Unmodern und rückwärtsgewandt: Die Vierte Politische Theorie als Gegenmodell zum Progressivismus

– Verfasst von Peter Steinborn –

Was genau ist Zukunft? Sie ist das, was noch nicht ist. Sie ist nicht. Im heidegger’schen Sinne ist die Zukunft das, was sein wird. Dieses „es wird sein“ ist allerdings zweifelhaft und im Gegensatz zu den anderen beiden „Ektasen der Zeitlichkeit“ – die Gewesenheit und die Gegenwart – nicht beweisbar. Wir können die Zukunft lediglich anhand der uns aus der Vergangenheit und der Gegenwart bekannten Tatsachen erahnen. Letztlich bleibt höchstens eine Wahrscheinlichkeit, mit der wir die Zukunft vorhersagen können. Ihr Eintritt oder die Form derselben ist jedoch mehr als fragwürdig, da sie einfach noch nicht ist. Zwar ist es möglich, diese Wahrscheinlichkeiten zu berechnen, doch sind auch diese Berechnungen allesamt unnütz, wenn unvorhergesehene Ereignisse eintreten. Denken wir nur an das Auftreten des iPhones, das als eine disruptive Technologie ganze Märkte und das komplette Kommunikationswesen revolutionierte. Wer hätte solche Veränderungen vor dem Eintreten dieser Technologie vorhersagen können? Die Vergangenheit hingegen ist anwesend in der Gegenwart, auch wenn wir diese ebenfalls nicht mit absoluter Sicherheit kennen werden. Dennoch war sie bereits, sodass sie eine Rolle in unserer Wahrnehmung der Gegenwart spielt.

Dabei sind wir bereits bei dem philosophischen Problem unseres Zeitalters angelangt. Das 19. und 20. Jahrhundert war von jenen Ideologien geprägt, die in erster Linie progressiv, d.h. fortschrittlich ausgerichtet waren. Die Zeit ist eine in eine konkrete Richtung gerichtete Größe. Innerhalb des Fortschrittsdenkens, der dem Abendland immanent zu sein scheint, ist sie stets nach vorne gerichtet. Sie kann also nicht umgekehrt werden. Der übriggebliebene Liberalismus fordert den Progressivismus, der von einem vorwärtsstrebenden, prädeterminierten Evolutionsprozess spricht. Dabei bewegt sich der abendländische Mensch geradewegs in die von mir bereits in einem früheren Artikel erwähnte „Postmoderne“, dessen historisches Subjekt das Dividuum darstellt. Dieser Postmensch ist dann entpolitisiert, autonomisiert, mikroskopisiert und letztlich transhumanisiert (also letztlich entmenschlicht). Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma ist die Umkehrung der Zeit.

Kann sich Geschichte wiederholen?

Die Frage kann mit „ja“ und mit „nein“ beantwortet werden. Natürlich wiederholt sich die Geschichte nicht so, wie sie einst mal gewesen war. Sie ist deshalb Geschichte, weil sie der Vergangenheit angehört. Dennoch ist auch die Zukunft die Mündung des kontinuierlichen Verlaufes der Gegenwart. Mit dem Eintreten der Zukunft wird sie Gegenwart und ihr ging eine Gewesenheit voraus. Auf Grundlage der Gewesenheit, also der Vergangenheit, wird die Gegenwart gestaltet. Sie ist tatsächlich nur dann zu verstehen, wenn der Beobachter die vorgehenden, also gewesenen Ereignisse, die zu dem Gegenwärtigen geführt haben, aufmerksam studiert hat. Von daher wiederholt sich die Geschichte auf einer gewissen Art und Weise doch. Dominique Venner beispielsweise beschrieb in dem Buch Ein Samurai aus Europa. Das Brevier der Unbeugsamen das „der Geist aller großen Völker und Kulturen“ unzerstörbar ist und etwas modifiziert immer wieder zutage tritt. Er beschreibt in demselben Buch, dass sich der Geist der Ilias, also eines homerischen Epos, wie eine Art unterirdischer Strom unterhalb der Gegenwart bewegt. Dieser Strom könne nie ganz versiegen. So wiederholen sich Ereignisse oder verloren gedachte Ideologien und Geister werden wieder zum Leben erweckt.

Die Geschichte kann sich also doch wiederholen. Wer z.B. hätte damit gerechnet, dass nachdem 1917 das alte bourgeois System Russlands abgeschafft wurde und Lenin eine proletarisch-sozialistische Gesellschaft implementierte, einst ein von Oligarchen beherrschtes russisches Reich wieder auferstehen würde. Tatsächlich ist es passiert.

