{"id":11277,"date":"2026-03-09T08:27:57","date_gmt":"2026-03-09T07:27:57","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=11277"},"modified":"2026-03-12T07:52:29","modified_gmt":"2026-03-12T06:52:29","slug":"als-brasilien-ein-kaiserreich-war","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/als-brasilien-ein-kaiserreich-war\/","title":{"rendered":"Als Brasilien ein Kaiserreich war"},"content":{"rendered":"<p><em>Wolfgang Bendel erkl\u00e4rt, warum <span class=\"hover:entity-accent entity-underline inline cursor-pointer align-baseline\"><span class=\"whitespace-normal\">Brasilien<\/span><\/span> nach seiner Unabh\u00e4ngigkeit ein geeinter Staat blieb: Es war von 1822 bis 1889 ein Kaiserreich. Besonders unter <span class=\"hover:entity-accent entity-underline inline cursor-pointer align-baseline\"><span class=\"whitespace-normal\">Dom Pedro II<\/span><\/span> sorgte politische Stabilit\u00e4t f\u00fcr Zusammenhalt und Wachstum. 1889 endete die Monarchie durch einen Milit\u00e4rputsch unter <span class=\"hover:entity-accent entity-underline inline cursor-pointer align-baseline\"><span class=\"whitespace-normal\">Manuel Deodoro da Fonseca<\/span><\/span>. Die Redaktion<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Blick auf eine Karte S\u00fcdamerikas l\u00e4sst sofort erkennen, dass das portugiesischsprachige Brasilien in etwa so gro\u00df ist wie alle spanischsprachigen L\u00e4nder des Halbkontinents zusammen. (Die drei Guyanas sollen in den folgenden Betrachtungen nicht ber\u00fccksichtigt werden, weil sie zwar geographisch zu S\u00fcdamerika geh\u00f6ren, kulturell und historisch aber der Karibik zuzuordnen sind). Angesichts dieser Tatsache erhebt sich die Frage: Warum ist Brasilien so gro\u00df? Weil es nach Ende der Kolonialzeit nie in verschiedene Staaten zerfiel. Der Hauptgrund liegt in einer Tatsache begr\u00fcndet, die in Europa kaum jemandem und selbst in Brasilien vielen nicht bewusst ist. Brasilien war nach seiner Unabh\u00e4ngigkeit im Jahre 1820 bis 1889 ein Kaiserreich. Damit ist es, wenn man von kurzen Episoden in Mexiko und auf Haiti absieht, das einzige Land auf dem amerikanischen Kontinent, das jemals eine Monarchie war.<\/p>\n<p>Der Weg in die Unabh\u00e4ngigkeit verlief im Falle Brasiliens vergleichsweise unblutig, vor allem wenn man ihn mit dem spanisch- und englischsprachigen Amerika vergleicht. 1807 floh der portugiesische Hof vor den Truppen Napoleons und mit Hilfe der Engl\u00e4nder nach Rio de Janeiro, das damit de facto die Hauptstadt des gesamten portugiesischen Reichs wurde. Es ist dies der einzige Fall in der europ\u00e4ischen Kolonialgeschichte, dass ein Herrscherhaus seinen Amtssitz in eine der Kolonien verlegte. Nachdem K\u00f6nig Johann (Jo\u00e3o VI) nach Beendigung der napoleonischen Bedrohung nach Lissabon zur\u00fcckkehren konnte, wurde die Vorstellung, Brasilien werde zur\u00fcck in den Status einer Kolonie Portugals fallen, unrealistisch, um nicht zu sagen anachronistisch. Folgerichtig erkl\u00e4rte der von Jo\u00e3o zur\u00fcckgelassene Kronprinz \u201eHerr\u201c Peter (\u201eDom\u201c Pedro), der als Regent in Brasilien h\u00e4tte bleiben sollen, umgehend die Unabh\u00e4ngigkeit Brasiliens mit den Worten \u201eUnabh\u00e4ngigkeit oder Tod\u201c, die in die Geschichte als \u201eRuf von Ipiranga\u201c eingehen sollten. Er lie\u00df sich mit dem Namen Dom Pedro I zum Kaiser kr\u00f6nen. Schon 1825 erkannte Portugal die Unabh\u00e4ngigkeit seiner ehemaligen Kolonie an.