Das totale Individuum als Schicksal? Alexander Dugins Ethnosoziologie als Weg aus der europäischen Krise des 21. Jahrhunderts

– Verfasst von Alexander Markovics –

Wie bereits Peter Steinborn in seinem Artikel Unmodern und rückwärtsgewandt: Die Vierte Politische Theorie als Gegenmodell zum Progressivismus” erwähnte, vertritt die Vierte Politische Theorie Alexander Dugins kein progressives Zeitmodell, sondern ein zyklisches Zeitverständnis. Den liberalen Weltstaat als Schicksal akzeptieren? Auf diese Frage schmettert der russische Philosoph ein lautes „Nein!“ entgegen. Doch worin liegt für Europa eine Alternative zur in Science Fiction Filmen und den Schriften Donna Harraways propagierten postmodernen Gesellschaft?

Ethnosoziologie – Geschichte der menschlichen Gemeinschaften

Alexander Dugin schlägt vor, sie mithilfe der Wissenschaftsdisziplin Ethnosoziologie zu finden. Bei der vom Wiener Richard Thurnwald erschaffenen Lehre handelt es sich nicht um eine einfache Soziologie der ethnischen Gruppen. Vielmehr geht es ihr darum, die wichtigsten Schritte in der Entwicklung menschlicher Gemeinschaften nachzuvollziehen. Naturgemäß wurde dabei der Erforschung der Ethnizität (Stammesgesellschaft) als spontaner Realität und erster Stufe der menschlichen Entwicklung besonderes Augenmerk gewidmet. Bei dieser Form der vormodernen Gemeinschaft handelt es sich um ein extrem konservatives Gemeinwesen. Ihr Ziel ist die Ewige Wiederkehr des Gleichen, die Bewahrung der ursprünglichen Form der Ethnizität. Von Natur aus animistisch, ist sie um den Schamanen gruppiert, welcher den eigentlichen Kern der Stammesgemeinschaft bildet.

Die Ethnizität als ewige Wiederkehr des Gleichen

Die ethnische Verwandtschaft innerhalb dieser Gruppe ist eine unumstößliche Realität, Riten begleiten den Übergang in neue Lebensabschnitte, welche für die Stammesgemeinschaft auch neue personale Identitäten bedeutet. Kommt es in dieser Gemeinschaft von Jägern und Sammlern zu einer Akkumulation von Gütern, werden diese geopfert um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Seine Rituale und Zauber bringen die Welt wieder ins Gleichgewicht, welche eine Einheit der Menschen und der Natur darstellt, man spricht in diesem Fall von Lebensraum, dem Raum der lebt. In Hinblick auf das Zeitgefühl existiert keine Vorstellung von Geschichte, genauso wie eine Idee des Todes nicht existiert. Es gibt in dieser Form des menschlichen Zusammenlebens  keine Hierarchie, am ehesten ist die Situation wohl mit dem Urkommunismus im Sinne Marxs zu beschreiben.

Kommt es innerhalb der Ethnizität zu einer straffen militärischen Organisation aufgrund einer Bedrohung von Außen (etwa durch einen Angriff von Außen), wird die zentrale Figur des Schamanen zumindest zeitweise durch einen Kriegerkönig ersetzt, welcher den Stamm verteidigt und die Bedrohung abwehrt. Im Rassenkampf nach Ludwig Gumplowicz (der nichts mit der nationalsozialistischen Idee selben Namens zu tun hat.) unterwirft die Ethnizität schließlich einen oder mehrere Stämme. Durch die Existenz von Sklaven kommt es zu einer Entfremdung innerhalb der Gesellschaft, die egalitäre Gliederung wird durch ein hierarchisches, in drei Kasten gegliedertes Herrschaftssystem ersetzt. Das indoeuropäische Modell mit einer Herrscherkaste aus Priestern, einer Kriegerkaste und Bauern löst die egalitäre Stammesgemeinschaft ab. Von nun an können wir von einem Volk sprechen.

