Schule des historischen Materialismus, wird der Feudalismus als erste Gesellschaftsordnung bezeichnet, in der es eine Klassengesellschaft im materialistischen Sinne gab. Aus dieser feudalen Ordnung heraus entwickelte sich, dieser landl\u00e4ufigen Ansicht nach, der Kapitalismus, der laut Marx unmittelbar zum Kommunismus f\u00fchren m\u00fcsse. Dabei wird der Feudalismus zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert als eine Art \u00dcbergangsphase des Fr\u00fchkapitalismus bezeichnet, der dann in das Industriezeitalter, in die Manufaktur m\u00fcndete.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Die Bahnbrechung des Kapitalismus ist, der Definition von oben entsprechend, die logische Folge der Aufkl\u00e4rung und Individualisierung der Gesellschaft geworden. W\u00e4hrend in der Feudalzeit eine klare Definition von der Herrschaft \u00fcber die Produktionsmittel bestand, ist mit zunehmender Aufweichung dieser St\u00e4ndeordnung dem kapitalistischen Geist T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet worden. Demnach sei der Kapitalismus eine nat\u00fcrliche und logische Folge der Natur des Menschen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Dieser im Mainstream g\u00e4ngigen Auffassung widerspricht die amerikanische Marxistin, Ellen Meiksins Wood (1942-2016) in ihrem lesenswerten Buch \u201e<em>The Origin of Capitalism: A Longer View<\/em>\u201c, indem sie nicht den dynamischen Unternehmergeist (Schumpeter), sondern den Zwang zum Profitstreben in das Zentrum der Betrachtungen \u00fcber den Kapitalismus r\u00fcckt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Tats\u00e4chlich ist die Entstehung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung mehr oder weniger ein Zufall gewesen. In Mitten des 16. Jahrhunderts kam es im damaligen England zu einer Machtverschiebung in Richtung Monarchie. W\u00e4hrend es in anderen europ\u00e4ischen Staaten zu dieser Zeit eine zunehmende Aufweichung der feudalen Verh\u00e4ltnisse gab. Vorausgegangen ist dieser Machtkonzentration ein Kampf zwischen dem K\u00f6nigshaus und den Gutsherren sowie den Stadtregierungen, bei der letztere erlagen. Eine Folge dieser Machtkonzentration war die Unm\u00f6glichkeit f\u00fcr die Gutsbesitzer durch Zwang mehr Abgaben ihrer P\u00e4chter zu erzielen. Somit blieb nur die Erh\u00f6hung der Pachtzahlungen, um den Gewinn der Grundbesitzer zu erh\u00f6hen. Ein Landverp\u00e4chter konnte den P\u00e4chter bei Nichtzahlung von seinem Grundbesitz verweisen, weshalb eine bis dahin ungekannte Konkurrenzsituation auftrat. Die Bauern waren nicht mehr, wie fr\u00fcher, Besitzer ihres eigens bewirtschafteten Boden, sondern sie wurden zu Landwirten, die dem Preisdruck des P\u00e4chtermarktes nur dann standhalten konnten, wenn sie entsprechend wirtschafteten und nach Profit strebten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Dies f\u00fchrte dazu, dass zum einen die Preise der Erzeugnisse f\u00fcr die Verbraucher stiegen und zum anderen Innovationen angestrebt wurden, die die Kosten reduzieren sollten. Eine weitere Folgeerscheinung dieser Technologisierung des Bauernstandes und der st\u00e4ndig steigenden Konkurrenzsituation f\u00fchrte zu einem Heer von Arbeitslosen, die nun frei wurden f\u00fcr eine sich bereits anbahnenden Industrie und Manufaktur. Der Arbeiter in der Stadt ward geboren. Die Bauern, die mittlerweile zu Landwirten wurden, waren damit die ersten \u201ekapitalistischen\u201c Unternehmer.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Diese Entwicklung ist jedoch keine transzendente Entwicklung gewesen, die durch das Entstehen von Freiheitsgraden zustande kam, sondern das Produkt von Zwangsma\u00dfnahmen, um dem Druck auf den M\u00e4rkten (Pachtm\u00e4rkten) Stand zu halten.