{"id":10453,"date":"2025-03-04T19:38:15","date_gmt":"2025-03-04T18:38:15","guid":{"rendered":"https:\/\/gegenstrom.org\/?p=10453"},"modified":"2025-03-05T16:39:39","modified_gmt":"2025-03-05T15:39:39","slug":"quo-vadis-deutsche-rechte-das-grosse-interview-mit-dominik-schwarzenberger-ueber-herkunft-zustand-und-entwicklung-der-deutschen-rechten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gegenstrom.org\/en\/quo-vadis-deutsche-rechte-das-grosse-interview-mit-dominik-schwarzenberger-ueber-herkunft-zustand-und-entwicklung-der-deutschen-rechten\/","title":{"rendered":"Quo vadis, Deutsche Rechte? – Das gro\u00dfe Interview mit Dominik Schwarzenberger \u00fcber Herkunft, Zustand und Entwicklung der Deutschen Rechten"},"content":{"rendered":"
Die Rechte ist im Zugzwang. W\u00e4hrend die herrschende Klasse zunehmend an Einfluss verliert und sich immer mehr Menschen politisch nach rechts orientieren, sind die Rechten gar nicht auf die ver\u00e4ndernden Verh\u00e4ltnisse vorbereitet. Es stellt sich gar die Frage, ob selbige qualitativ den geschichtlichen Anforderungen gewachsen sind. Daher sprechen wir mit unserem Autor, Analysten und Fachmann f\u00fcr Ideengeschichte und Identit\u00e4tsforschung Dominik Schwarzenberger<\/strong> \u00fcber das Thema. Schwarzenberger ist Politikwissenschaftler, Historiker und befasst sich seit vielen Jahren mit religionswissenschaftlichen Fragen. Die Redaktion <\/em><\/p>\n \u00a0<\/strong><\/p>\n Teil I: \u201eIm Kulturellen und K\u00fcnstlerischen hat die aktuelle Rechte einiges zu bieten (\u2026) aber es fehlt an Denkern\u201c<\/strong><\/p>\n \u00a0<\/strong><\/p>\n <\/p>\n Herr Schwarzenberger, erleben wir gerade einen Rechtsruck in Deutschland und Europa oder kommt es einem nur so vor, aufgrund der starken Meinungsverschiebung gen links?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Wir erleben einen globalen Backlash, der auf die Ersch\u00fctterung des Eigenen reagiert und sich nicht nur auf Europa beschr\u00e4nkt. Diese geographische Erg\u00e4nzung ist wichtig, weil manche rechte Narrative eine angeblich geplante Vernichtung wei\u00dfer V\u00f6lker herbeireden. Besagter Backlash kann sich ganz unterschiedlich in der Abwehr gegen Masseneinwanderung, Wertenihilismus und Aufl\u00f6sung des Nationalen \u00e4u\u00dfern. Rechts im genuinen Sinn ist das nur selten und kann auch von links wie aktuell in Osteuropa, Sri Lanka oder Mexiko erfolgen.<\/p>\n Wie Sie richtig vermuten, beschr\u00e4nken sich sogenannte rechten Forderungen oft nur auf eine Restauration der Verh\u00e4ltnisse wie wir sie in den 1990er oder allenfalls den 1970ern vorfanden. Rechts in Bezug auf was? Selbst diese bescheidenen Forderungen werden in der politischen Praxis nur m\u00e4\u00dfig umgesetzt, die Emanzipatorische Linke als Motor der Linksverschiebung verschwindet ja auch nicht von der politischen B\u00fchne \u2013 sie bleibt einflussreich und wie j\u00fcngst bei italienischen Regionalwahlen auch mehrheitsf\u00e4hig. Von einer Trendwende kann daher keine Rede sein.<\/p>\n <\/p>\n Was verstehen Sie unter rechts? Was ist f\u00fcr Sie die Rechte?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Die Rechte im urspr\u00fcnglichen Sinn gibt es heute kaum noch, die war religi\u00f6s-theokratisch, aristokratisch-monarchisch, antiaufkl\u00e4rerisch, gegen die \u201eIdeen von 1789\u201c und multiethnisch. Daraus folgt die Verneinung jeglicher Volkssouver\u00e4nit\u00e4t im Politischen wie Juristischen. Der moderne Nationalismus wird demnach als Volks- und Staatsvergottung abgelehnt, da das Au\u00dfermenschliche als Legitimationsquelle seine Exklusivstellung verliert und eine Uniformierung und Zentralisierung nach Innen stattfindet sowie eine anarchisch sozialdarwinistische Umwelt zwischen den Nationen zum Ideal wird. Der Charakter des V\u00f6lkischen wird nicht abgelehnt, wohl aber dessen Absolutheitsanspruch und Missachtung des Spirituellen. Dennoch bleibt das identit\u00e4re Element als Attribut des Besonderen \u2013 in dem Fall der ethnischen Mannigfaltigkeit \u2013, notwendig, weshalb Sprachen und Kulturen als \u201eGedanken Gottes\u201c erhaltenswert erscheinen. Liberale und Linke wiederum ignorieren das Biologische und \u00fcberbetonen die Vernunft. Man findet Reste dieser urspr\u00fcnglichen Rechten in wenigen L\u00e4ndern Europas und unter Muslimen, Hindus, Buddhisten oder Naturreligi\u00f6sen auf anderen Kontinenten. Die Anh\u00e4nger der \u201eIntegralen Tradition\u201c im Sinne Gu\u00e9nons und Evolas sind gleichfalls Reste urspr\u00fcnglicher Rechter. Ich sehe mich allerdings als revisionistischer Evola-Anh\u00e4nger, da ich an kein von Menschen bestimmtes \u201eGoldenes Zeitalter\u201c glaube, das erscheint mir als Utopie r\u00fcckw\u00e4rts. Ein \u201eGoldenes Zeitalter\u201c kann nur au\u00dferhalb menschlicher Quellen gefunden werden.<\/p>\n Ich verweise den tiefgr\u00fcndig interessierten Leser auf Kuenelt Leddins \u201eFreiheit oder Gleichheit?\u201c von 1953, auf Julius Evola, Josef Sch\u00fc\u00dflburners \u201eRoter, brauner und gr\u00fcner Sozialismus\u201c von 2008 sowie Norbert Borrmanns \u201eWarum rechts?\u201c von 2011.<\/p>\n Es gibt demgegen\u00fcber viele hybridisierte Rechte, die noch einige Kriterien dieser hohen ideologischen Messlatte erf\u00fcllen: das sind die Traditionalisten in Bezug auf Werte, Ehe und Familie mit einer Hochsch\u00e4tzung des Religi\u00f6sen im gesellschaftlichen \u00dcberbau. Das Ethnische und Nationale spielt bei ihnen jedoch schon eine dominierende Rolle. Die Akteure der globalen \u201eThird Position\u201c m\u00f6gen als weitere Vertreter dienen. Davon abzugrenzen sind die Modernisten, die sich auf die blo\u00dfe Abwehr von Einwanderung beschr\u00e4nken und die linke Werterevolution unbedingt erhalten wollen. Geert Wilders ist ihre Galionsfigur.<\/p>\n <\/p>\n Unterscheiden Sie als Politologe in Alte und Neue Rechte? Wo liegen aus Ihrer Sicht die ideengeschichtlichen und ideologischen Bruchlinien?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Diese Unterscheidung kann ich zumindest f\u00fcr Deutschland nicht nachvollziehen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass \u201eNeue Rechte\u201c als Eigenbezeichnung von Personen gebraucht wird, die unliebsame Rivalen als negativ besetzte \u201eAlte Rechte\u201c entsorgen wollen. \u201eNeue Rechte\u201c kann eine Eigenbezeichnung sein, \u201eAlte\u201c dagegen ist stets eine Fremdzuschreibung mit zweifelhaftem Inhalt, etwa Verwurzelung im Nationalsozialismus. Dieses Kriterium trifft aber nur auf sehr wenige als \u201eAlte Rechte\u201c verortete Personen und Organisationen zu.<\/p>\n In Deutschland und \u00d6sterreich existieren dar\u00fcber hinaus mehrere Konzepte einer \u201eNeuen Rechten\u201c. Kriterien einer solchen Klassifizierung gibt es hierzulande nicht. Ich verweise auf die hervorragende Studie des seligen \u201eVereins f\u00fcr Staatspolitik\u201c: \u201eDie ,Neue Rechte\u00b4. Sinn und Grenze eines Begriffs\u201c von 2003. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich Neonationalsozialisten gemeinsam mit eher linken Nationalrevolution\u00e4ren in der \u201eAktion Neue Rechte\u201c, einer NPD-Abspaltung, als \u201eNeue Rechte\u201c bezeichneten. Das Kriterium in diesem Fall war das Abr\u00fccken vom biederen Parteienengagement und Staatsn\u00e4he. Damals war die Bonner Republik n\u00e4mlich eher gegen links eingestellt.<\/p>\n Im Frankreich vor 1970 kann ich die Idee einer \u201eNeuen Rechten\u201c durchaus nachvollziehen: Deren Protagonisten wandten sich gegen die Fixierung konventioneller Rechter auf bestimmte Epochen franz\u00f6sischer Geschichte wie Vichy, Napoleon I und III sowie der K\u00f6nigszeit und favorisierten stattdessen einen Neubeginn auf wissenschaftlich-sachlicher Grundlage, paneurop\u00e4isch und jenseits aller Parteien \u00fcber eine Kulturrevolution zur Erringung der geistigen Hegemonie wie sie Gramsci beschreibt. Das hat sich aber auch l\u00e4ngst relativiert.<\/p>\n Akzeptabel finde ich die Bezeichnung \u201eNeue Rechte\u201c im Sinne von \u201everj\u00fcngte\u201c Rechte als Ergebnis eines Generationenkonflikts.<\/p>\n <\/p>\n Wo sehen Sie die historischen und ideologischen Bruchlinien zwischen der urspr\u00fcnglichen und der heutigen Rechten?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> In Deutschland besteht die entscheidende Bruchlinie in der Reichsneugr\u00fcndung von 1871. Damals ersetzte das Konzept Nationalstaat den Reichsgedanken. Der deutsche Nationalismus wurde in den 1850ern vom weitsichtigen Bismarck wahrscheinlich z\u00e4hneknirschend okkupiert und den liberalen Feinden als deren wirkm\u00e4chtigstes Instrument entrissen. Der deutsche Liberalismus und auch der altpreu\u00dfische Konservatismus spalteten sich daraufhin. Das Religi\u00f6se wurde zur Privatangelegenheit degradiert. Fortan war in Deutschland zumindest rechts gleich nationalistisch \u2013 aber noch nicht nationalistisch gleich rechts, das vollendete sich erst in unserer Zeit. Die traditionellen Rechten einiger deutscher Territorien wie Bayern oder Hannover hingen noch lange den urspr\u00fcnglichen Idealen an, das trifft auch auf die \u00f6sterreichischen Rechten zu. In anderen L\u00e4ndern gab es zeitlich und urs\u00e4chlich andere Br\u00fcche und Entwicklungen. Der Nationalismus blieb noch lange eine Dom\u00e4ne des Liberalismus wie in Osteuropa, Balkan oder den \u00fcberseeischen Kolonien.<\/p>\n <\/p>\n Was sind aus Ihrer Sicht genuin rechte Themen? Also womit befassen sich nur Rechte?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Da f\u00e4llt mir nur die Herausstellung des Eigenen in Abgrenzung zum Anderen ein und das breite Feld der Kulturkritik, d.h. das messerscharfe Sezieren geistiger Ph\u00e4nomene, eine Art Epochenanalyse mit Fokus auf Degenerationserscheinungen. Stil, \u00c4sthetik und Haltung spielen dabei eine zentrale Rolle. Deshalb erscheint der Rechte als Bedenkentr\u00e4ger und Meckerer, dem man nichts recht machen kann. Das gilt besonders f\u00fcr streng Religi\u00f6se und Anh\u00e4nger der erw\u00e4hnten \u201eIntegralen Tradition\u201c. Bei Linken und Liberalen ist das Kulturelle im sozio\u00f6konomischen \u00dcberbau dagegen nur eine Nebensache.<\/p>\n Auf andere Fragen wie etwa Einwanderung und Globalisierung haben Rechte kein Monopol. Da unterscheiden sich nur Diagnose und Therapie. Religion als weiteres Thema m\u00f6chte man vermuten, aber da gibt es umfassende liberale wie linke Narrative und sogar eine linke Theologieentwicklung.<\/p>\n <\/p>\n <\/p>\n Schauen wir ins europ\u00e4ische Ausland. Hier werden gerne Beispiele wie die FP\u00d6 in \u00d6sterreich, der Rassemblement National in Frankreich oder die Fidesz in Ungarn als Vorbilder herangezogen. Kritiker beklagen, dass diese Akteure nur Schein-Rechte sind, da sie zu populistisch w\u00e4ren und zu sehr an der Oberfl\u00e4che kratzen, ohne wirkliche Ver\u00e4nderungen hervorzurufen. Braucht es nicht dennoch solcher \u201eEisbrecher\u201c, um weitreichendere Ver\u00e4nderungen hervorzurufen? Wie sehen Sie die Aufgabe der AfD in Deutschland? Ist die Rolle vergleichbar zu den genannten Akteuren?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Nat\u00fcrlich bedarf es \u201eEisbrecher\u201c, das m\u00fcssen aber nicht Parteien sein, auch Medien, spektakul\u00e4re Aktionen oder au\u00dferparlamentarische Organisationen k\u00f6nnen diese Funktion \u00fcbernehmen. Die drei genannten Parteien sind Eisbrecher gegen das Packeis des Parteienfilzes mit Klientel- und \u00c4mternepotismus. Ganz nach populistischer Manier vertreten sie den \u201ekleinen Mann\u201c gegen die \u201eoben\u201c. Allerdings sind ihre genannten Parteien weniger ideologische Eisbrecher oder Tabubrecher. FP\u00d6 und RN haben n\u00e4mlich kein Monopol auf das rechte Prinzip, deren Besonderheit liegt woanders. Zun\u00e4chst: das Rechte finden wir auch in der \u00d6VP, die eben nur bedingt eine \u00f6sterreichische CDU ist und bei den Gaullisten. Das Nationale ist in \u00d6sterreich wie Frankreich nicht nonkonform und das rechtspopulistische Moment der \u00d6VP unter Sebastian Kurz war nicht nur eine Reaktion auf die FP\u00d6-Konkurrenz, sondern spiegelte eine interne Str\u00f6mung wieder. Die \u00d6VP vertritt sogar die urspr\u00fcngliche Rechte des \u201eErsten Lagers\u201c, w\u00e4hrend die FP\u00d6 \u00fcber Jahrzehnte eine Sammlung des heimatlosen Restes war. FP\u00d6 und die Parteien der beiden LePens zeichnen sich durch ein Ph\u00e4nomen aus, das mir anl\u00e4sslich zahlreicher Wahlanalysen auffiel: sie vertreten nicht das typische rechte W\u00e4hlermilieu, sondern die Deklassierten, Opfer der modernen Entwurzelung \u2013 und das war das Klientel der Linken. Bei der FP\u00d6 kommt noch ein rebellischer Zug hinzu, der sich gegen die enge Verflechtung von \u00d6VP und SP\u00d6 mit Verwaltung, Gewerkschaften, Wirtschaftskammer und Medien richtet. Die Rolle des ideologischen Eisbrechers spielen in \u00d6sterreich und Frankreich auch die traditionellen Rechten. Der \u201eFront National\u201c der 1970er \u00fcbernahm recht sp\u00e4t das Thema Einwanderung, dieses wurde vorher vom Gaullisten Charles Pasqua virtuos bedient wie auch die Parole vom \u201eEuropa der Vaterl\u00e4nder\u201c. Der verblichene LePen punktete gegen die Parteienherrschaft, die sich den Staat zur Beute machten und das inzwischen verschwundene Algerien-Thema.