Das Volk als hierarchische vormoderne Gemeinschaft

Während die Vorstellungen der Ethnizität in der Bauernkaste fortleben, wird die Gemeinschaft von einem monotheistischen Glauben dominiert. Während die Bauern ihre Überschüsse an die Priester und Krieger in den Städten abführen, sorgen sich diese um das Seelenleben bzw. die Verteidigung der Volksgemeinschaft (auch hier hat der Begriff nichts mit der NS-Terminologie zu tun), welche ein holistisches Ganzes darstellt. Religion, Wirtschaft und Alltagsleben werden nicht voneinander getrennt, sondern stellen vielmehr eine Einheit dar. An der Spitze der Gemeinschaft steht ein Herrscher, welcher als von Gott eingesetzt betrachtet wird. Erstmals entsteht ein Bewusstsein von Geschichte und Tod, welches aber durch eine vormoderne Vorstellung vom jenseitigen Himmelreich geerdet wird. Herrschaftlich kommt es hier zur Entstehung von Reichen, welche föderal gegliedert sind und mehrere Völker umfassen. Das Heilige Römische Reich stellt ein Beispiel einer solchen Herrschaftsform dar.

Die Machtergreifung der Bourgeoisie – die Geburt von Nation und Moderne

Die Moderne tritt schließlich in das menschliche Leben durch das Aufkommen der Bourgeoisie in den Städten. Die Bürger im soziologischen Sinne entstehen dabei dadurch, dass die Kriegerkaste für die Verwaltung der Städte Bauernsöhne einsetzt. Dabei entsteht eine sozial verworfene Schicht, welche weder in den Traditionen und Bräuchen der Bauernkaste, noch in jene der Krieger integriert ist. Durch ihre wirtschaftlich potente Position erreichen sie aber insbesondere durch den frühen Handelskapitalismus eine Macht, welche weit über ihre soziale Stellung hinausgeht. In der Folge entwickelt die Bourgeoisie den Willen, selbst herrschen zu wollen. Im Namen der modernen Ideen von Liberalismus und Kapitalismus demütigt sie die Priester- und Kriegerkaste und führt einen Vernichtungskrieg gegen die Bauern (Siehe etwa die Französische Revolution). An die Stelle des Dreikastensystems tritt nicht etwa ein neues Ständewesen, sondern die Alleinherrschaft des Bürgertums, welches nun versucht seine merkantilistischen Werte allen Menschen aufzuzwingen. Die Machtergreifung des Bürgertums stellt einen ungeheuren kulturellen Genozid an der vormodernen Gemeinschaft dar. Um aber nicht in eine Anarchie des Alltags, die totale Atomisierung und einen Krieg aller gegen alle zu stürzen, welcher  schon von Thomas Hobbes befürchtet wurde, muss die Bourgeoisie eine künstliche Gruppenidentität schaffen.  Zu diesem Zweck werden die Nation und der Nationalstaat erdacht: Dieser geht weit über das Volk hinaus und stellt die erste Form der Gesellschaft dar, welche im Gegensatz zu den vormodernen Gemeinschaften von Ethnizität und Volk kaum noch etwas mit einer ethnisch homogenen Gruppe zu tun hat. Der Gesellschaftsvertrag, welcher alle Bürger ihre Macht an den Souverän abtreten lässt, dient dabei der Stabilisierung der Gesellschaft. Von Anfang an hat die Nation nur den Zweck, dem Bürger einen Rahmen für seine ständige Aufklärung zu bieten, welche schließlich im komplett „befreiten“ Individuum enden soll, welches man schrittweise von seinen kollektiven Identitäten (und nur eine kollektive Identität ist eine Identität) befreit. Zum ersten Mal tritt also ein lineares Geschichtsdenken auf, welches im Rahmen der Aufklärung ein endgültiges Ziel anvisiert: Das Ende der Geschichte.