<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"font-size: 14pt;\">Das Gesch\u00e4ft mit dem Bauer<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Heute ist der Bauer bzw. Landwirt nur noch ein Schatten seiner selbst. Seine Stellung innerhalb der Gesellschaft ist vom Leibeigenen zum Vollidioten degradiert worden. \u00dcberfl\u00fcssige Serien der westlich-dekadenten Medienwelt, wie \u201e<em>Bauer sucht Frau<\/em>\u201c sowie die allgemeine Arbeitsscheue innerhalb der liberalkapitalistischen Gesellschaftsordnung sind Produkte einer Jahrzehnte anhaltenden kognitiven Berieselung. Hinzukommen die (nicht nur verbalen) Angriffe von sogenannten Gr\u00fcnen auf Landwirte, die im Zwang der Produktivit\u00e4tserh\u00f6hung und Kostensenkung auf Massentierhaltung sowie genmanipuliert ver\u00e4ndertes Saatgut zur\u00fcckgreifen m\u00fcssen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">W\u00e4hrend sich jedoch die westliche Konsumgesellschaft \u00fcber steigende Milchverbraucherpreise echauffiert, bekommt der Landwirt davon nichts ab. Die Tatsache, dass er sein Geld mit schnellverderblichen Produkten verdient, dessen Produktion zudem auch stark von den Launen der Natur abh\u00e4ngig ist, l\u00e4sst ihn eine besondere Rolle im Kapitalismus einnehmen. Er ist damit kein klassischer \u201eKapitalist\u201c im marx\u2019schen Sinne, da er selber als Herr seiner Produktionsprozesse Hand anlegen muss und in einer \u00fcberm\u00e4\u00dfig starken Abh\u00e4ngigkeit zu den M\u00e4rkten steht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Diese Abh\u00e4ngigkeit, nicht zuletzt auch aufgrund der Verderblichkeit der Produkte und insbesondere der fehlenden Ressourcen bei demselben, macht sich eine Lebensmittelbranche rund um die Landwirtschaft zu Nutze. Denn bis die Halberzeugnisse vom Lande auf die Endverbraucherm\u00e4rkte gelangen k\u00f6nnen, ist es ein weiter und vor allem kapitalintensiver Weg. Hier kommt die Gro\u00dfindustrie ins Spiel, die diese Produkte zu Preisen an die weiterf\u00fchrenden M\u00e4rkte verkaufen wird, von denen der Bauer nur tr\u00e4umen kann. W\u00e4hrend die Geldr\u00fcckfl\u00fcsse bei letzten eher marginal und vor allem volatil verlaufen, kassiert die Lebensmittelindustrie richtig von dem eigentlich azyklischen Gesch\u00e4ft mit unserer Nahrung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Hier trumpfen dann finanzstarke Gro\u00dfkonzerne mit ihren Technologien und den Wundern der Naturwissenschaft auf und erweisen sich als Meister der Effizienz. So arbeiten Ingenieure Tag und Nacht, um den T\u00f6tungsprozess bei der Tierschlachtung zu verfeinern. Hier ist h\u00f6chste Ingenieurskunst gefragt. So werden in Deutschland j\u00e4hrlich rund 60 Millionen Schweine geschlachtet, die nicht selten zun\u00e4chst mittels CO<sub>2<\/sub>bet\u00e4ubt werden. Hier hei\u00dft es Kosten sparen. Welche Qualit\u00e4t dieses Fleisch dann noch f\u00fcr den Endverbraucher hat, das kann den Gro\u00dfmanufakturen gleich sein. Kauft der verwestlichte Deutsche doch durchschnittlich 60 kg Fleisch im Jahr. Davon sind allein Zweidrittel Schweinefleisch.<a href=\"applewebdata:\/\/522DC41B-19F7-40CE-A672-7EE18622EFF4#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>\u00a0Im Endergebnis ist die einstige Rohware des Bauern nicht mehr wiederzuerkennen.<\/strong><\/span><\/p>\n<h2><span style=\"font-size: 14pt;\">Die BSE-Gesellschaft<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">\u201eWir leben in einer BSE-Gesellschaft, also den systematischen Wahnsinn einer aufgekl\u00e4rten, hoch technisierten Gesellschaft\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/522DC41B-19F7-40CE-A672-7EE18622EFF4#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>, wei\u00df uns der Philosoph und Kulturwissenschaftler Harald Lemke zu erz\u00e4hlen. Nicht anders ist es zu erkl\u00e4ren, dass wir Wiederk\u00e4uer dazu zwingen Knochenmehl ihrer Artgenossen zu fressen. Alles nur um eine m\u00f6glichst kosteneffiziente F\u00fctterung zu gew\u00e4hrleisten. Diese Konsumgesellschaft ist heute das Abbild einer vollkommen kommerzialisierten Lebensmittelindustrie, die keinerlei Wert auf Qualit\u00e4t der von ihr