<\/p>\n In Frankreich sind erste D\u00e4mme schon gebrochen und der Teufel aus der Flasche. Ungarns Orban-Partei steht schon f\u00fcr den \u201eDammbrecher\u201c.<\/p>\n <\/p>\n Was hat es damit auf sich?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Ungarn befindet sich wie der gesamte Ostblock inklusive DDR seit Mitte der 1980er in einem revolution\u00e4ren Prozess: der Konformismus des \u201eGulaschkommunismus\u201c verlor seine Verbindlichkeit und die Geister des `56er Aufstands kamen an die Oberfl\u00e4che zur\u00fcck. Orban begann 1988 als prowestlicher Liberaler und J\u00fcnger George Soros` und etablierte sich neben mehreren ideologischen Lagern. Die sozio\u00f6konomischen Verwerfungen nach 1990 und der fr\u00fche Tod des charismatischen Josef Antalls sorgten f\u00fcr ein Comeback der postkommunistischen Linken, die ein B\u00fcndnis mit vom Westen gef\u00f6rderten Linksliberalen eingingen. Orban wurde \u00fcbergangen. Wie \u00fcberall im Ostblock \u2013 mit den Ausnahmen Tschechien, Estland und Lettland \u2013, waren die Altkommunisten bis auf symbolische S\u00e4uberungen noch im Establishment vertreten. Orbans Partei ging leer aus und er entdeckte \u2013 auch gegen internen Widerstand \u2013, die rechte Marktl\u00fccke. Sukzessiv \u00f6ffnete er seine Partei nach rechts, integrierte radikalere Str\u00f6mungen, aber nie das gesamte ideologische nationalistische Spektrum. Dank Misswirtschaft und der ber\u00fcchtigten \u201eL\u00fcgen-Rede\u201c der regierenden Sozialisten, erstarkte Orban weiter und formte Ungarn zu einer \u201eilliberalen Demokratie\u201c. Er \u00f6ffnete die ideologischen D\u00e4mme und schuf ein Ungarn, in dem momentan alles m\u00f6glich ist. Es handelte sich nicht um eine geplante \u201eKonservative Revolution\u201c, sondern Orban entwickelte sich zum Nationalisten oder besser Souver\u00e4nisten. Er ist mehr ein Getriebener als ein Gestalter und musste sich immer wieder mit echten rechten Konkurrenten arrangieren.<\/p>\n <\/p>\n In welchen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern k\u00f6nnen die Rechten Anleihen holen? Gibt es L\u00e4nder, die in vergleichbaren Situationen sind, wie die Deutschen?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Der BRD vergleichbare Situationen finden wir in Gro\u00dfbritannien, Niederlande, Schweden und lange in noch versch\u00e4rfterer Form in Portugal. Portugal deshalb, weil es mit der \u201eNelkenrevolution\u201c von 1974 eine offizielle ganz klare linke Staatsraison gab. In den besagten L\u00e4ndern fungieren die rechtspopulistischen Parteien oder bestimmte Pers\u00f6nlichkeiten als die angesprochenen Eisbrecher: \u201eChega\u201c in Portugal, die \u201eSchwedendemokraten\u201c in Skandinavien, Nigel Farage in Gro\u00dfbritannien und Pim Fortuyn und v.a. dessen Ermordung in den Niederlanden. Wilders schwimmt im Fahrwasser Fortuyns. Deutschland ist gespalten: der Westen entspricht den erw\u00e4hnten L\u00e4ndern mit der AfD-West als \u201eEisbrecher\u201c, w\u00e4hrend der Osten der ungarischen Situation gleicht \u2013 mit dem \u201eDammbrecher\u201c AfD-Ost. Ein wohl einmaliges Ph\u00e4nomen.<\/p>\n Es gibt aber noch weitere Analogien zur deutschen Situation: \u00fcber Jahrzehnte der politische Islam in der T\u00fcrkei, Algerien oder \u00c4gypten sowie die Eiserne Garde Codreanus in Rum\u00e4nien. Deren Werdegang sehe ich als \u00e4u\u00dferst lehrreich. Wir brauchen aber gar nicht so weit gehen, schauen wir doch einmal auf die Linken der Weimarer Republik und der Adenauer Zeit.<\/p>\n <\/p>\n Die Deutsche Rechte schaut viel ins Ausland. Insbesondere nach Russland oder China. Diese L\u00e4nder werden vor allem von vielen Anti-Atlantikern und US-kritischen Rechten als Alternativen gefeiert. Auch die Transatlantiker erhoffen sich von den Wahlsieg Donald Trumps eine Politikwende. Der angebliche \u201eSturm auf den Reichstag\u201c, w\u00e4hrend einer Corona-Demo wurde ja u.a. von der Behauptung ausgel\u00f6st, der US-Pr\u00e4sident k\u00e4me pers\u00f6nlich, um die Corona-Politik in Deutschland zu beenden. Wie sch\u00e4tzen Sie diese Akteure ein? Sind Putin, Xi und Trump W\u00f6lfe im Schafspelz oder echte Alternativen f\u00fcr die \u201eEntrechteten\u201c?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Die erw\u00e4hnten Herren sind f\u00fcr mich F\u00fcchse, die sich je nach Konjunktur in den Schafspelz oder Wolfsfell h\u00fcllen. Es sind interessante \u00fcber- oder interideologische Hybride, die sich sehr gut vermarkten k\u00f6nnen, damit steht und f\u00e4llt ihr System. Wie \u00fcblich, sehe ich Vor- wie Nachteile f\u00fcr die Rechte \u2013 und das richtet sich nach den sich st\u00e4ndig \u00e4ndernden Bedingungen. Alle drei Staatssouver\u00e4nisten bringen rechtes Denken auf die B\u00fchne, behindern aber auch rechte Bewegungen. Sie wirken momentan als \u201eOpium des Volkes\u201c. Ich sehe die drei Pers\u00f6nlichkeiten, die sich in prek\u00e4ren Situationen befinden, wie Orban als Getriebene, die die v\u00f6llig unterbewertete \u201eAktie Rechtsradikalismus\u201c entdeckten. Allerdings unterscheiden sich die drei: Putin ist der Technokrat, Xi der Managertyp eines Gro\u00dfkonzerns \u2013 n\u00e4mlich der immer mehr fragmentierenden \u201eKommunistischen\u201c Partei \u2013 und Trump ist der Businessman, der auf Deals lauert. Je nach Umstand sind sie Segen oder Fluch f\u00fcr die globale Rechte. Man kann Milei, Bolsonaro, Babi\u0161, Bukele oder den seligen Berlusconi dazuz\u00e4hlen. In der alten BRD nahm F.J. Strau\u00df diesen hybriden Platz ein. Vor 1945 finden wie diesen zwiesp\u00e4ltigen Typus in Hindenburg und den autorit\u00e4ren Faschismus-Imitatoren Osteuropas.<\/p>\n <\/p>\n Nun sind wir Deutschen seit 1945 in einer sehr besonderen Situation. Wir sind seitdem zu keinem Zeitpunkt mehr voll souver\u00e4n gewesen, glaubt man den Aussagen des ehemaligen Finanzministers Wolfgang Sch\u00e4uble. Auch f\u00e4llt die gewaltige Fixierung gen Washington aus Berlin auf. Mit dem wiederholten Wahlsieg Donald Trumps, d\u00fcrften sich die US-amerikanischen Interessen weiterhin aus Europa Richtung S\u00fcdostasien verschieben. Generell ist schon seit l\u00e4ngerem eine Abkehr von der jahrzehnteanhaltenden Truman- hin zur alten Monroe-Doktrin zu beobachten. Die Deutschen werden nach wie vor neben Frankreich als eine starke F\u00fchrungsmacht in der Mitte Europas wahrgenommen. Ein nationaler Alleingang endete nun schon zwei Mal in einer vollkommenen Katastrophe, wie wir alle wissen. Daher ist es nur folgerichtig, dass es in Deutschland auch unter Rechten zunehmend paneurop\u00e4isch oder zumindest proeurop\u00e4ische Konzepte wieder attraktiver werden. Was halten Sie von dieser Entwicklung?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Diese Orientierung ist das Gebot der Stunde, nur sehe ich keine europ\u00e4ischen Konzepte, nur bewusst unklare Forderungen. Manche Rechte meinen das Richtige, greifen aber die EU so undifferenziert an, dass man eine nationalistische antieurop\u00e4ische Ausrichtung herauslesen kann. Wir sollten Europa vor der EU retten, so wie die Religion von der Kirche. Europa statt EU. Das geh\u00f6rt klar herausgestellt.<\/p>\n <\/p>\n Ist Deutschland ein Nationalstaat oder ein Reich?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Die Deutschen scheinen mir zum Reichsvolk verurteilt zu sein. F\u00fcr einen Nationalstaat ist Deutschland zu gro\u00df und f\u00fcr ein europ\u00e4isches Reichsvolk zu klein, wobei mit \u201egro\u00df\u201c auch Gestaltungspotenziale gemeint sind \u2013 so wie bestimmte politische Pers\u00f6nlichkeiten zu gro\u00df oder zu klein f\u00fcr ihre Staaten sein k\u00f6nnen. Die Deutschen sollen sich ihrer Rolle als raumgestaltende Ordnungsmacht bewusstwerden und andere V\u00f6lker wie ein gro\u00dfer Bruder seine j\u00fcngeren Geschwister behandeln, nicht wie ein Lehrer seine Sch\u00fcler, ein Hirte seine Schafe und auch nicht wie ein Vater seine Kinder. Der Vater ist ein anderer. Leider haben die Deutschen 1871 und erst recht 1933 v\u00f6llig versagt. Andere potenzielle Reichsv\u00f6lker wie Russen, Bulgaren, Polen, Franzosen oder Ungarn haben allerdings ebenfalls versagt. Der verheerende Nationsbegriff der Franz\u00f6sischen Revolution war wohl zu verlockend.<\/p>\n <\/p>\n Das WEF und auch der von der CIA gegr\u00fcndete NIC bef\u00fcrchten eine Renationalisierung Europas. Wie wahrscheinlich ist ein Europa der Nationalstaaten und wie zeitgem\u00e4\u00df ist diese vermeintlich rechte Position heute noch?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Eine Renationalisierung ist global sehr wahrscheinlich, einfach als Reaktion auf den alles erstickenden Globalismus. Mit der Rehabilitierung der Nation geht auch eine Rehabilitierung des Staates einher. Diese wahrscheinliche Entwicklung steht im Kontrast zu den von mir stets angezweifelten Aussagen Martin van Crevelds \u00fcber den Niedergang des Staatlichen und den neuen Kriegen. Wir n\u00e4hern uns vielmehr der Situation vor dem Ersten Weltkrieg an, nur, dass wir \u00fcberall fragile ungesunde Staaten vorfinden. Der Zersetzungsprozess ist schon zu vorangeschritten. Mancher Nationalismus wird sich erholen, andere Nationalismen durch neue Identit\u00e4ten auf regionaler oder v\u00f6lkischer Grundlage ersetzt werden. Die heutige Staatenwelt wird so nicht \u00fcberleben und Platz machen f\u00fcr neue Staaten.<\/p>\n Dialektisch interessant: Globalismus f\u00fchrt zur Renationalisierung und Renationalisierung kann zu einem neuen Globalismus f\u00fchren, n\u00e4mlich dann, wenn die Staaten wie 1914 sich gegenseitig zerfleischen und die desillusionierten V\u00f6lker ihr Heil im globalen Leviathan suchen. Die neuen Nationalismen werden also Br\u00fccken sein im Sinne Evolas genialer Darstellung des \u201eDoppelantlitz des Nationalismus\u201c: entweder als Differenzierungsinstrument und Zwischenglied zu neuen \u00fcberv\u00f6lkischen Reichen oder als nationale Egoismen im globalen Dschungel. Die zunehmende Instrumentalisierung des Nationalen oder besser Staatssouver\u00e4nen durch bisher als kosmopolitisch angesehene Verd\u00e4chtige des \u201eGreat Resets\u201c und Transhumanismus wie j\u00fcngst Elon Musk sollten misstrauisch machen. Aber auch hier sind wie im Falle Putins und Co mehrere Entwicklungsoptionen sichtbar.<\/p>\n Die globale Rechte sollte den differenzierenden defensiven Nationalismus als Vorstufe zu neuen Reichen propagieren. Ich rate aber davon ab, heute schon die Reichsidee zu verfolgen, die muss wachsen. Es fehlt das Religi\u00f6se wie schon thematisiert. Es bleibt der Weg \u00fcber die R\u00e4ume.<\/p>\n <\/p>\n Sie haben uns in der AGORA 3 das Bild eines Europas der R\u00e4ume skizziert. Das gleicht ja einer multipolaren Ordnung auf dem eurasischen Zipfel. Ist diese von Ihnen dargestellte Raumordnung mit den europ\u00e4ischen Pentarchien vom Westf\u00e4lischen Frieden bis zur Ordnung vom Wiener Kongress vergleichbar? Welche Rolle spielen die Staatsformen dieser R\u00e4ume?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Ja, das \u201eEuropa der R\u00e4ume\u201c \u00e4hnelt den beschriebenen Ordnungen. Es sei erw\u00e4hnt, dass ich die R\u00e4ume weder W\u00fcnsche noch ablehne, sondern \u00fcber den erw\u00e4hnten Zwischenschritt neue Nationalismen als geboten erwarte. Meine Szenarien sehen verschiedene Raumm\u00f6glichkeiten vor, leider auch ein m\u00f6gliches geteiltes Deutschland, das sich auf mehrere R\u00e4ume erstreckt. Ich erwarte die neue Raumstruktur, weil ich die bisherige europ\u00e4ische Staatenwelt f\u00fcr zu schwach im globalen \u00dcberlebenskampf beurteile und Europa als Einheit in absehbarer Zeit unerreichbar ist. Die R\u00e4ume selber verbinden sich zu best\u00e4ndigeren Achsen oder tempor\u00e4ren Allianzen und k\u00f6nnen sich \u00fcber Jahrzehnte immer mehr verdichten. Die Staatsform oder besser Staatsphilosophie ist fundamental wichtig, da nur gleichartige Ideen \u2013 wie etwa die der \u201eHeiligen Allianz\u201c des 19. Jh. \u2013, Best\u00e4ndigkeit garantieren.