Die zyklische Zeitauffassung

Bereits im 19. und 20. Jahrhundert gab es philosophische Strömungen, die eine dem Abendland diametral entgegen gerichtete Zeitauffassung vertraten. So z.B der französische Metaphysiker und später zum Sufismus konvertierte René Guénon oder Julius Evola, die von dem Bestehen eines integralen Traditionalismus ausgingen. Demnach kämen geistige Bestandteile der Vergangenheit immer wieder – ähnlich, wie es Venner formulierte. Es ist hier die Rede von der Philosophia perennis et universalis, nach der auch die Existenz universell und ewig gültiger Wahrheiten möglich, wenn nicht sogar absolut sicher ist. Die Zeiten wiederholen sich also gewissermaßen. Innerhalb der Vierten Politischen Theorie ist dies nicht nur möglich, sondern es ist geradezu verpflichtend, um der Postmoderne zu entweichen. Es ist demnach möglich, zu einem bestimmten Punkt in der Geschichte zurückzukehren und von Neuem zu beginnen. Es wäre also durchaus möglich, zu der Zeit eines Karl d.  Großen zurückzukehren und auch ein imperium europa im 21. Jahrhundert ist durchaus denkbar.

Die Subjektivität der Zeit

Nach Alexander Dugin ist Zeit eher Subjekt und Raum eher Objekt. Sie ist geschichtlich, weshalb sie auch als subjektiv zu betrachten ist. Tatsächlich geht Dugin so weit, dass er die Zeit als eine politische Kategorie betrachtet. Sie soll durch die Politik im Kontext mit der Vierten Politischen Theorie institutionalisiert werden. Von diesem Blickwinkel aus betrachtet, wäre die Zeit umkehrbar, was einer Entweichung der postmodernen Welt des postmodernen Menschen, der eine Art Cyborg darstellt, gleichkommen würde. Andererseits wäre damit die Zeit keine feste Größe mehr. Diese Auffassung klingt durchaus attraktiv. Bietet diese Theorie doch eine Möglichkeit, dem scheinbar unaufhaltbaren Schicksal des Abendlandes zu entgehen.

Hier sehe ich allerdings eine gewaltige Diskrepanz zwischen dem faustisch-abendländischen Wesen und dieser Art der Zeitauffassung. Nach Oswald Spengler unterscheidet sich der Abendländer in erster Linie von anderen Kulturmenschen durch seine Auffassung von Raum und Zeit. Während bspw. der antike Mensch stets einen geometrisch abgeschlossenen Raum im Kopf hatte, wenn er vom „Raum“ als solchen sprach, ist der abendländische Mensch hier grenzenlos, was letztlich auch in seiner Auffassung vom unendlich und ewig sich ausdehnenden Universum deutlich wird. Oder denken wir hier an die Infinitesimalrechnung eines Isaac Newton. Der faustische Menschenschlag ist in seinem Unendlichkeitsstreben geradezu gefangen. Genauso verhält es sich mit der Zeit. Der typische Abendländer, insbesondere der Deutsche, ist geradezu auf seine Uhr fixiert. Auch wenn Pünktlichkeit und Fleiß heute nicht mehr diesen Stellenwert innerhalb der Gesellschaft haben wie es noch vor einem halben Jahrhundert der Fall war, so ist die Bemessung des Lebens in Zeiteinheiten doch ein wesentlicher Bestandteil des abendländischen Denkens.

Dem abendländischen Europäern – der seine prägnanteste Form in der goethe’schen Figur Dr. Faustus findet – scheint eine zyklische Zeitauffassung wesensfremd zu sein, wenngleich dem antiken Menschen eher die zyklische Variante immanent ist. Um also Praxis zu werden, wird die Vierte Politische Theorie über das Credo der „Umkehrbarkeit der Zeit“ hinauskommen müssen. Sie ist mit Sicherheit, besonders in der Dritten Position, eine ernstzunehmende und für die „Zukunft“ denkbare Ideologie, doch wird die zum großen Teil eher progressiv ausgerichtete Rechte sich zunächst dagegen widerstreben.

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10 Gedanken zu „Unmodern und rückwärtsgewandt: Die Vierte Politische Theorie als Gegenmodell zum Progressivismus

  1. “[…] die Zeit als eine politische Kategorie betrachtet. Sie soll durch die Politik im Kontext mit der Vierten Politischen Theorie institutionalisiert werden.”
    Was versteht man hierbei unter “institutionalisiert” und wie kann man sich das praktisch vorstellen?