produzierten Erzeugnisse, auf die Gesundheit seiner Kunden oder die der von ihr verarbeiteten Tiere legt. BSE ist dabei nur die Spitze des Eisberges. Der Rinderwahn, der durch infekti\u00f6ses Knochenmehl im Tierfutter zustande gekommen sein soll, ist heute l\u00e4ngst wieder vergessen. Die \u201eDiktatur der Belanglosigkeit\u201c (Thor von Waldstein) ist Indikator der liberalen Gesellschaft, die wiederum der Logik eines nach Gewinnmaximierung strebenden Systems folgt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Der Kapitalismus hat dazu gef\u00fchrt, dass wir heute genmanipulierte, mit Geschmacksverst\u00e4rkern und Industriezucker versehene \u201eLebensmittel\u201c in uns hineinschaufeln. Diese \u201eLebensmittel\u201c sind dabei eigentlich mehr \u201eMittel\u201c als \u201eLeben\u201c. So sorgen die vielen Zusatzstoffe in einem Gro\u00dfteil unserer \u201eNahrung\u201c daf\u00fcr, dass wir abh\u00e4ngig gemacht werden. Unsere Geschmacksnerven werden mit Glutamat abget\u00f6tet und unser Gehirn wird einer W\u00e4sche unterzogen, die dazu f\u00fchrt, dass wir stets ein Appetitgef\u00fchl versp\u00fcren, obgleich der Magen bereits voll ist. Durch die Ausbeutung des Bodens, die immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Transportwege im globalisierten Zeitalter und dem Zusetzen diverser Chemie wird unser Obst und Gem\u00fcse immer n\u00e4hrstoff\u00e4rmer. So sinkt der N\u00e4hrstoffgehalt in unserem Obst und Gem\u00fcse seit den 1950er Jahren und seit den 1970er Jahren sogar rapide.<a href=\"applewebdata:\/\/522DC41B-19F7-40CE-A672-7EE18622EFF4#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>Die Folge ist eine Zunahme von Krankheiten und Todesf\u00e4llen durch Herzinfarkte, Blut-Kreislaufst\u00f6rungen oder Krebserkrankungen. Lemke hat Recht, wenn er von der BSE-Gesellschaft spricht. Der \u201eFortschritt\u201c des Kapitalismus ist ein klarer R\u00fcckschritt im Leben.<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"font-size: 14pt;\">Widerstand regt sich: Eine neue Transzendenz?<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Doch nicht alle wollen diesen Verfall unserer Gesellschaft durch das kommerzielle Gesch\u00e4ft der Lebensmittelindustrie hinnehmen. In der zunehmend verrohten, kalten Gesellschaft macht sich leichter Widerstand breit, der sich in einem neuen oder sagen wir besser alten Konsumverhalten \u00e4u\u00dfert. So interessieren sich zunehmend Verbraucher f\u00fcr gesunde und Fairtrade-Lebensmittel. Auch das Gesch\u00e4ft mit dem Bio st\u00f6\u00dft hier bei dem einen oder anderen auf. Es wird vor \u201eGreenwashing\u201c gewarnt, was ein Neologismus f\u00fcr mit \u201eBIO\u201c etikettierte Produkte, die gar kein echtes BIO sind, darstellt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Diese Bewegung will sich also alternativ ern\u00e4hren. Dabei handelt es sich ja nicht um eine alternative, sondern um eine nat\u00fcrliche und in der Vergangenheit einmal gewesene Ern\u00e4hrung. Der Trend gen nat\u00fcrlicher Lebensweise und artgerechter Haltung von Tieren und Pflanzen besteht, trotz des durchaus lukrativen Gesch\u00e4ftes, was die Industrie mit dem Bauern macht. Das Bekenntnis zu Bio kann demnach durchaus als eine Absage an die kapitalistische Produktionsweise gesehen werden. Es ist nicht nur eine Infragestellung, sondern eine Absage an den Kapitalismus selbst.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">Alternative Lebensweisen, insbesondere die Nahrungsaufnahme haben in erster Linie nichts mit \u201eLinks\u201c zu tun, wie es nicht selten geglaubt wird. Auch der bekannte gastrosophische Denker Harald Lemke spricht hier von \u201elinkem Essen\u201c. Doch der Wille gesund zu leben kann genauso gut bei den Rechten gefunden werden. Das Ideal von einem gesunden K\u00f6rper und Geist, von gesunden Kindern und einer dadurch abzuleitenden guten Erfolgsaussicht f\u00fcr die Zukunft, ist eindeutig rechts.