Notizen zu “Sea Changes” – Eine Rezension

– Verfasst von Alexander Markovics –

Ein Boot kentert vor der Küste Englands. 26 Menschen sterben, ihre Leichen werden an der Küste Eastshires angespült. Nach den Anwohnern der englischen Provinz strömen die Medien herbei. Die Toten sind Einwanderer aus dem Nahen Osten und Afrika – ihr Tod wird zum Politikum. Und mittendrin befinden sich Dan Gowt, ein einfacher Bauer, der seinen Unmut über die Verletzung der britischen Grenzen kundtut. Ein Ereignis, dass Großbritannien für immer verändern wird.

Dies ist die Eröffnungsszene des erstmls 2012 veröffentlichten Romans “Sea Changes”, welcher nun vom Jungeuropaverlag ins Deutsche übersetzt wurde.  Das Buch aus der Feder des irischen Autors Derek Turners wird als “Heerlager der Heiligen des Digitalzeitalters” gepriesen – quasi als Pendant zu jenem Klassiker der Literatur, in welchem Jean Raspail bereits 1973 die Masseneinwanderung nach Europa und das Ende der gegenwärtigen europäischen Zivilisation prophetisch vorweg nahm. Doch was steckt in dem Buch wirklich? Kann es dem „Heerlager“ das Wasser reichen? Und inwiefern ist es, verfasst vor der Invasion 2015, auch heute im Jahr 2018 noch aktuell?

Der “unausweichbare Wandel” aus zwei Perspektiven

Die Ereignisse werden zunächst abwechselnd aus der Sicht des Bauern Dan Gowt und des irakischen Einwanderers Ibrahim Nassouf erzählt. Während Dan Gowt den Wahnsinn des liberalistischen Großbritanniens zur Zeit des letzten Irakkrieges mit seinem permanenten Krieg gegen angeblich vorhandenen Rassismus und alle anderen Arten der Diskriminierung erlebt, ist Ibrahims Geschichte zunächst von der Armut im Irak und schließlich der Flucht aus diesem in das gelobte Land England geprägt. Wer ein zweites “Heerlager der Heiligen” erwartet, wird enttäuscht sein, denn im Gegensatz zum Epochenwerk Raspails ist Turners “Sea Changes” im Ton wesentlich nüchterner, weniger apokalyptisch.

Stattdessen wird sowohl der Werdegang Dan Gowts aber auch Ibrahim Nassoufs empathisch beschrieben. Während Dan nach einem ungeschickten Medienauftritt zur Zielscheibe der politisch korrekten Medien wird, erleben wir Ibrahims illegale Einreise nach Großbritannien. Und dazwischen den moralinsauren, linksliberalen Journalisten John Leyden, der stets im Bewusstsein für das Gute zu kämpfen das Böse schafft und dabei einen Einwanderer, welcher das anfängliche Schiffsunglück überlebte, als Argument für offene Grenzen missbraucht. Ebenso herrlich gezeichnet ist Albert Norman, der Satiriker und Kolumnist eines ehemals konservativen, nunmehr liberalen Blatts, der mit spitzer, traditionalistischer Feder auf verlorenem Posten gegen den Liberalismus und die Apologeten von „Refugees Welcome!“ ankämpft. Wir erleben Mulatten mit Identitätsstörung, Dorfaußenseiter, die sich zu einem Verbrechen hinreißen lassen, skrupellose Medienberater, einen Premier der eigentlich gegen Masseneinwanderung ist, sie aber aufgrund des medialen Drucks befürwortet, eine britische Konvertitin, heuchlerische Menschenrechtsanwälte und viele Figuren mehr, die direkt aus der Realität gegriffen sein könnten.

Am ehesten lässt sich diese nüchterne Beschreibung des Gang Großbritanniens in die Selbstaufgabe mit TC Boyles 1995 erschienenem Werk “Tortilla Curtain” vergleichen, welches das Thema aus liberaler Sicht am Fall der Vereinigten Staaten behandelte. Während Boyles Werk vor allem die weißen Amerikaner eher negativ darstellte und die mexikanischen Einwanderer zu Heiligen stilisierte, stellt Turner neben den Opfern der Einwanderung (sowohl Dan Gowt als auch der überlebende Migrant) den Teufelskreis aus Linksliberalen an der Macht, unfähigen Rechtspopulisten und einer aggressiven, selbsthassenden Medienmacht dar.

Es ist die Beschreibung des Fortschreitens einer liberalistischen Politik der Selbstabschaffung im Sinne des Fortschritts, die alles, was die Tradition, die “Welt von gestern” verkörpert, ohne Rücksicht auf Verluste hinwegfegt. Dabei werden detailliert auf die Motive der liberalen Täter eingegangen, ihr Kampf mit sich selbst und die aufkommenden Gewissensbisse. Genauso wie der Terror der politischen Korrektheit beschrieben wird, aufgestachelt durch die Politik der Schuld und ihre Nutznießer, ohne jemals klischeehaft zu werden.

Dabei legt Turner großen Wert darauf, die Wurzel der Masseneinwanderung, den Liberalismus, als Ursache des Problems zu nennen, ohne in eine dumpfe Form der Islamkritik zu verfallen. Am Ende des Buches zeigt er auf, wie durch die Masseneinwanderung nicht nur das Leben der Einheimischen, sondern auch jenes, der entwurzelten Einwanderer zerstört wird.

Insofern handelt es sich bei „Sea Changes“ um eine intelligente Kritik des liberalistischen Bevölkerungsaustausches und der Postmoderne an sich. Wer die Apokalyptik und Endzeitstimmung Jean Raspails „Heerlager der Heiligen“ sucht, wird enttäuscht sein. Alle anderen hingegen, die eine Boyles „Tortilla Curtain“ ähnliche, nüchtern-intelligente Erzählung über die Selbstabschaffung Europas suchen, werden begeistert sein.

Das Buch ist hier im JungEuropa-Verlag erhältlich.

 

 

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