Lawrence von Arabien

– Verfasst von Johannes Scharf –

Thomas Edward Lawrence, besser bekannt als „Lawrence von Arabien“, erblickte im August des Jahres 1888 im walisischen Tremadoc erstmals das Licht der Welt. Bereits mit 21 Jahren reiste Lawrence, damals Student der Universität Oxford, wochenlang zu Fuß und ohne Begleiter durch Syrien und Palästina, um die Architektur von Kreuzfahrerburgen zu erforschen. Von 1911 bis 1914 an Ausgrabungen in Karkemisch am oberen Euphrat beteiligt, erlernte er dort die arabische Sprache. Anfang des Jahres 1914 führte ihn eine Vermessungsexpedition in die Nähe von Akaba. Nach Ausbruch des Krieges arbeitete er zunächst an geographischen Berichten und an der Erstellung von Karten des Osmanischen Reiches, das auf Seiten der Achsenmächte in den Ersten Weltkrieg eingetreten war. Im Dezember 1914 nahm er in Ägypten seine Arbeit als Nachrichtenoffizier im Range eines Leutnants auf.

Lawrence, der Archäologe und Sprachforscher, organisierte als britischer Agent in den Jahren 1916 bis 1918 den Aufstand der Araber gegen die Türkenherrschaft und führte dieses Unternehmen dank der von ihm erprobten revolutionären Guerillataktik, welche darauf abzielte, „nur Flanken und keine Front“ zu schaffen, zum Erfolg. Es ging nicht darum, den Feind zu vernichten, wie in Fochs modernem Krieg, dem „absoluten Krieg“, wie er ihn nannte, sondern es ging darum, mit möglichst wenigen Verlusten an Menschen und Material dem Gegner hie und da empfindliche Stiche zu versetzen, Schläge, die er in der Regel nur schwer zu parieren fähig war – dieses aus mehreren Gründen: Bei den türkischen Streitkräften handelte es sich um eine Okkupationsarmee, die auf wenig Rückhalt in der Bevölkerung hoffen konnte; zum Zweiten war sie über ein Gebiet verteilt, das zu groß war, um von befestigten Postierungen aus vollends beherrscht werden zu können; schließlich waren die Aufständischen, weil Söhne der Wüste und weniger an Zahl, unabhängig von Nachschublinien. Lawrence schreibt: „Armeen waren wie Pflanzen, unbeweglich, im Boden wurzelnd und ernährt durch lange nach oben führende Stiele. Wir konnten wie ein Dunst sein, der wehte, wohin es uns gelüstete.“ („Die sieben Säulen der Weisheit“, München 162008, S. 219) Und weiter führt er, was die Strategie betrifft, aus: „In der Türkei war alles Material rar und kostbar, der Mensch wurde weniger hoch eingeschätzt als seine Ausrüstung. Für uns kam es darauf an, nicht die Armee der Türken, sondern ihre materiellen Hilfsmittel zu zerstören.“ (S. 221 f.)