<\/p>\n <\/p>\n Ich werde jetzt sehr geopolitisch, aber ich brenne darauf zu wissen, wie kann eine auch unter Rechten sehr beliebte multipolare Weltordnung funktionieren? Besteht ohne gro\u00dfen Leviathan oder Behemoth nicht die Gefahr einer Anarchie der Staaten, \u00e4hnlich wie beim Modell der souver\u00e4nen Nationalstaaten? Bedarf es hier nicht immer eines \u201eH\u00fcters\u201c, eines Hegemons oder einer Binarit\u00e4t zwischen den Kr\u00e4ften, so dass die Raumordnung immer wieder austariert wird? Wie w\u00e4re das bei dem Europa der R\u00e4ume? Sehen Sie hier einzelne L\u00e4nder mit Vormachtposition?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Das f\u00fcr mich wahrscheinliche \u201eEuropa der R\u00e4ume\u201c sehe ich \u00fcbrigens auch f\u00fcr alle anderen Kontinente, dort ist diese Form z.T. bereits Realit\u00e4t, weil bestehende Staaten solchen R\u00e4umen schon entsprechen. Ich brauche mich da nicht um so viele Szenarien pro Raum zu bem\u00fchen.<\/p>\n Was ist denn Multipolarit\u00e4t? Hei\u00dft das einfach, es gibt mehrere globale Pole, die sich gegenseitig begrenzen? Muss es auf allen Kontinenten einen Pol oder mehrere geben? Was z\u00e4hlt eigentlich als Kontinent: Afrika gesamt oder haben wir n\u00f6rdlich und s\u00fcdlich der Sahara zwei Kontinente? Ist Asien ein ganzer Kontinent? Gelten transkontinentale Pole auch als multipolar?<\/p>\n Multipolarit\u00e4t wie sie von Alexander Dugin gefordert wird, sehe ich als utopisch an. Dugin gew\u00e4hrt seinen Polen einen ideologischen Pluralismus. Ich gebrauche den Begriff des \u201ePolyzentralismus\u201c. Es handelt sich dabei nicht einfach um eine alternative \u00dcbersetzung, sondern um eine Sonderform der Multipolarit\u00e4t: es gibt global mehrere Ordnung gestaltende R\u00e4ume \u2013 nicht nur einen pro Kontinent \u2013, die ideologisch gleichartig ausgerichtet sind und sich gegenseitig in Schach halten. So etwas wie einen \u201eZentralen Exekutivausschuss der Kommunistischen Internationalen\u201c kann ich mir nicht vorstellen, eine global agierende Organisation \u00fcber den R\u00e4umen halte ich f\u00fcr undurchf\u00fchrbar und auch nicht notwendig. Ich erwarte vielmehr eine Weltordnung wie im Mittelalter und Antike.<\/p>\n <\/p>\n Geopolitik wird gerade wieder beliebter. Jahrzehntelang hatte man den Eindruck, die Deutschen trauten sich nicht mehr \u00fcber Geopolitik nachzudenken oder gar \u00f6ffentlich dazu zu schreiben. Obwohl viele Rechte immer gerne Carl Schmitt zitieren, ist auch bei ihnen geopolitisches Denken sehr rar. Was glauben Sie woran das liegt?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Die deutsche Rechte war und ist auch weitgehend noch mit sich selbst besch\u00e4ftigt und nach Innen orientiert: Themen wie Geschichtsrevisionismus, linke Werteumkehrung, die Interpretation tausender Briefwechsel Ernst J\u00fcngers mit Armin Mohler\u00a0 oder Verschw\u00f6rungsspekulationen haben eine Au\u00dfenorientierung verhindert. Ausnahme waren einige Randgruppen wie die Nationalneutralisten im Kalten Krieg, die raren Paneurop\u00e4er oder Anh\u00e4nger der \u201eThird Position\u201c. Ansonsten setzte man bei Thema deutsche Wiedervereinigung auf die USA. Im Hintergrund des Kalten Krieges durchaus nachvollziehbar.<\/p>\n Dann kommt der falsche Gedanke hinzu, dass Geopolitik immer mit tats\u00e4chlicher politischer Macht zu tun hat \u2013 welch ein Irrtum! Geopolitik kann von Einzelpersonen, Parteien und Zeitschriften betrieben werden. Ein weiterer Grund f\u00fcr die Vernachl\u00e4ssigung geopolitischer Themen liegt im Ignorieren von Wechselwirkungen: Geopolitik erscheint als pure Au\u00dfenpolitik, die ja schon nicht nur auf das \u00c4u\u00dfere beschr\u00e4nkt ist. Es gibt auch immer eine R\u00fcckkoppelung nach Innen. Mit durchdachten geopolitischen Konzepten kann ich z.B. das Ausland f\u00fcr mich interessieren. Auslandskontakte m\u00fcssen nicht immer politischer Art sein, man kann sie auch gesch\u00e4ftlich f\u00fcr das Politische nutzen.<\/p>\n <\/p>\n Sp\u00e4testens mit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine ist die Ordnung von Helsinki vollkommen in Frage gestellt. Bei den Rechten wird der Themenkomplex seitdem auch wieder popul\u00e4rer. Allerdings f\u00e4llt bei der Lekt\u00fcre der geopolitischen Analysen vieler rechter Theoretiker in Deutschland auf, wie jungfr\u00e4ulich sie damit noch umgehen. Tats\u00e4chlich handelt es sich ja um eines der wichtigsten Themenkomplexe \u00fcberhaupt, will man ernsthaft Staatspolitik betreiben. Glauben Sie, dass dieses Interesse nachhaltig ist? Wie ist das im Vergleich zum europ\u00e4ischen Ausland?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Ja, speziell der Ukraine-Krieg hat ein Umdenken bewirkt: von den bestimmenden USA ist nicht viel zu h\u00f6ren und der Krieg ist nicht allzu weit entfernt. Die Rechte positionierte sich f\u00fcr die eine oder andere Seite, wobei manche Washingtons Weisung zu vermissen scheinen. Von einer echten geopolitischen Offensive kann aber keine Rede sein. Geopolitik wird wohl auch weiter stiefm\u00fctterlich behandelt oder hoch ideologisch betrieben. Es fehlt an gr\u00fcndlichen Analysen. Es wird zu sehr aus Affekt und Ideologie heraus theoretisiert. Das f\u00e4llt mir etwa bei der Beurteilung der BRICS oder Chinas \u201eNeuer Seidenstra\u00dfe\u201c auf, die begeistert rezipiert werden. Dabei gleicht China der Olsen-Bande: da ist immer alles \u201em\u00e4chtig gewaltig\u201c. Theoretisch scheinbar durchdacht, doch scheitert es an der Umsetzung, was Peking auch gar nicht anders erwartet, weil gar nicht notwendig. Chinas Mentalit\u00e4t betont das Formelle und Rituelle und steht damit im krassen Gegensatz zum Preu\u00dfischen oder Angels\u00e4chsischen.<\/p>\n Ich nehme drei Perspektiven ein: eine m\u00f6glichst sachliche, eine private und eine deutsche. Leider passen diese Perspektiven nur selten zusammen. Sachlichkeit ist geboten und das Abstimmen mit deutschen Interessen f\u00fchrt zu Nachhaltigkeit, das wird auch im Ausland honoriert. Bei den deutschen Rechten spielen pers\u00f6nliche Sympathien und Befindlichkeiten die entscheidende Rolle. \u00dcbrigens war das in der Zwischenkriegszeit nicht viel besser: Geopolitik ist f\u00fcr mich die deutscheste aller Wissenschaften, aber nur in der Theorie. Auf Haushofer Senior und Junior z.B. h\u00f6rte man sehr sparsam, das Ideologische war st\u00e4rker. Die praktischen Meister der Geopolitik waren Portugiesen, Briten und \u00d6sterreicher, heute lassen sich alle Staaten von Ideologie und Affekt leiten.<\/p>\n <\/p>\n Beobachtet man die europ\u00e4ische Rechte, so f\u00e4llt auf, dass zumindest einige L\u00e4nder sehr kommunikative Gruppen hervorgebracht haben. In Italien gibt es mehrere Denkfabriken, die international besuchte Konferenzen abhalten. In Frankreich ist es \u00e4hnlich. Russische Denkfabriken verbinden sich zunehmend mit europ\u00e4ischen. Damit einher gehen nat\u00fcrlich auch auf die L\u00e4nder zugeschnittene geopolitische Konzepte. Wie kann sich Deutschland hier positionieren, um nicht abgeh\u00e4ngt zu werden im europ\u00e4ischen Konzert der Rechten Geostrategien?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Deutschland ben\u00f6tigt dringend seri\u00f6se Denkfabriken, die vom Ausland als ebenb\u00fcrtiger Partner akzeptiert werden. Solche Denkfabriken m\u00fcssen die Geopolitik wieder als Disziplin pflegen.<\/p>\n Angenehm \u00fcberrascht war ich, als die sonst so provinzielle und bornierte AfD nach der Dem\u00fctigung durch Madame LePen eine eigene EU-Fraktion initiierte. Die einzig richtige Antwort. Genial auch, LePens franz\u00f6sische Konkurrenzpartei mit ins Boot zu holen. Umso schlimmer dann, die rum\u00e4nischen Interessenten auszuschlie\u00dfen. Die beiden Gr\u00fcnde hierf\u00fcr \u2013 das Veto der ungarischen Nationalisten und der Vorwurf des Extremismus \u2013, sind nicht nachvollziehbar. Rum\u00e4nien geh\u00f6rt zu den wichtigsten Staaten Osteuropas und weist neben Griechenland zumindest auf dem Balkan keine Irredentaforderungen auf, stellt somit einen raren Stabilit\u00e4tsfaktor dar. Mit der Ablehnung der rum\u00e4nischen Nationalisten hat die kurzsichtige AfD Kredit in diesem Land verspielt.<\/p>\n <\/p>\n Wie sieht es mit rechten Gruppen in Asien oder Afrika aus? Hierzu gibt es gef\u00fchlt keinerlei Ber\u00fchrungspunkte zu deutschen oder europ\u00e4ischen Rechten. Will man eine neue Friedensordnung erlangen ist es aber wichtig auch dort mit entsprechenden Kr\u00e4ften zu kooperieren. K\u00f6nnen Sie uns L\u00e4nder oder Gruppen nennen, mit denen Sie eine Zusammenarbeit oder einen Austausch f\u00fcr sinnvoll halten? Von wem k\u00f6nnen die deutschen Rechten in solchen L\u00e4ndern lernen und was k\u00f6nnen sie dabei lernen?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Selbstredend sind solche Verbindungen notwendig und f\u00f6rderlich: Ausl\u00e4ndische Adressaten von heute k\u00f6nnen Staatsf\u00fchrer oder zumindest wichtige Oppositionsf\u00fchrer von morgen sein. Ich lernte in den fr\u00fchen 2000ern Vertreter von Splitterparteien kennen, die sp\u00e4ter Verteidigungsminister, Diplomaten und wichtige Unternehmer wurden. Ich erw\u00e4hnte schon, dass solche Kontakte auch gesch\u00e4ftlich interessant werden k\u00f6nnen, zudem ist auch der geistige Mehrwert nicht zu untersch\u00e4tzen sowie die symbolische Wirkung. Staatsm\u00e4nnisches Auftreten und diplomatische Kunst lassen sich dabei erlernen jenseits des kumpelhaften wie heute so typisch.<\/p>\n Auf bescheidener Ebene waren es die europaweiten J\u00fcnger der \u201eThird Position\u201c, die sich um Kontakte nach \u00dcbersee bem\u00fchten. Zwei ganz andere Bsp. m\u00f6chte ich vorstellen: den alten LePen und dessen geistigen Lehrer Almirante vom italienischen MSI. Auf Basis parteiinterner ideologischer Str\u00f6mungen mit eigener Infrastruktur konnte LePen in den 1980ern umfassende und auch gegens\u00e4tzliche Kontakte nach \u00dcbersee erschlie\u00dfen: Japan, S\u00fcdkorea, Philippinen, Indien, T\u00fcrkei, Israel, Irak, Australien und \u00fcber die \u201eAntikommunistische Weltliga\u201c die Elfenbeink\u00fcste, Gabun, Togo und Kamerun. Lateinamerika war sparsam vertreten, daf\u00fcr Ozeanien, da es dort zwei franz\u00f6sische \u00dcberseebesitzungen gibt. LePens und Almirantes Kontakte sind imponierend: Staatsoberh\u00e4upter, Milit\u00e4rs, Unternehmer, Diplomaten und religi\u00f6se W\u00fcrdentr\u00e4ger. Sowohl LePens Front National als auch Almirantes MSI unterhielten parteinahe Firmen, die von solchen Kontakten profitierten. Die Schattenseite ist, dass Oligarchisierung und Pfr\u00fcndegeschacher noch mehr befeuert wurden. Alles hat eben zwei Seiten. Der selige F.J. Strau\u00df und Str\u00f6mungen der CSU pflegten vergleichbare Verbindungen oder die SPD wurde zur Hebamme der m\u00e4chtigen portugiesischen Sozialisten. Lohnenswert erscheinen mir zudem die Wirtschaftsaktivit\u00e4ten der SED in Luxemburg und Portugal.<\/p>\n Als Berater \u2013 und das soll jetzt kein Stellengesuch sein \u2013, empfehle ich \u00dcbersee betreffend China, Indien, Japan, Malaysia, Vietnam, Thailand, Indonesien, Iran, \u00c4gypten, T\u00fcrkei, Marokko, Brasilien, Argentinien, Chile, USA und Mexiko. \u00c4gypten und Marokko sehe ich als k\u00fcnftige Kristallisationszentren f\u00fcr die nordafrikanischen Ordnungspole. Gerade mit der islamischen Welt tut man sich hierzulande schwer: Nachdem in den fr\u00fchen 2000ern eine eher proislamische Haltung unter Europas Rechten dominierte, hat sich das inzwischen umgekehrt. Schuld ist die forcierte muslimische Masseneinwanderung. Was musste ich mir ob meiner proislamischen Haltung schon alles anh\u00f6ren! Welche Kurzsichtigkeit und Unkenntnis. Der gr\u00fcndliche Deutsche kann eben nicht zwischen Innen- und Au\u00dfenpolitik unterscheiden. Die Kalifats-Anh\u00e4nger sind hierzulande ein Faktor, in ihren Herkunftsl\u00e4ndern eine hoffnungslose Sekte, die islamisch-nationalistisch-v\u00f6lkische Symbiose oder gar Synthese ist l\u00e4ngst vollzogen. Antiislamische Rhetorik br\u00fcskiert alle Muslime auf Erden und verbaut vielversprechende Allianzen. Islamische Stiftungen finanzieren manchmal den Bau von Infrastruktur in Europa, aber ich kenne auch solche, die gern rechte Strukturen f\u00f6rdern w\u00fcrden.