<\/p>\n<p>Wie in Spanisch-Amerika waren die ersten Jahre nach der Unabh\u00e4ngigkeit auch in Brasilien von zahlreichen inneren und \u00e4u\u00dferen Spannungen gepr\u00e4gt. An verschiedenen Stellen gab es separatistische Bestrebungen, Grenzkonflikte vor allem im S\u00fcden mit den La-Plata-Staaten Paraguay, Uruguay und Argentinien waren an der Tagesordnung. Die Regierungszeit von Dom Pedro I verlief ziemlich chaotisch, 1831 dankte er ab und kehrte nach Portugal zur\u00fcck, wo er bald danach verstarb. Die Zentralmacht war schwach ausgepr\u00e4gt, es gab kaum staatliche Strukturen. Trotzdem zerfiel Brasilien nicht in verschiedene Republiken wie im spanischsprachigen Teil S\u00fcdamerikas. Dies war haupts\u00e4chlich das Verdienst seines Sohnes Dom Pedro II, der bereits im Alter von 14 Jahren im Juli 1840 f\u00fcr vollj\u00e4hrig erkl\u00e4rt und im darauffolgenden Jahr gekr\u00f6nt wurde. Er war ein Gl\u00fccksfall f\u00fcr das tropische Gro\u00dfreich, eine Bewertung, der sogar Personen zustimmen, die normalerweise dem monarchischen Gedanken ablehnend gegen\u00fcberstehen. Innenpolitisch konnte er separatistische Bestrebungen erfolgreich bek\u00e4mpfen, au\u00dfenpolitisch ging Brasilien siegreich aus dem verheerendsten Krieg in S\u00fcdamerika nach der Kolonialzeit, dem Krieg der Tripel-Allianz bestehend aus Brasilien, Argentinien und Uruguay gegen Paraguay hervor. Dom Pedro II war hochgebildet, ein Freund der Wissenschaften, mehr Gelehrter als Politiker und sprach unter anderem Spanisch, Franz\u00f6sisch, Englisch und Deutsch. W\u00e4hrend seiner Regierungszeit wuchsen die Wirtschaft und die Bev\u00f6lkerung Brasilien enorm, zahlreiche Auswanderer aus Europa, darunter auch viele Deutsche und Italiener str\u00f6mten ins Land. Anders gesagt, es gab f\u00fcr die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung kaum einen Grund, sich von Brasilien abzuspalten in der tr\u00fcgerischen Hoffnung, eine etwaige Selbst\u00e4ndigkeit eines brasilianischen Gliedstaates k\u00f6nnte die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verh\u00e4ltnisse der dort ans\u00e4ssigen Bev\u00f6lkerung entscheidend verbessern<strong>.<\/strong> Oder wie es eine brasilianische Freundin einmal pr\u00e4gnant formulierte: \u201eDie Brasilianer im Kaiserreich waren gl\u00fccklich, obwohl sie sich dessen gar nicht so richtig bewusst waren.\u201c<\/p>\n<p>Sein Vater Dom Pedro I war mit Maria Leopoldina, einer Tochter von Kaiser Franz I von \u00d6sterreich-Ungarn verheiratet. Sohn Pedro II hatte also auch \u00f6sterreichisches Blut in den Adern. Aufgrund dieser verwandtschaftlichen Beziehungen gab es vielf\u00e4ltige Kontakte zwischen den beiden Herrscherh\u00e4usern in Wien und Rio de Janeiro. W\u00e4hrend der Regierungszeit der beiden Pedros kamen zahlreiche europ\u00e4ische Forscher und Gelehrte ins Land und trugen damit ma\u00dfgeblich zur Weiterentwicklung des Landes bei. Darunter befanden sich viele Deutsche und \u00d6sterreicher. An vorderster Stelle zu nennen ist der Botaniker und Ethnologe Carl Friedrich Philipp von Martius, der Anfang des 19. Jahrhunderts im Rahmen einer \u00f6sterreichisch-brasilianischen Expedition mehrere Jahre das Land bereiste und anschlie\u00dfend ein grundlegendes Werk \u00fcber die brasilianische Pflanzenwelt verfasste. Begleitet wurde er Johann Baptist von Spix, der sich der Tierwelt widmete. Kurz danach bereiste Georg Heinrich von Langsdorff zusammen mit Johann Moritz Rugendas und Hercule Florence, zwei K\u00fcnstlern das Amazonasbecken und Zentralbrasilien. Dieser Expedition verdanken wir viele visuelle Dokumente aus dieser Zeit. Der \u00f6sterreichische Arzt, Botaniker und Mineraloge Johann Emanuel Pohl verfasste mit dem Werk \u201eReise im Inneren von Brasilien\u201c einen der wichtigsten Reiseberichte aus der Fr\u00fchzeit des brasilianischen Kaiserreichs. Der Ethnologe und Geograf Karl von den Steinen bereiste in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts mehrfach Brasilien, wobei er sich der systematischen Erforschung eingeborener V\u00f6lker im Einzugsgebiet des Rio Xingu im Amazonasgebiet widmete. Diese Gegend war damals noch ein wei\u00dfer Fleck auf der Weltkarte. Bis auf Martius sind die meisten dieser Forscher und Entdecker heute weitgehend in Vergessenheit geraten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dom Pedro II reiste w\u00e4hrend seiner Regierungszeit mehrfach nach Europa. Zuletzt 1887-88. W\u00e4hrend dieser Zeit f\u00fchrte seine Tochter Prinzessin Isabel