Rechts-Links-Schema: Eine Kritik

Die Abbildung von politischen Spektren und warum eine Rechts-Links-Einteilung zu kurz greift

– Von Willi Lüdtke –

Um politische Einteilungen vorzunehmen wird häufig die eindimensionale Rechts-Links-Darstellung genutzt. Doch dass diese Einteilung nicht nur etwas unzureichend ist, sondern auch ein falsches Bild der politischen Landschaft vermittelt, dürfte für einige nicht neu sein. Die Einteilung mag zwar für den politischen Kampf von Vorteil sein, da sie eine klare Abgrenzung zwischen Freund und Feind ermöglicht, doch im politischen Bildungsprozess stellt sie – nach Meinung des Autors – eine unzulängliche Verallgemeinerung dar. Da jedoch auch in eben jenem Bildungsprozess diese Darstellung sehr oft genutzt wird, soll nun eine kurze Abhandlung über ihre Schwächen und möglichen Alternativen erfolgen.

Das eindimensionale Modell

Die klassische Darstellung nutzt ein Intervall, dessen Mittelpunkt die gesellschaftliche Mitte darstellt, während die Grenzen die beiden, nicht näher definierten, Pole Rechts und Links darstellen. Zu dieser Darstellungsform wird auch häufig das Overton-Fenster angeführt, welches den Bereich, der allgemein akzeptierten Meinung in einer Gesellschaft, nachbildet. Diesen Bereich gelte es nun nach „rechts“ zu schieben.

Die vielfältige politische Landschaft

Doch bereits hier offenbart sich die Schwäche dieser Darstellung. Gemeinhin werden verschiedenste Gruppierungen und Ausrichtungen zum Bereich „rechts“ zusammengefasst, welche teilweise nicht einmal einen Mindestkonsens erfüllen. Der Ursprung dieser Darstellung findet sich in der Französischen Nationalversammlung von 1789, wo die Sitzordnung nach gesellschaftlichen Hierarchien durch eine Sitzordnung nach politischer und ideologischer Ausrichtung ersetzt wurde. In der damaligen Zeit gab es zwei entgegengesetzte Pole: Die revolutionär-republikanische, sowie die Monarchie freundlich gesinnte Ausrichtung. Dass die politische Landschaft in der Zwischenzeit jedoch massive Änderungen erfahren hat dürfte den meisten bewusst sein. Konnten sich die frühen kommunistischen Anhänger zumindest in Teilen noch mit der ursprünglich revolutionär-republikanischen Ausrichtung anfreunden stand mit den Nationalsozialisten in der Weimarer Republik ein neuer Block im Parlament, welcher weder monarchisch war, noch dem bisherigen linken Flügel glich. Aber auch heutzutage finden sich diverse weitere Strömungen, welche nicht in dieses Bild passen. Die Identitäre Bewegung stellt genauso eine neue Ausrichtung dar, wie die altertümlich anmutenden Anhänger eines Religionsstaates. Doch egal ob Nationalsozialist, Identitärer oder ein strenggläubig Konservativer – all jene werden gerne als „rechts“ betitelt. Mögen einige noch den Mindestkonsens anführen, dass das eigene Volk überleben soll, so gehören dennoch einige Strömungen dazu, welche nur auf Werte, statt auf Ethnie setzen oder wie im Falle einiger White-Power-Anhänger den Begriff der Ethnie dermaßen aufweichen, dass man schon von weißem Multikulti sprechen kann.

Ebenso problematisch erweisen sich Sonderformen wie die Querfront oder die Suggestion, dass das aktuelle demokratisch-kapitalistische System die Mitte sei.

Alternative Darstellungsformen des politischen Spektrums

Es gibt bereits eine Fülle von alternativen Darstellungsformen. Sie reichen vom Hufeisenschema, über ein Wertedreieck bis zum politischen Kompass. Doch alle genannten sind – nach der Meinung des Autor – für politische Bildungszwecke unzureichend, da sie nur mangelhaft die politische Landschaft abbilden bzw. diese ungenügend aufteilen.