<\/p>\n Ich m\u00f6chte das Bsp. Togo f\u00fcr Afrika erw\u00e4hnen: dort lebt das Volk der Ewe, das sich nach der Teilung Deutsch-Togos in einer franz\u00f6sischen und einer britischen Kolonie wiederfand. Mit der Zerteilung unzufrieden, entwickelte sich als Reflex eine germanophile Haltung. So gab es sogar ernsthafte Bestrebungen, Togo zu einem Bundesland der BRD zu machen! Deutsche Rechte k\u00f6nnten sich als ehrliche Makler Schwarzafrikas prestigetr\u00e4chtig verkaufen und \u00fcber rechte Firmengr\u00fcndungen Wirtschaftskontakte erschlie\u00dfen. Gesch\u00e4ftlich regsame Auslandsdeutsche k\u00f6nnen eine weitere Vermittlerrolle spielen. Man sollte nicht vergessen, dass einst Portugiesen, Niederl\u00e4nder, Briten so vorgingen und es aktuell Chinesen und Russen ebenso tun.<\/p>\n <\/p>\n Kommen wir zur\u00fcck nach Deutschland. Bei aller Kritik \u00fcber die Deutsche Rechte. W\u00fcrden Sie dennoch sagen, dass sich hier in der j\u00fcngeren Vergangenheit etwas getan hat? Ich meine, es gibt durchaus einige Bewegungen in Richtung Europa, intellektuellen Austausch und Seminare \u00fcber Strategien sowie verschiedene Theorien innerhalb der Rechten.<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Keine Frage, die Gesamtqualit\u00e4t ist gestiegen. Im Kontrast zu den 1980ern bis 2000ern erleben wir eine Steigerung. Wir sind keine \u201eResterampe\u201c mehr. Verglichen mit Frankreich, Italien oder Russland sieht es jedoch immer noch bescheiden aus. Auch Polen, Spanien, Belgien und Rum\u00e4nien haben intellektuell mehr zu bieten. Es ist ein Segen, dass meine Prognose eintraf, wonach es nicht die selbstherrlichen Sonnenk\u00f6nige der rechten Szene sein werden, die vom Rechtstrend profitieren, sondern bisher abseitsstehende frische Kr\u00e4fte. Statt einer Politszene mit Subkulturen und Ghettocharakter haben wir heute ein politisches Lager, das sich aus mehreren sozi\u00f6konomischen Milieus speist, der Schritt zu einem eigenen Politmilieu steht indes noch aus.<\/p>\n Im Kulturellen und K\u00fcnstlerischen hat die aktuelle Rechte einiges zu bieten. Es gibt \u00e4sthetisch ansprechende Zeitschriften und Internetauftritte und die Sozialen Medien sind erschlossen, aber es fehlt an Denkern. Es wird zu wenig im Gro\u00dfen gedacht und zu viel \u00fcberfl\u00fcssig gegr\u00fcbelt, was sich automatisch ergibt. \u00dcber theoretische Defizite und Dilettantismus hatten wir ja schon gesprochen. Vermittlerrolle spielen. Man sollte nicht vergessen, dass einmal Portugiesen, Niederl\u00e4nder, Briten und aktuell Chinesen und Russen genauso vorgehen. Vermittlerrolle spielen. Man sollte nicht vergessen, dass einmal Portugiesen, Niederl\u00e4nder, Briten und aktuell Chinesen und Russen genauso vorgehen.<\/p>\n <\/p>\n Teil II: Keine rechte Partei mit ernsthaftem Wachstumspotenzial. Die AfD k\u00f6nnte sich aufspalten.<\/strong><\/p>\n <\/p>\n Kommen wir zum Themenkomplex Wirtschaft. Die Rechte splittet sich a<\/em>uf in eine kapitalismuskritische und eine zunehmend libert\u00e4re Richtung. Letzteres scheint gerade auf dem Vormarsch zu sein. Wie ist das einzuordnen und gibt es hier so eine Art Tradition oder w\u00fcrden Sie sagen, dass sich die Rechte hierzu bis heute nicht gefunden hat?<\/em><\/p>\n D.S.: <\/strong>Wirtschaftlich kann man die Rechte des 19. Jh. als klar antikapitalistisch bezeichnen, weil \u00fcberhaupt das \u00d6konomische als nebens\u00e4chlich \u2013 ja notwendiges \u00dcbel \u2013, betrachtet wurde. Ich verweise auf die Missachtung der H\u00e4ndler und Handwerker im Konfuzianismus, der katholischen mittelalterlichen \u00d6kumene oder dem Kastenwesen der Hindus. Das hat einen nachvollziehbaren Hintergrund: das \u00d6konomische ist eine reine diesseitige und materialistische Angelegenheit und lenkt vom spirituellen Streben ab. Der Protestantismus und da besonders der Calvinismus wirken da als Einfallstore des theologisierenden Liberalismus, indem Wirtschaften zur Tugend erhoben wird. Der spirituelle Gottessucher wird zum M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger degradiert. Die heutige Hybridrechte zeigt sich tats\u00e4chlich global gespalten.<\/p>\n Die zunehmenden Libert\u00e4ren sind f\u00fcr mich ein spannendes Ph\u00e4nomen, da ich keine deutsche Tradition kenne. Libert\u00e4re Traditionen finden wir in Nordeuropa, Niederlande, Schweiz, S\u00fcdafrika und den angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern. Es passt v.a. zur USA, Kanada und S\u00fcdafrika, weil die Kolonisten in Eigenregie eine Existenz aufbauen mussten, staatliche Strukturen gab es in den Weiten nicht. Hierzulande sehe ich das Libert\u00e4re als Ausdruck eines neuen Nonkonformismus, weil der deutsche Staat seit den 1970er sukzessiv nach links r\u00fcckte und der bisherige staatstragende Charakter der Rechten \u2013 gerade auch der jungen NPD \u2013, nicht mehr m\u00f6glich war. Der heutige Staat reglementiert und g\u00e4ngelt moralisierend, weshalb \u201eVater Staat\u201c zur b\u00f6sen Stiefmutter mutiert. Diese neuartige libert\u00e4re Str\u00f6mung zeigt sich sehr heterogen mit einem Negativ- oder Abgrenzungsprogramm und scheint mir weniger \u00f6konomisch denn gesellschaftlich motiviert zu sein: dazu geh\u00f6ren Gegner der Schulpflicht, Anh\u00e4nger des Schweizer Regierungssystems, Wohlstandschauvinisten, hedonistische Anti\u00f6kologen, B\u00fcrgerrechtler f\u00fcr freie Meinungs\u00e4u\u00dferung, Verfassungsfundamentalisten oder die breite Sammlung der Reichsb\u00fcrger. Auftrieb erhielten die Libert\u00e4ren dank der verheerenden Corona-Politik. Ein weiteres globales Ph\u00e4nomen. \u00dcbrigens k\u00f6nnen Libert\u00e4re durchaus streng religi\u00f6s wie in Nordamerika, Schweiz oder Nordeuropa sein, wobei Moral und Werte gerade nicht libert\u00e4r behandelt werden. Man denke nur an das damit verbundene Abtreibungsverbot.<\/p>\n Ich m\u00f6chte darauf aufmerksam machen, dass libert\u00e4r nicht unbedingt liberal bedeuten muss: Wirtschaftsliberale bevorzugen nicht selten einen starken Staat, der sich zwar aus \u00f6konomischen Belangen heraush\u00e4lt, aber vor sozialrevolution\u00e4ren Bedrohungen bewahrt. Hier ist das marxistische Narrativ des \u201eFaschismus als Kettenhund des Kapitals\u201c klar best\u00e4tigt. Wir finden diese Form ebenso global vor mit Schwerpunkt Lateinamerika.<\/p>\n <\/p>\n Droht die Rechte also ihrer kapitalismuskritischen Linie zu entsagen?<\/em><\/p>\n D.S.: <\/strong>Das glaube ich nicht. Das Wirtschaftsliberale erscheint mir eher als Mode, weil sich der westliche Industriekapitalismus wegen der protektionistischen Spirale umorientiert und nat\u00fcrlich wegen Elon Musk, den man nicht verprellen will. Aufgrund der fahrl\u00e4ssig wie gewollten Deindustrialisierung und fragilen Energiesicherheit Deutschlands wird eine etatistische bis tempor\u00e4re Planwirtschaftspolitik notwendig. Ob die AfD diese \u00f6konomische Diskrepanz intern heil \u00fcbersteht, ist eine andere Frage. Dem Osten ist jeglicher Manchesterliberalismus ein Gr\u00e4uel.<\/p>\n <\/p>\n Das Volk steht f\u00fcr die Rechten im Zentrum ihrer Weltanschauung. Staat und Volk, Volk und Familie, Familie und Mensch stehen in einem organischen dialektischen Verh\u00e4ltnis zueinander. Die Wirtschaft spielt dabei eine enorme Rolle. MetaPol spricht daher auch von einer raumorientierten Volkswirtschaft, die anzustreben ist. Nun spielen dabei auch \u00dcberlegungen zu zentralwirtschaftlichen Ma\u00dfnahmen, z.B. in wesentlichen Bereichen der Infrastruktur sowie der Versorgungssicherheit eine gro\u00dfe Rolle. Gleichzeitig betont man gerne das freie Spiel der Kr\u00e4fte in einem freien Markt und akzeptiert das Naturgesetz von Angebot und Nachfrage. Gibt es hier rechte Vordenker, die Sie f\u00fcr ma\u00dfgeblich halten? Gibt es aus Ihrer Sicht auch als Historiker geschichtliche Beispiele, von denen die Rechten lernen k\u00f6nnen?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Ja, die Rechte war und ist gr\u00f6\u00dftenteils der Marktwirtschaft verpflichtet, aber selten einem ungehemmten Kapitalismus. Jede Marktwirtschaft ist kapitalistisch, aber nicht jeder Kapitalismus marktwirtschaftlich. Tendenziell wurde eine gemischte Wirtschaft gefordert, die zeitweise sogar planwirtschaftlichen Charakter haben kann. Was ist denn der Merkantilismus des royalen Frankreichs oder Preu\u00dfens anderes? Ich verweise auf das breite Spektrum st\u00e4ndestaatlicher und korporativer Varianten \u2013 also der gern gebrauchte Begriff des wirtschaftlich Dritten Weges. Deutsche wie ausl\u00e4ndische Vordenker lassen sich zahlreich aufz\u00e4hlen: Friedrich List, Adolph Wagner, Werner Sombart, Othmar Spann, Ferdinand Zimmermann, Hans Zehrer und andere \u201eJungkonservative\u201c der \u201eKonservativen Revolution\u201c, Enrico Corradini als Vater des italienischen Korporatismus oder die Interpreten der beiden kapitalismuskritischen p\u00e4pstlichen Enzyklien \u201eRerum Novarum\u201c (Josef Scheicher und Karl Freiherr von Vogelsang) und \u201eQuadragesimo Anno\u201c, der katholische Distributismus Chestertons und Bellocs, religi\u00f6s motivierte Antikapitalisten im Islam, Hinduismus und Buddhismus uvm. sowie als Inspirationsquelle die franz\u00f6sischen nichtrechten V\u00e4ter des Solidarismus L\u00e9on Victor Auguste Bourgeois und Hyacinthe Dubreuil.<\/p>\n F\u00fcr uns heute interessant, wird bald ein erneutes Autarkiestreben in transnationalen europ\u00e4ischen R\u00e4umen wie es nach 1918 weit verbreitet war. F\u00fcr ein zunehmend deindustrialisiertes Land k\u00f6nnen auch die von oben forcierten Industrialisierungen der jungen Sowjetunion oder der jungen T\u00fcrkei eine M\u00f6glichkeit sein \u2013 aber die verheerenden Opfer m\u00fcssen bei der Analyse Ber\u00fccksichtigung finden. Planwirtschaftliche Phasen haben wir in den beiden Weltkriegen \u2013 ich erinnere an die herausragende Leistung eines Rathenau \u2013, oder dem Wiederaufbau der Besatzungszonen nach 1945. \u00d6konomisch inspirierende Quellen sind reichlich vorhanden.<\/p>\n <\/p>\n <\/p>\n Etwas genuin rechtes war immer die Religion und ihr traditionales Element. Mit dem Erstarken liberaler und libert\u00e4rer, aber auch sozialistischer Positionen bewegten sich immer mehr Rechte von dem Religi\u00f6sen weg. Sie verwiesen eben auch darauf. Hat sich die Religion und das Traditionale etwa bereits \u00fcberlebt oder sehen Sie hier auch die Wahrscheinlichkeit einer Renaissance?<\/em><\/p>\n D.S.: <\/strong>Religionen \u00fcberleben sich nie, die wird es immer geben. Der Mensch besitzt einen metaphysischen Trieb und m\u00f6chte sich instinktiv mit seinem \u00fcbernat\u00fcrlichen Ursprung r\u00fcckverbinden, was ja Religion auch bedeutet. Das Traditionale im Sinne Gu\u00e9nons und Evolas bewahrt und verschl\u00fcsselt ewige Prinzipien und Wege des Religi\u00f6sen. Traditionale Orden stellen auch eine Kontinuit\u00e4t dar. Die religi\u00f6sen Formen, ihre zeitlichen und r\u00e4umlichen Erscheinungen dagegen, wandeln sich st\u00e4ndig.<\/p>\n Wann wird es eine religi\u00f6se Wiedergeburt geben? Das kommt auf die Bedingungen an: eine Naturkatastrophe kann die Massen zu Gott f\u00fchren oder auch das Auftauchen charismatischer Pers\u00f6nlichkeiten. Wer wei\u00df das schon? Religionen sind global auf dem R\u00fcckzug, das gilt auch f\u00fcr Islam, Buddhismus oder Hinduismus. F\u00fcr den Westen erscheint das nicht so, aber besagte Religionen dienen heute zunehmend als kulturelle Attribute denn als Quelle echter Spiritualit\u00e4t. Wir sollten uns nicht mit den Anh\u00e4ngern jener Religionen vergleichen, sondern deren Wirkungsmacht von heute mit der vor zwanzig und f\u00fcnfzig Jahren vergleichen. Die S\u00e4kularisierung schreitet erstmal weiter und Religionen beschr\u00e4nken sich auf die Strenggl\u00e4ubigen, was hierzulande den Eindruck erweckt, diese sehr militante und laute Bewegung befinde sich in der Offensive. Ich sehe dagegen R\u00fcckzugsgefechte. Aus den quantitativ geschrumpften Religi\u00f6sen wird aber ein qualitativ starker Kern, der einmal expandieren kann. Keinesfalls kann man das Religi\u00f6se vom Politischen her revitalisieren und religi\u00f6se Gef\u00fchle verordnen. Religion ist zu komplex, besteht aus Esoterik, Exoterik und Volksreligion, die in einem Spannungsverh\u00e4ltnis zueinander stehen.