Bei dem Titel des etwa 850 Seiten umfassenden Werkes „Die sieben Säulen der Weisheit“  handelt es sich um ein Memento, was aus dem Vorwort der Ausgabe von 1936 deutlich wird, das von dem Bruder des Autors ein Jahr nach dessen Tod verfasst wurde. Dort heißt es, der Verfasser habe diesen Titel eigentlich für ein Buch über sieben Städte bestimmt gehabt, welches er aber, da er dieses Jugendwerk für unreif hielt, niemals veröffentlichte. Lawrence hatte sich eingehend mit General von Clausewitz’ Monumentalwerk „Vom Kriege“ auseinandergesetzt, was sich etwa in der grundsätzlichen Scheidung von Strategie und Taktik niederschlägt. Erstere ist nach Carl von Clausewitz „der Gebrauch des Gefechts zum Zwecke des Krieges“, während letztere das Mittel zu einem strategischen Ziel bedeutet. („Vom Kriege“, Rowohlts Klassiker – Deutsche Literatur, Bd. 12, München 1963, S. 77) In dieser Schule der Kriegskunst stand lediglich – oder doch wenigstens zuvörderst – die Strategie in einer exponierten Stellung, was ihre Beziehung zum Ganzen anbelangt. Für Lawrence hingegen „schienen sie aber nur verschiedene Standpunkte zu sein, von denen aus man die Elemente des Krieges abschätzte: das rechnerische Element des Sachlichen, das biologische Element des Lebendigen und das psychologische Element des Ideellen.“ (S. 219) Der authentische Bericht über den Aufstand in der Wüste erschöpft sich jedoch keineswegs in der reinen Darstellung der militärischen Ereignisse, er beschreibt vielmehr ebenso eingehend die Mentalität und den oft bizarren Lebensraum der arabisch sprechenden Völker sowie deren Gottesschau und Gebräuche. Dabei erweist sich der Autor als ein wahrer Kenner der semitischen Seele, wenn er schreibt: „Die Semiten kennen keine Halbtöne in den Registern ihrer transzendentalen Schau. Sie sind ein Volk der Grundfarben, oder vielmehr des Schwarz und Weiß, und sehen die Welt stets nur in Umrissen. Sie sind dogmengläubig und verabscheuen den Zweifel, die Dornenkrone unserer Zeit. Sie haben kein Verständnis für unsere metaphysischen Bedenken oder unsere grüblerischen Fragestellungen. Sie kennen nur Wahrheit und Unwahrheit, Glauben und Unglauben, ohne unsere zögernden Vorbehalte der feinen Abschattierungen.“ (S. 18) Ihr Denken fühle sich nur wohl in Superlativen, ihre Phantasie sei lebhaft, doch nicht schöpferisch, es gebe so wenig arabische Kunst in Asien, dass man fast sagen könne, es sei überhaupt keine vorhanden, auch hätten sie keine großen Industrien hervorgebracht, weil es ihnen dazu an Organisationstalent fehle, aber sie besäßen geradezu ein Monopol auf Offenbarungsreligionen: „Drei davon haben sich unter ihnen erhalten, von denen zwei auch (in abgeänderten Formen) zu nichtsemitischen Völkern gelangten. Das Christentum hat, nach seiner Übertragung in den Geist des Griechischen, Lateinischen, Germanischen, Europa und Amerika erobert. Der Islam hat in verschiedenen Abwandlungen Afrika und Teile von Asien unterworfen.“ (S. 19) Und nachdem er beschreibt, wie diese Offenbarungsreligionen wieder und wieder in der Einöde der Wüste entstanden, von Propheten ins Land getragen und mit Eifer verbreitet wurden, konstatiert er: „Der gemeinsame Grundgedanke aller semitischen Religionen, der erfolgreichen und erfolglosen, war die immer gegenwärtige Idee der Nichtigkeit alles Irdischen.“ (S. 20)

Grob gibt der Bericht die Ereignisse chronologisch, anhand von stetig gemachten Tagebuchnotizen, wieder: vom Beginn des Aufstandes, der Entdeckung Faisals, des arabischen Führers der Rebellion und Sohn des Emirs von Mekka, über die Ausdehnung bis Akaba und den Feldzug am Toten Meer bis zum Einzug in Damaskus. Das Buch wurde weltberühmt und wird bis heute zu den Klassikern der Weltliteratur gerechnet. George Bernhard Shaw urteilte über das Werk: „Zufällig gehörte nun zu dem Genie von Lawrence auch literarisches Genie. Seine bis zum Wahnsinn getriebene Gewissenhaftigkeit zwang ihn, ein Buch zu schreiben, damit die Wahrheit von den Legenden und Lügen geschieden werden könne.“ Diese Gewissenhaftigkeit, oder vielmehr das geistige Ringen des Autors mit seinem Gewissen durchzieht das gesamte Buch wie ein roter Faden. Immer wieder setzt er sich mit seiner Rolle auseinander, die er in der Ausnutzung der Araber als guter Patriot zu spielen hatte, aber im Grunde nicht spielen wollte; so schreibt er etwa: „Während unserer zweijährigen Partnerschaft im Kugelhagel gewöhnten sie [die Araber] sich daran, mir zu glauben und meine Regierung genauso wie mich für aufrichtig zu halten. Aus dieser Hoffnung heraus vollbrachten sie einige schöne Dinge, doch ich war laufend tief beschämt anstatt stolz darauf zu sein, was wir zusammen taten. Von Anfang war klar, dass diese Versprechungen im Falle unseres Sieges nur Papier sein würden; wäre ich ein aufrichtiger Berater der Araber gewesen, dann hätte ich ihnen geraten, nach Hause zu gehen und nicht ihr Leben für so etwas zu riskieren.“ (S. 852)