Das politische Wertedreieck

Das politische Wertedreieck besitzt nur die drei Faktoren Konservatismus, welcher für das Bewahren des Alten steht, Sozialismus, welcher nur die wirtschaftliche Umverteilung von reich nach arm beschreibt, sowie der Liberalismus, welcher nur die persönliche Entwicklung betrachtet. Die Extreme befinden sich am gesamten Rand (inklusive der Ecken).

Abbildung 1: Das politische Wertedreieck [1]

Durch diese Einteilung ist es jedoch nicht möglich Rückschlüsse auf konkrete Ausrichtungen zu ziehen. Der genaue Unterschied zwischen einem völkischen Nationalisten und einem White-Power-Anhänger wird in dieser Darstellungsform z.B. nicht ansatzweise klar. Ein konkreter Vergleich verschiedener Strömungen ist also kaum möglich.

Der politische Kompass

Der politische Kompass hingegen ist eine Art Kartesisches Koordinatensystem, wobei die vier Koordinatenbereiche auch nur die vier politischen Felder rechts, links, autoritär und liberal abbilden.

Abbildung 2: Der politische Kompass [2]

Die horizontale Achse stellt das wirtschaftliche Ausmaß dar (Gesellschaftsform), die vertikale Achse hingegen die sozialen Ausmaße (Herrschaftsform)[3]. Es werden also wieder zwei Pole gegenüber gestellt: „Faschismus“ und Liberalismus, sowie Kommunismus bzw. Sozialismus und (als rechte Seite) Wirtschaftsliberalismus. Auch hier wird wieder ersichtlich, dass der Begriff „rechts“ extrem missverständlich ist, denn ein Großteil der im Abschnitt „Die vielfältige politische Landschaft“ erwähnten Strömungen werden sich kaum als extreme Wirtschaftsliberalisten ansehen bzw. vertreten auch keinerlei derart extreme Positionen. Sozialismus wird hingegen aus klassisch linker Sicht interpretiert, während andere abweichende Wirtschaftssysteme (bspw. der des Nationalsozialismus) als „Keynesianismus“ verallgemeinert mittig angeordnet werden [3]. Diese Einteilung kann aber kaum als aussagekräftig angesehen werden.

Abbildung 3: Der politische Kompass mit berühmten Persönlichkeiten [4]

Sinus-Milieus

Das vermutlich der Realität noch am besten entsprechende Modell dürfte das sogenannten Sinus-Milieu sein. Ursprünglich wurde es für die Analyse von sozialen Lebensverhältnissen entwickelt und wird heute von der entsprechenden Firma kommerziell vermarktet. Doch es lässt auch Spielraum für eine politische Auswertung.

Abbildung 4: Sinus-Milieus in Deutschland 2017 [5]

Die Einteilung erfolgt ebenfalls mittels zweier Achsen. Die vertikale Achse steht für die soziale Lage (Unter-, Mittel- oder Oberschicht), die horizontale Achse steht für die Grundorientierung, wobei sich dabei an verschiedenen Faktoren orientiert wird. Innerhalb der Fläche werden Bereiche markiert, die den Milieus entsprechen.

Diese Darstellungsform ließe sich wohl auch gut auf politische Milieus übertragen. Der politischen Vielfalt wird aber auch diese Darstellung nur bedingt gerecht. Die konkrete Ausgeprägtheit der vertretenen Positionen einer Strömung lässt sich bspw. anhand der Grafik allein nur sehr schlecht bewerten. Sollte man sich zudem mehr Faktoren in der Grundorientierung wünschen, so dürfte die Übersichtlichkeit schwinden.

Alle Darstellungsformen besitzen also Probleme, die im Abschnitt „Die vielfältige politische Landschaft“ beschriebene Diversität, ausreichend gut darzustellen, da sie die entsprechenden Strömungen nicht ausreichend differenzieren, sondern ihnen zu stark verallgemeinerte Positionen zuordnen.