<\/p>\n <\/p>\n Nun gibt es, so denke ich, einen breiten Konsens dar\u00fcber, dass Religion, wie es ja auch das Wort selbst sagt, etwas Verbindendes und damit nat\u00fcrlich Identit\u00e4res liefert. Viele Rechte sind sich also zumindest darin einig, dass das einen sinn- und identit\u00e4tsstiftenden Charakter hat. Dennoch herrscht eine breite Uneinigkeit \u00fcber die \u201erichtige\u201c Religion der Rechten oder der Deutschen im Allgemeinen. Die beiden christlichen Str\u00f6mungen, die sich bei genauerem Hinsehen sogar noch weiter ausdifferenzieren lassen, sind staats- und geschichtspr\u00e4gend f\u00fcr die Deutschen gewesen. Auch das Aufflackern heidnischer Traditionen unter den Rechten, ist immer wieder zu beobachten. Was ist die rechte Religion? Was ist die Religion der Deutschen? Ist dieser bin\u00e4re oder multireligi\u00f6se Charakter genuin deutsch?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Religion und Volkstum bedingen sich: Religionen k\u00f6nnen V\u00f6lker erschaffen, erhalten oder spalten. V\u00f6lker wiederum pr\u00e4gen ihre religi\u00f6se Form.<\/p>\n Die heutige Rechte reduziert meistens das Religi\u00f6se auf das Kulturelle, um das Eigene zu st\u00e4rken. Schon richtig, aber das Wesentliche am Religi\u00f6sen \u2013 das Spirituelle \u2013 spielt keine Rolle, weil das S\u00e4kulare klar dominiert. Ich glaube, die deutsche Rechte beneidet die Polen um ihren Katholizismus, die Singhalesen um den Buddhismus oder die T\u00fcrken um ihren Islam. Dennoch: auch in Polen, der T\u00fcrkei oder Sri Lanka befindet sich der S\u00e4kularismus auf dem Vormarsch und die Religion ist auch mehr ein Identit\u00e4tsmerkmal geworden gleichwohl es nat\u00fcrlich auch spirituell Gl\u00e4ubige gibt.<\/p>\n Was ist des Deutschen Religion? Katholizismus wie Protestantismus haben unser Volk gepr\u00e4gt und unser Volk diese Konfessionen. Martin Luther hat f\u00fcr die deutsche Volks- und Nationswerdung bahnbrechendes beigetragen, wurde aber religi\u00f6s nicht \u00fcberall verstanden. Der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg auf deutschem Boden hat tiefe Spuren hinterlassen und das Deutschtum vor\u00fcbergehend aus der Geschichte genommen. Das Katholische war das Zentrum des \u201eHeiligen R\u00f6mischen Reiches Deutscher Nation\u201c und ein Motor der Ostexpansion. Dann haben wir den Kulturkampf Bismarcks, vielleicht sein Hauptfehler. Ja, beide christliche Konfessionen haben ihren f\u00f6rdernden wie hemmenden Beitrag geleistet und die Spaltung wiegt schwer. Aber einzigartig ist sie nicht und auch nicht typisch deutsch. Albaner oder Osseten sind in Muslime und Christen gespalten, die USA und Gro\u00dfbritannien sind arg in innerchristliche Konfessionen gespalten, die T\u00fcrkei ist es in Sunniten und Aleviten \u2013 von Indien ganz zu schweigen.<\/p>\n Das von manchen Rechten propagierte Heidentum ist die undeutscheste Religion, wurde von den ethnisch noch sehr jungen Deutschen auch nie praktiziert. Die Germanen sind nur eine von mehreren deutschen Wurzeln. Die heidnischen Wiederbelebungsversuche muten besonders k\u00fcnstlich und grotesk an, beschr\u00e4nken sie sich auf ein Antichristentum ohne spirituellen Inhalt. Aber eine M\u00f6glichkeit ist das Naturreligi\u00f6se und sogenannte Heidnische durchaus, in Lettland oder Litauen erleben wir anregende Beispiele. Religionen m\u00fcssen organisch wachsen. Das Christentum ist ja auch eine orientalische Fremdreligion, was gerade die Neuheiden nicht vers\u00e4umen zu betonen, aber die christlichen Missionare brauchten Jahrhunderte um es anzupassen. Es hat auch kaum \u00c4hnlichkeit mit der urspr\u00fcnglichen Variante und unterscheidet sich sogar innerhalb der Deutschen. Es scheint heute eine gewisse Mode zu sein, sich dem Katholischen Traditionalismus oder der Byzantinischen Orthodoxie zuzuwenden. Auch zwei m\u00f6gliche Varianten \u2013 wenn man den Weg der v\u00f6lkischen Modifikation geht.<\/p>\n Ich lehne eine politische religi\u00f6se Agenda ab. Dennoch: Religi\u00f6se Rechte sollen ihre jeweilige Religion nicht privat leben, sondern durchaus als binnenrechte Subkultur offensiv darstellen und wetteifern. Wer wei\u00df, was daraus erw\u00e4chst?<\/p>\n <\/p>\n Ich frage einmal ganz demonstrativ provokant. Kann ein deutscher Rechter auch zum muslimischen Glauben finden, ohne dabei seine rechten Wurzeln zu beschneiden<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Nat\u00fcrlich ist das m\u00f6glich, wenn auch sehr unwahrscheinlich. Hitler soll bedauert haben, dass die Franken nicht islamisiert wurden. Ein deutscher Islam ist auch nicht absurder als das Christentum oder ein deutscher Buddhismus. Aber jede nicht autochthone Religion muss sich wie beschrieben \u00fcber einen langen Zeitraum anpassen, sonst bleibt sie immer ein Fremdk\u00f6rper. Heutige deutsche Islamkonvertiten sind arabischer als jeder Araber und wirken wie Faschingsumz\u00fcgler. Es gibt einige bemerkenswerte Kleinstorden, die im islamischen Gewand in der Tradition der Templer und Deutschritter stehen, das ist ein v\u00f6llig anderer Ansatz. Ein muslimischer Deutschnationaler kann sich gegen muslimische Einwanderer wenden, wie muslimische T\u00fcrken gegen muslimische Kurden vorgehen usw. Das Kalifat als reale Forderung wird nur von einer Minderheit gefordert. Die ehemals universalistischen Taliban mussten sich zu einer paschtunischen Nationalbewegung transformieren, sonst h\u00e4tten sie nie Erfolg gehabt und Muslimbr\u00fcder oder Al-Qaida sind l\u00e4ngst in nationale Sektionen zerbrochen. Der Islam als theoretische Einheit existiert nur unter den marginalen lauten Kalifats-J\u00fcngern und antiislamischen Kreisen. Wie es um die gesamtislamische Umma steht, sieht man heute in Gaza. Mehr muss man nicht erkl\u00e4ren.<\/p>\n <\/p>\n Oft wird von dem rechten Menschenbild gesprochen. In Ihrem Artikel \u201eMenschenbilder \u2013 Unser Selbstbild im Wandel\u201c in AGORA 5 haben Sie dazu ausf\u00fchrlich hergeleitet, wie sich selbiges \u00fcber die Jahrhunderte ver\u00e4ndert hat. Wo bewegt sich die Deutsche Rechte heute hin? Sehen Sie hier ein europ\u00e4isches oder gar globales Ph\u00e4nomen?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Die eigentlich nichtrechte Rechte huldigt weitgehend einem anthropozentristischen Menschenbild, weil sie zu sehr im Liberalismus wurzelt. Es gibt zwei Ausnahmen: die wenigen wirklich Religi\u00f6sen und die Anh\u00e4nger des reinen Soziobiologischen. Das findet man bei einigen V\u00f6lkischen und Nationalsozialisten. Diese Str\u00f6mung unterstellt sich \u00fcbermenschlichen Naturgesetzen, denen ich religi\u00f6sen Charakter zuerkenne. Man nennt das \u201eNomotheismus\u201c. In besagter AGORA 5 z\u00e4hle ich sogar eine transhumanistische Str\u00f6mung dazu, die eine \u201eVeredelung des Menschen\u201c \u00fcber nat\u00fcrliche Evolution erwartet und sich somit ebenfalls einem Naturgesetz jenseits menschlicher Einflussnahme unterstellt. Ohne religi\u00f6se Wiedergeburt bleibt der Anthropozentrismus dominant.<\/p>\n Das gilt auch f\u00fcr Europa und andere Kontinente, wobei in Staaten st\u00e4rkerer Religiosit\u00e4t wie in Osteuropa, Asien und Afrika klar theozentristische Menschenbilder noch stark vertreten sind. Es ist aber falsch, islamische, buddhistische oder hinduistische Zivilisationsr\u00e4ume als resistent gegen das \u201eAllzumenschliche\u201c anzusehen. S\u00e4kularisierung und Werterelativismus finden wir global in der Offensive bei ebenfalls zunehmendem Widerstand dagegen.<\/p>\n <\/p>\n <\/p>\n Die Rechte ist im Zugzwang. W\u00e4hrend die herrschende Klasse zunehmend an Einfluss verliert und sich immer mehr Menschen politisch nach rechts orientieren, sind die Rechten gar nicht auf die ver\u00e4ndernden Verh\u00e4ltnisse vorbereitet. Es stellt sich gar die Frage, ob selbige qualitativ den geschichtlichen Anforderungen gewachsen sind. Daher sprechen wir mit unserem Autor, Analysten und Fachmann f\u00fcr Ideengeschichte und Identit\u00e4tsforschung Dominik Schwarzenberger<\/strong> \u00fcber das Thema. Schwarzenberger ist Politikwissenschaftler, Historiker und befasst sich seit vielen Jahren mit religionswissenschaftlichen Fragen. Die Redaktion <\/em><\/p>\n Die Linken haben ihre Ikonen wie Marx, Engels, Lenin oder Luxemburg, die zumindest gro\u00dfenteils lager\u00fcbergreifend anerkannt werden. Es handelt sich dabei um linke Revolution\u00e4re sowie Intellektuelle, die sehr ideologiestiftend f\u00fcr die Linke gewirkt haben. Bei Rechten gibt es sowas nicht. Manche meinen, dass dies eher eine Schw\u00e4che gegen\u00fcber den Linken sei. Wie sehen Sie das?<\/em><\/p>\n <\/p>\n D.S.:<\/strong> Diese Antwort werden Sie wohl noch \u00f6fter h\u00f6ren: es hat Vor- und Nachteile, es kommt auf den Fall, die historische-konkrete Situation an.<\/p>\n Es entbehrt nicht einem gewissen Unterhaltungswert, innerlinke Diskussionen um den ber\u00fchmten \u201eBarte des Propheten\u201c zu beobachten. Dogmatismus und gegenseitige Bannfl\u00fcche wie sie an theologische Dispute erinnern erfreuen sich gro\u00dfer Beliebtheit. Man beobachte nur den trotzkistischen H\u00fchnerhaufen, der sich in verschiedene sektiererische Str\u00f6mungen zerfleischt und sich gegenseitig stalinistische Agentent\u00e4tigkeit vorwirft. Der Vorteil dieser linken Besonderheit liegt andererseits in einem theoretischen Fundament und Systemdenken. Der Nachteil in Dogmatismus, Erstarrung und Unbeweglichkeit.<\/p>\n Nehmen wir einmal einen revolution\u00e4ren Prozess mit konkreten machtpolitischen Br\u00fcchen. Eine Revolution ist kein Umsturz wie gemeinhin angenommen, sondern ein Prozess, der ein geistiges Klima in ein neues \u00fcberf\u00fchrt. Der machtpolitische Wechsel z.B. als Umsturz ist nur die Folge oder nur ein Zwischenstadium. Schauen Sie sich die Russische Revolution an: die fand nicht 1917 statt, sondern von den 1890ern bis 1922, vielleicht sogar bis zur Monopolstellung Stalins.<\/p>\n <\/p>\n Kommen wir auf die eigentliche Frage zur\u00fcck\u2026<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Manchmal kann es \u00fcberlebensnotwendig sein, vor Vollendung der Revolution ein klares Programm auf ideologischer verbindlicher Basis zu haben, das erleichtert die Bildung von Orden \u00e4hnlichen Kaderorganisationen aus fanatischen Aposteln. Lenin hatte das erkannt und profitierte von seiner ideologischen Exklusivit\u00e4t, w\u00e4hrend die ideologisch heterogene Allianz der Profiteure vom Februar 1917 unter dem \u00fcberforderten Kerenski nach dem Sturz des Zaren erst nach L\u00f6sungen suchten. Deren geistige und folglich machtpolitische L\u00e4hmung wurde von Lenin im Oktober ausgenutzt. Der folgende russische B\u00fcrgerkrieg best\u00e4tigt wieder nur Lenins Strategie: seine Kampffront war weitgehend geschlossen und offensiv, seine Feinde aufgrund ihrer hoffnungslosen Heterogenit\u00e4t defensiv und zerstritten.<\/p>\n Im Falle Hitlers haben wir einen umgekehrten Fall: Trotz seines \u201egranitenen Fundaments\u201c war der NS gerade keine geschlossene Ideologie, zog aber wohl wegen des chiliastischen Charakters, Hitlers Charisma, seiner \u00c4sthetik und ganz besonders der prek\u00e4ren Lage Deutschlands ebensolche Fanatiker an. Die ideologisch vage NSDAP konnte v\u00f6llig unterschiedliche Str\u00f6mungen und Gesellschaftsschichten sammeln, die ideologische Kl\u00e4rung folgte dann erst nach der Macht\u00fcbernahme und entsorgte nach dem angeblichen \u201eR\u00f6hm-Putsch\u201c Vertreter einer wenig beachteten ideologischen Bandbreite, nicht nur die NS-Sozialrevolution\u00e4re.<\/p>\n Ich kann also nicht beurteilen, ob die deutsche Rechte heute vom Mangel an Integrationsfiguren profitiert oder nicht.<\/p>\n <\/p>\n Im Allgemeinen kann die Rechte als sehr heterogen angesehen werden. Aus rechter Sicht wirken die Linken u.a. aufgrund des oben beschriebenen Ph\u00e4nomens ziemlich geeint. Beim genauen Hinschauen allerdings sind sie sich jedoch in vielen Fragen sehr uneinig. Ihre vermeintliche Einigkeit speist sich aus einer Antirechts-Haltung. Sehen Sie hier Parallelen zwischen rechts und links?<\/em><\/p>\n D.S.: <\/strong>Ja, sehe ich f\u00fcr die zeitgen\u00f6ssische Linke. Die befindet sich seit Jahren in einer tiefen Identit\u00e4tskrise. Momentan w\u00e4chst die Rechte aufgrund geballter sich bedingender Krisenerscheinungen und den undifferenzierten Angriffen des Establishments gegen alles Nonkonforme und die inflation\u00e4r gebrauchten Begriffe rechts und rechtsextrem. So wurden die Proteste gegen die irren Corona-Ma\u00dfnahmen als von rechts unterwandert diffamiert \u2013 ein Verdienst, das gerade nicht auf die paralysierte und in dieser Problematik gespaltene Rechte zutraf. Auch das finden wir in anderen L\u00e4ndern.