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>Ich frage mich schon seit langem, warum die Rechte sich auf diesem Gebiet kaum engagiert. K\u00f6nnte sie doch viel authentischer als die Linke an den B\u00fcrger herantreten, der noch einen Bezug zur Natur und zum Leben hat. Links bedeutet letztlich auch einen Hang zum Hedonismus zu haben. Rechts hingegen ist das klare Bekenntnis zur Leistung und zu Disziplin. Daher sollte die Rechte dieses Feld nicht den linken \u00fcberlassen!<\/strong><\/span><\/p>\n<h2>Quellen und Anmerkungen:<\/h2>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"applewebdata:\/\/522DC41B-19F7-40CE-A672-7EE18622EFF4#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>Der Utilitarismus ist eine Form der zweckorientierten Ethik, in der das Streben nach der Maximierung des Nutzens und Wohlbefindens der Antriebsmotor jeglicher Handlung des Menschen ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"applewebdata:\/\/522DC41B-19F7-40CE-A672-7EE18622EFF4#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>Marx &amp; Engels (1848, S. 3). \u201eDas Manifest der kommunistischen Partei\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"applewebdata:\/\/522DC41B-19F7-40CE-A672-7EE18622EFF4#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>Schumpeter unterschied hier jedoch zwischen dem Unternehmer und dem Kapitalisten. Den Kapitalismus hielt er zudem nicht f\u00fcr \u00fcberlebensf\u00e4hig, da er das Unternehmertum auf Dauer zerst\u00f6re und somit das sch\u00f6pferische Moment des Entrepreneurs elemieiere.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"applewebdata:\/\/522DC41B-19F7-40CE-A672-7EE18622EFF4#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a>Weber beschrieb diesen Umstand in seinem 1904 und 1905 erschienenen Werk \u201eDie protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus\u201c. Der Autor sah hier einen Zusammenhang zwischen diesem modernen kapitalistischen Geist und dem Protestantismus, der calvinistische Elemente in sich tr\u00e4gt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"applewebdata:\/\/522DC41B-19F7-40CE-A672-7EE18622EFF4#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a>Statista (2018). Statistiken zum Fleisch. Verf\u00fcgbar unter: <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/themen\/1315\/fleisch\/\">https:\/\/de.statista.com\/themen\/1315\/fleisch\/<\/a>(17.08.2018)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"applewebdata:\/\/522DC41B-19F7-40CE-A672-7EE18622EFF4#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a>Die Aussage stammt aus einem Interview mit dem Telepolis, einem \u201eOnlinemagazin f\u00fcr Politik und Medien im digitalen Zeitalter\u201c. Verf\u00fcgbar unter: <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/\">https:\/\/www.heise.de\/tp\/<\/a>(17.08.2018)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><a href=\"applewebdata:\/\/522DC41B-19F7-40CE-A672-7EE18622EFF4#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a>Laut dem<em>Imperial College London<\/em>m\u00fcssen wir heute t\u00e4glich etwa 800g Obst und Gem\u00fcse zu uns nehmen, um einen ausgewogenen Vitaminhaushalt zu erreichen. Das sind in etwa 10 Portionen am Tag. Vgl. dazu den Fachartikel \u201eEating more fruits and vegetables may prevent millions of premature deaths\u201c. Verf\u00fcgbar unter: <a href=\"http:\/\/www.imperial.ac.uk\/news\/177778\/eating-more-fruits-vegetables-prevent-millions\/\">http:\/\/www.imperial.ac.uk\/news\/177778\/eating-more-fruits-vegetables-prevent-millions\/<\/a>(17.08.2018)<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Morphologie des Bauerntums in der kapitalistischen Gesellschaft Der nachfolgende Text unseres Autors Peter Steinborn ist urspr\u00fcnglich in der zweiten Ausgabe des Werk Kodex erschienen. Hiermit stellen wir euch diesen als Diskussionsgrundlage zur Verf\u00fcgung. Die komplette Ausgabe des Werk Kodex 2 ist in unserem Netzladen erh\u00e4ltlich. 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