als designierte Nachfolgerin und Regentin die Amtsgesch\u00e4fte. In Brasilien hatten sich in Folge der Sklavenbefreiung in anderen Teilen der Welt, so in den USA, auf Haiti oder im arabischen Raum entsprechende Aktivit\u00e4ten entfaltet. Diese kumulierten 1888 in dem von Prinzessin Isabel unterzeichneten \u201eGoldenen Gesetz\u201c (Lei Aurea), mit dem die Sklaverei offiziell abgeschafft wurde. Mit diesem Akt war Brasilien das letzte Land in der westlichen Hemisph\u00e4re, in dem dies geschah. Allerdings war dieser Beschluss im Lande keineswegs unumstritten und viele Gro\u00dfgrundbesitzer und Sklavenhalter wandten sich vehement dagegen, womit sie sich der Krone entfremdeten. Damit \u00f6ffneten sich die Tore f\u00fcr ein weiteres Wachstum der republikanischen Bewegung. Diese hatte schon seit l\u00e4ngerer Zeit das Bestehen der einzigen Monarchie auf amerikanischen Boden als anachronistisch empfunden. Zudem war das Kaiserreich brasilianischen Nationalisten ein Dorn im Auge, da es als ein \u00dcberbleibsel aus der portugiesischen Kolonialzeit wahrgenommen wurde. Dom Pedro II sa\u00df pl\u00f6tzlich zwischen allen St\u00fchlen. Einerseits die schnell erstarkende liberale, republikanische Opposition, andererseits der Verlust einflussreicher, monarchistisch gesinnter Kreise als wichtige Unterst\u00fctzer seiner Herrschaft, die die Sklavenbefreiung kritisierten. Insofern hielt sich die \u00dcberraschung in Grenzen, als am 15. November 1889 unter F\u00fchrung von Marschall Manuel Deodoro da Fonseca ein Milit\u00e4rputsch stattfand, der auf keinen nennenswerten Widerstand stie\u00df.\u00a0 Ein anderes Kapitel ist die Tatsache, dass nach Einf\u00fchrung der Republik das Land \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum in politische Instabilit\u00e4t verfiel, die erst unter Pr\u00e4sident Get\u00falio Vargas in den drei\u00dfiger Jahren des 20. Jahrhunderts beendet werden konnte. Nachdem Dom Pedro II abgesetzt wurde begab er sich ins franz\u00f6sische Exil.<\/p>\n<p>Es bleibt eine Ironie der Geschichte, dass eine zutiefst konservative Staatsform wie die Monarchie ausgerechnet in dem Moment zu Ende ging, als sie mit der Sklavenbefreiung eine Liberalisierung der sozialen und gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse einleitete. Res\u00fcmierend kann man sagen, dass Dom Pedros II Regierungszeit von 1841-89 die stabilste Epoche der brasilianischen Geschichte war. Eine Kuriosit\u00e4t soll an dieser Stelle nicht unerw\u00e4hnt bleiben. Schon im Pariser Exil lebend wurde Dom Pedro II zum Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ernannt. Dom Pedro II verstarb 1891 in Paris, wo er zwar nicht unter \u00e4rmlichen, wohl aber vergleichsweise einfachen Verh\u00e4ltnissen seine letzten Lebensjahre in einem Hotel verbracht hatte.<\/p>\n<p>1993 kam es schlie\u00dflich in Brasilien zu einer Volksabstimmung, in der unter anderen dar\u00fcber entschieden wurde, ob Brasilien in Zukunft eine Monarchie oder eine Republik sein solle. Das Ergebnis war eindeutig. Von den abgegebenen g\u00fcltigen Stimmen entfielen 86,6% auf Republik und 13,4% auf Monarchie. Immerhin stimmten aber \u00fcber 4 Millionen Brasilianer f\u00fcr die Wiedereinf\u00fchrung der Monarchie. Ein Nachkomme von Dom Pedro II, Luiz Philippe de Orle\u00e1ns e Bragan\u00e7a ist seit 2019 Mitglied der Abgeordnetenkammer in Brasilia f\u00fcr die rechtsgerichtete Partido Liberal. Damit ist er seit Einf\u00fchrung der Republik das erste Mitglied der ehemaligen Herrscherfamilie, das eine relevante politische Position bekleidet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Bendel erkl\u00e4rt, warum Brasilien nach seiner Unabh\u00e4ngigkeit ein geeinter Staat blieb: Es war von 1822 bis 1889 ein Kaiserreich. Besonders unter Dom Pedro II sorgte politische Stabilit\u00e4t f\u00fcr Zusammenhalt und Wachstum. 1889 endete die Monarchie durch einen Milit\u00e4rputsch unter Manuel Deodoro da Fonseca. 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