<\/p>\n <\/p>\n Was ist das identit\u00e4tsstiftende Moment, das die Rechte einen kann? Bedarf es \u00fcberhaupt einer Einigung?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Das einigende Moment beschr\u00e4nkt sich auf die ungehemmte Einwanderung. Schon beim Umgang mit derselben und dem Bewahren des Eigenen zeigen sich Unterschiede. Will man eine R\u00fcckf\u00fchrung oder Assimilation? Will man zu traditionellen Werten zur\u00fcck oder will man linke kulturelle Errungenschaften als das zeitgem\u00e4\u00dfe Eigene gegen fremdl\u00e4ndische antimoderne Reaktionen bewahren?<\/p>\n Eine Einigung bedarf es meiner Ansicht nach nicht. Konkurrenz belebt bekanntlich das Gesch\u00e4ft und sch\u00e4rft den Geist. Eine einheitliche Struktur w\u00fcrde nur Zentralisieren und Nivellieren. Das qualitative Gef\u00e4lle ist sehr stark: \u201eDer Starke ist am m\u00e4chtigsten allein\u201c. Es ist ohnehin ein Mythos, es habe jemals eine geeinte Rechte gegeben. Anh\u00e4nger dieser Forderung verweisen auf das Ausland oder die Zwischenkriegszeit, beides falsch: Die ausl\u00e4ndische Rechte ist ebenso zersplittert und die Weimarer Zeit war es auch. Der Eindruck beruht auf der zeitweisen Pr\u00e4senz einer dominierenden Organisation um charismatische Pers\u00f6nlichkeiten. Das sind nur Momentaufnahmen und k\u00f6nnen sich jederzeit \u00e4ndern. Die NSDAP musste sich m\u00fchsam gegen die viel erfolgversprechenderen Nationalkonservativen der DNVP und diffusen V\u00f6lkischen behaupten und hatten auch 1933 noch marginale rechte Rivalen, das gilt f\u00fcr die LePens in Frankreich oder Frau Meloni in Italien. Im Ausland glaubt man \u00fcbrigens mit der AfD eine vereinte Rechte hierzulande zu haben.<\/p>\n \u00d6sterreich ist ein interessanter Fall von T\u00e4uschung: dort erleben wir seit 1956 mit der FP\u00d6 eine dominante rechte Partei \u2013 aber: Die FP\u00d6 hat nicht das rechte Monopol und war auch nie wirklich rechts, sondern die Monopolpartei des \u201eDritten Lagers\u201c aus dem Kaiserreich. Eine breite Sammlung aus Liberalen, Nativisten, Antiklerikalen, Vertretern freier Berufe, Protestanten und Gro\u00dfdeutschen. Meist aus FP\u00d6-Abspaltungen entstanden auch immer wieder Konkurrenten. Die \u00d6VP als Monopolpartei des \u201eErsten Lagers\u201c integriert ebenfalls ein erheblich rechtes Potenzial und stand dem eingangs beschriebenen urrechten Prinzip deutlich n\u00e4her.<\/p>\n <\/p>\n MetaPol betont die Heterogenit\u00e4t der Rechten immer als St\u00e4rke, solange sie dezentral organisiert wird, also organisch aus den unterschiedlichen binnenrechten ideologischen Lagern kommt. Wie kann die Rechte von dieser Vielfalt profitieren?<\/em><\/p>\n D.S: <\/strong>Die heutige Rechte profitiert schon: es gibt eine Form unkoordinierter Aufgabenteilung und Zielgruppenerschlie\u00dfung. Das h\u00e4ngt mit der Vernetzung auf rein pers\u00f6nlicher Ebene nach Sympathie und Neigung zusammen. Auch anscheinend konkurrierende Zeitschriften erg\u00e4nzen sich. Was Parteien angeht, bearbeiten AfD, \u201eFreie Sachsen\u201c oder \u201eDritter Weg\u201c eine unterschiedliche Klientel. Das gilt auch f\u00fcr andere L\u00e4nder.<\/p>\n <\/p>\n Der bekannte EU-Politiker Maximilian Krah unterscheidet in seinem Buch \u201ePolitik von rechts\u201c zwischen den Konservativen und den Rechten. Er selbst z\u00e4hlt sich zu letztem, w\u00e4hrend erster Begriff mit Menschen wie Armin Laschet stehen w\u00fcrde. Konservativ wird heute tats\u00e4chlich nicht unbedingt mit der Restauration oder den Reaktion\u00e4ren, also urrechten Ideen verbunden. Es steht eher f\u00fcr b\u00fcrgerlich. Die CDU\/CSU sind dabei das parlamentarische Pendant. Ist so eine Unterscheidung aus Ihrer Sicht sinnvoll oder geboten? Oder gibt die Rechte einen urrechten Begriff auf und \u00fcberl\u00e4sst ihm dem politischen Gegner?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Herrn Krahs Unterscheidung sehe ich kontraproduktiv. Konservativ erscheint mir als typischer Relationsbegriff zwar sehr ung\u00fcnstig: inhaltlich vage und als zu altv\u00e4terlich besetzt, was wohl Krahs Motiv war, diesen Begriff den b\u00fcrgerlichen Blockparteien unterzuschieben. Dennoch gibt es im bildungsb\u00fcrgerlichen Milieu, den Kirchen und Sicherheitsorganen Anh\u00e4nger eines herk\u00f6mmlichen Konservatismus-Begriffs. Zudem k\u00f6nnen besagte CDUler den frei gewordenen Konservatismus als staatsloyal, demokratisch, seri\u00f6s und moderat gegen b\u00f6se rechte AfDler verkaufen. Ich w\u00fcrde es umkehren und den Konservatismus-Begriff vor den Unionsparteien sch\u00fctzen, d.h. CDU\/CSU vorhalten, sich liberalisiert oder gar sozialdemokratisiert zu haben. Konservatismus als Eigenbezeichnung mit Varianten wie \u201ejung- oder volkskonservativ\u201c kann man erg\u00e4nzend nutzen und f\u00fcr sich zus\u00e4tzlich in Anspruch nehmen.<\/p>\n <\/p>\n In den letzten Monaten, sp\u00e4testens mit dem Eklat im Th\u00fcringer Landtag unmittelbar nach den Wahlen, dr\u00e4ngt sich der Vergleich zur Zeit der Weimarer Republik auf. Der Zusammenbruch der Koalition bekr\u00e4ftigt das Ganze nochmal. Wo sehen Sie hier Parallelen, wo mehr Unterschiede<\/em>?<\/p>\n DS.: <\/strong>Der fundamentale Unterschied zur Zwischenkriegszeit liegt in der Frage des Konformismus: Die erste deutsche Republik war klar rechtslastig, wenn auch nicht restaurativ. Nationalismus, traditionelle Werte, die Ablehnung der Kriegsschuldfrage und des Versailler Vertrags waren Staatsraison. Das rechte Extrem wurde zwar gelegentlich bek\u00e4mpft, aber nicht aus inhaltlichen Gr\u00fcnden, sondern weil nicht immer Gesetzes konform. Schauen Sie, wie lax man gegen rechte Gewaltt\u00e4ter vorging, die eher wegen St\u00f6rung von Ruhe und Ordnung verfolgt wurden. Die Linke hatte es deutlich schwerer. Heute ist rechts bei uns grunds\u00e4tzlich nonkonform \u2013 der gro\u00dfe Unterschied auch zu Osteuropa oder Frankreich.<\/p>\n Was an Weimar erinnert, ist die Entfremdung zum parlamentarischen System und die radikalisierende Polarisierung in unvers\u00f6hnliche Lager, die eine Mittelposition unm\u00f6glich machen: \u201eWer nicht f\u00fcr uns ist, ist gegen uns.\u201c Als Folge erleben wir eine Aufl\u00f6sung traditioneller Parteibindungen mit der Erosion der alten Volksparteien und dem Entstehen neuer Bewegungen. Parlamentarische Mehrheiten werden immer schwieriger und fragiler, Koalitionen inhaltlich immer abenteuerlicher. In Th\u00fcringen und Sachsen haben wir Koalitionen auf reiner Anti-AfD-Grundlage.<\/p>\n <\/p>\n Die Rechte steht gewaltig unter Zugzwang. Die heutige herrschende Klasse wird als allgemein links wahrgenommen. Die wesentliche Voraussetzung einer jeden Revolution, also der Umkehr der bestehenden Verh\u00e4ltnisse zwischen der herrschenden und der beherrschten Klasse, besteht darin, dass letztere der ersten die Legitimation, ja die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Herrschaft abspricht. Genau das passiert gerade offen, was daf\u00fcr sorgt, dass die rechte Opposition zunehmend an Einfluss gewinnt. Sind die Rechten auf diese Ver\u00e4nderungen \u00fcberhaupt vorbereitet? Also sind sie qualitativ \u00fcberhaupt in der Lage die staatspolitischen Gesch\u00e4fte zu \u00fcbernehmen? M\u00fcssen sie das \u00fcberhaupt oder wird sich das von alleine einspielen?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Die sogenannte Rechte ist nicht vorbereitet, aber wer ist \u00fcberhaupt vorbereitet? Das scheint mir auch eine psychologische Frage zu sein. Den Rechten fehlt das Selbstvertrauen als Probleml\u00f6ser, sie wollen gar nicht staatspolitische Verantwortung \u00fcbernehmen \u2013 und wahrscheinlich ist das jetzt auch gut so. Es fehlt an Alternativen und Konzepten, die ein Selbstbewusstsein der eigenen Sendung erst garantieren. Da sind wir wieder bei der Frage nach linken Integrationsfiguren als verbindliche Theoretiker.<\/p>\n Es wird sich aber auch vieles von selbst ergeben: ich beobachte das Renegatentum des Establishments, das Umorientieren der Wirtschaft als Folge der chinesischen und US-amerikanischen Herausforderungen und nat\u00fcrlich die Sicherheitsorgane und Geheimdienste. Um diese Systemkomplexe zu erschlie\u00dfen, um sich als kompetent zu empfehlen, sind wiederum die Schaffung von Alternativen notwendig. Ich vergleiche das mit einem jungen Selbst\u00e4ndigen, der einen Bankkredit w\u00fcnscht: Er ben\u00f6tigt einen Businessplan, der bestimmte Voraussetzungen erf\u00fcllt wie Marktanalyse, Produktbeschreibung, Konkurrenzsituation, Marketing und Rentabilit\u00e4tsvorschau. Nat\u00fcrlich wei\u00df der Bankvertreter, dass ein solcher Plan nicht voll aufgeht, aber ein Plan zeugt von Seriosit\u00e4t und Nachhaltigkeit.<\/p>\n Von allein spielt sich gar nichts ein, andere lauern auch auf ihre Chance und die herrschende Klasse erweist sich vielleicht als best\u00e4ndiger als momentan ersichtlich. Ein Ertrinkender schl\u00e4gt bekanntlich um sich.<\/p>\n <\/p>\n Auf welchen Feldern besitzen die Rechten echte Kompetenzen und wo haben sie Nachholbedarf?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Die bereits erw\u00e4hnte Zeitdiagnose \u00fcber Kulturkritik halte ich f\u00fcr eine St\u00e4rke. Als Folge erleben wir seit den 2000ern wieder ein rechtes Feuilleton sowie allm\u00e4hlich eine eigene Literatur. \u00c4sthetik und Stil sind wichtige Elemente eines politischen Milieus und k\u00f6nnen einmal als Einfallstor zum bildungsb\u00fcrgerlichen und akademischen Milieu dienen. Die \u00c4sthetik des historischen NS fasziniert noch heute das Ausland. Auf das Thema Einwanderung hat die Rechte ein Monopol, wenn es auch unterschiedliche Rezepte gibt. Ansonsten kann ich keine Kompetenzen sehen. Es fehlt an \u00f6konomischen \u00dcberlegungen und die Bereiche Geopolitik, Energie, Bildung, Gesundheit, Soziales, Administration oder Verkehr werden ignoriert, dilettantisch oder hoch ideologisch bearbeitet \u2013 allerdings ebenso beim weltanschaulichen Gegenspieler.<\/p>\n Die sogenannte Asylkrise von 2015 und v.a. Corona zeugen vom rechten Versagen: Wie das Kaninchen vor der Schlange erstarrte die Rechte. Dabei waren das geschenkte Elf-Meter. Dieses Vakuum wurde von bisher abseitsstehenden Akteuren gef\u00fcllt, die wegen Anfeindungen seitens des Establishments nach rechts getrieben wurden. Merkw\u00fcrdigerweise ein globales Ph\u00e4nomen.<\/p>\n <\/p>\n Autoren wie Benedikt Kaiser fordern die Rechten indirekt auf von Linken zu lernen. Auch MetaPol befasst sich sehr stark mit linken Strategien und linkem Denken. Daf\u00fcr hagelt es auch manchmal Kritik, insbesondere offenbar aus ideologischen Beweggr\u00fcnden heraus. Wo denken Sie, k\u00f6nnen die Rechten von Linken lernen und wo laufen sie Gefahr den \u201erechten Pfad\u201c zu verlassen?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Von der Linken unserer Tage l\u00e4sst sich nichts mehr lernen \u2013 das wird sicher wieder anders. Aber von den historischen Linken kann man viel \u00fcbernehmen. Ich denke da an das dialektische Denken, das zum Denken in Systemen und weg vom illusorischen Denken in Personen wie Voluntarismus und Dezisionismus f\u00fchrt. Zusammenh\u00e4nge jenseits linearer Monokausalit\u00e4ten werden sichtbar und Handlungsspielr\u00e4ume erweitern sich. So manch linke Analysen wie Johannes Agnolis \u201eDie Transformation der Demokratie\u201c von 1967 sind heute noch lesenswert.<\/p>\n Dann konnte man linke Organisationsformen und Organisationsdisziplin \u00fcbernehmen sowie Aktionsstrategien und der Bedeutung f\u00fcr ideologische Bildung. Sodann beneidete ich die Linke um eine gewisse Heiterkeit und Witz, die im wohltuenden Kontrast zur rechten Larmoyanz standen. Die Erkenntnis der Bedeutung sozio\u00f6konomischer Ursachen f\u00fcr Entwicklungsprozesse \u00e0 la \u201eDas Sein bestimmt das Bewusstsein\u201c waren ganz besonders wertvoll. All diese linken Vorz\u00fcge sind momentan pass\u00e9, die Linke hat sich ihres Vorsprungs beraubt. Das kommt daher, dass die Rechte ihres nonkonformen Charakters wegen st\u00e4ndig behindert wird und improvisieren muss. Das h\u00e4rtet ab und macht kreativ. Die inzwischen konformistische Linke wird demgegen\u00fcber alimentiert und mit Nachsicht bedacht. Das verweichlicht und macht bequem.