Das Netzdiagramm als realitätsnahe Alternative

Vergleichsweise wenig Beachtung fand bisher zu diesem Thema das Netzdiagramm. Es ist zwar keine Neuheit, doch stellt diese Darstellungsform – nach Meinung des Autor – eine deutlich realitätsnähere Betrachtung dar. Hierbei erhält jede zuvor definierte Kategorie eine eigene Achse. Je nachdem wie stark nun verschiedene Kategorien ausgeprägt sind erhält das betrachtete politische Spektrum einen Wert. Alle Werte der entsprechenden Kategorien werden am Ende verbunden, wodurch eine eingeschlossene Fläche entsteht, welche den politischen Bereich widerspiegelt.

Welche Kategorien man wählt hängt im Groben vom Ersteller ab. Umso mehr man nutzt, umso realitätsnaher wird die Darstellung. Im Extremfall würde das Diagramm einem Kreis ähneln. Auch sich scheinbar widersprechende Achsen können Sinn ergeben. So könnte man Liberalismus und Kollektivismus durchaus einzelne Achsen zu weisen, da auch in einem Kollektivismus eine gewisse Freiheit des Individuums besteht bzw. im Liberalismus eine beschränkte Form von Gemeinschaft existieren kann. Die Intensität, wie stark ein politisches Spektrum eine Kategorie vertritt, muss vom Ersteller selbst getroffen werden und sollte authentisch erfolgen, wobei der Ursprung den Wert Null besitzt (keine Ausprägung) und die äußere Grenze von jenem Spektrum erreicht wird, welches in der Realität dieses am Stärksten vertritt. Die Kategorien sollten klar definiert sein und einen sinnvollen Zusammenhang bilden. Das Gleiche gilt für die politischen Spektren, welche man miteinander vergleichen möchte.

Abbildung 5: Fiktive Darstellung von politischen Spektren mittels eines Netzdiagramms[6]

Dass in der Einleitung bereits erwähnte Overton-Fenster findet sich in dieser Darstellung ebenfalls wieder. Hier verläuft es jedoch nicht zwischen links und rechts, sondern jeweils auf jeder Achse einzeln zwischen Ursprung und Außengrenze (es gibt also mehrere Overton-Fenster in einem Netzdiagramm). Dabei ergibt sich der Vorteil, dass die Overton-Fenster deutlich präziser die politischen Meinungsfenster darstellen und auch realitätsnahe Verschiebungen möglich sind.

Der Bereich, welcher vom Overton-Fenster belegt ist, stellt den in der Gesellschaft akzeptierten Meinungsbereich dar. Wenn sich die Spitze des politischen Spektrums bei einer Kategorie innerhalb des Overton-Fensters befindet, so ist es also von der Gesellschaft akzeptiert. Befindet sich die Spitze des politischen Spektrums weiter außen, so geht dieses Spektrum über die Forderungen der Gesellschaft hinaus. Sollte sich die Spitze weiter innen befinden, so ist es der gesellschaftlichen Ansicht nach nicht radikal genug.

Fazit

Die Verwendung von Netzdiagrammen erlaubt es die politischen Gegebenheiten greifbar zu verstehen, diskret zu analysieren und verschiedene politische Spektren, ja sogar ganze Systeme, miteinander zu vergleichen. Netzdiagramme benötigen jedoch ein ausreichendes Vorwissen, über die politischen Spektren und Kategorien, um ihren Realitätsbezug nicht zu verlieren. Sie stellen dennoch – nach Ansicht des Autors – ein mächtiges Werkzeug für den politischen Bildungsprozess dar und sollten bei Schulungen und metapolitischen Abhandlungen das eindimensionale Modell, wenn möglich, ablösen.

Anmerkungen und Quellen

[1] Grafik des politischen Wertedreiecks, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Politisches_Wertedreieck.svg

[2] Grafik des politischen Kompass, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Political_chart_DE.svg

[3] Analyse des politischen Kompass, https://www.politicalcompass.org/analysis2

[4] Grafik des politischen Kompass mit berühmten Persönlichkeiten, https://www.politicalcompass.org/images/axeswithnames.gif

[5] Grafik des Sinus-Milieus, https://www.sinus-institut.de/fileadmin/user_data/sinus-institut/Bilder/sinus-mileus-2015/2017-03-10_Die_Sinus-Milieus_in_Deutschland_2017_Praesentation.jpg

[6] Erstellt mittels eines Generators für Netzdiagramme, https://www.diagrammerstellen.de/

 

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