    1. In der Vierten Politischen Theorie wird die Zeit zur Institution. Sie ist also eine Art “Einrichtung”, weil sie wie ein Regelsystem verstanden werden kann. Die Zeit wird damit zu einem Subjekt, womit sie Ähnlichkeiten mit anderen Institutionen aufweist. Die Zeit ist dann also nicht mehr nur eine physikalische Größe mit einer uveränderlichen Exaktheit. Sie ist dann kein Fakt mehr, sondern subjektiv und zugleich Gestalt für die Institution “Politik”. Letztlich wird sie auch eine Art Instrument der Politik und ist somit institutionalisiert.

        1. Ich empfehle dazu diesen erst heute veröffentlichten Artikel von Herrn Alexander Markovics, der in Teilen auf die mögliche praktische Umsetzung eingeht. Prinzipiell gilt hierbei allerdings das gleiche wie für alle Ideologien: Wenn die Ideologie zur politischen Praxis wird, dann sind Modifikationen und Feinjustierungen notwendig, sodass diese Frage hier leider nicht abschließend geklärt werden kann. Grundsätzlich wird die Zeit innerhalb der 4. Politischen Theorie zu einem Subjekt, was bedeutet, dass die Politik bspw. klar “rückwärtsgewandt” ausgerichtet werden kann.

          https://gegenstrom.org/2018/02/16/das-totale-individuum-als-schicksal-alexander-dugins-ethnosoziologie-als-weg-aus-der-europaeischen-krise-des-21-jahrhunderts/

  2. Der faustische Mensch will überwinden und vergeht im Streben nach unendlich fernen Zielen. Eine Theorie, die fordert, an irgendeine Stelle zurückzukehren und dort zu verweilen, würde mit Widerstand begegnet werden. Ich wäre da keine Ausnahme.
    Rechte wehren sich oftmals dagegen, Themen wie Automatisierung oder Transhumanismus zu besprechen und wenn sie es tun, so widmen sie sich diesen Themen in vielleicht ein bis zwei Sätzen, die meistens ihre Ablehnung diesbezüglich deutlich machen. Hier bin ich anders. Ich sehe die Automatisierung an sich für wünschenswert an – so auch den Transhumanismus an sich. Rechts wird meine Überzeugung in dem Augenblick, in dem ich differenziere: Denn ich unterscheide, wer Automatisierung überhaupt verdient hat und wer seine biologischen Grenzen überhaupt überwinden sollte. Kosmopolitische Ansätze sind mir dabei fremd: Nein, ich will nicht, dass wir Europäer unsere Hochtechnologie verwenden, um anderen zu “helfen” – ich will, dass wir Europäer über uns selbst hinauswachsen und irgendwann das Weltall selbst erobern. Eine kühne Vision, gewiss, aber wenigstens überhaupt eine Vision.

    1. Es wird wohl kaum dazu kommen, dass die Menschen selbst – geschweige denn europäische Völker oder auch als europäische Gemeinschaft – das Weltall erobern. Der Mensch und auch jedes andere höher entwickelte Lebewesen ist durch und durch auf ein Leben mit irdischen Verhältnissen angepasst. Der Informatiker Jürgen Schmidhuber hat es mal so schön formuliert:
      „Aber der Weltraum ist nicht für Menschen gemacht, sondern für entsprechend konstruierte Roboter, die sich dort wohlfühlen. Der Asteroidengürtel etwa ist voller Material für Milliarden selbst replizierender Roboterfabriken. […] denn fast alle Ressourcen in Form von Energie und Materie befinden sich dort draußen. KIs werden vielleicht innerhalb weniger Millionen Jahre die ganze Milchstraße auf recht konventionelle Weise kolonisieren, im Rahmen dessen, was mit heute bereits absehbaren Technologien physikalisch möglich ist, sagen wir, mit einem Prozent der Lichtgeschwindigkeit, zum Beispiel durch lasergetriebene Lichtsegel. Wenn eine selbst replizierende Roboterfabrik mal den großen Sprung zum nächsten Stern geschafft hat, kann sie in dessen Asteroidengürtel anfangen, die Infrastruktur zu schaffen, die man braucht, um wirklich elegant zu reisen. […] Per Radio, mit Lichtgeschwindigkeit. Eine KI, die was auf sich hält, reist natürlich per Funk von einem Sonnensystem zum nächsten, und wird dort wieder zusammengebaut. Wie lange wird es dauern, bis die ganze Galaxis mit entsprechenden Empfangsstationen voll ist? Vielleicht kaum zehn Millionen Jahre, ein kleiner Bruchteil des galaktischen Jahres. […] Die wahre Zukunft im Weltraum gehört nicht den Menschen, sondern der künstlichen Intelligenz. Sehen wir die Menschheit als bedeutende Stufe für den nächsten Schritt des Universums hin zu immer unfassbarerer Komplexität.“
      http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/juergen-schmidhuber-der-weltraum-ist-fuer-roboter-gemacht-a-1074759.html