<\/p>\n <\/p>\n Revolution und nachhaltige gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen schwingen automatisch immer bei rechten Diskussionen mit. Auch MetaPol schrieb dazu schon mehrere Aufs\u00e4tze \u00fcber das Thema<\/em> (siehe u.a. <\/em>submitted<\/em><\/a>, <\/em>submitted<\/em><\/a>, <\/em>submitted<\/em><\/a> and <\/em>submitted<\/em><\/a>). Nun haben wir schon gesehen, dass die Rechten sich meist als reaktion\u00e4r gesehen haben, was allgemein genau das Gegenteil von revolution\u00e4r ist. Muss der rechte Reaktion\u00e4r in der linken woken Gesellschaft heute nicht sogar zum Revolution\u00e4r werden? Wie kann das Revolution\u00e4re mit dem Reaktion\u00e4ren vers\u00f6hnt werden? Ist das \u00fcberhaupt m\u00f6glich?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Ja, das ist dringend notwendig und die Regel menschlicher Evolution.<\/p>\n Zun\u00e4chst: Ich halte den Begriff reaktion\u00e4r im Gegensatz zu Nicol\u00e1s G\u00f3mez D\u00e1vila f\u00fcr ebenso ung\u00fcnstig wie konservativ, weil bereits verbrannt. Der gro\u00dfe D\u00e1vila wollte wohl damit provozieren und seine absolute Gegnerschaft zur Modernistischen Rechten der Aufkl\u00e4rung verdeutlichen. Ich sehe reaktion\u00e4r als formenkonservativ an, d.h. an einem konkreten historischen Vorbild h\u00e4ngend. Das Gegenst\u00fcck ist der Progressismus oder Fortschrittsoptimismus, der wurzellos in die Zukunft strebt. Ich nutze den jungfr\u00e4ulichen Begriff \u201eRenatismus\u201c von lat. Wiedergeburt. Man kann es mit dem Grundgedanken der sogenannten \u201eKonservativen Revolution\u201c Mohlers vergleichen, wobei ich allerdings nur die \u201ejungkonservative\u201c Str\u00f6mung als konservativ-revolution\u00e4r ansehe: beide Extrema sind vers\u00f6hnt und organisch verbunden: denn man bewahrt chiffriert in Traditionen, Riten, Mythen und Symbolen das, was ewige Gewissheit hat und von einer au\u00dfermenschlichen Quelle stammt. Diese ewigen Gewissheiten d\u00fcrfen also nicht zeit- und raumgebunden sein, sondern m\u00fcssen st\u00e4ndig neue historisch erfordernde Formen ausbilden und wieder abstreifen. Ein Paradebeispiel ist die Bewahrung des japanischen Wesens mit seinem Samurai-Geist und deren Konkretisierung \u00fcber die Meji-Reformen. Folgende passende Zitate illustrieren diese Formel:<\/p>\n \u201eKonservative Revolution nennen wir die Wiederinachtsetzung all jener elementaren Gesetze und Werte, ohne welche der Mensch den Zusammenhang mit der Natur und mit Gott verliert und keine wahre Ordnung aufbauen kann. An Stelle der Gleichheit tritt die innere Wertigkeit, an Stelle der sozialen Gesinnung der gerechte Einbau in die gestufte Gesellschaft, an Stelle der mechanischen Wahl das organische F\u00fchrerwachstum, an Stelle b\u00fcrokratischen Zwangs die innere Verantwortung echter Selbstverwaltung, an Stelle des Massengl\u00fccks das Recht der Volkspers\u00f6nlichkeit.\u201c (Edgar J. Jung)<\/p>\n \u201eEs gibt kein Vergangenes, das man zur\u00fccksehnen d\u00fcrfte; es gibt nur ein ewig Neues, das sich aus den erweiterten Elementen des Vergangenen gestaltet.\u201c (Goethe)<\/p>\n \u201eNicht ein H\u00e4ngen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.\u201c (Albrecht Erich G\u00fcnther)<\/p>\n „Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“ (Thomas Morus)<\/p>\n Der Echte Rechte muss also ewige kosmische Ordnungsprinzipien und Bew\u00e4hrtes erhalten und pflegen sowie das Relative regelm\u00e4\u00dfig \u00fcberwinden. Aufkl\u00e4rung und Revolutionen fallen nicht einfach vom Himmel, sondern sind warnende Symptome f\u00fcr Verkrustung und Sinnentleerung.<\/p>\n <\/p>\n Das B\u00fcndnis Sahra Wagenknecht ist Ausdruck, dass die Opposition nicht nur von rechts w\u00e4chst, sondern auch von links. Gleichzeitig f\u00e4llt auf, wie viele \u00dcberschneidungen es in den Themen, aber auch in den Positionen bspw. mit der AfD gibt. Sehen Sie vielleicht nicht konkret zwischen diesen beiden, aber im Allgemeinen zwischen linken wie rechten Akteuren Synergieeffekte oder gar eine zumindest zeitweise konkrete Zusammenarbeit? Was halten Sie von dem Querfrontgedanken, der immer wieder in der Rechten auftaucht?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Eine Kooperation mit Linken erwarte ich in absehbarer Zeit nicht, es passt auch nicht zu Deutschland. Was ich erwarte, sind linke Renegaten, die nach rechts wechseln. Die deutsche Linke ist auf ihre Art so gr\u00fcndlich wie die Rechte. Die Wagenknecht-Partei ist f\u00fcr mich ein Experiment und erinnert an die italienischen \u201eF\u00fcnf Sterne\u201c Grillos, weder Fisch noch Fleisch. Ich sehe nur eine \u00dcberschneidung: die Position zum Ukraine-Krieg. Schon die Einwanderung wird ja von den \u201eWagenknechten\u201c gar nicht Infrage gestellt, sondern nur die illegale Zuwanderung.<\/p>\n Die Konkurrenzsituation um Protestw\u00e4hler kann ich dagegen nur begr\u00fc\u00dfen und auf regionaler oder lokaler Ebene wird es sicher auch Zusammenarbeit geben.<\/p>\n <\/p>\n Das Establishment br\u00f6ckelt allm\u00e4hlich. Hier sind bereits Fragmentierungen der Eliten sowie der Abfall eines nicht unerheblichen Teils der Intelligenzija zu beobachten. Auff\u00e4llig ist dabei, dass die Abtr\u00fcnnigen sich eher in Richtung rechts bewegen. Denken wir an Leute wie Dr. Markus Krall, Dr. Hans-Georg Maa\u00dfen oder die vielen Leute, die in den letzten Jahren in die AfD eingetreten sind und sogar ihr Gesicht f\u00fcr selbige herhalten. Wie sehen Sie dieses Zusammenspiel zwischen der abtr\u00fcnnigen Elite und der rechten sowie linken Opposition?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Das wird noch zur Massenbewegung, zun\u00e4chst still und schleichend, aber dann brechen die D\u00e4mme. Wir haben heute die spannende Situation, dass objektive Gegebenheiten rechte Ideologeme erfordern. Hinzu kommt der nicht zu untersch\u00e4tzende Opportunismus pers\u00f6nliche Abw\u00e4gungen, rechtzeitig das sinkende Schiff zu verlassen. Solche Tendenzen hat es immer gegeben. Man sollte sich den Renegaten nicht verschlie\u00dfen, auch wenn einzelne Opportunisten moralisch ein \u00c4rgernis sind. Jahrelang haben andere den Kopf hingehalten und Verfolgung erlitten, w\u00e4hrend sich so manch k\u00fcnftiger \u00dcberl\u00e4ufer ganz bequem in Amt und W\u00fcrden befand. Der Typus, der schon immer die geballte Faust in der Tasche hatte, bleibt dennoch wichtig. So ist der Mensch \u2013 wer w\u00fcsste es besser als der Rechte?<\/p>\n <\/p>\n Die meisten Menschen gehen, um etwas zu tun und sich an der politischen Willensbildung zu beteiligen, in eine Partei oder gr\u00fcnden ggf. selber eine. Nun machen Sie ja bekanntlich auch keinen Hehl daraus, dass Sie Parteien pers\u00f6nlich meiden. Nun spricht allerdings sogar das Grundgesetz von Parteien und das in Deutschland existierende Parteiengesetz regelt es, dass Parteien ma\u00dfgeblich am politischen Willensbildungsprozess mitwirken. Sind Parteien daher nicht auch wichtig? Wem raten Sie ggf. davon ab, wem zu sich in Parteien zu organisieren?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> \u201eFeind, Todfeind, Parteifreund“. Parteien k\u00f6nnen eine wichtige Funktion haben, sie k\u00f6nnen f\u00f6rderlich wie auch hemmend wirken. Wie \u00fcblich: es kommt auf den konkreten Fall an. Grunds\u00e4tzlich kann ich aber nicht sagen, es bedarf Parteien. Leider wird es in Deutschland keine Parteien wie den FN oder MSI mit ihren Str\u00f6mungen geben. Str\u00f6mungen mit eigener Infrastruktur liegen zwischen ideologischen Fl\u00fcgeln und formellen Faktionen. Parteien sind nun mal ein Faktor und man kann von au\u00dfen Parteien leichter beeinflussen als von innen, man befindet sich ja nicht auf der gleichen Ebene des Parteigenossen, d.h. man buhlt nicht um P\u00f6stle. Denkfabriken finden Einfallstore, wenn sie an der Verbreitung ihrer Ideen interessiert sind und nicht an direkter Machtaus\u00fcbung. F\u00fcr wichtig und oft untersch\u00e4tzt sehe ich die Funktion einer Partei als Sozial- und Freizeitgemeinschaft. Da interessiert mich besonders die Kreis- und Ortsebene. Beide hervorragende Kontaktb\u00f6rsen. Speziell die AfD kann ein Sprungbrett f\u00fcr weitere Partizipationsm\u00f6glichkeiten darstellen.<\/p>\n Parteien k\u00f6nnen Enttabuisieren \u2013 die Metapher \u201eEisbrecher\u201c hatten wir ja schon thematisiert \u2013, und Parteien k\u00f6nnen leichter Interessierte anziehen, sie dienen dem Erstkontakt. Theoretiker und Idealisten sind dort fehl, werden ern\u00fcchtert und desillusioniert \u2013 was dann wieder einen Nutzen f\u00fcr au\u00dferparteiliche Strukturen hat. Das \u201eeherne Gesetz der Oligarchie\u201c Michels selektiert und sorgt f\u00fcr einen Bewusstseinswandel.<\/p>\n <\/p>\n Halten Sie es f\u00fcr wahrscheinlich, dass sich rechts neben der AfD weitere Parteien etablieren k\u00f6nnten? Kritiker werfen hierzu ein, dass die politische Stimmungslage daf\u00fcr nicht ausreicht. Die AfD liegt in derzeitigen Umfragen bundesweit bei ca. 22 %. Damit ist schwerlich eine Mehrheit zu bilden.<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Ja, das erwarte ich. Umfragen interessieren mich wenig. Die sind vom Augenblick abh\u00e4ngig. Man denke nur an die Wirkung des Fukushima-Ungl\u00fccks auf die Umfragewerte der Gr\u00fcnen. Es wird von wirtschaftlichen Gegebenheiten abh\u00e4ngen und der Einwanderungsthematik. Momentan sehe ich keine existierende Partei, die Wachstumspotenzial hat, aber das besagt gar nichts und aus der AfD heraus kann sich auch einmal ganz schnell ein radikaler wie gem\u00e4\u00dfigter Fl\u00fcgel \u2013 wie bereits schon geschehen \u2013, abspalten und etablieren. Hierf\u00fcr bietet das Ausland unz\u00e4hlige Beispiele.<\/p>\n <\/p>\n K\u00f6nnen Sie uns bitte ein paar nennen? Vor allem aus den bei Rechten beliebten L\u00e4ndern wie Italien, Frankreich oder Ungarn?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Zun\u00e4chst einige beg\u00fcnstigende Momente f\u00fcr Spaltungen: innerparteiliche Konfliktlinien entstehen meist aufgrund pers\u00f6nlicher, ideologischer, berufsst\u00e4ndischer und regionaler Konflikte. Oft treten solche Konflikte kombiniert auf und das pers\u00f6nliche Moment wird damit legitimiert. Damit oft verbunden sind Gegens\u00e4tze strategischer Natur: gem\u00e4\u00dfigtes Auftreten oder radikal. Die Gem\u00e4\u00dfigten betreiben mitunter auch nur Mimikry, was vom ebenso verbreiteten Gegensatz zwischen Realos und Fundis herr\u00fchrt, d.h. die sich f\u00fcr realistisch Haltenden geben sich gern gem\u00e4\u00dfigt, weil momentan keine breiteren Spielr\u00e4ume existieren.<\/p>\n Der \u201eFront National\u201c des alten LePen musste 1999 eine sehr belastende Abspaltung hinnehmen. Bruno M\u00e9gret l\u00f6ste sich aus strategischen und pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden von der Mutterpartei und konnte zahlreiche Mandatstr\u00e4ger und Funktion\u00e4re gewinnen. Seine neue Kleinpartei vegetiert seither vor sich hin, w\u00e4hrend LePen wichtige Strukturen einb\u00fc\u00dfte und sich nur allm\u00e4hlich erholte. Urs\u00e4chlich war zudem ein regionaler Gegensatz: M\u00e9gret gewann v.a. im vernachl\u00e4ssigten S\u00fcden Mitstreiter.<\/p>\n Mit \u00c9ric Zemmours neuer Formation erwuchs auch dem \u201eRassemblement National\u201c Marine LePens eine Konkurrenz, die gleich kurz nach ihrer Gr\u00fcndung regionale Funktion\u00e4re, die mit Madame LePens F\u00fchrungsstil unzufrieden waren, zum \u00dcbertritt animierte. LePens Nichte Marion Mar\u00e9chal war die symboltr\u00e4chtigste. Schlie\u00dflich spaltete sich in Frankreich 2024 ein rechtsradikaler Fl\u00fcgel von der einst m\u00e4chtigen gaullistischen Hauptpartei ab und formierte sich zu einer eigenst\u00e4ndigen Partei. Das bewerte ich als Sensation.<\/p>\n In Ungarn haben wir einen sehr interessanten Fall: Von Orbans Partei l\u00f6ste sich lautstark der wichtige Funktion\u00e4r P\u00e9ter Magyar und trat einer belanglosen Kleinpartei bei, die sich zu einer moderaten Version der Mutterpartei FIDESZ wandelte. P\u00e9ter Magyar ist momentan der hoffnungsvollste Herausforderer Orbans und entstammt gerade nicht dem ideologisch feindlichen Lager der Linken und Liberalen. Magyar konnte zahlreiche Parteimitglieder gewinnen, die innerhalb Orbans FIDESZ nicht vom G\u00fcnstlingsystem profitierten.