An mehreren Stellen hebt Lawrence die Tüchtigkeit der deutschen Verbündeten der Türken hervor, denn wo immer diese auftauchten, da konnte es leicht geschehen, dass mit diesem Erscheinen auf der Bildfläche arabische Pläne durchkreuzt wurden. So berichtet er etwa von einer geradezu ungewohnten Wachsamkeit der türkischen Truppen kurz vor einem geplanten Handstreich der Aufständischen. Ein deutscher Oberst sei mit deutschen sowie türkischen Reserven eingetroffen und die Deutschen hätten den armenischen Hauptmann, der im Geheimen eine Absprache mit den Arabern getroffen hatte, „wegen Pflichtversäumnis“ in Arrest gesetzt. Überall, so erfährt der Leser, waren „nun Maschinengewehre aufgestellt, und mit rastloser Energie […] sofort alle Zugangswege mit Wachen besetzt worden“ (S. 766). Als es schließlich für die Türken nur noch einen Weg, nämlich jenen zurück, gibt und es durch eine geschickte Umgehung gelingt, eine der türkischen Kolonnen in drei Teile auseinanderzusprengen, zeigt sich folgendes Bild: „Der dritte und schwächste Teil bestand zumeist aus Deutschen und Österreichern, um ihre Maschinengewehre geschart nebst einer Handvoll berittener Offiziere und Mannschaften. Sie verteidigten sich geradezu großartig, und trotz unseres kühnen Draufgehens wurden wir immer wieder zurückgeworfen. […] Schließlich ließen wir von dieser trotzigen Abteilung ab und machten uns an die beiden anderen Teile der auseinandergerissenen Kolonne.“ (S. 804) Und als sich schließlich alles beim Gegner in Auflösung befindet, weder Ordnung noch Zusammenhalt und Korpsgeist mehr herrschen, die Masse der Türken in verlorenen Haufen, wie Lawrence schreibt, dahintreibt und unsinnig in die Luft schießend bei jedem Zusammenstoß mit Freund und Feind blindlinks auseinanderläuft, da gibt es einen Fels in der Brandung: ihre deutschen Verbündeten. Auch die Araber, welche sich ebenfalls in wirrem Durcheinander befinden, fallen sich jetzt in der Dunkelheit oft gegenseitig an. „Eine Ausnahme allein machten die deutschen Abteilungen; und hier zum erstenmal wurde ich stolz auf den Feind, der meine Brüder getötet hatte. Sie waren zweitausend Meilen von ihrer Heimat entfernt, ohne Hoffnung im fremden, unbekannten Land, in einer Lage, verzweifelt genug, um auch die stärksten Nerven zu brechen. Dennoch hielten ihre Trupps fest zusammen, geordnet in Reih und Glied, und steuerten durch das wirr wogende Meer von Türken und Arabern wie Panzerschiffe, schweigsam und erhobenen Hauptes. Wurden sie angegriffen, so machten sie halt, gingen in Gefechtsstellung und gaben wohlgezieltes Feuer. Da war keine Hast, kein Geschrei, keine Unsicherheit. Prachtvoll waren sie.“ (S. 806) Man fühlt sich beim Lesen jener Zeilen an einige Szenen aus Ernst Jüngers Kriegstagebüchern erinnert, so etwa an jene Stelle, an welcher er einen englischen Sergeanten, dem beide Beine durch Handgranatensplitter fast vollständig abgerissen worden waren, wie folgt charakterisiert: Trotzdem „behielt er in stoischer Ruhe seine kurze Pfeife bis zum Tode zwischen den zusammengebissenen Zähnen. Auch hier hatten wir wieder wie überall, wo wir Engländern begegneten, den erfreulichen Eindruck kühner Männlichkeit.“ („In Stahlgewittern“, Stuttgart 2007, S. 142) Von einem anderen Gefecht berichtet Jünger: „Wir eilten an noch warmen, stämmigen Gestalten vorüber, unter deren kurzen Röcken kräftige Knie glänzten, oder krochen über sie hinweg. Es waren Hochländer, und die Art des Widerstandes zeigte, dass wir es mit Männern zu tun hatten.“ (S. 278) Zu dieser germanischen Kühnheit gesellt sich bei den Gegnern in Lawrence’ Bericht die bemühte – heute vielfach verteufelte – preußische Disziplin.