Das befreite Individuum und die Zivilgesellschaft

Zuerst wird die Religion abgeschafft, dann das National- und Volksbewusstsein. Hier erreichen wir schließlich den Übergang zur Zivilgesellschaft, einer Gesellschaft von Bürgern, welche nur noch durch den Gesellschaftsvertrag vereint werden. Diese soll schließlich durch die Abschaffung aller Nationalstaaten und Grenzen in der globalen Gesellschaft aufgehen, welche nochmals von stärkerer Zentralisierung und Kontrolle der Bürger geprägt ist. Da die Herkunft und Kultur des Bürgers keine Rolle mehr spielt, sondern nur die Wirtschaftskraft des Individuums, wird eine Masseneinwanderung aus allen Teilen der Welt befürwortet. Ein großangelegter Bevölkerungsaustausch soll die letzten kollektiven Bindungen innerhalb der Gesellschaft zerstören. Der Egalitarismus wird schließlich immer mehr ins Absurde getrieben und macht sich auch an die Abschaffung der Geschlechtsidentität und der Familie. Staatliche Strukturen herrschen nicht mehr durch die direkte Kontrolle über das Leben des Bürgers, sondern indem er mittels einer therapeutischen Psychopolitik die Gewalt über seine Seele gewinnt. Wer sich nicht dem vorgegebenen Denken unterwirft endet im sozialen Aus. Die Bedürfnisse des Bürgers werden auf den Konsum hingesteuert, die Wirtschaft stößt schließlich das Primat der Politik vom Thron. Nicht mehr Politiker, sondern globale Konzerne bestimmen darüber, in welche Richtung die Gesellschaft geht. Der Liberalismus tritt hier in seine offen totalitäre Phase ein, welche sich immer weniger darum kümmert, den Schein der Demokratie zu wahren.

Die globale Gesellschaft

Die realexistierende EU ist dabei als Prototyp eines kommenden globalen Staates anzusehen, der alles daran setzt die Nationalstaaten ad acta zu legen. Wir kommen von der Moderne in die Postmoderne. Nun steht die letzte Stufe zur Befreiung des Individuums bevor: Der Mensch muss aufhören, Mensch zu sein. Die postmoderne Gesellschaft oder Post-Gesellschaft, welche nun folgen soll, kennt keine Menschen mehr. Cyborgs, Chimären und Künstliche Intelligenzen treten an ihre Stelle. Am Ende der Moderne steht also nicht eine blühende Zukunft, sondern der Abgrund. Der Mensch kann nur zum Ewigen Leben gelangen, indem man ihm seine Menschlichkeit nimmt und ihm zur KI oder zum Cyborg macht. Am Ende werden wir Deutsche nicht durch Ausländer ausgetauscht, sondern durch Roboter.

Ein Ausweg aus der Postmoderne? Wir haben es selbst in der Hand!

Warum sollte man sich also mit der Ethnosoziologie beschäftigen, wenn das Ziel der menschlichen Entwicklung ein Leben als Roboter ist? Hier hakt Alexander Dugin ein und stellt heraus, dass diese Entwicklung kein Schicksal, sondern nur eine Möglichkeit ist. Auch im 21. Jahrhundert existieren noch Ethnizitäten wie etwa in Ozeanien und am Amazonas. Es gibt noch immer Völker und traditionelle Gesellschaften, wie uns archäo-moderne Staaten wie Russland und Indien beweisen, in welchen die Moderne nur einen dünnen Schleier darstellt. Und auch der Nationalstaat muss nicht verschwinden – wenn wir es nicht wollen. Der Mensch muss sich nicht nach der Logik des Fortschritts entwickeln – er kann auch laut nein zu diesem sagen. So wäre etwa in einer multipolaren Welt mittels Atombombenschirm die Rückkehr in die Vormoderne möglich. Oder eine globale „Rückentwicklung“ der menschlichen Gemeinschaften, welche schließlich eine Vielzahl vormoderner Zivilisationen ermöglichen würde. Dass dies kein Spaziergang, sondern ein komplexer Prozess werden wird, ist klar. Wie man auch zu dieser Frage stehen mag, wir sollten uns immer die Feststellung des Grünen Herbert Gruhl vor Augen halten: „Es geht nicht darum, ob wir zurück auf die Bäume wollen, sondern darum, ob wir vorwärts in die Massengräber marschieren.“

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