<\/p>\n Dann haben wir das Kuriosum \u201eJobbik\u201c, einst Modell vieler europ\u00e4ischer Nationalisten. Diese Partei m\u00e4\u00dfigte sich, da der rechte Rand im ungarischen Parteienspektrum angeblich von Orban ausgef\u00fcllt wird. Doch spalteten sich zwei Parteien in diesem Prozess ab: eine noch gem\u00e4\u00dfigtere um dem ehemaligen Vorsitzenden G\u00e1bor Vona und eine nationalradikale um L\u00e1szl\u00f3 Toroczkai. Diesem war die neue Jobbik zu gem\u00e4\u00dfigt, jenem immer noch zu radikal. Die radikale Variante scheint weit erfolgreicher zu werden als das moribunde Original \u201eJobbik\u201c.<\/p>\n In D\u00e4nemark haben wir ein weiteres Bsp. f\u00fcr eine erfolgreiche Abspaltung, die die Quellpartei in den Schatten stellt: Die \u201eD\u00e4nische Volkspartei\u201c l\u00f6ste sich aus ideologischen und pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden von der rechtslibert\u00e4ren \u201eFortschrittspartei\u201c und konnte \u00fcber viele Jahre das rechte Lager dominieren.<\/p>\n In \u00d6sterreich finden wir ein sehr verbreitetet Muster: 2005 spaltete sich der charismatische J\u00f6rg Haider von seiner Mutterpartei ab und gr\u00fcndete eine gem\u00e4\u00dfigtere Formation. Haider war auf dem Zenit seiner Kariere und misstraute der bekannten Unberechenbarkeit seiner unruhigen FP\u00d6. Mit von der Partie waren Mandatstr\u00e4ger, die ebenfalls gern ihre P\u00f6stle bewahren wollten \u2013 das war der kleinste gemeinsame Nenner. Hinzu kam ein regionaler Gegensatz: die FP\u00d6 wird von den \u201eK\u00e4rntner Buberln\u201c dominiert, weswegen die Unzufriedenheit der Funktion\u00e4re anderen Bundesl\u00e4nder gegen Haider wuchs. Nachdem Haiders \u201eB\u00fcndnis Zukunft \u00d6sterreich\u201c nach Anfangserfolgen allm\u00e4hlich in der W\u00e4hlergunst sank, kam es zum Exodus ehemaliger BZ\u00d6-Abgeordneter.<\/p>\n Mit den \u201eFratelli\u201c Italiens um Meloni erleben wir eine Partei, die m\u00f6glicherweise den Weg der ungarischen \u201eJobbik\u201c einschl\u00e4gt. Die aktuellen \u201eFratelli\u201c sind die dritte Version dieses Namens. Das gem\u00e4\u00dfigte oder besser realistische faschistische Lager zwischen den militanten Neofaschisten im Geiste Pino Rautis und den Postfaschisten im Geiste Finis sammelten sich nach dem Zerfall der \u201eNationalen Allianz\u201c in lokal zersplitterte Kleinstparteien um charismatische Platzhirsche. Der ehemalige B\u00fcrgermeister Roms und Minister Gianni Alemanno sowie Francesco Storace d\u00fcrften die bekanntesten sein. Jene lokalen Parteien verbanden sich unter Vorsitz der Kompromisskandidatin Georgia Meloni zum Verband \u201eFratelli d`Italia\u201c. Nach einigen regionalen Erfolgen verdichtete sich dieses Zweckb\u00fcndnis unter Einschluss s\u00fcditalienischer Regionalisten, Monarchisten und Katholiken zur zweiten Partei dieses Namens. Schlie\u00dflich kamen die Technokraten und Libert\u00e4ren der inzwischen verwaisten \u201eForza Italia\u201c hinzu und bildeten die dritte Variante der Fratelli. Aufgrund pers\u00f6nlicher, regionaler und ideologischer Differenzen verlassen sukzessiv die nationalradikalen Gr\u00fcnderv\u00e4ter und einige s\u00fcditalienische Patriarchen die Partei und bilden wieder lokal verankerte radikale Kleinstparteien.<\/p>\n Mit den \u201eSchwedendemokraten\u201c haben wir einen Fall, bei dem sich nicht Elemente der Mutterpartei abspalteten, sondern die wegen Radikalismus liquidierte Jugendorganisation zu einer eigenen Partei, der \u201eAlternative f\u00fcr Schweden\u201c, transformierte und einmal gef\u00e4hrlich f\u00fcr die einstige Mutterpartei werden kann.<\/p>\n Schlie\u00dflich das Bsp. Erdo\u011fan: Der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident entstammt der radikal-islamischen \u201eMill\u00ee G\u00f6r\u00fc\u015f-Bewegung\u201c und bildete die \u201ePartei f\u00fcr Gerechtigkeit und Aufschwung\u201c als Vertreterin des Realo-Lagers. Um seine W\u00e4hlerschaft sukzessiv zu erweitern, \u00f6ffnete er seine Partei f\u00fcr b\u00fcrgerliche und sogar s\u00e4kulare Kreise. \u00c4hnlich wie im Falle der ungarischen \u201eJobbik\u201c sind beide Parteipole inzwischen h\u00f6chst unzufrieden: die Radikalen oder Fundis wegen Verw\u00e4sserung der Grunds\u00e4tze und die Moderaten wegen des isolierenden Radikalismus`, der nur abschreckend und provozierend wirkt. Folgerichtig gibt es bereits eine b\u00fcrgerliche Abspaltung und eine radikal-islamische, die zur\u00fcck zu den Wurzeln will. Die ideologische Bandbreite bleibt aber trotzdem erhalten.<\/p>\n Wir k\u00f6nnen aus diesen Bsp. konstatieren: Abspaltungen sind nicht zwingend Totgeburten, es kommt auf die regionale Verankerung und gewachsene Strukturen an, die \u00fcbernommen werden m\u00fcssen. Unzufriedene Personen oder ganze Strukturen m\u00fcssen nicht eine eigene Partei gr\u00fcnden, sie k\u00f6nnen sich auch anderen anschlie\u00dfen. Auch ganze Sonderorganisationen k\u00f6nnen sich zu einer eigenen Partei transformieren.<\/p>\n <\/p>\n Wie sehen Sie die Zukunft vom BSW und halten Sie es f\u00fcr m\u00f6glich, dass sich eine stark linke, vielleicht sogar offen marxistische Partei etablieren k\u00f6nnte? Und wenn ja, wie sollte sich die Rechte darauf einstellen?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Ein \u00dcberleben des BSW in jetziger Form kann ich mir nicht vorstellen. Die Programmatik ist bewusst zu unklar gehalten, die Personaldecke d\u00fcrftig, Karriereritter zu viel vertreten und auf eine Person hin zentriert. Das BSW erinnert mich an die Republikaner unter dem allm\u00e4chtigen Sch\u00f6nhuber, die DVU unter Frey und ganz besonders an die Schill-Partei. Das BSW wird an seinem zu schnellen Wachstum scheitern. Schon rebellieren die Regionalverb\u00e4nde im Osten gegen die Zentrale. Geht das BSW den Weg des linksnationalen Robert Fico wird es automatisch aufgrund deutscher Ma\u00dfst\u00e4be als rechts eingestuft und kann tats\u00e4chlich f\u00fcr Rechte interessant werden.<\/p>\n Ich rechne mit einer echten marxistischen Partei. Da tut sich ein Vakuum auf, weil die soziale Frage wieder eine wichtige zentrale Rolle spielen wird, die rechte Politik nicht auf Dauer bedienen kann. Man beachte den schleichenden Kurswechsel des Industriekapitals im Schatten chinesischen und us-amerikanischen Protektionismus`. Die Rechte sollte diese Form von Renegatentum bedienen und sich nur um die Kleinb\u00fcrger bem\u00fchen.<\/p>\n Ein erneuerter Kommunismus wird sich dann um das neue Proletariat und die linksliberalen Intellektuellen k\u00fcmmern. Mit dem Wiederaufstieg der Kommunisten bekommt die Rechte dann nach Einwanderung und Bewahrung traditioneller Werte ihre dritte Existenzrechtfertigung. Ich begr\u00fc\u00dfe die kommunistische Renaissance.<\/p>\n <\/p>\n Was empfehlen Sie der Deutschen Rechten, was sie jetzt tun sollte? <\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> *Die Rechte sollte versuchen, in die Komplexe jenseits des Politischen einzudringen. Dazu geh\u00f6ren die erw\u00e4hnten vernachl\u00e4ssigten Themenfelder Wirtschaft, Energie, Wissenschaft, Milit\u00e4r, Sicherheit usw. Man \u00f6ffnet deren Pforten \u00fcber sachliche Kompetenz und Machtverzicht. Der Politische Komplex wird deshalb favorisiert, weil die Rechte als politischer Akteur zu sehr darauf fixiert ist und man ins Politische schnell hineinkommt \u2013 aber auch schnell wieder ausgeschieden wird. Der Politische Komplex hat kein Ged\u00e4chtnis, weshalb er stets offenbleibt. Im Politischen gibt es im Gegensatz zur Wirtschaft auch kein zu sp\u00e4t, sondern die Gefahr ist vielmehr ein zu fr\u00fch.<\/p>\n *Da das rudiment\u00e4re rechte Lager qualitativ enorm zugelegt hat, kann man darangehen, das konservative Politmilieu der Unionsparteien mit seinen sozio\u00f6konomischen Milieus zu erschlie\u00dfen. Das setzt besonders sachlich fundierte Programme als echte Probleml\u00f6ser voraus. Also gerade nicht mehr das populistische Element, wonach der K\u00f6der dem Fisch und nicht dem Angler schmecken muss. Oder treffender ausgedr\u00fcckt: Man soll sich k\u00fcnftig nicht mehr mit Karauschen zufriedengeben, sondern darf sich den schwerer zu fangenden fetten Karpfen, Hechten und Zandern zuwenden. Die CSU der 1950er bietet sich als ideales Untersuchungsobjekt an, wie ganz gezielt \u00fcber unideologische Sonderorganisationen auf berufsst\u00e4ndischer Basis bisher fremde Milieus erschlossen wurden.<\/p>\n *Die Rechte muss raus aus ihren Blasen. Sie h\u00e4lt sich f\u00fcr realistisch und volkst\u00fcmlich, befindet sich aber auch in einer Blase, best\u00e4tigt und konsumiert sich gegenseitig. Entweder erwarten ihre Akteure den ber\u00fchmten Tag X wie die urchristlichen Gemeinden oder sie interpretieren unsere Zeit als den endg\u00fcltigen Niedergang. Es lohnt sich auch linke und offizielle Medien zu verfolgen. Die treffendste Beurteilung etwa des j\u00fcngsten BRICS-Gipfels in Russland war ausgerechnet bei der Tagesschau zu finden. Es kursieren in alternativen Medien zu viele Halbwahrheiten, pers\u00f6nliche Spekulationen und Ideologeme, die ein realistisches Bild verhindern.<\/p>\n *Das inzwischen existierende rudiment\u00e4re rechte Milieu kann sich mit den schon lange beschworenen geschlossenen Wirtschaftskreisl\u00e4ufen befassen. Die m\u00fcssen gar nicht so geschlossen sein, binnenrechte Wirtschaftsstrukturen d\u00fcrfen durchaus auch nach au\u00dfen wirken. Man kann Immobilienfirmen \u2013 Plural! \u2013 mit Sitz im Ausland gr\u00fcnden, die endlich eine binnenrechte Infrastruktur erm\u00f6glichen, das empfiehlt sich auch \u00fcber eigene Druckereien, Radiosendungen usw.<\/p>\n <\/p>\n Herr Schwarzenberger, ich habe eine letzte Frage, die sicherlich auch unsere Leser brennend interessiert. Wo steht die deutsche Rechte in 5 bis 10 Jahren? Welche Szenarien halten Sie f\u00fcr m\u00f6glich?<\/em><\/p>\n D.S.:<\/strong> Die Frage ist pr\u00e4zise gestellt, weil eine Prognose unm\u00f6glich ist. Ich arbeite mit Szenarien. Es richtet sich nach den Schl\u00fcsselfaktoren Wirtschaft, Einwanderung und Weltlage. Alles bedingt sich. Wohin steuert Washington? Wie verz\u00f6gert sich Washingtons Niedergang? China wird nur kurzfristig profitieren und dann selbst degenerieren. Die globalen Machtverh\u00e4ltnisse werden auf immer schw\u00e4chere Staaten \u00fcbergehen. Was macht das mit Deutschland und Europa? Wie entwickelt sich die AfD? Fallen auf L\u00e4nderebene die Brandmauern zur CDU? Wie reagieren dann die einzelnen ideologischen und regionalen Fl\u00fcgel der AfD und der CDU?<\/p>\n Eine Zunahme des rechten Prinzips in Deutschlands Politik ist zu erwarten, weil sachliche Probleme heute rechte L\u00f6sungen erfordern, aber nicht zwingend von der AfD bedient werden. Wann erw\u00e4chst die erwartete marxistische Partei? Als wie stabil erweisen sich die Minderheitsregierungen und heterogenen Koalitionen auf L\u00e4nderebene? Profitiert von deren Labilit\u00e4t die Rechte? Kann es auch wie in Italien und Griechenland technokratische Regierungen aus \u201eExperten\u201c geben, wenn das Land unregierbar w\u00fcrde? Was l\u00f6st eine solche Notstandsregierung in Land oder gar Bund bei Linken und Rechten aus? Wandeln sich Deutschlands Rechte von Getriebenen zu entschlossen Handelnden? Wie reagieren die Sicherheitsorgane auf dysfunktionale Entwicklungen und den kaum vorhandenen sozialen Kitt? Werden Rechte als Probleml\u00f6ser einkalkuliert? Wird es einen deutschen Trump geben, der verz\u00f6gernd wirkt?<\/p>\n Mit diesen Fragen lassen sich die unterschiedlichsten Szenarien er\u00f6rtern, die Rahmenbedingungen \u00f6ffnen und verengen sich st\u00e4ndig \u2013 und zwar f\u00fcr alle Beteiligten.<\/p>\n <\/p>\n Ich bedanke mich f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/p>\n <\/p>\n Weitere vertiefende Lekt\u00fcre von Dominik Schwarzenberger finden interessierte Leser u.a. in folgenden Essays und Artikels auf diesem Blog:<\/strong><\/p>\n Von der Ohnmacht der Deutschen Rechten<\/a><\/p>\n Dritte Position: Portr\u00e4t einer Weltanschauung<\/a><\/p>\n Die Wahl zum europ\u00e4ischen Parlament: R\u00fcckschau, Analyse und Ausblick<\/a><\/p>\n1.\u00a0\u00a0 Begriffsdefinitionen und ideologische Grundlagen der Rechten<\/h1>\n
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2.\u00a0\u00a0 Geopolitik und internationale Einfl\u00fcsse<\/h1>\n
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3.\u00a0\u00a0 Wirtschaft und Gesellschaft<\/h1>\n
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4.\u00a0\u00a0 Religion und Kultur<\/h1>\n
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5.\u00a0\u00a0 Politische Strategie und Zukunft der Rechten<\/h1>\n
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