Lawrence stellt seiner Lektüre in der Einleitung noch eine Warnung voran, welche die Erkenntnis desjenigen Mannes ist, der mit Burnus und Krummsäbel auftrat und sich vehement für die Interessen der Araber einsetzte, unter denen er sich jedoch, wie er in mehreren Passagen des Buches durchblicken lässt, niemals wirklich wohl fühlte: „Gebe Gott, dass niemand, der meine Geschichte liest, verführt von dem Zauber der Fremde, hinauszieht, um sich und seine Gaben im Dienst einer fremden Rasse zu erniedrigen. Wer sich und sein Selbst Fremden zum Eigentum gibt, führt das Leben eines Yahoo [Vertierte Rasse in Gullivers Reisen], hat seine Seele an einen Sklavenwärter verschachert. Er gehört nicht zu ihnen. […] In meinem Falle brachte mich die Mühe dieser Jahre, die Kleidung der Araber zu tragen und ihre Geistesart nachzuahmen, um mein englisches Ich und ließ mich den Westen und seine Welt mit anderen Augen betrachten: sie zerstörten sie mir gänzlich. Andererseits konnte ich ehrlicherweise nicht in die arabische Haut hinein – ich tat nur so.“ (S. 10 f.) 20 Jahre nach seinem Tod, sorgte das Erscheinen seines anklagenden Buches „Unter dem Prägestock“ noch einmal für Wirbel.

Oberst T. E. Lawrence war zweifelsohne eine große Erscheinung und dabei eine bemerkenswert charakterstarke Persönlichkeit. Er hätte mit dreißig Jahren General der britischen Armee sein können und es fehlte ihm ganz sicher nicht an der Intuition großer Feldherren, dem Zehntel, das man nach Clausewitz nicht erlernen könne, sondern welches dem Erahnen, dem intuitiven Vorwegnehmen des Oberbefehlshabers geschuldet sei und oftmals den Ausschlag im Krieg gebe. Trotzdem zog er es vor, in Damaskus seinen Abschied zu nehmen und 1922 unter dem Namen John Hume Ross als einfacher Soldat in die Royal Air Force einzutreten. Als die Presse dahinter kam, wurde er entlassen. Trotzdem vermochte er nur kurze Zeit später unter dem Namen Shaw in das Panzer-Korps einzutreten und so erneut in die Anonymität abzutauchen. Auch wurde er daraufhin wieder in die Royal Air Force aufgenommen. In dieser Zeit entstand neben dem Buch „Unter dem Prägestock“ auch eine Übersetzung Homers „Odyssee“. Nachdem er längere Zeit in Indien gedient hatte, verstarb er im Frühjahr 1935 – wenige Wochen nach seinem zweiten militärischen Abschied – im englischen Moreton an den Folgen eines Motorradunfalls.

 

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