      Aber gehen wir mal davon aus, dass der Mensch eines fernen Tages in der Lage ist sich dermaßen zu manipulieren, dass er in der Lage wäre das Universum zu erobern (was vermutlich jedoch nie passieren wird). Diese Form wäre abseits jeglicher natürlicher Entwicklung. Dieses Wesen kann man dann auch nicht mehr als Mensch betiteln. Es wäre ein neues Lebewesen, fern abseits von alledem was wir mit einem Menschen in Verbindung bringen.
      Diese Manipulation unserer Art führt jedoch zwangsweise in den Kosmopolitismus, denn wenn wir in der Lage sind solche Veränderungen an uns als Art vorzunehmen spielt es keinerlei Rolle mehr, ob wir nun europäische, asiatische oder afrikanische Vorfahren haben. Wir könnten eh jede beliebige Eigenschaft hinzu oder weg manipulieren (oder durch Technik hinzufügen). Die Begrenzung auf Europa wäre in diesem Falle vermutlich sogar extrem unklug, da es keinerlei biologische oder kulturelle Verknüpfung mehr zum klassischen Europa gibt und Europa auch vergleichsweise ressourcenarm ist. Der asiatische Raum dürfte dabei wohl deutlich lohnender sein, um – auf diese Weise – den Sprung ins Weltall zu wagen.

      1. Für mich sind weder Mensch noch Vielfalt Selbstzweck und/oder Lebensinhalt. Es ist paradoxerweise genau dies die Lebenseinstellung, die dann doch zur Formenvielfalt führt.
        Und natürlich spielen rassische Unterschiede da eine Rolle – zumindest wenn es im jeweilig richtigen philosophischen und moralischen Blickwinkel betrachtet wird. Ich bin des weiteren der Überzeugung, dass es ohne der vorherigen Erreichung dieser Philosophie als Gesamtkonsens Europas ohnehin nicht zur Entwicklung der Technologie in diese Richtung kommt. Stattdessen wird sie – gemäß linken Charakterzügen – weiterhin verwendet werden, um es dem Menschen bequemer zu machen, um ihm weniger abverlangen zu müssen. Am Ende (oder vielleicht doch am Anfang?) steht dann das bedingungslose Grundeinkommen, das die Europäer (und vielleicht auch die anderen) vollends degenerieren lässt. Ob Technologien des Transhumanismus, die dann der letzte Ausweg aus dieser Hölle von verweichlichten Fettsäcken sind, dann erforscht und entwickelt sind, ist fraglich.

        Wobei selbstverständlich festzuhalten ist, dass auch dieses Szenario höchstwahrscheinlich nicht eintreffen wird, wenn die lieben Araber hier weiterhin verweilen dürfen. Außer die liberalen Wahnvorstellungen von der Konvertierung der Muslime hin zum Menschheitsideal treten auf magische Art und Weise doch ein.

        1. Naja, worauf ich hinaus wollte ist, dass ein Transhumanismus die biologischen Entwicklungen über Bord wirft und er daher fast zwingend in den Kosmopolitismus hinausläuft. Du meintest aber, dass du Anhänger des Transhumanismus bist, doch die kosmopolitischen Ansätze dir fernliegen.
          Wenn ich dich nun aber richtig verstehe, dann liegen dir die biologischen Ansätze auch eher fern. Oder habe ich dich missverstanden?

          1. Per se kann man das so nicht sagen. Es kommt auf den Kontext an. Ich bin insofern biologisch, als dass Biologie notwendig ist, um erstens das Überleben, zweitens aber auch den Aufstieg der Europäer zu sichern. Sollte sich während dieses Aufstieges irgendwann der Scheideweg auftun, dessen Pfade auch den des Transhumanismus beinhalten und sollte die Entscheidung dann auch für diesen Pfad ausfallen, würde ich nicht aus Prinzip widersprechen. Biologische Ansätze liegen mir nicht fern, aber ich betrachte sie nicht als absolut oder zeitlos.

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